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Wer würde von einem Siebenjährigen, der durch einen Unfall seinen linken Arm verliert, erwarten, dass er sich zu einem erfolgreichen Leistungssportler entwickelt? Die körperliche Einschränkung hält Reinhold Bötzel nicht davon ab, nein, sie spornt ihn vielmehr an, sein Sporttalent mit hartem Training bis zum Siegerpodest zu steigern. Seine Willensstärke mündet nach wenigen Jahren im Erfolg. Die mehrfache Teilnahme an Paralympics, Welt-, Europa- und Deutschen Meisterschaften wird durch Medaillen gekrönt und Reinhold schafft es bis zum Rekordhalter im Hochsprung. Genauso souverän wie mit seinem Handicap geht Reinhold mit seiner Homosexualität um. Die Akzeptanz beider ist nach wie vor nicht selbstverständlich, doch auch diese gesellschaftliche Herausforderung ist für ihn dazu da, gemeistert zu werden. Immer wieder aufstehen, sich aufrappeln, das eigene Leben in die Hand nehmen und nicht andere über das eigene Schicksal entscheiden lassen - das ist nur eine der vielen bedeutenden Botschaften dieser beeindruckenden und Mut machenden Autobiografie.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Kindheit in Württemberg vor dem Unfall
Der Unfall – einarmig
Kindheit nach dem Unfall
Erste sportliche Erfolge
Auf dem Weg zum Leistungssportler
Schulbildung
Flucht an die Weser
Die Liebe zum Skisport und das Landhotel Postgut in Tweng
Berufsausbildung in Nienburg/Weser
Alltägliche Begegnungen als Gehandicapter
Schwul und gehandicapt
Sport ist (mein) Leben
Nationale und internationale Erfolge – und Niederlagen – als Parasportler
Sportliche Erfolge öffnen Türen
Sportlerleben – „normales“ Leben, Dopingkontrollen
Die Situation semiprofessioneller Parasportler
Bevorstehendes Ende der Karriere als aktiver Sportler
Berufstätigkeit
Was kommt nach der Zeit als aktiver Sportler
Der Mensch Reinhold Bötzel in Bildern
Stimmen zu Reinhold
Beitrag Dieter Hübl
Beitrag Svenja Klaassen
Beitrag Helga Klary
Beitrag Anthony Kahlfeldt
Beitrag Peter Ibing
Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Verzeichnis der Auszeichnungen
Diverses
Pokale
Zinnbecher
Medaillen
Verzeichnis der Zeitungs-/Zeitschriften- und Internetartikel über Reinhold Bötzel
Reinhold in der Presse (Auszüge)
Literaturangaben
Ungedruckte Quellen
Verzeichnis der Urkunden, sowie Ehrungen und Wettkampfbeteiligungen
„Nicht was wir erleben,
sondern wie wir empfinden,
was wir erleben,
macht unser Schicksal aus.“
(Marie von Ebner-Eschenbach, Ein Spätgeborener)
„Der Gedanke an Selbstmitleid kam ihm nie.“
(Paul Monette, Coming Out, über seinen körperlich gehandicapten Bruder Bob)
Eine Autobiografie – und das mit Mitte vierzig? Ist das nicht sehr früh? Hat man in diesem Alter schon so viel Berichtenswertes erlebt? Ist das, was in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten kommt, kein Fazit mehr wert?
Nachvollziehbare Einwände und berechtigte Fragen, die ich mir auch gestellt habe. Und dennoch habe ich mich entschlossen, schon jetzt meine Biografie zu schreiben und zu veröffentlichen. Und wenn es nur eine „Lebensabschnittsbiografie“ wird und ich noch viel erlebe, was erzählenswert wäre, dann umso besser.
Der Titel meiner Biografie Dreimal Ich – Gehandicapt – Erfolgreicher Sportler – Schwul gibt einen Fingerzeig, warum ich die Autobiografie jetzt veröffentliche. Seit fast fünfunddreißig Jahren treibe ich leistungsbetonten Sport und seit ungefähr dreißig Jahren Leistungssport im semiprofessionellen Bereich. Diese Phase meines Lebens neigt sich nun ihrem Ende zu, so dass eine Bilanz sinnvoll erscheint, bevor ich mich neuen Herausforderungen stelle und Antworten auf die Frage finde, wie es nach meiner sportlichen Karriere weitergehen soll.
