Drei Personen erzählen eine Geschichte - Gerlinde Bartels - E-Book

Drei Personen erzählen eine Geschichte E-Book

Gerlinde Bartels

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Beschreibung

Drei Personen erzählen die Kindheits- und Jugendgeschichte des 1944 in einem Lebensbornheim geborenen H.-J. B.: Er selbst, seine Mutter und sein Vater. Diese drei waren niemals eine Familie. H.-J. blieb bis Kriegsende in Lebensbornheimen, wurde dann von Pflegeeltern aufgenommen und kam schließlich in die Familie seiner mütterlichen Großeltern, wo auch die unverheiratete Mutter lebte. Sie starb früh. Der Vater, ein SS-Offizier, war als Kriegsverbrecher verurteilt und wurde zehn Jahre nach Kriegsende aus dem Gefängnis entlassen. Alle drei Erzähler berichten über die gleichen Ereignisse, aber ihre Geschichten sind verschieden. Jeder hat seine eigenen Erinnerungen, Wahrheiten und Lebenslügen. Alle drei erzählen in der Ich-Form, zu unterschiedlichen Zeiten, jeweils gegen Ende ihres Lebens. Die Chronistin hilft ihnen durch Nachfragen und Recherchieren bei ihren Erinnerungen. Die drei Erzähler sind inzwischen verstorben. Dennoch ist die Vergangenheit nicht tot, sie ist noch nicht einmal völlig vergangen. Unweigerlich lebt sie in den Nachfolgenden weiter. Eines Tages wird sie Geschichte sein.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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GERLINDE BARTELS

***

DREI PERSONENERZÄHLENEINE GESCHICHTE

Ein deutsches Kriegs- undNachkriegsschicksal

© 2020 Gerlinde Bartels

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-06766-0

Hardcover:

978-3-347-06767-7

e-Book:

978-3-347-06768-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen der Chronistin

1. Was ich gerne noch erzählt hätte

2. Nie hatte ich eine andere Wahl

3. Ohnehin hatte ich keinen Einfluss

Zur Entstehung dieses Buches

Anmerkungen zu den Fotografien

Liste der Fotografien

Anregungen zum Weiterlesen

„Die Vergangenheit ist nicht tot“,

jedenfalls nicht ganz,

„sie ist noch nicht einmal vergangen“,

jedenfalls nicht völlig.

Vorbemerkungen der Chronistin

Drei Personen erzählen eine Geschichte. Sie erzählen die gleichen Ereignisse, aber ihre Geschichten sind verschieden. Jede hat ihre eigenen Erinnerungen, ihr eigenes Wissen, ihre eigenen Wahrheiten und ihre eigenen Lebenslügen.

Die entscheidenden Vorkommnisse ereignen sich zwischen den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs und der Mitte der 1950er Jahre. Zwei der Erzählungen reichen in ihren Ausläufern noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Alle drei Personen erzählen in der Ich-Form und aus der Rückschau, aber nicht zur gleichen Zeit. Sie berichten jeweils gegen Ende ihres Lebens, abschließend.

Die drei Personen sind Mutter, Vater und Sohn. Zu keinem Zeitpunkt sind sie eine Familie. Helene Bartels, die Mutter, berichtet etwa Mitte der 1950er Jahre, bereits erkrankt. Friedrich Christ, der Vater, erzählt gegen Ende der 1990er Jahre als alter Mann. Hans-Jürgen Bartels, der Sohn, spricht im Geiste zu seiner Tochter und seinen Enkeltöchtern kurz vor seinem Tod 2015.

Die Chronistin hilft den drei Hauptpersonen bei ihren Erinnerungen durch Nachfragen. Sie hat nichts Wesentliches weggelassen, hinzugefügt oder selbst erfunden. Sie lässt die Protagonisten die Dinge so erzählen, wie sie waren oder zumindest wie sie gewesen sein könnten.

Eigene Kommentare und Überlegungen hat sie nur angefügt, wo dies zum Gesamtverständnis hilfreich oder nötig erschien. Solche Passagen sind durch Kursivschrift gekennzeichnet, ebenso Ergänzungen zum Lebensende der drei Erzähler.

Die Vergangenheit ist nicht tot, jedenfalls nicht ganz. Sie ist noch nicht einmal vergangen, jedenfalls nicht völlig. Selbst in der dritten und vierten Generation führt sie noch ein verstecktes Dasein, zwar rudimentär, aber wirksam.

