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Drago, ein kosovarischer Immigrant mit deutschem Pass, sitzt im Gefängnis, da er einmal mehr sich und seine Nerven nicht im Griff hatte. Mit nunmehr 30 Jahren steht er vor den Fragen des Lebens: Was war? Was ist? Und vor allem: Was soll werden? Um sich darüber Klarheit zu verschaffen, schildert er retrospektivisch sein Leben. Dabei erzählt er von seiner Kindheit, seiner Jugend und dem jungen Erwachsenenalter, wobei er das Heranwachsen in einem sozial benachteiligten Bezirk mit all seinen Problemen, aber auch all seinem Charme anschaulich beschreibt. Er spricht über seine Mitmenschen, die Gesellschaft, bekannte Persönlichkeiten und über sich selbst. Mal nachdenklich, mal hoffnungsvoll, mal verbittert, mal humorvoll, mal traurig, mal fröhlich - facettenreich wie das Leben.
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Seitenzahl: 1088
Veröffentlichungsjahr: 2013
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2013 united p. c. Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-85438-648-3
ISBN e-book: 978-3-7103-0129-2
Umschlagfoto: Stefan Kremer
Umschlaggestaltung, Layout & Satz:united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
Das Leben ist ein Kindergarten!
Kinder im Garten und worüber Mensch sich ärgert
Meine Erinnerungen reichen bis in die Zeit des Kindergartens zurück. Und ich erinnere mich an diese Zeit sehr gerne. Denn Kindern ist es egal ob ihr Spielgefährte blonde, braune, rote oder schwarze Haare hat, ob die Augen blau, grau, grün oder braun sind. Ob die Haut hell, dunkler, farbig oder braun ist. Es kommt darauf an, dass man sich versteht. Dass man sich mag und miteinander spielt.
Ich bin in diesen Jahren meistens um kurz vor acht aufgestanden. Kurz vor neun war ich dann im Kindergarten. Wir haben zusammen gesungen. Kinderlieder, Volkslieder, je nach Anlass auch Geburtstagsständchen oder Oster- und Weihnachtslieder. Wir hatten Puzzle, Gesellschafts- und Kartenspiele, Stofftiere, Schaukelpferde. Und draußen hatten wir einen richtigen kleinen Abenteuerspielplatz: Schaukeln, Rutschen, Wippen, Sandkästen mit Förmchen und Schüppchen. Leider durften wir in meinem ersten Kindergartenjahr nicht im Sand spielen, was wir Kinder nicht verstanden. Die Kindergärtnerinnen sagten uns nur, dass der Sand gefährlich sein könnte, weil er strahlt. Es war 1986 und die Atomkatastrophe im damals sowjetischen Tschernobyl erst wenige Monate vergangen. Ironie des Schicksals, dass uns 25 Jahre später die Gefahr der Kernkraft wieder so ins Gedächtnis gerufen wurde durch die schrecklichen Vorkommnisse in Folge der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan. Der Mensch scheint Situationen zu akzeptieren, wenn er sie nicht unmittelbar mitbekommt. Denn war die Gefahr in den 25 Jahren dazwischen auch nicht immer präsent, so war sie doch ständig reell. Ich werde mich später noch damit auseinandersetzen.
Zurück in die Kindergartenzeit: So konnten wir zeitweise also nicht im Sand spielen. Egal. Kinder sind kreativ, und wie schon gesagt war der Sandkasten nur eine von vielen Verlockungen. Natürlich tobten und rannten wir manchmal wild durcheinander herum, was mir einmal eine richtig dicke und tiefe Platzwunde genau ums Auge herum bescherte. Während ich wie ein geölter Blitz auf dem Weg nach draußen war, hatte eines der anderen Kinder gerade die Idee, wieder hereinzukommen. Wir klatschten mit voller Wucht zusammen und ich weiß nur noch dass ich stark blutete. Selbst heute, über 25 Jahre später, kann man bei genauem Hinsehen noch die aus dem Crash resultierende Narbe sehen. Doch dafür muss man mich schon genau kennen und von ganz nah betrachten. Und so nah kommen mir zum Glück nur wenige Menschen; die, denen ich das auch erlaube.
Am liebsten spielte ich mit zwei Freunden Mensch-ärgere-dich-nicht. Ein eigentlich simples Spiel, aber die unkompliziertesten Dinge sind ja häufig die, die einem am meisten Spaß machen. Einer der besagten Freunde hatte die Angewohnheit, immer an die Spielfiguren zu kommen oder „aus Versehen“ beim plötzlichen Aufstehen das Spielbrett herunterzureißen, wenn das Spiel nicht nach seinen Vorstellungen lief, sprich wenn er auf der Verliererstraße war. Der Name des Spiels wird demnach durch die Reaktion vieler Spieler ad absurdum geführt. Ich kann mich davon auch nicht ausnehmen, wenn mir eine solche Reaktion auch vergleichsweise selten passierte. Es handelt sich zwar in meinen Augen um ein reines Glücksspiel, bei dem maximal 10% Strategie über Sieg oder Niederlage entscheiden, doch aus der Erinnerung würde ich sagen dass ich viel öfter gewonnen als verloren habe. Sollte ich also ein Glückskind sein und das Schicksal auf meiner Seite haben? Zu dieser Zeit hatte ich daran keinen Zweifel, denn ich lernte in dieser Zeit sehr schnell und sprach mittlerweile besser Deutsch als die meisten anderen Kinder.
Während mein älterer Bruder Agim zu dieser Zeit jeden Tag Angst hatte zur Schule zu gehen weil er noch Schwierigkeiten hatte dem Unterricht zu folgen, konnte ich es gar nicht erwarten, eingeschult zu werden. Wird bestimmt wie im Kindergarten, nur dass alle ein bisschen älter und klüger sind. Nun ja, bis dahin waren es für mich ja noch zwei Jahre, in denen ein Tag also vornehmlich weiter aus Spiel und Spaß bestand.
Genauso gerne wie ich auch in den Kindergarten ging, schwänzte ich ihn allerdings auch ab und an. Denn ebenso interessant war es, mit Mama einkaufen zu gehen. Wenn ich morgens keine Lust auf Kindergarten hatte, stellte ich mich dann immer tief und fest schlafend. Sobald die Zeit, bis der man im Kindergarten sein musste abgelaufen war, wachte ich urplötzlich auf und sprang putzmunter in der Wohnung herum. War ich lieb – und das war ich meistens – gab es auch häufig ein kleines Geschenk. Ich nahm mir dann oft ein Überraschungsei und schüttelte dies, denn je nach Geräusch konnte man so ungefähr ahnen, in welche Richtung der Inhalt ging. Besonders beliebt waren bei mir Figuren, während ich mich mit dem meisten Zeug was erst noch zusammengebastelt werden musste nicht anfreunden konnte, da es meistens instabil war und folglich dank Milena meist nur eine kurze Überlebenszeit hatte.
Milena war ja noch ganz klein und wurde zu dieser Zeit auch noch meistens mit dem Kinderwagen durch die Gegend gefahren. Wenn schönes Wetter war, verbrachten wir dann die Vormittage im Park, und ich guckte mir die Vögel an, fütterte Enten mit Brot und jagte Tauben hinterher. Wenn Agim dann aus der Schule kam, aßen wir zusammen, und nachmittags spielten wir dann und warteten darauf, dass Papa nachmittags nach Hause kam, was meist zwischen fünf und sechs der Fall war. Und dann gingen wir bei schönem Wetter alle zusammen noch mal raus spazieren, ansonsten spielten wir in der Wohnung.
