Dreihundertzwanzig Dominikanische Pesos - Stephan Ramsauer - E-Book

Dreihundertzwanzig Dominikanische Pesos E-Book

Stephan Ramsauer

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Beschreibung

Johannes Trautwein bekommt zu seinem 65. Geburtstag einen Urlaub in die Dominikanische Republik geschenkt. Als er an der Hotelbar seine Getränke bezahlen will, besteht das Wechselgeld aus einem Einhundert Peso-Schein, einen Zwanzig Peso-Schein und einen Zweihundert Peso-Schein. Auf jedem der Geldscheine sind Persönlichkeiten zu sehen, die die Geschichte dieses Landes geprägt haben. Johannes Trautwein begegnet diesen Persönlichkeiten an den Gedenkstätten, die die Dominikanische Republik ihren Helden und Heldinnen gesetzt hat.

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Der Flug nach Puerto Plata

Dienstag, 13. September 2011

Der Einhundert-Pesos-Schein

Freitag, 16. September 2011

Santo Domingo – Montag, 18. Oktober 1993

Santo Domingo – Donnerstag, 4. November 1993

Santo Domingo – Sonntag, 27. Februar 1994

Der Zwanzig-Pesos-Schein

New York – Montag, 1. März 2010

New York – Donnerstag, 3. Juni 2010

Der Zweihundert-Pesos-Schein

Mexiko-City – Mittwoch, 30. November 1960

Mexiko-City – Samstag, 3. Dezember 1960

Mexiko-City – Samstag, 14. Januar 1961

Mexiko-City – Samstag, 21. Januar 1961

Mexiko-City – Samstag, 27. Mai 1961

Mexico City - Samstag, 3. Juni 1961

Zurück in Heidelberg

Donnerstag – 29.September 2011

Nachwort

Der Flug nach Puerto Plata

Dienstag, 13. September 2011

Flug DE 4849.

Frankfurt – Puerto Plata.

Das war sein Flug. Die freundliche Flugbegleiterin hatte ihm den Weg durch die Boeing 767 gezeigt, damit er seinen Platz G 34 fand. Hektisch wurde um ihn herum Handgepäck verstaut, das nach seinem Ermessen nicht immer den Flugbestimmungen entsprach. Aber darum kümmerte sich niemand. Wie er selbst war jeder Fluggast bemüht, Taschen, Rucksäcke und Plastiktüten in den Boxen über den Sitzen zu verstauen, um sich dann auf den zugewiesenen Platz fallen zu lassen, verbunden mit dem Gefühl, dass es jetzt losgehen kann: der Urlaub in der Dominikanischen Republik.

Johannes Trautwein wusste nicht, ob er ihn heil und unbeschadet wiedersehen würde, seinen schwarzen Volvo P 444 Baujahr 1958, der mit dem schönen Buckel. Ihn würde jetzt Nikolaus Sebastian Bergmann fahren als Dank dafür, dass dieser ihn von Heidelberg aus an den Frankfurter Flughafen gefahren hatte. Nikolaus Sebastian Bergmann war Student der Jurisprudenz im sechzehnten Semester, der von allen nur Nicki genannt wurde. Nicki bereitete sich seit drei Jahren auf das erste Staatsexamen vor. Seinen Eltern, wohlhabende Besitzer einer Papierfabrik im Ruhrgebiet, erschien die Studienzeit nun doch zu lang und nach mehreren Drohungen, die großzügige monatliche Unterstützung einzustellen, riss schließlich vor einem Jahr ihr Geduldsfaden und sie machten wahr, was Nicki als Drohung nicht ernst genommen hatte: Die monatliche Überweisung wurde auf Bafög-Niveau heruntergestuft. Damit aber konnte Nicki nicht leben, denn seine Liebe zu den hübschen Studentinnen des Dolmetscherinstituts war zu groß und zu teuer. Bei einem Konzert in der Peterskirche saßen Nicki und Johannes Trautwein zufällig nebeneinander, und weil Nicki nicht nur hübsche Studentinnen liebte, sondern auch das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, waren beide sehr früh in die Kirche gekommen wegen guter Sitzplätze. Für Nicki blieb genügend Zeit zu erzählen, dass er dringend eine günstige Unterkunft suchte, und für Johannes Trautwein blieb genügend Zeit zu erzählen, dass er einen Gärtner brauchte, der seinen großen Garten in Ordnung halten konnte. In der 'Kupferkanne' wurde der Deal mit einem Spätburgunder aus dem Renchtal rechtskräftig. Nicki zog bei Johannes ein, musste keine Miete zahlen, dafür aber jede Gartenarbeit übernehmen. Leider hatte Nicki absolut keine Ahnung von Gartenarbeit, doch sein unvergleichlicher Charme überdeckte diese kleine Schwäche. Nicki war lernwillig, hilfsbereit, humorvoll, so dass Johannes sich manchmal wünschte, Nicki möge niemals den Mut aufbringen, sich zum Examen anzumelden, damit das Lachen in seinem Haus nicht verstummen würde. Wie auch immer, Nicki würde in den nächsten vierzehn Tagen seinen Volvo fahren und über Haus und Garten wachen. Hoffentlich.