Hans-Jürgen Bartels 2012

 

1. Was ich gerne noch erzählt hätte

Oder: Ein sperriges Kind, das immer lieb sein wollte

Dies ist meine früheste Erinnerung, jedenfalls die früheste, deren ich mir sicher bin. Ein Mann bringt mich in ein Haus. Das Haus ist mir fremd und auch den Mann kenne ich kaum. Mit ihm bin ich die letzten beiden Tage ganz lange mit der Eisenbahn gefahren. Das Haus wirkt dunkel. Man kommt in einen Raum, wohl ein Wohnzimmer. Dort steht ein älterer Mann. Er steht hinter einem riesigen Tisch. Er wirkt wie verbarrikadiert hinter dem Tisch. Der Tisch ist zwischen dem Mann und uns beiden, die wir gerade reinkommen. Außerdem sind da noch zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere. Anscheinend sind sie auch gerade erst hereingekommen. Sie stehen beieinander, dicht an der Tür, als wollten sie gleich wieder rauslaufen. Sie wirken verlegen, so als wollten sie mit alledem nichts zu tun haben. Der ältere Mann sagt etwas, so etwa: „Das ist der Hans-Jürgen“ und „Das ist der und der oder die und die“. Richtig verstanden habe ich das nicht. Die beiden Frauen gehen wieder, und der Mann, der mich hergebracht hat, geht auch.

Später begreife ich: Das Haus ist das Haus meiner Großeltern, mein Zuhause in Eidinghausen. Der ältere Mann ist mein Großvater, die ältere Frau ist meine Großmutter und die jüngere Frau ist meine Mutter. Später weiß ich: Diese erste Begegnung mit meinen Angehörigen war am 5. August 1947. Da bin ich drei Jahre und vier Monate alt.

Eine andere Erinnerung ist noch älter. Aber die ist unbestimmter. Ich erinnere mich vage an eine gerade farblose Straße mit gleichförmigen zwei- oder dreistöckigen Häusern rechts und links. Die Häuser haben große Eingänge und breite Treppen, zumindest kommt mir das so vor. Ich gehöre wohl zu einem dieser Häuser. Es sind Mehrfamilienhäuser, ganz anders gebaut als das Einfamilienhaus meines Großvaters in Eidinghausen mit der gewundenen Treppe und die anderen Häuser rechts und links davon. Eine derartige Straße, wie ich sie in meiner Erinnerung vor mir sehe, gibt es in ganz Eidinghausen und Umgebung jedenfalls nicht. Vielleicht habe ich dieses Bild nur geträumt?

Jahrzehnte später, sobald die innerdeutsche Grenze 1989 offen ist, mache ich mich auf, die Orte meiner Kindheit, soweit ich von ihnen inzwischen überhaupt weiß, zu besuchen. Auf dieser Reise besuche ich auch das Dorf Deutzen im Kreis Borna bei Leipzig, wo ich bei Pflegeeltern gelebt habe. Und tatsächlich, in dieser Gegend gibt es auch jetzt noch Bergmannssiedlungen mit Straßenzügen, die genau so aussehen wie damals in der Nachkriegszeit die Straße, die in meiner frühesten, wenn auch ungenauen, Erinnerung auftaucht. Erst später erfahre ich, dass ich genau das Haus und genau die Straße, an die ich mich erinnere, jetzt, mehr als vierzig Jahre später, nicht mehr gesehen haben kann. Der gesamte frühere Ort Deutzen ist 1967 dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen. Das jetzige Dorf Deutzen entstand als typisches Bergarbeiterdorf neu. In der dortigen Gegend sind alle diese Siedlungen einander ähnlich, die älteren aus der Vorkriegszeit und die später wieder aufgebauten. An die Pflegeeltern erinnere ich mich nicht, von ihnen habe ich nur gehört. Mein Pflegevater war Bergmann.

An die Geschehnisse vom 3. bis zum 5. August 1947 gibt es noch eine andere Erinnerung, die eines Erwachsenen. Diese ist im Gegensatz zu meiner eigenen sehr präzise. Sie stammt von Herrn Wilhelm Horstmann. Er ist derjenige, der mich damals bei den Pflegeeltern in Deutzen abgeholt und zu den Großeltern nach Eidinghausen gebracht hat. Ihn habe ich anhand eines Schreibens von 1947, das ich nach dem Tod meines Großvaters 1972 in dessen Hinterlassenschaften gefunden hatte, im Jahre 1987 tatsächlich ausfindig machen und besuchen können, also vierzig Jahre später.

