Verlag: epubli Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 80000 weitere Bücher
ab EUR 4,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 434

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Dunkle Geheimnisse - A. Kaiden

Vanny ist fassungslos. Einen Tag vor den ersehnten Sommerferien eröffnen die Eltern der Siebzehnjährigen, dass sie ihre Ferien bei ihrem Onkel, den sie nicht kennt, verbringen muss. Geschlagen ergibt sie sich ihrem Schicksal, nicht ahnend, dass sich ihr Leben dadurch verändern wird. Denn das Dorf und ihr eigenbrötlerischer Onkel hüten mehr Dunkle Geheimnisse, als sie erahnt. Kann Vanny sich mit ihrem Onkel anfreunden und alle Geheimnisse lüften? Wird sie die bevorstehenden Prüfungen bestehen? Wissen bedeutet Macht, doch zu viel Wissen kann tödlich enden.

Meinungen über das E-Book Dunkle Geheimnisse - A. Kaiden

E-Book-Leseprobe Dunkle Geheimnisse - A. Kaiden

 

 

Dunkle Geheimnisse

 

Von A. Kaiden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Texte:    © Copyright by A. KaidenCover-/Umschlag: © Copyright by BUCHGEWAND |

www.buch-gewand.de

Fotos:  © depositphotos.com/ © dundanim

  – depositphotos.com

Verlag:   Alexandra Kraus

    Schumanstr. 5a

    76744 Wörth am Rhein

a.kaiden@web.de

    www.a-kaiden.de

Druck:   epubli ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Die Handlung und die handelnden Personen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Widmung

Für Sabrina,

die mir in der schwersten Zeit beigestanden hat, mich unterstützt und für mich wie eine Schwester ist.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Die Anreise 7

Kapitel 2: Die Regeln 12

Kapitel 3: Tag 1 18

Kapitel 4: Tag 2 26

Kapitel 5: Tag 3 30

Kapitel 6: Tag 4 38

Kapitel 7: Tag 5 45

Kapitel 8: Tag 6 55

Kapitel 9: Tag 7 63

Kapitel 10: Tag 8 72

Kapitel 11: Tag 9 91

Kapitel 12: Tag 10 98

Kapitel 13: Tag 11 105

Kapitel 14: Tag 12 114

Kapitel 15: Tag 13 123

Kapitel 16: Tag 14 134

Kapitel 17: Tag 15 145

Kapitel 18: Tag 16 159

Kapitel 19: Tag 17 172

Kapitel 20: Tag 18 – Teil 1 185

Kapitel 21: Tag 18 – Teil 2 203

Kapitel 22: Tag 18 – Teil 3 220

Kapitel 1 – Die Anreise

Draußen prasselte unaufhaltsam der Regen auf die ausgetrocknete Erde und färbte die Landschaft in ein trostloses Grau. Vanny packte wehmütig ihren letzten Koffer. Am liebsten würde sie sofort damit aufhören und alles wieder auspacken. Doch das blieben Wunschgedanken. Schon vom nächsten Morgen an sollte sie bei ihrem Onkel mütterlicherseits die gesamten Sommerferien verbringen. Sie hatte grundsätzlich nichts gegen Familie und Verwandtschaft, doch hatte sie ihren Onkel nur ein einziges Mal gesehen und zwar zu ihrer Kommunion. Die Erinnerungen an ihn waren nicht gerade die besten, denn sie hatte ihn als verschlossenen, finster dreinblickenden Eigenbrötler kennengelernt, der sich von allen fernhielt und die Stimmung mit seiner bloßen Anwesenheit trübte. Kein einziges Wort hatte er damals gesprochen und sie wusste noch, wie unwohl ihr zumute gewesen war, und dass sie auf der Feier ziemlich Angst vor seiner Erscheinung gehabt hatte. Zweitens hatte sie etwas anderes vorgehabt, statt in den schönsten Ferien des Schullebens zur Verwandtschaft abgeschoben zu werden. So musste sie nun alle lang geplanten Verabredungen, Vorbereitungen und Events mit ihren Freundinnen absagen, denn ihr Onkel wohnte ganze vier Kilometer vom nächsten Dorf und nochmals fünf Stunden Autofahrt zu ihrem Heimatort entfernt. Die Zug- und Busverbindungen, so hatte sie im Internet gesehen, waren einfach miserabel. Vanny Nehrenhaus wusste nicht, ob sie nun enttäuscht, traurig oder wütend darüber sein sollte. Vielmehr war sie aufgeregt, da sie nicht wusste, was sie erwarten würde. Ihr Onkel war praktisch ein Fremder für sie. Was hatten sich ihre Eltern bloß dabei gedacht?! Sie war 17 Jahre alt und konnte doch wohl sechs Wochen alleine ohne Babysitter daheim verbringen. Es wunderte sie ebenso, dass der Bruder ihrer Mutter dieser Entscheidung zugestimmt hatte. Er musste sich doch genauso überrollt und unwohl fühlen! Sie hasste es, dass ihre Eltern ihr nicht mehr vertrauten und einfach über ihren Kopf hinweg entschieden. Seit dem Vorfall vor zwei Jahren hatte sich ihr Verhältnis zueinander drastisch verändert. Ein schmerzender Stich durchfuhr ihren Körper, als sie an früher dachte. Damals hatte sie sich super mit ihren Eltern verstanden und sie hatte nicht einmal im Traum daran gedacht, dass die Stimmung, das gute Verhältnis, so leicht bröckeln könnte und schließlich auch würde. Vanny schluckte die aufkommende Traurigkeit wie einen dicken, klumpigen Kloß hinunter. Sie würde bald ihren Realschulabschluss machen, sich eine Ausbildungsstelle suchen, irgendetwas im Bürobereich, und ausziehen. Vielleicht würde sich durch etwas Abstand und Distanz das gestörte Verhältnis zu ihren Eltern wieder bessern. Entschlossen klappte sie seufzend den letzten Koffer zu und trug ihr Gepäck schweren Herzens die Treppe in den Flur hinunter.

*

Anfangs hatte sie noch versucht ihre Augen offen zu halten. Es war drei Uhr nachts und sie waren bereits eine Stunde im Auto unterwegs. Ihre Mutter unterbrach nun die drückende Stille.

„Vanny, bist du wach?“

„Mh … ja.“

„Gut, dann hör mir jetzt bitte aufmerksam zu. Dein Onkel lebt seit Jahren in einem richtigen Singlehaushalt. Ich möchte, nein, erwarte, dass du ihm helfend unter die Arme greifst. Hast du mich verstanden?“

„Schon …“

„Auf keinen Fall darfst du ihm zur Last fallen. Er hat schon Sorgen genug. Bereite ihm keine Probleme. Hörst du mich?“

„Ja, natürlich“, murmelte Vanny verbissen vor sich hin. Sie konnte nichts erwidern. Immerhin hatten ihre Eltern sie nicht gefragt, ob sie mit der Unterbringung und ihren Plänen einverstanden war. Im Gegenteil: Erst drei Tage vor der Abreise hatte ihr ihre Mutter dieses für sie desaströse Vorhaben offenbart. Warum sollte sie dagegen aufbegehren? Es würde letztendlich nichts an der Situation ändern, außerdem hatte sie die leise Hoffnung, dass, wenn sie alles widerstandslos tun würde, was ihre Eltern von ihr verlangten, sie den Vorfall von damals wieder gutmachen könnte und sich dadurch alles bessern würde …

Deshalb schloss sie schweigend die Augen und hörte sich die Rede ihrer Mutter geduldig an, bis sie schließlich doch noch einschlief.

*

Die Autofahrt war anstrengend und kräftezehrend gewesen, weswegen sie fast schon froh war, als sie endlich ankamen, sie aussteigen und sich die Beine vertreten konnte. Angenehm überrascht sah sie auf das große, aber dennoch gemütlich wirkende Haus, welches von der Sonne hell beschienen wurde. Es war weiß gestrichen, wobei die Zeit deutliche Gebrauchsspuren am Putz erkennen ließ. An einer Ecke bahnte sich Efeu seinen Weg zu dem rotbraun geziegelten Dach, das schon bessere Zeiten erlebt hatte. Ihr Vater blieb im Wagen sitzen und die Verabschiedung von ihm fiel wie gewohnt kühl und knapp aus. Vanny schob es darauf, dass Männer wohl allgemein ihre Gefühle nicht so gut zeigen konnten. Ihre Mutter stieg mit ihr aus und begleitete sie über den schmalen Steinweg über den etwas verwilderten Rasen zum Haus.