Während er den Sicherheitsgurt über seinen Hüften schloss, dachte er daran, dass Nicki und sein Volvo schon längst wieder in Heidelberg seien. Neun Stunden Flug lagen nun vor ihm. Der kleine Bildschirm an der Rücklehne des Sitzes vor ihm instruierte ihn, wie er sich bei einer Notlandung auf dem Ozean zu verhalten hätte. Nein, Flugangst hatte er nicht, aber den Gedanken an eine Notlandung auf dem Meer fand er nicht lustig.

Warum, warum musste er auch in die Dominikanische Republik fliegen?

Schuld daran war Constanze mit C. Constanze legte Wert darauf, dass ihr Name mit C geschrieben wird, und darauf, dass alles so lief, wie sie es für richtig hielt. Auch wenn es falsch war. Constanze war seine Schwiegertochter, Mutter seiner drei Enkelkinder und Managerin in einem Haushalt, der ihre ganze Aufmerksamkeit und Kraft kostete. Denn das 'Häuschen' am Ammersee, wie sie die Villa mit Seezugang zu nennen pflegte, musste in Ordnung gehalten werden. Mit Hilfe von Anna-Marie Huber, die täglich vier Stunden ihre unermüdliche Arbeitskraft im Haushalt einsetzte, und ihrem Mann Franz Huber, der sich für die Außenanlagen verantwortlich wusste, gelang es ihr, sowohl ihre häuslichen und mütterlichen als auch ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen unter einen Hut zu bekommen. Es blieb ihr sogar Zeit, wöchentlich einen Yogakurs zu besuchen, ihr Golfhandicap ständig zu verbessern und verdammt gut auszusehen.

Er mochte Constanze mit C nicht. Allein ihr fantastisches Aussehen ließ ihn verstehen, warum sein Sohn Felix sie geheiratet hatte. Felix war sein ältester Sohn. Er hatte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen studiert, und war jetzt ..., ja, genau wusste er nicht, was er war. Auf alle Fälle verdiente er eine Menge Geld bei der 'BayernLB', wie er die Bayrische Landesbank zu nennen pflegte. So viel, dass er sich diese Villa und diese Frau leisten konnte. Aber es gab etwas, was er Constanze hoch anrechnete: ihre Liebe und ihre Fürsorge für die Kinder, für seine Enkelkinder Lukas, Lena und Linus. Sie wurden geliebt, ohne verwöhnt zu werden. Sie durften ihren Interessen nachgehen, ohne von mütterlichem Ehrgeiz gesteuert zu werden.

Constanze mit C hatte die Idee gehabt. Wir müssen Opas Geburtstag groß feiern. Sie nannte ihn, wenn sie über ihn sprach, immer Opa. Constanze legte fest, dass sein Geburtstag in würdigem Rahmen gefeiert werden müsse, also auf der 'Molkenkur', einem Restaurant am Ende der ersten Teilstrecke der Heidelberger Bergbahn. Einladungen wurden verschickt. „Johannes Trautwein feiert am 17. März seinen 65. Geburtstag. Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Tag mit uns feiern.“

