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„Dies ist kein Märchen. Ich bin nicht Dornröschen, und Bellina ist kein Prinz. Und doch hat sie mich wachgeküsst.“ Bellina legt keinen Wert auf Agility oder einen formvollendeten Körper. Ein Rollstuhl ist ein Rollstuhl und Langsamkeit sowieso der Sinn allen Seins. Das Leben muss schön sein. Nicht perfekt. Neben der kleinen Havaneserhündin darf Silke sein wie sie ist. Und findet, wonach sie gar nicht gesucht hat. Silke Kuwatsch erzählt lebendig und humorvoll eine Geschichte von inniger Nähe, vom Wachsen, Erinnern und Lachen, von Mut und Verwandlung und all den kleinen Dingen, die glücklich machen. Wunderschön geschrieben. Eine Liebeserklärung an die Umgebung und deinen Hund. Danke. (Eine Leserin)
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Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ob in der tiergestützten Therapie, als Assistenz oder im Familienverband, Hunde tun der Seele gut. Sie helfen, sich zu erinnern oder das Lachen wiederzufinden, bringen Socken, öffnen Schränke, ebnen Wege, stärken Herz, Kreislauf und Immunsystem. Mit einem Hund an der Leine kommt man schnell ins Gespräch oder erntet ein Lächeln, die Welt wird bunter, das Leben leichter. Hunde schenken Zeit, Aufmerksamkeit, Trost und Nähe, ohne nach Herkunft, Aussehen, Alter, Gesundheit, Intelligenz oder Zeit zu fragen. Hunde retten Leben! Sie kümmern sich um unsere Bedürfnisse, wir sollten es ihnen mit Achtung, Zuneigung und Respekt danken und hören, was sie uns zu sagen haben.
In der Ausstellung »Ohne Scheu« widmete sich Leben mit Gegenwind e.V. im Jahre 2009 schon einmal dem Thema Seelentherapie durch Tiere. Ihre Nähe ist heilsam, weil sie nichts verlangt, aber viel schenkt. Mit dem Erwerb dieses Buches, das an das Thema der Ausstellung anknüpft, unterstützen Sie die Arbeit des Vereins.
Zu einem großen Teil habe ich Namen, Rassen und Geschlechter in diesem Buch verändert, um Identitäten zu schützen. Dies ist kein Ratgeber, sondern unsere persönliche Geschichte.
Schlummern
In freudiger Erwartung
Beschnuppern
Unterwegs
Dornengestrüpp
Zusammen, was zusammen gehört
Tanz mit mir
Dir sollen sämtliche Wunder begegnen
Wachgeküsst
Dir gehört mein Herz
Quellenangaben
Für Bellina Yuki, Columbo, Jeannie und alle Hunde dieser Welt, die in unseren Herzen wohnen
Dies ist kein Märchen. Ich bin nicht Donröschen, und Bellina ist kein Prinz. Und doch hat sie mich wachgeküsst. Sie wollen wissen, wie? »Was meinst du?«, frage ich Bellina. »Sollen wir es verraten?«, und sie legt den Kopf schief, schnappt sich ihr Qietschebrötchen und lässt es vor meine Füße plumpsen. Schieß los …
»Na dann«, sag ich, »lass uns erzählen, von deiner Seele und dem, was du mit meiner gemacht hast, von den Dornen, dem Wachküssen, von den guten und den bösen Feen, von dem, was ich dich lehren wollte und von dir lernen durfte, davon, dass du mich erinnerst, wie gerne ich lache, in jedem Augenblick, und dass nur wichtig ist, was uns beide verbindet, dass es kein »nur« gibt zwischen uns und kein »behindert«, auch davon, wie gut es tut, dass du mich aushältst, in Freud und in Leid, dass du liebst, was ich bin, mir nah sein willst und nichts lieber als Zeit verschenkst, dass du mir tote Regenwürmer zeigst und Sonnenaufgänge und mit mir zusammen die Rosinen aus dem Jetzt pickst …«
Du bist ein Leben lang für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.(Der Kleine Prinz)
In der Idee leben heißt, das Unmögliche behandeln als wäre es möglich.J. W. von Goethe
Ich habe Lebensliebeskummer. Weil ich nicht kann, was ich will. Besser gesagt: ich darf nicht. Nitzsche meinte, alle Hindernisse und Schwierigkeiten seien Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen, und vermutlich hat er recht, doch mir fehlen gerade Strategien, um über mich hinaus zu klettern.
Hinterm offenen Fenster segeln Federwolken vorbei. Im Haus ist es still, selbst das Radio schweigt. Mir steht nicht der Sinn nach Musik, nicht mal nach leiser. Manche Leute sprechen von Depression, weil ich jede freie Minute hier oben verbringe, auf meinem Bett. Vielleicht denken sie, ich wäre im Meistern gescheitert. Sollen sie. Ich liege auf meinem Bett, wohlgemerkt. Nicht drin. Und fühle mich wohl mit meinen Gedanken und Büchern und der Sonne, die mir ein bisschen schräg auf den Bauch scheint. Ich bin nur traurig. Und will das genießen. Ich mag die Traurigkeit. Sie ist eine Freundin, mit der ich Rücken an Rücken sitzen und ausruhen kann. Leben darf mal stillstehen. Durchatmen. Besinnen. Erinnern. Das braucht man. Sich erinnern, wo man eigentlich hinwill. Es ziept im Bauch. Da ist sie wieder. Die Sehnsucht.
Ich will einen Hund!
Keine Fische.
Fische sind doof. Ich meine das nicht diskriminierend. Fische sind wunderbar, wenn man abschalten will. Will ich aber nicht. Ich will den Motor wieder zum Laufen bringen. Endlich wieder raus in die Natur. Sehen, wie die Sonne aufgeht, irgendwo zwischen den Feldern. Es ist so lange her …
Ich lege das Buch beiseite, in dem ich noch kein einziges Wort gelesen habe. Nage gedankenverloren an meinem Zeigefinger. Dem linken. Sonnenlicht fällt schräg ins Zimmer, kopiert das Muster der Gardinen an die Wände. In der Ferne geht eine Sirene.
Wer wird mich retten? So etwas zu denken, klingt doch irgendwie nach Depression. Oder? Aber ich habe Appetit und schlafe nachts wie ein Stein und ziehe mir auch nicht die Decke über den Kopf, um alles zu beweinen, was verloren ist. Obwohl ich Grund dazu hätte mit dieser Mörderin im Leib, die nicht nur Muskeln, sondern auch Träume tötet. Mutter sein. Kindern professionell auf die Welt helfen. Den Jakobsweg gehen. Mit vollem Anlauf ins Meer springen. In dicken Stiefeln durch tiefen Schnee stapfen. Keine Hoffnung auf Erfüllung. Und die Sonnenaufgänge? Der Hund, der mich zum Spazieren einlädt?
Ein Hund, der immer da ist. Der kein Mitleid hat, nur Hunger nach Würstchen und Leben. Für den ich sorgen darf wie für das Kind, das ich nie hatte. Dieser Traum muss leben. Sonst krepiere ich. So tief innen drin. Doch alle sind dagegen. Jedenfalls alle, die dafür sein sollten. Ich kann mir denken, warum. So ein Hund ist ein Wirbelwind und kann eine wie mich schnell von den Beinen holen. Verdammt schnell. Darum sorgt sich der Mann an meiner Seite. Und meine Eltern auch. Man bleibt immer Kind seiner Eltern, selbst mit Mitte Vierzig. Und erst recht, wenn man ein Kind mit Muskelschwund ist.
