Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Editha, die 1937 in Danzig als Edith Rosa Etmanski geboren wurde, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihren Namen in Edith Etman ändern musste, sagt von sich selbst, sie hätte schon drei Leben gelebt. Nach der Flucht 1945 in Mölln, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, in einer Braracke groß geworden, lernt sie mit 12 Jahren das Akkordeonspielen. Eine Entscheidung, die ihr Leben total veändert. Dadurch begebnet sie in Bozen ihrer großen Liebe Giulio, einem Italiener aus Palermo, und verliebt sich unsterblich in ihn. Zwei Jahre lang schreiben sich beide Liebesbriefe, die für Editha der katholische Pfarrer in Mölln übersetzt. Dann steht Giulio plötzlich vor ihr und nichts bringt sie mehr auseinander. Ständig pendeln sie zwischen Mölln und Palermo hin und her. Aus kleinen Verhältnissen arbeiten sie sich mit vier Kindern nach oben. Vor allem Editha ist es, die als Unterhaltungskünstlerin mit ihrer Volksmusik und Schlager auf Butterfahrten auf der Ostsee zu Ansehen und Wohlstand kommt und durch ihre Musik unendlich viel erlebt. "Editha, ich liebe Du!" stand nicht nur auf der ersten Postkarte, die Giulio ihr geschrieben hat. Der Inhalt steht für die große Zuneigung vieler Menschen, die durch Editha glückliche Stunden erlebt haben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Edita, ich liebe Du!
Dirk Andresen
IMPRESSUM
HERAUSGEBER: Der Goldachter / Gutenbergstraße 1 / 23909 Ratzeburg
AUTOR: Dirk Andresen / Röpersberg 18 a / 23909 Ratzeburg
INHALT
1937 – Danzig, du schöne Heimat
1939 - Nichts ist mehr so wie vorher
1945 – Unsere Flucht
1946 – Wir kommen nach Mölln
1947 – Einzug in den Drosselweg
1947 – Kontakt mit Pastor Moschner
1947 – Sparsame Weihnachten
1947 - Kindheit in Mölln
1948 – Die Gahlens kommen
1949 – Wir treten in den Chor ein
1951 – Zweiter Platz beim Musikwettbewerb
1952 – Mein erster öffentlicher Auftritt
1955 - Urlaub auf Sylt und in Italien
1955 - Bozen verzaubert mich
1955 – Briefe und Postkarten
1956 - Kauf der „Gaststätte zum alten Zoll“
1956 – Arbeit im Kiosk
1956 – Ein erster Fluchtversuch
1957 - Giulio ist plötzlich da
1957 – Flucht nach Palermo
1957 – Die goldene Halskette
1957 – Neue Jobs in Palermo
1958 - Wieder in Alt-Mölln
1958 – Max Ahrens malt unser Quartett
1958 – Reißaus in die Papierfabrik
1958 – Ich bin schwanger
1958 – Unsere Hochzeit
1958 – Unser erstes Kind
1958 - Auf nach Palermo
1959 – Giulio ist verzweifelt
1959 - Die Familie ist wieder zusammen
1959 – Wir fahren nach Rimini
1960 – Die Blumenkohl-Story
1962 – Wie Claudio zu seinem Namen kam
1963 - Mit Christels Familie nach Palermo
1964 – Sorgen um Pietro
1967 - Der Traum vom eigenen Haus
1968 – Es fehlen 20.000 Mark
1968 - Das Bild
1969 – Einbruch mit bösen Folgen
1969 - Holländer gestalten den Garten
1969 - Touristen bessern das Taschengeld auf
1969 - Göttliches Tiramisu
1970 - Wie ich aufs Schiff kam
1970 - Ich werde seekrank
1970 – Ein überraschender Anruf
1972 – Ein Ultimatum mit Folgen
1973 – Wir kaufen eine Ruine
1973 – Wie sich das Brot vermehrte
1974 – Auf der Reeperbahn nachts um halb eins
1975 – Patrizia will die Schule anzünden
1975 – Ich lerne Achim kennen
1975 - Ein Duo mit Kuno
1975 – Unser Schiff steckt fest
1975 - Die Politiker-Gattin mit dem langen Mantel
1976 - Der Mann, der Lapaloma liebte
1976 – Als die Bohnen flogen
1977 - Wie ich für Montepescali kämpfte
1977 – Das Angebot aus Lugano
1978 – Giulio wird arbeitslos
1978 – Meine erste Schallplatte
1978 - Editha-Reisen
1978 – Der Gesangswettbewerb
1979 – Mein Reeder hört auf
1979 - Besuch in der DDR
1980 – Die Kronzucker-Entführung
1980 – Claudio outet sich
1981 - Urlaub in Jugoslawien
1981 – Wie Enzo dem Tod entrann
1981 - Patricia ist verliebt
1982 - Mit Herbert und Brigitte nach Rom
1983 – Schmerzensgeld nach Hundebiss
1983 - Claudio gewinnt Gesangspreis
1983 - Bella Figura
1983 – Unsere Silberne Hochzeit
1983 - Wir entdecken Korsika
1984 - Das liebe Gold
1984 – Lieder für eine Erbschaft
1985 - Tod auf der Tanzfläche
1984 - Wir richten uns auf Korsika ein
1984 – Die Mafia hat mich im Auge
1984 – Isola delle Femmini
1986 – Ein Wildschwein wird getauft
1987 - Mit Maria Gracia als Straßenmusikerin
1988 - Giulio steigt aufs Motorrad
1988 – Giulio feiert 60. Geburtstag
1990 - Was heißt schon naiv?