Als Kind, was noch nicht mit dem Ernst des Lebens vertraut ist, ist das Leben wirklich fast nur Spaß. Und man ist naiv: Wenn Mama sich mal wieder darüber beklagte dass das Geld knapp wurde fragte ich sie, warum sie nicht einfach zur Bank ginge und sich Geld holen würde. Dass dafür ein gefülltes Konto nötig war, wusste ich damals noch nicht. Und so schnell man auch mal auf 180 war und schrie, so schnell hatte man sich auch wieder beruhigt. Schnell beruhigt hatten sich auch meine Eltern immer wenn ich mal wieder etwas angestellt hatte.
Einmal zum Beispiel machte ich mit drei, vier Kumpels einen Einbruch. Na ja, also wenn man das wirklich so bezeichnen kann: Torben, der in der Nachbarschaft wohnte und mit dem ich viel spielte hatte die Idee, ins Gemeindehaus einer Kirche einzusteigen und den Kühlschrank im Keller zu plündern. Wir schickten Marvin, den Kleinsten von uns vor, da er am besten durch das kleine, aber fast immer offenstehende Parterre-Fenster passte. Als er das Zeichen gab dass alles sicher und die Luft rein war, quetschten wir uns auch durch das Fenster. Torben machte sich vor allem über die Kondensmilch her, die er so trank. Doch plötzlich hörten wir ein Geräusch: Es war eine Reinigungskraft. Also schnell raus, doch diesmal in umgekehrter Reihenfolge. Mit dem Resultat, dass nur noch Marvin im Raum stand als die Putzfrau die Tür aufgeschlossen hatte. „Ups, wer bist du denn? Was machst du denn hier?“ Natürlich war Marvin noch zu klein und zu rein um zu einer Lüge greifen zu können. Er verpfiff uns natürlich. Doch die Reinigungskraft lachte nur und ließ Marvin raus. Ich erzählte meinen Eltern begeistert und brühwarm von meinem Erlebnis, was die irgendwie nicht so erfreute wie mich selber. Aber nachdem sie mir klargemacht hatten, dass man nicht einfach durch offene Fenster klettern kann (was ich natürlich auch schon vorher wusste), war die Sache gegessen. Und die Kondensmilch getrunken…
Ein anderes Mal schoss ich beim Fußball in einem Innenhof die Antenne eines Autos ab. Na ja fast, die hing noch geknickt und ganz krumm soeben dran. Bis Torben sie nahm und ganz abriss. Natürlich wurden wir auch hier verpfiffen. Wahrscheinlich von zwei Jungs, die sonst vornehmlich in diesem Innenhof spielten. Aber Papas Versicherung hat ja dafür gehaftet. Es war schon spaßig was man draußen beim Spielen, Toben und Raufen erleben konnte.
Nachbar, Nachbar…
Spaßig war eigentlich auch die Zeit, die ich zu Hause verbracht habe. Unser Zuhause, das war eine Reihenhaus-Wohnung von knapp 80m² im zweiten Stock im Duisburger Problemviertel Marxloh. Okay, das mit den Problemen war zu dieser Zeit Mitte und Ende der 80er Jahre noch nicht so offensichtlich. Es gab Gärten, Grünanlagen, Häuserzeilen, Straßenschluchten. Großstadt eben. Und viel Platz zum Spielen. Ich war mit meinem Bruder oft draußen und habe schon damals mit Vorliebe gegen den Ball getreten. Meine kleine Schwester Milena war noch zu klein um mit uns loszuziehen. Und hat immer laut losgeschrien wenn wir gingen und sie nicht mit durfte. Aber Fußball ist ja auch nichts für Mädchen. Nun, zumindest war das damals so.
Es gab wirklich wahnsinnig viele Kinder in der Nachbarschaft, und zwar in allen Altersklassen. Und beim Spiel träumten wir alle von zukünftigen Großtaten in der Bundesliga und der jeweiligen Nationalelf. Dann spielten dort nicht Kai, Torben, Alex, Thomas, Ali, Mehmet, Agim und Drago, sondern Matthäus, Augenthaler, Brehme, Klinsmann, Oguz Cetin, Bülent Korkmaz, Stojkovic oder Savicevic. Nun war eine Sache dabei für mich blöd: Die meisten waren halt älter als ich und demnach auch schneller und stärker. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch und so überlegte ich mir schon früh Strategien, es den Großen zu zeigen. Dass ich wahrscheinlich fußballerisch auch mit mehr Talent gesegnet war als die meisten meiner Mit- und Gegenspieler spielte mir auch in die Karten. Ich wusste eigentlich auch gar nicht warum sich vor allem die Älteren beim Spiel alle anders nannten. Ich kannte die ganzen Namen da gar nicht. Okay, von Matthäus hatte ich schon mal gehört. Und von ihm hört man ja auch heute noch, wenn auch meist fernab vom Fußball.
Wenn wir dann nach Stunden wieder heim kamen, hatten wir schon mal blutige Knie, kaputte und dreckige Klamotten. Nach dem Waschen und Essen ging dann der Trubel in der Wohnung weiter, dann auch mit Milena, die sich trotz ihrer jungen Jahre schon ziemlich schnell auf den Beinen fortbewegen konnte und deren Stimme von uns drei Kindern die mit Abstand Lauteste war. Und wie es ja meistens so ist, hatte sie als Jüngste auch am meisten Grund zu schreien, zumal sie ja auch das einzige Mädchen war und ständig gegen zwei ältere Brüder ankämpfen musste. Agim und ich hatten immer viel Freude daran, Milena zur Weißglut zu treiben. Das ändert nichts daran, dass ich für sie bis heute durch die Hölle gehen würde um Unheil von ihr abzuwenden.
Ganz im Gegensatz zu Agim und mir hatten unsere Nachbarn die unter uns wohnten keine Freude daran, wenn Milena mal wieder herumzickte und dies schließlich in einen Wutausbruch mit lauten Schreien ausartete. Es handelte sich bei besagten Nachbarn um ein Paar im Rentenalter, das scheinbar nie in seinem Leben mit Kindern zu tun gehabt hatte. Jedenfalls beschwerten sie sich – so haben mir meine Eltern später erzählt – sogar darüber, wenn eines von uns Kindern im Flur angefangen hatte zu singen, zu schreien oder sich sonst irgendwie akustisch bemerkbar zu machen. Diese Geräusche waren allerdings harmlos gegen das, was sich in unserer Wohnung abspielte, wenn das Wetter mal schlecht oder es zu spät war, um draußen zu spielen. Denn dann rannten, sprangen, schrien, juchzten wir drei Kinder von einem Zimmer ins andere.
Teilweise bewarfen wir uns auch mit Gegenständen, was aber nicht laut war, da es sich um Softbälle handelte. Okay, bis auf eine Ausnahme, als Agim mich mit einem Glas verfehlte, dieses gegen die Wand flog und daraufhin in viele Einzelteile zersprang. War nicht böse gemeint, aber Kinder müssen halt vieles einmal ausprobiert haben um die Folgen zu begreifen. Den Pegel der Geräuschbelästigung endgültig überschritten hatten wir spätestens, als wir von einem Hocker auf den Boden sprangen. Besonders Agim war ja auch schon ein Kleinkind der größeren Sorte. Aber Kinder sind halt laut. Soll man sie fest anbinden und ihnen den Mund zukleben? Wenn ich mir die Gesellschaft anschaue muss ich fast annehmen, das die Mehrzahl in der Bevölkerung Sanktionen gegen lärmende Kinder begrüßen würde.