Wie soll das gehen mit einem Hund? Sie sagen es nicht. Aber ich denke, dass sie es denken. Ich habe keine Ahnung, wie es gehen soll. Da ist nur die Gewissheit, dass ein Hund Anker sein kann in einer Welt, in der ich verloren treibe.
In meinem elften Sommer lief ich im Ferienlager zum Weitsprung an und meine Beine waren schwer wie Blei. Ich gab den Turnschuhen die Schuld, die unglaublich trendy, aber eine gute Nummer zu groß waren. Sie schienen bei jedem Schritt auf dem Boden zu kleben.
Ich sah die anderen grinsen. Ich schämte mich. Ich schämte mich, als ich im Jahr darauf immer wieder hinfiel. Weil ich auf ein Steinchen trat oder mein Knie einbrach, einfach so. Ich schämte mich, als ich zum Treppensteigen plötzlich ein Geländer brauchte.
Mit dreizehn die Diagnose Muskelschwund. Unheilbar, sagte der Arzt. Fortschreitend. Ich, die Anführerin aller kindlichen Fang-mich-Spiele, hockte plötzlich im Sportunterricht auf der Bank. Das Fahrrad blieb im Keller. Die Proben auf Mutters Stöckelschuhen für den großen Jugendweiheauftritt wurden aus Sicherheitsgründen eingestellt. Diskos mied ich, um mir die Blamage eines Tanzflächensturzes zu ersparen. Und ich verspürte wenig Lust, meinen Freunden beim Volleyballspiel am Badestrand zuzuschauen, weil Sehnsucht ziemlich weh tun kann.
Da begann das Anderssein.
Diese Muskeldystrophie, die mit vollem Namen fazio-skapulo-humerale Muskeldystrophie heißt und die man kurz FSHD ruft, ist eigentlich keine Tragödie. Wäre da nicht diese Distanz, die ich durch sie spüre. Selbst mittendrin.
Nach einer Woche Schulprojekt, in der ich mit meinen Mädels geredet, gemalt und gebastelt hatte wie alle anderen Frauen mit ihren Gruppen, sagte die Lehrerin zum offiziellen Abschluss: »Danke, dass Sie bei diesem Projekt dabei waren, so konnten die Kinder sehen, dass auch Menschen im Rollstuhl normale Dinge tun.« Ihre Augen strahlten. Ich war nicht sauer auf sie, obwohl ich fand, sie hätte sich diese Sätze verkneifen können. Sie hatte es gutgemeint und vermutlich nicht mal gemerkt, dass mich ihre Worte in eine Anderswelt beamten. Zumindest in den Köpfen der anderen lebte ich dort. Ich begehrte nicht auf. Im Grunde fühle ich es nämlich ganz ähnlich. Die anderen tanzen, ich sitze am Tisch. Sie reden von Kindern, ich schweige. Ich habe noch nie beim Yoga auf einem Bein gestanden. Bei Konzerten muss ich auf die Rollitribüne, meine Freunde stehen davor. Sie benutzen Hauptportale, um ins Musicaltheater zu gelangen, ich Seiteneingänge. Im Café kann ich nicht aufs Klo und am Fernsehturm steht neben dem Verbotsschild für Hunde eins für Menschen im Rollstuhl. Allein das ist ein Pro für den Hund. Wir wären in gegenseitiger bester Gesellschaft.
Es macht einsam, die Dinge nicht mehr wie gewöhnlich tun zu können. Oder in Gesellschaft das Gefühl zu haben, ein Ausländer mit geringsten Sprachkenntnissen zu sein, nichts anderes beitragen zu können als ein Nicken, ein Lächeln. Ich habe versucht, über all das zu reden. Doch wenn man die eigenen Gefühle als verwundet beschreibt, läuft man Gefahr, die der anderen zu verletzen. Ich will kein Täter sein. Aber auch kein Opfer.
Und nun?
Ich bin aus der Balance geraten. Und will sie wiederfinden. So wie dieses dicke Stehaufmännchen, das ich als Kind so geliebt habe. Es hat immer seine Mitte gefunden, mit dem immer gleichen fröhlichen Grinsen im Gesicht, so oft ich ihm auch den Kopf auf die Tischplatte gedrückt habe. Wenn ein Hund mich anstupst, werde ich …
Tatsächlich?
Ja. Ich weiß es.
Ich weiß aber auch, dass ich und der Hund es allein nicht schaffen können. Außerdem kann man sich keinen Hund ins Haus holen, wenn der Mann, mit dem man sein Leben teilt, maximal Fische toleriert.
Der Sommer steht in voller Blüte. Alle sind unterwegs. Mit dem Rad. Dem Motorrad. Den Füßen. Oder schwimmen in irgendeinem See. Ich stelle mir vor, mit einem Hund durch die Felder zu streifen. Ich schließe die Augen, bevor der Himmel vor ihnen verschwimmt. Um mein Bett ist eine Dornröschenhecke gewachsen.
Im Licht der aufgehenden Sonne putzt sich ein kleiner Vogel auf der Stromleitung, die sich vom Nachbarhaus über unseren Vorgarten zur anderen Straßenseite spannt. Ab und an hält er inne und zwitschert vergnügt.
Ich verschränke die Arme hinter dem Kopf und beobachte ihn. Froh, dass nichts und niemand mich zum Aufstehen drängt. Seit zwei Jahren gehe ich nur noch mittwochs ins Büro. Und heute ist Montag. Andere finden Heimarbeit schrecklich, man wird meschugge, sagen sie, so allein in den eigenen vier Wänden. Mir gefällt es, zu Hause zu arbeiten. Um andere Gesichter zu sehen, brauche ich keine Dienststelle. Um zwölf bin ich mit Kordula zum chinesischen Essen verabredet. Nächsten Montag kommt Silke zum Frühstück. Oma habe ich Samstag zum Kaffeeklatsch eingeladen. Dann gibt es noch die festen Termine: zweimal wöchentlich Physiotherapie mit Katja, einmal Ergotherapie mit Frau G., mittwochs Freundinnentratsch, immer abends halb acht. Dienstags ist Elterntag, dann frühstücken wir zusammen. Manchmal gibt es Sekt.
Der kleine Vogel vorm Fenster breitet die Flügel aus und fliegt davon. Ich sollte mich auch auf den Weg machen, denke ich. Nicht ins Bad, das hat Zeit. Ich muss lernen, meinen Rollstuhl zu beherrschen. Als Fußgänger komme ich gerade noch allein über den Hof. Und einen Hund kann man ja schlecht am Außenspiegel eines Autos spazierenführen.
Ich habe mich lange geweigert, einen Rollstuhl zu benutzen. Ein Rollstuhl ist ein Schreckgespenst. Bloß nicht im Rollstuhl, dann lieber tot. Dabei kann so ein Ding ziemlich nützlich sein. Wenn man als Fußgänger ständig nach unten schauen muss, um sich von fiesen Unebenheiten nicht hinterrücks zu Boden schmeißen zu lassen, man keinen Hügel mehr schafft und nur noch kurze Strecken schlurfen kann, bietet ein Rollstuhl Sorglosigkeit, Schutz und eine Menge Freiheit. Doof ist, dass man in so einer Kiste nicht an Stehtischen essen kann. Aber das war nie mein größtes Problem.
