DUNKEL - Ragnar Jónasson - E-Book

DUNKEL E-Book

Ragnar Jónasson

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Beschreibung

Eine junge Frau suchte Sicherheit, doch was sie fand, war der Tod…

Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, soll frühzeitig in Ruhestand gehen, um Platz für einen jüngeren Kollegen zu machen. Sie darf sich einen letzten Fall, einen cold case, aussuchen – und sie weiß sofort, für welchen sie sich entscheidet. Der Tod einer jungen Frau wirft während der Ermittlungen düstere Rätsel auf, und die Zeit, um endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, rennt. Eine Wahrheit, für die Hulda ihr eigenes Leben riskiert …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 301




Zum Buch

Eine junge Frau suchte Sicherheit, doch was sie fand, war der Tod.

Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, soll frühzeitig in Ruhestand gehen, um Platz für einen jüngeren Kollegen zu machen. Sie darf sich einen letzten Fall, einen cold case, aussuchen – und sie weiß sofort, für welchen sie sich entscheidet. Der Tod einer jungen Frau wirft während der Ermittlungen düstere Rätsel auf, und die Zeit, um endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, rennt. Eine Wahrheit, für die Hulda ihr eigenes Leben riskiert …

Zum Autor

Ragnar Jónasson, 1976 in Reykjavík geboren, ist Mitglied der britischen Crime Writers’ Association und Mitbegründer des »Iceland Noir«, dem Reykjavík International Crime Writing Festival.

Seine Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der New York Times und Washington Post gefeiert.

Ragnar Jónasson lebt und arbeitet als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er außerdem Rechtswissenschaften. Die preisgekrönte Hulda-Trilogie erscheint bei btb erstmals auf Deutsch.

Ragnar Jónasson

DUNKEL

Thriller

Aus dem Englischen von Kristian Lutze

Die isländische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Dimma« bei Veröld, Reykjavík. Übersetzt wurde von der englischen Ausgabe, © Victoria Cribb, erschienen 2018 unter dem Titel »The Darkness« bei Michael Joseph, einem Imprint der Penguin Books Ltd., London.

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Copyright © der Originalausgabe 2015 by Ragnar Jónasson Published by Agreement with Copenhagen Literary Agency ApS, Copenhagen Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by btb Verlag, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Covergestaltung: semper smile, München Covermotiv: © plainpicture/Conny Hepting; Shutterstock/MoonRock Satz und E-Book: GGP Media GmbH, Pößneck

Für meine Mutter

»Zorn verbiegt wie ein Blitzschlag aus der Hölle sämtliche Glieder eines Menschen und entfacht ein Inferno in seinen Augen …«

Bischof Jón Vídalín

TAG EINS

I

»Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte die Frau. Ihre Stimme zitterte, sie wirkte verängstigt.

Kommissarin Hulda Hermannsdóttir merkte auf, obwohl sie das Spiel lange und gut genug kannte, um zu wissen, dass Befragte zu nervösen Reaktionen neigten, selbst wenn sie nichts zu verbergen hatten. Eine Befragung durch die Polizei war immer einschüchternd, egal ob bei einer offiziellen Vernehmung auf der Polizeistation oder bei einem informellen Gespräch wie diesem. Sie saßen sich in der winzigen Teeküche neben der Personalkantine eines Pflegeheims in Reykjavík gegenüber, wo die Frau arbeitete. Sie war um die vierzig, hatte kurzes Haar und sah müde aus. Huldas unangemeldeter Besuch hatte sie sichtlich aus der Fassung gebracht. Dafür mochte es natürlich eine vollkommen unschuldige Erklärung geben, aber Hulda war sich fast sicher, dass die Frau etwas zu verbergen hatte. Im Laufe der Jahre hatte Hulda in zahllosen Gesprächen mit Verdächtigen ein Gespür dafür entwickelt, wann jemand sie hinters Licht führen wollte. Manche hätten es vielleicht Intuition genannt, doch Hulda mochte das Wort nicht, weil es für sie eine Umschreibung für nachlässige Ermittlungsarbeit war.

»Wie ich Sie gefunden habe?«, wiederholte sie ruhig. »Wollten Sie denn nicht gefunden werden?« Sie drehte der Frau die Worte im Mund herum. Irgendwie musste sie das Gespräch in Gang bringen.

»Was? Ja …« Ein Hauch von Kaffeegeruch lag in der Luft – Duft konnte man es nicht nennen –, der beengte Raum wirkte düster, das altmodische Mobiliar trist und rein funktional.

Als die Frau ihre Hand hob und an die Wange führte, hinterließ sie auf der Tischplatte einen feuchten Abdruck. Dieser verräterische Hinweis hätte Hulda normalerweise gefreut, aber diesmal empfand sie keine Genugtuung.

»Ich muss Sie nach einem Zwischenfall fragen, der sich in der vergangenen Woche ereignet hat«, fuhr Hulda nach einer kurzen Pause fort. Wie üblich sprach sie ein wenig zu schnell, in einem freundlichen, munteren Ton, der zu der Persönlichkeit passte, die sie sich für ihren Beruf zugelegt hatte, selbst angesichts einer so schwierigen Aufgabe wie dieser. Wenn sie abends allein zu Hause saß und all ihre Kraft verbraucht war, konnte sie auch das Gegenteil sein und sich von Erschöpfung und Depression überwältigen lassen.

Die Frau nickte. Sie wusste offensichtlich, was als Nächstes kam.

»Wo waren Sie am Freitagvormittag?«

»Bei der Arbeit, soweit ich mich erinnere«, kam die prompte Antwort, und Hulda war fast erleichtert, dass die Frau nicht kampflos aufgab.