Seit meiner Kindheit bin ich körperlich gehandicapt und ein Sportler mit körperlicher Behinderung. Und so sehe ich mein bisheriges Leben auch als Ermutigung, ja als Vorbild für Menschen in ähnlicher Situation und als Aufforderung: Macht etwas aus Euch, lasst Euch nicht hängen und bemitleiden! Dieser Appell wird noch dadurch verstärkt, dass ich als schwuler Mann in doppelter Hinsicht Außenseiter bin. Und unter diesem Aspekt lautet mein Rat: Steh zu Dir und Deiner Veranlagung in einer Gesellschaft, die es Dir nicht leicht macht.
Meine Biografie möchte alle gehandicapten Menschen und alle Schwulen motivieren, ihr Leben in die Hand zu nehmen und – soweit ihnen das körperlich und geistig möglich ist – eigenverantwortlich zu gestalten, gleichgültig was andere dazu sagen und wie andere darüber denken.
Ich hatte Glück im Unglück, denn mir ist von der Natur ein besonderes Talent geschenkt worden, das ich, von einer Physiotherapeutin entdeckt, mit Hilfe anderer entwickeln konnte. Aber hätte ich nicht aus mir selbst heraus Energie entwickelt, ich wäre ein unglücklicher Mensch geworden und vielleicht meinen Depressionen erlegen. Und deshalb kann ich meinen Rat nur wiederholen: Lass Dich nicht gehen, entwickele Deine Begabung, steh zu Dir!
Grundlage meiner Autobiografie sind viele lange Gespräche mit dem Hamburger Historiker Dr. Gottfried Lorenz, der darüber hinaus dafür bekannt ist, sich für Themen und Belange Homosexueller einzusetzen. Briefe, Mails und kurze SMS an ihn und von ihm, ergänzt durch die Interviews mit Annika Grützner, Tobias Jung, Christian Lüttecke, Manfred Schür und Torsten Habig sowie die organisatorische Mitarbeit und Koordination von Dieter Hübl haben im Wesentlichen die Entstehung dieses Werkes ermöglicht.
Ihnen allen danke ich von Herzen für ihr besonderes Engagement und ihre Unterstützung am erfolgreichen Zustandekommen wie auch der Verlegung und Herausgabe meiner Biografie.
Mein Dank gilt ebenso den Fotografen der Bildmotive und den Organisationen DBS, PA-dpa und Staatskanzlei RLP für die Verwendungsgestattung, Freigabe und Bereitstellung der Bildmotive sowie allen nicht namentlich genannten Hinweisgebern.
Es war ein kühler, trüber Tag, Montag, der 8. Dezember 1975, mit Höchsttemperaturen um 5° C und geringem Niederschlag, an dem ich auf der Entbindungsstation des Krankenhauses in Kirchheim unter Teck im Vorland der Schwäbischen Alb in Württemberg auf die Welt kam. Ich war der ersehnte Stammhalter (wie man das seinerzeit nannte) und bin der Mittlere von drei Geschwistern, neben meinen Schwestern Ilona und Karin. Den etwas aus der Mode gekommenen Vornamen Reinhold erhielt ich nach meinem Großvater väterlicherseits. Weitere Vornamen habe ich nicht.
Ich komme aus einer alteingesessenen württembergischen Familie. Unsere Haus- und Familiensprache war und ist das Alemannische, das um die Kreisstadt Göppingen, die etwa vierzig Kilometer östlich von Stuttgart liegt, gesprochen wird. „Mir schwätzet schwäbisch“, wenn ich meine Verwandten besuche, auch wenn ich seit mehr als zwei Jahrzehnten in meinem beruflichen, sportlichen und privaten Umfeld nahezu akzentfrei Hochdeutsch spreche.
