Durch das Tor der Zeit - Gertraud Huster - E-Book

Durch das Tor der Zeit E-Book

Gertraud Huster

0,0

Beschreibung

In meinem Buch beschreibe ich die Nachkriegszeit in der DDR in der Zeit von 1945 bis in die heutige Zeit und welchem Schicksal meine Mutter und ich ausgesetzt waren. Ich trete in meinem Buch als Zeitzeugin auf und beschreibe darin, wie im Laufe der Jahre immer mehr Informationen an mich herantraten. Es war für mich ein glücklicher Umstand doch noch nach 64 Jahren meine Halb-Schwester zu finden. Ebenso klärte sich das Schicksal meines Vaters auf, der über 60 Jahre als verschollen galt. Alles weitere erfahren Sie in meinem Buch.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 69

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Durch das Tor der Zeit

Durch das Tor der ZeitAutorin: Gertraud HusterVorwortInhalt1. Kapitel2, Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. KapitelNachwortQuellennachweis

Autorin:

                                      Gertraud Huster

Lektoren:  

Steffi Fischer 

Bianca Huster

Mitwirkende 

Dirk Fischer

Vorwort

Ja, auch ich war ein Heimkind in der damaligen DDR. Wie sich meine Heimerziehung auf mich und mein Leben auswirkte, schildere ich nachfolgend in meiner Biographie. Im Jahr 2012 wurde dieses Zeitfenster, wovon kein Mensch mehr sprach, wieder aufgemacht. Es wurde sich der Menschen erinnert, die durch Willkür, staatliche Erlasse oder wegen anderen, zum Teil widrigen Umständen, im Säugling- oder Kinderheim untergebracht wurden. Ein Hilfsfond wurde für Betroffene vom Staat eingerichtet, der zwar ergangenes Unrecht nicht aufheben kann, aber lindern soll. Entsprechende Anlauf- und Beratungsstellen wurden in jedem Bundesland eingerichtet, bei denen sich „Ehemalige Heimkinder aus der DDR“, aber auch aus den alten Bundesländern, melden konnten. Erst bei dem zweiten Aufruf im Mai 2014, der Hilfsfond wurde nochmals aufgefüllt, fasste ich den Entschluss, mich ebenfalls zu melden.

Ich erinnere mich an eine würde- und liebevolle Behandlung, begleitet mit Zuhören. Soviel Aufmerksamkeit bei der Schilderung und Aufarbeitung meiner Vergangenheit habe ich noch nie erlebt. Ich fühlte mich schon am Telefon und Wochen später im Besprechungszimmer meines Beraters in Leipzig geborgen und angenommen. Er bekräftigte mit Worten, dass ich zu diesen Opfern von Heimkindern gehöre, die durch Willkür, also staatliche Erlasse bzw. Anordnungen, in ein Dauerheim eingewiesen wurden. Freiheitsberaubung und Trennung von der leiblichen Mutter waren Konsequenzen, denen ich durch diese Maßnahmen ausgesetzt wurde.

Er erklärte mir, dass niemand das Geschehene wieder gutmachen kann. Um Betroffenen Gelegenheit geben zu können, wurden in mehreren Bundesländern beim KSV Anlauf- und Beratungsstellen eingerichtet. Jeder Geladene bekam die Möglichkeit, im Gespräch mit seinem Betreuer über seine Kindheit im Heim zu sprechen. Kam die Person in Betracht, dann wurden ihr Wege aufgezeigt, wie sie eine vom Staat zugesagte Hilfe in Anspruch nehmen konnte, z. B. eine materielle Hilfe, um die eigene Wohnsituation zu verbessern oder eine Reise, ein Auto, eine Therapie oder berufliche Unterstützung u.a., um sich damit einen Herzenswunsch zu erfüllen. Hierfür stand jedem eine Sachleistung von bis zu 10.000 € zu. Auch ich zählte dazu und bekam dieses Angebot.

Ich bin einfach glücklich, empfinde Wertschätzung, Anerkennung aber auch Wiederherstellung meiner Persönlichkeit, meines Lebens.