Und es freuten sich viele, zu viele. Über sechzig Personen, die Kinder nicht mitgezählt, hatten sich im Foyer der 'Molkenkur' versammelt, um zur Begrüßung teuren Champagner zu trinken. Mit großer Freude hatte er die Kinder begrüßt, seine Enkelkinder vom Ammersee und die Zwillinge Samira und Sandra seiner Tochter Franziska, denn es kam sehr selten vor, dass er alle fünf Enkelkinder um sich versammeln konnte. Franziska war Zahnärztin in der Nähe von Konstanz, war mit dem Zahnarzt Alfred Wessenhausen verheiratet und nannte sich Franziska Trautwein-Wessenhausen. Johannes Trautwein umarmte seine Tochter lange, denn sie war die personifizierte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Aus Kopenhagen war sein Sohn Florian angereist. Er hatte Jura studiert und war nach einem glänzenden Examen in den diplomatischen Dienst getreten und nun Konsul Erster Klasse an der deutschen Botschaft in der dänischen Hauptstadt. Florian war unverheiratet, in der Familie wurde gemunkelt, dass sein jüngster Sohn möglicherweise homosexuell sei, auch wenn Florian dieses Gerücht ad absurdum führte, indem er immer wieder Freundinnen präsentierte, die alle eines gemeinsam hatten: lange Haare und lange Beine.

Zwischen den Gängen des Menus hatte Constanze mit C ein Unterhaltungsprogramm organisiert. Den musikalischen Anfang machten die zwölfjährigen Zwillinge vom Bodensee mit einem Duo für Geige und Cello. Die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen vom Heidelberger Hölderlin-Gymnasium, an dem Johannes unterrichtet hatte, hatten deutschen Schlagern eigene Texte unterlegt. Hilde von der Aue, Musiklehrerin und vertraute Freundin über viele Jahre, begleitete sie am Klavier, und weil die Refrains von allen Gästen mitgesungen wurden, kam langsam eine fröhliche und ausgelassene Stimmung auf. Florian kün-digte ein Potpourri bekannter Jazzmelodien für Saxophon an; er spielte immer noch ausgezeichnet, doch die ange-kündigten bekannten Jazzmelodien kannte niemand. Trotzdem freute sich Johannes Trautwein, dass sein Sohn das Musizieren nicht verlernt hatte.

Der Höhepunkt der Geburtstagsfeier war – so hatte es Constanze mit C geplant – ihre eigene Tischrede. Sie stand auf, sah umwerfend aus in dem langen roten Abendkleid, klopfte mit dem Messer gegen ihr Weinglas und bat um Aufmerksamkeit. Nachdem die Gespräche verstummt waren, pries sie die herausragenden Eigenschaften ihres lieben Schwiegervaters Johannes, bedankte sich artig für das Erscheinen der vielen lieben Gäste, die es sich nicht hatten nehmen lassen, den großen Wunsch des Jubilars zu erfüllen: eine zweiwöchige Ferienreise in die Dominikanische Republik.

Zuvor hatte Constanze schon das riesige Sparschwein am Eingang zum Fest- und Speisesaal überprüft. Die Geburtstagsgäste sollten ihre Geldgeschenke einwerfen – so war es auf der Rückseite der Einladung angezeigt worden. Das Sparschwein war mit insgesamt 1258 Euros und 32 Cents gefüllt. Welcher Witzbold auch immer die 32 Cent in das Sparschwein gesteckt hatte, Constanze verkündete mit strahlenden Augen: „Johannes, wir, deine Gäste, wir haben es geschafft: Du fliegst – sie machte eine kleine Kunstpause – in die Dominikanische Republik.“

Sie selbst eröffnete den Applaus, alle klatschten begeistert in die Hände. Constanze ging, nein, sie flog auf ihren Schwiegervater zu, umarmte ihn, küsste ihn auf beide Wangen und drückte ihm einen Umschlag in die Hand, der alle Reiseunterlagen enthielt, die Constanze in weiser Voraussicht längst besorgt hatte. So kam es, dass er, Johannes Trautwein, nun in diesem Flugzeug saß, um in die Dominikanische Republik zu fliegen. Hätte es nicht Florenz oder Rom oder Sizilien sein können?