Meine Eltern besaßen in Bezgenriet, einem Dorf, das seit 1957 als südlichster Stadtteil zu Göppingen gehört, einen alteingesessenen Bauernhof. Solange ich mich erinnern kann, bin ich mit der Natur verbunden, habe Freude an Blumen, insbesondere auch an Orchideen, an Bäumen, an der Kraft des Wassers in den Bergen, an Bächen, Seen und Schnee. In der siebenten Klasse begeisterte ich mich für Geologie und nahm an einer Höhlenerforschungs- und an einer Video-AG teil, die der Lehrer Manfred Wohlfahrt angeboten hatte. Ziele waren die Falkensteiner Höhle zwischen Grabenstetten und Bad Urach, die Todtsburger Höhle bei Mühlhausen im Täle, die Wimsener Höhle bei Zwiefalten, die Goldloch-Höhle bei Lichtenstein, die Schiller-Höhle bei Bad Urach-Wittlingen und die Sinterterrassen bei Aichelberg. Ich liebe das Gebirge, wenn ich inzwischen auch dem Meer etwas abgewinnen kann. Dennoch: auch nachdem ich inzwischen mehr als die Hälfte meines Lebens im norddeutschen Flachland zugebracht habe, fühle ich mich im gebirgigen Süddeutschland und im anschließenden Österreich zu Hause.
Von klein auf habe ich eine gute Hand für Tiere, besitze bei ihnen natürliche Autorität. So schlief ich auf einer Kuh, die als störrisch galt, konnte und kann gut mit Hunden umgehen und durfte mich als Einziger in der Familie sogar einem äußerst kämpferischen und aggressiven Hahn ohne Gefahr nähern, bis dieser schließlich im Kochtopf landete. Seit den vielen Skandalen um unsere Lebensmittel habe ich meinen Fleischkonsum merklich eingeschränkt, wenn ich auch kein Vegetarier geworden bin.
Meine Kindheit auf dem elterlichen Hof hätte eine Idylle sein können, aber es war keine …
Mit vier Jahren kam ich in den Kindergarten. An die Zeit dort habe ich gute Erinnerungen, ausgenommen einen kleinen Jungen, der mit seinen Eltern aus der Stadt in das Dorf gekommen war, einen „Reingeschmeckten“ also, der ausrastete, um sich schlug und nach heutigen Begriffen „verhaltensauffällig“ war. Niemand verstand sich mit ihm. Nach einem halben Jahr wurde er aus dem Kindergarten herausgenommen. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Warum der kleine Junge so war, wie er war, darüber haben wir Kinder uns keine Gedanken gemacht. Er war anders, und das genügte. Er hätte wohl auch keine Chance gehabt, von uns Dorfkindern gemocht und in unsere Gemeinschaft integriert zu werden, wenn er weniger „verhaltensauffällig“ gewesen wäre. In die Schule kam ich drei Monate vor meinem siebten Geburtstag. Am Tag meiner Einschulung im September 1982 war ich aufgeregt, lief vor dem „großen Ereignis“ dreimal aufs Feld und machte mich schmutzig, so dass meine Mutter mich immer wieder neu anziehen musste. Erstaunlicherweise fiel von ihrer Seite kein gereiztes oder ärgerliches Wort. Die Zuckertüte war groß und voll.
Reinhold als kleiner Junge vor seinem Elternhaus in Bezgenriet
Womit sie gefüllt war, weiß ich nicht mehr. Ich habe sie stolz getragen. Denn endlich war ich ein Schulkind und groß und schon fast erwachsen! Die Schule machte Spaß, und ich war ein guter Schüler. Die Bezgenrieter Grundschule bestand aus vier Klassen, wobei die erste und zweite sowie die dritte und vierte Klasse jeweils gemeinsam von einer Lehrerin in allen Fächern unterrichtet wurden. Alle weiterführenden Schulen waren in Göppingen.