Nun waren natürlich ausgerechnet besagte Nachbarn nicht gerade diejenigen, denen ich Chancen eingeräumt hätte, bei einer Wahl zu den am wenigsten Lärm erzeugenden Menschen auf einem der vorderen Plätze zu landen. Es ist ja meistens so dass diejenigen, die sich über andere beschweren, erst einmal vor der eigenen Haustür anfangen sollten zu kehren. So konnte es vorkommen, dass – bevorzugt an Wochenenden – schon mal um sieben Uhr morgens der Schlagbohrer anging und sich dieses markerschütternde Geräusch mit Hammerschlägen abwechselte. Waren dann alle wach, war auch schon wieder Ruhe.
Häufig kam es mir so vor, dass die Nachbarn versuchten, fällige Reparaturen in ihrer Wohnung in Eigenregie durchzuführen. Der Erfolg war, soweit ich es beurteilen kann, oftmals überschaubar. Häufig kam nach einer morgendlichen Hammer- und Bohrrunde jedenfalls unser Hausmeister, um sich die Bescherung anzusehen und zu retten, was nicht mehr zu retten war. Dann wurde zwar weiter gebohrt und gehämmert, aber letztendlich waren es dann doch meistens die herbeigerufenen Klempner, die den Schaden beheben mussten. Dies passierte geschätzte zwei- bis dreimal im Monat, so dass es in der Wohnung unter uns wie in einem Taubenschlag zuging.
Der Tagesrhythmus von denen war auch recht sonderbar: Man hörte bereits ab vier Uhr morgens Geräusche; dafür gingen abends spätestens um acht die Lichter aus. Aber da ist ja jeder Mensch verschieden. Allerdings glaube ich nicht daran, dass Biorhythmus eine Frage der Gewöhnung ist. Mir fiel es schon zu Schulzeiten immer schwer, um halb sieben aufzustehen um rechtzeitig in der Schule zu sein. Da konnte ich auch abends um halb zehn im Bett sein. Nützte meistens nichts. Auch heute ist der Tag für mich perfekt, wenn er um zehn Uhr mit ausgiebigem Frühstück beginnt und ich dann bis ein, zwei Uhr morgens aufbleiben kann. Leider geht das in den meisten Jobs nicht, und in meiner momentanen Situation schon mal gar nicht. Sechs Uhr morgens wecken, sieben Uhr Frühstück, zwölf Uhr Mittag Mittagessen, fünf Uhr am Nachmittag Abendessen, zehn Uhr Licht aus. Jeden Tag. Seit zwei Jahren.
Aber zurück zu unseren Nachbarn: Im Sommer stelle ich es mir ja noch schön vor, die Morgendämmerung und den Sonnenaufgang zu erleben. Aber im Winter? Jedenfalls ist vier Uhr morgens für mich noch mitten in der Nacht und ich würde niemals freiwillig so früh aufstehen. Alles in allem war der Kontakt zu besagtem Paar sehr eingeschränkt, aber auch wenn es die eine oder andere Beschwerde wegen zu lauten Spielens gab und meine Eltern dann immer die passende Antwort parat hatten, wäre es übertrieben von Nachbarschaftsterror zu sprechen.
Dass Kinder im Allgemeinen bei vielen Anwohnern nicht besonders hoch im Kurs standen, merkten wir immer, wenn wir mit einer ganzen Horde draußen spielten. Kaum fingen wir an herumzutoben, öffneten sich Fenster, und von oben ertönte eine Stimme: „Könnt Ihr woanders spielen?“ Kaum war das Fenster wieder zu, ging es weiter. Ein anderes Fenster öffnete sich: „Könnt Ihr bitte ein bisschen leiser sein?“ Nun ist es für Kinder relativ schwierig, die Lautstärke beim Spielen zu kontrollieren. Für ein paar Minuten ging der Lautstärkepegel sogar hörbar herunter, aber dann brach es aus uns wieder heraus. Nun dauerte es nicht lange, und die nächsten Anwohner fühlten sich belästigt. Nun wurde der Ton lauter und aggressiver: „Ruhe da unten, oder ich komme runter!“ Der untersetzte Herr mittleren Alters der diese Drohung des Öfteren aussprach, schien immer nur ein ursprünglich weißes Unterhemd anzuhaben und entweder eine Bierflasche oder eine Kippe in der Hand zu halten, manchmal auch beides. Er war anscheinend immer zu Hause. Musste der nicht arbeiten? Jedenfalls konnten uns seine Worte nicht beeindrucken, denn schien es für ihn eine zu große Mühsal zu sein, sich von seiner Wohnung im vierten Stockwerk herunter zu rollen. Hörten Eltern von einem von uns Kindern die Beschwerden, gab es auch schon mal Contra. Von Fenster zu Fenster sozusagen.
Wir hatten auch Nachbarn, die total in Ordnung waren, aber irgendwie im Oberstübchen einen Tick hatten.
Einer hatte jedes Mal nachdem er aus seinem Auto ausgestiegen war die Angewohnheit, alle Türen seines Wagens zu öffnen, um das Auto herumzugehen und dann oftmals noch einmal einzusteigen um den Wagen noch akkurater in die Parklücke zu setzen. Das bedeutete dann in den meisten Fällen eine Veränderung von zehn Zentimetern. Wieder ausgestiegen, wiederholte sich das Spielchen. Grrhhh, passte immer noch nicht. Also wieder eingestiegen und den Wagen acht Zentimeter nach hinten gesetzt. Nächster Check. Komm, einmal geht noch! Und wieder eingestiegen und diesmal fünf Zentimeter nach vorne. Summa summarum also sieben Zentimeter Veränderung. Das konnte dann schon mal gut und gerne fünf Minuten dauern. Was das brachte? Agim, Milena und mir jedenfalls eine Menge Spaß. Oftmals wetteten wir, wie häufig er den Wagen vor- oder zurücksetzt und wie oft Türen auf- und zugeschlagen werden. Und er parkte bevorzugt direkt vor dem Haus, um von seinem Fenster aus den Wagen im Blick zu haben. Einmal kam er angefahren und hatte schon den Blinker zum Einparken gesetzt, als ihm von einem anderen mit außerstädtischem Kennzeichen der Parkplatz vor der Nase weggeschnappt wurde. Daraufhin trommelte er mit seinen Fäusten aufs Lenkrad und lauerte bestimmt fortan, wann ein Parkplatz direkt vor dem Haus frei wurde.