Inzwischen rollte die Boeing an das Ende der Startbahn. Der Flugkapitän stellte sich gerade vor. Dass er Edwin Schneider hieße oder so ähnlich. Johannes Trautwein wunderte sich jedes Mal, dass Flugkapitäne so undeutlich sprachen. Aber wer interessierte sich schon für die Flughöhe und die Flugzeit, wenn in Puerto Plata 29 Grad Celsius zu erwarten waren?

Verstohlen sah Johannes die junge Frau an, die auf seiner linken Seite Platz genommen hatte. Fünfundzwanzig, höchstens dreißig Jahre alt, schätzte er. Ihre hochhackigen Stiefel endeten unter einer hellen, eng anliegenden Hose. Ihr rotes T-Shirt hatte einen tiefen Ausschnitt, der den Blick frei gab auf ihre prallen Brüste. Es schien, als wolle ihr BH die Brüste bis an ihr Kinn heben.

Johannes Trautwein schloss die Augen. Er merkte nicht, dass die Triebwerke wie Löwen aufbrüllten und dass das Flugzeug beschleunigte und ihn in den Sitz drückte. Er merkte nicht, wie das Flugzeug an den Flughafengebäuden vorbeiraste, den Kontakt zum Boden verlor und wie ein Pfeil in den Himmel flog. Seine Gedanken verloren den Kontakt zur Gegenwart, Bilder der Vergangenheit verdrängten Geräusche und Gerüche, damit die Situation vor dreieinhalb Jahren lebendig werden konnte, jener Abend vor der Operation, in der seiner Frau die rechte Brust abgenommen werden sollte.

Er saß an ihrem Bett und hielt ihre rechte Hand in seinen Händen. Mit dem Daumen streichelte er ihr sanft den Handrücken. Das leuchtende Rot des Fingernagellacks hatte sie entfernt, ihr Gesicht war ungeschminkt. Aber es war nicht das Aussehen, das sie so verändert hatte. Es war ihr Blick, ihre Augen, die an die Decke starrten, als würden sie in einer unsichtbaren Ferne ein Ziel suchen und es nicht finden. Die Stille, die sich über ihre Vertrautheit gelegt hatte, war nicht bedrückend. Es war alles gesagt worden. Sie hatten es einander zugeflüstert, sie hatten es einander ins Gesicht geschrien, sie hatten einander mit Argumenten überzeugen wollen, unüberwindbar standen sich die Positionen gegenüber. Ich bin keine Frau mehr. Ohne Brust bin ich keine Frau mehr, sondern nur noch ein Mensch. Was halfen seine Beteuerungen, dass es ihr Wesen, ihre Persönlichkeit, ihre Fröhlichkeit, ihre Verlässlichkeit, ihre Treue, ihr Charme und was er alles noch aufführte seien, die er lieben würde. Und mein Aussehen ist dir nicht wichtig? Doch natürlich! Siehst du, aber ohne Brust ... . Mit dieser Operation würde ihr nicht nur die Brust entfernt werden, man raubte ihr auch die Weiblichkeit, man könne ihr gleich das Herz herausreißen. Weder ihre Schwester, noch ihre Kinder, und auch nicht ihre Freundinnen konnten ihren Starrsinn mildern.

Wie so oft hatten sie Silvester mit zwei befreundeten Ehepaaren gefeiert. Im Verlauf des Gespräches am Abend waren sie auf das Thema Krebsvorsorge gestoßen. Und weil an allen Silvesterabenden in Tausenden von Gesprächen gute Vorsätze ausgesprochen werden, hatten sich die sechs Ehepartner, beflügelt durch den konsumierten Alkohol, versprochen, im bevorstehenden Jahr zur Krebsvorsorge zu gehen. Innerlich triumphierten die Frauen, denn es war ihr Ziel, die immer wieder Ausreden findenden Ehemänner von der Notwendigkeit einer ärztlichen Untersuchung zu überzeugen. Alle sechs hielten Wort, ließen tapfer alle notwendigen Untersuchungen über sich ergehen, um dann nach dem letzten Arztgespräch heiter und fröhlich zu verkünden: nichts, ich habe es ja gewusst.

Nur Katja nicht: Diagnose Mammakarzinom. Das Wort Brustkrebs war ein „No-Go“-Wort, es wurde nur vom Mammakarzinom gesprochen. Die Tränen sprachloser Verzweiflung wichen schnell einer Frage: Warum?