Durch dieses Erlebnis wuchs in mir der Wunsch, meine Lebensgeschichte niederzuschreiben.

Dazu möchte ich anmerken, dass viele Erzählungen aus dem Leben meiner Mutter, über meine Väter und einige Vorfahren, mir von ihr zu Lebzeiten geschildert wurden und ich versucht habe, sie wahrheitsgemäß niederzuschreiben.

Unterstützt hat mich auch meine Halbschwester, die ich noch im Alter von 64 Jahren gefunden habe und kennenlernen durfte. Sie fügte noch so manches Puzzle über die Lebensgeschichte unseres gemeinsamen Vaters hinzu, so dass sich manches Geheimnis doch noch aufklärte. Ich möchte mich auch bei ihr bedanken.

Inhalt

Vorwort

1.    Kapitel

    Einblicke in meine Kindheit

2     Kapitel

    Meine Mädchenjahre

3.    Kapitel

    Die Jahre mit meiner Familie

    Hartenstein, meine neue Heimat

    Unser eigenes Heim     

    Gott greift ein

    Familienzuwachs

    Die Suche nach Papa

    Krankheit

    Die Wende

4.   Kapitel

1. Kapitel

Einblicke in meine Kindheit

von Gertraud Huster, geb. Rosenthal, adoptierte Petzold

Im Mai 1951 wurde ich als erstes Kind von meiner alleinerziehenden Mutter in Zwickau geboren. Bereits vor meiner Geburt wurde sie von den zuständigen Behörden, dem Gesundheitswesen der DDR, informiert, dass sie ihr Kind nach der Wöchnerinnenzeit an das Kreissäuglingsheim, einem Dauerheim in Aue, unter der Verwaltung des Stadtrates Aue, abzugeben hatte. Diese Regelung war in jener Zeit eine staatliche Anordnung für alleinstehende und in Schichten arbeitende Mütter. Zuwiderhandlungen wurden mit Geldstrafe bis hin zu Haft geahndet. Meine Mutter konnte mich nur an Sonntagen besuchen, sie durfte mich aber nicht mit nach Hause nehmen.

Nach Ablauf von fast 3 Jahren wurde ich im Wochenkinderheim, Philipp (Friedrich) Müller, in Schneeberg bis zu meiner Einschulung untergebracht. Die Verwaltung des Heimes unterstand der Stadt Schneeberg. Auch in dieser Einrichtung blieben mir nur der Samstagnachmittag und der Sonntag, um bei meiner Mutter zu sein. Bekanntlich arbeiteten in dieser Zeit alle Werktätigen auch am Sonnabend. Anschließend holte sie mich ab. Häufig traten in diesem Heim schwere ansteckende Krankheiten auf, zum Beispiel: Gelbsucht, Masern, Keuchhusten, Diphtherie, Durchfall, Mumps, Windpocken und andere. Quarantänen, 4-6 Wochen und länger, abhängig vom letztaufgetretenen Fall führten zur Schließung des Heimes. Kein Kind durfte in dieser Zeit nach Hause. Diese Wochen verschlangen viele Wochenenden und nur wenige blieben mir im Jahr mit meiner Mutti übrig. Augenzeugen berichteten, dass die Kinder an den Abholetagen schreiend und weinend an den Fenstern standen, mit ihren kleinen Händen gegen die Fensterscheiben schlugen, wenn Angehörige draußen standen. Wir durften nicht nach Hause. Die Sehnsucht nach meiner Mutter zerbrach mir mein kleines Herz. Zuerst weinte ich nachts in meinem Bettchen, aber als ich begriff, dass mir das auch nicht half, begann ich mich einzuschaukeln. Das ständige Hin- und Herdrehen machte mich fast benommen, ich wurde ruhiger und schlief ein. Man nennt diese Erscheinung auch Hospitalismus. Sie tritt auf, wenn ein Mensch getrennt lebt von seinem nächsten Angehörigen. Es fehlten mir mütterliche Liebe und Zuwendung, mangelnder Schutz und Geborgenheit. Es ist eine psychische Störung, ein Leiden, was durch fortbestehenden Mutter- und Liebesentzug zwischen Mutter und Kind entsteht. Diesen seelischen Schmerz spüre ich auch heute noch, wenn das Thema auf meine Zeit in den Heimen angesprochen wird. Es passiert mir immer noch, dass ich einen Weinkrampf bekomme, den ich nicht unterdrücken kann. Ich verlor in den vielen Jahren meines Lebens auch nicht die Angewohnheit mich in den Schlaf einzuschaukeln, gelegentlich übermannt mich dieses Bedürfnis noch heute. Glücklicherweise habe ich einen liebe- und verständnisvollen Mann, der mich solange streichelt, bis ich wach bin.

