Du elender Saufladenbesitzerssohn! - Peter Haida - E-Book

Du elender Saufladenbesitzerssohn! E-Book

Peter Haida

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Beschreibung

Der Lehrer beschimpfte ihn regelmäßig als elenden Sohn eines Kneipenbesitzers. Er hatte mehr recht, als er selbst ahnte. Elend und fremd fühlte sich der Junge oft. Sohn eines Gastwirts in einem abgelegenen Eifeldorf, das sucht man sich nicht aus! Seine Eltern traf keine Schuld, sie hatten sich nur bemüht, nach dem schlimmen Ende von Adolf Hitlers III. Reich wieder eine Art Existenz aufzubauen. Er hat Schulkameraden und gewinnt Freunde. Mehr als Schule und Arbeit in der elterlichen Gaststätte interessieren ihn Bücher und Mädchen, außerdem Radiobasteln und das gerade aufkommende Fernsehen. Die Verhältnisse nach dem Krieg sind materiell und geistig beengt. Nicht viel zu lachen, - trotzdem eine glückliche Jugend? Ein Stück Nachkriegsgeschichte, geschrieben aus ganz persönlicher Perspektive im Fegefeuer von Selbstzweifeln und Verwirrungen der Pubertät.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Donnerstag, 8. Dezember 1955