„Sieht doch ganz nett aus, oder?“, versuchte ihre Mutter sie zu beschwichtigen. Vanny nickte nur stumm. Eigentlich wäre dies eine ideale Gelegenheit noch ein Gespräch anzufangen oder anzuknüpfen, jedoch machte ihr das ein großer Kloß, den sie seit dem Morgen im Hals spürte, unmöglich. Sie fühlte sich hilflos und irgendwie verlassen. Hastig und viel zu schnell drückte ihre Mutter auf die Klingel des Hauses und in der Jugendlichen tauchte das Bild eines ausgesetzten Hundes auf.

Es ertönte sogleich ein seltsames und ohrenbetäubendes Läuten.

„Oh, auch mal was anderes als das gewöhnliche Klingeln“, meinte ihre Mutter etwas nervös klingend. Ihr schien jede Sekunde des Wartens zu viel. Wollte sie sie so schnell loswerden? Vanny trat von einem Bein auf das andere. Nur mit Mühe konnte sie die aufsteigenden Tränen zurückhalten. Ihre Mutter blickte noch einmal gestresst auf ihre Armbanduhr, bevor die Tür ruppig aufgezogen wurde. Ein streng dreinblickender Mann im Alter von ungefähr 50 Jahren in abgetragenen, verbeulten Jeans und schlabbrigem Pullover stand vor ihnen.

„Ernst?! Bist du das wirklich? Ich bin es, Elena, deine Schwester!“

Ihre Mutter trat selbstsicher auf ihn zu und nahm ihn zur Begrüßung flüchtig in die Arme. Er wirkte wenig angetan, erwiderte nichts und klopfte ihr unbeholfen auf die Schulter.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte er wenig herzlich zurück. Ihre Mutter verneinte sofort mit einem Seitenblick auf das geparkte Auto, in welchem Vannys Vater auf sie wartete.

„Das ist lieb, aber wir sind leider in Eile, danke dir. Du weißt, wie du uns erreichen kannst. Es war schön, dich wiederzusehen.“

„Mh, mh, ja.“

Schnellstens verabschiedeten sich die Geschwister voneinander, dann eilte ihre Mutter davon, ohne ein Wort oder eine Gestik an die Tochter zu verschwenden. Vanny sah dem abfahrenden Auto ihrer Eltern noch lange und wehmütig hinterher. Erst das laute Zuschlagen einer Tür riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken drehte sich die Jugendliche um – sie stand allein vor der verschlossenen Haustür ihres Onkels! Hatte dieser sie doch tatsächlich wissentlich ausgesperrt!

„Na, das fängt ja prima an“, murmelte die 17-Jährige entgeistert vor sich hin. Nicht wissend, was nun zu tun war, wartete sie fünf lange Minuten, bis sie zögernd zuerst an die Tür klopfte, worauf allerdings keine Reaktion erfolgte, und betätigte dann die Klingel. Barsch wurde die Tür nochmals mit Schwung aufgerissen.

„Was willst du?!“, fuhr er sie aggressiv an.

„Ah ... aber ich, also ich soll doch –ich ...“, fing sie verzweifelt an zu stottern. Seine Augen verformten sich zu engen Schlitzen, er wirkte fast wie ein bösartiger Dämon, den man unbedacht heraufbeschworen hatte. Es waren nur wenige Sekunden des Schweigens, doch ihr kamen sie vor wie nicht enden wollende Stunden, in denen sie sich mit gemischten Gefühlen anstarrten. Vanny war geschockt und gelähmt vor Angst. Sie wollte ihn nicht durch eine falsche Wortwahl noch wütender machen.

„Ach verdammt! Da war ja was ...“, murmelte ihr Onkel plötzlich grimmig vor sich hin, drehte sich auf der Stelle um, sie glaubte noch, „dann komm doch rein“ zu hören, bevor er im Innern des Hauses verschwand. Nun stand sie abermals allein, diesmal allerdings vor der offen stehenden Tür des großen fremden Hauses, das mit einem Schlag die gesamte Gemütlichkeit und Geborgenheit verloren hatte, die es zuvor ausgestrahlt hatte. Widerstrebend trat die Jugendliche ein und schloss die klobige Haustür hinter sich. Ihr Onkel kam ihr mit Bettzeug entgegen. Er nicke ihr flüchtig zu, um ihr zu signalisieren, ihm zu folgen. Sie gingen den breiten, kahlen Flur entlang. Kein einziges Bild oder Foto hing an den Wänden, und die verblichene Tapete sorgte für einen verwahrlosten und trostlosen Gesamteindruck. Als sie das Ende des Ganges erreicht hatten, drehte er sich zur rechts liegenden Tür und kramte einen kleinen Schlüssel aus seiner verbeulten Hosentasche. Mit einem lauten Quietschen schwang sie auf und sie traten ein. Staub und abgestandene Luft schlugen ihnen entgegen. Vanny rümpfte die Nase. Hier hatte wohl schon länger keiner mehr gelüftet, geschweige denn den Raum überhaupt betreten. Es war ein kleines Zimmer. Von der Tür aus sah man direkt auf das Bett, welches links und frontal an der Wandseite stand. Rechts daneben, auch direkt an der Wand, war ein alter klotziger Kleiderschrank aus Holz. Ein kleiner, ungefähr 50 Zentimeter hoher markanter Holzhocker stand links in der Ecke neben der Zimmertür. Ansonsten war das Zimmer leer. Lieblos warf Ernst das Bettzeug auf das alte Bett und murmelte etwas von Auspacken und Einleben. Bevor sie auch nur die Möglichkeit hatte, etwas zu fragen, war er aus der kleinen Kammer verschwunden. Resigniert stellte Vanny ihre Koffer ab und schloss die Zimmertür. Dann zog sie die vergilbten Fenstervorhänge zur Seite, versuchte den aufgewirbelten Staub zu ignorieren, der unangenehm in ihren dunkelbraunen Augen brannte, und öffnete das dreckige Fenster. Warme Sonnenstrahlen fielen herein und die Jugendliche fühlte sich ein kleines bisschen weniger verzweifelt, als wäre mit dem Blick nach draußen ein Stück Freiheit verbunden. Sie sah noch eine Weile auf die grüne Wiese mit dem bunten Wildblumen, bis sie sich überwand, das Bett zu beziehen und ihre Kleider in dem dunklen Schrank verstaute. Danach kramte sie ihr Handy aus der Tasche. Ein Gespräch mit ihren Freundinnen würde sie bestimmt trösten und ihr neuen Mut verleihen. Doch egal wo und wie sie sich hinstellte, wie hoch sie ihr Handy auch hob – sie hatte einfach keinen Empfang. Konnte es denn noch schlimmer kommen? Sie fühlte sich, als hätte man sie in ein dunkles Loch geworfen. Allein. Vergessen. Ausrangiert. Mit einem wütenden Schrei ließ sie sich rücklings auf das Bett fallen und schloss die Augen. Nun bekam sie auch noch dröhnende Kopfschmerzen ...

Kapitel 2 – Die Regeln

Es brauchte ungefähr zwei Stunden, bis Vanny sich wieder erholt hatte. Ihren kleinen dunkelblauen Funkwecker hatte sie auf dem schäbigen Hocker neben dem Bett deponiert, neben einem Bild mit ihrer Familie. Mittlerweile war es 16 Uhr und von ihrem Onkel hatte sie nichts mehr gehört. Sie beschloss, sich im Haus umzusehen und sich mit ihrer vorübergehenden Umgebung etwas vertraut zu machen. Sie musste mit ihrem Onkel über ihr Zusammenleben, falls man es so nennen mochte – was ja zum Glück zeitlich begrenzt war - sprechen. Mit trübsinnigen Gedanken trat sie in den kahlen Flur. Gegenüber von ihrem momentanenSchlafzimmer befand sich eine weitere mit deutlichen Gebrauchtspuren überzogene, geschlossene Tür. Zögernd klopfte sie an.

