Draußen war Sommer... - Kurt Partner - E-Book

Draußen war Sommer... E-Book

Kurt Partner

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Beschreibung

Angst. Furcht. Sorge. Alles zusammen. Und alles lebt irgendwie verkehrt. Als im Jahr 2007 draußen im kleinen Städtchen der Sommer über Felder, Wiesen und Straßen strahlt, läuft drinnen im Reihenendhaus der jungen Familie etwas falsch. Zwang und Angst und strengste Rituale bestimmen das Zusammenleben. Jeden Tag, jede Stunde und jede Nacht wird mit fast allen Mitteln gekämpft. Niklas kennt das Leben nicht anders. Maria wird hineingeboren in ein Aufbäumen von Normalität im Wahnsinn. Der Vater Kurt kämpft für Normalität am Rande der Selbstaufgabe. Katrin, die Mutter von Niklas und Maria, kämpft gegen die Gefahren von Viren und Bakterien. Sie kämpft auch um den Anschein der Normalität. An jedem Fleck draußen könnte die todbringende Infektion hängen. Zum zwanghaften Schutz bestimmen Regeln und Rituale das Zusammenleben. Therapie ist die einzige Hoffnung für die Liebe und die Familie. Rund zwei Million Menschen leiden in Deutschland mehr oder weniger stark unter Zwängen. Wer sich selbst eingesteht, dass die eigenen Handlungen ein Leiden für sich selbst hervorrufen, der darf sich glücklich schätzen. Dann ist mit viel Arbeit eine Heilung im Bereich des Möglichen. Dann gibt es Hoffnung für diejenigen, die unter der Zwangsstörung leiden. Kurt Partner gibt Einblick in ein ganz besonderes Jahr einer betroffenen Familie. Ein Jahr, in dem die Geburt des zweiten Kindes fast vollkommen zur Nebensache wird und in dem jeder Gang in den Garten wohlüberlegt sein muss.

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Draußen war Sommer... 

Ein Jahr in Angst und Zwang

Ein Tagebuch geprägt von Liebe, Stress und Glück, Zwängen und Angst

von Kurt Partner

ISBN 978-3-7450-4601-4

Originalausgabe – „Ingrid-Update“

Text: © Copyright Kurt Partner

Umschlaggestaltung: © Copyright Kurt Partner

März 2019

https://goo.gl/ZURpQY

[email protected]

© 2017, Kurt Partner, c/o Familie König, Dresdener Ring 39, 61130 Nidderau

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf deshalb der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Autors.

Alle Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Sommer 2017 – Hoffnung

Für meine Kinder Niklas und Maria und für mich musste ich etwas tun. In all diesen wahnsinnigen Routinen der Zwangserkrankung war das Leben unerträglich geworden. Nichtstun hieß, den sprichwörtlichen Wahnsinn ganz ohne Gegenwehr weiter zu unterstützen. Also fing ich vor zehn Jahren mit dem Schreiben an. Dem Aufschreiben. Zum Verarbeiten. Wann immer es mir möglich war. Schreiben hilft. Hoffte ich. Heute weiß ich: Schreiben allein hilft längst nicht. Was hilft? Reden hilft. Reden miteinander. Das Reden mit Dritten. Das Reden mit Freunden. Und auch das Reden mit denen, die von Berufs wegen ein offenes Ohr haben müssen. Den Psychologen, den Psychotherapeuten.

Warum ich anfing? Weil die Zwangserkrankung meiner Frau Katrin und die damit verbundene Angst rund um die plötzlich für sie so realen Gefahren unser Leben bestimmten. Die Angst umklammerte uns und grenzte uns vom Leben dort draußen immer weiter aus. Diese Angst schränkte ein. Erst ein wenig. Dann immer stärker. Irgendwann so sehr, dass jeder Aspekt des Lebens zur Qual wurde.

Ich begann mit einer Psychotherapie. War ich denn krank? Im Rückblick – ja! Die Umstände hatten auch mich krank gemacht. Co-zwangskrank. Ich konnte nicht mehr unterscheiden zwischen ‘normal’ und ‘krankhaft’. Und es tat weh. Richtig körperlich weh. Dieses Leben in Angst und Sorge fraß sich sprichwörtlich in mir fest.

Aber ich hoffte. Ich hoffte darauf, dass alles wieder gut wird. Heute weiß ich: Alles wird nie wieder “gut”. Es bleiben Wunden, die sehr lange schmerzen.

Ich hoffe, dass dieses Buch anderen dabei hilft, frühzeitig Hilfe zu suchen. Ich habe erlebt, wie schwer es ist, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Aus der Verheimlichung heraus – auch wenn ich hier mit Pseudonym schreibe, um meine engste Familie vor möglichen negativen Reaktionen zu schützen – konnte ich im Laufe des Kampfes gegen die Krankheit schließlich mit meiner Familie und mit meinen engsten Freunden über den Zwang reden. Damit eröffnet sich eine Chance, dass die Narben kleiner werden. Das Wichtigste: Hilfe suchen und Hilfe annehmen. Es wird nicht von alleine besser. Zwänge verwachsen nicht. Sie sind auch nicht mit der Zeit zu lindern. Wer sich dieser Hoffnung hingibt, der vergibt die einzige große Chance. Man muss sich um Hilfe kümmern. Hilfe von außen. Auch wenn der Wunsch ganz natürlich ist, die Probleme nach außen zu vertuschen und nach innen klein zu reden. Ich habe dabei selbst zu lange mitgemacht.

Vielleicht sind meine Erfahrungen für andere ein erster Schritt in Richtung Hilfe. Hilfe, die man selbst einholt. Oder Hilfe, die man einem Betroffenen schenkt.

Kurt Partner, im Sommer 2017

Samstag, 7. Juli 2007 – Wow, was für ein Mittag!

Es ist kaum zu glauben. Unser Sohn Niklas ist inzwischen 2 1/2 Jahre alt und ich war heute mit ihm alleine draußen im Garten. Ich bin mit ihm raus gegangen, während Katrin zum Einkaufen gefahren ist. Ich habe mit ihm draußen im Garten sogar zu Mittag gegessen.

Was das Besondere ist? Nun, es war das erste Mal. Das erste Mal, dass ich mit meinem Sohn draußen im Garten war. Seltsam? Ehrlich: Das ist mehr als seltsam. Es ist schlimm. Aber noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass ich währenddessen ein schlechtes Gewissen hatte! Ein schlechtes Gewissen, weil ich mit meinem kleinen Sohn Niklas in unserem Garten war!