Warum ich? Warum lässt Gott das zu? Eine Leere, eine tiefschwarze, nicht endende Leere ergriff Besitz von Katjas Gedanken und Gefühlen. Jedes tröstende Wort, jede mitfühlende Handbewegung wurde verschluckt von dieser Leere.

Dann aber, nach zehn Tagen, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, stand am Morgen eine ganz andere Frau auf. An einem Tag war der vernachlässigte Haushalt in Ordnung gebracht, Arzttermine wurden vereinbart, eine ganze Nacht im Internet recherchiert, welche Therapiemöglichkeit es gab. Die Ernährung wurde umgestellt, der Tagesablauf einer strikten Ordnung unterworfen, bis ins Detail befolgt, was Radiologen, Gynäkologen und Psychologen als notwendig, sinnvoll oder hilfreich erachteten. Die Tage der Chemotherapie wurden in ängstlicher Sorge erwartet und dann mit engelsgleicher Geduld ertragen. Als sie an einem Frühsommerabend auf der Terrasse saßen, teilte Katja ihm mit, dass sie sich für fast siebenhundert Euro neu eingekleidet hätte, da hatte er vor Glück fast geweint. Er glaubte sie über den Berg.

Es war ein Tag Mitte Juni, an dem sie sich gemeinsam auf den Weg zur Universitäts-Frauenklinik machten. Auf der Fahrt dorthin machte sie noch die Bemerkung, dass sie glücklich sei, dass diese renommierte Klinik in unmittelbarer Nähe von ihrem Zuhause war und ihr uneingeschränktes Vertrauen besaß. Doch als ihr Prof. Dr. Ehrenfeld mitteilte, dass eine Brustentfernung die einzige Möglichkeit sei, ihr Leben zu erhalten, war die Klinik auf der Rückfahrt plötzlich „ein Saustall, ein Saftladen, eine Beulenpest“ und die Ärzte „Stümper, Pfuscher und geldgierige Stinker“.

Nie, nie würde sie sich einer Brustentfernung unterziehen. Als sich ihre aggressive Wut auf das Krankenhaus, auf die Ärzte und auf sich selbst nach Tagen gelegt hatte, wurden Alternativen geprüft. Wie ist der Stand der medizinischen Forschung in den Vereinigten Staaten? Wie glaubwürdig sind Homöopathen, die Heilung versprechen?

Als Katja nach tage- und nächtelangen Diskussionen am Ende einsehen musste, dass die Operation ihre einzige Chance war, verfiel sie in eine Lethargie, die sie fast willenlos und entscheidungsunfähig machte.

Die sechs Wochen nach der Operation ließen Hoffnung aufkommen, dass das Krebsgeschwür vollständig entfernt werden konnte. Doch dann stellte Prof.Dr. Ehrenfeld fest, dass der Krebs gestreut habe, dass auch die andere Brust und Rippenknochen betroffen seien. Eine Schmerztherapie half ihr, den kontinuierlichen Schmerz und die Schmerzattacken zu kontrollieren, doch je mehr Medikamente sich auf ihrem Nachttisch versammelten, desto kleiner wurde ihr Aktionsradius, bis dieser sich schließlich auf das Bett beschränkte. Johannes war völlig schockiert, sank innerlich zusammen, als Katja an einem Abend mit klarer Stimme sprach: „Bring mich in die Schweiz. Ich möchte in Würde sterben. Allein ich bestimme, wann und wie ich sterbe, ich alleine habe dieses Recht. Für mich ist das kein Leben. Entweder dröhnen mich die Schmerztabletten zu und ich kann nicht denken, oder ich kann denken und habe schreckliche Schmerzen.“

Seine Argumente prallten an ihrer Entschiedenheit ab. „Dein Glaube“ – Katja ging gerne und überzeugt in die Gottesdienste der Johanneskirche – „verbietet dir, deinem Leben selbst ein Ende zu setzen.“

„Ich vertraue auf die Barmherzigkeit Gottes.“

„Denke doch an deine Kinder und Enkelkinder.“

„Die sollen mich als liebevolle und lachende Mutter und Großmutter in Erinnerung behalten und nicht als lebende Tote.“

