Dostojewski und die Liebe - Klaus Trost - E-Book

Dostojewski und die Liebe E-Book

Klaus Trost

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Beschreibung

Erstmals widmet sich im deutschsprachigen Raum ein Buch umfassend und bewusst kritisch dem Verhältnis des russischen Dichters zur Frau. Es beleuchtet persönliche, publizistische sowie ideologische Aspekte Dostojewskis Lebenspraxis. Leidenschaften, Ehen, Niederlagen, Affären nicht weniger Visionen fädeln sich chronologisch an dem roten Faden seiner Vita auf. Durch seine changierenden Wechsel zwischen getrübtem und wachem Blick entweicht der streitbare Romancier wiederholt scheinbaren Gewissheiten. Frauen aus Dostojewskis Umfeld und sein Verhältnis zu ihnen werden näher gebracht. Pro und Kontra Emanzipation ála Dostojewski. Das Buch fußt auf umfänglichen Quellen. Auf Werk-Analogien wurde bewusst verzichtet. So mancher Nimbus wird kritisch beäugt, Überlieferungen unter die Lupe genommen, die ein oder andere persönliche Zuschreibung hinterfragt. "Klaus Trost behandelt in seiner Studie über Dostojewskij und die Frauen einen Themenkomplex, um den Dostojewskij-Biografen sonst eher einen so diskreten wie ehrfürchtigen Bogen schlagen. Unter Verzicht auf philologische Rituale, gelingt es dem Autor, eine Forschungslücke zu schließen." Prof. Dr. Andreas Guski Wer meint, Dostojewski wäre ein Verfechter der Frauenemanzipation, ein respektvoller Ehemann, zweimal verheiratet und deswegen zweimal verliebt und in seiner Jugend asexuell gewesen oder annimmt, ihm habe die Entwicklung seiner Frau am Herzen gelegen und er hätte viel von Treue gehalten, der sollte dieses Buch lesen.

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Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Klaus Trost

DOSTOJEWSKI UND DIE LIEBE

Zwischen Dominanz und Demut

© 2020 Klaus Trost

Autor: Klaus Trost

Umschlaggestaltung: Klaus Trost

Illustration Umschlag: Annelie Jagenholz / www.jagenholz.de.rs

Illustrationen: Katja Wilhelmi / [email protected]

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

978-3-347-18442-8 (e-Book)

ISBN

978-3-347-12614-5 (Hardcover)

ISBN

978-3-347-18367-4 (Paperback)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

INHALT

Russland

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Platonisch - Panajewa

Auf Tour - Mariechen

Am Rand - Belinskaja

Vage - Neworotowa

Irrlicht - Issajewna

Verloren - Schubert

Zugewandt - Stakenschneider

Faszinosum

Vertan - Schubert

Störung - Suslowa

Verfehlt - Korwin-Krukowskaja

Unbestimmt - Chlebnikowa

Sexualibus - Polina

Affekt - Pissarewa

Aufgabe - Iwanowa

Stenographie - Snitkina

Zurück in die Zukunft

Kontra - Filosofowa

Verdacht - Stawrogin

Zweifel

Irdisches - Eros

Ideologisches

Epilog

REPRISE

Snitkina

Panajewa

Stakenschneider

Schubert

Polina

Marfa

Filosofowa

Krukowskaja

Anmerkungen

Russland

Dostojewski, ohne sein Russland, wäre nicht Dostojewski. Deswegen ist es unvermeidlich, einen Blick auf dieses Russland mit besonderen Signaturen der Zeit zu werfen.

Dostojewski erblickte das Licht der Welt. Für Napoleon erlosch es auf der Insel St. Helena. Wir schreiben das Jahr 1821. Zar Nikolaus I. trat 1825 sein Amt an. Seine Ausrichtung für Russland: Bestehendes bewahren. Innenwie auch außenpolitisch, und zwar mit Repression und Autorität.

Den Höhepunkt innenpolitischer Unzufriedenheit wegen überfälliger Reformen stellte die Befehlsverweigerung der Petersburger Eliteregimenter dar. Sie verweigerten öffentlich den Eid auf den neuen Zaren, mit dem Ziel einer Verfassung, der Aufhebung der Leibeigenschaft, Polizeiwillkür und Zensur. Bekannt als Dekabristen-Aufstand, lähmte er politische Aktivitäten für geraume Zeit. Der Aufstand entwickelte einen nachhaltigen Symbolwert in der russischen Gesellschaft. Führende aufbegehrende Offiziere wurden gehängt, andere degradiert und rund 600 zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Vier Jahre darauf gründeten sich in England die ersten Gewerkschaften.

Nachdem im Jahr zuvor Goethe verstorben war, erfand Moritz Hermann von Jacobi in Deutschland 1833 den Elektromotor. Währenddessen verbot der Zar den öffentlichen Handel mit Leibeigenen und die willkürliche Trennung von leibeigenen Familien. Trotz dieser unsäglichen Rückschrittlichkeit, war eine technische Entwicklung zu konstatieren: Die erste Eisenbahnlinie zur Personenbeförderung wurde 1837 eingeweiht. Puschkin starb.

Die Februarrevolution in Frankreich und Märzrevolution in Deutschland fachten 1848 innerhalb Russlands Verärgerung und ideologische Kämpfe an. Das Kommunistische Manifest von Marx und Engels erschien in London.

Seit 1848 war das Buturlin-Komitee in Russland aktiv, dessen Auftrag es war, die offizielle Zensurbehörde zu überwachen. In diesem Zuge verschärfte sich 1849 die reguläre Zensur. Die Lehrfächer Philosophie, Staatsrecht und Volkswirtschaftslehre wurden verboten.

Man trank vierzigprozentigen Wodka, um 1850 etwa 12 Liter pro Kopf im Jahr. Die Alkoholsteuer war die wichtigste Finanzquelle des Staates und machte bis zu 45 Prozent der Einnahmen aus. Die einfachen Leute ernährten sich noch Mitte des 19. Jahrhunderts nach jahrhundertealten Gewohnheiten von Getreideprodukten, Gemüse, Quark und Sauermilch. Viele ärmere Familien kannten den wiederkehrenden Hunger vor der Ernte, doch trotz Hungersnöten wurde russisches Getreide auf dem Weltmarkt verkauft.

Zar Alexander II. bestieg den Thron 1855. Er war gewillt, dem massiven Reformstau Paroli zu bieten. 1858 öffneten die ersten Mädchengymnasien ihre Türen.

Die russische Vormachtstellung in Europa fand durch Russlands Niederlage im Krimkrieg ihr Ende. Von diesem Zeitpunkt an begann die Bilanz des 19. Jahrhunderts für viele Schriftsteller und Publizisten dunkle Konturen anzunehmen. Die innenpolitische als auch gesellschaftliche Lage war 1860 fragil. Die offizielle Statistik zählte in diesem Jahr 108 Bauernrevolten.

Die Leibeigenschaft wurde 1861 aufgehoben. Über zehn Millionen Bauern sahen sich einer völlig neuen Situation gegenüber. Ihre Verarmung beschleunigte sich. Ferner gab es ungenügend Land zur Verteilung an die Bauern. Die Bauernschaft lebte weiter am Existenz-Minimum und oft darunter. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts waren über 90 Prozent der russischen Bevölkerung Analphabeten.

1863 wurde Frauen der Besuch von Universitäten verboten. Im selben Jahr verlor Polen vollends die Reste seiner Autonomie. Mit der Unterdrückung des polnischen Aufstandes leitete Alexander II. eine panslawistische Bewegung in Russland ein. In Folge des Kaukasuskriegs begann die wirtschaftliche Erschließung und Russifizierung der 53 Völkerschaften unter Leitung des Kaukasischen Komitees.

Nach einer Entspannungsphase verschärfte sich die Zensur wieder. P. Walujew, ein Gegner der Aufhebung der Leibeigenschaft, wurde zum Innenminister berufen. Auf Kreis- und Gouvernementsebene wurden 1864 gewählte Selbstverwaltungsorgane (Semstwa) geschaffen. Gleichzeitig führte eine Justizreform zu neuen Rechtsnormen wie Rechtsgleichheit, Trennung von Justiz und Verwaltung, Unabhängigkeit der Richter. Von da an waren alle Gerichtsverhandlungen öffentlich zu führen. 1865 wurde die Präventivzensur durch die Strafzensur abgelöst.

Dem gescheiterten Attentat Karakosows auf den Zaren im Jahre 1866 folgte während der Pariser Weltausstellung 1867 ein weiteres durch den polnischen Emigranten Beserowski ein. Die Anschläge beeindruckten den Zaren und ließen seine Neigung zu Reformen schwinden. Die Zensur wurde in alter Strenge wiederhergestellt und von einem umfassenden polizeilichen Überwachungssystem eskortiert. Die gesellschaftliche Entwicklung schritt unbesehen voran. 1869 wurden die ersten Hochschulkurse für Frauen eröffnet. 1870 wurden Stadt-Dumen eingeführt. Diese Selbstverwaltungen wählten die Verwaltung und das Stadtoberhaupt.

1871 wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet.

Die Narodniki-Bewegung, der ins Volk Gehenden, erreichte 1873 ihren Höhepunkt. Sie hatte sich bereits um 1860 formiert. Meist waren es junge Intellektuelle, die die primitiven Lebensformen der Bauern idealisierten und beabsichtigten, die Bauern zu befähigen, sich zu befreien. „Diese Idealisierung fiel in Russland auf einen reichen Boden, da Stadt und Land weiter voneinander entfernt waren und sich fremder gegenüberstanden als anderswo.“ Massenverhaftungen unter den Narodniki kennzeichnen 1874 das Scheitern der Bewegung.

Im selben Jahr wurde die sechsjährige Wehrpflicht eingeführt. Studenten mussten gar nur sechs Monate dienen. Die bisherige Dienstzeit betrug in der Regel 25 Jahre.

1876 konstruierte Bell das erste Telefon und Edison erfand ein Jahr darauf das Grammophon.

Die Geister, die Alexander II. gerufen hatte, wurde er nicht mehr los. Solowjows Attentat auf den Zaren im April 1879 scheiterte, ebenso im Dezember der Versuch einen Zug zu sprengen, in dem sich der Zar befand. Zuzuschreiben waren diese Anschläge dem Geheimbund Narodnaja Wolja, der auf individuellen Terror setzte. Im Februar 1880 scheiterte im Winterpalais ein weiteres Attentat. Im März 1881 fiel Zar Alexander II. letztendlich einem Bombenattentat zum Opfer.