1991 - Patrizia tritt in meine Fußstapfen
1991 - Claudio und das KAMA-Theater
1991 – Ich werde blind
1991 - Grosseto und das Falschgeld
1992 - Bla-bla-Musik
1993 - Wie Claudio Enzo aus der Patsche half
1995 – Verwirrung um die Klimaanlage
1998 - Die Rickmer Rickmers
1999Das Theater mit dem Theater
2002 – Patrizia stirbt
2003 – Warten auf den Pfarrer
2008- Drei Hochzeiten zur gleichen Zeit
2010 - Im NDR-Hörfunk sein
2014 – Giulio stirbt
Ein kleiner Rückblick
1937 – Danzig, du schöne Heimat
Dieser Geruch. Dieser wohlige Geruch! Wenn ich an Danzig denke, steigt mir sofort der vertraute Geruch von frischem Brot in die Nase. Dann tauchen Erinnerungen auf an die lieben Verwandten oder Freunde, als wäre es gestern gewesen. Die Welt kannte keine Sorgen. Alles war wohlgeordnet und friedlich. Unsere Eltern schlenderten bei unseren Wochenendausflügen Arm in Arm, Lore und ich im Schlepptau und Christel, herausgeputzt wie immer, ging meist einige Meter voraus.
Stets verbinde ich unsere Sonntagsbesuche an der Ostsee mit würzigem und kernigem Brot, das in der großen Backstube von Onkel Georg von seinen Angestellten geknetet und später mit langen Brotschaufeln aus dem großen Ofen gezogen wurde, damit es auf den breiten Holzregalen abkühlen konnte.
Die Hausfrauen aus den umliegenden Dörfern machten sich schon früh morgens auf, um die begehrten Backwaren mit nach Hause bringen zu können. Das Brot von Onkel Georg kostete zwar etwas mehr als anderswo, war aber weit in der Gegend für seine Qualität bekannt. Eine Stulle dick bestrichen mit Butter, da läuft mir sofort das Wasser im Munde zusammen. Der Duft von frischem Brot bedeutet für mich Heimat, vor allem die Danziger Heimat, auch wenn sie längst hinter mir liegt und ich mich nur noch in Bruchstücken an sie erinnern kann.
Vier-, fünfmal im Jahr fuhren wir mit der ganzen Familie mit der Straßenbahn von Danzig aus nach Brösen, in das alte Ostseebad, das seine 125-Jahrfeier schon hinter sich hatte und in der die Bewohner stolz darauf waren, dass sich Brösen erstes Seebad nennen durfte. Mit der Anbindung der Eisenbahnlinie vom Danziger Bahnhof Leege aus suchten immer mehr Städter ihre Erholung am Strand. Wer genug Geld hatte, ließ sich mit der Kutsche in den Ort fahren oder zu den Anlegestellen der Schifffahrtsdampfer. Wir gingen zu Fuß.