»Sind Sie sich da sicher?«, fragte sie. Sie lehnte sich, wie fast immer bei einer Vernehmung, mit verschränkten Armen zurück und beobachtete die Reaktion der Frau genau. Manche deuteten diese Haltung als defensiv oder als Ausdruck mangelnden Mitgefühls. Defensiv? Von wegen. Sie machte das nur, damit ihr die Hände nicht in die Quere kamen, wenn sie sich konzentrieren musste. Und was das mangelnde Mitgefühl betraf, fand Hulda, dass sie emotional nicht noch mehr investieren musste, als sie es ohnehin schon tat: Der Beruf verlangte ihr auch so genug ab, denn sie führte ihre Ermittlungen sehr engagiert und beinahe zwanghaft korrekt.

»Sind Sie sich sicher?«, wiederholte sie. »Das können wir leicht überprüfen. Sie möchten doch nicht bei einer Lüge ertappt werden.«

Die Frau sagte nichts, doch ihr Unbehagen war mit Händen zu greifen.

»Ein Mann wurde angefahren«, fuhr Hulda nüchtern fort.

»Oh?«

»Ja, das haben Sie bestimmt in der Zeitung oder im Fernsehen gesehen.«

»Was? Hm, kann sein …« Nach kurzem Schweigen fragte die Frau: »Wie geht es ihm?«

»Er wird überleben, falls Sie das wissen wollten.«

»Nein, eigentlich nicht … Ich …«

»Aber er wird nie mehr vollständig gesund werden. Er liegt immer noch im Koma. Sie wissen also, welchen Unfall ich meine?«

»Ich … Ich muss irgendwo davon gelesen haben …«

»Die Zeitungen haben nicht darüber berichtet, aber der Mann war vorbestraft wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern.« Die Frau reagierte nicht, deshalb fuhr Hulda fort: »Aber das wussten Sie bestimmt, als Sie ihn angefahren haben.«

Immer noch keine Reaktion.

»Er wurde vor Jahren zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und hat seine Zeit abgesessen.«

»Wie kommen Sie darauf, dass ich etwas damit zu tun habe?«, fiel die Frau ihr ins Wort.

»Er hatte seine Strafe wie gesagt abgesessen. Wie wir im Zuge unserer Ermittlung festgestellt haben, heißt das allerdings nicht, dass der Mann aufgehört hat. Sehen Sie, wir hatten Anlass zu der Vermutung, dass dieser Unfall mit Fahrerflucht vielleicht gar kein Unfall war. Deshalb haben wir auf der Suche nach einem möglichen Motiv seine Wohnung durchsucht. Und da haben wir all diese Bilder gefunden.«

»Bilder?«, fragte die Frau erschüttert. »Was für Bilder?« Sie hielt den Atem an.

»Von Kindern.«

Die Frau wollte offensichtlich verzweifelt mehr wissen, verkniff sich jedoch jedes weitere Wort.

»Ihr Sohn war eines dieser Kinder«, beantwortete Hulda die unausgesprochene Frage.

Jetzt strömten Tränen über das Gesicht der Frau. »Bilder … von meinem Sohn«, stammelte sie unter Schluchzen.

»Warum haben Sie ihn nicht angezeigt?«, fragte Hulda und strengte sich an, nicht vorwurfsvoll zu klingen.

»Was? Ich weiß nicht … Natürlich hätte ich das machen sollen … Aber ich habe an ihn gedacht, verstehen Sie? An meinen Sohn. Ich habe es nicht über mich gebracht, ihm das anzutun. Er hätte … Leuten davon erzählen müssen … vor Gericht aussagen. Vielleicht war es ein Fehler …«

»Den Mann zu überfahren? Ja, das war ein Fehler.«

»Also …«, fuhr die Frau nach kurzem Zögern fort, »ja … aber …«

Hulda wartete ab. Sie wollte der Frau Zeit geben, ihr Geständnis selbst zu formulieren. Und sie wartete nach wie vor darauf, dass sich endlich die übliche Genugtuung einstellte, ein Verbrechen aufgeklärt zu haben. Normalerweise war es ihr sehr wichtig, im Job zu glänzen, und sie war stolz auf die Zahl schwieriger Fälle, die sie im Laufe der Jahre gelöst hatte. Diesmal aber war sie nicht restlos davon überzeugt, dass die Frau, die ihr gegenübersaß, tatsächlich die wahre Schuldige war – ungeachtet ihrer Tat. Wenn überhaupt, war sie ein weiteres Opfer.

Die Frau schluchzte jetzt unkontrolliert. »Ich … Ich habe beobachtet …«, stammelte sie und brach dann erstickt ab.

»Sie haben ihn beobachtet? Sie wohnen in derselben Gegend, oder?«

»Ja«, flüsterte die Frau. Sie bekam ihre Stimme wieder unter Kontrolle, und Wut verlieh ihr unerwartete Kraft. »Ich habe das Schwein im Auge behalten. Die Vorstellung, dass er einfach weitermachen könnte, war für mich unerträglich. Ich hatte Albträume davon, hab mir ausgemalt, wen er sich als Nächstes schnappt … Und … Das alles ist meine Schuld, weil ich ihn nicht einfach angezeigt habe …«

Hulda nickte. Das war durchaus nachvollziehbar.