Im selben Monat verstarb Dostojewski durch einen Blutsturz.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Das Marinski-Hospital, ein Armenhospital am Rande Moskaus, stand in einer Gegend, die im Volksmund den Namen Boschedomka1 trug. Früher befand sich dort ein Leichenhaus für Verbrecher, Landstreicher und Menschen, die keiner Gemeinde angehörten und somit bei Gott begraben wurden. Obwohl das Leichenhaus inzwischen der Vergangenheit anheimgefallen war, hatte sich die Gegend selbst für das bescheidenste Dasein nicht zum erstrebenswerten Ort gemausert. Längst wurde niemand mehr bei Gott begraben. Einzig die dort Lebenden waren von Gott vergessen. Das Bild bestimmten indessen Anstalten öffentlicher Hilfe wie Waisen- und Armenhäuser. „Ein Ort staatlicher Knauserei, gemilderter Abscheulichkeit, unterstützter bitterster Armut. Ein Bezirk des Elends und der kummervollen Langeweile.“2 Ein Leben war in dieser Gegend weder wünschens- noch empfehlenswert. Im Parterre eines Seitenflügels dieses Hospitals wurde in einer Wohnung ein Raum durch einen Bretterverschlag in zwei Zimmer aufgeteilt. Der Wohnung war ein Flecken Erde zugeordnet, wohlwollend Garten tituliert. Gitter trennten nicht nur den Garten vom riesigen Park des Armenhospitals, sondern gleichfalls die Hospitalinsassen vom Rest der Welt. Die Vierraumwohnung der Familie Dostojewski lag unmittelbar an dieser Grenzlinie. Das sich den Bewohnern der Seitenflügelwohnung bietende Bild des Elends war erbärmlicher kaum vorstellbar. An Düsternis nicht genug, schleppten sich vor dem Wohnzimmerfenster Sträflinge täglich zu ihrer Zwangsarbeit, denn unweit des Hospitals befand sich eine Etappenstation für Gefangenentransporte in den sibirischen Gulag.3

Für die Kinder herrschte ein rigoroses Verbot, mit den jämmerlichen Kreaturen jenseits des Zaunes Kontakt aufzunehmen. Eines der Kinder setze sich über das Verbot des strengen Vaters hinweg. Dieses Kind hörte auf den Namen Fjodor Michailowitsch. Es wurde in jener Häuslichkeit im November 1821 als Kind eines Arztes und der Tochter einer Kaufmannsfamilie geboren. So lebte Dostojewski von Kindesbeinen an mit der Aussichtslosigkeit Tür an Tür.

Selbst kleine Momente der Nähe zu den Elenden waren für den jungen Fjodor von enormer Bedeutung. Konnte er doch mit kaum jemand seine knapp bemessene Zeit verbringen, von Gleichaltrigen ganz zu schweigen. Sein ein Jahr älterer Bruder Michail stellte den einzigen Kontakt dar. „Fjodor liebte es sehr, mit diesen Kranken heimlich, das heißt, wenn es sich irgendwie unbemerkt machen ließ, Gespräche anzuknüpfen, besonders wenn Knaben unter ihnen waren; das war uns hingegen ein für alle Mal streng verboten, und der Vater war äußerst ungehalten, wenn ihm etwas von einem derartigen Ungehorsam zu Ohren kam.“4

Die wenigen freudigen Augenblicke solch spärlicher Begegnungen außerhalb des familiären Regulariums blieben zivilisatorische Brosamen, die ihm das Schicksal überdies womöglich vom Teller klauben würde.

Fjodor freundete sich mit einem zarten neunjährigen Mädchen, der Tochter des Kutschers an. Lange sollte ihm dieses belebende Miteinander nicht vergönnt sein. Jenes Mädchen soll im Park des Hospitals vor Dostojewskis Augen von zwei betrunkenen Scheusalen brutal vergewaltigt worden sein. Sein Vater, den er zur Rettung des Mädchens eilig herbeigeholt habe, habe ihr nicht mehr helfen können und ihren Tod festgestellt. Ein Vorfall, den solche Gegend förmlich gebar. Fjodor Dostojewski erwähnte dieses Erlebnis erst Jahrzehnte später, mit dem Zusatz sich von dieser Erinnerung nie gelöst zu haben.

Was machte ihn für diese frühe Zäsur stark genug? Worauf konnte er bauen, um Erlebtes zu verarbeiten?

Das Familienregime lag in der Hand von Dostojewskis Vater, russischem Brauch entsprechend - seit Jahrhunderten. Ein unerbittliches System. Für seine Gattin galt das ebenso und in verheerender Weise später für seine Untergebenen. Ein Angestellter wusste zu berichten, der Herr sei streng gewesen. „Ein unguter Herr war er.“5 Eine fein herunter gebrochene Zustandsbeschreibung einer gewöhnlichen patriarchalischen Familienkonstellation im Russland des 19. Jahrhunderts.

1830 prägten das Leben der russischen Frau weitgehend zwei zentrale Schriften, die nicht zu hinterfragende Geltung besaßen. Der Sittenkodex Domostroj aus dem 16. Jahrhundert, eine Art russischer Knigge, legte für jedermann die Verhaltensnormen im religiösen wie familiären Bereich bis ins Kleinste fest. Dieses patriarchalische Regelwerk ordnete dem Familienoberhaupt, ausnahmslos dem Mann, unbegrenzte Handlungsbefugnis zu. Absoluter Gehorsam gegenüber dem Hausherrn war für alle Familienmitglieder oberstes Gebot. Desgleichen wurde die Stellung der Frau alternativlos determiniert. Bis zur Hochzeit unterstand die Frau dem Vater, danach dem Ehemann. Ihre Aufgaben beschränkten sich im Wesentlichen auf die zwei Kernbereiche Kindererziehung und Haushaltsführung. Untermauert wurde der Domostroj von einer Sammlung religiöser Bestimmungen der orthodoxen Kirche, der Svod Zakonov. Laut dieser befand sich die Tochter bis zur Eheschließung in der ausschließlichen Entscheidungsgewalt ihrer Eltern.

Dostojewskis Tag war streng reglementiert und von Gleichförmigkeit bestimmt. Abläufe waren auf das Genaueste am Arbeitsrhythmus des Vaters auszurichten. Bibellesen in der Früh war obligatorisch. „Während der Mittagspause, die der Vater in der Wohnung abhielt, wachte im Sommer stets eines der Kinder mit einem Palmenwedel, um Fliegen und Insekten vom ruhenden Vater fernzuhalten. Wehe dem Unglücklichen, der eine Fliege hat passieren lassen!“ erinnerte sich Bruder Andrej. Die sich währenddessen im Nebenzimmer aufhaltende Familie wagte sich bestenfalls flüsternd zu unterhalten. Lachen war tunlichst zu unterdrücken, lärmendes Spiel strengstens untersagt.

Seiner späteren Bekannten Alexandra Schubert erzählte Dostojewski eine Menge über die tristen Umstände seiner Kindheit. „Über die Mutter sprach er immer ehrfurchtsvoll, auch über seine Schwestern und seinen Bruder Michail; über seinen Vater zu sprechen, wäre ihm ausgesprochen unangenehm und er bat mich, nicht zu fragen.“

Abends wurde im Familienkreis Die Geschichte des russischen Reiches von Nikolai Karamsin vorgelesen; das zu jener Zeit meistgelesene Buch Russlands. Von da an gehörte es zu Dostojewskis fortwährender Lektüre. Um neun Uhr beendete das Abendbrot mit abschließendem Gebet den Tag.6

Besuch empfing die Familie ausgesprochen selten. Ein gesellschaftliches Leben fand nicht statt. Zweimal im Jahr kamen die Ammen der Kinder aus ihren Dörfern zu Besuch, um ihre ehemaligen Mündel zu besuchen. Schon das war ein Höhepunkt.

Sonntags, sowie an Festtagen, war das Ziel familiärer Ausflüge lediglich die Kirche. Einzig zum jährlichen Jahrmarkt verließ die Familie gemeinsam das Haus. Darüber hinaus spielte sich das Leben ausnahmslos am Rande des Hospitals ab.

Bildung wurde im Haushalt großgeschrieben. Der Vater legte darauf besonderen Wert. Ab dem vierten Lebensjahr Dostojewskis begann die Mutter ihn das Lesen und Schreiben zu lehren, das er im Alter von fünf Jahren beherrschte. Dreh- und Angelpunkt allen Lernens war die biblische Geschichte.

In der Sekundärliteratur wird das Familienleben der Dostojewskis oft als überzogen religiös dargestellt. Geboren vermutlich in dem Willen, früh auf Dostojewskis spätere Gottessuche zu verweisen. Im Kontext der Zeit stellten solche orthodoxen Handlungsroutinen allerdings das Gewöhnliche dar. Desgleichen wären sie fortschrittlich orientierten Zeitgenossen nicht weiter aufgestoßen.

„Ich stammte aus einer Familie, die russisch und gottesfürchtig war. (…) Mit dem Evangelium waren wir in unserer Familie bereits seit der frühesten Kindheit vertraut. Schon mit zehn Jahren kannte ich alle wichtigeren Geschehnisse der russischen Geschichte nach dem Werk Karamsins, aus dem uns der Vater abends vorlas. Der Besuch des Kremls und der alten Moskauer Kirchen war für mich stets etwas Feierliches gewesen.“7

Alles in allem keine sonderlich ungewöhnliche Kindheit. Untypisch hingegen war die strenge Abschottung gegenüber dem weltlichen Geschehen - keine Freunde, lediglich unerhebliche externe Erfahrungen, keine Freiheiten, kein Miteinander mit anderen, gar jungen Menschen, Spielen, Toben. Sich in der Auseinandersetzung zu reiben, war nicht möglich. Der Freiraum wurde ihm nicht eingeräumt.