Wenn Onkel Georg und Tante Mariechen schließlich mit unseren Eltern zum Skat im Herrenzimmer verschwanden, liefen Christel, Lore und ich wie auf Kommando schnurstracks über den Hof in die Backstube hinein. Wir hofften dort Tante Antchen zu treffen, die ältere Schwester von Tante Mariechen, die ein große Herz für uns Kinder hatte. Sie war einen Kopf größer als ihre Schwester, kugelrund, aber flink auf den Beinen. Meist trug sie eine weiße Schürze mit Spitzen besetzt. Wenn wir sie gefunden hatten, schaute sie uns mit einem warmen Lächeln an und fragte uns, obwohl sie die Antwort doch kannte: „Na, wisst ihr schon, was ihr wollt?“ Manchmal legte sie ihren Zeigefinger auf ihre Lippen und bedeutete uns, ihr im gebührenden Abstand zu folgen. Die kleine Kammer gleich hinter dem Verkaufstresen war fast ein heiliger Ort, deren Zugang den Angestellten strikt untersagt war. Wer gegen die Vorschrift verstieß, konnte seine Sachen packen. Da verstand Onkel Georg keinen Spaß. Mehr aber noch Tante Mariechen, die das Zepter nicht nur im Haus fest in der Hand hielt, sondern auch in der Backstube regierte, obwohl sie dort selten anzutreffen war.
Wir mussten gleich beim Betreten des Raumes stehen bleiben, während Tante Antchen zu einem Eckschränkchen ging, um eine große Dose herauszunehmen. Dann trat sie vor uns und schüttete in unsere entgegengestreckten Händchen ein paar Rosinen hinein. Während ich diese Köstlichkeit gar nicht schnell genug in den Mund stopfen konnte, überlegte Lore, ob es nicht besser sei, alle mit nach Hause zu nehmen.
Es gab auch etwas, was uns Kindern mächtig Geduld abforderte und höchste Anstrengungen kostete. Während der Kaffeetafel mussten wir ruhig auf unserem Stuhl sitzen bleiben und durften keinen Piep von uns geben. Darauf bestand Onkel Georg, der sich wunderte, warum wir nicht herzhaft in die großen Sahnestücken bissen. Was unsere Augen groß und größer werden ließen waren die leckeren Danziger Porzeln, auf die wir uns schon die ganze Fahrt gefreut hatten. Das Spritzgebäck mit Rosinen, eine Art Berliner, das in Fett gebraten und mit Puderzucker bestreut wird, habe ich mein ganzes Leben gern gegessen. Einfach köstlich! Wir Kinder konnten gar nicht genug davon bekommen.
Wenn wir nicht zu Verwandten oder Bekannten fuhren, zog es uns bei herrlichstem Wetter nach Bohnsack. Das frühere Fischerdorf, das auf einer Insel an der Danziger Bucht liegt, hatte sich nach und nach zu einem beliebten Erholungsort gemausert. Der breite Strand und die endlose Weite lockte viele Badegäste an, die alle genügend Platz vorfanden und sicher sein konnten, dass sich niemand über die tobenden Kinder beschwerte.
Die 20 Kilometer Zugfahrt von der Danziger Innenstadt aus verging wie im Flug. Ein Fußweg führte von einem kleinen Bahnwärterhäuschen aus durch einen Kiefernwald zu den Dünen hin. Meist fegte der Wind durch die Bäume und flüsterte uns Kindern Geheimnisvolles zu. Dann hielten Lore und ich uns noch fester an den Händen. Manchmal wurde unser Vater richtig böse auf uns. Wenn wir mit wieder einmal mit den Schuhen zu schlurfen begannen. „Füße hoch“, raunzte er uns an. Dass die Schuhe immer blitzblank waren, darauf legte er allergrößten Wert.
Wir Kinder konnten ihn aber auch leicht um den Finger wickeln. Wir brauchten ihn nur ein bisschen traurig anzuschauen, dann ließ er sich erweichen und kehrte mit uns in eines der Gasthäuser ein oder, wie in Gotenhafen, in das Cafe Becker, eine piekfeine Konditorei. Unvergessen ist mir dort das leckere Eis geblieben. Ich bin mir heute noch sicher, dass wir dort von einem lachenden Italiener bedient wurden, dessen Eiskugeln wie durch Zauberhand bei uns Kindern größer ausfielen als bei den Erwachsenen.