Sonntag, 11. Dezember

Dienstag, 13. Dezember

Mittwoch, 14. Dezember

Donnerstag, 15. Dezember

Sonntag, 18. Dezember

Dienstag, 20. Dezember

Samstag, 25. Dezember

Montag, 2. Januar 1956

Mittwoch, 18. Januar

Donnerstag, 19. Januar

Mittwoch, 25. Januar

Dienstag, 6. März

Montag, 12. März

Samstag, 17. März

Freitag, 23. März

Montag, 26. März

Dienstag, 27. März

Mittwoch, 28. März

Donnerstag, 29. März

Freitag, 30. März

Samstag, 31. März

Ostersonntag, 1. April

Montag, 2. April

Dienstag, 3. April

Mittwoch, 4. April

Donnerstag, 5. April

Freitag, 6. April

Samstag, 7. April

Montag, 9. April

Dienstag, 10. April

Mittwoch, 11. April

Donnerstag, 12. April

Freitag, 13. April

Samstag, 14. April

Mittwoch, 18. April

Freitag, 20. April

Samstag, 21. April

Montag, 23. April

Dienstag, 24. April

Mittwoch, 25. April

Donnerstag, 26. April

Freitag, 27. April

Samstag, 28. April

Sonntag, 29. April

Montag, 30. April

Dienstag, 1. Mai

Mittwoch, 2. Mai

Donnerstag, 3. Mai

Samstag, 5. Mai

Sonntag, 6. Mai

Montag, 7. Mai

Donnerstag, 10. Mai

Freitag, 11. Mai

Samstag, 12. Mai

Sonntag, 13. Mai

Montag, 14. Mai

Mittwoch, 16. Mai

Freitag, 18. Mai

Samstag, 19. Mai

Dienstag, 22. Mai

Mittwoch, 23. Mai

Freitag, 25. Mai

Samstag, 26. Mai

Sonntag, 27. Mai

Montag, 28. Mai

Dienstag, 29. Mai

Mittwoch, 30. Mai

Sonntag, 3. Juni

Montag, 4. Juni

Mittwoch, 6. Juni

Donnerstag, 7. Juni

Freitag, 8. Juni

Samstag, 9. Juni

Sonntag, 10. Juni

Donnerstag, 14. Juni

Samstag, 16. Juni

Sonntag, 17. Juni

Montag, 18. Juni

Donnerstag, 21. Juni

Freitag, 22. Juni

Samstag, 23. Juni

Sonntag, 24. Juni

Dienstag, 26. Juni

Mittwoch, 27. Juni

Donnerstag, 28. Juni

Freitag, 29. Juni

Sonntag, 1. Juli

Dienstag, 3. Juli

Mittwoch, 4. Juli

Donnerstag, 5. Juli

Freitag, 6. Juli

Samstag, 7. Juli

Dienstag, 10. Juli

Mittwoch, 11. Juli

Samstag, 14. Juli

Montag, 16. Juli

Dienstag, 17. Juli

Mittwoch, 18. Juli

Donnerstag, 19. Juli

Freitag, 20. Juli

Samstag, 21. Juli

Sonntag, 22. Juli

Montag, 23. Juli

Dienstag, 24. Juli

Mittwoch, 25. Juli

Samstag, 28. Juli

Sonntag, 29. Juli

Montag, 30. Juli

Dienstag, 31. Juli

Mittwoch, 1. August

Donnerstag, 2. August

Freitag, 3. August

Samstag, 4. August

Sonntag, 5. August

Montag, 6. August

Dienstag, 7. August

Mittwoch, 8. August

Donnerstag, 9. August

Freitag, 10. August

Samstag, 11. August

Sonntag, 12. August

Montag, 13. August

Dienstag, 14. August

Mittwoch, 15. August, Maria Himmelfahrt

Donnerstag, 16. August

Freitag, 17. August

Samstag, 18. August

Sonntag, 19. August

Montag, 20. August

Dienstag, 21. August

Mittwoch, 22. August

Donnerstag, 23. August

Freitag, 24. August

Samstag, 25. August

Sonntag, 26. August

Montag, 27. August

Dienstag, 28. August

Mittwoch, 29. August

Donnerstag, 30. August

Freitag, 31. August

Samstag, 1. September

Sonntag, 2. September

Montag, 3. September

Dienstag, 4. September

Mittwoch, 5. September

Donnerstag, 6. September

Freitag, 7. September

Samstag, 8. September

Sonntag, 9. September

Montag, 10. September

Dienstag, 11. September

Mittwoch, 12. September

Donnerstag, 13. September

Samstag, 15. September

Sonntag, 16. September

Montag, 17. September

Dienstag, 18. September

Eine unmögliche Liebe

Mittwoch, 19. September

Donnerstag, 20. September

Freitag, 21. September

Samstag, 22. September

Sonntag, 23. September

Dienstag, 25. September

Mittwoch, 26. September

Donnerstag, 27. September

Freitag, 28. September

Samstag, 29. September

Montag, 1. Oktober

Dienstag, 2. Oktober

Mittwoch, 3. Oktober

Donnerstag, 4. Oktober

Freitag, 5. Oktober

Samstag, 6. Oktober

Sonntag, 7. Oktober

Montag, 8. Oktober

Dienstag, 9. Oktober

Mittwoch, 10. Oktober

Donnerstag, 11. Oktober

Freitag, 12. Oktober

Samstag, 13. Oktober

Sonntag, 14. Oktober

Montag, 15. Oktober

Dienstag, 16. Oktober

Mittwoch, 17. Oktober

Donnerstag, 18. Oktober

Freitag, 19. Oktober

Samstag, 20. Oktober

Sonntag, 21. Oktober

Montag, 22. Oktober

Dienstag, 23. Oktober

Mittwoch, 24. Oktober

Donnerstag, 25. Oktober

Freitag, 26. Oktober

Samstag, 27. Oktober

Sonntag, 28. Oktober

Montag, 29. Oktober

Dienstag, 30. Oktober

Mittwoch, 31. Oktober

Donnerstag, 1. November

Freitag, 2. November

Samstag, 3. November

Sonntag, 4. November

Montag, 5. November

Dienstag, 6. November

Mittwoch, 7. November

Freitag, 9. November

Samstag, 10. November

Sonntag, 11. November

Dienstag, 13. November

Mittwoch, 14. November

Donnerstag, 15. November

Freitag, 16. November

Samstag, 17. November

Sonntag, 18. November

Mittwoch, 21. November

Montag, 26. November

Dienstag, 27. November

Mittwoch, 28. November

Mittwoch, 5. Dezember

Donnerstag 6. Dezember

Dienstag, 11. Dezember

Freitag, 14. Dezember

Samstag, 15. Dezember

Sonntag, 16. Dezember

Montag, 17. Dezember

Mittwoch, 19. Dezember

Freitag, 21. Dezember

Montag, 24. Dezember

Dienstag, 25. Dezember

Donnerstag, 27. Dezember

Dienstag, 1. Januar 1957

Mittwoch, 13. Februar

Dienstag, 12. März

Montag, 25. März

Dienstag, 26. März

Dienstag, 2. April

Freitag, 5. April

Samstag, 6. April

Donnerstag, 11. April

Freitag, 12. April

Mittwoch, 17. April

22./23. April

Dienstag, 23. April

„… um noch einmal die alten grünen Pfade der Erinnerung zu wandeln.“

Gottfried Keller, Der grüne Heinrich

„… unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind“.