Maria Fjodorowna Dostojewskaja (1800 – 1837)

Für die Erziehung der Kinder lag die Verantwortung bei der Mutter. Bedienstete beschrieben sie als eine einzige Seele. Sie besaß einen „lebensfrohen natürlichen Charakter“, war intelligent und mit einer Menge Energie ausgestattet. Ihr unentwegtes Bemühen, einen Ausgleich zum sozial isolierten Vater für ihre Kinder zu bieten, rettete die Sprösslinge oft vor dessen jähzorniger Härte. Umso mehr musste die liebevolle Mutter von ihrem Gatten ertragen. Er vermochte ihr sogar im siebten Schwangerschaftsmonat Untreue vorzuwerfen, um seine Vaterschaft für das Kind anzuzweifeln.

Eine gewichtige Rolle fiel im Haushalt der Njanja zu, dem Kindermädchen. Ein Herz aus Gold habe die große stämmige Aljona Frolowna gehabt. Dieses Kindermädchen war für Dostojewski von immenser Bedeutung. „Jedwede Kindheit war der Fürsorge einer Njanja anvertraut. Diese weisen, gutherzigen, tief religiösen und ergebenen Frauen liebten ihre Zöglinge mit der Zärtlichkeit und Hingabe einer Mutter. Meist lernten die Kinder ihre ersten Gebete von ihnen. Njanjas waren allgemein geliebt und wurden geschätzt, sie blieben ein Leben lang in der Familie, wo sie oftmals für Kinder einiger Generationen Sorge trugen. (…) Kein Wunder, dass die Njanja einen warmherzigen Einfluss hatte.“8

Wenngleich diese Beschreibung ein wenig zu idealisiert daherkommt, trifft sie im Kern das Verhältnis Fjodors zu seiner Kinderfrau. Niemand war ihm näher als sie. Sie war es, die ihm im Alter von drei Jahren die ersten Gebete auswendig lernen ließ und Heiligengeschichten erzählte. Sie nannte sich die Braut Christi. Im Haushalt waren es somit zwei weibliche Personen mit mütterlicher Ausrichtung, die ein Korrektiv zum rauen Vater boten. Dostojewski wusste es zu schätzen.

Nicht überraschend, wenn er dieses Kindermädchen lebenslang als leuchtendes Beispiel für die Fähigkeit des russischen Volkes, christliche Ideale zu verwirklichen, überhöhte. Mit dem Rühmen ihrer geistigen Schlichtheit, inbegriffen der damit einhergehenden Unterwürfigkeit, beseelte er diesen Mythos. Nach einem Brand auf dem Landgut bot sie der Familie unvermittelt ihr gespartes Geld an. In seiner selektiven Wahrnehmung ein Beleg für das Leben christlicher Ideale.

Tuchfühlung zu irgendeiner weiteren Ausformung von Weiblichkeit, gleich welchen Alters, mit Ausnahme des russisch mütterlichen Typus, bestand nicht. Da Mädchen grundsätzlich eine gesonderte Erziehung genossen, gestalteten sich die Anknüpfungspunkte zu seinen Schwestern marginal. Es mangelte geschlechtsbezogen an konträrem Erleben, begreifendem Wahrnehmen, gefühlvollem Berührtsein, Erwachen einer Libido.

Aljona Frolowna Dostojewskis Njanja

Diese monolithisch ausgeprägten Defizite an sinnlicher Wahrnehmung waren einem seelischen Gleichgewicht nicht zuträglich. Psychologe J. Neufeld nannte Dostojewski einen ewigen Ödipus.9

Im zehnten Lebensjahr Dostojewskis ergab sich die Möglichkeit, der familiären Tristesse zeitweise zu entfliehen. Es war eine Flucht aus der häuslichen Einförmigkeit, dennoch kein Eintauchen in belebte Welten.

1831 kaufte der Vater im Gouvernement Tula das kleine Landgut Darowoje. Jedes Frühjahr siedelte die Mutter mit den Kindern dorthin um. Die Verwaltung des Anwesens oblag allein ihr. Trotz ihres sanften Wesens führte sie auf dem Gut mit fester Hand die Geschäfte. Ihr Mann suchte Darowoje nur im Hochsommer für ein paar Tage auf. Wiederholt stand das Gut als emotionaler Puffer zwischen den Kindern und dem mürrischen Vater. Dostojewski nannte es nachfolgend dauerhaft das „Gut der verstorbenen Mutter“.

„In den ersten Jahren nahm die Mutter sogleich alle Kinder mit und wir verbrachten den ganzen Sommer auf dem Land. Die Fahrt hinaus aufs Gut war für uns Kinder ein Ereignis, das wir mit heißer Ungeduld herbeisehnten.“10 Zu den Bewohnern, den Leibeigenen seines Vaters, suchte er die Nähe, um mit ihnen Zeit zu verbringen. Für ihn war es eine Quelle neuer Einblicke und Erlebnisse, nicht zuletzt in Ermangelung freier Menschen. Erneut sammelte er seine Erfahrungen ausschließlich in der Welt Erniedrigter. Er ging auf Tuchfühlung mit orthodoxer Religiosität in unreflektierter Ausprägung, gepaart mit ehrerbietiger Unterwürfigkeit. In späteren Jahren hätten ihm bei der Lage der Leibeigenen die Tränen kommen müssen, stattdessen begrüßte er deren hingebungsvollen Opfermut.

Mit dreizehn Jahren wurde er 1833 in die private Pensionsschule Suchard aufgenommen.

Den Erinnerungen seines Bruders Andrej nach, pflegten die Brüder „überhaupt keine Bekanntschaften, auch nicht mit ihren Schulkameraden.“11 Neben den sommerlichen Ausflügen wurde der häusliche Alltag durch das Leben im Internat aufgebrochen. Die entstandenen Risse wurden nicht mit Licht, sondern neuen Schatten gefüllt.

Dostojewski wechselte vierzehnjährig mit seinem Bruder Michael im Herbst 1834 auf das Moskauer Tschermaks-Internat. Dessen Schüler kamen aus der vornehmsten Aristokratie und Intelligenzia.

Ihr Lebensmittelpunkt war nun nicht mehr das enge Korsett des Elternhauses, sondern die Gemeinschaft Gleichaltriger. Für Dostojewski hätte es ein beglückender Zugewinn an Lebensqualität sein können. Wenn es an dem gewesen sein sollte, war dem ernsten, grüblerischeren Jungen mit blondem Haar und blassem Gesicht davon reinweg nichts anzumerken.

Ausschließlich für die Fahrten zur Schule und zurück dienten gesondert gemietete Droschken. Für Dostojewski bedeutete es, nur wenig vom Leben außerhalb der Instituts- oder Hospitalmauern berührt zu werden. Besuche von Klassenkameraden oder Teilnahme am weltlichen städtischen Leben waren ausgeschlossen.

Dostojewski stilisierte sich längst zum Einzelgänger. „Er interessierte sich nicht sonderlich für unsere Spiele. In den Pausen ging er selten von seinen Büchern weg.“ Er las unentwegt. Las er zu schnell alles Verfügbare aus, lag bei ihm fortwährend Karamsins Geschichte des Russischen Reiches auf dem Tisch.

Dostojewskis letzte Jahre in der Familie wurden durch die allmähliche Zerrüttung der Gesundheit seiner Mutter geprägt. Sie verstarb fünfunddreißigjährig im Februar 1837 an Schwindsucht.

Ihr gesamtes Leben hatte Dostojewskis Mutter an ihrer strengen Gläubigkeit ausgerichtet. Ihre religiösen Maxime im Wechselspiel mit dem patriarchalischen Rollengefüge hatten sie zusehends ihrer Kraft beraubt. Eine demutsvolle Aufopferung, die Dostojewski zeitlebens von den Frauen erwartete und glorifizierte. Für seine just dahingeschiedene Mutter hieß das in der Vergangenheit, die Erziehung zu bewerkstelligen, den Haushalt zu führen und das Gut Darowoje zu bewirtschaften. Nichtsdestoweniger waren die Briefe an ihren Mann von argloser Hingabe geprägt. Gesellschaftliche Kontakte bestanden verschwindend gering. Selbstbestimmung, außerhalb der ihr zugeschriebenen Aufgaben, fand kaum statt. Die Familie war zerstört - sie hatte ihre Mitte verloren.

Eine derartig rationale Einschätzung war Dostojewski selbstredend nicht möglich. Die erlebte Wirklichkeit seiner Mutter stand im Einklang mit seinem Wissen, fußend auf der orthodoxen Lehre, sowie Karamsins Romantik. Dessen Frauendarstellungen bewegten sich in jenen Ordnungen, die zum einen die Überhöhung des Weiblichen, zum anderen die Verdrängung der realen Frauen in die Privatheit befürworten. Seine Sprache war durchsetzt von kirchlichen Ausdrücken, sentimentalen Träumereien, die das Publikum rührten.12 Ganz im Sinne des Artikels 107 der Svod Zakonov. „Die Frau ist verpflichtet, ihrem Mann als Oberhaupt der Familie zu gehorchen, in Liebe zu ihm, in Achtung und unbegrenzter Folgsamkeit zu verharren und ihm als Hausfrau jede Gefälligkeit und Anhänglichkeit zu erweisen.“ Grundzüge von Dostojewskis Frauenbild bildeten sich bereits in seiner frühen Jugend aus. Mit der Brille Karamsins las er sechzehnjährig Werke George Sands, ein Gemisch, das seine Wirkung auf ihn nicht verfehlte. Isoliert, orthodox erzogen, überspannt, romantisch, ohne Erfahrungen mit Weiblichkeit bis auf fürsorgende, war für ihn mit Karamsin die Welt in Ordnung, allerdings nicht die seines profanen Alltags.

Der Vater sagte nach dem Tod der Mutter massiv dem Alkohol zu, wurde zunehmend aggressiv und unberechenbar. „Er versuchte sich mit dem Dienstmädchen Katja zu trösten, das schon lange bei der Familie war. Mit dieser jungen Frau hatte er auch einen Sohn.“13 Seine Töchter verfolgte er mit unwürdigen Verdächtigungen, die Söhne mit Misstrauen. Seine Stelle als Arzt gab er auf, zog nach Darowoje, wo er seine Leibeigenen unverhohlener Gewalt aussetzte. Seinen Söhnen Michael und Fjodor verbot er obendrein noch mit siebzehn Jahren allein auszugehen.

