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Was will der attraktive Fremde aus Amerika bloß in unserem idyllischen Heidedorf?, fragt sich Gerlinde Semmelweiß, die Haushälterin der beiden Landärzte von Altenhagen. Angeblich sucht er Ruhe und Erholung, aber Gerlinde glaubt nicht, dass dies der einzige Grund ist. Denn er erkundigt sich auffallend oft nach einem Verbrechen, das vor über zwanzig Jahren in Altenhagen geschehen ist. Damals hat man den kleinen Sohn der Schlüters entführt.
Die Haushälterin beschließt, dem jungen Mann auf der Spur zu bleiben ...
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens
Altenhagen – Tor zum 7. Himmel
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Syda Productions / shutterstock
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-6001-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens:
Dr. Karsten Fabian – Arzt mit Leib und Seele, ehemals Chirurg im Elbe-Krankenhaus.
Florentine Fabian – geborene Fiedler, seine immer vergnügte, bildhübsche Frau.
Svenja, Tim und Jan – die aufgeweckten Kinder der Fabians, die von allen verwöhnt werden.
Dr. Albrecht Heideck – der ältere der beiden Landärzte, wohnt und praktiziert mit seinem jungen Kollegen in der Löwenvilla. Er ist Witwer.
Johannes Bruhns – Imker, Heidschnuckenzüchter und bester Freund von Dr. Heideck. Er kennt sich in der Naturheilkunde bestens aus.
Gerlinde Semmelweiß – Haushälterin in der Löwenvilla, abergläubisch und immer auf dem Laufenden, was Neuigkeiten im Dorf betrifft.
Schwester Bernhardine – unentbehrliche Helferin von Dr. Fabian und Dr. Heideck.
Helene Fromm
Altenhagen – Tor zum 7. Himmel
Doch ihre Liebe musste ein Geheimnis bleiben
Von Ina Ritter
Was will der attraktive Fremde aus Amerika bloß in unserem idyllischen Heidedorf?, fragt sich Gerlinde Semmelweiß, die Haushälterin der beiden Landärzte von Altenhagen. Angeblich sucht er Ruhe und Erholung, aber Gerlinde glaubt nicht, dass dies der einzige Grund ist. Denn er erkundigt sich auffallend oft nach einem Verbrechen, das vor über zwanzig Jahren in Altenhagen geschehen ist. Damals hat man den kleinen Sohn der Schlüters entführt.
Die Haushälterin beschließt, dem jungen Mann auf der Spur zu bleiben …
»Wo willst du so eilig hin?«, schrie Grete Roloff dem Briefträger zu, der hastig an ihr vorbeiradelte.
Erich Fahrenhold drehte nicht einmal den Kopf zu der alten Klatschbase herum. Wie alle in Altenhagen konnte er die spindeldürre Grete mit ihrer spitzen, gehässigen Zunge nicht leiden.
Die Klatschbase sah ihm einen Moment nach, dann setzte sie sich in Bewegung und rannte, so schnell ihre staksigen Beine es ihr erlaubten. Fahrenholds Ziel war das Haus der Familie Schlüter, stellte sie nach wenigen Hundert Metern erleichtert fest, denn lange hätte sie das Tempo nicht mehr durchgehalten.
Ob er ein Telegramm für sie hat?, überlegte sie. Vielleicht ist jemand aus der Familie gestorben? Nun, sie würde es bald wissen.
Der Briefträger klingelte Sturm an der Haustür, bevor er die Mütze abnahm und sich den Schweiß von der Stirn wischte.
Werner Schlüter öffnete und sah Erich erstaunt an.
»So früh schon?«, fragte er verwundert. »Wo brennt es denn?«
»Ich habe einen Brief für dich, diesmal aus Australien. Als ich eben die Post sortierte, dachte ich, den musst du Werner sofort bringen. Ob er wieder von ihm ist?«
Schlüter war blass geworden.
»Gib her!«, stieß er rau hervor und riss Fahrenhold fast das Luftpostschreiben aus der Hand.
Er spürte durch das dünne Papier, dass auch diesmal kein Foto dabei lag.
»Nun mach schon auf«, drängte Erich, genauso neugierig wie alle Altenhagener.
Es war für ihn selbstverständlich, Postkarten zu lesen, bevor er sie austrug, und deshalb war er, zum Beispiel, immer bestens über die Urlaubsziele der Dorfbewohner unterrichtet.
»Danke«, brachte Werner Schlüter tonlos hervor.