Witzig war auch ein älterer Herr, der über uns wohnte: Wenn man auf die von ihm verursachten Geräusche gehört hätte, wäre eine Uhr unnötig gewesen. Er ging jeden Morgen um genau sieben Uhr aus dem Haus. Dann kam er gegen drei Uhr nachmittags wieder nach Hause. Um sieben Uhr abends verließ er das Haus, um gegen halb zehn wieder heimzukommen. Oder um es präziser auszudrücken, heim zu stolpern. Denn Laufen konnte man das nicht mehr nennen. Um viertel vor zehn ging dann der Fernseher an; da er zu dieser fortgeschrittenen Stunde nicht mehr ganz fit war, war dies nicht zu überhören. Wir hätten uns die GEZ-Gebühren wirklich sparen können, zumindest wenn wir immer dieses eine Programm hätten gucken bzw. hören wollen. Hatten wir Glück, ging der Fernseher nach etwa einer halben Stunde aus. Wenn nicht, konnte es auch vorkommen, dass der Fernseher mehrere Stunden lief. Der gute Mann war dann wohl vor dem Fernseher eingeschlafen. Ist mir zwar ein Rätsel, wie man das bei der Lautstärke schaffen konnte, aber wenn der Alkohol- mit dem Lautstärkepegel konkurrieren kann, geht wohl Vieles. In diesen Fällen, die Gott sei Dank nicht allzu häufig vorkamen, musste mein Vater dann nach oben gehen und anschellen; mit unterschiedlichem Erfolg. Denn die Türklingel war nicht wirklich in der Lage, den Fernsehton zu übertreffen. Schaffte es mein Vater jedoch, den Nachbarn zu wecken, stellte der den Ton sofort leiser oder das TV ganz aus und entschuldigte sich. Ich kann über diesen Herrn wirklich nichts Schlechtes sagen; armer Teufel mit einem Alkoholproblem eben.
Dann gab´s im Nachbarhaus noch einen Spinner, der ein Rennmotorrad besaß. Kaum war es trocken und die warme Jahreszeit kündigte sich an, machte er die Straßen unsicher. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit welchem Tempo er auch vor unübersichtlichen Kreuzungen oder auf von vielen Kindern zum Spielen benutzten Straßenzügen fuhr, war schon halsbrecherisch. Besonders Spaß schien es ihm zu machen, wenn er mehrmals den Gashebel betätigte und seine Maschine aufheulte. Gott sei Dank war er schon immer aus recht großer Entfernung zu hören, so dass wir wussten: Aufpassen, Streetracer im Anflug. Wahrscheinlich gab es vor allem bei den Eltern kleiner Kinder ein kollektives Aufatmen, als er eines Tages wegzog.
Da man mit der Zeit ja viel Negatives verdrängt und sich viel lieber und besser an Positives erinnert, denke ich sehr gerne an diese Zeit zurück. Ein paar verrückte Leute sind immer dabei, aber wir waren immer viele Kinder im Viertel, und ich hatte ja auch meine Eltern, Agim und später Milena. Und wenn ich uns mit anderen Einwandererfamilien im Viertel vergleiche die es ja zur Genüge gab, kann ich ohne Übertreibung sagen: Wir waren gut integriert und Deutschland ganz eindeutig zu unserer neuen Heimat geworden, auch wenn der Kosovo natürlich nach wie vor in unserem Herzen fest verankert war und vor allem meine Eltern von Zeit zu Zeit Heimweh hatten. Aber wir Kinder brachten sie dann schnell wieder auf andere Gedanken, zumal ich meiner Einschulung entgegen fieberte.
Die Grundschulzeit: Das Leben im Kleinen mit kleinen Kleinen
Erstklässler erster Klasse?
Fünf Jahre waren nun seit unserer Ankunft in Deutschland vergangen. Was? Fünf Jahre? Für meine Eltern war es unvorstellbar, wie die Zeit verging. Und auch mir kam es so vor. Ich stand unmittelbar vor meiner Einschulung, auf die ich mich schon seit Monaten gefreut hatte. Trotz Agim. Wieso trotz Agim? Tja, mein großer Bruder hatte zu Anfang seiner Schulzeit wie bereits erwähnt schon arg zu kämpfen. Er wurde ja bereits gut ein halbes Jahr nach unserer Ankunft in Deutschland eingeschult. Die ersten Monate konnte er dem Unterricht kaum folgen, und beinahe wäre er aus der Klasse genommen worden, um im folgenden Jahr noch einmal neu zu starten. In der Klasse wurde er zeitweise gehänselt weil er nicht gut Deutsch sprach und kaum etwas verstand. Aber er hat sich durchgebissen und gehörte mittlerweile auch zu den besseren Schülern. Ich sprach schon beinahe perfekt und stellte mir die Grundschule wie den Kindergarten vor, nur dass wir alle etwas älter waren. Also als einen kunterbunten Kindertreff mit Spannung, Spiel und Schokolade. Da ich die gleiche Schule besuchen würde wie Agim hatte ich auch schon mal wenigstens einen Spielkameraden. Aber sicher kannte ich dort auch andere zumindest vom Sehen und würde auch schnell neue Freunde finden.
Dann war der große Tag gekommen. Einschulung. Ich erinnere mich, dass es ein warmer, sonniger Spätsommertag im Jahre 1989 war. Vater hatte sich frei genommen, und zusammen mit Mutter sowie meinen beiden Geschwistern begleitete er mich. In der Turnhalle der Schule fand eine kleine Begrüßungsfeier mit Kaffee und Kuchen statt. Später wurden die Lehrer vorgestellt, und diejenigen die einen neuen Jahrgang übernahmen, riefen ihre neuen Schützlinge auf und traten mit ihnen den Weg in die Klassen an. Wir waren fast 30 Schüler in meiner Klasse, der 1b, und viel mehr Plätze hätte der Raum auch nicht hergegeben. Uns wurde der Stundenplan mitgeteilt und welche Utensilien wir benötigten und dann hieß es auch schon: Schule aus! Na, so konnte es von mir aus weitergehen! Das war ja wohl mal ein lockerer Einstieg.
Das Pensum wurde dann in den folgenden Wochen langsam aber stetig gesteigert. Allerdings lief der Unterricht sehr spielerisch ab. Viele Lieder, viele Geschichten, und dabei lernte man langsam Buchstaben und Zahlen kennen. Ich fand das alles ziemlich einfach und ging wahnsinnig gerne zur Schule.
Bei so einer Rasselbande von sechs- bis siebenjährigen Schülern kam es natürlich auch mal zu Streitereien. Kurios, wenn zwei derjenigen die oft für Geschrei sorgten, Brüder sind. Einer ging nämlich regelmäßig zum Papierkorb, nahm einen Anspitzer und einen Bleistift und schärfte damit die Bleistiftspitze. Dann ging er in Richtung seines Bruders und jagte ihm die Spitze mit einem Ninjaschrei in den Nacken, so dass sein Bruderopfer, der ein Jahr jünger war, anfing zu schreien. Der ältere der Brüder hatte echt ein Problem mit seiner Kontrolle, und deshalb musste sogar mal seine Mutter in den Unterricht kommen, um das Verhalten ihres Sohnes zu beobachten. Er musste dann auch bald die Klasse und Schule verlassen und sein jüngerer Bruder ein paar Monate später auch. Ich mochte die beiden und hatte mit ihnen nie Probleme, aber besonders der ältere war schon ein kleiner Psycho…
Es gab auch Mitschüler, die ähnlich gelagerte Interessen hatten wie ich. Das hieß draußen herumtoben. So fanden sich auf dem kleinen Fußballfeld hinter der Turnhalle in den Pausen so viele Schüler, dass es oftmals schwierig war, alle mitspielen zu lassen. Da wir keine Torpfosten hatten, dienten Linien als Markierung. Und wir spielten Fußball mit Tennisbällen, was sehr förderlich für die Technik war. Nun war es so, dass auf dem ca. 40x25m großen Feld die ca. 15 Minuten langen Spiele meist 8:5, 6:3, 4:4 oder ähnlich ausgingen; es fielen jedenfalls immer viele Tore. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Team einmal kein Tor erzielen konnte. Meistens spielte ich im Sturm, in der Mitte oder Rechtsaußen. Es kam jedoch auch mal vor, dass ich ins Tor ging, wenn derjenige der sonst dort spielte krank war.