»Dann habe ich ihn in der Nähe der Schule entdeckt, als ich meinen Sohn dort abgesetzt habe. Ich habe den Wagen geparkt und ihn beobachtet. Er hat mit ein paar Jungs geredet, mit diesem … diesem widerlichen Grinsen im Gesicht. Dann hat er eine Weile beim Spielplatz herumgelungert, und ich bin wütend geworden. Er hat einfach nicht aufgehört. Männer wie er hören nie auf!« Sie fuhr sich mit der Hand über die Wangen, doch die Tränen strömten weiter.

»Okay …«

»Dann bot sich aus heiterem Himmel die Gelegenheit. Als er von der Schule wegging, bin ich ihm gefolgt. Er hat die Straße überquert. Sonst war niemand da, niemand, der mich hätte sehen können, und da hab ich einfach Gas gegeben. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe … Eigentlich hab ich gar nicht gedacht.« Die Frau brach erneut in lautes Schluchzen aus und vergrub ihr Gesicht in den Händen, bevor sie zitternd fortfuhr: »Ich wollte ihn nicht töten, jedenfalls glaube ich nicht, dass ich das wollte. Ich hatte bloß Angst, und ich war wütend. Was passiert jetzt mit mir? Ich kann nicht … Ich kann nicht ins Gefängnis. Wir sind nur zu zweit, mein Sohn und ich. Mit seinem Vater kann ich nicht rechnen, der wird ihn nie bei sich aufnehmen …«

Hulda stand wortlos auf und legte eine Hand auf die Schulter der Frau.

II

Die junge Mutter wartete vor der Glasscheibe. Wie üblich hatte sie sich schick gemacht für den Besuch. Ihr bester Mantel sah zwar leicht abgetragen aus, aber das Geld war knapp, da musste dieser Mantel eben reichen. Man ließ sie hier jedes Mal warten, als wollte man sie bestrafen, sie an ihren Fehler erinnern und ihr die Gelegenheit geben, ihn sich ein ums andere Mal zu vergegenwärtigen. Zu allem Überfluss hatte es draußen geregnet, und ihr Mantel war nass.

Schweigend verbrachte sie die Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, bis endlich eine Schwester mit dem kleinen Mädchen im Arm den Raum betrat. Immer wenn sie ihre Tochter durch die Glasscheibe sah, krampfte sich ihr das Herz zusammen. Sie fühlte sich wie erdrückt vor Verzweiflung, die sie jedoch tapfer zu verbergen versuchte. Obwohl das Kind erst sechs Monate alt war – heute auf den Tag genau – und sich später wahrscheinlich nicht mehr an die Besuche erinnern würde, spürte die Mutter, wie wichtig es war, dass alle Erinnerungen, die ihre Tochter vielleicht einmal haben würde, positiv wären, dass diese Besuche glückliche Anlässe sein mussten.

Aber das Kind sah alles andere als glücklich aus und reagierte, was noch schlimmer war, fast gar nicht auf das Gesicht hinter der Scheibe. Sie hätte genauso gut eine Fremde sein können, irgendeine Frau in einem nassen Mantel, die das Kind nie zuvor im Leben gesehen hatte. Dabei war es noch nicht lange her, dass es in der Entbindungsstation in den Armen der Mutter gelegen hatte.

Die Frau durfte das Mädchen zweimal pro Woche besuchen. Das war nicht genug. Jedes Mal spürte sie, wie die Distanz zwischen ihnen wuchs – bloß zwei Besuche pro Woche und durch eine Glasscheibe voneinander getrennt.

Die Mutter versuchte, etwas zu ihrer Tochter zu sagen, versuchte, durch das Glas zu ihr zu sprechen. Sie wusste, dass die Kleine sie hören konnte, aber was sollten Worte ausrichten? Das Mädchen war noch zu klein, um sie zu verstehen. Was es brauchte, war, in den Armen ihrer Mutter gewiegt zu werden.

Mit Tränen in den Augen lächelte sie ihre Tochter an, versicherte ihr leise, wie sehr sie sie liebte. »Sieh zu, dass du genug isst«, sagte sie. »Sei ein braves Mädchen bei den Schwestern.« Dabei wollte sie nichts lieber, als das Glas zu zertrümmern, ihre Tochter aus den Armen der Schwester zu reißen, sie fest an sich zu drücken und nie wieder loszulassen.

Unwillkürlich war sie ganz dicht an die Scheibe getreten. Sie klopfte vorsichtig dagegen, und der Mund des kleinen Mädchens verzog sich zu einem Lächeln. Der Mutter ging das Herz auf, die erste Träne löste sich aus den Wimpern und kullerte ihr über die Wange. Sie klopfte ein wenig lauter, doch da zuckte das Kind zusammen und fing ebenfalls an zu weinen.

Die Mutter konnte nicht anders, als immer lauter gegen die Scheibe zu klopfen und zu rufen: »Geben Sie sie mir! Ich will meine Tochter!«

Selbst als die Schwester aufstand und mit dem Baby hastig aus dem Raum ging, konnte die Mutter nicht aufhören zu klopfen und zu schreien.

Dann spürte sie plötzlich eine feste Hand an ihrer Schulter. Sie drehte sich zu der älteren Frau um, die hinter ihr stand. Es war nicht ihre erste Begegnung.

»Sie wissen doch, dass das nicht geht«, sagte die Frau sanft. »Wir können Ihre Besuche nicht gestatten, wenn Sie ein solches Aufheben machen. Sie erschrecken Ihr kleines Mädchen.«

Die Worte hallten im Kopf der Mutter wider. Sie hörte all das nicht zum ersten Mal: dass es im Interesse des Kindes sei, keine zu enge Bindung zur Mutter zu entwickeln, weil das die Wartezeit zwischen den Besuchen nur schwieriger mache. Sie müsse verstehen, dass diese Regelung bloß dem Wohle ihrer Tochter diene.