Martin Korte, Wir sind Gedächtnis

Donnerstag, 8. Dezember 1955

Gleich zu Beginn dieses Tagebuchs habe ich ein Jubiläum zu vermerken. Nicht, daß jemand auf den Gedanken käme, das irgendwie zu feiern! Heute vor genau fünf Jahren sind wir, Vati, Mutti und ich, in der Eifel angekommen, im Lager Daun. Wir kamen damals mit einem Umsiedlertreck von Bayreuth und waren zwei Tage und eine Nacht mit dem Zug gefahren. Die Eifel erschien uns trostlos und kalt. Ich kam mir ganz verloren vor und hatte fürchterliches Heimweh. Einem guten Freund aus Bindlach schrieb ich einen langen Brief über meine Eindrücke: den vielen Schnee, die Fahrt mit einem Bus, der mit wahnsinniger Geschwindigkeit bergauf-bergab über die eisverkrusteten Straßen raste. Ich hoffte auf eine baldige Antwort zur Linderung meines Heimwehs. Leider bekam ich keine.

Wir bereuten es bitter, nicht in Bayern geblieben zu sein, auch wenn Vati die meiste Zeit arbeitslos gewesen war. Die erste Zeit, nachdem er 1946 aus englischer Gefangenschaft entlassen worden war, hat er bei der Trümmerbeseitigung in Bayreuth geholfen, dann als Holzfäller im Wald gearbeitet oder auf dem Bau. Jetzt haben wir eine Gastwirtschaft gepachtet in einem Dorfe mit etwa 800 Einwohnern, und Vati braucht nicht mehr solche Gelegenheitsarbeiten zu verrichten. Er ist ja jetzt schon über fünfzig. Es geht uns doch schon viel besser nach fünf Jahren!

Bald nach unserer Ankunft kam ich als Fahrschüler in die Sexta des Gymnasiums in Gerolstein und mußte jeden Tag mit der Bahn oder mit dem Bus hinfahren. In meiner allerersten Stunde platzte ich mitten im Schuljahr vormittags in den Unterricht mit einer Sprache, von der ich überhaupt noch nichts wußte: Latein. Es war da die Rede von einem Mann mit dem komischen Namen Coriolanus, der irgendeinen Umsturz angezettelt hatte und deswegen zur Schnecke gemacht werden sollte. Da ich von nichts Ahnung hatte, mußten wir gleich einen Nachhilfelehrer für mich suchen, der mir den versäumten Stoff beibringen sollte. Er ging mit einem Stock, weil er - wohl aus dem Krieg - eine Beinverletzung hatte. Er war sehr nachgiebig, erklärte mir alles gut, fragte mich aber kaum ab, weshalb ich letztlich wenig lernte und immer noch Schwierigkeiten mit dem Latein habe.

Sonntag, 11. Dezember

Unsere Hauswirte und Verpächter sind ganz freundliche Leute, ein Ehepaar mit zwei Töchtern, die ältere, Irmgard, ist etwas jünger als ich. Sie hat leicht rötliche Haare, die meist zu Zöpfen geflochten sind, und ein rundliches Gesicht. Die Leute haben sich viel Mühe gegeben, uns die Besonderheiten der hiesigen Bevölkerung zu erklären und uns den Start zu erleichtern. Mit der Sprache kommen wir nicht so gut zurecht. Sie scheint irgendwie mit dem Kölnischen verwandt zu sein. Teilweise amüsieren wir uns über einzelne Ausdrücke. Zu Kartoffeln sagen sie hier „Schrumpern“ oder, noch etwas stärker im Dialekt, „Schrompere“. Das ist irre komisch. Der Dialekt unterscheidet sich von Dorf zu Dorf. Es gibt einen Satz, der den Unterschied deutlich machen soll. In Dreis sagt man angeblich: „Hej het int Bett jescheß“ und im zwei Kilometer entfernten Dockweiler: „Hej het int Bett jeschoß.“

Unser Hauswirt heißt Christian mit Vornamen und war früher Schmied und dann Gastwirt, bis wir die Kneipe pachteten. Jetzt arbeitet er nur noch gelegentlich in seiner Werkstatt. Manchmal hilft er noch aus. Meine Eltern sind einerseits dankbar dafür, andererseits befürchten sie Einmischung.