„Auch ein Leben im Leid ist ein Leben.“

„Ich hasse dich.“ Das hatte sie ihm zugerufen, als die Sanitäter die Tür des Krankenwagens schlossen, um sie in die Klinik zu fahren. Prof. Dr. Ehrenfeld hielt die Verlegung in die Klinik für unabdingbar. Mit liebevollem Engagement schenkte er der Sterbenden seine Aufmerksamkeit. Der Arzt war überzeugt, die Palliativmedizin sorge heute dafür, das kein Patient unter Schmerzen leiden müsse. Johannes hatte zum Schuljahresende seinen Ruhestand beantragt, sein Hausarzt hatte ihm freundlicherweise einen Burnout attestiert.

Es waren die Gespräche mit dem Klinikseelsorger Manfred Schobert, die ihn mit unendlicher Dankbarkeit erfüllten. Herr Schobert besuchte Katja regelmäßig, sprach mit ihr, genauer gesagt, hörte ihr zu, betete mit ihr. Sie beteten nicht um Heilung, die aussichtslos war, sondern für die Kinder und für die Enkelkinder. Sie beteten für Johannes. Er drohte seelisch zusammenzubrechen. Seine Füße standen auf einer Eisscholle, die zu schmelzen drohte. Ursprünglich als formales Dankeschönessen für Manfred Schobert gedacht, schuf das Gespräch mit ihm den Felsen, auf dem er die letzten zwölf Tage im Leben seiner Frau mitleiden und überstehen konnte.

„Johannes, ich danke dir.“ Zweimal sagte Katja diese Worte. Einmal, als er beim Einbruch der Dämmerung an ihrem Bett saß. „Wofür?“ „Dass es dich in meinem Leben gab.“ Es war das letzte Mal, dass sie sich einen Kuss auf die Lippen gaben. Das war fünf Tage vor ihrem Tod. Das andere Mal war es die Anwesenheit aller fünf Enkelkinder, die sich zunächst leise und dann doch unvermeidlich lärmend im Krankenzimmer aufhielten. Alle, Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder waren gekommen, um sich zu verabschieden. Ihre mitgebrachten Zeichnungen der Kinder konnte Katja kaum noch erkennen. Das war drei Tage vor ihrem Tod.

„Ich liebe dich.“ Es waren seine letzten Worte, zehn Sekunden, nachdem sie ihre Augen für immer geschlossen hatte.

Pfarrer Manfred Schobert hielt den Trauergottesdienst in der Kapelle des Bergfriedhofes. Die Kapelle konnte die Menschen nicht fassen, so dass viele Gottesdienstbesucher nur über den Lautsprecher dem Gottesdienst folgen konnten. Der Kirchenchor, etwas schwach besetzt in den Männerstimmen, sang, was Katja sich für ihren Beerdigungsgottesdienst gewünscht hatte. 'Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen'. Wie tröstlich, wie einmalig war diese Komposition von Mendelssohn-Bartholdy. Mit einem Schmunzeln erinnerte sich Johannes an die Stille, die von seiner Enkelin Samiras dünner Stimme unterbrochen wurde. „Mama, wo ist Oma jetzt?“ Doch nicht die Mama, sondern Pfarrer Schobert gab die Antwort. „Sie ist nun geborgen in der Liebe und der Barmherzigkeit unseres Gottes. Sie ruht in dem Frieden, den Gott ihr schenkt. Amen.“ Mit dem Choral 'Nun danket alle Gott' endete der Gottesdienst.

Eine um sich greifende Unruhe riss ihn aus seinen Erinnerungen und brachte ihn in die Gegenwart zurück. Das Zeichen, das das Anschnallen gebot, war gelöscht worden, und viele Fluggäste lösten nun fast gleichzeitig den Sicherheitsgurt. Neun Stunden Flug, neun Stunden Enge, neun Stunden Langeweile. Nur unterbrochen von zwei Mahlzeiten, die ihm nicht schmeckten, einem Film, der ihn nicht interessierte, und dem Angebot zollfreier Waren, die er nicht brauchte. Auch der Versuch, mit der jungen Dominikanerin zu seiner Linken ins Gespräch zu kommen, war nicht wirklich mit Erfolg gekrönt. Dazu war ihr Englisch zu schlecht und sein Spanisch auf 'buenos días' und 'muchas grácias' und andere Floskeln begrenzt. Nur so viel konnte er herausfinden, dass sie ihrem deutschen Freund nachgereist war, aber in Deutschland feststellen musste, dass er verheiratet war und einen kleinen Sohn hatte. Außerdem war er nicht Besitzer des Autohauses, sondern nur Werkstattleiter des Autohauses. 'Hurensohn' und 'verdammter Gringo' konnte sie auf Spanisch, Englisch und Deutsch fluchen.