Er ging in die Küche und griff dort nach einem Messer, um den Umschlag aufzuschlitzen. Erich folgte ihm mit größter Selbstverständlichkeit. Schließlich hatte er ein gewisses Recht darauf, als Erster zu erfahren, ob der Kidnapper des Jungen sich wieder einmal gemeldet hatte. Die übrige Post konnte warten, die war bestimmt nicht so wichtig.
»Ein Brief von ihm?«, fragte Werner Schlüters Frau mit brüchiger Stimme.
Auch sie war blass geworden, als sie einen Blick auf den Umschlag geworfen hatte.
»Ich nehme es an.«
»Als Absender steht wieder Jack Smith drauf«, warf Erich Fahrenhold ein. »Was schreibt er denn diesmal?«
Endlich war es Werners zitternden Händen gelungen, den dünnen Umschlag aufzuschlitzen. Er zog zwei bedruckte Blätter heraus.
Ungeniert stellte sich der Briefträger hinter ihn, um über seinen Rücken hinweg mitlesen zu können.
»Eurem Jungen geht es gut«, erklärte er Gertrud. »Er hat sein Examen an der Universität mit Auszeichnung bestanden. Na ja, bei den Eltern«, schmeichelte er.
»Und wann … schreibt er, wann er ihn zurückgibt?«, hauchte Gertrud. Ihre Kraft reichte nicht, um mit normaler Stimmstärke zu sprechen.
»Nein, nicht direkt. Er schreibt lediglich, dass er schwerkrank ist.«
»Hoffentlich fährt er bald zur Hölle«, knirschte Werner, ein durch und durch gutmütiger Mensch, der keinem etwas Böses wünschte.
Mit einer Ausnahme. Dem Mann, der ihnen vor vielen, vielen Jahren den kleinen Martin geraubt hatte, wünschte er einen Platz in der Hölle, wo sie am heißesten war.
Werner reichte den Brief seiner Frau.
»Jetzt brauche ich einen Schnaps«, murmelte er, als er schwerfällig aufstand und zum Kühlschrank schlurfte.
»Den kann man zu jeder Tageszeit vertragen«, unterstützte Erich Fahrenhold ihn und leckte sich in der Vorfreude seine Lippen.
Er bekam häufig einen Schnaps angeboten und sagte grundsätzlich niemals Nein. Als Postbote war er schließlich zur Freundlichkeit verpflichtet.
Werner hatte ihn allerdings völlig vergessen, obwohl Fahrenhold direkt neben ihm stand. Er nahm nur ein Glas aus dem Schrank.
Als Erich das merkte, langte er selbst zu und hielt Werner Schlüter das eroberte Glas zum Füllen hin.
»Hauptsache ist doch, dass es eurem Jungen gut geht«, sagte er tröstend und nahm seinem unfreiwilligen Gastgeber die Flasche aus der Hand, als der ihm nur einen kleinen Schluck eingegossen hatte.
Wenn schon – denn schon, war Erichs Devise. Der Heidjer brannte zwar höllisch, aber Erich war ihn gewohnt. Und weil man bekanntlich auf einem Bein nicht gut stehen konnte, goss er sich noch ein zweites Mal ein.
»Wo er studiert hat, das wisst ihr nicht?«
»Nein. Darüber macht der verdammte Verbrecher keine Angaben.«
»Und die Polizei hat ihn immer noch nicht gefunden«, meldete sich Grete Roloff, die unbemerkt von den beiden schon längst in die Küche gekommen war.
Sie hatte alles mitbekommen. Ihre an einen Vogel erinnernden Augen glänzten sensationslüstern.
»Früher hat er doch manchmal ein Foto beigelegt.«
»Scher dich raus!«, schrie Werner sie wild an.
Entsetzt wich Grete zurück. Sie war sich keiner Schuld bewusst, schließlich hatte die Haustür offen gestanden.
»Ein Benehmen hast du … Martin kann froh sein, dass er nicht bei dir aufgewachsen ist.«
»Ich dreh dir gleich den Hals um«, drohte Werner, und er sah tatsächlich aus, als wäre das keine leere Drohung.
Grete machte eiligst kehrt und lief hinaus. Weitere Neuigkeiten konnte sie hier jetzt doch nicht erfahren, und als echtes Klatschmaul brannte sie darauf, die Sensation so schnell wie möglich weiterzuerzählen. Ihre erste Anlaufstelle war wie immer das Haus der beiden Landärzte, allgemein nur Löwenvilla genannt.