Einmal haben wir 1b gegen irgendeine gemischte Truppe aus Zweitklässlern gespielt. Ich stand an diesem Tag im Tor. Es lief prima, wir führten schnell und legten auch das 2:0 nach. Die Zeit schritt immer weiter voran, und wir hielten unseren Kasten sauber. Ich weiß nicht was an diesem Tag los war, aber Profisportler würden das wohl als „in the zone“ bezeichnen. Egal was für Bälle auch kamen, ich hielt einfach unglaublich, meine Hände und Füße zuckten bei Schüssen aus kurzer Distanz reflexartig heraus und ich konnte mindestens drei, vier oder noch mehr eigentlich sichere Tore verhindern. Auch die immer gefährlichen weil unberechenbaren Ecken konnte ich souverän abwehren. Dann ertönte der Schulgong zum Pausenende. Ja, der Sieg war geschafft! Aber wir hatten uns darauf geeinigt, dass nach dem Gong der letzte Angriff noch immer ausgespielt wurde. Wir waren weit aufgerückt, und… Oh, nein. Ein Steilpass, und frei auf mich zugelaufen kam Selҫuk. Der war der vielleicht beste Fußballer der ganzen Schule und älter, da er später eingeschult wurde. War Stürmer bei Hamborn 07 und einer der besten Nachwuchsleute dort. Der Sieg ohne Gegentor war in akuter Gefahr. Er kam immer näher, und ich machte einige Schritte aus dem Tor heraus um den Winkel zu verkürzen. Er fixierte erst mich, dann das Tor und schoss… Ein harter Schuss, sehr platziert, aber es gibt solche Tage, an denen du besser bist als es dir eigentlich möglich ist. Ich warf mich nach links, hechtete nach dem Ball und spürte deutlich, dass ich ihn mit den Fingerspitzen erwischt hatte. Sofort drehte ich mich um und schaute, wo sich der Ball befand. Dieser rollte – bedingt durch meine Berührung recht langsam geworden – in Richtung Markierungslinie. Bitte, bitte, bitte, lass den Ball vorbei gehen! Diese maximal anderthalb Sekunden, die der Ball Richtung Pfostenmarkierung zurollte, kamen mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Und dann? Jaaa! Der Ball ging geschätzt eine halbe Handbreite außen an der Markierung vorbei. Kein Tor! Die Null stand wie in Stein gemeißelt, und für diese Paraden wäre mein Standbild im alten Griechenland auch in diesen gemeißelt worden. Musste Monate her gewesen sein, dass es zuletzt gelang zu Null zu spielen; seit ich auf der Schule war jedenfalls nicht. Doch auf einmal fing Selҫuk an zu jubeln. Was sollte das denn? Ich machte ihm und den anderen klar, dass der Ball keinesfalls drin gewesen war. Meine Mitspieler hatten das auch so gesehen, beim Gegner war die Ansicht gespalten. Aber da Selҫuk ein Jähzorn war und viele sich nicht trauten, ihm zu widersprechen, schlossen sich seine Mannschaftskameraden dann der Meinung „Tor? Ja!“ an. Als dann einige von uns sagten: „Gewonnen haben wir sowieso, dann eben 2:1“, ging meine Null so langsam dahin. Weitere Proteste von mir waren erfolglos, dabei war und bin ich noch immer 100prozentig davon überzeugt, dass es kein Tor war! Schließlich einigten wir uns darauf (ich schließe mich dabei ausdrücklich aus!), das Tor zählen zu lassen. Für mich persönlich bleibt es ein gegentorloses Spiel und trotz der Tatsache dass das Spiel schon weit über zwanzig Jahre her ist, könnte ich noch immer genau die Stelle zeigen, an der der Ball knapp am Tor vorbeiging und die Torauslinie überschritten hat.
Es gibt mit Sicherheit Wichtigeres als Sport, aber für mich nichts Schöneres. Und wenn ich mir die motorischen Fähigkeiten vieler Jugendlicher heute anschaue muss ich sagen, dass der Sportunterricht an Schulen einen viel zu geringen Stellenwert hat. Aber häufig bekommt man ja wenn man ein guter Sportler ist das Etikett verpasst, wenig bis nichts im Kopf zu haben. Gott sei Dank konnte ich von Anfang an dieses Vorurteil widerlegen.
Viel zu schnell ging das erste Schuljahr um, und ich muss sagen dass ich an der Schule alles liebte: Den Unterricht, die Pausen, die Lehrer, die Mitschüler. Okay, bei einer Mitschülerin war ich mir nicht sicher. Doch das würde sich in den kommenden Monaten sicher klären, war ich mir sicher. Oder auch nicht!?
Das zweite Jahr ist immer das Schwerste! Wirklich?
So gerne ich zur Schule ging, so sehr genoss ich auch den Urlaub. Die sechs Wochen Sommerferien waren ja eigentlich superlang, doch mir kamen sie immer viel zu kurz vor. Jedenfalls waren wir mit der Familie in unserer Heimat, und es war einfach herrlich. Gerade unsere Eltern waren froh, auch mal wieder in ihrer Muttersprache sprechen zu können, während gerade Milena und ich das Gefühl hatten, besser Deutsch als Albanisch zu sprechen. Doch für Kinder im Grundschulalter spielen sich die Tage in den Ferien – egal wo man sich aufhält – sowieso gleich ab. Man spielt morgens, man spielt mittags, man spielt abends. Und nachts schläft man. Und man besucht Verwandte. Jedenfalls verfiel ich nach unserer Rückkehr nach Duisburg in keine Depression, denn der Start ins zweite Schuljahr stand vor der Tür. Und aus dem letzten, meinem ersten Schuljahr, hatte ich nur positive Erinnerungen.
Dann begann das zweite Schuljahr, und auch dieses begann sehr verheißungsvoll. Eigentlich ging es genau so weiter wie im Vorjahr, nur dass man sich nun bereits kannte und sich nicht erst beschnuppern musste. Das Unterrichtsvolumen nahm nun langsam zu. Hatte es im ersten Jahr noch Tage mit nur vier Unterrichtsstunden gegeben wo man entweder sehr früh zu Hause war oder aber erst später kommen musste, waren es nun deutlich mehr Stunden. Da der Unterricht aber sehr kreativ gestaltet wurde, fiel dies kaum ins Gewicht. Und wir bekamen eine neue Klassenlehrerin, da unsere alte – die jünger war als unsere neue – schwanger war und deshalb die Schule verließ. Ich fand beide sehr nett, und von daher ging alles reibungslos weiter.
Okay, einmal bekam ich richtig Ärger: Es gab in der dritten oder vierten Klasse jemanden, der mit Vorliebe deutlich kleinere Schüler drangsalierte. Meistens nahm er ihnen irgendetwas weg und wenn man es sich dann wieder holen wollte, gab es Schläge. Dies machte er aber immer dermaßen geschickt, dass er fast nie erwischt wurde. Und wenn drei Lehrer als Pausenaufsicht fungieren, dann ist dies auch alles – nur nicht hinreichend. Denn unser Schulhof war schon ziemlich groß und verwinkelt und daher unübersichtlich. Jedenfalls war auch ich eines Tages sein Opfer. Er packte mich ohne Grund oder Vorwarnung von hinten, schubste mich erst und warf mich dann gegen einen Baumstamm. Da ich erschrocken war reagierte ich nicht, und er zog auch sofort weiter. Aber man sieht sich ja immer zweimal im Leben...