Zu Pfingsten fuhren wir meist mit der Kleinbahn nach Käsemark, zu den Gahlens. Das hatte bei uns Tradition. Wir Kinder freuten uns schon Tage vorher auf unsere Cousinen und auf Rolf, einen Rottweiler, der so gut abgerichtet war, dass er im Winter mit einem Pferdeschlitten die drei Töchter zur Schule zog, die dafür von allen anderen Schülern beneidet wurden. Im Sommer tollte er mit uns auf dem großen Grundstück herum. Und wenn wir im Schweinetrog auf dem kleinen Bach herumpaddelten, mussten wir aufpassen, dass Rolf uns nicht zu nahekam und unser Schiff zum Kentern brachte.
Onkel Alfred war Postbetriebsassistent und Bürgermeister der Gemeinde. Ein geschätzter Mann, der ein Häuschen sein Eigen nannte und überall beliebt war für seine verbindliche Art. Außerdem strahlte er Ruhe aus, was manchen Konflikt entschärfte. Sein Vater, Opa Albert, saß im Winter gern auf der Veranda mit den großen Fenstern und flocht mit einer Engelsgeduld Weidekörbe, von denen ein Teil verkauft wurden. Wir Kinder waren bei jedem Wetter draußen und bestaunten die Bienenkörbe, die hinter dem Haus standen oder sammelten Kartoffeln, von denen wir einen Sack mit nach Hause bekamen. Auch das Füttern der Hühner, Ziegen und Schafe machte uns viel Spaß. Wir kamen erst wieder ins Haus, wenn wir hörten, dass zur Musik aufgespielt wurde und meine Eltern zur Volksmusik angestimmt hatten. Dann sangen alle kräftig mit. Volkslieder, die heute kaum noch jemand kennt
„Aus dem reinsten Frühlingsmorgen ging die Schäferin und sang, jung und schön und ohne Sorgen, dass es durch die Wälder klang.“
Danzig, die wunderschöne Hafenstadt an der Ostsee, in der ich 1937 geboren wurde, war für unsere Familie Heimat seit Generationen. Die Freie Stadt mit der alles überragenden Marienkirche, der Lange Markt mit seinen schönen Patrizierhäusern und Gassen und die mondänen Badeorte vor den Toren standen für bürgerliche Werte. Es war auch die Stadt des Bernsteins und des Danziger Goldwassers. Alles in allem beschaulich, unaufgeregt und in der Geschichte hin und hergerissen. Hier waren die Menschen fest verwurzelt. Wer hier geboren wurde, blieb für immer, weil er seine Stadt von ganzem Herzen liebte. Die Nationalhymne der Freien Stadt Danzig wurde von Paul Enderling geschrieben und von Georg Göhler komponiert. Sie beschreibt die tiefe Verbundenheit der Menschen, die hier alteingesessen waren. Wenn ich das Lied heute höre, durchfährt mich ein wohliger Schauer, dann bin ich tief wurzelt mit Danzig, obwohl ich es doch nur als kleines Mädchen erlebt habe.
Kennst du die Stadt am Bernsteinstrand,
umgrünt von ew’ger Wälder Band,
wo schlanke Giebel streben
empor zum Sonnenschein!
Ja, sollt’ ich fröhlich leben,
in Danzig müßt es sein!
Kennst du die Stadt, wo Turm an Turm
in Treue trotzt dem Zeitensturm,
wo stolze Schiffe gleiten
ins blaue Meer hinein!
Ja, sollt’ ich tapfer streiten,
für Danzig müßt es sein!
Kennst du die Stadt, wo deutsche Art
voll Kraft und Mut ihr Gut bewahrt,
wo deutsch die Glocken werben
und deutsch ein jeder Stein!
Ja sollt’ ich selig sterben,
in Danzig müßt es sein!
Früher war Danzig bedeutendes Mitglied der Hanse und stand mehrmals unter polnischer Oberherrschaft oder gehörte zum Königreich Preußen. Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg erklärten die Siegermächte durch den Versailler Vertrag Danzig zur Freien Stadt und stellten sie von 1920 bis 1939 unter Aufsicht und Schutz des Völkerbundes, während Polen freien Zugang zur Ostsee erhielt. Dadurch wurde Ostpreußen vom restlichen Reich abgetrennt. Es war eine Entscheidung ohne Volksabstimmung. Die Bevölkerung in Danzig, zu 95 Prozent mit Deutsch als Muttersprache, war entsetzt. Hinzu kam die anhaltende Propagandawucht der Nationalsozialisten und ihre Gewalt auf den Straßen. Vielleicht hatten die Nationalsozialisten deshalb so früh leichtes Spiel. Bei der Volkstagswahl Ende Mai 1933 erhielt die NSDAP 50,1 Prozent der Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Der Anfang des Untergangs von Danzig. Aber das wussten wir damals noch nicht.