Für sie ergab das alles keinen Sinn. Trotzdem gab sie sich einsichtig, weil sie Angst hatte, dass man ihr die Besuche ansonsten ganz verbieten würde.

Als sie wieder draußen im Regen stand, beschloss sie, dass sie ihrer Tochter, wenn sie erst wieder vereint wären, nie von dieser Zeit erzählen würde, von der Glasscheibe und der erzwungenen Trennung. Sie hoffte nur, dass die Kleine sich nicht daran erinnern würde.

III

Es ging auf sechs Uhr zu, als Hulda die Befragung der Frau beendet hatte. Sie fuhr direkt nach Hause; sie brauchte Zeit zum Nachdenken, bevor sie die nächsten Schritte unternähme.

Allmählich wurde es Sommer, und die Tage wurden länger, aber von Sonne war noch keine Spur. Nur Regen und noch mehr Regen.

In ihrer Erinnerung waren die Sommer früher wärmer und heller gewesen, sonnendurchflutet. So viele Erinnerungen, zu viele im Grunde. Der Gedanke, dass sie demnächst fünfundsechzig werden würde, war unvorstellbar. Sie fühlte sich nicht, als wäre ihr siebtes Lebensjahrzehnt schon halb vorüber, als würde die Siebzig schon am Horizont lauern.

Sein Alter zu akzeptieren war eine Sache, den Ruhestand hinzunehmen eine ganz andere. Aber es gab kein Entrinnen: Schon bald würde sie in Pension gehen. Nicht dass sie wüsste, wie man sich als Frau in ihrem Alter fühlen sollte. Ihre Mutter war bereits mit sechzig eine alte Frau gewesen, wenn nicht schon früher, aber jetzt, da Hulda selbst an der Reihe war, konnte sie keinen echten Unterschied zwischen vierundvierzig und vierundsechzig spüren. Vielleicht hatte ihre Kondition gelitten, aber nicht so sehr, dass es aufgefallen wäre. Ihre Augen waren immer noch ziemlich gut, sie hörte allerdings nicht mehr ganz so gut wie früher.

Außerdem hielt sie sich fit, dafür sorgte allein schon ihre Liebe zur Natur. Sie hatte es sogar schriftlich, dass sie keine alte Frau war. »In ausgezeichneter Verfassung«, hatte der junge Arzt, der natürlich viel zu jung gewesen war, um überhaupt Arzt zu sein, bei ihrer letzten Untersuchung erklärt. Genau genommen hatte er gesagt: »In ausgezeichneter Verfassung für Ihr Alter.«

Sie hatte ihre Figur behalten, ihr kurzes Haar war bis auf ein paar vereinzelte graue Strähnen immer noch natürlich dunkel. Erst wenn sie in einen Spiegel blickte, sah sie, wo der Zahn der Zeit an ihr genagt hatte. Manchmal traute sie ihren Augen kaum und hatte das Gefühl, das Spiegelbild einer Fremden vor sich zu sehen, die sie lieber nicht wiedererkennen wollte, obwohl ihr das Gesicht vertraut vorkam. Die Falten hier und dort, die Ringe unter den Augen, die schlaffe Haut. Wer war diese Frau, und was machte sie in Huldas Spiegel?

Sie saß in dem Sessel, dem Platz ihrer Mutter, und starrte aus dem Wohnzimmerfenster. Keine berückende Aussicht. Mehr oder weniger, was man aus dem vierten Stock eines Wohnblocks in der Stadt erwarten würde.

So war es nicht immer gewesen. Hin und wieder erlaubte Hulda sich einen flüchtigen Moment der Nostalgie und dachte an früher, an das Familienleben in ihrem Haus am Meer draußen auf Álftanes. Gestattete sich die Erinnerungen. Dort draußen war der Vogelgesang so viel lauter und beharrlicher gewesen; man hatte nur in den Garten hinausgehen müssen, um in der Natur zu sein. Natürlich war es an der Küste oft windig gewesen, aber die frische Meeresluft, so kalt sie auch gewesen sein mochte, war für Hulda ein Lebenselixier gewesen. Wie oft hatte sie unterhalb ihres Hauses am Wasser gestanden, die Augen geschlossen, sich von den Geräuschen der Natur vereinnahmen lassen – vom Donnern der Wellen und Schreien der Möwen – und einfach nur geatmet.

Die Jahrzehnte waren so schnell verflogen. Es kam ihr vor, als wäre sie gerade erst Mutter geworden, als hätte sie gerade erst geheiratet. Doch als sie die Jahre durchzählte, wurde ihr bewusst, dass das bereits ein halbes Leben her war. Die Zeit war wie eine Ziehharmonika: In einem Moment zog sie sich zusammen, im nächsten dehnte sie sich unendlich.

Sie wusste, dass sie ihre Arbeit vermissen würde, ganz gleich, wie oft es sie gekränkt hatte, dass ihr Talent nicht angemessen gewürdigt worden war. Trotz der gläsernen Decke, an die sie so oft gestoßen war.