Als kleiner Junge war ich unternehmungslustig, ein Draufgänger. Und deshalb blieben Unfälle nicht aus: So geriet ich mit drei Jahren unter ein Auto. Und mit fünf Jahren fiel ich von einem fahrenden Lanz Bulldog, als ich und meine Schwestern mit dem Vater mitfahren wollten und ich nach einem Losentscheid auf dem zweiten Treckersitz keinen Platz mehr fand, sondern auf dem Radkasten halb stehend mitfahren musste.
Auf einem holprigen Schotterweg mit vielen Schlaglöchern und Schneeresten zum Wald hin fiel ich in die Radspur des Treckers, und der angehängte Güllewagen in Form einer Tonne rollte über meinen Bauch. Ein dreitägiger Krankenhausaufenthalt war die Folge. Die vermutete Nierenquetschung erwies sich glücklicherweise als Fehldiagnose, und so habe ich den Unfall erstaunlicherweise unbeschadet überstanden.
Schwerer wog eine Verletzung am Hinterkopf durch den Huftritt eines Schafs, das ich wohl aus Versehen erschreckt hatte. Die Wunde musste behandelt und genäht werden. Ein eingewachsenes Haar in der Narbe führte ein Jahr später zu schweren Kopfschmerzen, die mit der Entfernung der Ursache durch einen Arzt, der genauer als andere hingeschaut, das Haar entdeckt und herausgezogen hatte, schlagartig endeten.
Und dann – ich war siebendreiviertel Jahre alt – kam der 30. September 1983. Ich erinnere mich deutlich an all das, was an diesem Tag geschehen ist. Etwa vier Stunden vor dem Ereignis, das mein weiteres Leben bestimmen sollte, hatte ich eine Eingebung (anders kann ich das nicht bezeichnen): Ich habe mich völlig frei gefühlt, schwerelos, habe alles ausgeblendet und nur einen Gedanken gehabt: Es wird etwas passieren – und zwar nicht irgendwie, irgendwo, irgendwem, sondern mir. Es war nur ein Moment, aber ich wusste, es würde mich betreffen. Dieses Gefühl war weit stärker als eine Vorahnung. Erklären kann ich das nicht, aber es hat sich ereignet, und es hat sich in meine Erinnerung eingeprägt. Es ist mir nach wie vor gegenwärtig.
Auf einem Bauernhof gibt es immer etwas zu tun, auch für Kinder, ohne dass gleich von Kinderarbeit die Rede zu sein braucht. Tiere müssen gefüttert, Kartoffeln, Salat, Gemüse und Obst aus dem Garten geholt, bei der Hausarbeit geholfen werden. Natürlich machte das nicht immer Spaß, aber man tat es halt. Was blieb einem schon anderes übrig, wollte man nicht den Zorn der Eltern auf sich laden. Und wie viele Bauernkinder wartete ich nur darauf, den Trecker endlich selbst fahren zu dürfen, auch wenn das verstärkte Mitarbeit auf dem Hof bedeutete!
Von den Eltern war für den nächsten Tag, also den 1. Oktober, ein Ausflug, eine Fahrradtour, geplant. Dafür sollten meine Schwestern und ich die Fahrräder putzen, was wir auch taten. Und dann musste noch der Ladewagen gereinigt werden, in dem der geerntete Mais transportiert worden war. Bei diesem Ladewagen handelte es sich um ein V-förmiges Modell aus Aluminium mit einem Kratzboden, auf den das Ladegut im Laufe des Entleerungsvorgangs nachsackte. Und diesen Kratzboden, auf dem sich eine Schicht Maisreste abgelagert hatte, sollte ich als Arbeitsauftrag des Vaters sauber machen. Die gelockerten Maisreste wurden dann mit Hilfe einer Dosierwalze, die mit ca. zwanzig Zentimeter langen Spießen versehen war, über ein Querförderband hinaustransportiert und dem Silogebläse zugeführt, das mit 20 000 bis 30 000 Umdrehungen in der Minute arbeitete und eine Sogwirkung auf zwei bis drei Meter entfaltete. Die Einstiegsluke in den Ladewagen war von einem Kind meines Alters nicht zu öffnen, denn man musste einen schweren Bügel hinunterdrücken, um die Bolzen zu lösen, und dann die Schließvorrichtung mit Schwung nach oben katapultieren. Das konnte nur ein Erwachsener. Ich stieg also gegen 16.00 Uhr durch die Luke in den Ladewagen und fing an, den Kratzboden zu säubern. Als ich merkte, dass noch ein Rest Mais – etwa eineinhalb Meter – vor der ausgeschalteten Dosierwalze verblieben war, erkannte ich, dass zu wenig Mais aus dem Ladewagen heraustransportiert worden war bzw. wurde. Daraufhin ging ich nach vorn und schob den Rest Mais mit einem Fuß auf das Querförderband. In diesem Augenblick schaltete meine Mutter, die geglaubt hatte, dass sich niemand in dem Ladewagen befinde, die Dosierwalze wieder ein, und die Walze riss mich mit.