Wir leben seit fast vier Jahren in diesem Reihenhaus mit 140 Quadratmetern Wohnfläche und einem verhältnismäßig großen Garten. Zum Garten geht es aus dem Wohnzimmer heraus über eine etwas zu hoch geratene Stufe. Dort ist dann unsere extra große Terrasse. Genutzt wird diese Terrasse jedoch von uns kaum noch. Wir haben sehr viel mehr Zeit nach dem Einzug und noch ohne Niklas auf der Terrasse verbracht als heute mit Niklas. Damals war der Garten noch eine große Schlammwüste mit einer „Terrassenoase". Damals – zu zweit – sind wir sehr regelmäßig auf diese Terrasse gegangen. Haben dort gegessen. Haben entspannt und auch den einen oder anderen Abend eng aneinander gekuschelt auf einem Liegestuhl gelegen. Es gab leise und dabei extrem ekstatische Momente auf dieser Terrasse unter freiem Himmel. Ja, wir haben das Leben zu zweit genossen.

Und wir hatten uns auf unsere Zeit als Eltern gefreut. Dass es einmal so werden würde, das hätten wir nie gedacht. Nie. Nicht im Traum. Nicht einmal in einem Albtraum. Zu abstrus und viel zu brutal.

Nun also dieses erste Mal: Einfach mal die Terrassentür auf, Niklas rausgestellt, ihm und mir Schuhe angezogen und draußen waren wir. „Rausgestellt”. Richtig. Er ist 2 1/2 Jahre alt und wusste nicht, wie er diese eine Stufe vom Haus auf die Terrasse überwinden könnte. Er kennt diese Tür nur verschlossen. Doch dann hat ihm die Zeit dort in unserem Garten einen riesigen Spaß gemacht. Ein „Picknick" haben wir im Garten veranstaltet. Er hat sogar für mich Johannisbeeren gepflückt. Nachdem wir fast zwei Stunden draußen waren, liegt er jetzt im Bett und macht seinen Mittagsschlaf. Keine Sekunde Probleme beim Einschlafen. Niklas war einfach fix und fertig. So gefällt mir das.

Da er seine „Hausklamotten" trug, bin ich mir noch unsicher, ob Katrin daran sehen wird, dass wir etwas anderes gemacht haben als sonst, aber auf links gedreht in der Wäsche wird sie das wohl kaum mitbekommen.

Die Familie – Eine Vorstellung

Meine Frau Katrin ist krank. Keine Grippe. Keine ständige Migräne. Es ist anders. Ich habe große Sorge davor, wie es mit uns weitergehen wird. Mit mir (32), mit unserem Sohn Niklas, mit unserem ungeborenen Kind und mit meiner nur sechs Monate älteren Ehefrau Katrin. Wie krank Katrin eigentlich ist, das kann ich nur schwer beurteilen. Auf jeden Fall so krank, dass die Krankheit unser ganzes Leben bestimmt. Auf eine schreckliche Art und Weise bestimmt. Bedrückend. Beängstigend. Und für Niklas sicherlich langfristig spürbar. Und wie wird das erst mit unserem Baby? In welch einen Wahnsinn wird unser Baby hineingeboren?

Katrin und ich kennen uns bereits unser halbes Leben. Unsere gemeinsame Geschichte begann, da war ich gerade 16 geworden und sie hatte ihren 17. Geburtstag gerade vor sich. Wir lernten uns in der Oberstufe kennen und machten dann auch fast gemeinsam Abitur – am Ende habe ich nur ein Jahr länger als sie gebraucht. Ich war einfach zu unordentlich, um all das Abiturwissen in der vorgegebenen Zeit in mich hinein zu pauken. Regeln und strenge Strukturen stießen mich eher ab. Katrin war damals eine von diesen Schülerinnen, die mit einem ständigen Lächeln durchs Leben gehen. Die sich in die gestellten Probleme in den unterschiedlichsten Fächern hineinwühlten, um sie zu lösen. Das war auch für ihr Studium symptomatisch und für ihre Arbeit für das Staatsexamen. Katrin hat kurz Medizin studiert und dann zum Lehramt gewechselt. Haupt- und Realschule. Als Lehrerin für Mathematik und Biologie hat sie sich in kürzester Zeit den Respekt ihrer Kolleginnen und Kollegen erarbeitet.

Sie war es, die Dinge wie aufwändige Zirkeltrainings (“Stationenlernen”) in den naturwissenschaftlichen Unterricht bei ihren oftmals sehr viel älteren Lehrer-Kollegen hineinbrachte. Und Katrin war in ihrer Klasse nicht nur einfach beliebt, sondern von dem größten Teil ihrer Schüler trotz ihres Status als „junge Lehrerin” tatsächlich regelrecht geachtet.

Auch die fachfremden Unterrichtsthemen hat sich Katrin mit großem Engagement drauf geschafft. Sie war in ihrer Schule sehr schnell ein gefragtes Mitglied im Kollegium und sehr gut vernetzt. Schließlich hatte sie einen großen und aktiven Freundeskreis, von dem ich als Dauerreisender sehr stark profitierte. Das alles hat sich jedoch in den letzten zwei Jahren stark verändert.

Dabei steckt das Lehren in ihrer Familie. Ihre Mutter Bettina war Lehrerin, ihre Tante ist Lehrerin. Auch die Wissenschaft steckt ihr im Blut. Schon ihr Vater Rainer hat in Biologie seinen Doktor gemacht. Ihr Onkel ist Jurist, so wie auch ihr Großvater. In unserer gemeinsamen Zeit in der Oberstufe waren ihr chemische Formeln nie fremd. Keine Deutsch-Interpretation – und sei es zum Thema der filmischen Umsetzung von Clockwork Orange – konnte Katrin aus der Fassung bringen. Kein Sportlehrer ihr den Spaß an der Bewegung nehmen. Wir waren während unserer gemeinsamen drei Jahre in der Oberstufe zu besten Freunden geworden, begleiteten dann unsere jeweiligen Beziehungen im Anschluss aus sicherer Entfernung und kamen erst knapp zur Jahrtausendwende „zusammen”. Eine gemeinsame Woche in meiner Bude in Süddeutschland wurde rund um die Sonnenfinsternis am 11. August 1999 zu unserem langgezogenen Schlüsselmoment. Wir wollten zusammen sein. Zusammen leben.