In Wahrheit hatte sie Angst vor der Einsamkeit, obwohl es einen möglichen Lichtblick am Horizont gab. Sie wusste noch immer nicht, wohin sich die Freundschaft mit dem Mann aus dem Wanderverein entwickeln würde, aber die Möglichkeiten, die ihr diese Freundschaft eröffnete, waren ebenso verlockend wie beunruhigend. Seit sie verwitwet war, war sie mehr oder weniger Single gewesen und hatte die Avancen des Mannes zunächst in keiner Weise ermutigt. Sie hatte endlos über die Nachteile einer neuen Beziehung gegrübelt und sich wegen ihres Alters Sorgen gemacht, was eigentlich ganz untypisch für sie war. Normalerweise gab sie sich alle Mühe, es einfach zu vergessen und sich für im Herzen jung zu halten. Aber diesmal war ihr diese Zahl dazwischengekommen – vierundsechzig! Immer wieder fragte sie sich, ob es wirklich so klug wäre, in diesem Alter eine neue Beziehung einzugehen, bis ihr jedes Mal neu bewusst wurde, dass dies lediglich ein Vorwand war, um kein Risiko eingehen zu müssen. Sie hatte Angst, das war alles.

Aber was immer geschehen würde, Hulda war entschlossen, es langsam angehen zu lassen. Sie mochte den Mann und konnte sich problemlos vorstellen, ihren Lebensabend mit ihm zu verbringen. Liebe war es nicht – sie hatte vergessen, wie sich Liebe anfühlte –, aber das war für sie auch keine Grundvoraussetzung. Sie teilten die Leidenschaft für die freie Natur, was nicht selbstverständlich war, und sie genoss seine Gesellschaft. Allerdings wusste sie auch, dass es noch einen anderen Grund gab, warum sie eingewilligt hatte, ihn nach ihrer ersten Verabredung wiederzusehen. Wenn sie ganz ehrlich zu sich war, war ihre bevorstehende Pensionierung ein entscheidender Faktor gewesen: Sie fand die Aussicht, allein alt zu werden, unerträglich.

IV

Obwohl es sich lediglich um eine schlichte Aufforderung handelte, war Hulda sofort beunruhigt, als sie die E-Mail las. Ihr Vorgesetzter wollte sie gleich frühmorgens sehen, um ein paar Dinge mit ihr zu besprechen. Die E-Mail war spät am Vorabend abgeschickt worden, was an sich schon merkwürdig war; und es sah ihrem Chef auch gar nicht ähnlich, dass er mit ihr »ein paar Dinge besprechen« wollte. Zu seinen informellen morgendlichen Runden war sie nie eingeladen gewesen; es waren auch weniger Arbeitsbesprechungen als Seilschaftstreffen für die Jungs, und dazu gehörte Hulda nun mal nicht. Trotz all der Dienstjahre in verantwortlicher Position hatte sie immer das Gefühl gehabt, nicht das volle Vertrauen ihrer Vorgesetzten zu genießen – im Übrigen ebenso wenig wie das der Dienstjüngeren. Die Führungsebene hatte sie bei Beförderungen irgendwann zwar nicht mehr komplett übergehen können, doch nach einer Weile war sie nur noch gegen Mauern gerannt. Die Posten, auf die sie sich beworben hatte, waren in schöner Regelmäßigkeit an jüngere männliche Kollegen vergeben worden, sodass sie sich am Ende gefügt und sich damit zufriedengegeben hatte, ihren Job als Kommissarin so gut wie nur möglich zu erledigen.

Deshalb war ihr auch ein wenig mulmig, als sie über den Flur zu Magnús’ Büro ging. Er reagierte sofort auf ihr Klopfen, war leutselig wie immer, obwohl Hulda den Eindruck hatte, dass seine Freundlichkeit nur aufgesetzt war.

»Setzen Sie sich, Hulda«, sagte er in einem Ton, der sie verärgerte, weil sie darin einen Hauch von Herablassung zu hören glaubte, ob nun beabsichtigt oder nicht.

»Ich habe viel zu tun«, sagte sie. »Ist es wichtig?«

»Setzen Sie sich«, wiederholte er. »Wir müssen uns kurz über Ihre Situation unterhalten.« Magnús war Anfang vierzig und in den Rängen der Polizei rasch aufgestiegen. Er war groß und wirkte körperlich fit, auch wenn sein Haar für einen Mann seines Alters recht schütter war.

Mit sinkendem Mut nahm sie Platz. Ihre Situation?

»Sie haben nicht mehr lange«, begann Magnús lächelnd. Als Hulda nicht reagierte, räusperte er sich und setzte verlegen neu an: »Ich meine, dies ist Ihr letztes Jahr bei uns, stimmt’s?«

»Ja, das ist richtig«, bestätigte sie zögernd. »Ich gehe Ende des Jahres in Pension.«

»Genau. Die Sache ist die …« Er hielt inne, als wollte er seine Worte mit Bedacht wählen. »Im kommenden Monat schließt sich uns ein junger Mann an – ein echter Überflieger.«

Hulda war sich nach wie vor nicht sicher, wohin diese Unterhaltung steuerte.

»Er wird für Sie übernehmen«, fuhr Magnús fort. »Wir haben außerordentliches Glück, dass er bei uns anfangen will. Er hätte auch ins Ausland oder in die Privatwirtschaft gehen können.«

Sie fühlte sich, als hätte man ihr einen Schlag in die Magengrube verpasst. »Was? Für mich übernehmen? Was … Was meinen Sie damit?«

»Er wird Ihren Posten und Ihr Büro übernehmen.«

Hulda war sprachlos. Ihre Gedanken rasten. »Wann?«, fragte sie heiser, als sie ihre Stimme wiederfand.

»In zwei Wochen.«

»Aber … Aber was passiert dann mit mir?« Die Nachricht haute sie um.