Ich erhielt eine „Pfählungswunde“ (wie es in der Krankenakte hieß) am Gesäß, flog auf das Förderband, die Arme seitlich weggestreckt, um nicht in das 1×1 Meter hohe und breite Silogebläse zu geraten, von den Ventilatorenblättern dieses Gebläses erfasst, zerstückelt und in das Hochsilo befördert zu werden. Die Mutter sah mich, schaltete das Silogebläse sofort ab, doch kam ich durch die noch viele Sekunden auslaufende Rotation mit der linken Hand immer näher an die Ventilatorenblätter. Als ich die ausgestreckte Hand der Mutter mit meiner rechten Hand ergriff, geriet ich mit der linken in das Silogebläse, und mein linker Arm wurde oberhalb des Ellenbogens abgerissen. Später musste noch bis auf dreizehn Zentimeter unterhalb der Schulter nachamputiert werden. Es ist ein Wunder, dass ich den Unfall überlebt habe.
Meine Mutter rannte mit mir in die Küche. Ich erinnere mich, dass ich dabei an der Deichsel (schwäbischer Ausdruck für die Anhängerkupplung des Ladewagens) einen meiner gelben Gummistiefel verlor. Ein aufmerksam gewordener Nachbar setzte einen Notruf ab. Der Notarzt kam nach „gefühlter Zeit“ sofort. Die Sanitäter fragten nach dem abgerissenen Arm, den der schon erwähnte Nachbar fand und herbeischaffte. Und ich? All das, was sich um mich herum ereignete, nahm ich wahr, ohne es zu begreifen. Ich sah den abgerissenen Arm ohne Bezug zu mir. Eine irreale Situation! Blut hatte ich durch den Schock nur wenig verloren; Bluttransfusionen waren nicht nötig. Vermutlich erhielt ich vom Notarzt eine Beruhigungsspritze; denn ich bekam zu meiner großen und bis heute anhaltenden Enttäuschung nichts mit von dem Hubschrauberflug in die Klinik. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, war ich im Krankenhaus, aber nicht in Göppingen, wie ich vermutete, sondern im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm. Dort blieb ich zwei Wochen.
Mir war augenblicklich bewusst, dass sich etwas Schlimmes ereignet hatte. Doch ist der Verlust des Armes für mich ein normaler Unfall und kein einschneidendes Ereignis gewesen. Diese Aussage können viele Menschen nur schwer verstehen. Sie meinen, ich müsste ein Trauma davongetragen haben, müsste durch den Unfall bis heute psychisch belastet und damals in ein Loch gefallen sein. Aber ich lebte, lebte ja weiter, war in kein Loch gefallen; alles war im Lot, war gleich geblieben, konzentriert im „point of even“. Es gab keinen Unterschied zu vorher, außer dass ich jetzt nur noch einen Arm hatte. Mit sieben Jahren hat man noch keine festen Zukunftspläne, die durch den Unfall zunichtegemacht worden wären, wenn mich auch damals schon alles interessiert hatte, was mit Flugzeugen zusammenhing. Doch war mir der Begriff „Pilot“ noch völlig fremd. Für mich ging das Leben nahtlos weiter, nun aber mit einem Handicap. Und entweder, man akzeptiert, was passiert ist, und schließt Frieden mit dem Schicksal und den Gegebenheiten der Realität, oder man wird aggressiv und depressiv und unglücklich. Das alles war mir damals mit fast acht Jahren bewusst, auch wenn ich es noch nicht so rational hätte formulieren können. Mit „Heldentum“ und „heroischer Haltung“ hat das nichts zu tun, denn nicht verschwiegen werden dürfen und sollen Phasen der Niedergeschlagenheit, der Schwierigkeiten beim Neuerlernen zuvor schon längst beherrschter Fähigkeiten – nun aber nur mit einem Arm – und die immer wieder gestellte Frage, warum gerade mir das geschehen musste.