Die Verarbeitung des Todes seiner Mutter überforderte Dostojewski. Er war mit sich selbst genug beschäftigt. Für seine Trauer war weder ein ansprechender Ort vorhanden, noch eine vertraute Person erreichbar. Seine klassische Kompensation, sich aus der Wirklichkeit zu entlassen, in dem er sich in die Welt der Bücher stürzte, erwies sich als unzureichend. Eine massive Kehlkopferkrankung, mit zeitweilig völligem Verlust der Stimme, darf als psychosomatisches Zeichen von Hilflosigkeit interpretiert werden. Ab diesem Zeitpunkt war ihm seine heisere, im Volumen reduzierte, dumpfe keuchende Bruststimme eigen. Drei Jahre darauf sprach sein Bekannter Riesenkampf, von einem „beinahe mystisch verzauberndem Timbre“ beim Vorlesen und schrieb es dieser Kehlkopferkrankung zu.

Der Beginn der ungeliebten Ausbildung zum Bauingenieur im Jahr 1838 als Kadett an der Petersburger Militärschule war für den achtzehnjährigen Dostojewski nicht niederschmetternd genug. Sein Bruder Michael wurde in Petersburg an der Akademie nicht angenommen, sondern musste eine Stelle in Reval antreten. Diese Trennung machte Dostojewski schwer zu schaffen. Er war erstmals tatsächlich auf sich gestellt. Jahre später resümierte er, als sein Neffe die Ingenieurschule besuchen sollte, es wäre „eine undankbare Sache, jemanden zu zwingen, Ingenieur zu werden. Meiner Ansicht nach war das ein Fehler.“14

Für Dostojewski verschwand das, wenn vielleicht nur schwache, Verhaltenskorrektiv Michael. Es beschleunigte seinen Weg in die zu Teilen gewünschte Abkapselung von der Gemeinschaft. Der einsiedlerische Mönch Photios stand im Internat für seinen Spitznamen Pate. „Nicht selten geschah es, dass er von nichts Notiz nahm, was sich um ihn herum abspielte. (…) Dostojewski räumte erst dann seine Bücher vom Tisch, als der Trommler zum Schlafen trommelte.“15

Strenge Disziplin bestimmte den Ton. „Es gab Fälle, wo die Schüler für einen leichten Fehler so gepeitscht worden, dass man sie halbtot auf einem Tuch wegtragen musste.“16 Dostojewskis neue Welt ließ ihn verzweifeln. „Ich weiß nicht, ob meine trüben Gedanken mich je verlassen werden!“ „Bruder, es ist so traurig ohne Hoffnung zu leben. Wenn ich vorwärts schaue, so graut mir vor der Zukunft. Ich habe seit langer Zeit keinen Ausbruch von Begeisterung erlebt.“17

Ein Mitschüler erinnerte sich: „Er hielt sich immer abseits, und mir kam es so vor, als ginge er dort ständig auf und ab, mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. (…) Er sah immer sehr ernst aus.“ Mit einer Empfehlung der Bücher Georg Sands rannte ein Lehrer bei ihm offene Türen ein. Von Sands gefühlvollen Liebesromanzen zeigte er sich längst begeistert. Er vermengte die Essenz ihrer Romane mit seinem bis dahin ausgebildeten Frauenbild, welches an jahrhundertealte tradierte Frauengestalten in der russischen Literatur anknüpfte. Traditionell existierte seit dem 12. Jahrhundert die „typische Gestalt der altrussischen Frau Jaroslawna. Sie galt als Verkörperung von Schönheit, Liebe und Treue. Mit ihr kam in die russische Literatur die Gestalt der Heldin mit dem großen Herzen, der leidenschaftlichen Seele und der Bereitschaft, unvergessliche Heldentaten zu vollbringen.“18 Die Intentionen von George Sands Büchern fügten sich geschmeidig ein: „Diese ihre Heldinnen sehnten sich nach Selbstopfer, nach einer großen Tat. Besonders gefielen mir damals in ihren ersten Werken ein paar Typen junger Mädchen.“19

George Sand (1804 – 1876)

Mit Blick auf die Vita Sands, in Verbindung mit ihrem Werk, ist festzustellen, Dostojewski greift mit seiner Wertung zu hoch, zu pathetisch, zu einseitig. Seine Wahrnehmung ist bewusst selektiv, denn intellektuell war er zweifelsfrei in der Lage eine nüchternere Betrachtung zu vollziehen. „Ich weiß noch, ich fieberte nachher die ganze Nacht. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, dass Georg Sand, bei uns alsbald fast den ersten Platz einnahm in der Reihe jener ganzen Plejaden neuer Schriftsteller.“ Diese vornehmlich freie, auf der Höhe ihres Ruhms stehende, George Sand entsprach in dem geistig geknechteten Russland Nikolais I. den dringendsten Bedürfnissen der russischen Jugend.20 Dostojewskis idealisiert romantische Welten fanden im Werk Sands reichlich Nahrung.

Ein A. Riesenkampf suchte Dostojewski im November 1838 in der Schule auf, um einen Brief des Bruders Michail zu übergeben. Ihm gegenüber stand ein „ziemlich dicklicher, rundlicher Typ mit bleichem Gesicht. Unter der hohen Stirn und den undichten Augenbrauen verbargen sich nicht große, ziemlich tiefliegende graue Augen; die Wangen waren blass und hatten Sommersprossen; die Gesichtsfarbe war krankhaft, erdfarben.“21 Diese Treffen ließen Dostojewski nicht neugierig auf die Welt außerhalb der Kasernenmauern werden. Ausnahmslos war Literatur Gegenstand ihrer Konversation. Seine Rolle als Kadett konnte er nicht finden und fühlte sich deplatziert. „Sein Ausdruck war ernst, und ich kann mir schwerlich vorstellen, dass er mit seinen Kameraden lachte und scherzte.“22 Er war weltenverloren. „Wenn er nicht allein war, so war er mit keinem anderen zusammen als mit dem Konduktor Bereschetzki der höheren Klasse. Ich habe nie gesehen, dass diese beiden jungen Leute an den Lieblingsspielen der Kameraden teilnahmen, oder gar an deren Streichen. Überdies war sowohl zwischen ihren Charakteren wie zwischen ihrer häuslichen Erziehung ein großer Unterschied. Bereschetzki galt als wohlhabend, verfügte über reichlich Geld, besaß ein gesellschaftlich geschultes Auftreten und gab viel auf gewählte Kleidung. F. M. Dostojewski dagegen war der Sohn eines armen Stabsmedicus, ein Jüngling mit dem Gefühl der eigenen Würde.“ Diese erlebte Kluft veranlasste Dostojewski, den Vater im Mai 1839 anzubetteln, um mit seinen reichen Kameraden mithalten zu können. „Mein lieber, guter Vater! Können Sie denn wirklich annehmen, Ihr Sohn würde Unnötiges von Ihnen verlangen, wenn er sie um finanzielle Unterstützung bittet.“

Wenige Tage nach diesem Brief wurde sein Vater in der Nähe seines Landgutes tot aufgefunden. Gleich dem wie er zu Tode kam, die Ansichten sind umstritten, stand unumstößlich fest: Mit achtzehn Jahren war Dostojewskis Familienleben beendet.

Lediglich dreimal habe sich Dostojewski zu dem Tod seines Vaters geäußert. „Weißt Du, im Augenblick sehe ich meine Umwelt immer häufiger ohne jegliches Mitgefühl. Mein einziges Ziel ist es, frei zu sein. Dafür opfere ich alles. Doch sehr oft überlege ich, was mir diese Freiheit bringen wird.“ Im Internat war und blieb er nahezu isoliert.

Dostojewskis Klassenkamerad D. Grigorowitsch war die im Internat herrschende brutale Hackordnung ähnlich wie Dostojewski zuwider, suchte jedoch im Gegensatz zu ihm nicht die Isolation. Grigorowitsch und die Beketow-Brüder zählten zu den Wenigen, die in der Ingenieurschule sporadisch mit Dostojewski in Kontakt standen.

Anfang August 1841 wurde Dostojewski zum Fähnrich ernannt. Mit der Ernennung war es ihm erlaubt, außerhalb der Kasernenmauern wohnend, die Ausbildung fortzusetzen. Zunächst zog er mit dem Klassenkameraden A. Totleben zusammen in eine kleine Wohnung. Die erhoffte Selbstbestimmtheit dauerte nicht lange an. Auf Geheiß von Dostojewskis Verwandtschaft zog sein jüngerer Bruder Andrej bei ihm ein. „Andrjuscha ist krank, ich selbst bin äußerst zerrüttet. (…) Dass ich ihn zum Examen vorbereiten muss, dass er überhaupt bei mir lebt, bei mir, der ich frei sein, allein sein, unabhängig sein will, ist für mich unerträglich.“ Seine ersten Ausflüge in die Welt außerhalb seiner eigenen vier Wände verliefen zunächst verhalten. Dostojewski verharrte zumeist in seinem eigenen Universum aus Ausbildung sowie literarischem Studium. Allerdings fand er schnell Geschmack an sündhaft teuren Theateraufführungen, Musikkonzerten und Lesungen. Er versuchte seine literarisch musische Traumwelt gewissermaßen in die Gegenwart zu verlängern. Immerhin ein erster zaghafter Versuch, um sich aus seinem Selbstbemitleidungskokon herauszuschälen.

Nach Dostojewskis Auszug aus der Kaserne fand er mit seinem ehemaligen Klassenkameraden Grigorowitsch eher zufällig wieder zusammen. Der „war hübsch, heiter und elegant, machte den Damen den Hof und entzückte jedermann. Dostojewski war ungewandt, schüchtern, menschenscheu, eher hässlich, er sprach wenig und hörte mehr zu.“23 Beide waren von den Werken George Sands angetan. Grigorowitsch, gleichfalls schreibend, würde ferner das bedeutendste Ereignis in Dostojewskis Leben einläuten.

Es zeichnete sich im Frühling 1842 weiterhin das Bild intensiver literarischer Arbeit parallel zum leidigen Studium ab. „Man will doch nicht seine Reputation verlieren und so paukt man denn, zwar mit Ekel, aber man paukt.“ Weiterhin inhalierte er unentwegt Literatur jeglicher Couleur. Die „Jahre fieberhafter Lektüre verdichten sein Weltbild.“24 Seine innere Isolation bestimmte sein Antlitz. „Er trug im Allgemeinen einen traurigen, unruhigen, verlorenen Gesichtsausdruck zur Schau. Die Uniform verstand er nicht zu tragen.“

Trutowski und Grigorowitsch vermochten es, Dostojewski gelegentlich aus seiner Isolation zu herauszulösen.