»Sie können aufhören, sofort. Sie haben doch ohnehin nicht mehr lange. Es geht also nur darum, Ihren Abschied um ein paar Monate vorzuziehen.«

»Aufhören? Sofort?«

»Ja. Bei vollem Gehalt selbstverständlich. Sie werden nicht gefeuert, Hulda! Sie machen einfach ein paar Monate Urlaub und gehen dann nahtlos in den Ruhestand über – natürlich, ohne dass es Auswirkungen auf die Höhe Ihrer Pension hätte. Sie müssen nicht so überrascht gucken. Das ist ein guter Deal. Ich versuche nicht, Sie über den Tisch zu ziehen.«

»Ein guter Deal?«

»Natürlich. Sie haben mehr Zeit für Ihre Hobbys, mehr Zeit für …« Seine Miene verriet, dass er keine Ahnung hatte, was sie in ihrer Freizeit machte. »Mehr Zeit für …« Wieder brach er mitten im Satz ab. Dass Hulda keine Familie hatte, hätte er wissen müssen.

»Das ist ein sehr freundliches Angebot, aber ich möchte nicht früher in Pension gehen«, erwiderte Hulda mühsam beherrscht. »Trotzdem vielen Dank.«

»Es handelt sich eigentlich nicht um ein Angebot. Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen.« Schlagartig war Magnús’ Ton schärfer geworden.

»Ihre Entscheidung? Habe ich kein Mitspracherecht?«

»Es tut mir leid, Hulda. Wir brauchen Ihr Büro.«

Und Sie wollen sich mit jüngeren Leuten umgeben, schoss es ihr durch den Kopf.

»Ist das der Dank, den ich bekomme?« Sie hörte selbst, wie zittrig sie klang.

»Nun nehmen Sie es nicht so schwer. Das hat nichts mit Ihren Fähigkeiten zu tun. Kommen Sie, Hulda, Sie wissen, dass Sie eine unserer besten Beamtinnen sind – das wissen wir beide.«

»Aber was ist mit meinen laufenden Fällen?«

»Die meisten habe ich bereits anderen Mitgliedern des Teams zugeteilt. Allerdings könnten Sie vor Ihrem Abschied noch den Neuen ins Bild setzen. Die wichtigste Sache, die Sie zurzeit bearbeiten, ist dieser Unfall mit Fahrerflucht mit dem Pädophilen. Gibt es da irgendwelche Fortschritte?«

Sie überlegte kurz. Für ihr Ego wäre es das Beste, mit einem Triumph zu gehen: Fall abgeschlossen, Geständnis eingetütet. Eine Frau, die in einem Moment des Wahnsinns das Recht in die eigenen Hände genommen hatte, um zu verhindern, dass weitere Kinder in die Klauen eines Sexualstraftäters gerieten. Vielleicht hatte in dem Angriff ja eine Art Gerechtigkeit gelegen, die angemessene Vergeltung …

»Ich fürchte, ich bin einer Lösung noch kein Stück näher gekommen. Wenn Sie mich fragen, war es ein Unfall. Ich rate, den Fall fürs Erste zu den Akten zu legen und zu hoffen, dass der Fahrer sich zu gegebener Zeit freiwillig meldet.«

»Hm, in Ordnung. Okay. Sehr gut. Wir werden Ende des Jahres einen kleinen Empfang ausrichten, um Sie zu verabschieden, wenn Sie offiziell in Pension gehen. Aber Sie können Ihren Schreibtisch schon heute räumen, wenn Sie wollen.«

»Sie möchten, dass ich … heute aufhöre?«

»Sicher, wenn Sie wollen? Sie können natürlich auch noch ein, zwei Wochen bleiben, wenn Ihnen das lieber ist.«

»Ja, bitte«, sagte sie und bereute das »bitte« sofort. »Ich höre auf, wenn der Neue anfängt, aber bis dahin arbeite ich weiter an meinen Fällen.«

»Die sind wie gesagt bereits alle neu zugeteilt worden. Aber Sie könnten, also … Sie könnten sich natürlich jederzeit einen ungelösten Fall vornehmen – was immer Ihnen gefällt. Wie finden Sie das?«

Sie verspürte kurz den Impuls aufzuspringen, aus dem Zimmer zu stürmen und nie mehr zurückzukehren, doch diese Genugtuung gönnte sie ihm nicht.

»Fein, das werde ich machen. Irgendein Fall, der mir gefällt?«

»Ähm, ja, unbedingt. Was immer Sie wollen. Irgendwas, damit Sie beschäftigt sind.«

Hulda hatte den Eindruck, dass Magnús sie vor allem aus seinem Büro raushaben und sich um dringendere Angelegenheiten kümmern wollte.

»Sehr gut. Dann versuche ich mal, mich zu beschäftigen.« Sie stand auf und ging ohne einen Abschiedsgruß oder ein Wort des Dankes.

V

Wie unter Schock taumelte Hulda zurück in ihr eigenes Büro. Sie fühlte sich, als wäre sie gefeuert worden, hochkant rausgeworfen, als ob all ihre Jahre im Polizeidienst nichts zählten. Das war eine vollkommen neue Erfahrung für sie. Und obwohl sie wusste, dass sie übertrieben reagierte, dass sie es nicht so auffassen sollte, konnte sie die Übelkeit, die in ihr hochstieg, nicht mehr hinunterschlucken.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und starrte mit leerem Blick auf den Bildschirm, ohne auch nur die Energie aufzubringen, den Computer einzuschalten. Ihr Büro, das bis jetzt ihr zweites Zuhause gewesen war, kam ihr mit einem Mal fremd vor, als hätte der Neue es bereits in Beschlag genommen. Ihr alter Schreibtischstuhl fühlte sich unbequem an, der braune Schreibtisch sah antiquiert und abgenutzt aus, die Akten bedeuteten ihr nichts mehr. Die Vorstellung, auch nur einen Moment länger hierzubleiben, war unerträglich.