„Hallo? Ernst? Bist du hier irgendwo? Hallo?“

Sie wartete ein paar Augenblicke, dann öffnete sie langsam die Tür unter einem lauten unangenehmen Quietschen und stand mitten in einer viereckigen, düsteren Vorratskammer, die scheinbar genauso groß war wie die ihr zugewiesene Schlafkammer. Die Regale waren verstaubt und es standen vereinzelte Dosen und Gläser herum, die nicht viel herzugeben schienen. Auch hier roch es nach alter, abgestandener Luft. Vanny überkam ein leichter Reizhusten und sie blickte sich um. Außer Regalen und einem alten verzottelten Teppich auf dem Boden, der schon lange kein Wasser mehr gesehen hatte, gab es hier nichts zu sehen. Deshalb ging sie zurück und steuerte auf die beiden Türen zu, die genau in der Mitte des schmalen Ganges lagen. Zuerst öffnete sie zaghaft die rechte Holztür und spähte neugierig in das unbekannte Zimmer, das sich als Küche entpuppte. Die Küche machte einen sehr bäuerlichen Eindruck und wies auf den ersten Blick nichts Besonderes auf, doch es schien zumindest alles vorhanden zu sein, was man im Alltag so braucht, um sich ein schmackhaftes Essen zu zaubern. Neugierig trat sie ein und stand links von einer weißen Waschmaschine. Daneben befanden sich der Herd mit Backofen und wiederum daneben eine alte Spüle und Schränke. Frontal zur Tür standen in einigen Metern Entfernung ein breiter Esstisch mit Essbank und vier Holzstühlen vor einem großen Doppelfenster, die, wie wohl das ganze Haus, länger nicht mehr sauber gemacht worden waren. Auf der linken Seite standen Schränke mit Geschirr und anderen Küchengegenständen. Auch hier hatte sich eine dicke Staubdecke darübergelegt.

Ein ungutes Gefühl beschlich die Jugendliche und die Vorstellung, dieses Haus reinigen zu müssen, machte sich albtraumhaft in ihr breit. Vanny war nicht faul, doch das schien ihr jetzt etwas zu viel des Guten. Sie schüttelte heftig den Kopf, so als wolle sie mit dieser Geste diesen immer größer und mächtiger werdenden Gedanken loswerden, und wandte sich schnell dem gegenüberliegenden Zimmer zu. Als sie in dieses hineinsah, traute sie ihren Augen nicht. Der Raum, ein weiteres Schlafzimmer, machte einen sehr ordentlichen Eindruck. Das Bett war gemacht und nichts lag auf dem Boden herum. Sogar die Tapeten waren unbeschädigt und strahlten in einem seichten Blautürkis eine gewisse Wärme aus. Die Möbel waren so gut wie neu und die bisher schönsten im ganzen Haus. Dieses Schlafzimmer, in dem wohl ihr Onkel nächtigte, war der komplette Kontrast zu den bisherigen Räumen und passte ganz und gar nicht zu dem, was sie bisher gesehen hatte. Doch noch hatte sie nicht alles erkundet und so wollte sie keine voreiligen Schlüsse ziehen, auch wenn es ihr schwerfiel. Eilig ging sie hinaus. Sie wollte nicht mehr als nötig in der Privatsphäre ihres Onkels stöbern. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich, doch verdrängte sie dieses gleich wieder. Immerhin wäre es die Aufgabe ihres Verwandten gewesen, sie herumzuführen. Sorgfältig schloss sie die stabile Holztür hinter sich und ging in Richtung Haustür, wo noch zwei unentdeckte Räume auf sie warteten. Neben der Küche befand sich ein grün gefliestes Badezimmer, das einen sehr erdrückenden und durchaus versifften Eindruck machte. Die Badewanne und das Waschbecken strotzten nur so vor Dreck und die Schülerin traute sich erst gar nicht, einen Blick auf die Toilette zu werfen. Ekel und Übelkeit überkamen sie. Fluchtartig verließ sie das Badezimmer, ohne sich weiter umzusehen. Ein Schauer durchlief ihren Körper. Diese Zustände hätte mal ihre auf penible Sauberkeit achtende Mutter sehen sollen! Seufzend betrat sie den letzten Raum gegenüber dem ungepflegten Bad – das Wohnzimmer. Die durchgesessene braune Schlafcouch stand links an der einmal weiß gewesenen Wand, davor ein kleiner Plastiktisch, der so ganz und gar nicht dazu passen wollte. Zwei kahle miteinander verbundene Holzschränke, ebenfalls von Staub bedeckt, füllten die rechte Seite des Raumes aus. Einen Fernseher oder ein Radio gab es hier nicht, aber eine kleine, nach oben führende Wendeltreppe vor dem Fenster. Auf diese ging Vanny zu, denn sie schien oft benutzt: Die Staubschichten waren sehr dünn und unterbrochen. Doch bevor sie auch nur einen Schritt hinaufsetzen konnte, ertönte hinter ihr eine scharfe Stimme.

„Du hast dort oben nichts zu suchen!“

Sie zuckte erschrocken zusammen und drehte sich langsam, als würde jemand eine Waffe auf sie richten. Die Augen ihres Onkels sprühten vor Zorn und schienen sie zu durchbohren, als hätte sie etwas Unverzeihliches getan. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt. Ängstlich zuckte sie wie ein verschrecktes Reh zusammen und stammelte eine Entschuldigung vor sich hin. Er schien jedoch nicht daran interessiert.

„Wir sollten nun über die Regeln hier sprechen!“, unterbrach er seine Nichte grob und dirigierte sie mit strengen Blicken in die Küche.

*

Die Regeln waren klar, einfach und alles andere als zufriedenstellend. Er verlangte von ihr, dass sie täglich putzte und das Abendessen pünktlich um 19 Uhr auf dem Tisch stehen sollte, sonst gab es keine festen Essenszeiten. Der Gedanke, sich mit ihm allein an einen Tisch für die Mahlzeiten setzen zu müssen, bereitete ihr Bauchschmerzen. Heute blieb sie davon noch verschont. Das einzig Gute war, dass sie so lange schlafen konnte, wie sie wollte. Im Erdgeschoss durfte sie sich frei bewegen, das obere Stockwerk war für sie tabu. Vanny traute sich nicht zu fragen, warum dies so war, obwohl ihre Neugier sie dazu drängte. Seine impulsive Reaktion von vorhin reichte ihr zur Genüge. Die Forderung, täglich eine Art Bericht zu schreiben, in dem sie schildern musste, welche Aufgaben sie am Tag verrichtete, ließ sie schwer schlucken. Kontrolle durch und durch …

Sie krallte ihre Finger verkrampft in ihre Jeans. Das Ganze kam ihr unwirklich, wie ein schlechter Traum vor – einer mit abscheulichem Nachgeschmack.

„Das ist alles. Am besten, wir sehen uns nicht ganz so oft – das dürfte in unserem beidseitigem Interesse liegen!“, beendetet Ernst seine Ansage. Vanny nickte stumm. Das erinnerte sie wiederum an einen Film, nur dass dies schreckliche Realität war und sie sozusagen die Arschkarte gezogen hatte. Allerdings wollte sie so schnell die Hoffnung auf etwas Annäherung und ein harmonisches Zusammenleben nicht aufgeben.

„Und wann stehst du auf? Möchtest du Kaffee oder Tee zum Frühstück?“, fragte sie deshalb vorsichtig nach, obwohl sie ihm am liebsten den Mittelfinger gezeigt hätte und weggerannt wäre. Aber sie wollte beweisen, dass sie bereit war, sich extra mit dem Aufstehen nach ihm zu richten und sogar das Frühstück für sie beide zuzubereiten. Einem gemütlichen Frühstück, der ersten Mahlzeit des Tages, konnte eigentlich keiner widerstehen, oder? Doch sein Blick war unberührt und schwer zu deuten. Immerhin antwortete er ihr nach einigen Minuten, in denen er sie misstrauisch musterte:

„Meistens um sieben Uhr, nur Kaffee.“

Er wandte sich ab, um zu gehen, und sie sah ihre Hoffnung auf ein harmonisches Miteinander in weite Ferne schwinden.