Nachdem Dostojewski die Wohnung nicht mehr mit dem Bruder Andrej und Totleben teilen musste, siedelte er in ein neues Quartier um. Über zwanzig werden es in Petersburg bis zu seinem Lebensende gewesen sein. Im August 1842 gesellte sich ein neuer Nachbar und zugleich Bekannter zu ihm, Dr. Riesenkampf. Dostojewskis Bruder Michail hatte ihn darum gebeten, etwas auf den Haltlosen, Erschöpften und Desorientierten, achtzugeben, hauptsächlich auf dessen desaströsen Umgang mit Geld. Mit dem Geld, das ihm sein Vormund durchaus ausreichend zur Verfügung stellte, konnte er zu keinem Zeitpunkt manierlich umgehen. Ausnahmslos verschleuderte er es in Rekordzeit. Parallel zur goutierten Hochkultur, besuchte er oft diverse Kaschemmen, um dort bevorzugt Billard und Domino zu spielen.25 Diese Tavernen suchte er in der Regel nicht im Alleingang auf, sondern in der Gesellschaft Grigorowitschs sowie dessen Gefährten. Gemeinschaftliche Spelunkenabende in einem Bordell zu beenden, war für junge Männer absolut nichts Unübliches, erst recht nicht für Dostojewskis Freunde. Da fällt es schwer anzunehmen, dass sich Dostojewski beim Glücksspiel versuchte, Bordellbesuche hingegen ausnahmslos ablehnte und sich von der illustren Gesellschaft jeweils entfernte.

Zumeist lebte Dostojewski auf Pump. Manches Mal nur um bei Milch und Brot darben zu können. „Er hatte aus Moskau 1.000 Rubel erhalten. Doch schon am nächsten Morgen“, so Riesenkampf, „kam er wieder in seiner leisen, zurückhaltenden Art in mein Schlafzimmer und bat mich, ihm fünf Rubel zu leihen.“26 Er stürzte er sich wahllos auf jedwede Form künstlerischer Veranstaltung. Bälle, Maskeraden und ähnlich biedere gesellschaftliche Anlässe und Orte, an denen es galt, Konventionen zu entsprechen, mied er.27 Seinen Isolationskurs hielt er aufrecht. Intellektuell hypochondriert, geisterte er in grobschlächtigen Kneipen herum; wie er es nannte, zu Studienzwecken. „Das Leben und Menschen zu studieren - darin - besteht mein höchstes Ziel und Vergnügen.“ Nun unter Menschen, nichtsdestoweniger abseits stehend.

Seine Ausbildung setzte er ungeachtet seines unsteten Lebenswandels fort, desinteressiert und gelangweilt, allerdings diszipliniert. Anderenfalls hätte ihm sein Vormund Karepin, „das Schwein“ und „der Wodkasäufer“, den Geldhahn zugedreht. Seine desolate soziale Situation erwuchs nicht zum Besseren. Sein Abschluss der Ausbildung mit der Ernennung zum Oberleutnant Mitte 1843 änderte daran wenig.

Naht- und lustlos begann er seine Arbeit als technischer Zeichner im Kriegsministerium. Seine literarischen Studien setzte er indessen fort. Begeistert übersetzte er im Dezember Balzacs Eugénie Grandet. Darin begegnete ihm der Typus der sanftmütig leidenden Frau,28 der ihn sein Leben lang beschäftigen würde. Die Begeisterung für George Sand zog einen wesentlichen Einfluss auf die Ausformung seines Frauenbildes nach sich. Während er in der ersten Hälfte des Jahres 1844 an der Übersetzung von Sands La derniére Albini arbeitete, zeigte er sich angetan von „dieser keuschen, hohen Reinheit der Typen und Ideale und der schlichten Schönheit ihres strengen, zurückhaltenden Tons. In dieser waren viele oder zumindest manche ihrer Heldinnen Typen einer so hohen reinlichen Sittlichkeit, wie sie überhaupt nicht denkbar wäre, ohne eine ungeheure sittliche Anforderung in der Seele des Dichters selbst, ohne Erkenntnis und ohne Anerkennung der höchsten Schönheit im Erbarmen.“29 Noch 1873 erinnerte sich Dostojewski „wie viel gerade diese Dichterin seinerzeit Verzückung und Verehrung in mir geweckt und auf ihren Namen vereint hat.“30 George Sand wagte es, offen ihre weibliche Sicht von Lust, Empfindungen und das Verhältnis zwischen Mann und Frau darzulegen. Weiblichkeit wollte sie nicht als Behinderung verstanden wissen. Ihre Romane nährten sich unter anderem aus persönlichen Erfahrungen, denn sie genügte vielen Konventionen ihrer Zeit bewusst nicht. Weitere Bausteine lieferte in Verbindung mit Sand der Philosoph Rousseau. Dessen Frauenbild wusste Sand außergewöhnlich gut mit sozialen Tendenzen zu verweben, indem sie „traditionelle weibliche Eigenschaften wie die Güte, die Kraft zur Hingabe, die Selbstüberwindung und die Leidensfähigkeit erhöhte“31 und ihren romantisch idealisierten Figuren tiefe menschliche Züge verlieh.32 Derart konnte sich Dostojewski „von ihrer Anerkennung der Pflicht, sowie dem strengen sittlichen Verlangen danach und die vollkommene Anerkennung der menschlichen Verantwortlichkeit“33 begeistern. Rousseau sah die Entsinnlichung der Frau auf klare Pflichten ausgerichtet, den Männern „gefallen, ihnen nützlich sein, sich von ihnen lieben und achten lassen, sie großziehen, solange sie jung sind, sie beraten, sie trösten, ihnen ein angenehmes und süßes Dasein bereiten.“34 Diese Gemengelage kam Dostojewskis bisherigen Lebenserfahrungen nahe, ebenso eigenen Wunschvorstellungen, die lediglich durch seine jugendlich überschwängliche Begeisterung für die Lehren Fouriers überlagert wurden. Fouriers außergewöhnliche Betrachtungen zum Thema Liebe erfreuten sich dieser Zeit unter den jungen Schöngeistern großer Beliebtheit. Fourier verteidigte die Freiheit in der Liebe.35 Er stellte die Frage, wie das menschliche Zusammenleben organisiert werden könne, damit die Liebe in Freiheit und somit das soziale Glück überhaupt an Geltung gewänne.

Dostojewskis Traumwelt stand indes die raue Wirklichkeit St. Petersburgs gegenüber. Die war alles andere als dafür geschaffen, die Bühne für eine hingebungsvolle Liebe zu bieten. Die Stadt war Regierungssitz, die gesamte Verwaltung und das Militär dort angesiedelt. Uniformen prägten das Stadtbild. Der männlich dominierte Charakter der Stadt war dem geschuldet, dass drei Viertel der Einwohner St. Petersburgs männlichen Geschlechts waren.36 Möglicherweise stellte dieser Umstand gar kein Problem für Dostojewski dar. Riesenkampf wusste zu berichten: „Mit zwanzig Jahren suchen die jungen Leute gewöhnlich ihr Ideal bei den Frauen und laufen schönen Weibern nach. Auffallenderweise war bei Dostojewski nichts dergleichen wahrzunehmen. Er verhielt sich vollkommen gleichgültig in Hinsicht auf die Gesellschaft von Frauen.“ Diese Beobachtung passt sich gut in das kolportierte Bild eines zu dieser Zeit asexuellen Dostojewskis ein. Allerdings setzt sich das Zitat, mit einem gern unterschlagenen Zweifel, fort: „Aber vielleicht hat er auch in der Beziehung manches verheimlicht; wenigstens wunderte es mich, dass er sich so sehr für die Gedichte des verliebten P. Suschkow einsetzte, die bekanntlich an die Schauspielerin Asenkowa gerichtet waren. Besonders die eine Romanze liebte er: `Vergib mir, wunderbares Wesen`, die er fortwährend vor sich hin summte.“ Darüber hinaus erinnerte er sich, dass Dostojewski durchweg große Neugier für die Liebeleien seiner Kameraden aufbrachte.

Mitte des Jahres 1844 beantragte Dostojewski seine Entlassung aus dem Dienst als technischer Zeichner. „Langweilig wie jeden Tag Kartoffeln essen“, sei ihm sein Posten geworden.

Die zunehmend engere Freundschaft mit Grigorowitsch versprach da mehr. Der führte Dostojewski in aristokratische Literaturkreise ein. Grigorowitsch sei dabei „etwas zu viel in Gesellschaft“ gegangen. Gerade das tat Dostojewski aus eigenem Antrieb eher nicht.

Den Zeitpunkt seiner ersehnten Befreiung aus den Fängen der Tristesse vor Augen bahnten sich hauchdünne Anwandlungen in Sachen Weiblichkeit an. Eventuell war es die Aussicht auf ein freies Leben, die ihn veranlasste, nun zumindest die Nähe zur Weiblichkeit zu suchen, inwieweit sexuell ambitioniert bleibt ungewiss.

„Sobald die Dienststunden zu Ende kommen, laufe ich nach Hause in mein Dachzimmer, ziehe meinen durchlöcherten Schlafmantel an, öffne Schiller und träume, schwelge und leide Schmerzen, die süßer sind als alle Freuden der Welt, und gebe mich der Liebe hin, der Liebe (…),und stelle mir irgendeine Elisabeth, Luise, Amalia vor. Aber die echte Amalia übersah ich, und dabei lebte sie neben mir. (…) Wie viele Romane haben wir nicht zusammen gelesen. Wir lasen zusammen die Geschichte der Clara Mowbray und (…) gaben uns ganz unseren Gefühlen hin, so sehr, dass ich mich auch jetzt noch an diese Abende nicht ohne nervöse Erschütterung erinnern kann.“ In seinen Erinnerungen nannte Dostojewski seine Gefährtin, in Anlehnung an Schiller, Amalia. Beim Schwelgen in romantischer Lektüre entging es ihm, dass sich seine Amalia in ihn verliebt hatte.37 Selbst in der Gegenwart einer jungen Frau verließ Dostojewski sein Schneckenhaus nicht, war sein Blick nicht frei für das eigene Leben. Diese spezielle Art einer Romanze ist nüchtern zu bilanzieren. Seine Amalia, die in Wirklichkeit Nadja hieß, heiratete. Sie verloren sich aus den Augen.