Meine Eltern müssen sich Anfang der 30er-Jahre kennen gelernt haben, vielleicht schon Ende der 20-er. Sie musizierten zusammen in einem kleinen Orchester, in dem meine Mutter Mandoline spielte und mein Vater die Geige. Beide hatten eine gute Stimme. Ihr Sextett war an den Wochenenden für einen Verein unterwegs, der alkoholabhänge Mitglieder für ein paar Stunden aufmunterte. Stets vertrat mein Vater die Überzeugung, dass man Musik nur aus Freude macht. Ob mein Vater damals schon getrunken hat? Ich glaube nicht. Wenn, dann haben wir Kinder es nicht mitbekommen. Später haben sich die Menschen gern das Maul über ihn zerrissen.
Das Kaufhaus Sternfeld in der Langgasse, das größte moderne Kaufhaus des Freistaates, wie man zu Werbezecken gerne schrieb, zählte zu den ersten Adressen der Stadt. Mein Vater war als kaufmännischer Angestellter stolz darauf, dort eine führende Position zu bekleiden. Als Abteilungsleiter für Teppiche und Gardinen fühlte er sich am rechten Platz. Die Kunden waren froh, wenn sie von ihm bedient wurden, was sich abends in der Kasse bemerkbar machte. Wenn ihn meine Mutter mit unserer Schwester Christel besuchte, die vier Jahre älter war als wir Zwillinge, führte er sie stolz den Mitarbeitern seiner Abteilung vor. Dann musste sie auf einen Stuhl steigen und sich langsam drehen. Wie eine große Puppe wurde sie vorgeführt. Und wehe, wenn ihre Kleidung nicht saß oder verschmutzt war. Christel fand das alles schrecklich und war jedes Mal froh, wenn sie von meiner Mutter wieder an die Hand genommen wurde und sie sich nach Hause aufmachen konnten.
Zu Weihnachten lud die Geschäftsleitung des Kaufhauses alle Angestellten mit ihren Familien zu einem gemeinsamen Essen ein. Für uns Kinder gab es bunte Teller mit allerlei Köstlichkeiten. Und zum Abschluss saßen wir ganz gebannt vor einer kleinen Bühne, wenn Kasperle uns vorspielte, wie gerissen und unverwundbar er doch ist. Auch das Kaufhaus Sternfeld wurde von den Nazis enteignet. Von da an hieß es Grundmann & Co, woran sich aber kaum jemand hielt und alle Bürger weiterhin den ursprünglichen Namen benutzten.
Meine Mutter war eine herzensgute Frau. Stets hielt sie sich im Hintergrund, war immer um Ausgleich bemüht und zeigte Verständnis, wenn wir Kinder wieder mal etwas ausgefressen hatten. Dann hatte sie längst schon alles in Ordnung gebracht, bevor mein Vater nach Hause kam. Drohte der Haussegen schief zu hängen, griff sie zur Mandoline, spielte ein, zwei Lieder. Wenig später nahm dann mein Vater die Geige zur Hand und alles war wieder gut. Ein Hausmittel, das ihr ganzes Leben wirkte.
Auch meine Mutter war berufstätig. Sie hatte eine Anstellung in einem Lederwarengeschäft in der Innenstadt, bei einer jüdischen Familie. Dachte ich immer. Christel ist sich jedoch sicher, dass sie als Sekretärin beim Deutschen Vorposten in der Kettenhagergasse gearbeitet hat. Es war das Parteiorgan der NSDAP, eine Tageszeitung, die unter der harten Hand des Herausgebers und Reichstatthalters Albert Forsters gegen Staatsfeinde hetzte und Judenhass predigte. Albert Forster war ein enger Vertrauter Adolf Hitlers und ein gefürchteter und brutaler Mensch.