Da Agim die Grundschule mittlerweile in Richtung Realschule verlassen hatte, gab es nun auch niemanden, der auf mich aufpassen konnte. Aber so jemanden brauchte ich auch nicht; ich verstand mich mit den meisten schließlich super und spielte in den meisten Pausen sowieso Fußball. Wenige Tage später sah ich den Jungen der mich attackiert hatte außerhalb der Schule beim Einkaufen. Er an der Hand seiner Mutter, ich an der Hand meiner Mutter. Er lächelte und grüßte so sch…freundlich, dass es dermaßen übertrieben wirkte und fast schon peinlich war. Ich erwiderte den Gruß allerdings nicht und musste mir nachher von meiner Mutter die Frage gefallen lassen, warum ich so unfreundlich gewesen war. Als ich ihr nur im Allgemeinen erzählte was er an der Schule abzieht, ohne gezielt auf seinen Angriff auf mich zu sprechen zu kommen, konnte sie es kaum glauben. „Was, DER doch nicht!“ Tja, Eltern… Ich bin mir aber sicher dass mir Mama dennoch geglaubt hat, denn was hätte ich für einen Grund gehabt so was zu erzählen?
Und so hatte Tim (ich glaube so hieß der) seine guten Manieren kurze Zeit später auch schon wieder daheim gelassen. Jedenfalls schlich er sich in einer der Pausen wieder an mich heran und schubste mich um. Als ich zu Boden fiel, warf er sich auf mich und nahm mich in den Schwitzkasten. Da er einen halben Kopf größer und mindestens zehn Kilo schwerer war als ich, dachte er wohl, dass ich mich aus dieser misslichen Lage nicht mehr würde befreien können. Doch hey, ich komme aus Marxloh! Im Ernst: Ich weiß nicht wie, doch plötzlich drehte ich ihn und mich so dass ich oben war. Und dann weiß ich nicht was mit mir los war, jedenfalls fing ich an auf ihn einzudreschen. Wie von Sinnen. Links, rechts, links, rechts, mindestens zehn- bis zwölfmal. Dann packte ich ihn am Kragen und schleifte ihn ein paar Meter über den Boden. Dann wurde ich plötzlich von hinten gepackt: Ein Lehrer, und selbst der hatte Mühe, mich zu bändigen. Um uns herum hatten Schüler einen Kreis gebildet, die sich die Rauferei angesehen hatten. Tim und ich wurden abgeführt in Richtung Lehrerzimmer; für mich eine völlig neue Erfahrung. Wir mussten uns eine richtige Standpauke anhören und ich dachte schon, dass ich mir jetzt richtig nachhaltigen Ärger eingehandelt hatte. Doch Konsequenzen hatte das Ganze dann doch nicht. Ich glaube dass man nicht einmal meine Eltern über die Schlägerei unterrichtet hatte. Wie dem auch sei, von diesem Tag an hatte ich Ruhe vor Tim. Und wenn ich das alles richtig in Erinnerung habe, hatten auch andere Schüler nicht mehr in dem Maße unter Tim zu leiden. Dennoch bin ich nicht stolz auf meine Tat, doch in diesem Moment war es wohl richtig. Ich musste jedoch lernen, mich besser unter Kontrolle zu haben.
Um Energie in die richtigen Bahnen zu lenken, ist Sport prädestiniert. Und in diesem Jahr stand wieder ein Sportfest auf dem Programm. 50m-Lauf, Weitsprung, Ballweitwurf. Riesig war die Vorfreude, denn ich war im Sport einer der Besten. Im Sprint gehörte ich zu den schnellsten. Alles andere als eine Zeit unter 8,5 Sekunden wäre für mich schlecht. Im Weitsprung wusste ich nie, was herauskommt. Mit schnellem Anlauf und kräftigem Absprung hätte ich eigentlich gute Resultate erzielen müssen. Doch den Absprung zu treffen und wenig Weite zu verschenken war die Herausforderung. Und im Ballwurf? Ich weiß selber nicht wieso, aber das war einfach meine Sahnedisziplin. Keiner in der Klasse konnte mich schlagen. Vielleicht konnten ein paar Viertklässler mithalten.
Dann ging es los: Der Sprint lief in etwa wie erwartet. 8,6 Sekunden, aber bei leichtem Gegenwind. Die anderen waren auch langsamer als bei unserer Vorbereitung. Der Weitsprung lief einigermaßen, so 2,10 m glaube ich. Das war okay, aber nix Tolles. Dann der Weitwurf. Wir warfen auf dem Fußballplatz, und in Wurfrichtung stand eine kleine Holzhütte, die bei Regen als Unterstand gedacht war und nach Schulschluss und am Wochenende von Älteren als Knutschzone benutzt wurde. Die Würfe landeten alle so bei 20 bis 25 m, und im Häuschen machten es sich die als Weitenmesser fungierenden Lehrer gemütlich. Doch hey, jetzt kam Drago. Ich schnappte mir den Ball, nahm Anlauf und warf den Ball mit aller Kraft weg. Wow, super getroffen das Teil. Die anderen Schüler staunten, einige Mädchen fingen an zu kreischen. Der Ball flog und flog und… prallte gegen die Holzhütte. Jetzt waren die Lehrer wieder wach! Doch wie weit? Die Lehrer glaubten es nicht und fragten vorne beim Abwurf, ob ich auch von der richtigen Stelle abgeworfen hatte oder zu weit nach vorne gelaufen war. Doch es war alles in Ordnung. 41,5 Meter. In Worten einundvierzigeinhalb Meter. Das war selbst für mich extrem weit, hatte ich doch vorher selbst mit knapp 40 m gerechnet. Die Gesamtpunktzahl war am Ende gut aber nicht überragend, doch ich war sehr zufrieden, weil der Wurf eben extrem geil war.
Torben – ein Nachbarsjunge, der eine Klasse höher war als ich – erzählte meiner Mutter, dass er 36 m weit geworfen hatte. Meine Mama erzählte ihm dann von meinem Wurf. Als ich ihn später traf erzählte er mir, dass sein Wurf bei 43 m gelandet war. Ich glaubte ihm das ja von Anfang an nicht so recht. Wieso sollte er eineinhalb Meter weiter geworfen haben als ich? Als mir Mutter hinterher von ihrem Gespräch mit ihm erzählte und mir von einer ganz anderen Weite berichtete, mussten wir beide laut anfangen zu lachen. Aber mit Torben war es eh immer lustig, besonders wenn wir miteinander oder dann eher auch mal gegeneinander gespielt haben. Er versuchte immer zu Fuddeln oder Spielregeln ganz speziell auf ihn zugeschnitten zu interpretieren. Wahrlich ein ganz schlechter Verlierer! Und das kann sogar ich sagen, wobei ich es selber immer gehasst habe zu verlieren!