Sie haben eine Reklame-Postkarte drucken lassen. Darauf mit schwungvoller Schrift Gasthof-Pension „Schwedenschänke" und zwei Bilder, das Haus mit der angebauten Veranda und ein Blick in das Lokal mit der Theke. Darüber ist eine Inschrift angebracht, die sich auf den Namen des Hauses bezieht. Angeblich soll sich 1809 der Schwedenkönig Gustav Adolf IV. auf seiner Flucht vor Napoleon in diesem Hause versteckt haben. Das Zimmer, in dem er gewohnt hat, heißt Schwedenzimmer und wird an Übernachtungsgäste vermietet. An der Außenseite des Hauses steht über dem Eingang in vergoldeten gebrochenen Buchstaben „Gasthof Steffens“, was sich auf einen früheren Besitzer bezieht.

Dienstag, 13. Dezember

In der ersten Zeit, als wir angekommen waren, habe ich noch mit im Ehebett geschlafen, da war ich immerhin schon 13. Dann bekam ich endlich unter dem Dach eine Art Zimmer. Um dort hinzukommen, muß man zuerst durch den Dachboden gehen, danach durch einen mit Gerümpel vollgestellten Raum, den wir „Vorhölle“ nennen. In keinem der Räume gibt es Licht, und man muß sich abends mühsam durch die Dunkelheit tasten, bis man bei mir ist.

Das eigene Zimmer ist für mich natürlich ein Paradies. Dort kommt selten jemand hin, und ich kann nach Herzenslust lesen, selbst noch abends. Offiziell darf ich das natürlich nicht, aber man hört es, wenn jemand den Dachboden betritt. Dann knipse ich die Taschenlampe aus und tue so, als ob ich schon schlafe. Die Wände sind etwas schief, die Tür besteht aus zusammengenagelten Brettern, die zwar in Angeln hängen, sich aber nur lose an den Rahmen anlehnen. Es gibt weder Klinke noch Schloß. Manchmal kommt nachts durch einen Spalt eine Ratte ins Zimmer.

Mittwoch, 14. Dezember

Im Augenblick bin ich ganz böse in der Klemme. Die zweite Franzarbeit ist wieder eine 5. Zwei Fünfen also und eine Vier. Unser Französischlehrer hat aber gesagt, daß ich wahrscheinlich noch eine Vier auf dem Zeugnis bekäme. Aber da ist noch eine andere unangenehme Sache: Bis heute waren wir, mein bester Freund Dieter aus Neroth und ich, am Mittwochmorgen immer in der Schulmesse. Heute wollten wir mal schwänzen. Zuerst gingen wir in eine Buchhandlung und kauften uns jeder ein rororo-Taschenbuch. Als wir herauskamen, zählten wir unsere Barschaft und stellten fest, daß es zu wenig war, um zum „Toni" zu gehen. So drehten wir uns um und wollten in den Bahnhofswartesaal, weil man da nichts zu verzehren braucht. Da sah der Dieter plötzlich unseren Deutsch- und Geschichtslehrer vor uns, den Hammes. Wir marschierten in Richtung Kirche und verschwanden schnell in einem Laden. Es war gleichfalls ein Buchgeschäft. Jetzt mußten wir auf Zeit arbeiten, bis der Pauker vorbei sein würde. Zuerst erstanden wir einen Stenoblock und ließen uns einige Bücher zeigen. Als wir die Gefahr gebannt glaubten, traten wir auf die Straße und fanden zu unserem Entsetzen den Pauker dort wartend stehen.

„Ich habe euch beobachtet und werde es in der Konferenz vorbringen", sagte er zu uns tödlich Erschrockenen. Da hatten wir es. Prost Mahlzeit! Als wir schließlich in die Kirche kamen, war die Messe schon halb zu Ende. Der Hammes erzählte es wohl gleich noch dem Chemielehrer, worauf dieser mißbilligend zu uns herüberblickte. Wenn der Schulleiter davon erfährt, und er ist gerade schlecht gelaunt, gibt es möglicherweise Arrest.