„Was ist mit Einkaufen?“, gab sie schnell zu bedenken und wunderte sich über den plötzlich aufgekommenen Mut. Ihr Onkel hielt noch einmal kurz inne, drehte sich abermals zu ihr um und starrte sie nachdenklich an.

„Dir stehen wöchentlich 50 Euro zur Verfügung, die ich dir hier in den Schrank lege. Ich möchte alle Belege sehen und das Wechselgeld wieder zurück! Das nächste Dorf ist vier Kilometer in Richtung Norden entfernt. Busverbindungen oder Ähnliches gibt es hier nicht, du musst also laufen.“

Ohne ein weiteres Wort verließ er Zimmer und Erdgeschoss über die Wendeltreppe im Wohnzimmer. Vanny war sprachlos und starrte ihm wie hypnotisiert hinterher. Die Einsamkeit schien sie hämisch lachend zu umarmen. Wütend vor sich hinfluchend ging sie in ihre Kammer.

*

Die Sonne schien hell und wärmend auf die trockene Erde herunter und streichelte sanft Vannys Haut. Blumen blühten farbenfroh und lockten mit ihrem süßen Duft die Bienen an, die fleißig ihre Arbeit verrichteten. Kinderlachen erfüllte die Luft, gemischt mit den ermahnenden Stimmen der Eltern im Park. Mandy sprang vergnügt umher und Vanny genoss diesen herrlich warmen Tag und den gemütlichen Spaziergang durch den grünen Park. Solche Tage, so einfach und doch so wertvoll, wollte sie nie missen.

„Hey Vanny! Na, wieder mit Mandy ne Runde drehen?“

Lächelnd kam Katrin, ihre beste Freundin, auf sie zu und die beiden umarmten sich freudig. „Wie geht es dir? Den Kater gut ausgeschlafen?“

„Mehr oder weniger“, gab Vanny schelmisch grinsend zu. „Die Party gestern war hammerstark! Und hast du Gil gesehen? Sah der wieder gut aus!“

Kichernd setzten die beiden Mädchen ihren Tratsch fort und vergaßen alles um sich herum. Die Stimmung war perfekt, nichts schien sie trüben zu können. Erst ein lauter Knall und ein heulendes Jaulen holten die beiden in die Realität zurück. Erschrocken wandten sie sich in die Richtung, aus der die unheilverkündenden Geräusche gekommen waren, und Vanny lief es eiskalt den Rücken herunter. Sofort hetzte sie zur Straße hin und kniete sich zu Mandy, deren kleiner Körper von heftigen Zuckungen geschüttelt wurde. Der Aufprall des Autos war hart gewesen. Die Augen der Hündin waren im Todeskampf weit aufgerissen und ihre Pupillen rasten verwirrt umher.

„Bitte nicht ... bitte halt durch!“

Doch Mandy hielt nicht durch – nach ein paar letzten Atemzügen schloss sie ihre Augen. Um sie herum war Blut, so viel Blut ...

*

Weinend schrak Vanny auf. Ihre Augen waren glasig und vor Schreck geweitet. Tiefer Schmerz breitete sich in ihr aus, als die Erinnerung von damals wieder Besitz von ihr ergriff, die sie sonst so erfolgreich verdrängt hatte. Schuldgefühle übermannten sie und ihr verzweifeltes Schluchzen erfüllte das kleine Zimmer. Sie hatte das nicht gewollt. Könnte sie doch bloß die Zeit zurückdrehen, könnte sie nur alles ungeschehen machen. Bestimmt wäre sie dann nicht hier, sondern zu Hause, und könnte ihre Ferien genießen.

„AAAAH!“

Vanny schrak auf, als sie den grellen, markdurchdringenden Schrei hörte. Zusammengekauert und mit weit aufgerissenen Augen saß sie auf dem Bett und lauschte in die Finsternis. Minuten erschienen wie Stunden, während sie auf dem Bett saß und auf ein weiteres Geräusch wartete. Hatte sie sich den Schrei nur eingebildet? War sie es vielleicht sogar selbst gewesen, ohne dass sie es bemerkt hatte?

„Du bist so eine dumme Nuss“, beschimpfte sie sich traurig lächelnd und wischte sich die Tränen vom Gesicht, doch da hörte sie es wieder.

„AAAAAARGH!”

 Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie begann zu zittern. Sie schlang die Arme wärmend um ihren bibbernden Körper und wünschte sich nach Hause, in ihr eigenes Bett. Doch vergebens. Als erneute Schreie folgten, verkroch sich die Jugendliche voller Furcht und halb an ihrem Verstand zweifelnd zitternd unter ihre Bettdecke und wartete voller Furcht auf das Morgengrauen.

Kapitel 3 - Tag 1 - Montag

Sie war erleichtert gewesen, als ihr Wecker um sechs Uhr morgens geklingelt hatte. Schnell und völlig erschöpft, war sie aufgestanden und ins Bad geeilt. Sie nahm eine kurze Katzenwäsche, denn sie hatte sich beim Anblick der Badewanne nicht überwinden können, das Becken zu betreten, obwohl ihr müder Körper sich nach einem heißen Bad sehnte. Danach ging sie in die Küche und deckte den Tisch für das Frühstück, während der Kaffee vor sich hin kochte und sich langsam sein wohltuendes Aroma durch das Haus verbreitete. Die Jugendliche atmete tief ein und es schien, als würde ihr Körper allein durch den vielversprechenden Duft neue Kräfte schöpfen. Vanny hatte sich fest vorgenommen, sich etwas näher mit ihrem Onkel zu beschäftigen und die große Distanz, die zwischen ihnen beiden klaffte, dadurch zu verringern. Zumindest erhoffte sie sich das. Vielleicht würde sie es sogar schaffen, eine gewisse Vertrautheit zu erreichen, sodass das zeitliche Zusammenleben etwas angenehmer würde. Auch wenn die Hoffnung nicht groß war, so wollte sie es zumindest versuchen. Doch so eifrig sie sich in die Arbeit stürzte, die schlaflose Nacht beschäftigte sie sehr. Immer wieder hatte sie geglaubt, Schreie zu hören und ein Geräusch, das wie ein hysterisches Lachen klang, doch wo sollten die Laute herkommen? Wahrscheinlich bildete sie sich das alles ein. Kurz nach Mandys Tod hatte sie nicht selten geglaubt, das Jaulen und Bellen der Hündin zu hören. Vermutlich hatte die Erinnerung irgendwelche Hirngespinste in ihr ausgelöst. Vanny seufzte und verdrängte schnell die aufkommenden Zweifel und damit einhergehenden Ängste mitsamt der Übelkeit. Der Kaffee war gerade fertig, als ihr Onkel zackig in die Küche kam, kurz stehen blieb und sie für einen Augenblick perplex ansah, als könne er sich nicht erinnern, wer sie sei. Die Zeit schien festgefroren zu sein. Um schnell aus dieser unangenehmen Situation herauszukommen, fragte sie eifrig:

„Kaffee? Möchtest du Marmelade oder Butter oder vielleicht beides für die Brote?“

Sein Gesicht verfinsterte sich und er murmelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin, schnappte sich ruppig eine Tasse aus dem Hängeschrank, goss sich geschwind Kaffee ein und verschwand mit flotten großen Schritten. Kein Dank, kein freudiges Lächeln oder nette Geste, stattdessen ein unfreundliches Murren. Kein Augenkontakt, nicht einmal ein kurzes anerkennendes Nicken, einfach nichts. Er hatte ihr keine Chance gegeben, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Nun war es zu spät. Diese erneute Niederlage, ihre Erschöpfung und diese Hilflosigkeit wirbelten durcheinander, warfen ihre ganzen guten Vorsätze über Bord, und erneut stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie fühlte sich ausgelaugt und verloren. Es war eine Empfindung, als würde das Haus ihr die Luft zum Atmen rauben. Sie wollte jetzt nur eins: hier raus!