Sie brauchte etwas, um sich abzulenken. Und was könnte besser sein, als Magnús beim Wort zu nehmen und in ungelösten Fällen zu wühlen? Dabei musste Hulda in Wahrheit nicht mal überlegen: Es gab einen unaufgeklärten Todesfall, der förmlich danach schrie, ihn sich wieder vorzunehmen. Die damalige Ermittlung war von einem ihrer Kollegen durchgeführt worden – sie hatte den Verlauf nur aus der Ferne verfolgt –, doch das könnte sich nun als Vorteil erweisen, weil es sie in die Lage versetzte, die Indizien unvoreingenommen zu betrachten.

Der besagte Todesfall würde fast sicher ein Rätsel bleiben, sofern keine neuen Beweise auftauchten. Aber vielleicht erwies er sich auch als verkappter Segen, als unverhoffte Gelegenheit. Die Tote hatte niemanden gehabt, der für sie eingestanden war, doch für kurze Zeit – wie kurz auch immer – würde Hulda die Rolle ihrer Advokatin übernehmen. In zwei Wochen ließe sich eine Menge erreichen. Zwar machte sie sich keine echten Hoffnungen, den Fall zu lösen, aber sie hätte zumindest ein Ziel vor Augen. Sie war wild entschlossen, jeden einzelnen Tag im Büro zu erscheinen, bis dieser »junge Mann« kam, um sie zu vertreiben. Sie hätte sich natürlich auch beim Personalrat darüber beschweren können, wie mit ihr umgesprungen wurde, und darauf beharren, bis Ende des Jahres ihrem Dienst nachzugehen; doch um darüber nachzudenken, blieb ihr immer noch reichlich Zeit. Im Moment wollte sie ihre Energie auf etwas Positives richten.

Als Erstes rief sie die elektronischen Akten zu dem alten Fall auf, um sich die Details in Erinnerung zu rufen. Man hatte die Leiche der jungen Frau an einem dunklen Wintermorgen in einer felsigen Bucht am Vatnsleysuströnd gefunden, einem dünn besiedelten Küstenstreifen im Norden der Halbinsel Reykjanes etwa dreißig Kilometer südlich von Reykjavík. Hulda war nie in der Bucht gewesen, hatte nie einen Grund gehabt, dorthin zu fahren, kannte die Gegend jedoch, weil man auf dem Weg zum Flughafen dort vorbeikam. Es war ein öder, windgepeitschter Landstrich, die kargen Lavafelder boten kaum Schutz vor den Stürmen, die regelmäßig in südwestlicher Richtung vom Atlantik hereinfegten.

In den gut zwölf Monaten, die seit dem Leichenfund vergangen waren, war die öffentliche Erinnerung daran verblasst. Nicht dass er damals große mediale Beachtung gefunden hätte. Nach den üblichen Kurzmeldungen war der weiteren Entwicklung wenig Aufmerksamkeit geschenkt und der Fokus auf neuere Nachrichten gerichtet worden. Obwohl Island mit durchschnittlich zwei Morden pro Jahr, mitunter auch weniger, als eins der sichersten Länder der Welt galt, waren Unfalltode durchaus an der Tagesordnung; doch hiesige Journalisten sahen wenig Nutzen darin, darüber zu berichten.

Es war auch nicht die Gleichgültigkeit der Medien, die Hulda damals schon gestört hatte, es war vielmehr der Verdacht, dass der Kollege von der Kriminalpolizei, der in dem Fall ermittelt hatte, nachlässig gearbeitet hatte. Alexander. Sie hatte nie viel Vertrauen in seine Fähigkeiten gehabt. Ihrer Meinung nach war er weder besonders sorgfältig noch besonders intelligent und hielt sich nur durch eine Mischung aus Hartnäckigkeit und guten Beziehungen auf seinem Posten. In einer gerechteren Welt wäre sie in den höheren Rang befördert worden – sie wusste, dass sie klüger, gewissenhafter und erfahrener war als er –, trotzdem war sie auf ihrem Karriereweg stecken geblieben. In solchen Momenten hatte sie sich nicht gegen das nagende Gefühl der Verbitterung wehren können. Sie hätte alles dafür gegeben, über die Macht zu verfügen, einem Ermittler, der seinem Job offensichtlich nicht gewachsen war, den Fall zu entziehen.

Alexanders mangelndes Engagement bei der Ermittlung war bei den Teamsitzungen deutlich zutage getreten. In gelangweiltem Ton hatte er bemüht jedes Indiz präsentiert, das auf einen Unfalltod hindeutete. Auch sein Abschlussbericht war schlampig, wie Hulda jetzt feststellte. Er enthielt eine unbefriedigend kurze Zusammenfassung des Obduktionsberichts und schloss mit dem üblichen Vorbehalt, dass man bei einer aus dem Meer angespülten Leiche unmöglich feststellen könne, ob es eine Fremdeinwirkung gegeben habe. Kaum überraschend hatte die Ermittlung nie etwas Konkretes ergeben, und irgendwann war der Fall zugunsten anderer, »dringenderer« Fälle eingemottet worden. Hulda fragte sich unwillkürlich, ob man anders reagiert hätte, wenn die junge Frau Isländerin gewesen wäre. Jede Wette, dass man den Fall einem kompetenteren Kommissar übertragen hätte, weil von der Öffentlichkeit lautstark Ergebnisse verlangt worden wären.