Ich habe Schiss, das Laufen zu verlernen, wenn ich mich an die Bequemlichkeit des Sitzens gewöhne. Muskeln, die nicht gebraucht werden, nimmt die FSHD schnell aus dem Programm. Da kennt sie kein Pardon. Und wenn ich nicht mehr laufen kann, kann ich auch bald nicht mehr stehen. Und wie soll ich im Sitzen eine Jeans über den Hintern kriegen?
Der kleine Vogel ist zurück auf der Stromleitung, plustert zwitschernd sein Gefieder auf. Dann breitet er die Flügel aus. Fliegt ein Stück. Kommt zurück. Als würde er mir zeigen wollen, wie fliegen funktioniert.
Mein Blick verliert sich jenseits des Fensters. Der Tag wird warm, haben sie im Fernsehen gesagt. Und ich hocke im Haus. Anstatt draußen in der Natur zu sein. Selbst schuld, denke ich.
Beim Zähneputzen beschließe ich, am nächsten Morgen zum elterlichen Frühstück zu rollen. Ich kann mir keinen Platz mehr im Theater aussuchen, da gibt es nur Reihe 4 außen rechts, aber wo ich im Leben stehe, entscheide immer noch ich. Oder nicht?
Uwe legt die Stirn in Falten. »Wer holt dich ab?«
Na, keiner, will es empört aus mir rausplatzen, ich bin doch kein Baby mehr, aber mein Bauch warnt, das könnte Diskussionen geben, also greife ich blitzschnell zur Notlüge: »Mein Vater.«
Dienstag früh strahlt die Sonne. Uwe hat mir den Rollstuhl aus dem Kofferraum geholt und vor die Werkbank gestellt, damit ich etwas zum Abstützen habe, wenn ich reinplumpse. Vorsichtig tappe ich über den Hof in die Garage und lasse mich rücklings in das schwarze Gefährt fallen. Na, das war doch gar nicht so schwer. Aber jeden Tag diese Prozedur? Bei jedem Wetter? Das wird anstrengend. Vor allem das spätere Aussteigen.
Na und.
Auf der Straße ist kein Mensch zu sehen. Dreiundzwanzig Jahre war ich hier nur mit dem Auto unterwegs, es ist, als beträte ich Neuland. Lächelnd schubse ich mich vorwärts. Motoren in den Rädern unterstützen mich dabei. Das System ist genial, reagiert allerdings empfindlich auf Uneinigkeit. Schubst links stärker als rechts und dann wieder rechts stärker als links, fahre ich Slalom. Ich hatte noch nicht oft Gelegenheit, meine Fertigkeiten zu trainieren, und komme ins Schwitzen. Erst recht, als ich bemerke, dass Uwe vergessen hat, den Kippschutz zu montieren. Margitta, meine liebste »Muskelfreundin«, ist mal beim Rollstuhltanzen ohne Stützrad umgekippt und derbe auf den Kopf geknallt. Vom Schmerz abgesehen, stelle ich es mir furchtbar deprimierend vor, hilflos wie ein Maikäfer auf dem Rücken zu liegen. Ich werde auf der Straße bleiben und jegliches Hindernis, das ein Anheben der Lenkräder verlangt, meiden.
Nach vier Minuten arbeiten meine Arme zusammen wie olympische Synchronschwimmer, okay, wie Kreismeister. Wind streift meine Wangen. Die Morgensonne wärmt meine Haut. Es ist gigantisch, wieder unter freiem Himmel unterwegs zu sein. Aus eigenem Antrieb. Ich genieße jeden Meter. Will mehr davon.
Eineinhalb Jahre habe ich um diese Räder gekämpft, weil Sachbearbeiter und Gutachter anderer Meinung waren als ich. Ich fühlte mich verletzt, gedemütigt, wertlos. Wenn du eine Chemotherapie brauchst oder eine komplizierte Herz-OP, wird nicht diskutiert. Doch um einen Rollstuhl, der deine Bedürnisse erfüllt, musst du richtig fies fighten. Da wird Kampf schnell zum Krieg. Ein völlig unnötiger, kräftezehrender Krieg. Ich habe ihn gewonnen. Und das ist der Lohn.
Frei.
»Wo hast du denn dein Auto?« Meine Mutter macht große Augen.
»In der Garage.«
»Bist du allein gekommen?«
»Ja.«
»Hast du das gewusst?«, fragt sie meinen Vater.
Der grinst breit. Für den Fall der unwahrscheinlichen Fälle hatte ich ihn eingeweiht. Mein Vater ist nicht so ängstlich, man kann ihn in diesen Dingen gut zum Verschwörer machen.
»Mama«, sage ich, »es ist nichts dabei, 800 Meter glatte Straße mit einem Rollstuhl zu überwinden. Am hellerlichten Tag. Mit einem Handy in der Tasche.«
Meine Mutter schmunzelt. »Da hast du recht. Trotzdem bringe ich dich später nach Hause.«
Ergeben nicke ich. Und denke: Wenn ich einen Hund umsorgen will, muss ich der Sorge der anderen entkommen.
FSHD ist nicht die schlechteste aller Muskelerkrankungen, es gibt weitaus gefrässigere, deshalb will ich mich nicht beklagen. Außerdem sagt sie mir jeden Tag: Tu, was du nicht lassen willst! Tu es jetzt! Alles, was du noch kannst.
Noch kann ich eine Leine halten, an der ein Havaneser hängt. Mit der Bürste durch sein langes Fell fahren. Ihm eine Büchse Rindfleisch öffnen. Noch kann ich ein paar Schritte laufen, um in den Rollstuhl zu kommen. Noch bezwinge ich irgendwie diese zwei kleinen Stufen.
Noch. Noch. Noch. Ich will nicht mehr warten. Nicht mehr mein Leben verschlafen. Ich will eine Mina.
Mina gehört zu einer neuen Bekanntschaft. Im Februar lernte ich sie vorm Supermarkt kennen. Es nieselte aus grauen Wolken, der Wind wehte eisig um die Ecken. »Komm mal auf meinen Arm«, sagte Minas Herrchen, »du kriegst ja ganz nasse Pfötchen.« Mina schleckte ihm übers Gesicht. Herrchen lachte und drückte ihr einen Kuss ins Fell, während Frauchen sie liebevoll betrachtete. Der Anblick schnürte mir die Kehle zu. Ich wollte kein Zuschauer mehr sein. Nicht bei Müttern. Nicht bei Frauchen. Ich spürte, wie mir die Kraft zum Applaudieren ausging.
Minas Blick traf meinen.
»Ich möchte auch so einen Hund«, hörte ich mich sagen.
»Das geht doch nicht.« Mein Vater lächelte.
Meine Hand krampfte sich um den Einkaufswagen. Ich fragte nicht: Warum soll es nicht gehen? Nicht vor dem Supermarkt, vor Menschen, die ich noch nicht lange kannte. Ich fragte auch später nicht. Ich werde nie fragen. Ich bin zu feige. Zu denken, dass die anderen denken, was ich denke, ist eine Sache. Es zu hören, eine ganz andere.
Pünktlich um 19.30 Uhr fährt meine Freundin vor. Wie jeden Mittwoch. Als es mir mal an einem Samstag richtig mies ging, heulte ich mir allein die Augen aus dem Kopf. Wenn deswegen Bitterkeit aufsteigen will, sage ich mir, dass mich damals sowieso nichts und niemand hätte trösten können. Außer vielleicht ein Hund. So einer wie Lassie. Lassie hat alle Tränen getrocknet.
»Hallo!«, strahlt meine Freundin und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Neidisch registriere ich, dass sie die Sektflasche schwenkt als wäre sie eine Feder.