Wir teilten dann recht schnell Tisch und Bett mit der beidseitigen Gewissheit, dass unser gemeinsames Leben ein wahrer Glücksfall sein musste. Zu groß unsere Freude an schönen Kinoabenden zu zweit oder noch besser Kinoabende mit Freunden und anschließendem gemütlichem Ausklang bei uns zuhause. Zu groß die Freude am gemeinsamen Tanzen. Zu deutlich das jeweilige Gefühl, mit dem Gegenüber auch einen Partner für eine zukünftige Familie gefunden zu haben.

Zuerst wohnten Katrin und ich in einer kleinen Mietwohnung zusammen. Auch hier klappte es zwischen uns. Das Zusammenwohnen war kein Quell für eine Ernüchterung. Wir konnten unsere Gemeinsamkeiten und unsere Unterschiede gut unter einen Hut bringen.

Die gemeinsame Zeit in der nahegelegenen Tanzschule genossen wir und verbrachten viel Zeit mit Freunden aus unserer gemeinsamen Jugend, mit unseren jeweiligen Kollegen und unseren großen Ursprungsfamilien. Katrin hat noch zwei Geschwister, ich selbst sogar drei.

Wir konnten unsere unterschiedlichen Einstellungen in Bezug auf Ordnung und Sauberkeit akzeptieren. Ich achtete darauf, nach Ausflügen mit dem Mountainbike nicht zu viel Schlamm und Schmutz in die Wohnung zu tragen und sie hielt sich beim Meckern über meine ganz eigenen Auslegungen des Ordnungsprinzips zurück.

Unsere Hochzeit war im Hochsommer 2002. Im Herbst des nächsten Jahres zogen wir in ein für uns und vor allen Dingen von Katrin neu gebautes Reihen-Endhaus mit dem eigenen Garten. Katrin war während der Bauphase in den Nahkampf mit dem Bauträger gegangen. Hat all unsere Wünsche eingebracht und durchgefochten.

Ein Spielplatz direkt in Sichtweite war mit Ausschlaggebend für die Grundstücks- und Hausauswahl. Nur ein Feldweg zwischen dem Spielplatz und unserem 250 Quadratmeter großen Garten. Man könnte so schön einfach in diesen Garten. Dort, wo gerade Sommer ist. Aber dort hinaus? Heute viel zu kompliziert, um einfach so hinaus zu gehen. Viel zu gefährlich. Die Vögel!

Nach einer Fehlgeburt 2004 wurde im Februar 2005 unser Sohn Niklas geboren. Meike, die beste Freundin meiner Frau, war unsere Hebamme. Inzwischen erwarten wir unser zweites Kind. Wieder ein echtes Wunschkind. Wir sind im siebten Monat, doch leider längst nicht mehr im siebten Himmel. Es könnte alles so schön sein. Mit all unseren Freunden. Mit den Nachbarn. Unseren Familien. Aber es wird alles weiterhin anders sein. Das Kind wird in einen Albtraum hineingeboren. Wenn sich nichts ändert. Wenn kein Wunder geschieht. Denn das, was unser Leben nun seit mindestens vier Jahren bestimmt, das ist Angst. Die Angst meiner Frau.

Angst bestimmt

Eine gewisse Portion Angst sollte sicherlich immer zum menschlichen Leben gehören. Wir schützen uns so nicht nur vor unüberlegten Handlungen und gefährlichen Situationen. Das hat die Evolution schon ganz richtig gemacht. Sicherlich war Angst auch ein guter Berater (oder Beraterin?), als wir uns noch gegen wilde Tiere behaupten und jeder seine Nahrung selbst sammeln oder jagen musste. Diese Zeit ist jedoch vorbei. Diese Zeit, in der Angst aus gutem Grund die bestimmende Komponente im Leben war.

Bei Katrin und mir hat Angst eine andere Dimension erreicht. Ich glaube, ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass Angst inzwischen alles in unserem Leben beeinflusst oder prägt. Jeder Handgriff wird von Angst begleitet oder wird aus Angst überhaupt durchgeführt. Jeder Ausflug bedeutet, Vorsicht walten zu lassen und aus Angst Schutzrituale zu befolgen. Jeder Besuch von draußen bedeutet Angst. Jeder Händedruck ist begleitet von Angst. Jede Kloschüssel, jeder Ast auf dem Boden, jeder Fleck auf der Kleidung. Jedes Vogelnest am Dach, jede Taube auf dem Gehsteig. Das Leben ist Angst. Für meine Frau Katrin. Und ich? Auch ich bin eine ständige Quelle für diese Angst. Verrückt.

Katrin hat unvorstellbare Angst davor, dass Niklas etwas Schlimmes zustoßen könnte. Etwas Schlimmes? Schlimm sind Dinge, die tödlich sind. Tödlich ist die Vogelgrippe. Über die Vogelgrippe wird dort „draußen“ gesprochen. Über die Medien kommt dieses gefährliche „Draußen” dann zu uns ins geschützte Heim. Die Medien berichten über Ausbreitungsfaktoren, Mutationen und Massentierkeulungen. Mitten in unsere doch eigentlich heile Welt treffen diese Berichte. Mitten hinein in Katrins Angst vor einer schweren Erkrankung.

Katrin wird im wahrsten Sinne des Wortes rund um die Uhr von einer ihren ganzen Körper ergreifenden Angst gesteuert. Regelrecht greifbar wird diese Angst vor der Ansteckung eines engen Familienmitglieds mit der Vogelgrippe. Dieser Angst ordnen wir mehr und mehr unser gemeinsames Leben unter.

Die Angst bestimmt alles. Sie bestimmt jeden Ausflug. Jedes Anziehen. Jedes Ausziehen. Jeden Gang nach zum Einkaufen. Jeden Gang in den Garten. Jede unbewusste Berührung. Jedes Streicheln. Jeder Kuss wird von dieser Angst bestimmt. Ja, auch unseren Sex bestimmt die Angst. Die Angst bestimmt wo, wann, wie und nach welchen Säuberungsritualen Katrin und ich uns berühren dürfen. Die Angst bestimmt, unter welchen Bedingungen, wo, nach welchen Ritualen wir miteinander schlafen dürfen. Es gibt keine spontane Freude. Keine spontan erwiderte Erregung. Es muss alles kontrolliert ablaufen. Sauber. Klinisch sauber.