*

Die Sonne hatte sich einen Weg durch die Wolkendecke erkämpft und es versprach, ein sommerlich warmer Tag zu werden. Vanny nahm sich das Wochengeld für den Einkauf aus dem Schrank und floh aus dem erdrückenden Haus. Während sie zum Dorf lief, atmete sie tief ein und merkte, wie der lastende Druck langsam abfiel, die frische Luft ihren Kopf klärte und ihr Zorn abflaute. Sie hasste es, zornig zu sein, denn dann sagte und tat man Dinge, die man später zu 90 Prozent bereute. Normalerweise wurde sie nicht so schnell wütend, doch momentan schien alles einfach schiefzugehen. Vielleicht war wenigstens das Dorf interessant oder vielleicht gab es dort irgendetwas Unterhaltsames. Doch was sie nach einem langen Fußmarsch sah, konnte sie nicht begeistern, ganz im Gegenteil. Die Straßen waren von sehr schlechter Qualität und kaum für Autos geeignet. Die Häuser wirkten wie aus dem Zweiten Weltkrieg, es waren nicht viele Leute auf den Straßen und diejenigen, die zu sehen waren, mussten wohl alle das Rentenalter längst erreicht haben. Vanny seufzte enttäuscht, denn mit jeder Minute vermisste sie ihr Zuhause und ihre Freunde mehr. Was konnte sie bloß tun? Vielleicht ihre beste Freundin Katrin anrufen und fragen, ob sie Lust hätte, die restlichen Ferien bei ihr zu verbringen? Aber das schien ihr etwas arg forsch zu sein. Sie spielte noch eine Weile mit dem Gedanken und wog Vor- und Nachteile ab, als plötzlich etwas an ihrem T-Shirt zupfte. Leicht erschrocken und aus ihren Überlegungen gerissen, blickte die Jugendliche nach unten, in die kastanienbraunen Augen eines kleinen Jungen. Er hatte hellbraune, fast schulterlange Haare und die niedlichste Stupsnase, die Vanny je gesehen hatte. Sie schätzte den Jungen auf ungefähr fünf Jahre.

„Warum guckst du so traurig?“, fragte er mit einer zuckersüßen Stimme, die selbst Engel zum Jauchzen gebracht hätte. In ein paar Jahren würde er sich vor Verehrerinnen bestimmt nicht mehr retten können. Am liebsten haben, falls sie welche bekommen sollte. Freundlich lächelnd antwortete sie ihm:

„Ich bin nur etwas müde, weil ich so viel gelaufen bin und noch zum Supermarkt muss.“

Der Kleine legte seinen Kopf schräg und musterte sie neugierig.

„Was ist ein Supermarkt?“

Ihr klappte vor Erstaunen die Kinnlade herunter, während der Junge sie unverändert anstarrte.

„Das ist ein Geschäft, in dem man Lebensmittel einkaufen kann.“

Auf dem Gesicht des Kindes zeichnete sich ein leichtes Grinsen, das ihn dennoch nicht frech erscheinen ließ. Sanft ergriff er ihre Hand mit seinen beiden kleinen Händchen und zog sie leicht hinter sich her.

„Du meinst einen Tante-Emma-Laden! Der ist nicht weit weg – ich bring dich hin, okay? Sag bitte Ja, ja?“

Mit einem bettelnden Blick sah er sie an. Wie könnte sie da Nein sagen? Sie musste unweigerlich schmunzeln.

„Du weißt doch aber sicher, dass man mit fremden Leuten nicht mitgehen darf? Das ist nämlich gefährlich.“

Abrupt blieb er stehen und sah sie mit einem nachdenklichen, wachen Blick an, der keine Spur von Unsicherheit zeigte.

„Ich bin Robin, und wie heißt du?“

„Ich heiße Vanny.“

„Dann kennen wir uns jetzt. Kommst du nun mit?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, fing er auch schon wieder an, sie hinter sich herzuziehen. Lächelnd folgte sie ihm.

*

Das Einkaufen war lustig und abwechslungsreich gewesen. Vanny mochte den kleinen Robin mit jedem Moment mehr und wollte ihn am liebsten gar nicht mehr hergeben. In ihrer Stadt kannte sie Kinder frech, aufmüpfig, ungezogen und schlichtweg hässlich, sowohl innerlich wie auch äußerlich. Doch dieser Junge war so anders. Er hatte ihren deprimierenden Tag erhellt, ohne es zu wissen.

„Was machst du jetzt?“, fragte er sie, als sie das schrullige Geschäft verließen. „Gehst du mit mir zum Spielplatz? Bitte.“

Vanny konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und schaute kurz auf ihre Armbanduhr. Sie hatte heute nur noch vor, die Vorratskammer auszuräumen, was hielt sie also davon ab, hier noch ein bisschen Zeit mit dem kleinen Jungen zu verbringen?

„Bin ich dafür denn nicht zu alt?“, versuchte sie ihn zu necken. Robins kastanienbraune Augen wurden noch größer, als sie ohnehin schon waren, und er erwiderte mit argloser Bestimmtheit:

„Man ist doch nie zu alt zum Spielen!“

Sie musste lachen und stimmte ihm schließlich zu.

*

Auf dem Spielplatz war außer ihnen keine Menschenseele und so kam es, dass sie alle Hemmungen fallen gelassen hatte und sogar mit ihm geschaukelt, geklettert und gerutscht war. Jetzt saß sie mit dem 5-Jährigen Jungen im Sandkasten, um gemeinsam eine Sandburg zu bauen. Seine Fröhlichkeit und Offenheit ließen sie ihre Sorgen und Ängste vergessen. Ohne es selbst wahrzunehmen, hatte dieser niedliche kleine Knirps ihr sehr geholfen. Vanny überkam das Gefühl, sich bei ihm bedanken zu müssen und sich erkenntlich zu zeigen. Ihr Blick fiel auf den kleinen Eisstand am Ende der Straße.

„Möchtest du ein Eis, Robin?“ fragte sie freundlich.

Seine Augen wurden groß und glänzten. Er schien sich wirklich zu freuen, doch dann überlegte er kurz und meinte nuschelnd:

„Du musst mir nichts kaufen.“

Innerlich jauchzte sie auf. Er war so süß! Welches Kind in dem Alter schlug aus Höflichkeit und Anstand eine kostenlose Eiscreme ab? Einfach zu niedlich.

„Das weiß ich doch, aber ich habe so Lust auf Eis und alleine möchte ich nicht. Dann schmeckt es nämlich nur halb so gut, weißt du?“

Robin dachte kurz über ihre Worte nach und fing an zu strahlen.

„Kann ich bitte Nuss haben?“, hakte er vorsichtig nach und bei den leuchtenden Augen konnte sie nicht anders, als bestätigend zu lächeln.

„Klar, warte kurz hier. Ich bin sofort wieder da!“

Vor sich hin träumend ging sie wie versprochen zwei Eistüten kaufen und überreichte sie dem geduldig wartenden Robin. Dieser öffnete gerade den Mund, um sich zu bedanken, als ihm das Eis von hinten aus der Hand gerissen wurde.

„Danke auch!“

Ein schlanker Junge in ungefähr ihrem Alter mit hellbraunen, kurzen glatten Haaren stand vor den beiden und nahm Robins Eis in den Mund. Belustigt und provozierend starrte er sie aus hellblauen Augen an. Vanny war starr vor Schreck. Seine Miene verzog sich sogleich wieder.

„Igitt, Nuss!“

„Enjoji, gib her! Das ist mein Eis! Bitte!“

Robin fing an zu quengeln und versuchte, an dem vermeintlichen Dieb hochzuspringen, um sich sein Eigentum wiederzuholen. Ein gehässiges Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des Jugendlichen, als er auf den Kleinen herabblickte.

„Warum sollte ich?“

Das war zu viel für Robin. Er fing herzzerreißend zu weinen an. Nun löste sich Vanny aus ihrer Starre. Was ging hier vor sich? Was bildete dieser Kerl sich ein!