***
»Du kommst heute ja früh«, wunderte sich Gerlinde Semmelweiß, die Haushälterin, und musterte Grete von oben bis unten. »Bist ja ganz aus der Puste. Ist jemand hinter dir her?«
»Ich komme gerade von den Schlüters. Und was meinst du, was ich da gehört habe?«
»Ist die Gertrud womöglich krank?«
»Nein, sie haben einen Brief bekommen.«
»Na und? Wir kriegen hier jeden Tag stapelweise Briefe. Was stand denn wohl drin?«
»Martins Entführer hat sich wieder gemeldet.«
»Nein!« Inzwischen hatten die beiden die Küche erreicht, und Gerlinde ließ sich auf ihren angestammten Stuhl fallen. »Und was schreibt er diesmal? Will er den Jungen endlich zurückgeben? Aber wenn ich es mir richtig überlege, ein Junge kann er ja eigentlich nicht mehr sein. Wie lange ist das wohl so her? Über zwanzig Jahre«, gab sie selbst die Antwort.
»Genau zweiundzwanzig. Martin war knapp zwei, als der Kerl ihn geraubt hat. Dass die den nie gefasst haben … Aber bei unserer Polizei wundert mich das gar nicht.«
»Wenn er Martin doch ins Ausland gebracht hat …«
»Hat er das wirklich?«, fragte Grete und sah verlangend auf die Wurst, die auf dem Tisch lag. Gerlinde hatte noch keine Zeit gehabt, die Sachen vom Frühstückstisch in den Kühlschrank zu räumen. »Hast du vielleicht ne Tasse Kaffee für mich übrig?«
»Ist noch ein Rest in der Thermoskanne. Da muss er jetzt also vierundzwanzig sein. Und von wo kam der Brief diesmal?«
»Aus Australien.«
»Der Letzte kam doch aus Südafrika, nicht? Ob der so viel durch die Weltgeschichte reist?«
»Vielleicht macht er das nur, um seine Spuren zu verwischen. Der wohnt ganz woanders, und es sollte mich gar nicht wundern, würde er in Deutschland wohnen.«
»Meinst du?« Gerlinde Semmelweiß kratzte sich den Hinterkopf, wie immer, wenn sie ihre Denktätigkeit anregen wollte. »Wenn ich es mir so überlege … es könnte eigentlich durchaus sein. Und die Briefe aus aller Welt, die hat er nur geschickt, damit wir denken, dass er nicht hier bei uns wohnt. Er muss ja wohl ein ganz Gerissener sein.«
»Darauf kannst du dich verlassen. Aber jetzt ist er krank, schwerkrank, hat er geschrieben.«
»Ob der Martin weiß, dass er eigentlich hierhergehört?« Erneut kratzte sich Gerlinde den Hinterkopf.
»Ganz bestimmt nicht. Der wird wohl gar nicht wissen, wer er wirklich ist. Oder glaubst du, der Gangster hätte ihm auf die Nase gebunden, dass er ein geraubtes Kind ist?«
»Nee, das hat er bestimmt nicht getan. Schicksale gibt es, also, wenn ich das in der Zeitung lesen würde, dann würde ich bestimmt glauben, das hat einer nur erfunden. Ein Kindesräuber, der den armen Eltern Jahre später schreibt und sogar Fotos von dem Jungen beilegt … Also, so was habe ich noch nie nicht gehört.«
»Ganz schlecht scheint er demnach nicht zu sein. Hast du was dagegen, wenn ich mir eine Schnitte selbst mache? Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, wenn ich sehe, was hier alles so auf dem Tisch steht. Ihr lebt wirklich wie die Maden im Speck.«
»Dafür arbeiten wir auch schwer. Wer viel arbeitet, der soll auch gut essen. Du hast in deinem ganzen Leben noch nicht gearbeitet, nicht richtig, meine ich, und deshalb schadet es dir gar nichts, wenn du jetzt nichts hast. Könntest ja auch ne Putzstelle annehmen oder so was.«
»Wo ich so oft krank bin?«, fragte Grete Roloff ungekränkt, schnitt sich eine dünne Scheibe Brot ab und bestrich sie dick mit Butter und der hervorragend schmeckenden Leberwurst. Wurst und Schinken bezog man hier direkt von Gottlieb Fiedler, dem Vater der jungen Arztfrau Florentine Fabian.
»Ist nur noch ein kleiner Rest in der Kanne«, stellte sie fest. »Ich setze dann gleich noch Wasser auf, wenn du nichts dagegen hast.«
»Fühl dich hier nur wie zu Hause.«
Ironie lag Gerlinde Semmelweiß normalerweise weltenfern, und deshalb stutzte die Klatschbase auch prompt.