»Oh, Mumm«, stelle ich fest. Ein anderes Wort für Mut. Rotkäppchen (den sie sonst im Gepäck hat) wird vom Wolf gefressen. Wenn das kein Zeichen ist.
Die Luft ist lau und duftet nach Sommer. Ich liebe solche Abende. Der Nachbarshund bellt. Heute Nachmittag hat er geweint, als seine Familie zum Einkaufen war. Ich lächle. Meine Freundin reicht mir ein Glas. »Prost!«
»Prost!« Mumm. Mut. Courage. Ich werde für meinen Traum kämpfen.
Meine Freundin kramt ein glitzerndes Stoffteil aus der Tasche. »Wie findest du es? Ich zieh es mal über …«
»Passt zu dir«, grinse ich.
»Nicht zu eng?« Sie klopft auf ihren Bauch. »Muss abspecken. War gestern schon walken.«
Ich schüttele den Kopf. »Alles gut.« Ich finde die kleine Speckrolle über dem Hosenbund äußerst charmant. Auch das Lächeln meiner Freundin. Doch ihren Worten kann ich kaum folgen. Sie erzählt vom Schwimmen und ich denke: Ob Havaneser Wasserraten sind? Ich war mal eine, habe mit fünf meine erste Schwimmstufe gemacht, mit sechs dann die zweite. Die dritte mit acht. Wasser war einmal mein Element. Es ist so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnere.
Gedankenverloren nippe ich an meinem Glas. Gibt es eigentlich einen See in der Nähe? Nur für den Fall, dass mein Havaneser Wasser liebt. Und komme ich da mit dem Rollstuhl hin? Vorausgesetzt, ich kriege diese Rollstuhl-Sache überhaupt in den Griff. Ich stütze den Ellbogen auf, um mein Glas an die Lippen zu hieven. Trinke einen Schluck. Mumm.
Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Ich weiß nur nicht, wie ich die anderen davon überzeugen soll. Muss ich sie denn überzeugen, denke ich trotzig und platze unvermittelt heraus: »Wenn ich irgendwann ausziehe, weißt du, dass ich mich für einen Hund entschieden habe.«
Meine Freundin lächelt. Ich lächle zurück. Ich will gar nicht ausziehen. Ich liebe dieses Haus. Und den Mann, dem es gehört. Ich bin nur einsam, seitdem ich vom Fußgänger zum Rollifahrer werde, während die anderen Fußgänger bleiben. Es gibt immer weniger zu teilen. Interessen. Momente. Gedanken. Gefühle. Das nimmt mir manchmal die Luft, denn teilen ist ein bisschen wie atmen, finde ich. Auf der anderen Seite bin ich gern allein. Mit einem Hund könnte ich beides haben. Leben teilen und allein sein, ohne Nähe zu vermissen.
Doch ich darf keinen Hund haben. Und deshalb, wirklich nur deshalb, habe ich diesen Satz eben gesagt. In vier Minuten wird meine Freundin aufbrechen, pünktlich halb zehn. Vier Minuten reichen nicht aus, um meine Gedanken und Gefühle zu einer Patchworkdecke zusammenzunähen, die ich dann vor ihr ausbreiten kann.
»Wird schon irgendwann klappen mit deinem Hund.«
Die langen Haare meiner Freundin flattern im Abendwind, als sie zum Auto eilt.
Ich sehe ihr nach. Irgendwann ist verdammt lang hin.
Minas Frauchen lädt mich zu einem Spaziergang ein. Ich lehne ab. Schiebe die grauen Wolken am Himmel vor, aus denen es tröpfeln könnte. »Mir fehlt noch eine gescheite Regenausrüstung«, schreibe ich. In Wahrheit fürchte ich mich vor dem Schmerz, den die Sehnsucht in meine Seele bohrt, wenn ich ein glückliches Frauchen mit einem glücklichen Hund sehe.
Ich starre aus dem Fenster. Die Wolken sehen nicht aus, als hätten sie nasse Fracht an Bord. Hätte ich doch mitgehen sollen? Jan Josef Liefers singt ein trauriges Lied. Wo bist du, wo bist du, warum kommst du nicht? Ein Hund bellt. Ich heule.
Ein kleiner Aufzug bringt mich vom Schlafzimmer ins Erdgeschoss. Und umgekehrt. Er ist laut und keinen Quadratmeter groß, ein Rollstuhl passt nicht hinein. Ein Havi schon. Aber bekäme der vielleicht Platzangst? Kennen Hunde so etwas?
Wie soll das gehen mit einem Hund? Wenn das Gehen nicht mehr gut geht, man mit dem Rollstuhl aber nicht bis ins Haus kommt. Zwei Stufen bremsen mich aus. Sie verbinden den Vorbau mit dem Wohnbereich, und es gibt keinen Platz für eine Rampe. Weil wir vor Jahren den winzigen Vorbau in zwei noch winzigere Räume geteilt haben, um eine Toilette und die Waschmaschine unterzubringen.
Ich werde im Haus als Fußgänger mit dem Hund agieren müssen. Immer. Und nur in der Garage in den Rollstuhl kommen. Es sei denn, ein netter Mensch rollt ihn mir vor den Tisch neben der Haustür. Vielleicht sollte ich über eine Assistentin nachdenken. Oder ich hole mir einen Assistenzhund ins Haus. Der so groß ist, dass er mir Stütze sein kann beim Gehen. Er würde mir auch das Telefon bringen und Jacke und Socken ausziehen können. Aber der würde für mich sorgen wie alle anderen. Das ist nicht das, was ich will. Außerdem ist der Aufzug viel zu klein für mich und einen Labrador. Oder Großpudel.
Es gibt so viel zu bedenken. Doch ich will nicht weiterdenken als: Ich will einen Hund. Einen Havi. Fettes Ausrufezeichen!
Ich brauche diesen Hund. Ich fühle es.
Es wird sich finden. Und fügen.
So war es immer.
Immer, wenn ich etwas wagte.
Vor zwanzig Jahren hatte ich mich für eine Umschulung angemeldet, weil im alten Betrieb die Kündigung anstand. Auf dem Weg vom Arbeitsamt nach Hause bekam ich kalte Füße. In meinem Eifer hatte ich vergessen zu fragen, wo die Umschulung stattfand, wie viele Treppen es gab und ob ich die überhaupt bewältigen konnte. Es fügte sich. Das Gebäude war modern, die Treppenstufen flach, es gab ein Geländer auf beiden Seiten. Und neben aufmerksamen Klassenkameradinnen, die meinen Rucksack trugen, eine Direktorin, die, als sie von meinen Problemen erfuhr, unseren Klassenraum von oben nach unten verlegte. So musste ich nur eine Treppe laufen statt drei.
Irgendwann muss sich hier sowieso baulich was tun, denke ich. Irgendwann werde ich nämlich kein Fußgänger mehr sein. Nicht mal im Haus. Das ist der Plan meiner FSHD. Und mir fehlt die Macht, ihn zu durchkreuzen. Also kann sich ruhig schon früher was tun als später.
Wolken ziehen emsig über den dunklen Himmel. Das Bett neben mir ist verwaist. Uwe ist mit Freunden unterwegs. Der Mond blinzelt mir zu. Irgendwie verschwörerisch. Ich fahre das Kopfteil hoch und öffne den Lapop. Tippe Havaneser in die Suchmaschine ein. Klicke mich durch sämtliche Züchterseiten. Lese, bis mir die Augen brennen. Und kann mich nicht satt sehen an den süßen Geschöpfen, die unter langen Ponys so munter in die Welt blicken.