Die Angst bestimmt jede Handlung. Die Angst bestimmt jede Nacht. Jeden verdammten Tag. Jeden Tag, den wir doch so schön verleben könnten. Wenn draußen die Sonne scheint, unser Kind glücklich und gesund ist. Und doch geht es nicht. Als ob es dort draußen ständig blitzt und donnert. Unaufhaltsam kommt das imaginäre Gewitter näher. Bedrohlich. Jeden Tag. Weil unser Leben keinen Blitzableiter hat, müssen wir uns vor dem Gewitter wegducken. Längst ist nicht mehr klar, was schwerer wiegt. Die reale Gefahr oder die Angst vor ihr. Gefährlich scheint irgendwie beides. Vielleicht sogar tödlich.

Samstag, 7. Juli 2007 – Nach dem Ausflug

Nein, ich denke schon, dass ich normal bin – man könnte ja meinen, dass ich sonst nicht in den Garten gehen will. Und ob!Das Problem ist eben diese riesige Angst. Die riesige Angst meiner Frau, dass durch irgendeinen Dreck im Garten unserem Kind etwas zustoßen könnte. So verhindert sie mit aller Kraft, dass wir ‘einfach mal so’ hinausgehen. Denn sonst heißt jeder ‘Ausflug’, dass die komplette Wäsche gewechselt und anschließend auch jedes mal ein Gang von allen unter die Dusche mit einem strengen Programm zum Einseifen notwendig ist. Das macht die Sache auch zu einem regelmäßigen Weinkrampf für Niklas, der auch nach einem Ausflug entsprechend müde ist und einen Aufenthalt in der Dusche schon lange nicht immer so gerne mitmacht.

Wenn der Tag mit mehreren „Ausflügen" gepflastert wäre, dann müsste Niklas nach Katrins Zwangsregeln mehrmals am Tag unter die Dusche. Praktisch gesehen: Unmöglich. So plant Katrin die Tage schon so, dass es nur einen „Ausflug" nach draußen gibt. Einmal am Tag raus. Dann wieder hinein in die Sicherheit. Gründlich abgesichert mit genügend säuberndem Wasser.

Aber heute nicht. Diesmal musste Niklas nicht unter die Dusche. Diesmal habe ich ihm noch kurz die Hände abgespült – noch nicht mal mit Seife – und das war es. In gewisser Weise ein Hochgefühl für mich. So verboten und dabei so schön! Diese glücklichen Kinderaugen! Schwierig wird es sicherlich, wenn Katrin nachher von ihm die verrückten Geschichten vom „Picknick Garten" oder „Sandkasten spielen" hört. Aber was kann schlimmstenfalls passieren? Dass Katrin sämtliche Dinge, bei denen sie sich denkt, dass ich sie dreckig angefasst habe, nochmals intensiv putzt. Aber das werden wir überstehen. Hoffe ich. So, jetzt wecke ich unseren Sohn wieder auf, denn Katrin holt ihn gleich ab und wird mit ihm zum Fahrradfahren gehen. Richtig. Sie bemüht sich! Sie kümmert sich darum, dass er nach draußen kommt. Dass er dem Anschein einer normalen Entwicklung genüge tut. Natürlich hat sie nämlich ein riesiges schlechtes Gewissen. Das sagt sie mir regelmäßig. Und so kümmert sie sich zum Beispiel um dieses Laufradfahren. Dass ich das übernehme? Zu gefährlich. Ich achte nicht genau genug auf die möglichen Gefahren. So übt sie mit Niklas auf sicherem Gelände in der Nähe ihrer Eltern das Laufradfahren. Ich werde mir in dieser Zeit eine kleine Auszeit nehmen und einen Freund besuchen. Auch ihm darf ich nach Anweisung meiner Frau nichts sagen. Keiner „Menschenseele" – selten gab es so energisch vorgetragene Regeln, wie zu diesem Thema der Geheimhaltung. Also: Daumen drücken, damit Katrin die heutige Nacht nicht wieder zum Tage macht und durchputzt

Krankhafte Rituale – Zwangserkrankung

Katrins Krankheit nenne ich Zwangserkrankung. Im Englischen wird sie oft als OCD abgekürzt – obsessive compulsive disorder. Im Medizindeutsch ist es die Zwangsstörung. Doch aus meiner Sicht verharmlost das die Sache gewaltig. Es ist nicht nur eine Störung im Lebensablauf. Es ist keine Störung im Betriebsablauf. Es ist nicht so, dass dann an einer Stellschraube gedreht wird und schon ist alles wieder gut. Diese Zwänge, diese Angst machen das ganze Leben anders. Sie sind krank und machen krank. Ich lebe mit diesen Veränderungen von Woche zu Woche. Im Rückblick sehe ich dann ab und zu, was sich wieder verändert, was sich verschlimmert hat. Katrin versucht inzwischen zwanghaft, allem aus dem Wege zu gehen, was für unseren Sohn Niklas gefährlich werden könnte.

Es ist kaum zu glauben, was aus ihrer Sicht alles als gefährlich eingestuft wird! Erschreckend viel. Die Vogelgrippe könnte schließlich überall sein. Das ist nicht lustig. Jeder Kotfleck eines Vogels könnte der Ursprung einer Ansteckung sein. Jedes weiße Restchen auf einer Mauer, auf einem Handlauf, irgendwo – es könnte ein Rest Vogelkot sein. Und was ist das für ein Fleck auf der Jacke? Die Angst ist immer da. Katrin ängstigt sich ständig vor der Ansteckung. Und ich? Ich habe Angst davor, dass uns irgendwas Unerwartetes passiert. Denn dann wird Katrin wieder panisch penibel putzen, was das Zeug hält. Das schafft ihr das Gefühl, die Gefahr abzuwenden. Schließlich beruhigt sie das Putzen schlussendlich.

Jede Faszination des Augenblicks wird mit dem Putzen zerstört wird mit einem Desinfektionstuch und allem was dazugehört weggewischt und ausgelöscht. Egal, ob es gerade lustig ist, oder romantisch. Egal, ob wir eigentlich dringendere Dinge zu tun hätten, oder vielleicht sogar etwas mit Niklas machen wollten. Die Sauberkeit, die Hygiene, der Schutz vor Ansteckung hat ständig Vorrang.

Samstag, 7. Juli 2007 – Es war erst einmal furchtbar.

Niklas hat sich bei der Rückkehr von Katrin „verplappert." Ich hatte ihn mit keiner Silbe zu einer „Verschwiegenheit gegenüber Mama" gedrängt oder etwas in dieser Richtung gesagt. So hat er direkt auf ihre Frage „Was habt ihr zusammen gemacht?" stolz in seinen Worten erzählt, dass wir im Sandkasten gespielt haben. Katrin brach in Tränen aus. Sie könne sich nicht mehr auf mich verlassen.