Auf dem Weg zur Schule legten wir uns einen Plan zurecht: Eigentlich wollten wir in die Kirche gehen, doch vorher noch ein Buch als Weihnachtsgeschenk für Dieters Schwester besorgen. Wir kommen aus dem Laden, sehen den Lehrer auftauchen, fürchten einen Anpfiff, weil es schon so spät ist, und versuchen deshalb unterzutauchen. Das stimmt alles, bis auf das Erste, nämlich, daß wir zur Messe gehen wollten.

In der sechsten Stunde haben wir den Onkel, der uns erwischt hat. Er nimmt sich einen Stuhl, was er sonst nie tut, und setzt sich vor die Klasse. Einer lacht. Der Hammes sagt, daß er sich in den letzten Stunden immer setzen müsse, da sein Fuß ihm Schwierigkeiten mache. (Er ist nämlich kriegsverletzt.) „Aber du kannst ruhig weiterlachen, Heinen", sagt er abschließend zu dem Schüler, der gelacht hatte, „Lachen ist gesund!" „Zehn Minuten Lachen ersetzt ein Ei", sage ich halblaut vor mich hin. „Du solltest ganz ruhig sein, Haida", weist er mich zurecht, „mit dir stehe ich seit heute morgen auf dem Kriegsfuß!"

Ich merke, daß er gut gelaunt ist, sonst würde er überhaupt nicht darauf eingehen. „Wenn wir das gewußt hätten, äh, mit Ihrem Fuß, dann ...“ Ich muß plötzlich so lachen, daß ich nicht weitersprechen kann. Da ist er wohl neugierig geworden und sagt, ich soll weiterreden. „... dann hätten wir - Sie - uns – nicht - heute früh - solange nachlaufen lassen", stottere ich.

„Es gibt sehr billige Tricks", sagt er tadelnd. „Was sollten wir denn tun?", frage ich, „da es schon so spät war, hätten wir sicherlich eins aufs Dach bekommen, das wollten wir uns ersparen!" Und nun, da ich reden kann, erzähle ich vor der ganzen Klasse die Geschichte, aber so, wie wir sie uns zurechtgelegt hatten. Alle lachen. Vielleicht habe ich etwas gebessert mit meinem Vortrag, indem der Hammes nicht mehr so wütend auf uns ist.

Donnerstag, 15. Dezember

Doris S. müßte eigentlich heute kommen. Das ist ein Mädchen aus Düsseldorf, das mit seiner Familie einmal hier gewohnt hat und mit Irmgard befreundet ist. Sie war schon öfter hier, aber im Anfang habe ich sie gar nicht beachtet. Als uns mein Vetter Günter besuchte, hat er mich auf sie aufmerksam gemacht. Bei seiner Abfahrt gab er mir den Auftrag, ihm doch ein Bild von ihr zu beschaffen. Da hatte er mir was Schönes eingebrockt, denn ich mußte mich abmühen, es so unauffällig zu machen, daß niemand etwas davon bemerkte.

Durch diese Anstrengung bin ich selbst auf sie aufmerksam geworden und war einfach hin. Ich dachte, es würde vorübergehen, aber es hat sich immer noch verstärkt. Sie hat ein schmales Gesicht, braune, kurze Haare und ist immer gut und niedlich angezogen. In den Ferien besucht sie ihre ältere Schwester Hannelore, die mit ihrem Mann hier wohnt. Das ist eine ganz patente Frau, mit der man sich gut unterhalten kann, auch über Literatur und so. Sie ist etwas älter als ich, vielleicht so zehn oder zwölf Jahre, jedenfalls noch unter dreißig und sehr schlank.

Ihr Mann heißt Paul und ist ein netter, gutmütiger Typ, den ich gern habe. Manchmal darf ich mit ihm Motorrad fahren, oft vorne am Lenker. Meine Eltern verstehen sich mit diesem Ehepaar ganz gut, eigentlich sind es die einzigen Leute, mit denen sie näher bekannt sind und vielleicht sowieso nur sein wollen. Sie wohnen am Rande des Dorfes auf einer Anhöhe, die Hardt genannt wird. Sie kommen oft zum Fernsehen, denn unser Fernseher ist der einzige am Ort, der öffentlich zugänglich ist. Den allerersten hier hat sich der Förster angeschafft. Mein Vater ist sehr für Technik, besonders für solche Sachen, und das soll eine Attraktion sein und Gäste anziehen.