Von der Rauferei und dem Besuch im Lehrerzimmer abgesehen, lief es in der Schule also weiterhin super. Ja, bis auf eine Sache. Die eine Mitschülerin. Was war sie für mich? Ich wurde aus ihr nach wie vor einfach nicht schlau, doch gerade dieser Umstand übte auf mich auch eine gewisse Faszination aus und machte sie besonders interessant. Nach außen hin war Marina jedenfalls ein Engel: Langes blondes Haar, blaue Augen, ein bezauberndes Lächeln. Schlau war sie auch, das merkte man im Unterricht sofort. Doch sie warb schon damals um die Gunst der Lehrer und besonders der Lehrerinnen. Denn gerade bei diesen hatte ich einen Stein im Brett und ich weiß nicht wieso, aber ich glaube einige Lehrer fanden die Abreibung, die ich Tim verpasst hatte, sogar richtig gut. Jedenfalls entwickelte sich in den folgenden Monaten zwischen Marina und mir ein Konkurrenzkampf, der für Kinder in unserem Alter irgendwann geradezu groteske Züge annehmen sollte. Ich war nicht der Auslöser, aber mir hat es zumindest zeitweise verdammt viel Spaß gemacht mit ihr zu konkurrieren, sie zu ärgern und zur Weißglut zu treiben. Wirklich verstanden habe ich sie allerdings nie, glaube ich. Hasste sie mich? Sah sie in mir einfach nur Konkurrenz? Mochte sie mich vielleicht? Oder sogar mehr? Noch hatte ich ja zwei Jahre Zeit, dies herauszufinden. Oder auch nicht, denn sie war für mich genau das Gegenteil eines offenen Buches, und dementsprechend schien es mir so, als sei ich im übertragenen Sinne beim Buchtitel – also umgemünzt auf sie bei ihrem Namen – stecken geblieben.
Aller guten Dinge sind drei oder das Marienkäfer-Experiment
Puh, Halbzeit. Die ersten zwei Jahre der Grundschule waren um, zwei lagen noch vor mir, und ich war ein glücklicher Junge mit Träumen. Agim kam auf der Realschule immer besser zurecht, meine kleine Prinzessinnen-Schwester Milena wurde auch eingeschult und meinen Eltern ging es auch gut.
Mittlerweile konnte ich ja richtig gut lesen, tat das auch viel und gerne und interessierte mich für wahnsinnig viele Dinge. Sport, na klar. Dinosaurier standen auch hoch im Kurs. Was muss das für eine Welt gewesen sein, in denen solche Kreaturen die Erde beherrschten! Geradezu furchterregend erschien die Vorstellung, wenn Menschen sich die Welt mit Dinosauriern teilen müssten. Und Sterne. Waren die riesigen Ausmaße und Entfernungen schon damals genau so unvorstellbar für mich wie sie es heute noch sind, so übte das Unerreichbare doch eine unglaubliche Faszination aus. Da schienen die in der Schule behandelten Themen geradezu profan.
Jedenfalls ging es nun damit los, dass wir für Klassenarbeiten eine Schulnote bekamen. Was sollte es? Mir fielen wirklich sämtliche Fächer zu, besonders in der Mathematik und im Sachunterricht war ich so etwas wie ein Überflieger. Beim Eckenrechnen war ich praktisch unschlagbar. Und einmal machten wir ein Spiel, wobei die Klasse in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt wurde. Man stellte sich hintereinander auf, und diejenigen die gerade vorne standen mussten eine vom Lehrer gestellte Rechenaufgabe lösen. Derjenige der als erster die Lösung parat hatte und sagte, durfte weitermachen und sich wieder bei seinen Teamkollegen hinten in die Reihe stellen. Marina war auch in meinem Team, und dazu auch viele andere, die zu den besseren Schülern zählten. So sollte es für meine Gruppe doch ein Leichtes werden, das Spiel zu gewinnen. Doch irgendwie war am Ende nur ich übrig geblieben, während die andere Gruppe sicherlich noch sechs oder sieben Spieler stellen konnte. Also eine aussichtslose Lage. Na ja, fast zumindest. Aber Drago gab natürlich nicht auf. Ich eliminierte einen Gegenspieler nach dem anderen, bis es nur noch eins gegen eins war. Und dann… war ich auch dort der Schnellere. Pah, noch gewonnen, und meine Teamkameraden umjubelten mich. Alle. Bis auf eine Ausnahme: Marina. Sie schaute, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Dabei hatte ich den Sieg für das ganze Team geholt, auch für sie.
Unsere Lehrerin spürte, dass Marina und ich zeitweise wie Feuer und Wasser waren. Sie versuchte es mit einer List: Sie bildete Tischgruppen von sechs bis sieben Schülern, und jeder Tisch bekam einen Namen. Für gute Teamarbeit oder gutes Verhalten bekam ein Tisch Pluspunkte, lief es nicht gab es Minuspunkte. Ich weiß noch ganz genau, dass ich Mitglied des „Marienkäfer-Tisch“ war. Und wer wurde ebenfalls den Marienkäfern zugeteilt? Marina natürlich! Und ihre beste Freundin Zora. Die war aber brünett und nicht rot. Dazu noch zwei, drei andere mit denen ich nie Probleme hatte. Wenigstens die Sitzanordnung innerhalb der Gruppe konnte von uns selbst bestimmt werden. Zu meiner großen Überraschung setzte sich nun ausgerechnet Zora neben mich, und da der andere Platz neben Zora schon besetzt war, blieb Marina nur noch der Platz mir gegenüber. Was sich nun entwickelte, war für mich sehr überraschend. Zora war wahnsinnig witzig und wir haben während Gruppenarbeiten unheimlich viel gelacht. Marina war anfangs ein wenig irritiert dass Zora sich neben mich gesetzt hatte statt neben ihr Platz zu nehmen, aber ich kann sonst nichts Negatives berichten: Marina war echt okay. Sogar mehr als das. Dass sie schlau war wusste ich schon vorher, aber wir konnten auch richtig gut zusammen arbeiten. So hatte sich das Marienkäfer-Experiment sehr positiv auf das Verhältnis zwischen Marina und mir ausgewirkt und das übertrug sich auch auf den Rest der Klasse. Fast könnte man sagen: Wo früher die Luft zwischen Marina und mir brannte, sprühten jetzt die Funken... Wenn es zum Beispiel beim Sportunterricht darum ging Teams zu bilden, achteten wir plötzlich darauf, in einem Team zu sein. Aus dem Gegeneinander war ein Miteinander geworden, und da wir beide in allen Fächern durchgehend gute Noten hatten, konnten wir auch beide sehr zufrieden sein. Kinder haben ja oft eine blühende Fantasie, und ich sah mich in ferner Zukunft schon mit Marina verheiratet. Jedenfalls könnte sich aus dem Verhältnis zwischen Marina und mir das Wort „Hassliebe“ ableiten. Wobei dann müsste es „Hassliebehass“ heißen, denn es gab noch Vorkommnisse, die die Gefühle wieder umkehrten.