Seit März 1844 wohnte Dostojewski erstmals allein in einer Wohnung. Riesenkampf hatte Petersburg verlassen. Insofern ist die Amalia-Episode mit gutem Gewissen in diesem Zeitraum anzusiedeln. Hiermit stünden sich Riesenkampfs Eindruck, Dostojewski besäße ein gewisses Desinteresse an Frauen und Dostojewskis Beschreibung nicht widersprüchlich gegenüber.

Was Dostojewski dazu bewog, aktiv den Kontakt zum weiblichen Geschlecht anzustreben, ist bloß bedingt fassbar. Seine beständigen Ausflüge in die Schenken der Erniedrigten im Heumarktviertel ermöglichten ihm problemlos Begegnungen mit gefallenen Mädchen. Eine Scheu vor deren Welt bestand nicht. Aus seinen imaginären Welten reißen, konnten ihn die herben Wirklichkeiten nicht. Reale Sequenzen schienen seine Tagträumereien lediglich auszuschmücken, anstatt sie aufzubrechen.

Seinem Entlassungsantrag wurde im Oktober 1844 stattgegeben. Dostojewski sah sich am Ziel - keine Verpflichtungen mehr. Endlich gehörte er zu dem recht neuen Berufsstand der Schriftsteller. Er war frei und konnte sich augenblicklich seinem unabwendbaren Bedürfnis, dem Schreiben, hingeben. Zu leben verstand er allerdings wenig. Eine waghalsige Symbiose aus Wunsch und Notwendigkeit, die er wählte, indem er einem beliebten Mythos des 19. Jahrhunderts erlag. Die Legende vom Künstler, der vor allem danach strebte, jene Lebensweise zu finden, die seiner Kunst am zuträglichsten war und radikal genug, sich ausschließlich seiner Kunst verpflichtet zu fühlen. Dieser Mythos ruinierte Menschen, riss sie zumindest aus ihren normalen Beziehungen, und manchen, der ihn reklamierte, stürzte er in größte seelische Konflikte. Ungünstigerweise befand sich Dostojewski schon zu Beginn seines Unterfangens in nicht gerade gediegenen Verhältnissen. Seelische Kalamitäten begleiteten ihn längst.

Die Umstände seines Daseins lagen bisher nur vereinzelt in seiner Hand. Elterliche Unterstützung, finanziell wie emotional, blieb ihm vorenthalten. Eine bedenkliche Melange, deren Herausforderungen für seine an Krücken laufende Psyche, wahrlich nicht leicht zu bewältigen schienen. Dostojewskis völlige Überspanntheit würde ihn hindern, sich in der Profanität des Lebens zu behaupten. Aus seiner Sicht jedoch alternativlos.

Mit Texten für Zeitungen und Magazine hielt er sich über Wasser. Gegen Ende 1844 hatte der Winter Petersburg fest im Griff. Bei minus zwanzig Grad stand er nachts an der Newa. „In mir regte sich gerade ein seltsamer Gedanke. Ich fuhr zusammen, und mir war, als durchströmte mein Herz in diesem Augenblick eine Welle heißen Blutes, das plötzlich durch ein mächtiges, mir bis dahin unbekanntes Gefühl aufgewallt war. In diesem Augenblick glaubte ich etwas zu verstehen, was ich bis dahin nur undeutlich geahnt, aber doch nicht begriffen hatte; mir war, als erblickte ich etwas Neues, eine vollkommen andere Welt, von der ich nichts wusste und die ich nur von dunklen Gerüchten und geheimnisvollen Andeutungen her kannte. Ich glaube, in diesem Augenblick begann mein Dasein.“38

Eine existenzielle und emotionale Zäsur war für das neue Jahr eingeläutet.

Nach langer Arbeit stellte Dostojewski im Juni 1845 seinen ersten Roman mit dem Titel Arme Leute fertig. Seinem Freund Grigorowitsch las er daraus vor. Der nahm das Manuskript mit zu Nikolai Nekrassow, bei dem er gerade wohnte. Den Fortgang schilderte Dostojewski 1873 rückblickend immer noch emotional besetzt. „Da stürzen schon Grigorowitsch und Nekrassow herein, fallen über mich her, umarmen mich mit wahrer Begeisterung. Sie waren am Abend zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript zu lesen angefangen, nur zur Probe. Dann aber lasen sie schon ohne Unterbrechung die ganze Nacht durch bis zum Morgen. Als sie zu Ende gelesen hatten, beschlossen sie einstimmig, sofort mich aufzusuchen.“39 Es war der eruptive Startschuss für eine der prägendsten Begegnungen in Dostojewskis Leben. Nekrassow brachte das Manuskript noch am selben Tage zu Wissarion Belinski, den damals führenden Literaturkritiker Russlands. Nach dem Lesen ließ Belinski Dostojewski zu sich holen. „`Ja, begreifen Sie denn überhaupt selbst, was Sie da geschrieben haben!` schrie Belinski. `Sie haben nur mit unmittelbarem Instinkt, nur als Künstler das schreiben können.` Ich verließ ihn wie in einem Rausch.“40

Längst vor der Veröffentlichung wurde Arme Leute ein Riesenerfolg und eines der Top-Themen unter den Literaturgrößen in den Literatur-Zirkeln St. Petersburgs. Dostojewski hielt sich in Folge recht oft bei Belinski auf. Der nahm den jungen Dostojewski, um dessen Werdegang außerordentlich bemüht, anfangs unter seine Fittiche. „Du musst wissen, dass Belinski mir vor zwei Wochen eine umfassende Anleitung gegeben hat, wie man sich in unserer literarischen Welt zurechtfindet“, ließ er seinen Bruder Michael wissen. Dostojewski erlebte Belinski streckenweise als eine Art Vaterfigur. Eine ideologische Übereinstimmung der beiden bestand nie, für kurze Zeit allerdings zweifelsfrei Schnittmengen,41 so beim Werk George Sands. Es „spielte für die Geistesgeschichte im Russland des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Jeder Roman war ein Ereignis und wurde leidenschaftlich diskutiert.“42 Ebenso im Kreise Belinskis.

Seinen Bruder Michail forderte Dostojewski im Oktober 1845 auf, unbedingt Teverino zu lesen. „Dergleichen hat es in unserem Jahrhundert noch nicht gegeben. Es kommen darin wahre Urbilder von Menschen vor.“ Die Eindimensionalität des tradierten Frauenbildes lehnte Sand ab. In ihren Romanen regte sie an, persönlicher Vielschichtigkeit mehr Platz einzuräumen. Eine Essenz, die Dostojewski scheinbar zeitlebens unterschrieben hätte. Belinski und er lagen zu dieser Zeit in der Bewertung von Sands Werk dicht beieinander. Trotz neuzeitlicher Auffassungen entsprach Dostojewskis Sicht auf die Frau längst orthodoxen Grundsätzen.

Wesentliche Ausdifferenzierungen fehlten Sands Oeuvre, da es nicht die essenziell notwendige Tiefe besaß, die Dostojewskis Frauenbild störend hätte berühren können. Soll sich die Frau doch frei in und für Liebe entscheiden. Wenn es alsdann in der Ehe sein glückliches Ende fände, wäre Dostojewski zufrieden. Exakt das bot Sand, denn ab 1836 endeten nahezu all ihre Protagonisten im Hafen der Ehe. Der Dissens zwischen Sands und seinen Glaubenssätzen trat nicht zutage und galt es somit nicht auszufechten.

Belinskis Blick würde in Sachen Unabhängigkeit der Frau über Sands Horizont hinausreichen. Den orthodoxen Weg, notfalls durch demutsvolles Leiden zu innerlicher Zufriedenheit zu gelangen, war für ihn nicht akzeptabel. Stieße die Entwicklung der Frau an gesellschaftliche Grenzen, so stünden diese eben zur Disposition.

Die Vielzahl eindrucksvoller Erlebnisse erschöpfte Dostojewski. Der Erfolg trug ihn auf einer Welle, die recht schnell im Sande zu versiegen drohte. Dieser Situation stand er hilflos gegenüber. Für ausgesuchte Meinungsbildung oder nüchterne Selbstreflexion ließen ihm sein Triumph und das Gezerre an seiner Person keine Luft. „Vielleicht dachte Dostojewski anders als sie, aber er war zu jung und zu scheu, als dass er seine Ansichten laut ausgesprochen und zu egoistisch, als das er sich ihrem Gespött hätte aussetzen wollen.“

Sein Tagesgeschäft bestand darin, Einladungen zu folgen, in diverse gesellschaftliche Kreise eingeführt zu werden, sich bestaunen, hofieren sowie mit Lob überhäufen zu lassen. Als Held gefeiert, hielt er sich in seiner Hybris problematischer Weise selbst für einen.

Seine hochdefizitäre Fähigkeit zur Selbststeuerung wurde einer gnadenlosen Probe unterzogen, die einen reifen und gefestigten Menschen gleichfalls in große Gefahr gebracht hätte. Es katapultierte den Einsiedler innerhalb eines Tages in die Welt der intellektuellen Hochkultur. Der Biograph H. Troyat brachte es in seiner Dostojewski-Biographie auf den Punkt: „Er ist mit seinen Nerven am Ende, weiß nicht mehr, was er tut, noch was er will.“43

Eines Abends im November 1845 hatten seine Freunde Nekrassow und Grigorowitsch ihn im Schlepptau. Ihr Ziel, der literarische Zirkel der Panajews. Dort verkehrten die bedeutendsten Schriftsteller Russlands. Derartige Diskussionszirkel standen in der Tradition des russischen Adels. Dort traf sich ein „auserwählter, auf einen Kodex von Konventionen festgelegter Kreis, der ein kulturelles Eigenleben führte und daraus ein Elitebewusstsein schöpfte.“44 Dostojewski, nervlich angeschlagen, hatte sich einstweilen in der nächsten, ihm gänzlich fremden Welt, zu bewähren.

Platonisch - Panajewa

Die Seele des Zirkels war Panajews Frau, Jewdokija Jakowlewna Panajewa. Wer war diese, außerdem von Belinski, Herzen und Tschernyschewski verehrte Frau?