Leider hat es erstmal nicht funktioniert, weil wir im Tal liegen und die Rundfunkwellen uns nicht erreichen. Das war eine schöne Enttäuschung, als der Fernseher aufgestellt wurde und man nur so ein Geflimmer sehen konnte. Der Radiotechniker aus Daun, der uns den Apparat verkaufen wollte, hat nach einem Ausweg gesucht und tatsächlich einen gefunden. Oben auf dem Berg wurde ein hoher Mast aufgestellt und darauf eine Empfangsantenne befestigt. Die nimmt die elektromagnetischen Wellen auf und reflektiert sie hinunter zu uns ins Tal. Trotzdem bleibt es noch ziemlich schwierig, es richtig einzustellen. In der ersten Zeit hatten wir oft nur Schneegeriesel auf dem Bildschirm. Außerdem ist es noch immer stark vom Wetter abhängig, ob wir ein gutes Bild haben. Solche Probleme hat der Förster nicht, weil er oben auf dem Berg wohnt.

Als es besser funktionierte, wurde unser Lokal zum Zentrum der Abendunterhaltung. Auf Dauer ging es natürlich nicht gut, daß der Fernseher in der Gaststube stand, wo Leute an der Theke und an den Tischen sitzen und sich unterhalten wollen. Deswegen wurde er nach einiger Zeit in die Veranda gestellt, das ist ein größerer, eingeschossiger Anbau, in dem an Karneval und Kirmes auch Tanzveranstaltungen stattfinden. So wurde unsere Wirtschaft zu einem Fernsehzentrum, und viele erscheinen abends zum Fernsehen, vor allem zu den großen Unterhaltungssendungen mit Peter Frankenfeld. Gut für uns ist, daß wir zu den wenigen gehören, die hier am Ort ein Telefon haben. Deswegen kommen oft Leute zu uns, die telefonieren wollen und dann ein Bier trinken.

Mich interessierte das Fernsehen immer sehr. Besonders beeindruckt hat mich ein Fernsehspiel mit dem Titel „Geschwader Fledermaus". Es geht darin um eine Staffel von Fliegern, die jeden Tag in den Einsatz müssen und nicht wissen, ob sie heil wieder zurückkommen. Ein weiteres großes Erlebnis war die Übertragung eines Theaterstücks, das hieß „Squirrel" nach einem Roman von Ernst Penzoldt. Es handelt von einem jungen Menschen, der unvermutet bei einer verzweifelten Familie, die sich umbringen will, auftaucht und dort alles belebt und durcheinanderbringt. Ich habe mir immer die Namen von Autoren und Schauspielern gemerkt und dann geschaut, ob ich mehr über sie erfahren kann. Die Titelrolle bei diesem Stück wurde von einer blonden Schauspielerin namens Helen Vita gespielt, und es hat mich wirklich sehr beeindruckt, wie er/sie alles ganz leicht nimmt und das Leben als Spiel betrachtet.

Sonntag, 18. Dezember

Nächste Woche bekommen wir Ferien. Dann muß ich wieder etwas mehr in der Wirtschaft helfen und bei allen möglichen Dingen einspringen. Die Freunde, mit denen ich immer nach Dockweiler zur Bahn und mittags wieder zurückgehe, werde ich eine Weile nicht sehen. Es sind in der Hauptsache zwei Brüder aus einer großen Familie, die oben auf dem Berg wohnt, Knut und Klaus. Ihr Vater hat eine Firma, in der künstlerische Holzarbeiten hergestellt werden, bunte Märchenfiguren und anderes. Mit Klaus verstehe ich mich prima, weil er sehr viel weiß und erzählen kann. Seine Eltern sind ziemlich streng, aber irgendwie doch weltoffen. Sie haben die Nazizeit nicht nur miterlebt, sondern reden auch darüber. Bei uns ist sowas nie Thema, es gibt einfach nicht die Zeit dafür. Vielleicht wollen sie auch nicht darüber sprechen. Alle sind immer sehr beschäftigt.