„Weil das Eis nicht für dich war, und du nicht tun und lassen kannst, was du willst. Dein Verhalten ist total asozial!“, empörte sich Vanny erbost und stand auf. Im ersten Moment schien der unbekannte Jugendliche überrascht.

„Aha, und wer bist du?!“

Er funkelte sie gereizt an und stellte sich ihr gegenüber. Sie holte noch einmal tief Luft, so als ob sie sich damit frischen Mut einverleiben wollte.

„Ich bin Vanny, und du solltest kleine Kinder nicht so behandeln!“

Er zog eine Augenbraue in die Höhe und schob Robin, der sich einmischen wollte, zur Seite. Bedrohlich näherte er sich ein paar Schritte. Automatisch wich sie zurück. Hatte sie einen Fehler begannen? Rein körperlich konnte sie gegen den einen halben Kopf größeren Teenager nicht gewinnen.

„Also Vanny! Und ich finde, du solltest dir jemanden in deiner Altersklasse zum Anbaggern suchen. Bei uns fällt das nämlich unter Kindesmissbrauch. Auch Verzweiflung rechtfertig nicht die Tat!“

Ihr klappte die Kinnlade runter. Das war ja wohl die Höhe, bodenlose Unverschämtheit! Was bildete der sich eigentlich ein! Hatte er sie gerade der Kindesverführung bezichtigt? Und was hieß hier Verzweiflung?

„Ah Enjoji! Hast du deinen kleinen Bruder gefunden? Siehst du, wir haben dir doch gesagt, dass schon nichts passiert sein wird!“

„Nina, Keigo!“, rief Robin und sprang auf die beiden Neuankömmlinge zu, die nun von ihren Fahrrädern abstiegen. Es handelte sich dabei um zwei weitere Jugendliche in ihrem Alter. Ein rothaariger Junge mit wachen, hellblauen Augen und vielen frechen Sommersprossen im Gesicht und ein aschblondes Mädchen mit grünen Augen, die viel Wärme und Güte ausstrahlten. Obwohl Vanny sie nicht kannte, schloss sie die Gleichaltrige sofort in ihr Herz. Dennoch war sie mehr als verwirrt.

„Kl… kleiner Bruder?“, fragte Vanny fassungslos mit etwas lauter werdender Stimme. „Das – dieser Kerl, dieser Rüpel, ist dein großer Bruder?!“

Alle Augenpaare richten sich auf sie. Dann fing der Kotzbrocken, der sich als Robins großer Bruder entpuppt hatte, an, gehässig zu lachen.

„Oh je … ich sehe schon, da ist eine kleine Aufklärung nötig“, meinte die Grünäugige und stellte ihr orangefarbenes Fahrrad ab, um mit Vanny in Ruhe zu sprechen und alle Missverständnisse aus der Welt zu schaffen.

„Die beiden sind Brüder und Robin streunt öfters alleine herum, obwohl er weiß, dass er das nicht soll. Wir haben mal wieder alle nach ihm gesucht. Auch wenn es jetzt vielleicht nicht so danach aussah, sind die beiden ein Herz und eine Seele. Enjoji hängt wirklich sehr an seinem Bruder. Eigentlich ist er gar nicht so übel, es ist nur seine oberflächliche Art – wie sagt man so schön: harte Schale, weicher Kern. Ich heiße übrigens Nina“, erklärte ihr die Gleichaltrige und reichte ihr die Hand, die Vanny zögernd ergriff.

„Mein Name ist Vanny. Es tut mir leid, das wusste ich nicht.“

Die Situation war Vanny sichtlich unangenehm, doch Nina winkte ab.

„Du konntest es nicht wissen, also vergiss es einfach. Das hier ist übrigens Keigo.“

Sie zeigte auf den rothaarigen Begleiter, welcher ihr mit einem breiten Grinsen ebenfalls die Hand zum Gruß reichte.

„Am besten, wir setzen uns irgendwohin. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten“, meinte Keigo zwinkernd. Alle nickten und suchten sich ein schattiges Plätzchen.

*

Nina und Keigo wurden ihr während der Unterhaltung immer sympathischer. Beide waren schon 18 Jahre alt und lebten seit ihrer Kindheit in dem Dorf. Sie war froh, die zwei getroffen zu haben, wo sie sonst niemanden in ihrer Altersklasse erspähen konnte. Nachdenklich betrachtete sie Enjoji, welcher leicht stichelnd mit seinem Bruder spielte. So richtig warm konnte sie mit ihm, der sogar ein Jahr jünger war als sie, nicht werden.

„Wo kommst du eigentlich her? Du bist doch nicht von hier oder bist du neu zugezogen?“, fragte sie Keigo neugierig und blickte sie freundlich an. Vanny schüttelte lächelnd den Kopf.

„Nein, zum Glück nicht. Ich bin nur die Sommerferien über bei meinem Onkel.“

„Hey, so schlimm ist unser Dörfchen nicht!“, entgegnete Nina augenzwinkernd und schubste sie leicht mit der Schulter an. „Und wo wohnt dein Onkel?“

„Abseits – ungefähr vier Kilometer vom Dorf entfernt.“

Beide zogen verblüfft die Augenbrauen hoch. Auf Ninas Gesicht machte sich ein besorgter Ausdruck breit, der auch viel Mitgefühl beinhaltete. Keigo hingegen blickte eher geschockt und ungläubig drein. Vanny wurde unsicher und rutschte unbehaglich auf der Holzbank hin und her.

„Was … was ist denn?! Ich konnte es mir doch nicht aussuchen! Warum seht ihr mich denn so an? Stimmt irgendetwas nicht?“

Keigo schaute verlegen und peinlich berührt auf die Seite. Er nuschelte eine unbeholfene Entschuldigung vor sich hin, während Nina sie hingegen unverwandt und mitfühlend ansah.

„Ich beziehungsweise wir wollten dich nicht angreifen oder beleidigen – ganz im Gegenteil. Es ist so, dass man deinen Onkel hier nicht gerade als offen, zuvorkommend oder gar hilfsbereit kennt. Also eigentlich kennt man ihn hier nur als unfreundlichen, garstigen Geizhals, der verlernt hat zu lachen. Ein Einsiedler im wahrsten Sinne des Wortes.“

Nina holte nach ihrer Erklärung tief Luft. Vanny blickte sie überrascht an, den Kopf leicht schräg auf die Seite gelegt, und musste plötzlich lächeln. Es war, als würde ihr ein Stein vom Herzen fallen, denn endlich fühlte sie sich nicht mehr so allein und hatte tatsächlich jemanden gefunden, mit dem sie über ihre Situation reden konnte. Das tat sie dann auch. Zwischen den drei Jugendlichen entwickelte sich ein vergnügliches Gespräch, bis Vanny aufbrechen musste. Die Zeit schien wie im Flug vergangen zu sein. Herzlich verabschiedete sie sich von allen, nur Enjoji nickte ihr etwas reserviert zu, und trat den Rückweg an. Nina hatte ihr angeboten, ihr Fahrrad auszuleihen, doch sie hatte dankend abgelehnt. Sie hatten ihre Handynummern ausgetauscht, auch wenn Vanny keinen Empfang bei ihrem Onkel hatte.

„Wenn du mal reden möchtest oder Hilfe brauchst, weißt du ja, wo du uns findest. Einer von uns streunt hier immer irgendwo rum“, rief ihr Keigo noch aufmunternd hinterher. Sie nickte, winkte noch einmal und dankte Gott für das Zusammentreffen, als sie sich auf den Rückweg machte.