Wie ich das denn machen konnte? Wie ich Niklas denn dann wieder ins Haus hineingebracht hatte? Was wir denn angefasst hätten? Wo denn Niklas' Kleidung sei?

Vollkommen aufgelöst war sie. Ich sagte ihr, dass sie sich keine Sorgen machen müsste. Dass alles in Ordnung sei. Sie wollte den Ausflug mit Niklas zu ihren Eltern abblasen. Niklas hatte sich doch aber so sehr darauf gefreut. Ich redete ruhig auf sie ein, dass sie das nicht machen könnte. Er freute sich doch so und sie müsste sich keine Sorgen machen. Niklas war zu diesem Zeitpunkt schon angeschnallt im Auto und wartete aufs Losfahren. Er wartete lange. So viel Kontrolle hat Katrin (noch?), dass entsprechende Streitszenen nicht vor unserem Sohn ausgetragen werden. Weinend ist sie dann aus dem Haus raus und losgefahren. Ich konnte nur hoffen, dass sie sich beim Losfahren wieder soweit gefasst hatte. Und ich machte mir Sorgen. War das nun wirklich richtig gewesen? War das denn „nötig” gewesen? Hat die Freude von Niklas über das Picknick in unserem Garten es ausgeglichen, dass Katrin nun diese riesige Angst ertragen muss? Ich habe Schuldgefühle. Bin hin- und hergerissen. Kein liebender Ehemann freut sich darüber, wenn die eigene Frau weint. Schrecklich weint. Noch dazu schwanger! Katrin hatte mir Vorwürfe gemacht. Vorwürfe, dass ich ja nun ihr Vertrauen verspielt hätte und dass sie nun die Nacht wieder Stunden damit zubringen müsste, alles sauber zu putzen. Aber: So ist es nun gewesen und damit musste es in gewisser Weise gut sein.

Rituale, damit nichts passiert.

Damit nichts passiert, ist das alles bestimmende Element in unserem Leben nun das Ritual. Nein, nicht ein einziges Ritual. Es sind ständig mehr und mehr Rituale. Welche Rituale Katrin befolgt, könnte mir egal sein? Es sind doch nicht meine Rituale? Nicht ganz. Das Schlimme ist, dass ich zugelassen habe, dass auch Niklas und ich in diese strengen Rituale gezwängt werden.

Was an Ritualen so schlimm ist? Rituale sind gut und wichtig. Rituale geben Sicherheit. Rituale helfen, Alltagssituationen sicher zu meistern. Das hatte ich schon bei meinem viel zu früh verstorbenen Religionslehrer Uwe in der Oberstufe gelernt. Das Problematische, das Krankhafte beginnt aus meiner Sicht dann, wenn Rituale das Leben einengen. Das ist inzwischen beim Leben von Niklas, Katrin und mir ganz massiv der Fall.

Das fing alles ganz harmlos an. So ist es in vielen Familien sicherlich ganz normal, dass die Schuhe vor dem Betreten der Wohnung ausgezogen werden. Das ist sinnvoll, denn damit reduziert man das Verteilen vom Straßendreck, von Spielplatzsand oder Pfützenschlamm und vermindert so den Hausputzbedarf. Oder wer kennt nicht Sprüche wie „Nach dem Klo und vor dem Essen Händewaschen nicht vergessen” oder „Vor dem Essen, nach dem Essen Händewaschen nicht vergessen.” Ganz normale Rituale. Das schränkt auch nicht wirklich ein.

Weil die Rituale zu Beginn nicht einschränken, fallen die vielen kleinen Optimierungen von Katrin zuerst gar nicht auf. So hatte ich das immer stärker werdende Dilemma, in dem sich Katrin befand, und die sich daraus entwickelnden schleichenden Veränderungen lange Zeit gar nicht bewusst wahrgenommen. Es waren eben einfach nur Rituale. Aber sie begannen zu nerven.

Sonntag, 8. Juli 2007 – Warum nicht schon im letzten Jahr?

Darüber habe ich mir die letzten zwei Tage einige Gedanken gemacht. Warum sind wir nicht schon im letzten Jahr oder noch früher darauf gekommen, was mit Katrin los war? Wir alle hören so viel von Krebs, Herzklappenfehlern, Masern, Mumps, AIDS und Magengeschwüren. Oder auch Drogensucht. Wir hören auch etwas von Psychiatern und Psychosen. Wir sehen lustige amerikanische Filme, bei denen die Hauptfiguren auf der Couch ihres Psychiaters liegen und über ihre Eheprobleme reden. Es gibt gar den lustigen Detective Monk. Aber das ist ja etwas anderes. Das ist ja lustig. Aber das, was wir erleben? Was ist das? Wie nennt man diesen Wahnsinn, der schleichend schlimmer wird? Der schleichend das Leben vereinnahmt? Der das Leben einzwängt? Und dann wird dieser Begriff irgendwann doch noch gefunden. Z W A N G. Leider eben erst irgendwann. Denn wenn ich früher darauf gestoßen wäre? Dann hätte ich vielleicht frühzeitiger reagieren können. Dann hätte alles vielleicht irgendwie anders laufen können.

Ich hatte lange recherchiert. Bücher über Hygiene gefunden. Bücher über die Hygiene im Krankenhaus, Hygiene in der Betreuung von Kranken. Ich fand keine Hinweise auf krankhafte Hygiene"sucht". Ja, ich fand Sachen über Phobien. Aber auch das war nicht so wirklich in Einklang zu bringen mit Katrins Aktivitäten.

Wenn wir die Krankheit früher hätten benennen können, dann hätten wir als Paar auch leichter und besser darüber sprechen können – da bin ich mir sicher. Und schließlich hätte es vielleicht auch dabei geholfen, als Angehöriger nicht in dieser Form Co-Krank zu werden. Co-Krank, das ist wie Co-Abhängig. Denn um das System im Gleichgewicht zu halten und damit auch die heftigsten Wutausbrüche zu vermeiden, muss der Partner in diesem System eingespannt sein und mitarbeiten.

Wenn ich von Anfang an dagegen gehalten hätte? Dann wäre das Zusammenleben von Beginn an zur Tortur geworden. Dann wäre uns unsere Not sicherlich auch früher bewusst gewesen. Zwar wäre von einer normalen Ehe dann auch früher nicht mehr zu sprechen gewesen. Wir hätten dann aber auch schneller nach einer Lösung gesucht. Fatale Falle.