Zugetragen hatte sich das Ganze im Kunstunterricht. Dies war wohl das einzige Fach, wo ich deutlich gegenüber den anderen Fächern abfiel. Zwar konnte ich begnadet manche Sachen zeichnen, doch wenn es um Malen mit Wasserfarben ging, artete das Ganze bei mir doch mehr in eine Wasserschlacht aus. Und beim Basteln stieß ich dann endgültig an meine Grenzen. Gott sei Dank hat mir Zora oftmals geholfen. Wenn Marina mir mal geholfen hatte, was zwischendurch auch mal vorkam, hat das unsere Lehrerin sofort erkannt. Denn Marina war im Basteln einfach eine Übergranate. Ihre Arbeiten waren immer besser, schöner, verzierter und was weiß ich nicht alles als die der Mitschüler. Einmal mussten wir ein Gebäude basteln, ich glaube es war eine Kirche. Diesmal stellte ich mich gar nicht so ungeschickt an, man konnte schon erkennen was es werden sollte. Marina war natürlich schon fast fertig, doch ihr fehlte die Turmspitze. Ob die bei ihrem Bastelsatz gänzlich fehlte oder ob Marina sie nur verloren hatte, kann ich nicht sagen. Da bei mir aber noch ein paar Teile herumlagen, meinte sie sich bedienen zu müssen. Und schon schnappte die Elster zu und hatte meine Turmspitze in den Händen und zog sie zu sich herüber. Ich beugte mich zu ihr hin und versuchte, ihr mein Teil wieder zu entreißen. Da schrie sie und bat die Lehrerin um Hilfe. Diese ermahnte mich, der lieben Marina doch bitte ihr Teil zu überlassen. Bevor ich widersprechen konnte, schilderte Zora der Lehrerin jedoch den Sachverhalt. Marina fiel aus allen Wolken, wie ich aus ihrem Gesicht unschwer ablesen konnte. Ihre beste Freundin hatte sie „verraten“, obwohl sie ja die Wahrheit gesagt hatte. Jedenfalls bat die Lehrerin mich um Entschuldigung und forderte Marina auf, das gleiche zu tun. Zähneknirschend tat sie das und ich hatte keine Probleme diese anzunehmen.
Viel mehr als mich Marinas Rückfall in alte, längst vergessen geglaubte Kleinkrieg-Zeiten irritierte, beeindruckte mich Zoras Gerechtigkeitssinn. Okay, ich verstand mich mit Zora von Beginn an richtig gut, aber schließlich war sie doch Marinas beste Freundin. Wie ich später noch feststellen sollte, war Zora eben so. Einfach klasse. Das Marienkäfer-Experiment war also als temporärer Erfolg zu betrachten, aber endgültigen und dauerhaften Frieden konnte es nicht stiften.
Eine klasse Klasse auf klasse Klassenfahrt
Klassenfahrt! Ich bin mir nicht sicher ob es am Ende der dritten oder Anfang der vierten Klasse war, aber ich kann mich noch an das Reisefieber erinnern, das mich packte. Ferien mit den Eltern sind schon was Tolles, aber was würde es erst Laune machen, mit meinen vielen Freunden in der Klasse auf Reisen zu gehen!
Das Schullandheim war in einem kleinen verschlafenen Nest mitten in der Eifel, und mit uns im Bus fuhren zwei weitere Schulklassen aus Duisburg, eine weitere aus dem Hamborner Bereich, und eine andere aus Serm im Duisburger Süden.
Da wir morgens gegen acht Uhr losfuhren und die Eifel ja praktisch vor der Haustüre liegt, waren wir bereits am späten Vormittag da. Zuerst hieß es die Sachen zu verstauen und die Zimmer zu belegen. Ich glaube wir waren mit fünf oder sechs Leuten auf dem Zimmer und ich verstand mich mit allen dort gut. Es waren auch alles Klassenkameraden von mir, während es aus organisatorischen Gründen sonst auch vorkommen konnte, dass Kinder verschiedener Schulen zusammengelegt wurden. An das Essen kann ich mich noch gut erinnern, weil wir Spezialisten hatten, die sich den Teller randvoll gepackt hatten, um dann nach zwei Gabeln genug davon zu haben. Darüber haben sich die Lehrer dann auch ziemlich aufgeregt. Keine Sorge: Das Essen war nicht schlecht, nur war es für viele vielleicht das erste Mal, dass sie mehrere Tage von zu Hause weg waren, und das schlug ihnen auf den Magen.
Unsere Lehrer hatten sich bei der Planung der Reise wirklich Mühe gegeben: Sie hatten unsere fünf Tage einerseits zwar mit einem guten Programm gefüllt, so beispielsweise mit einer Nachtwanderung, einem Besuch der Nürburg oder einer Reise zu den Maaren und dem Kloster Maria Laach. Andererseits blieb aber auch genug Zeit für uns, uns so richtig auszutoben. Es gab einen Fußballplatz, Tischtennisplatten, eine Spielecke und ein Kiosk. Wir richteten sogar ein Tischtennisturnier aus. Abschließend sollte es ein großes Lagerfeuer und Grillen geben.
Doch erst mal stand eine kleine Wanderung an, um die Gegend kennenzulernen und die frische Luft zu genießen. Und eine Wanderung mit geschätzten 50 Schülern ist ein echtes Abenteuer. Besonders für die Lehrer und mitgefahrenen Betreuer. Immer musste irgendjemand auf Toilette, hatte Blasen an den Füßen, fror oder hatte Durst. Ich hatte keine Probleme, war ich doch bereits mit meinen Eltern gewandert und somit mit keiner neuen Situation konfrontiert. Ich glaube vor allem die Lehrer waren froh, als wir abends wieder im Schullandheim waren.
Die erste Übernachtung stand an und ich glaube in diesen Momenten wünscht man sich, dass Mama oder Papa einem noch eine Geschichte erzählt. Man würde es nicht zugeben, aber wenn man das erste Mal alleine außerhalb der eigenen vier Wände übernachtet, ist es schon ein mulmiges Gefühl. Ich hatte überhaupt keine Angst, aber es war halt doch ungewohnt. Zumal es in der Flora und Fauna Lebewesen gab, die ein Kind des Ruhrgebiets wie ich und wie wir es fast ausnahmslos alle waren nicht kannten. Jedenfalls war in den Zimmern der Jugendherberge zum Abend hin immer große Flugstunde. Fliegen, Mücken, Schneider, Schnaken und keine Ahnung, aber scheinbar durchgängig größer als zu Hause.
Viele von uns hatten die damals so in Mode gekommenen Panini-Sammelbilder der Bundesliga, und mir gelang es damit, einen Schneider lebendig aufzukleben. Diesen würde ich vielleicht noch gut gebrauchen können, denn für die erste Nacht hatte sich unser Zimmer etwas Spezielles für unsere Mädchen in der Klasse ausgedacht: Wir wollten sie als Gespenst heimsuchen. Dabei hatten wir unsere beiden Lehrer um Hilfe gebeten. Kein Problem: Ein großes weißes Bettlaken, Taschenlampen, eine lange Eisenkette und fertig. Wir mussten zwar ein bisschen üben, bis wir zusammen koordiniert unter dem Bettlaken laufen konnten, aber das ging dann irgendwie auch. Und bei dem Panini-Schneider würden die Angstschreie doch gleich noch mal lauter werden...
Als es dann dunkel war und Bettruhe galt, machten wir uns auf den Weg. Leise die Türe auf, den Gang links herunter und eines der Zimmer auf der rechten Seite. Leise betätigten wir die Türklinke, machten die Taschenlampe an und dann huhuhu. Ich glaube die Mädchen mussten ihr Lachen fast unterdrücken, und einen wirklich verängstigten Eindruck machten sie mir nicht gerade. Dennoch schrien sie, aber Mädchen kreischen und schreien ja sowieso oft. Wenigstens das Panini-Bild samt Anhang musste ich loswerden, und ich sah nur noch, dass eines der Mädels darauf trat und es unter dem Fuß festklebte. Also mir konnte keiner vorwerfen, dass ich den Schneider getötet hatte. Wenn sie erst mal checken würde, dass das kein normales Klebebild war…