»Danke, davon mache ich gern Gebrauch«, erwiderte sie freundlich. »Ist das euer letzter Schinken? Dann sorg mal rechtzeitig für Nachschub. Oder willst du deinen Paul enttäuschen? Womöglich sucht er sich dann eine andere, die ihm guten Schinken vorsetzt. Du kennst ihn doch.«
»Paul geht dich gar nichts an«, schnaubte Gerlinde, an einem empfindlichen Punkt getroffen. Paul Gerber war ihr langjähriger Freund, aber leider sehr unzuverlässig und arbeitsscheu.
Vor allem hielt er nichts von Treue. Weil Gerlinde ihn wirklich gernhatte, war sie bisher immer bereit gewesen, ihm seine Ausrutscher zu verzeihen. Sie wusste, was sie von Paul zu halten hatte und mochte ihn trotzdem. Außerdem war sie eine Frau in den vielzitierten besten Jahren, und da hatte sie noch gewisse Wünsche, die Paul zu ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllte.
Aber davon verstand Grete Roloff nichts. Nach Gerlindes Meinung würde nur ein abartig veranlagter Mann die in sein Bett nehmen.
»Und was hat er sonst noch geschrieben, der Verbrecher, meine ich?«
»Nichts weiter. Nur dass Martin sein Universitätsexamen mit sehr guten Noten bestanden hat.«
»Und was hat er so studiert? Und wo?«
»Das hat er selbstverständlich nicht geschrieben. Er will ja nicht, dass man dadurch vielleicht auf seine Spur kommt. Du hast doch nichts dagegen?«
Ohne Gerlindes Antwort abzuwarten, schnitt sie sich eine neue Scheibe ab, wieder recht dünn. Wenn Gerlinde sie bediente, dann fielen die Brotscheiben in der Regel dick aus, der Belag dafür dünner.
»Wo du das alles nur lässt«, wunderte sich Gerlinde wieder einmal. »Isst wie ein Scheunendrescher und bleibst dünn wie eine Zaunlatte. Aber wahrscheinlich kommt das, weil du den ganzen Tag unterwegs bist und deine spitze Nase in die Angelegenheiten anderer Leute steckst.«
Grete lächelte ungerührt. Schließlich war Gerlinde genauso neugierig wie sie, hatte nur nicht die Zeit, so viel herumzulaufen. Als Paul Gerber jetzt hereinkam, schnitt sie unwillkürlich eine Grimasse. Sie mochte den Mann nicht, und das beruhte absolut auf Gegenseitigkeit. Ohne sie zu beachten, nahm Paul die füllige Haushälterin in den Arm und gab ihr einen herzhaften Kuss.
»Ich hab Besuch«, flüsterte Gerlinde verschämt.
»So? Ich sehe niemanden«, behauptete Paul, während sein Blick angewidert auf Grete Roloff ruhte. »Wie ich sehe, kochst du gerade frischen Kaffee. Du bist wirklich ein Schatz, Schnuckelchen. Woher wusstest du, dass ich heute Morgen früher kommen würde?«
»Gerlindes Verlangen hat dich wohl hergezogen. Es gibt ja so was wie Telepathie«, stichelte Grete.
»Jetzt wird es Zeit, dass du gehst«, teilte Gerlinde Semmelweiß der Klatschbase grimmig mit.
Sie wusste nicht, was Telepathie war, hielt es aber für irgendeinen Schweinkram, den die neidische Grete ihr unterstellte.
»Ich mache mir für unterwegs nur noch rasch ne Stulle fertig.«
»Und ich reiß erst mal das Fenster auf. Denn wo du bist, herrscht schlechte Luft«, knurrte Paul.
Grete lächelte ungerührt. Sie hatte ein unglaublich dickes Fell, an dem alle Beleidigungen wirkungslos abprallten.
»Dann wünsche ich euch beiden noch viel Vergnügen«, verabschiedete sie sich ein paar Minuten später. »Und vergesst nicht, die Tür abzuschließen.«
»Mach, dass du endlich rauskommst!« Ihre Unterstellung hatte Gerlinde die Zornröte ins Gesicht getrieben.
»Eigentlich gar keine schlechte Idee«, kommentierte Paul grinsend. »In der Thermoskanne bleibt der Kaffee warm. Jetzt habe ich erst mal Appetit auf ganz was anderes. Lass uns nach unten gehen, Schnuckelchen.«