Ein Schulfach Gesundheit, gesundes Leben wäre sicherlich nicht falsch. Nicht, um lauter Hypochonder heranzubilden. Sondern um zu erkennen, was gesund, vielleicht „normal" und was ungesund ist. Und das nicht nur im Rahmen des Schulfrühstücks. Es ist nur die Frage: Welche Krankheiten müssten dabei besprochen werden? Welche gesunden Verhaltensweisen müssten eingeübt werden? Oder ist das eine Aufgabe des Elternhauses? Vielleicht ginge es auch einfach nur darum, junge Menschen früher daran zu gewöhnen, dass nicht alles allein zu lösen ist. Dass es nicht schlecht ist, wenn man Hilfe sucht. Dass es von Größe zeugt, wenn man Hilfe annimmt. Hätte, wäre, wenn... Aber am Ende zählt nur, dass wir aufeinander aufpassen. Und wenn uns etwas auffällt, dann sollten wir den Mut haben, es offen anzusprechen. Psychische Krankheiten müssten entstigmatisiert werden. Eine gebrochene Psyche sollte just so behandelt und gesehen werden, wie ein gebrochener Arm. Dann wäre es vielleicht einfacher.

Raue Zärtlichkeit war die spürbare Veränderung

Es war erst zu Beginn des letzten Jahres, dass ich ahnte, dass in unserem Leben insgesamt etwas nicht stimmte. Unser Leben war inzwischen so sehr eingeschränkt. Die Freiheit fehlte. Es fing an, sich krank anzufühlen. Vor allen Dingen deswegen, weil immer dann, wenn Rituale nicht eingehalten wurden, eine Entschuldigung nicht mehr als Besänftigung ausreichte. Katrin, sonst so ausgeglichen und bis dahin so liebevoll, wurde nach jeder Ritual- und Regelverletzung aggressiv und ganz ungewöhnlich sauer. Sie machte mir ein schlechtes Gewissen. Und sie putzte.

Zu diesem Zeitpunkt bemerkte ich auch, dass Katrin immer mehr Zeit damit verbrachte, sich ihre Hände einzucremen. Schon ihr Vater Rainer hätte sich immer seine Hände eincremen müssen, sagte sie ab und zu ein wenig entschuldigend. Oder bemerkte ich eher die steigende Frequenz des Händewaschens? Aber das ist doch nur ein Zeichen für eine gute Reinlichkeit. Oder was soll am Händewaschen schlimm sein? Jeder muss sich doch die Hände waschen. Stimmt. Aber bei dem, was Katrin machte... Das war anders. Das fühlte sich irgendwie beängstigend an. Es fühlte sich krank an.

So viel konnte man sich gar nicht mehr die Hände eincremen, wie sie putzte und sich ihre Hände wusch. Ich bemerkte es auf andere Art und Weise ganz direkt. Hautnah sozusagen. Es war inzwischen nicht nur die wenige Zeit, die wir romantisch zärtlich miteinander verbrachten. Berührungen dieser mitgenommenen Hände auf meiner Haut waren eindeutig anders als früher. Wenn alles für sie einmal passte, ihre Hände den Weg für den seltenen und wohlgeplanten Sex zu mir fanden, dann waren diese Hände längst nicht mehr weich und sanft. Sie fühlten sich im wahrsten Sinne des Wortes krank an. Katrins Haut hatte sich verändert. Es waren zwar noch ihre zärtliche Berührungen. Aber der Körperkontakt mit ihren Fingern fühlten sich rau an. Ihre Hände waren rau, hart und spröde geworden. So als ob ein harter Winter im heißesten Sommer seine Kälte an ihnen ausgelebt hätte.

Selbst Massageöle konnten die krustig aufplatzenden Hautflächen an ihren Fingern nicht besänftigen. Die enorme Belastung der Haut war ständig und deutlich spürbar. „Mein Frau wäscht sich krank,” war der Gedanke, mit dem ich mich hilfesuchend an meinen Hautarzt wandte. Dieser empfahl uns dann eine Psychiaterin. Nicht bei uns auf dem Lande. In der Stadt.

In der nächsten Großstadt? Allein das war erneut ein Unterfangen, denn natürlich ist so eine Stadt ganz besonders dreckig, schmutzig und eklig... Zumindest für Katrin. Ich war ja schon als Kind in dieser Großstadt auf Abenteuertour unterwegs und so gab es wenig, was mich hätte schockieren können. Katrin dagegen? Sie ist auf dem Land aufgewachsen. Ganz intensiv behütet.

Aber wir waren auf dem Weg zur Lösung des Problems! Was für Hoffnungen ich hatte! Meine Vorfreude auf die bessere Zeit vor uns war riesig. Jetzt musste es besser werden! Jetzt hatten wir endlich ärztliche Unterstützung.

Doch wer so viel erhofft, der kann auch schwer enttäuscht werden. Ich begleitete Katrin bis vor die Praxis. Ihr Gespräch mit der Großstadt-Psychiaterin dauerte nur knappe fünfzehn Minuten. Als Belohnung bekam Katrin zwei Rezepte: Das erste Rezept war für ein Medikament. Es sollte die Angst dämpfen. Eine Therapie möglich machen. Leider habe ich den Namen nicht mehr, aber es sollte nicht das letzte Medikament gewesen sein. Das zweite Rezept war die Überweisung zu Katrins erstem Psychotherapeuten.

Sonntag, 8. Juli 2007 – Rückblick auf die Rückkehr

Nach der abendlichen Rückkehr von ihren Eltern waren Katrin und ich sehr, sehr wortkarg. Niklas wurde wie üblich geduscht und kam dann ins Bett. Ein solches Duschen dauert jeweils mindestens 15 Minuten. Katrin nimmt Niklas dafür meistens mit zu sich in die Dusche. So kann sie besser darauf achten, dass kein „dreckiger Schaum" mehr in der Dusche ist, bevor Niklas zum Schluss noch einmal abgeduscht wird.

Nachdem Niklas im Bett war, begann die große Putzaktion im ganzen Haus. Ich zog mich zurück. Schrieb auf. Katrin putzte bis tief in die Nacht. Erst kurz nach 23 Uhr rief sie mich herunter. Zur Standpauke. Zur intensiven Darbietung ihrer vollkommenen Erschöpfung. Zu den vollendet vorgebrachten Vorwürfen gegen mich. Warum ich denn just das Gegenteil von dem mache, was die Therapie vorsehe.