Kapitel 4 - Tag 2 - Dienstag

Sie war gestern rechtzeitig zurückgekommen und hatte gleich Abendessen zubereitet – Spaghetti mit Tomatensoße. Ernst war zwar nicht sehr gesprächig gewesen, doch hatte er mit großem Appetit gegessen und zu ihrer großen Überraschung hatte er ihr sogar eine heiße Schokolade gekocht. Diese hatte zwar etwas seltsam geschmeckt, sie konnte den Nebengeschmack nicht zuordnen, aber was konnte man auch von einem eingefleischten und gealterten Junggesellen schon erwarten? Auch wollte sie diesen ersten Versuch, ihr entgegen zukommen, nicht zerstören. Ihr Onkel war nicht lange geblieben und da sich Müdigkeit bei ihr vom langen Marsch des Tages bemerkbar gemacht hatte, hatte Vanny nur noch schnell den Abwasch erledigt, sich gewaschen, umgezogen und sich dann sofort hingelegt. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie eingenickt war. So tief und fest, wie sie in dieser Nacht geschlafen hatte, hatte sie schon sehr lange nicht mehr geschlafen.

Als am nächsten Morgen ihr kleiner Funkwecker klingelte, fühlte sie sich entspannt und ausgeruht. Munter und tatenfroh brühte sie den Kaffee auf und machte sich ein Brot zum Frühstück. Da sich ihr Onkel diesmal nicht blicken ließ, trank sie den Kaffee alleine und machte sich sofort daran, die Abstellkammer auszumisten. Und das war auch bitter nötig! Der größte Teil der gelagerten Lebensmittel war abgelaufen und in einigen Dosen bildeten sich schon selbstständige Biotope. Es war ekeliger, als sie gedacht hatte. Wie gut, dass sie gestern einkaufen gegangen war, sonst wäre fast nichts Essbares mehr im Haus. Allerdings war ihr bewusst, falsch gehandelt zu haben. Ihr war schon klar, dass man zuerst nachsah, was man dahatte und dann die fehlenden Dinge besorgte. Aber dennoch: Sie hatte gestern eine Auszeit gebraucht! Also kein Grund, sich darüber weiter Gedanken zu machen! Wie konnte er nur Sachen lagern, die über zwei Jahre abgelaufen waren? Was aß dieser Mensch denn, wenn er alleine war? Vielleicht kamen die Eigenarten daher? Klassischer Fall von Lebensmittelvergiftung? Vanny schüttelte den Kopf. Okay, das war nun wirklich gemein. Warum hatte sie manchmal solche bösen oder gehässigen Gedanken? Sie war stets bemüht, freundlich und hilfsbereit im Alltag anderen gegenüber zu sein, doch immer wieder drängten sich ihr solch unangenehmen Gedanken auf, obwohl sie das gar nicht wollte. Sie wollte nicht ungerecht und vorschnell über andere urteilen oder handeln. Eventuell war ihr ganzes Verhalten nur ein vergeblicher Versuch, jemand zu sein, der sie gar nicht war? War sie eventuell das genaue Gegenteil von ihren Idealen und sie wollte es nur nicht wahrhaben? Nein! Darüber wollte sie nun ganz gewiss nicht nachdenken! Noch energischer als zuvor stürzte sie sich in ihre Arbeit und schon nach wenigen Minuten zeigte dies Wirkung.

*

Nach etwa zwei Stunden war sie fertig. Nachdem sie sich geduscht und eine Kleinigkeit zu Mittag gegessen hatte, packte sie kurz entschlossen ein bisschen Obst ein, schnappte sich den Zweitschlüssel, der im Flur offen hing, und ging spazieren. Sie nahm den Weg in die entgegengesetzte Richtung zum Dorf, welcher sie in einen Wald führte. Zuvor war sie eine Weile durch ein Feld voller Kornblumen gelaufen. Das Wetter war herrlich, die Sonne schien heiß auf sie nieder und im Schutz der Bäume des grünen Waldes war es angenehm kühl. Vanny hing ihren Gedanken nach, während sie der Duft von Laub und wilden Gräsern sanft einlullte. Was  ihre Freundinnen wohl gerade machten? Hatte gestern die Party bei ihrer besten Freundin Katrin stattgefunden und war ihr Schwarm Gil dort aufgetaucht, wie erhofft? Noch einmal kramte sie nach ihrem Handy, jedoch hatte sie auch hier keinen Empfang. Leise seufzend steckte sie das kleine Mobiltelefon zurück in ihre Tasche. Sie war völlig von der Außenwelt abgeschnitten und wieder machte sich unaufhaltsam ein Gefühl der Einsamkeit in ihr breit. Wo waren ihre Eltern gerade? Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie gar nicht wusste, wo genau sie hingefahren waren. Sie ging noch einmal alles gedanklich durch, doch konnte sie sich nicht daran erinnern, dass ihre Eltern dies in irgendeiner Weise erwähnt hatten. War das Vertrauen in sie nun ganz verloren oder war dies nur im Stress untergegangen? Das war doch aber nicht normal und ungefährlich schon gar nicht! Wie sollte sie denn ihre Eltern erreichen, falls irgendetwas passieren sollte? Ihr Handy konnte sie ja wohl vergessen. Überhaupt, sie hatten sich bis jetzt noch kein einziges Mal bei ihr gemeldet. Immerhin hatte ihr Onkel wohl irgendwo im Haus ein Telefon, sonst hätte ihre Mutter auch nicht die Unterkunft organisieren können. Ob Ernst es vielleicht einfach nur vergessen hatte zu erwähnen, dass ihre Mutter oder ihr Vater versucht hatten, sie anzurufen? Immerhin hatte er ja kaum mit ihr gesprochen und sie konnte sich gut vorstellen, dass ihm so etwas entfallen war, weil er es nicht für wichtig und eventuell störend in seinem Einsiedlerdasein empfunden hatte. Doch warum sagte ihr Unterbewusstsein etwas ganz anderes, das ihr gar nicht gefiel? Und warum kamen ihr so plötzlich die Tränen, dass sie heulte wie ein ausgesetzter Hund?

*

Das Essen war gerade fertig, als Ernst die Küche betrat. Wie nicht anders erwartet, blickte er mürrisch drein und schwieg. Freundlich begrüßte die Jugendliche ihren Onkel und stellte das Brot mit dem selbst gemachten Brokkolisalat und den warmen Würstchen auf den Tisch. Er nickte ihr nur kurz zu und musterte misstrauisch den Salat mit einem Blick, der gleich verriet, dass er ihm nicht gefiel. Dennoch aß er alles mit gutem Appetit, ohne eine Miene zu verziehen. Vanny hingegen bekam kaum etwas herunter. Zu viele Gedanken und Sorgen kreisten in ihrem Inneren und schlugen ihr auf den Magen. Die Fragen vom Mittag ließen sie einfach nicht in Ruhe und schienen sie aufzufressen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte zaghaft mit zittriger Stimme:

„Haben sich meine Eltern in der Zwischenzeit gemeldet?“

Er hielt kurz inne und starrte sie ausdruckslos, fast wie ein Toter, an, sodass ihr ein Schauer über den Rücken lief, und legte sein Besteck beiseite.

„Nein, haben sie nicht“, antwortete er kurz angebunden mit einem genervten Unterton und musterte sie eindringlich. Enttäuscht blickte sie auf ihren noch fast vollen Teller und verkeilte ihre Finger unter dem Tisch ineinander. Ihre Befürchtungen waren somit bestätigt und ein dicker Klumpen schien in ihrem Hals zu stecken. Die Lust zum Essen war ihr nun endgültig vergangen. Ernst stand auf und rührte ihr eisern schweigend eine heiße Schokolade zusammen.

„Trink das, dann geht es dir besser ... Sie haben bestimmt viel zu tun.“

Mit diesen Worten ging er und ließ die traurige Jugendliche alleine zurück. Sie kämpfte gegen die erneut aufsteigenden Tränen und nippte an dem warmen Getränk. War ein Telefonat denn zu viel verlangt? Ein einziger Anruf? So beschäftigt konnten ihre Eltern doch gar nicht sein, dass sie sich nicht einmal fünf Minuten Zeit nehmen konnten. Nein … wenn sie wollten, dann würden sie bestimmt etwas Zeit für ein kurzes Gespräch erübrigen können. Sie biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe, verfluchte sich und ihr gesamtes Leben.