Wie soll das gehen mit einem Hund?
Ich krieche unter die Bettdecke. Mit einem Welpen wird es nicht funktionieren, der muss oft raus, auch nachts, den muss man aufs Sofa heben und Stufen runtertragen. Aber es muss ja kein Welpe sein.
Ich möchte endlich wieder mutig sein. Seufzend schlage ich die Bettdecke zurück. Der Mond grinst mich an. Ich grinse zurück. Der Havaneser ist ein Clown. So steht es im Internet. Ich bin auch ein Clown, aber ein trauriger. Weißt du, morse ich dem Mond in Gedanken, er wird mich täglich daran erinnern, dass ich gern fröhlich bin. Meine Seele wird wieder lachen. Und wenn sie lacht, wird sie auch wieder tanzen. Eine Seele, die tanzt, ist wichtiger als Beine, die das können.
»Du musst daran glauben«, sagt Nelli. »Dann bekommst du auch deinen Hund.« Sie hat sich durch meine Dornröschenhecke gewurschtelt.
»Ich will ja, aber …«
»Kein aber. Du musst es wollen, so mit ganzer Kraft.«
»Du meinst, man kann mit positiven Gedanken das Denken anderer beeinflussen?«
»Es geht um dich, Silke, um dein Leben. Nicht um die anderen.«
Es geht immer auch um die anderen. Das ist so eine Nebenwirkung von Muskelschwund. Man braucht die anderen für tausend kleine Dinge. Um Brot aus dem Supermarktregal zu angeln. Um in die Dusche zu kommen oder mit einem Hund zum Tierarzt zu fahren. Ich überlege, ob ich das so sagen soll, doch dann denke ich, dass Nelli eigentlich recht hat.
Ich mache eine Liste.
Dinge, die gegen einen Hund sprechen:
Mir fällt gerade nichts ein.
Dinge, die für einen Hund sprechen:
Aufwachen. Tanzen. Glück.
Einen Tag später.
Dinge, die gegen einen Hund sprechen:
Er kann mich umrennen (aber das ist eigentlich egal, ich falle sowieso auf die Schnute, auch ohne Hund).
Die Stufen und der ganze Mist.
Schlechtes Wetter.
Ich kann den Hund nicht baden.
Ich kann ihn nicht hochnehmen, wenn Gefahr droht, ihn nicht tragen, wenn er sich wehgetan hat.
Ich kann auf ihn drauffallen, wenn er mich umrennt.
Ich kann nicht mit ihm über Wiesen tollen.
Vielleicht hört er nicht auf mich.
Dinge, die für einen Hund sprechen:
Ich habe viel Liebe zu verschenken.
Ich habe viel Zeit zu verschenken.
Ich mache gern Blödsinn.
Ich möchte Sonnenaufgänge sehen.
Ich möchte wieder fröhlich sein.
Ich möchte für jemanden sorgen.
Wenn ich raus muss, lerne ich endlich richtig Rollstuhl fahren.
Vielleicht werde ich so die zwei Stufen schneller los.
Aufwachen. Tanzen. Glück.
Ich suche Rat in einem Havaneser-Forum. Meine Ängste werden ernst genommen. Man schenkt mir Hoffnung.
Havaneser belagern meinen Bildschrim. Havaneser, die die Farbe von Sand haben. Die aussehen wie Espresso. Rötliche. Schwarze mit weißem Bart. Einfarbige. Melierte. Gescheckte. Einer hübscher als der andere. Irgendwann wird einer zu mir gehören.
Ich atme tief durch. Schmunzle in mich hinein. Es fühlt sich verboten an. Als würde ich heimlich die Pille absetzen. Ich wünschte, Uwe würde mir über die Schulter gucken, geradewegs hinein in diese knuffigen Hundegesichter. Die können keinen kalt lassen.
Aber er guckt nicht.
Unser erster Lehrer ist unser eigenes Herz.(Cheyenne)
Am Morgen des 3. Oktober öffne ich die Fahrertür und schaue nach unten. Der Waldboden scheint geeignet, um einen wackligen Fuss halbwegs sicher auf den Boden zu stellen. »Passt«, rufe ich und schubse meine Beine ins Freie. Sie baumeln aus dem Espace, während ich warte.
Uwe hievt den Rollstuhl aus dem Kofferraum. Man sieht dem Gefährt nicht an, wie schwer es ist. Das Gewicht steckt in den Rädern. In ihnen sind neben den Elektromotoren die Akkus verbaut. Man muss mal eben schlappe 35 Kilo heben. Ich mache mir Sorgen um Uwes Rücken. Er winkt ab. Wäre ich er, würde ich auch abwinken, selbst, wenn es dort, wo die Hexen gern hinzielen, kurz ziept. Doch dieses Wissen schützt nicht vor schlechtem Gewissen. Immer Arbeit mit mir. Immer Umstand. Alles Gründe für immer weniger Lust auf Unternehmungen.
Uwe hilft mir in den Rollstuhl. Über einen schmalen Weg holpere ich aufs Caputher Gemünde zu. Das Wasser glitzert in der Morgensonne, die von einem tiefblauen Himmel strahlt. Vor uns liegt der Schwielowsee. Uwe lehnt neben mir am Geländer. Er lächelt. Mein Blick verliert sich in der Ferne. Oktober. Und noch immer kein Hund in Sicht. Weil es bei allem positiven Denken verdammt schwer ist, den anderen in die Augen zu sehen und zu sagen: »Es ist mein Leben! Und in dieses Leben gehört ein Hund! Ich möchte, dass ihr das kapiert. Ich möchte, dass ihr mir helft. Weil ich sonst verrecken werde. So innen drin.«
Es ist die Wahrheit, aber es hat den Beigeschmack einer Erpressung. Ich bin kein Erpresser. Verstohlen betrachte ich den Mann an meiner Seite. Wovor fürchtest du dich? Dass du Gassi gehen und Pfoten putzen musst? Fürchtest du dich vor der Veränderung, weil ein Hund alles umschmeißt, manchmal auch mich in seiner Begeisterung? Ich möchte es wissen. Doch ich fürchte mich auch vor der Antwort. Was, wenn er sagt: Ja, genau davor habe ich Angst. Und vor noch mehr Arbeit. Und was soll aus dem Tier werden, wenn dir was passiert? Was sollte ich dem entgegenhalten? Es gibt wirklich schon genug zu tun mit mir.
Am anderen Ufer ist ein italienisches Restaurant, zu dem man über eine hohe Brücke gelangt. Der Gedanke an einen Cappuccino ist verlockend. Vielleicht auch für den Typen, der gerade sein Fahrrad die steile Treppe hochschleppt. Uwe folgt meinem Blick. »Ich kann dich auch rüberbringen.«
Ja, Stufe für Stufe kann er mich mit dem Rolli hochziehen. Vielleicht kämen auch Leute dazu, die mit anpacken wollen und es auch tun, dann wäre es zwar noch kein Leichtes, aber auch nicht mehr so schwer. Für die anderen. Für mich ist es nie leicht, Treppen hochgeschleppt werden zu müssen.
Ich schüttle den Kopf. »Muss nicht sein. Ich möchte jetzt keinen Cappuccino.«
Ich möchte einen Hund.