Kloschüsseln ablecken?

Natürlich nicht. Da wäre ich auch nie auf die Idee gekommen. Aber man kann so einiges erleben, wenn man in das Umfeld der gebrochenen Psychen kommt.

Mit meinem Wissen von heute, war die Überweisung zur Psychiaterin tatsächlich ein Riesenglück und großer Erfolg gewesen! Diese beiden Rezepte hießen, dass Katrin auf gewisse Art und Weise das Problem eingesehen hatte. Sie hatte entschieden, dass etwas getan werden musste! Alles deutete darauf hin, dass sie diese ganzen Ängste und Zwänge ihr zu viel wurden und sie nun etwas verändern wollte. Vor ungefähr einem Jahr begann Katrin ihre therapeutische Behandlung mit medikamentöser Unterstützung. Alles wird gut?

Nein. Die medikamentöse Behandlung wurde abgebrochen. Das Mittel hatte starke Nebenwirkungen. Katrin stöhnte über extrem starkes Schwitzen bei jeder Art von Aktivität. Außerdem kam sie mit dem Therapeuten nicht wirklich weiter. Zu Beginn der Therapie war für jede Woche ein Termin eingestellt. Zu Beginn... Dann begann Katrin davon zu erzählen, dass sie gar keine besonders problematische Patientin für den Therapeuten sei. Ihr Therapeut hatte ihr wohl von anderen Patienten berichtet. So zum Beispiel von einem Patienten, der das dringende Bedürfnis hatte, öffentliche Toiletten abzulecken…

Das war für Katrin zu viel. Das bedeutete ja, dass dieser Patient auf dem gleichen Stuhl gesessen hatte wie sie... Dass er die gleichen Dinge angefasst hatte... Womöglich direkt vor ihr in der Praxis gewesen war... Danach dauerte es nicht mehr lange: Zuerst wurden Termine wegen Verspätungen verkürzt. Dann wurden Termine wegen verschiedener Gründe immer mal wieder abgesagt. Und dann? Dann sagte Katrin schließlich ihre Termine bei dem Therapeuten ganz ab.

Sonntag, 8. Juli 2007 – Flohmarktsorgen, Sorgenflohmarkt

Wie sah sonst unser Tag aus? Dafür vielleicht eine kleine Rückschau auf den heutigen Sonntag: 

09:15 Uhr: Niklas wird wach. Katrin holt ihn in unser Bett

10:40 Uhr: Frühstück

12:25 Uhr: Abfahrt zu einem Flohmarkt. Eigentlich war 11:45 Uhr als Abfahrtszeit geplant, aber das Kücheputzen hat länger gedauert. Es ist der Jahresflohmarkt in einer benachbarten Stadt. Mit kleinem Zirkus. Mit wenigen Händlern und immer so viel zu sehen. 20 Minuten fährt man in die Stadt. Und dann gilt es, noch einen Parkplatz zu finden.

15:00 Uhr Rückkehr vom Flohmarkt, Ankunft zuhause.

15:27 Uhr Katrin hat das Duschen von sich und von Niklas beendet. Um des lieben Friedens willen, gehe ich nun auch unter die Dusche.

Ja, wir waren auf einem Flohmarkt! Wir waren gemeinsam unterwegs, draußen und unter Menschen. Das ist doch eine tolle Sache für eine Zwangskranke mit den Sorgen meiner Frau! Überall alte, dreckige Sachen und Katrin geht mit mir dorthin!

Nun, ganz so schön war es nicht. Die Geschichte war die: Beim gemeinsamen Gang über den Flohmarkt ist Niklas auf dem Kopfsteinpflaster hingefallen und war wohl mit seiner Hand mitten über eine Vogelfeder gerutscht. Katrin hat die Vogelfeder gesehen. Mir ist sie nicht aufgefallen. Ich habe Niklas natürlich nur einfach die Steinchen von seiner Hand gewischt, war zufrieden, dass die Hand nicht aufgeschürft war und nahm ihn danach wieder an meine Hand.

Für Katrin muss dies der Horror gewesen sein. Aus ihrer Sicht eine reine Provokation von meiner Seite: Kein wirkliches Abwaschen nach dem Stolpern. Dann habe ich auch noch ein gebrauchtes Buch gekauft. Und dann auch noch Niklas getragen!

Nach dem Duschen war Putzen angesagt. Aus Katrins Sicht musste alles, wirklich alles geputzt werden. Erst als die Anspannung sich langsam verflüchtigte nachdem alle relevanten Flächen geputzt waren, kamen die Tränen. Es muss für Katrin unglaublich anstrengend sein. Nicht nur einfach körperlich. Schließlich ist sie ja auch mitten in der Schwangerschaft. Nein, auch wegen der notwendigen hohen Konzentration, die sie aufbringen muss. Damit sie nichts weiter mit kontaminiertem Putzmitteln anfasst, was sie vielleicht im Anschluss vergisst, neu zu säubern. Sie ist nun vollkommen fertig. Katrins Weinen tut mir zwar weh, aber ich hoffe, dass es dabei hilft, dass sie in kleinen Schritten auch selbst die Not erkennt, in der sie steckt. Nicht nur wegen der Schwangerschaft. Einfach wegen ihr. Katrin tut mir so furchtbar leid. Herzzerreißend kling abgedroschen. Aber es genau das: Ich bin hin- und hergerissen. Zwischen helfen und nicht helfen. Alle Aktivitäten einstellen, oder „normal“ weitermachen. Aber wegen dieser Anstrengungen, wegen dem Putzwahnsinn gänzlich auf derartige Ausflüge verzichten? Solche Ausflüge gar nicht mehr anbieten?

Ich bin stolz darauf, dass sie das Risiko des Besuchs des Flohmarktes eingegangen ist. Ich hoffe, dass dies auch in Zukunft so bleibt.

Lebenswunsch – der Wunsch nach Leben

Ja wir sind schwanger. Ein wirkliches Wunschkind. Wir hatten gemeinsam den Wunsch nach einer größeren Familie. Nicht nur einfach Mutter, Vater und ein Kind. Niklas sollte kein Einzelkind sein. Wir wollten ein zweites Kind. Im Nachgang vielleicht schwer zu verstehen, aber obwohl wir nun von der tatsächlichen Existenz einer psychischen Krankheit meiner Frau wussten und diese noch längst nicht geheilt war, wollten wir unseren Wunsch nach einem zweiten Kind nicht weiter aufschieben.