Als ihre Erzählung in Tränen ertrank, reichte er ihr sein sorgfältig gefaltetes Taschentuch. Er vermied es, erneut das Gespräch aufzunehmen. Die verbleibende Flugzeit verteilte er zum einen auf das Schließen der Augen, denn wirklicher Schlaf wollte nicht aufkommen, zum anderen auf das Blättern in dem Reiseführer 'Dominikanische Republik'. Constanze mit C hatte den Reiseführer gekauft. Er hatte den Verdacht, dass es außer den tollen Stränden nichts gab, was ihn interessieren könnte. Um vieles lieber hätte er auf Sizilien die normannischen Mosaiken bestaunt oder an der Loire die Schlösser besucht.

Nach neun Stunden kam er der Bitte sich anzuschnallen mit frohem Herzen nach. Die Landung verlief reibungslos, alle sollten angeschnallt bleiben bis das Flugzeug seine endgültige Position erreicht hätte. Als das Zeichen 'Bitte anschnallen' verlöscht war, brach eine Hektik unter den Fluggästen aus, als hätte sich eine geheime Botschaft unter ihnen verbreitet, dass nur einhundert Passagiere den Boden der Dominikanischen Republik betreten dürften. Jeder wollte der erste sein, der seinen Koffer vom Band nehmen wollte. Jeder wollte der erste sein, der zehn Euro – wahlweise auch zehn Dollar – als Begrüßungsgabe an den dominikanischen Staat bezahlen durfte.

Nachdem der missmutig blickende Beamte der Einreisebehörde den Stempel in den funkelnagelneuen Pass von Johannes geknallt hatte, waren es nur noch wenige Schritte, bis er von der Dunkelheit und der warmen Abendluft von Puerto Plata empfangen wurde. Er stellte seinen Rollkoffer erst einmal ab und atmete tief durch. Mindestens fünfzehn Männer standen hinter einer Absperrung und hielten Zettel in der Hand, auf der Namen geschrieben waren. Johannes Trauwein. Da stand sein Name, wenn auch ohne 't'. Er ging auf den Mann zu, der den Zettel mit seinem Namen hoch hielt.

Johannes sprach ihn auf Englisch an, doch dieser versicherte ihm in fließendem Deutsch mit sächsischer Einfärbung, wie sehr es ihn freue, ihn in der Dominikanischen Republik begrüßen zu dürfen. Im 'Beach Palace' werde er, Johannes, einen unvergesslichen Urlaub verbringen. Leider könnten sie aber nicht sofort losfahren, man müsste noch auf zwei weitere Ehepaare warten.

Die Kowalskis waren recht schnell da, sie waren gerade drei Tage verheiratet. Sie sprachen wenig, denn die Küsse, die sie in unendlicher Länge und Häufigkeit austauschten, hinderten sie am Reden. Die Emmerichs kamen nach einer Viertelstunde, Jutta Emmerich musste erst einmal eine Zigarette rauchen, um dann ohne Unterbrechung die Qualen zu schildern, die sie in dem neunstündigen Flug ohne Zigarette habe aushalten müssen.

Charly – so hieß der Chauffeur – verstaute das Gepäck im Kofferraum des Kleinbusses, die Kowalskis setzten sich in die letzte Reihe und sahen sich, wenn sie sich nicht gerade küssten, verliebt in die Augen, in der mittleren Reihe saßen die Emmerichs. Jutta Emmerich klagte über die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn, denn sie hätten fast das Flugzeug in Frankfurt verpasst. Johannes Trautwein saß vorne neben Charly.