Die Panajewa wurde 1820 in einer Familie populärer Schauspieler in St. Petersburg geboren. Beschulung genoss sie durch das Elternhaus. Auf Drängen ihrer despotischen Mutter besuchte sie die Ballettklasse der St. Petersburger Theaterschule. Ein Schwerpunkt dieser Schule lag darin, die Schülerinnen zu bescheidener demutsvoller Konversation zu befähigen, um die Chancen zu erhöhen, einen Mäzen für ihre Kunst zu gewinnen. Auf ihren desinteressierten Vater konnte sie nicht bauen, um aus dieser freudlosen Kindheit, wie sie sie in ihrem ersten Buch beschrieb, zu entfliehen. Der einzige Ausweg, den sie zu sehen vermochte, war die Ehe. Keine 19 Jahre jung, heiratete sie 1839 den wohlhabenden Journalisten Ivan Panajew. Mit der Heirat trat sie unvermittelt in den Kreis seiner literarischen Freunde ein. Auf viele der Gäste wirkte sie von Anbeginn ausnehmend anziehend. Die gegenseitige Anziehung in ihrer Ehe ließ andererseits schnell nach. Panajew galt nach Worten seiner Zeitgenossen als Blender. Schon in den ersten Monaten verlor er das Interesse an seiner Frau und machte ihr damit das Leben schwer. Die schöne junge Frau blieb ohne Schutz in ihrer Ehe, die keine mehr war. 1842/43 lernte sie den Dichter Nekrassow kennen. Zu dieser Zeit schenkte ihr der Dandy Panajew bereits keine Beachtung mehr. Der inzwischen beständige Gast des Salons, Nekrassow, hatte sich, das erkennend, heftig um Panajewas Gunst bemüht. Über die Zeit war er erfolgreich. Spätestens mit dem Jahr 1844 galten Panajewa und Nekrassow als Paar. In den literarischen Kreisen war ihre Beziehung längst ein offenes Geheimnis. Alsbald würde Nekrassow zusammen mit dem Ehepaar Panajew in einer Wohnung leben. Ein neues Quartier bezogen sie gleichfalls zu dritt. Bereits das Jahr 1845 war für Panajewa schon kein Jahr mehr der Zufriedenheit oder des Einklangs.

Eine für damalige Gepflogenheiten ungeheuerliche Konstellation. In Verbindung mit einer attraktiven selbstbewussten Frau, die sich scheinbar nahm, was sie wollte, öffnete es Spekulationen Tür und Tor. Oft wurde zu jener Zeit die Frau zum Engel im Haus stilisiert, ausgestattet mit friedfertigem Gemüt und einer derart ausgeprägten Fähigkeit zur Zurückstellung ihres Sexus, dass sie in Bezug auf ihre Sexualität regelrecht kühl erscheinen konnte. Als Pendant galt die triebhafte Frau, die als sozial minderwertig oder psychisch krank stigmatisiert wurde, als Hure. In diesem Spannungsfeld öffentlicher Wertung hatte sich Panajewa zu behaupten. Um sich die Außergewöhnlichkeit einer solchen Lebensführung vor Augen zu führen, ist ein Blick auf die gesellschaftlichen Wirklichkeiten dienlich. Es war eine Zeit, da Gutsbesitzer ihre Leibeigenen bei jedem Wetter im Garten den ganzen Tag als Statue stehen ließen, weil es billiger war, als echte zu kaufen. Frauen Leibeigener konnten aus jeder Ehe, jeder Familie ungefragt herausgerissen und verkauft werden. Bei einem guten Preis erzielte eine intelligente ansehnliche Frau, bestenfalls ein Viertel dessen, was für ein gutes Pferd zu bezahlen war. Frauen, deren Ehemänner beim Militär ihren Dienst leisteten, waren gegebenenfalls der Willkür ihres Dorfes ausgeliefert, da sie in dieser Zeit unter einem nahezu rechtsfreien Status litten.

Die sechsundzwanzigjährige Panajewa reichte also Dostojewski zur Begrüßung ihre schmale Hand. Ihr prachtvolles meergrünes mit Spitzen besetztes Seidenkleid betonte die schlanke Figur. Ihr Dekolleté mit zarter, marmorweißer Haut, feinem Hals und ihre Ohren mit Brillanten geschmückt. Ein stolzes, energisches Kinn, kleine schwellende Lippen, schmale, klassisch geformte Nase, reine, hohe, alabasterweiße Stirn, glänzende schwarze Haare und die Augen, groß, dunkel, tief wie die Nacht.45 Intellektuell versiert, dagegen gesellschaftlich unbeholfen, wurde Dostojewski mit anmutiger weiblicher Ästhetik konfrontiert und dies in einem für ihn neuen nicht handhabbaren Umfeld. Eine Bewährungsprobe, die er nicht bestehen würde.

Augenblicklich erfasste Panajewa, dass es sich bei diesem nervösen Wesen, um einen bis aufs Äußerste reizbaren Menschen handelte. „Er war nicht groß, ziemlich mager, mattblond und sein Teint der eines Kranken. Seine kleinen grauen Augen wanderten unruhig von einem Gegenstand zum anderen, und seine fahlen Lippen verzerrten sich regelmäßig in raschem Zucken.“46 Die krankhafte Erregbarkeit des neuen Sterns am Literaturhimmel sprach sich herum. Dostojewski höchst selbst räumte sie in Briefen wiederholt ein. „Ich war übertrieben reizbar, hatte eine krankhaft entwickelte Empfindlichkeit und die Fähigkeit, die gewöhnlichsten Vorfälle ins Unermessliche zu zerren.“ Panajewa beschrieb das peinliche Resultat seiner Überforderung: „Er kannte fast alle unsere Gäste persönlich, aber er war offenkundig verwirrt und nahm nicht am Gespräch teil. Alle bemühten sich um ihn, versuchten, ihm seine Scheu zu nehmen und ihn fühlen zu lassen, dass er dazugehörte“, einschließlich Panajewa. Das sanfte gutmütige Bemühen einer schönen gebildeten Frau ihm gegenüber, wird ihn an die Grenze des Erträglichen geführt, förmlich paralysiert haben.

Den Salon hinter sich lassend, befreit von menschlicher Gesellschaft, zog er sich abermals in seinen Elfenbeinturm zurück. Nach dieser kläglichen Premiere überrascht die Schilderung des Erlebten gegenüber seinem Bruder Michail. Wenige Stunden nach seinem Auftritt besaß Dostojewski die Chuzpe, wie Phönix aus der Asche steigend, verklärend Folgendes kundzutun: „Gestern war ich zum ersten Mal bei Panajew und habe mich, wie es scheint, in seine Frau verliebt (sie ist berühmt in Petersburg). Sie ist klug, hübsch und außerdem über alle Maßen liebenswürdig und aufrichtig. Die Zeit verbringe ich fröhlich.“47 Da saß er verunsichert bis verstört bei der Panajewa auf seinem Stuhl und rührte sich nicht, dennoch gab er kühn vor, diese Augenblicke fröhlich verbracht zu haben. Seine Äußerungen wurden scheinbar bloß in ausgesuchten Teilen den Tatsachen gerecht. Darüber hinaus griff Dostojewski in dem Brief seine vorgeblich neue Liebe bis auf dieses Zitat in keiner Weise nochmalig auf.

Was war die Ursache für die Losgelöstheit, dieser nahezu asketischen Kürze der Anmerkung? Was trieb ihn zu einer derartig unvermittelten, überhaupt nicht im Kontext des Briefes verhafteten Äußerung, zumal in Anbetracht der tatsächlichen Geschehnisse? Eine attraktive und mit Literatur vertraute Frau soll ihm den Kopf verdreht haben. Auf Grund des Verlaufes dieses Antrittsbesuches wahrlich ein schwer begreifliches Erleben. Vielleicht beantwortet eine Äußerung von ihm in anderer Sache diese Fragen: „Beim Mangel an äußeren Erlebnissen, werden die inneren Erlebnisse immer Oberhand gewinnen, was höchst gefährlich ist.“48

Des Öfteren finden sich Wertungen in der Sekundärliteratur, die die Panajewa als seine erste große Liebe eingeordnet wissen wollen. Wenn damit ein ambitioniert pubertärer zutiefst platonischer Affekt auf das Niveau von Liebe gehoben werden soll; ja. Dostojewskis spröder Liebesbekundung, nachsichtig ein wenig mehr Emotionalität zugeschrieben, wäre der Begriff Sehnsucht sicherlich ein vertretbares und zugleich maximales Entgegenkommen. Sein infantil anmutender, in Klammern gesetzter, Verweis auf Panajewas Berühmtheit legt die nächste Spekulation aufs Tapet. Wieder bringt sie das Wort Sehnsucht ins Spiel, gleichwohl nicht die Sehnsucht seiner Libido. Dieser gesonderte Verweis lässt einen weiteren Ursprung seines Verlangens mehr als durchschimmern - einen Drang nach gesellschaftlicher Anerkennung, dem Anschluss an bessere Kreise. Übrigens zeitlebens.

Vor diesem diffusen Hintergrund könnte er sich gar dazu entschlossen haben sich kurzerhand ins Verliebtsein zu verlieben. Immerhin avancierte er innerhalb der letzten vier Monate geradewegs zum Helden der literarischen Gesellschaft, somit all den Größen der Literatur ebenbürtig. Seit dem Sommer wusste er nicht, wo ihm der Kopf oder er selber stand. Mit seiner nicht ausschließlich in Unsicherheit und Überspanntheit begründeten Vermessenheit war er sich oft im Weg. Den Umständen ausgeliefert, war er Getriebener, das Heft des Handelns nicht in der Hand.

Wie hätte der junge psychisch Derangierte just etwas angemessen einordnen können, das ihm bisher völlig fremd war, weibliche Nähe, Gewogenheit und Zugewandtheit, mit Ausnahme mütterlicher Ausrichtung. Panajewas schützende Gunst gegenüber dem hilflos anmutenden Gast kann von dem Überforderten falsch eingeordnet worden sein. Ihre Zuwendung ließ ihn mutmaßen, er besäße einen Status, der ihn für eine solche Frau qualifiziere. Ein derartig verzerrtes Wahrnehmungskonstrukt scheint in Anbetracht der unvermittelten Herausgerissenheit seiner Anmerkung in seinem Brief nicht abwegig. Dostojewski konnte demnach außerordentlich erhebenden, sowie unbekannten Gefühlen ausgesetzt gewesen sein, die er abermals nicht gebührend zu werten vermochte.