Doch eine Schwangerschaft mit gleichzeitiger Medikamenteneinnahme? Eine kurze Online-Recherche hatte schon gezeigt: Psychopharmaka und Schwangerschaft? Da gibt es wenig belastbare und vor allen Dingen keine rein positiven Daten. Also haben wir gemeinsam entschieden, dass Katrin das damalige Medikament absetzt. Die möglichen Nebenwirkungen des Medikaments während der Schwangerschaft wären nicht vorhersehbar gewesen. Was für Diskussionen! Was für weitreichende Entscheidungen! Ein Menschenleben verhindern, um die eigene Krankheit – mit mehr oder weniger großem Erfolg – zu therapieren?

Das Absetzen und damit die geplante Schwangerschaft waren aus heutiger Sicht im Hinblick auf die Krankheitsentwicklung unglaublich große Fehler. Diese Komplikationen mit der Zwangserkrankung während der Schwangerschaft! Aber unser zweites Kind? Wird es das nicht wert sein? Aber später ist man immer klüger. Und wer weiß... vielleicht wird ja doch alles gut?

Nachdem die zwanghaften Putz- und Waschrituale mit dem Absetzen des Medikaments erst noch minimiert vorhanden waren, haben sie sich im Laufe der Schwangerschaft immer weiter verstärkt.

Schließlich konnte ich – mit Hilfe von Katrins Eltern Bettina und Rainer, Katrin dazu bewegen, dass sie erneut eine Therapie begann. Diesmal nicht über die Psychiaterin in der Stadt, sondern über einen Kontakt von Bettina, meiner Schwiegermutter. Sie kannte noch einen Professor. Professor Fölkner behandelte vor vielen Jahren bereits Bettina wegen ihrer eigenen Zwangserkrankung.

Zwangserkrankung? Meine Schwiegermutter? Ja, richtig. Ich hatte mittlerweile während eines Schwiegersohn-Schwiegervater-Spaziergangs erfahren, dass Katrin nicht die Erste in ihrer Familie mit Zwängen war. Schon Bettina entwickelte eine Zwangserkrankung und litt unter ihren Zwängen. Auch sie hatte Angst vor tödlichen Krankheiten und legte in den ersten Jahren der Ehe mit Rainer ein besonders großes Hygienebedürfnis an den Tag.

Rainer erzählte mir von den 80er Jahren. Von Nächten in Hotels, in denen er Mücken jagen musste. Nein, nicht weil sie nervende Stiche verursachen könnten. Er sollte die Mücken töten, damit Bettina und er nicht an der „möglicherweise über Mückenstiche übertragbaren Krankheit AIDS” erkranken können... Heute ist Bettina „eingestellt”. Sie nimmt regelmäßig ein Medikament. Damit lebt sie wohl größtenteils frei von Symptomen. Zumindest sind selbst für einen nicht mehr ganz so Außenstehenden wie mich keine Symptome mehr sicht- oder erlebbar. Die Krankheit ist dabei für niemanden ein Thema. Selbst ihre engsten Freunde wissen nicht Bescheid. Die Kernfamilie hat sich darauf verständigt, dass niemand etwas über die Krankheit zu erfahren hat.

Aber auch mit Hilfe von Professor Fölkner ist Katrins Therapie bis heute noch nicht wirklich losgegangen. Alles dauert. Der erste Termin bei Professor Fölkner liegt nun schon zwei Monate zurück. Die Zeitaufwand ist bei jedem Besuch riesig: 60 Minuten Autofahrt hin, und 40 Minuten außerhalb der Rushhour zurück. Ob sich das lohnt? Sollten wir vielleicht nicht jemand anderen suchen? Aber Katrin vertraut ihrer Mutter. Ich muss ihm auch vertrauen. Ich sollte ihm vertrauen...

Am 8. Mai, also heute vor genau zwei Monaten, war die geäußerte Meinung von Professors Fölkner: Die Therapie kann nur gemeinsam mit Medikamenten gestartet werden. Die medikamentöse Behandlung wiederum könne erst nach der Geburt gestartet werden.

Nach der Geburt? Das sind noch vier Monate! Wir haben im September Geburtstermin! Akute Hilfe? Nein. „Akute Hilfe ist in ihrem Fall nicht möglich“. Eine Therapie ohne begleitende Medikation? „Eine psychotherapeutische Therapie ohne begleitende Medikation? Nein, nicht durchführbar.“ Professor Fölkner war da sehr deutlich. Die Angst, die Furcht des Patienten, in diesem Fall von Katrin, wäre zu groß, um die Therapie durchstehen zu können.

Nach dieser Meldung war ich vollkommen fertig. Ich konnte es einfach nicht fassen. „Was für ein Arschloch! Was für ein Idiot! Was für ein gottverdammter, weltfremder Idiot!” Das waren meine stillen Gedanken. Dieses vernichtende Urteil gegenüber jeder Art von Hoffnung auf Anleitung zur Besserung war für mich nicht verständlich. Aber statt zu schreien und zu toben; reagierte ich mit unzähligen Anrufversuchen. Ich nahm mir in der Firma frei. Ich wollte persönlich in der Klinik von Prof. Fölkner auf der Matte stehen. Aber Fölkner hatte keine Zeit. Ich hinterließ Anrufe auf seinem Anrufbeantworter. Ich verfasste unter anderem einen Brief, den ich an den Professor schickte, um die Situation nochmals darzulegen. Aber auch hierauf nur die bereits formulierte Reaktion: Keine Therapie ohne Medikation.

Und dabei bräuchten wir so dringend einen Lichtblick! In unserer kleinen Familie ist das Zusammenleben einzig und allein nur noch von den Zwängen bestimmt. Niklas ist darin kräftig integriert und passt sich diesen Gegebenheiten an. Wie sollte ich das auch nur einen Tag länger aushalten? Könnte das überhaupt jemand so aushalten?

Rücksichtnahme auf eine Schwangere auf der einen Seite — natürlich! Aber auf der anderen Seite mein mir inzwischen angelesenes und gelerntes Wissen, dass man den Zwängen etwas entgegensetzen muss. Andernfalls fressen sie auf, gewinnen Schritt für Schritt immer mehr Macht. Und dabei sollte doch die Zeit der Schwangerschaft eine ganz besonders schöne Zeit sein. Entspannend und ruhig. Und kein Dauerstress oder sogar Dauerstreit.

Montag, 9. Juli 2007 – Das Gute sehen