Platsch! Ein großer Stein plumpst ins Wasser. Ein kleiner Junge klatscht begeistert in die Hände. Enten stieben schnatternd davon. Wellenkreise breiten sich aus. Leben ist Bewegung. Ich lächle, obwohl mir zum Heulen ist. Beim Mittagessen im Kavallierhaus hockt ein putziger Mischling unterm Nebentisch. Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos. Wer hat das gesagt? Rühmann oder Loriot? Der Feldsalat verschwimmt vor meinen Augen.
»Du willst nie wissen, warum ich einen Hund haben möchte«, bringe ich ein bisschen später brüchig hervor. »Du sagst einfach nur Nein! Das ist nicht fair.« Wir stehen auf einem Steg, der weit in den Templiner See ragt, und ich bin erstaunt über meinen Mut.
»Du kannst einen Hund haben«, sagt Uwe. »Ich habe nur Angst, dass er dich umrennt.« Es kommt in einem Ton über seine Lippen, als würde er einem Tomatensalat zum Abendessen zustimmen.
Ich träume. Oder? Forschend blicke ich in das stopplige Gesicht über mir. Es lächelt. Ich könnte hüpfen, dem Mann neben mir um den Hals fallen, aber das geht ja nicht. Außerdem mag er keine emotionalen Ausbrüche.
»Das kann er lernen«, sage ich deshalb ruhig, und meine den Hund.
Uwe nickt, bevor er sich eine Zigarette anzündet. Er scheint froh zu sein, mich lächeln zu sehen. Traurige Gesichter mag er genausowenig wie emotionale Ausbrüche.
»Danke«, sage ich, und er nickt erneut.
Wir schlendern am See entlang. Es ist mild. Mir ist so warm ums Herz. Der Tag der Einheit wird mich wieder ganz werden lassen. Ich würde mir gern den Mund fusselig reden vor lauter Freude, aber ich weiß: Das Thema ist durch. Zumindest für heute.
Mein Rollstuhl huppelt im Schlosspark über steinige Wege. Hoppelt über das Kopfsteinpflaster der alten Straßen. Rollt flink die Uferpromenade entlang. Weicht geschickt allen Unbilden aus. Mein Rollstuhl und ich sind bereit für den Hund. Wie ich das Tier an der Leine führen soll, während ich meine Hände zum Anschubsen brauche, ist mir nicht klar. Aber … pillepalle. Das findet sich.
Bellina wohnt nur eine Autostunde entfernt, ist wie ich im April geboren und trägt einen italienischen Namen. (Hatte ich schon erwähnt, wie sehr ich Italien liebe?) Bellina schaut mir direkt ins Herz.
He, wo warst du so lange, fragt ihr Blick.
»Ich musste warten, bis du groß genug bist“, flüstere ich.
Bellina, wie sie mir im Internet begegnete
Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, sagte mal ein dänischer Philosoph. Jetzt begreife ich, warum ich so lange nicht suchen durfte, was ich in diesem Augenblick gefunden habe. Ich kann die Augen nicht vom Bildschirm lassen. Wieso hat niemand dieses bezaubernde Wesen gewollt? Lächelnd zeichne ich mit dem Zeigefinger die Umrisse des kleinen Hundekörpers nach. Keine Ahnung, ob man das Betrachten des Bildschirmfotos mit dem eines Ultraschallbildes vergleichen kann, aber dieses Gefühl in meinem Bauch ist ziemlich besonders.
Etwas beginnt in mir zu wachsen. Ich schließe die Augen und spüre ihm nach. Es ist das Wissen, dass dieses Hundekind bei uns einziehen wird. Von dessen Wesen ich nichts weiß. Wurscht. Es hat bumm gemacht. Basta.
Immer wieder lese ich die Mail der Züchterin. Bellina ist mit ihren fünfeinhalb Monaten stubenrein. Nachts schläft sie durch. Und sie darf schon Stufen herunterhopsen.
Ich lache. Kurz und ein bisschen atemlos, so wie man lacht, wenn man etwas nicht glauben kann und doch weiß, dass es wahr ist und genau richtig und einen dieses Wissen mit Freude erfüllt, Freude, die so still ist wie ein Waldsee und gleichzeitig rauscht und tost wie das Meer an der sardischen Küste.
Es ist Samstag, und der Herbst hat in diesen Oktobertagen noch einmal den Sommer eingeladen. In wenigen Minuten werde ich Bellina kennenlernen. Ich bin aufgeregt wie vor einer Prüfung. Mir ist schlecht und ich denke: Es ist ein Fehler, dieses Treffen. Wenn ich Bellina sehe, so in echt, werde ich Ja zu ihr sagen. Ja! Ja! Ja! Da bin ich mir sicher. Aber ist das richtig? Was weiß ich denn über Hunde? Und vielleicht ist es megawichtig, mit so einem Tier über Wiesen tollen zu können.
Ein Auto fährt vor. Türen klappen. »Uwe«, rufe ich, »sie sind da!«
Die Linsensuppe ist fertig. Italienische Linsensuppe mit Rotwein und Kabanossi. Es gibt noch reichlich Rotwein dazu. Das ist gut. Ich freue mich. Ich habe Schiss.
Bellina würdigt mich keines Blickes, als sie leichtpfotig die Stufen nimmt und das Haus inspiziert. Sieht so ein Hund aus, der auf mich gewartet hat? Während ich ihr nachsehe, fällt mir ein, dass man sie im Internet auch als Diva beschrieben hat. Diven sind ein bisschen unnahbar. Das macht sie interessant. Ich kann die Augen kaum abwenden von dem kleinen Hund, der so gar keine Anstalten macht, mich umzurennen.
»Schön habt ihr᾿s hier«, sagt die Züchterin. »Und der Garten ist groß genug, da musst du dir keine Sorgen machen.«
Ich nicke. Und schlürfe Rotwein.
»Die Linsensuppe ist lecker«, sagt der Mann der Züchterin.
»Italienische Linsensuppe«, sage ich, »mit Rotwein.« Kurz denke ich an Italien und daran, dass dieses Land kein Trost mehr war in den vergangenen einsamen Monaten.
Der Aufzug scheint Bellina nicht zu beeindrucken. Als ich ein paar Sekunden nach oben rattere, schaut sie mir einfach nur zu. Ich lächle. Puh. Nur in diesem Ungetüm kommen wir gemeinsam nach oben. In unsere Betten. Die Treppe ist tabu. Steil. Glatt. Selbstmörderisch. Für uns beide.
Bellina macht Pipi auf dem kleinen Viereck Grün im Hof. Dann gehen wir spazieren. Der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau, die Vögel zwitschern vergnügt. Mir ist ganz leicht, dort, wo das Herz leise bubbert.
Später wurschtele ich probehalber einen Kamm durch Bellinas Fell. Reiche ihn mit einem Lächeln zurück, sage: »Klappt« und denke: Oje.
Bellina bleibt auf meinem Schoß liegen. Mein Arm, auf dem ihr Kopf ruht, schläft ein. Ich rühre mich nicht. Festhalten. Diesen Moment. Diesen Hund. Für immer. Das soll dein Zuhause werden, flüstern meine Gedanken. Merkwürdig, dass ich es weiß und sie es nicht einmal ahnt. Wir Menschen sind schon seltsame Wesen. Wir verpflanzen Bäume und Tiere. Einfach so. Manchmal sogar unsere Artgenossen. Darf man so etwas überhaupt?
»Du fragst gar nicht, was sie kostet«, wundert sich die Züchterin.