Kapitel 5 - Tag 3 - Mittwoch

Vanny hatte gut geschlafen und freute sich auf eine Tasse Kaffee. Deswegen war sie gleich aufgestanden und hatte alles für ein gemütliches Frühstück gerichtet. Sie goss sich soeben eine Tasse des heißen, duftenden Muntermachers ein, als ihr Onkel mit blitzenden Augen und stecknadelgroßen Pupillen durch die Tür schlurfte. Sein Blick war grimmig wie zuvor, sein Gang schwerfällig, so stapfte er murrend zum Kaffee, nahm sich eine Tasse und ging, ohne ein Wort an die Jugendliche zu richten, wieder aus der Küche. Ausdruckslos hatte sie alles beobachtet. Höflich fand sie es nicht gerade, aber da war wohl nichts zu machen. Ernst schien ein richtiger Morgenmuffel zu sein. Immerhin hatte er anscheinend gegen Abend bessere Laune. Sie verputzte gemütlich ihr Frühstück, verrichtete eine Katzenwäsche und zog sich schleunigst um. Für heute hatte sich Vanny das Badezimmer vorgenommen, und dies wollte sie besonders gründlich reinigen, weil sie sich zur Belohnung im Anschluss ein Entspannungsbad gönnen wollte. Zuerst schrubbte sie das total versiffte Waschbecken, was ihr den Schweiß aus den Poren trieb, bis sie endlich ein akzeptables Ergebnis erreichte. Nach einer kurzen Pause wischte sie Staub und traute sich zuletzt an das größte Übel: die Badewanne. So eine dreckige Wanne hatte sie noch nie gesehen! Sie konnte nicht verstehen, wie jemand sein Haus so verkommen lassen konnte. Wie sollte man sich hier wohlfühlen? Ja, wie konnte sich ihr Onkel so wohlfühlen? Aber fühlte er sich überhaupt behaglich in seinem Dreck? Vanny holte noch mal tief Luft, bevor sie sich ihrer größten Herausforderung widmete: der in den seltsamsten Farbtönen erstrahlenden Badewanne, die sie sehnlichst zu erwarten schien.

*

Ihr war dabei speiübel geworden, sodass sie erst einmal frische Luft hatte schnappen müssen. Es war jetzt schon Mittag, sie hatte länger gebraucht als erwartet. Er sollte ihr bloß nicht verraten, wie lange er nicht mehr sauber gemacht hatte! Abermals schossen in ihr Gefühle und Gedanken hoch, die sie so nicht haben wollte. Sogar eine kleine Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange. Schnell wischte Vanny sie beiseite und ging in ihr Zimmer, um nach den kleinen Duftkerzen, die sie zum Glück eingepackt hatte, und den Badeperlen zu kramen. Ausgestattet mit ihrem Entspannungsaccessoire lief sie in das nun glänzende Badezimmer und ließ warmes Wasser in die große Wanne laufen. Behutsam platzierte sie die Kerzen auf und um die Badewanne herum und schloss dann die Tür zu. Badeperlen und Kerzen verströmten einen wohltuenden Geruch von Vanille, und das Plätschern des Wassers ließ sie langsam zur Ruhe kommen. Sie entkleidete sich eilig und stieg in ihr präpariertes Wohlfühlbad. Der Druck und ein Teil ihrer Anspannung schienen von ihr abzufallen. Entspannung kehrte in ihren Körper ein, vertrieb die Sorgen der letzten Tage und Vanny schloss erleichtert die Augen. Jetzt fehlte nur noch Musik, um alles perfekt zu machen, doch das war nicht so schlimm. Die vergangenen Tage gingen ihr nochmals durch den Kopf. Ihr Onkel, das Haus, der Dreck, ihre Eltern, Nina und die anderen ... doof, dass sie sich nicht gleich mit den Teenagern fest verabredet hatte. Sie würde sie wirklich gerne wiedersehen. Womöglich konnte sie am nächsten Tag probieren, sie im Dorf zu treffen? Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.

Was war eigentlich mit dem Zimmer von ihrem Onkel? Sollte sie das auch säubern? Vanny nahm sich vor, ihn bei nächster Gelegenheit zu fragen, auch wenn ihr davor graute. Ihr Onkel war ihr einfach nicht geheuer.

„AAAAAAH!“

Vanny erschrak und riss die Augen auf. War das eben ein Schrei gewesen? Sie war sich sicher, jemand gehört zu haben. Vielleicht hatte sich ihr Onkel verletzt? Die Jugendliche lauschte angestrengt in den Raum und wartete, doch es herrschte Totenstille. Hatte sie sich das eingebildet? Gedanken kamen und zerplatzten an der Oberfläche wie Seifenblasen. Sie wollte gerade wieder die Augen schließen, als sie ein schmerzerfülltes Stöhnen hörte, gefolgt von einem kurzen Schrei. Vanny fröstelte und ihre Glieder versteiften sich. Das konnte sie sich nicht einbilden! Sie stand auf und drapierte ihr großes Badehandtuch um ihren schlanken Körper. Abermals lauschte sie in die Stille, während sie versuchte, sich etwas zu beruhigen. Sie brauchte nicht lange zu warten, da vernahm sie wiederum ein Ächzen und Stöhnen, kaum hörbar. Die Geräusche schienen aus der Wand zu kommen! Vanny stellte sich auf den Klodeckel und drückte ihr Ohr an die Wand. Tatsächlich waren hier die Laute deutlich zu hören. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, Blässe überzog ihr Gesicht, es gruselte ihr. Wie war das möglich? Was oder wer war da? Es hörte sich ganz und gar nicht an wie ihr Onkel. Wo kam es her?

Entschlossen und hastig zog sie sich an. Sie machte die Kerzen aus, ließ das Wasser aus der Wanne und verließ das Badezimmer. Ihre Muskeln waren vor Anspannung verhärtet und ihre Stirn fing wieder an zu pochen. Sie war blass und ihr war schwindelig. Vanny fing an, jedes Zimmer der Reihe nach abzuhören. Sie begann in der Küche und stand einige Minuten lang still, doch nur das Surren des Kühlschranks durchzog den trostlosen Raum. Danach ging sie in das Wohnzimmer, wiederholte das Vorgehen, doch auch hier war nichts Unnatürliches zu vernehmen. Sie sah kurz zur Treppe, doch traute sie sich nicht nach oben. Das Verbot ihres Onkels hielt sie davon ab. Auch das Schlafzimmer von Ernst ließ sie aus. Also betrat sie ihre Schlafkammer und lauschte intensiv. Die Jugendliche war sich nicht ganz sicher, doch glaubte sie, auch hier diese unheimlichen Geräusche zu hören. Ein Frösteln durchzog ihren dünnen Körper und sie verließ schnell den Raum, um das letzte Zimmer auf die mysteriösen Laute hin zu überprüfen. Noch einmal holte sie tief Luft und kam sich irgendwie albern vor. Verhielt sie sich gerade nicht absolut dämlich? War sie womöglich paranoid? Wenn sie sich bloß nicht so sicher wäre, diese Laute und das schmerzerfüllte Ächzen gehört zu haben!

Schnell stolperte sie in die Abstellkammer und lauschte in die Dunkelheit. Es dauerte keine fünf Sekunden, bis sie einen markerschütternden Schrei vernahm. Erschrocken fuhr sie zusammen und versuchte, ihre durcheinanderwirbelnden Gedanken zu ordnen, was ihr nicht gelingen wollte. Gerade als sie sich wieder gefasst hatte, erklang erneut ein Schrei, gepaart mit einem unheimlichen Lachen. Das war zu viel für Vanny. Von Panik ergriffen rannte sie blindlings aus dem Raum. Irgendetwas fiel auf den Boden und zersprang, doch sie drehte sich nicht um. Sie hastete durch den Flur und hinaus aus dem unheimlichen Haus ihres Onkels, durch den verkümmerten Garten und durch die Felder, bis ihr der Atem ausging. Nach Luft ringend blieb sie stehen und stützte ihre bleichen Hände auf die zitternden Knie. Ihr Herz pochte wie verrückt, als wolle es zerspringen. Ihre Ohren schienen zu dröhnen und ihre Lunge brannte wie Feuer. Sportlich war sie noch nie gewesen. Ein kleines verzweifeltes Lächeln durchzog ihr Gesicht.