Die Frau war zum Zeitpunkt ihres Todes siebenundzwanzig Jahre alt gewesen, so alt wie Hulda bei der Geburt ihrer Tochter. Erst siebenundzwanzig, in der Blüte des Lebens: viel zu jung, um Gegenstand einer Polizeiermittlung zu sein, geschweige denn zu einem ungelösten Fall zu werden, dessen Wiederaufnahme niemanden auch nur im Geringsten zu interessieren schien – außer Hulda.

Laut Obduktionsbericht war sie in Salzwasser ertrunken. Ihre Verletzungen deuteten auf eine vorangegangene Körperverletzung hin, aber die Frau konnte ebenso gut gestolpert, gefallen und bewusstlos ins Meer gestürzt sein.

Der Name des Opfers war Elena. Sie war Russin gewesen, hatte erst seit vier Monaten in Island gelebt und hier Asyl beantragt. Vielleicht lag es an der Schnelligkeit, mit der die meisten Elena vergessen hatten, warum es Hulda so schwerfiel, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Elena hatte in einem fremden Land Zuflucht gesucht und nur ein nasses Grab gefunden. Und niemanden kümmerte es. Hulda wusste, wenn sie diese letzte Gelegenheit, dem Rätsel auf den Grund zu gehen, nicht ergriff, würde sich nie wieder jemand die Mühe machen, und Elenas Geschichte geriete in Vergessenheit. Sie würde einfach das Mädchen bleiben, das nach Island gekommen und gestorben war.

VI

Hulda fuhr denselben Weg aus Reykjavík nach Süden, den sie früher täglich gependelt war, als sie noch in ihrem kleinen Haus am Meer draußen auf Álftanes gelebt hatten. Sie war seit Jahren nicht mehr dort gewesen, nicht seit das Haus verkauft worden war und sie beschlossen hatte, nie dorthin zurückzukehren. Zu ihrer Rechten tauchte auf der anderen Seite der Bucht die flache grüne Halbinsel auf. Álftanes hatte sich immer fast ländlich angefühlt, eine kleine Welt abseits des urbanen Trubels in Reykjavík, aber mittlerweile waren dort komplett neue Siedlungen entstanden.

Nachdem sie Álftanes hinter sich gelassen hatte und damit auch die Erinnerungen an ihr altes Leben, konzentrierte sie sich wieder auf ihr Ziel, die Kleinstadt Njarðvík in der Nähe des Flughafens Keflavík auf der Halbinsel Reykjanes. Sie war unterwegs zu der Asylbewerberunterkunft, in der Elena laut Fallakte bis zu ihrem Tod gewohnt hatte.

Hulda hätte sich auch den Rest des Tages freinehmen und nach Hause fahren können. Trotz des Regens lag der Frühling in der Luft. Jetzt im Mai blieb es schon spürbar länger hell, und die Abende bargen bereits das Versprechen der Mitternachtssonne. Es war eine wunderbare, lebensbejahende Jahreszeit, die Dunkelheit des Winters im hohen Norden zog sich langsam zurück, die Tage wurden bis Mitte Juni fast unmerklich länger, bis die Nacht vollends vertrieben war. Ihr kam eine Erinnerung an eine jener spektakulären Sommernächte in ihrem alten Haus auf Álftanes in den Sinn: Im Garten hinter dem Haus, wo man so frei hatte atmen und die Sonne ins Meer eintauchen sehen können, während der Himmel weiterhin flammend orange und rot geleuchtet hatte und die Vögel am Ufer in der sanften Abendröte die ganze Nacht durchgezwitschert hatten. In ihrer beengten Stadtwohnung schienen alle Jahreszeiten gleich, die Tage flossen zu einem gleichförmigen Band ineinander, und die Zeit entglitt ihr beunruhigend schnell.

Als wäre der Sommer nicht ohnehin kurz genug. Unmittelbar nach dem Höhepunkt Ende Juni, Anfang Juli kehrte die Dunkelheit schon wieder schleichend zurück, stahl sich erneut in das Leben der Inselbewohner, zunächst nur als Andeutung einer Dämmerung, aber im August, einem von Huldas liebsten Monaten, waren die Nächte schon wieder dunkel und erinnerten an den bevorstehenden Winter.

Nein, jetzt nach Hause zu fahren kam nicht in Frage, nicht nachdem Magnús die Bombe hatte platzen lassen. Eingepfercht in den vier Wänden ihrer Wohnung ohne jede Ablenkung von der deprimierenden Aussicht, ihre Arbeit schneller als befürchtet aufgeben zu müssen, würde sie einen Koller bekommen. Der Ruhestand war etwas, worauf Hulda sich nie mental vorbereitet hatte. Er war bloß ein Datum gewesen, ein Jahr, ein Alter, alles rein hypothetisch. Bis er heute plötzlich harte Realität geworden war.

Ihre Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sie war dankbar für die vierspurig ausgebauten Abschnitte der Strecke, auf denen sie sich rechts halten und die ungeduldigeren Fahrer überholen lassen konnte. Sie fuhr einen Skoda, achtziger Baujahr, ein Überbleibsel aus der Zeit, als die meisten Isländer erschwingliche osteuropäische Autos gefahren hatten – meist sowjetische oder tschechische Modelle, aus Ländern, in die Island Fisch exportierte. Ihr Auto war ein hellgrüner Zweitürer, der nie besonders gut beschleunigt hatte und in letzter Zeit zunehmend häufigerer Reparaturen bedurfte. Hulda war zwar eine praktisch begabte Frau, aber keine Automechanikerin, doch zum Glück kannte sie einen Mann, dessen Lebensinhalt darin bestand, an alten Autos herumzuschrauben, und der ihren treuen alten Skoda fahrtüchtig hielt. Bis jetzt.