Herr Horstmann lebt als frisch pensionierter Versicherungsmakler in unserer Nachbarstadt Minden, und dort hat er immer gewohnt und gearbeitet. Nach dem Krieg nahm er manchmal Arbeiten für das Detektivbüro Alfred Lehmann aus dem benachbarten Rehme an. Dieses hatte im Jahr 1947 von Hermann Bartels aus Eidinghausen, also von meinem Großvater, den Auftrag, nach seinem 1944 in Wernigerode geborenen Enkel Hans-Jürgen, also mir, zu suchen. Über den Verbleib des Kindes, also über mich, gab es sonst keine weiteren Informationen. Ich wurde schließlich bei Pflegeeltern in Sachsen ausfindig gemacht, auf welchem Weg genau, weiß ich nicht, und Herr Horstmann wusste das auch nicht mehr. Für damalige Verhältnisse war dieser Vorgang nicht ganz so ungewöhnlich, wie es vielleicht heute scheinen mag. Nach dem Krieg wurden tausende und abertausende Menschen gesucht, auch viele Kinder, die auf der Flucht oder auf andere Weise verloren gegangen waren.

Herr Horstmann, damals 26 Jahre alt, wurde, ausgerüstet mit einem amtlichen Schreiben, aus der britischen in die sowjetische Besatzungszone geschickt, um das Kind, also mich, dort abzuholen. Die Aktion dauerte mehrere Tage, er hatte in derselben Gegend auch noch andere Dinge zu erledigen. Schwierigkeiten mit der Überschreitung der Besatzungszonen-Grenzen oder mit den Behörden in der Ostzone habe es nicht gegeben. Dass ich bei Kriegsende in einem Lebensbornheim in Kohren-Sahlis war und bei der Schließung des Heimes im April 1945 von Pflegeeltern aus Deutzen aufgenommen wurde, habe man ihm erst auf dem Landratsamt der Kreisstadt Borna berichtet. Überhaupt habe er, Herr Horstmann, auch erst dort erfahren, dass ich in einem Lebensbornheim geboren wurde, mein Großvater habe davon nichts gesagt.

Auch mit den Pflegeeltern habe es keine Schwierigkeiten gegeben. Sie wohnten zwischen Abraumhalden in einer Bergmannssiedlung, in einem Mehrfamilienhaus, zwei Treppen hoch. Ich hätte gerade auf dem Hof gespielt, als Herr Horstmann ankam. Die Pflegeeltern, ein kinderloses, nicht mehr ganz junges Paar namens Fritz und Wally Rothenberger, seien zutiefst deprimiert gewesen. Offenkundig hätten sie mich sehr liebgehabt. Gewehrt gegen meine Rückgabe hätten sie sich aber nicht. Sie seien am nächsten Tag sogar beide mit nach Berlin gefahren. Zugverbindungen vom Westen nach Sachsen und umgekehrt seien damals nur über Berlin möglich gewesen. Sogar mit umgestiegen in den Zug nach Westen seien die Rothenbergers noch. Dann habe man so getan, als ob sie auf dem Bahnsteig in Berlin-Charlottenburg noch schnell etwas kaufen wollten, bevor die Reise weiterging. Also stiegen sie aus und der Zug fuhr ab.

Ein Schriftstück vermerkt dazu: „Die Übergabe des Kindes fand am 3.8.1947 in Berlin-Charlottenburg statt.“ Herr Horstmann schildert das so: Das Kind, also ich, habe während der gesamten Bahnfahrt, von Berlin bis nach Minden, einen ganzen Tag lang, ununterbrochen nur geweint. Er habe es nach der Ankunft nicht übers Herz gebracht, mich sofort bei Herrn Bartels in Eidinghausen, also bei meinem Großvater, abzuliefern. Ich sei völlig erschöpft gewesen vom vielen Weinen. Er habe mich dann erst mal zu sich nach Hause mitgenommen, zu seiner Frau, die gerade ihr erstes Baby erwartete und die sich hingebungsvoll um mich gekümmert habe.

Einen Tag später, als ich mich einigermaßen beruhigt hätte, sei er dann mit mir von Minden nach Eidinghausen zu Familie Bartels gefahren. Er habe mich auf die kleine Bank vor dem Haus gesetzt und sei allein hineingegangen, um das Geschäftliche mit Herrn Bartels zu erledigen. Der sei damals ein Mann „in den besten Jahren“ gewesen, vital wirkend, im Auftreten bestimmt, nicht sonderlich großvaterhaft. Zwei Frauen seien auch ins Zimmer gekommen, eine ältere und eine jüngere. Dann habe er mich hereingeholt. Die Atmosphäre sei eisig gewesen. Niemand habe mich in den Arm genommen oder auch nur ein freundliches Wort zu mir gesagt.