Wenn unsere Eltern arbeiteten, waren Lore und ich unten im Haus bei Oma Teschke, wie wir sie nannten. Unsere ältere Schwester ging ja schon zur Schule. Bei Oma Teschke durften wir mehr oder weniger machen, was wir wollten. Sie war eine herzensgute Frau, etwas kleinwüchsig, ihre Haare stets zu einem Dutt gesteckt. Meist schien es so, als würde sie nur vor dem Herd stehen. Jedenfalls wenn wir bei ihr waren. Überraschten wir sie beim Frühstück, durften wir an ihrer Kaffeetasse nippen und den Geschmack von frisch aufbereiteten Bohnen genießen. Dann war ich völlig hin und weg und wünschte mir, bald groß genug zu sein, um für mich endlich auch Kaffee aufbrühen zu können. Später nahm Christel mir eine Illusion, als sie daran erinnerte: „Bohnenkaffee? Das war Malzkaffee! Etwas anderes gab es damals nicht.“
Nur einmal haben wir Oma Teschke richtig wütend gemacht. Sie schickte uns zum Spielen raus in den Garten, drückte uns eine große Stulle in die Hand, die dick mit Leberwurst bestrichen war. Lore und ich schauten uns fragend an. Draußen nahmen wir zaghaft einen Bissen in den Mund, verzogen sogleich unser Gesicht. Es schmeckte fürchterlich. So hungrig wir oft waren, das war ganz und gar nicht unser Fall. Wir nahmen unserer kleinen Schaufeln und streuten Sand darauf, taten so, als seien uns die Brote aus der Hand gefallen. Und vergruben sie schließlich, um kein zweites Mal davon abbeißen zu müssen. Unser Pech war nur, dass Oma Teschke alles von ihrem Küchenfenster aus beobachtet hatte. Was wir uns später anhören mussten, kann sich jeder vorstellen. Sie wurde zum ersten und einzigen Mal richtig böse. Lebensmittel wegschmeißen, das konnte sie gar nicht verknusen. Schon gar nicht in diesen Zeiten.
Was ich noch in Erinnerung habe? Mit Frau Kohnke kam sogar eine Waschfrau zu uns nach Hause, die ein paar Häuser entfernt wohnte. Und eine Schneiderin nahm Maß. „Brust raus, Bauch rein“, sagte Frau Dombrowski immer, die sich nebenbei etwas hinzuverdiente und zwei bis drei Mal im Jahr bei uns vorbeikam. Wir Kinder fühlten uns in den neuen Kleidern wie kleine Prinzessinnen.
Die Bewohner in unserem Wohnhaus Bischofsberg 15 kamen aus allen Berufen. Ein Werkmeister und Postinspektor. Ein Lagerist und Schlosser. Ein Straßenbahnschaffner und mehrere Angestellte, wobei bei einigen der Zusatz kaufmännischer Angestellter vermerkt war. Zu guter Letzt noch zwei Witwen. Menschen, die sich respektierten und füreinander da waren, wenn ihre Hilfe gebraucht wurde.
Der Bischofsberg zählte nicht zu den nobelsten Stadtteilen Danzigs. Der Hügel wurde von den erholungsbedürftigen Stadtbewohnern trotzdem gern als Ausflugsziel aufgesucht, weil der Ausblick auf die Stadt grandios war. So war es kein Wunder, dass häufig auch Fotografen und Maler den Berg hinaufwanderten, um den Panoramablick mit ihren Staffeleien und Fotoapparaten festzuhalten.
Am Wochenende strömten die Bewohner aus der Unterstadt zu uns hoch. Der Ausblick auf die Türme der Marienkirche, die Kuppeln der Großen Synagoge, die auf Druck der Nazis 1939 im April abgerissen wurde, und den Turm des Rathauses war überwältigend. Wenn das Wetter besonders klar war, konnte man sogar über die Ostsee bis zur Halbinsel Hela sehen.
Eines Tages hörte man von morgens bis abends lautes Motorengeräusch. Kolonnen von Lastwagen fuhren mit Steinen beladen den Berg hinauf. Über Tage, Wochen und Monate wurden Baumaterial und schwere Geräte angefahren. Zwei Jahre lang, bis 1940, zogen sich die Arbeiten hin. Dann stand es, das Paul-Beneke-Haus, die größte Jugendherberge des Deutschen Reiches. Imposant und raumgreifend. Benannt nach einem Freibeuter und Stadtrat von Danzig aus dem 15. Jahrhundert.