Mir egal. Der kleine Hund auf meinem Schoß hat eine Seele, und alles was eine Seele hat, ist unbezahlbar. Ich mache also in jedem Fall ein Schnäppchen. Natürlich habe ich mich informiert. Ein Rassehund ist nicht billig. Man bekommt einen ziemlich guten Flachbildfernseher für das Geld. Mich wundert nur, dass Menschen für so etwas Totes ihre Kohle ohne mit der Wimper zu zucken ausgeben, aber einen für verrückt erklären, wenn man für selbiges Sümmchen ein lebendiges Hündlein erwirbt.
»Sie kostet, was sie kostet«, sage ich achselzuckend.
Bellina schleckt mir den Arm ab.
»Sie mag dich«, sagt die Züchterin.
Ein Tag Bedenkzeit.
Ja, ich will!
Uwe nickt. »Du weißt aber, dass ein Hund nicht annähernd so lange lebt wie wir Menschen«, sagt er. Das bricht mir das Herz, jetzt schon, aber ich lasse ihn tapfer zu Ende reden. Ich bin bereit.
»Was erwartest du von mir?«, fragt er.
»Nichts«, sage ich. Ich weiß, dass er tun wird, was zu tun ist. Alles andere erwarte ich ja von mir.
Meine Eltern reagieren verhalten. Das piekst ein bisschen in meiner Brust, aber aufhalten kann mich jetzt nichts mehr. Die Mina-Menschen werden mich unterstützen, das habe ich geklärt. Auch, dass Bellina erst im Dezember einziehen wird, weil mein November kein guter Monat ist, um einem kleinen Hund die Zeit zum Eingewöhnen zu schenken, die er braucht. Zu viele Termine. Am liebsten würde ich alle absagen: Lesungen, Weihnachtsfeiern, Geburtstage. Aber ich will niemanden enttäuschen. Obwohl es sich wie ein Verrat an Bellina anfühlt. Was natürlich Blödsinn ist. Sie ahnt nichts vom kommenden Umzug, ergo kommt es auf ein paar Wochen nicht an. Das alles genau so sein soll und so sein muss, werde ich wieder erst rückwärts verstehen.
Ich starre in den dunklen Himmel. In sieben Wochen wird ein Hundemädchen hier einziehen. Mein Hundemädchen. Es hat den Mann an meiner Seite angebellt. Zweimal. Die Züchterin meinte: »Die will nur spielen.« Es fühlte sich anders an, aber ich verstehe ja nichts von Hunden. Dann ist da noch die Sache mit dem Wetter. Bei Temperaturen unter 15 Grad (über Null) gehe ich ungern vor die Tür. Ich hasse Regen, weil ich pitschnasse Knie hasse. Und ich hasse Schutz-Decken, die das verhindern würden. Noch nie im Leben war ich mit dem Rolli im Schnee oder bei Nordwind unterwegs.
Nachts um drei straffe ich die Schultern auf dem faltigen Laken. Man kann das Wetter nicht ändern, aber Einstellungen und Klamotten. Halb vier frage ich mich, ob ich tatsächlich an diesem kleinen Schränkchen in der Garage aufstehen kann. Um vier mache ich mir darüber Gedanken, was sein wird, wenn es dem Hund an gutem Lernwillen fehlt. Um viertel fünf bin ich beim Tierarzt angelangt. Gibt es eine barrierefreie Praxis in der Nähe? Halb fünf grübele ich über das Ins-Auto-springen-und-wieder-Raushüpfen nach. Kommt der kleine Hund ohne meine Hilfe in den großen Van? Gegen fünf bin ich noch einmal beim Über-die-Wiese-tollen. Das ist bestimmt wichtig. Kurz nach fünf frage ich mich, wie ich den Hund bei Sauwetter dazu kriege, sich selbst die Pfoten abzuputzen. Seufzend schlafe ich ein.
Ich bin in freudiger Erwartung. Bald werden wir eine Familie sein. Ein Rudel. Mit klopfendem Herzen erzähle ich meiner Freundin davon. Sie betrachtet Bellina auf dem Bildschirm, lächelt: »Na, dann …«
Wir heben unser Glas. Schweigen. Ich warte auf entzückte Rufe, die dieses Hundekind auslösen muss. Doch da kommt nichts.
»Wie läufts im Büro?«, frage ich, während ich langsam den Laptop zuklappe. Ich bin ein bisschen enttäuscht, doch ich glaube, mir fehlen sowieso Worte, um das Glück, das ich bei jedem Gedanken an Bellina fühle, irgendwie teilen zu können.
Alle November-Montage sind für Bellina reserviert. Zum Beschnuppern und um ein paar Dinge zu üben, die unser Zusammenleben erleichtern sollen.
In einem niedersächsischen Kleingarten lerne ich die erste Hundetrainerin meines Lebens kennen. Es ist auch Bellinas erste Hundetrainerin. Wir üben Basics. Bellina kommt angestürmt, wenn ich sie rufe. So lange, bis der Schrebergartennachbar hinter dem Zaun auftaucht. Dann scheint es wichtiger zu sein, dem Mann in Arbeitshose die Meinung zu kläffen.
Beim Anleinen komme ich ins Schwitzen. Zwei Augenpaare sehen zu, wie ich versuche, im Fellgewirr den Ring am Halsband zu finden. Bellina dreht den Kopf weg.
»Komm mal mit deinen Händen nicht so direkt von oben«, sagt die Hundetrainerin, »das mögen Hunde nicht so gern.« Ich schwitze noch mehr. Es ist mir peinlich, dass meine Hände so unbeholfen sind. Irgendwie gelingt es mir, den Ring zu erwischen und die Leine einzuklinken. »Nächstes Mal nehmen wir ein Geschirr«, sagt die Züchterin, »da ist der Ring oben auf dem Rücken, dann hast du es leichter.«
Ich lächle dankbar. Wie gut, dass es immer Möglichkeiten gibt.
Ein bisschen später verlassen wir das Grundstück. Zum ersten Mal in meinem Leben führe ich einen Hund. Die Züchterin schiebt meinen Rollstuhl, damit ich die Leine halten kann. Später wird diese direkt am Rolli befestigt sein. Im Internet habe ich ein System entdeckt, das für Fahrräder entwickelt wurde und auch für Rollstühle taugt.
Bellina kapiert schnell: Wenn ich brav neben dem Rolli laufe, gibt es was Leckeres. Zwischendrin sieht sie es als ihre Pflicht an, dem dreisten Nachbarn, der immer noch im Garten werkelt, die Meinung zu bellen. Ich rufe sie unbeholfen zur Ordnung, mit wedelndem Leckerchen. »Uiuiui«, macht die Hundetrainerin, »da musst du aufpassen, sonst belohnst du das Bellen.«
Ich lächle verlegen. »Okay.« Auf den richtigen Moment kommt es an, wie so oft im Leben.
Nach dem Kaffee bringt mich die Züchterin zum Auto. Sie schlingt ihre Arme um meine Mitte und hievt mich in den Stand. »Danke«, sage ich. »Das ging ja gut.«
»War nicht schwer«, lacht sie und verstaut den Rollstuhl im Kofferraum.
»Danke«, sage ich nochmal. »Bis nächste Woche.«
Die Züchterin winkt. Ich gebe Gas und wünsche mir, morgen wäre schon wieder Montag.
Ich lasse mich nicht gern aus dem Rollstuhl heben, schon gar nicht von Fremden. Wenn man keine Beinkraft hat, ist man schwer wie ein Mehlsack. Ich will keine Last sein. Dann lieber ein Stubenhocker. Shopping. Kino. Robbie Williams. Für nichts wollte ich mehr über meinen Schatten springen. Für einen kleinen Hund habe ich es heute getan. Und es fühlt sich verdammt gut an.