Awdotja Jakowlewna Panajewa (1820 - 1893)

Der Umstand der Dreierbeziehung Panajewas war allgemein bekannt. Diese spezielle Konstellation kam Dostojewskis damaliger weltentrückter Lebensauffassung entgegen und bremste den moralinen Idealisten nicht aus. Sie weckte sein Interesse, provozierte eine abstrakte Zuneigung. Sein orthodoxer noch nicht zur Gänze entfalteter Glauben wurde vordringlich von romantischen und sozial-utopischen Idealen überlagert. Er fühlte sich womöglich angehalten, sich dem von Panajew, Nekrassow und Panajewa gelebten Modell anzuschließen; sozusagen per innerem Dekret. Er sei eben gegenwärtig verliebt. Dergestalt wäre er Bestandteil seiner eigenen Illusion gewesen. Diese Gemengelage bot einen exzellenten Nährboden, um Panajewa idealtypisch in diese konstruierte Welt zu setzen, denn Panajewa lebte scheinbar die Idee von Sand und Fourier. Sand propagierte die freie Entscheidung der Frau in der Liebe, Fourier eine Partnerschaftskultur, in der die Liebesbeziehungen frei gelebt wurden. Dem derzeitigen Stern am Petersburger Literaturhimmel war diese schöne, begehrte Frau gerade gut genug.

Zunächst wirken die zwei Ansätze Dostojewskis Schwärmerei unstimmig, da seine Begeisterung für George Sands Typen „mit ihrer so reinlichen Sittlichkeit“ recht tief saß. Der durchgeistigte Schriftsteller verwarf diese Sittlichkeit sicherlich nicht einfach durch das Auftreten der emanzipiert anmutenden Panajewa. Nach Sand sollte die freie Entscheidung in der Liebe im Konstrukt der Ehe münden. Aus dieser moralisch-ideologischen Falle konnte er sich mittels Fourier ein Gebilde der innerlichen Rechtfertigung entworfen haben. Denn der nicht an Dogmatismus interessierte Fourier konstatierte, es stehe jedem Paar unbesehen frei, den Ehebund einzugehen. Unklar bleibt dennoch: Was sprach ihn zuvorderst an, Panajewa als die zu Fleisch gewordene Ideologie oder das Weib?

Die auffallend lakonische Erwähnung seiner Liebe, dazu der unter Umständen ersten, gegenüber seinem einzigen wahrhaft Vertrauten, nährt die Annahme, dass Dostojewskis Libido außen vor blieb. Dostojewskis Eros schwieg. Wenig vertraut mit dem Erfahren und angemessener Wertung weiblicher Zuwendung war er seinen Gefühlen ausgeliefert, die wie so oft den Blick für das tatsächliche Maß der Dinge trübten. Turgenjew beschrieb Panajewa als ein „(soi dit entre nous) grobes, beschränktes, böses, launisches, jeder Weiblichkeit bares, aber absolut kokettes Geschöpf“.49 Auf ein kokettes Verhalten Panajewas wies an diesem Abend nichts hin. Ihr zu begegnen, genügte Dostojewski für eine Schwärmerei. Nur - er schwärmte nicht.

Panajewa: „Dostojewski suchte uns des Abends häufig auf. Seine Vergangenheit war verschwunden, er entwickelte sogar einen ziemlich streitsüchtigen Geist, brach mit all und jedem die Diskussion vom Zaun und widersprach starrköpfig.“50 Sein Verhalten glich dem verzweifelten Armrudern eines Ertrinkenden; hilfloses Agieren in einem fremden Metier. Andererseits war Dostojewski Selbstüberhöhung aus innerster Überzeugung nicht fremd. Ob das ein erfolgversprechender Weg sein konnte, um bei seiner mutmaßlichen Liebe Eindruck zu schinden, scheint zweifelhaft. Vielmehr wird es ihm oft unliebsam aufgestoßen sein, wie unerreichbar die Panajewa für ihn war und seine idealisierten Hirngespinste nichts weiter als emotionale Irrlichter darstellten. Er erwähnte seine Liebe lediglich gegenüber seinem Bruder Michael. Wo er sich ansonsten schnell in himmelerweichendem Wehklagen oder cholerischem Frohlocken erging, herrschte Stille. Dostojewskis innere Emigration, nervliche Zerrüttung, Selbstüberschätzung und Alltagsuntauglichkeit verbargen sein obskures Verliebtsein nicht. Panajewa war er in diesem Rahmen nicht gewachsen, gleichsam allgemeinen Konversations-Formen. Seine orthodoxe Erziehung, in der dem Leid eine wesentliche Bedeutung zugesprochen wurde, traf auf sein romantisch idealistisches Weltbild. In der galt es als schicklich, sich in seinem Leid mit der Intention zu versenken, sich im Kummer zu erleben. Die Suche nach dem Leiden war ihm außerdem eine Lust. „Das ist nicht mehr veraltetes Christentum, sondern dekadente Romantik.“51 Seine wiederholt damit einhergehende Tagträumerei beförderte ein Unvermögen mit dem Leben fertig zu werden. In diese Lebenslage manövrierte sich Dostojewski.

Eitelkeit kann, pointiert betrachtet, als Berufskrankheit von Schriftstellern, Malern und Schauspielern angesehen werden. Doch Dostojewski überspannte diesen Bogen. „Auf Grund seiner Jugend und Nervosität gelang es ihm nicht, sich Umgangsformen anzupassen, und begann seiner hohen Meinung von sich als Schriftsteller und seinem literarischen Talent Ausdruck zu verleihen. Überwältigt von seinem unerwarteten und bemerkenswerten ersten Schritt in der Literatur, überschüttet von Lob sachkundiger literarischer Kritiker, konnte er gegenüber anderen jungen Autoren, deren Laufbahn einen bescheidenen Anfang nahm, seinen Stolz nicht verbergen. Diese jungen Autoren waren leicht beleidigt, und es schien, als provozierte Dostojewski sie bewusst mit seinem verletzenden, hochfahrenden Auftreten, als wollte er demonstrieren, dass ihr Talent mit dem seinen gar nicht zu vergleichen sei.“52 Niedergeschrieben von einer Frau, die für ihn Mitleid empfand - Panajewa. Das Urteil über sein Auftreten hätte wesentlicher vernichtender ausfallen können. Für die Deutung subtil vermittelter Zuneigung fand sich in einer solchen Beschreibung dennoch kein Platz. Dostojewski dürfte zu keinem Zeitpunkt in den Augen Panajewas als männliches Objekt weiblicher Begierde wahrgenommen worden sein.

Zwischen interessant und unterhaltsam bewegen sich zwei weitere, das Spektrum erweiternde, Einschätzungen zur Panajewa-Episode. Diese Wertungen stammen von Personen, die Dostojewski nahe standen; seiner zweiten Ehefrau sowie seiner Tochter Ljubow. Beide Würdigungen bergen die Widrigkeit in sich, dass die sich Äußernden im Spätsommer 1846 nicht einmal geboren waren. Insofern sind sie bestenfalls als Meinungen zu begreifen, die um eine positive Reputation des Romanciers bemüht waren. Dostojewskis Tochter ordnete die von ihrem Vater erklärte Liebe als eine von Libido freie Wertschätzung ein. „Seine Entwicklung war der eines Gymnasiasten gleich, der die Frauen von weitem bewundert, sie fürchtet, aber ihrer nicht bedarf. Die Kollegen meines Vaters, die Anekdoten über seine Ohnmachten zu Füßen junger Schönheiten erfanden, hatten wohl diese sonderbare Schüchternheit vor Frauen bemerkt.“53

Die Einschätzungen von Dostojewskis Tochter Ljubow stehen unter dem ernstzunehmenden Muss, mit Vorbehalt gelesen zu werden. Als Dostojewski starb, zählte sie elf Lenze. Vieles sind keine Erinnerungen, sondern schlichtes Fabulieren, das dazu dem ausgeprägten Muster der Schönfärberei unterlag, begründet in einer überzogenen Loyalität zu ihrem Vater. Glorifizierung ihres Vaters und Diffamierung jener, die einer solchen entgegenstanden, stellen den Tenor ihrer Aufzeichnungen dar, die den zwangsläufig gewöhnlichen Grad von Subjektivität erheblich übersteigen. Beispielhaft angeführt sei die Unterstellung, Ohnmachten wären erfunden worden. Hintergrund dieser eigenwilligen Auslegung war ein Vorfall, der sich zum Jahresanfang 1846 zutrug. „Während eines Empfangs nimmt man ihn beiseite, um ihn der bekannten jungen Schönheit Sonjawina vorzustellen. Er steht einem jungen Mädchen mit Babylippen, schweren blonden Locken und ruhigen, kalten Augen gegenüber. Sie schickt sich an, ihm eines dieser Schablonenkomplimente hinzuwerfen. Er wankt und verliert das Bewusstsein. Man trägt ihn in das Nebenzimmer.“54 Möglicherweise war er bei seiner ersten Begegnung mit Panajewa einer solchen Zuspitzung nur um Haaresbreite entgangen.

Nicht minder schwierig in ihrer apodiktischen Manier, äußerte sich seine zweite Frau Anna zu Panajewa. In ihren Memoiren erklärte sie, die Zuneigung zur Panajewa sei flüchtiger Art und Dostojewskis einzige in seinen jungen Jahren gewesen. Leidenschaften die Dostojewski nicht leidenschaftlich lebte, einschließlich Annäherungsversuchen, die erfolglos verliefen, finden sich in den Aufzeichnungen Dostojewskajas grundsätzlich verbrämt. Der strategische Charakter dieser Schwäche zeigt sich im Vergleich der Endfassung mit Teilen der ursprünglichen Fassung ihrer hernach veröffentlichten Erinnerungen. Der Kontrast zur letztendlich herausgegebenen Variante offenbart einiges an Glättungen. Gleich dem, wie breit gefächert die Wertung der Bekanntschaft Panajewa - Dostojewski ausfällt, zweifelsfrei scheint, dass der Dichter mit seiner Schwäche für Panajewa erstmals einem Frauentypus begegnete, der ihn nicht das letzte Mal in seinen Bann ziehen würde.