Der Bischofsberg bedeutete uns immer heile Welt. Wir fühlten uns wie auf einem großen Turm, von Mauern fest umgeben. Wenn wir hinunter in die Innenstadt gingen, zog sich ein geschlungener Weg bis hinter den Bahnhof hin. Bei den Stufen der langen Treppe musste man seine Augen aufhalten. Wenn unser Cousin Jürgen uns besuchte, ermahnte ihn seine Mutter: „Pass auf und geh langsam.“ Natürlich fiel er öfter hin und schlug sich Knie oder Ellenbogen auf. Christel hingegen war ziemlich geschickt, wenn sie Oma Etmansky im Altstädter Graben besuchte, um ihr ein Netz mit Strümpfen vorbeizubringen, die dann ausgebessert wurden. Für den Heimweg erhielt Christel jedes Mal ein paar Malzbonbons, von denen sie für die Kleinen einige übrig behielt.
Weit einzukaufen hatten wir nicht. Zumindest das Nötigste erhielten wir hier oben: Es gab eine Kartoffelhandlung, eine Obst- und Gemüsehandlung, ein Milchspezialgeschäft, eine Schuhmacherei, ein Strickwarenfabrik, eine Drogerie und das Cafe Bischofshöhe mit Saal- und Gartengaststätte. Den Rest brachten meine Eltern von unten aus der Innenstadt mit.
Schon 1936 war die Sozialdemokratische Partei verboten worden. Ein Jahr später konnte auch kein Bürger mehr die Deutschnationale Volkspartei oder die Zentrumspartei wählen. Die Nationalsozialisten jubelten und hetzten weiter gegen Andersdenkende oder gegen Juden, gegen die immer härter und brutaler vorgegangen wurde. Geschäfte wurden geplündert und Privatwohnungen verwüstet. Als die Große Synagoge von den Behörden zum Abriss freigegeben wurde, stand ein Schild davor mit der Aufschrift: „Komm lieber Mai und mache von Juden uns jetzt frei!“ Spätestens jetzt entschlossen sich viele Juden zur Flucht. Ein Großteil derjenigen, die nicht gehen wollten, verloren ihr Leben.
Ich habe vieles aus der dunklen deutschen Geschichte erst später erfahren. Und heute bin ich froh, dass ich noch ein Kind war und vieles nicht verstand. Was hätte ich über meinen Vater gedacht, der schon 1933 in die NSDAP eingetreten ist? Wie hätte ich seine guten Kontakte zu den Parteifunktionären bewertet? Wäre ich durch die Erziehung nicht auch überzeugte Nationalsozialistin geworden? Andererseits saßen bei uns zu Hause an manchen Abenden wildfremde Menschen am Wohnzimmertisch. Teilweise waren Kinder dabei. Manchmal hielt die eine oder andere Frau ein Baby im Arm. Wir Kinder hätten zu gern gewusst, wer sie waren, woher sie kamen und was sie zu uns geführt hatte. Doch jedes Mal wurde die Tür fest zugezogen und uns unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass alle drei Kinder in unsere Bettchen zu verschwinden hätten. „Das sind Juden“, flüsterte meine Schwester. Auch damit wusste ich nichts anzufangen. Am nächsten Tag waren die Besucher schon vor unserem Aufstehen verschwunden. Wehe, eines der Kinder hätte nachgefragt.
Mein Vater hielt es 1937 an der Zeit gekommen, unseren polnischen Familiennamen abzulegen. Schon 1934 hatte der Gauleiter von Danzig, Albert Forster, die Volksgenossen mit polnisch klingenden Namen aufgefordert, diese eindeutschen zu lassen. So hießen wir ab sofort nicht mehr Etmanski sondern Etmann. Waren wir jetzt bessere Deutsche? Oder restlos überzeugte Nationalsozialisten? Mein Vater schien für seine Familie den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.
Unsere Verwandtschaft war eine kunterbunte Gesellschaft. Wenn wir uns fragten, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis dieser Onkel oder jene Tante zu uns standen, kamen wir mitunter selbst ganz durcheinander oder stritten, wer nun mit welchem Familiengrad mit uns verwandt ist und wer nicht. Schon bei meiner Großmutter, die wir alle liebevoll Omi Kluwe nannten, ging vieles kreuz und quer. Sie muss ein wahrer Männerschwarm gewesen sein und scherte sich kaum darüber, was die Menschen über sie dachten oder sagten. Na ja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Aber so ungefähr. Sie war gleich fünfmal verheiratet und hatte von jedem Mann ein Kind. Oder waren es doch sechs Ehemänner und sechs Kinder? Ich glaube, niemand in der Familie kann das ganz genau sagen.