Die Tage ziehen sich wie Kaugummi, den man nicht von der Schuhsohle kriegt. Nachts träume ich von Bellina. Und wenn ich aufwache, denke ich an sie. Bald werden wir zusammen leben. Wenn mir das bewusst wird, denke ich wieder, ich träume.
Sechs Hunde begrüßen mich stürmisch. Sie kläffen und hüpfen und wuseln aufgeregt um meinen Rollstuhl herum. Mein Blick sucht Bellina. Unsere Augen treffen sich. Divaklein wedelt. Zum ersten Mal. »Hallo«, sage ich leise und halte ihr meine Hand hin. Sie schnüffelt, bevor sie an meinem Knie hochklettert. Ich glaube, sie hat geschnallt, dass ich ihretwegen komme.
»Kaffee?«, fragt die Züchterin.
»Gern.«
Es gibt Kuchen dazu. Und Streifen aus Hühnerfleisch für die Hunde. Sie machen sich lang. Sie setzen sich hin. Sie hüpfen hoch. Für ein Leckerchen tun sie fast alles. Ich lache. Meine Finger sind nassgeschleckt von gierigen Zungen. »Willst du dir die Hände waschen?«
Ich schüttele den Kopf. So ein bisschen Hundespeichel ist sicher nicht gefährlicher als der Griff eines Einkaufswagens im Supermarkt, und wenn doch, ist es wurscht, weil es herrlich ist, dass die Hunde auf meine Finger schielen und nicht auf den Rollstuhl, so wie Menschen es oft tun.
Im Kamin knistert ein Feuer. Mir ist warm in meinem aquafarbenen Fleeceshirt, eins von vier neuen Kleidungsstücken, die mir helfen sollen, die winterlichen Gassirunden zu überleben. Mit beiden Händen umfasse ich den Kaffeebecher und lausche der Züchterin, die mir den Vertrag erklärt. Vier Kilo Glück. Ich unterschreibe lächelnd.
Die Hunde dösen überall im Raum veteilt. Bellina liegt allein in einem Körbchen, einen Kauknochen dicht vor der Nase. Unter ihrem Zottelpony bewegen sich ihre Augen. Wunderschöne braune Augen. Hellwach. Die Züchterin steht auf und setzt mir das Glück auf den Schoß. »Dein Hund«, sagt sie. Mein Hund. Ich lasse diese zwei Worte tief in meine Seele sickern.
In meinem Gallengang steckt ein Stein. Der muss raus, bevor der ganzen Galle dasselbe blüht. Die Schmerzen sind höllisch. Jedenfalls waren sie es, bis die Mittelchen wirkten. Ich habe Panik, dass sie zurückkommen. Darum ertrage ich dieses Bett, in dem ich nichts anderes tun kann als dösen, und denke an Hundeküsse.
Ich will mehr davon. Bellinas kleine heiße Zunge in meinem Gesicht zu spüren, war himmlich. Himmlich im Sinne von Punkt 2 der Bedeutung im Duden: (emotional) so geartet, dass es jemandes Entzücken hervorruft; wunderbar, herrlich. Das Feuchte stört mich nicht. Die Küsse meines Großvaters, mit denen er mich fröhlich begrüßte, waren auch nicht immer trocken. Und ich habe sie geliebt. Bellina liebe ich auch. Jetzt schon.
Als der Sanitäter, der mich am Montagabend abholte, von seinem kleinen weißen Hund erzählte, konnte ich sagen: »Ich habe auch bald einen Hund.« Und vergaß für einen Moment meine Schmerzen.
Die Dame, die für ein paar Stunden das Zweibettzimmer mit mir teilte, fing nach kurzer Zeit an, über ihren Poldi zu sprechen. Er war ihr Prinz gewesen. Trost, als ihr Mann starb. Bester Freund. Es schien, als würde sie ihn mehr vermissen als ihren Gatten. Meine Mutter, die meine Sachen auspackte, erzählte, wie sehr der Gedanke an einen Hund alle in der Familie in Aufruhr versetzt hatte, wie sehr sich alle sorgten, dass das Tier meine Kräfte übersteigen würde, wie sehr sie sich jetzt aber freue auf das neue Familienmitglied. Wir lächelten uns an. Alle drei.
Auch während der Vorbereitung zum ERCP, der endoskopischen Untersuchung, mit der man nach dem Stein in meinem Gallengang fahndete, um ihn zu killen, kamen wir auf den Hund. »Haben Sie Kinder?«, fragte eine der Schwestern. Jede halbwegs junge Frau kommt wohl um diese Frage nicht herum. Normalerweise erzähle ich in Momenten wie diesen vom Vererbungsrisiko, fifty-fifty, das wir dem Kind nicht zumuten wollten, ernte einen traurig-verständnisvollen Blick und wechsle das Thema, doch dieses Mal sagte ich schlicht: »Nein, aber bald einen Hund«, und wurde mit dem Strahlen der Schwester belohnt. »Das machen Sie richtig, Hunde tun einfach gut.«
Selbst, wenn sie noch nicht eingezogen sind, denke ich.
Ob sie mich vermisst? Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Bellina an der Tür stehen, letzten Montag, als ich den Besuch vorzeitig abbrechen musste. Wo willst du hin, fragte ihr Blick.
Ich komme wieder, versprach ich ihr, und hielt die Luft an vor Schmerzen. Und weil es in der Brust so doll ziepte. Ich hatte schon davon gehört, dass ein Hundeblick einem das Herz brechen kann.
Wieder schließe ich die Augen. Sehe Bellina über die Wiese flitzen. Ihre Ohren fliegen mit allen vier Beinen um die Wette. Lebenssfreude pur. So viel, dass ich mir zukünftig jede Menge Scheiben davon abschneiden kann, wann immer es nötig sein wird. Natürlich meldet sich angesichts der Dynamik des kleinen Hundes auch wieder der Zweifel und fragt an, wie man dieses Temperament bremsen soll mit einer Untermieterin wie FSHD. Ich erkläre ihm, dass Bellina ja auch mal schläft. Alles wird gut! Das Wichtigste ist: Ich fühle mich weniger verloren in dieser Welt, weil nun ein kleiner Hund zu mir gehört.
Am Anfang braucht man Mut, damit man am Ende glücklich ist.(www.herz-und-seele.eu)
Draußen liegt der erste Schnee. Plötzlich ist es kalt geworden. Der Himmel ist grau und das Leben, das vor mir liegt, kunterbunt.
Die Züchterin ist vor einer halben Stunde abgefahren. Sie hatte Bellina am Freitag gebracht und war zwei Tage geblieben. In einem Unternehmen würde man es wohl Einarbeitung nennen. Wir waren spazieren, und Bellina hat ein Kind angeknurrt. Wir waren mit dem Auto unterwegs, und Bellina hat gezittert wie Espenlaub. Sie wollte nicht mit Aufzug fahren, deshalb sollte ich sie mit Leckerchen bestechen, doch es fühlte sich nicht gut an, wie sie panisch an der Wand hochkletterte, als wolle sie dem Ungetüm davonlaufen. Uwe ist um sechs Uhr aufgestanden, um zu erleben, wie Morgenpipi funktioniert, da er das zukünftig begleiten soll, und Bellina ist vor ihm zurückgewichen.
Kann spannend werden, unser neues Leben.