Bei dem geschilderten Unfall am 30. September 1983 hatte ich nicht das Gefühl, sterben zu müssen. Aber ich sah und sehe bis heute in diesem Ereignis eine Strafe. Doch wofür ich so hart bestraft worden bin, was ich „angestellt“ hatte, um eine solche Strafe auf mich zu ziehen, ist mir nicht klar. Ich weiß, dass viele Menschen diesem Gedankengang nicht folgen und ihn nachvollziehen können. Aber ich trage ja die Schuld an dem Unfall. Auch wenn mich mein Vater mit der Säuberung des Ladewagens beauftragt hatte, so war doch damit nur der Kratzboden gemeint gewesen. In den Gefahrenbereich bin ich aus eigenem Antrieb gegangen. Warum „der da oben“ nicht besser auf mich aufgepasst hat – auf diese Frage finde ich keine Antwort.
Ich bin kein Kirchgänger, gehe aus eigenem Antrieb nur Weihnachten in die Christmette. Konfirmiert worden bin ich 1989. Ich war früher gläubiger als heute. Aber ich weiß, dass Gott um mich ist. Da, wo ich bin, ist auch Gott. Ich muss ihn nicht an einem anderen, fremden Ort aufsuchen. Dieses Gefühl hat mich nicht verlassen, und diese Überzeugung habe ich nicht aufgegeben.
Wie nicht anders zu erwarten, war der Unfall kurze Zeit Dorfgespräch, etwas länger vielleicht beim „Fleckenhock“ („Fleggahock“), den in der Ortsmitte stattfindenden Dorffesten. Dennoch: Bis heute erinnert man sich in meiner Heimat an dieses Ereignis, wenn etwas über meine sportlichen Erfolge in der Zeitung steht. Aber im Dorf wird ein solcher Unfall – wie so viele andere vorher und nachher – als etwas gleichsam Normales begriffen. So etwas passiert eben, kann vorkommen und führt in einem traditionell funktionierenden und intakten Dorf nicht zu Isolierung und Ausgrenzung als „Krüppel“ oder – modern – als Mensch mit Handicap und auch nicht zu sentimentalem, falschem Mitleid. Ähnlich sieht das der ohne Arme geborene Hornist Felix Klieser. In seinem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 2. Mai 2015 sagt er: „Ich komme vom Dorf. Dort habe ich mit den anderen Kindern gebolzt, gerauft, Briefkästen in die Luft gesprengt und anderen Schabernack getrieben.“ Im Dorf nimmt man Schicksale an, akzeptiert sie. Denn alles Kopfschütteln, Sichwundern, Sichentsetzen und Sichauflehnen hilft ja doch nichts. Nur mein Vater konnte seither nichts mehr mit mir anfangen. Er war auch nicht bereit, die Schuld an dem Unfall auf sich zu nehmen, anderenfalls hätte ich eine lebenslange Rente bekommen.
Schon vier, fünf Tage nach dem Unfall, noch im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus, fing ich an, mich durchzubeißen, trotz Handicap selbständig zu bleiben, Handlungsabläufe mit einer Hand auszuführen, für die Menschen üblicherweise zwei Hände benötigen. Ich hatte im Krankenhaus unruhig geschlafen, hatte Albträume, wachte auf, schrie nach meiner Mutter. Daraufhin durfte sie bei mir im Zimmer schlafen. Und wenn es Essen gab, fütterte sie mich. Zunächst war das vielleicht in Ordnung, aber mit fast