Was ich in all den Jahren in den Heimen empfand und was mir erst jetzt nach vielen Jahren bewusst wurde, möchte ich kurz mitteilen.

In meinem Fall handelte es sich um eine Zwangseinweisung. Ein Säugling von zwölf Wochen wurde für drei Jahre von seiner Mutter getrennt. Weder an Wochenenden oder an Feiertagen war es gestattet, sein Kind mit nach Hause zu nehmen. Für mich war es nicht nur Trennung von meiner Mutter, sondern auch Freiheitsentzug mit Verlust auf eine selbständige persönliche Entwicklung, was sich nicht nur auf mich auswirkte, sondern auch auf meine Mutter und auf jedes einzelne Kind in der Gruppe, in der wir aufwuchsen. Drei Jahre weggesperrt, aufgewachsen zwischen ca. fünfzig Säuglingen und Kleinkindern, wo das Schreien der Kinder an der Tagesordnung war, so erlebte ich das Säuglings- und Kleinkindalter.

Ich möchte näher darauf eingehen, was ich in und mit der Gruppe erlebte, sowie mit unseren Erzieherinnen, als ich kurz vor meinem dritten Lebensjahr in das Wochenkinderheim nach Schneeberg kam. Dieses Heim war ein Neubau, finanziert von der SDAG Wismut.

Zum Einen erlebte ich ein geistige Bevormundung und Gleichschaltung aller Kinder. Wir wurden instrumentalisiert und mussten tun, was gerade dran war. Dabei wurde auf eigene Befindlichkeit kaum Rücksicht genommen. Sie wurde weitgehend ausgeschaltet. Wir hatten nur zu gehorchen. Ich erlebte ständige Bewusstseinskontrollen eigener Gedanken, Worte und Handlungen. Sie wurden kontrolliert, korrigiert, an die Gruppe angeglichen. Abweichungen zur Gruppe wurden nicht toleriert. Meine Erzieherin machte sich über mich lustig, äffte mich nach und lachte mich aus, wenn ich etwas sagte oder machte, was sie anders haben oder hören wollte. Da sie das sehr häufig tat, schämte ich mich, zog mich zurück und blieb mit meinem Kummer allein. Meine Ängste, etwas falsch zu machen, nahmen im Laufe der Zeit immer mehr zu, mein Selbstvertrauen dagegen immer mehr ab.

Es entwickelte sich in mir ein regelrechter Zwang. Um nicht aufzufallen, verhielt ich mich angepasst und tat immer das, was die anderen gerade vormachten, man nennt das auch Gruppenzwang. Ohne nachzudenken, verließ ich mich auf die anderen Kinder. War ich mal zu Hause, verhielt ich mich garantiert anders. In meiner Schulzeit holte mich dieser Zwang immer wieder ein. Ich hatte im Heim nie gelernt logisch zu denken. Ich traute mich kaum, etwas zu sagen. Fragte mich ein Lehrer und ich konnte ihm nicht die richtige Antwort geben, dann schämte ich mich, zumal die ganze Klasse lachte. Ich konnte mit Niederlagen und Kritiken nicht umgehen. Ich hatte kein Durchsetzungsvermögen und konnte mich auch nicht selbst verteidigen. Oft fing ich an zu weinen, weil ich mir so hilflos, in die Enge getrieben und ausgeliefert vorkam. Im Heim, in der Gruppe musste ich mich unterordnen, meine Person wurde vereinnahmt.