„Damit du nach dem langen Flug nicht noch eine lange Busfahrt auf dich nehmen musst, das Hotel ist nur zwanzig Minuten vom Flughafen entfernt“, hatte Constanze gemeint. Dass diese zwanzig Minuten die längsten seines Lebens werden würden, ahnte er noch nicht, als sie den Flughafenparkplatz verließen. Charly fädelte den Kleinbus in den Verkehr der Hauptstraße nach Sosúa ein. Vor ihnen fuhr ein Lastauto, mit Zementsäcken beladen, auf denen drei Männer saßen. Johannes blieb fast das Herz stehen. Doch sofort wurde er von einem Moped abgelenkt. „Die werden hier Motoconchos genannt“, klärte ihn Charly auf. Das Motoconcho überholte rechts mit hoher Geschwindigkeit und ohne Licht. Außer dem jugendlichen Fahrer saßen noch zwei hübsche Dominikanerinnen auf dem Zweirad.

Manche der entgegenkommenden Autos fuhren mit Aufblendlicht, manche ganz ohne Licht. „Das ist ein Guagua“, informierte Charly die Feriengäste und zeigte auf einen Kleinbus, an dessen offener Seitentür drei Männer hingen. Für wenige Pesos könne man da mitfahren, richtige Haltestellen und Fahrpläne gäbe es aber nicht. Zweimal musste Charly energisch abbremsen, einmal, weil ein Motoconcho-Fahrer sein Surfbrett quer auf den Rücksitz gebunden hatte und damit das Überholen für andere Fahrzeuge erschwerte. Zum anderen weil er ein Schlagloch mit einem Durchmesser von zwei Metern langsam und behutsam durchfahren musste.

Nach einer Viertelstunde tauchten die ersten Häuser von Sosúa auf. Aber waren das Häuser? Das waren Hütten, kleine Hütten, direkt an der viel befahrenen Straße. Und vor jeder Hütte saßen Menschen auf alten Plastikstühlen, plaudernd und lachend. Die Verbindung von Armut und Fröhlichkeit war für ihn unheimlich.

Eine Schranke versperrte den Weg, die von einem der beiden uniformierten Wachmänner geöffnet wurde, als sich der Kleinbus näherte. Charly hielt trotzdem an, ließ sich mindestens drei Minuten Zeit, um Neuigkeiten mit den beiden Männern auszutauschen. Nachdem er sich lachend verabschiedet hatte, fuhr Charly die letzten fünfhundert Meter zum Hotel. „Beach Palace, bitte alle aussteigen. Um das Gepäck brauchen sie sich nicht kümmern, das wird auf ihre Zimmer gebracht. Ein Tipp von mir. Die Boys freuen sich über ein kleines Trinkgeld.“

Die Empfangshalle war von beeindruckender Gediegenheit. Die junge Frau am Empfang strahlte, so dass man ihre weißen Zähne sah. Sie begrüßte auf Englisch die lieben Gäste aus Deutschland, sie versicherte, dass jeder einen unvergesslichen Traumurlaub im 'Beach Palace' erleben würde, und dass man sich mit jeder Frage an sie wenden dürfe. Mit dem Ausfüllen des Anmeldeformulars könne man sich bis morgen Zeit lassen, wenn man ihr aber bitte die Pässe übergeben könnte, und natürlich würden sie alle noch ein kleines Abendessen bekommen, schließlich hätte man doch 'all inclusive' gebucht. Und dann strahlte sie wieder und ließ ihre weißen Zähne sehen.

Johannes bestieg mit den Kowalskis und den Emmerichs den Lift. Er verließ den Aufzug schon auf der ersten Etage und wurde von einem älteren Hotelangestellten zum Zimmer 115 gebracht. Mit einer Plastikkarte wurde wie von Zauberhand die Tür geöffnet. Er traute seinen Augen nicht. Fünfunddreißig Quadratmeter Hotelsuite lagen vor ihm, das Badezimmer nicht mitgerechnet. Der Hotelangestellte erklärte in fließendem Spanisch die Funktionen aller elektrischen Geräte, Johannes drückte ihm eine Zwei-Euro-Münze in die Hand, weil er noch keine dominikanischen Pesos gewechselt hatte. Eine Flut spanischer Dankesworte war die Reaktion des Mannes. Johannes ahnte, dass er großzügig gewesen sein musste.