Klaus kennt eine Menge Lieder, auch solche aus der Nazizeit. Manchmal singen wir sie auf dem Heimweg von Dockweiler nach Dreis und machen uns darüber lustig, indem wir die Texte verändern. Kürzlich, nachdem sich in Belgien die Flamen gegen die Wallonen aufgekröpft hatten, sangen wir statt „Flamme empor“, das aber schon ein wesentlich älteres Lied ist, „Flame empor“. Solche Ideen hat er.

Klaus und ich sind Rivalen bei Heidi, einem Mädchen aus Daun, das jeden Tag mit uns im Triebwagen zur Schule fährt. Das macht aber nichts, weil wir beide nicht so stark in Heidis Gunst stehen und es noch viele andere Bewerber um sie gibt. Er hat auf jeden Fall die besseren Karten, weil eine seiner Schwestern mit Heidi befreundet ist und sie auf ihrem Berg schon mal besucht hat. Neulich haben wir versucht, sie zu fotografieren. Sie war wie gewöhnlich der verkörperte Übermut, lachte und scherzte mit ihren Freundinnen. Als ich die Kamera in Position bringen wollte, hatte ich plötzlich die Sonne auf dem Objektiv, das war also nichts. Den nächsten Versuch machte Klaus, dann wieder ich. Ich rutschte vom Platz und fotografierte vom Boden aus. Seelenruhig drehte ich den Film weiter und machte noch eine Aufnahme. Das fiel allerdings auf, und sie nannte mich einen blöden Idioten. Aber das paßt zu ihrem Sprachschatz.

Meine anderen beiden Freunde Hermann und Heinz kenne ich nicht von der Schule her, weil sie ein bißchen älter sind als ich. Heinz geht auf die Handelsschule. Wir treffen uns, so oft wir Zeit haben. Was Freunde angeht, sind meine Eltern ziemlich komisch, sie fördern das nicht und betrachten den Umgang mit Mißtrauen. Nur Hermann Abrell, genannt Herm, können sie gut leiden. Er ist sehr freundlich und zuvorkommend. Besonders meiner Mutter gefällt es, daß er immer aufrecht und gerade geht, und sie stellt ihn mir deswegen als Vorbild hin. Er ist im Malen und Zeichnen sehr begabt und will nach der Klasse 10 abgehen und eine Lehre machen.

Dienstag, 20. Dezember

Morgen ist die letzte Mathestunde vor den Ferien, Gott sei Dank, denn ich mag das Fach nicht besonders. Unser Mathelehrer ist ein schon ziemlich alter Mann mit rundem Rücken und spärlichen Haarsträhnen auf seinem Kopf. Er heißt mit Spitznamen Azzaza. Das kommt daher, weil er nur noch wenige grau-schwarze Zahnstummel, vielleicht zwei oder drei, im Mund hat und beim Sprechen zischende und schmatzende Geräusche macht. Seinen richtigen Namen weiß man schon fast nicht mehr. Unangenehm ist es, wenn man in der ersten Reihe sitzt. Dort sprüht es schon mal ein paar Spucketröpfchen.

Was er inhaltlich so sagt, ist aber klar und scharf. Er besteht darauf, daß man nach einem Dezimalkomma die Ziffern einzeln sagt, also nicht siebenkommasechsundfünfzig, sondern siebenkommafünfsechs. Das haben wir so ungefähr als Erstes bei ihm gelernt. Er macht uns oft zur Sau, nicht nur wegen schlechter Leistungen, sondern ebenso mit Hilfe unseres persönlichen und familiären Hintergrundes, den er ganz genau kennt. Unsere Gaststätte nennt er grundsätzlich „Saufladen“. Er sagt auch: „Dein Vater ist Inhaber einer Schnapsbude, nicht wahr?“: „Nein“, antworte ich dann, „es ist eine Gaststätte!“ Wenn er auf mich wütend ist, dann schreit er mich an: „Du elender Saufladenbesitzerssohn!“ Das klingt auch irgendwie spaßig und macht mir nichts aus, weil ich weiß, wie gleichmäßig übel er alle behandelt. Gelegentlich variiert er es, indem er sagt: „Du verdammter Saufladenbesitzerssohn!“ Daß meine Leistungen in seinem Fach nicht so besonders sind, scheint er persönlich zu nehmen. Deswegen bin ich ein bevorzugtes Ziel seiner Ausbrüche.