Als meine Mutter, die Erstgeborene, unterwegs war, aber ihre Mutter plötzlich ohne Mann dastand, floh sie aus Hamburg nach Danzig. Hier tauchte sie bei ihrer Schwester Anna unter und ließ das Kind nach seiner Geburt bei ihr, die das Mädchen als ihr eigenes ausgab, so dass in Hamburg das Gerede von einem unehelichen Kind gar nicht erst aufkommen konnte. Für uns war „Omi Kluwe“ immer unsere Oma, soweit ich mich erinnern kann, auch wenn sie eigentlich unsere Tante hätte sein sollen.
1939 – Nichts war mehr so wie vorher
Ein Donnern zerriss die Nacht. Von einem auf den anderen Augenblick erzitterte die ganze Stadt, die Häuser bebten und ihre Bewohner fielen vor Schreck aus dem Schlaf. Unserer Eltern nahmen uns hastig an die Hand, liefen mit uns aus dem Haus in der Hoffnung, irgendetwas vom Bischofsberg aus unten in der Stadt sehen zu können. Die schweren Geschütze des Marine-Schulschiffes „Schleswig-Holstein“ hatten das Feuer auf das polnische Munitionslager auf der Westerplatte, einer Halbinsel zwischen Hafenkanal und Ostsee, eröffnet. Nichts war mehr so wie vorher.
Am 1. September 1939 wurde Polen überfallen.
Der Beginn des 2. Weltkriegs.
Der Anfang des Untergangs.
Von heute auf morgen gehörte die Freie Stadt Danzig zum Deutschen Reich. Die Menschen strömten in die mit Hakenkreuz-Fahnen überzogene Stadt und die Mehrheit der Deutschen jubelten, auch wenn Deutschland ohne Kriegserklärung sein Nachbarland Polen überrollt hatte.
Wenige Tage später, am 19. September 1939, war die Begeisterung auf dem Höhepunkt. „Danzig grüßt seinen Führer“, stand in der Stadt überall zu lesen. Um 17 Uhr hielt Adolf Hitler im Artushof, dem Wahrzeichen am Langen Markt, zu dem früher nur Kaufleute und Adelige Zutritt hatten, vor Militärprominenz und Parteischickeria eine Ansprache, die auch im Rundfunk übertragen wurde. Hitler hypnotisierte die Massen: „Danzig war deutsch, Danzig ist deutsch geblieben, und Danzig wird von jetzt ab deutsch sein, solange es ein deutsches Volk gibt und ein Deutsches Reich.“
Ob mein Vater im großen Saal dabei sein durfte, oder in der jubelnden Menge draußen am Langen Markt stand, weiß ich nicht. Aber so, wie sich die Leute erzählten, hatte er immer gute Verbindungen. Er, der glänzend zu organisieren verstand, hatte es irgendwie hinbekommen, dass meine Schwester mit ihren sechs Jahren dem Führer einen Blumenstrauß zur Begrüßung überreichen durfte: Blond, mit Zöpfen und einem Engelsgesicht. Hitler gab sich für die Propaganda gern kinderlieb. Wenn wir meinen Vater fragten, was uns die Zukunft bringen würde, antwortete er stets: „Wir gewinnen den Krieg und dann geht es uns allen richtig gut.“
Der Beginn des 2. Weltkriegs stürzte Millionen von Menschen in die Katastrophe. Und auch für mich änderte sich mein Leben schlagartig. Ich war gerade flink genug auf den Beinen, als ich mit Lore im Schlafzimmer meiner Eltern herumtobte und wir uns einen Bauklotz zuwarfen. Als er unters Bett fiel, wollte Lore ihn sofort holen, doch ich hielt sie an den Beinen fest, weil ich schneller sein wollte. Als ich dann unter das Bett gekrochen bin, faszinierte mich plötzlich etwas ganz anderes: Mich zogen diese Löcher in der Wand wie ein Magnet an und ich wollte unbedingt herausfinden, wie weit ich meine Daumen in die Steckdose stecken könne.
Mein Geschrei war groß, sehr groß sogar. Und dann machten meine Eltern auch noch den Fehler, die Wunden dick zu bewickeln, so dass keine Luft herankam. Die Daumen fingen langsam an zu faulen, wurden schwarz und als man schließlich einen Arzt aufsuchte, war es zu spät: Meine Daumen mussten amputiert werden.
Seit diesem Unfall war ich für meinen Vater sein Sonnenschein, wie mir meine Schwestern bis zum heutigen Tag erzählen. Ich habe das nie so empfunden. Wenn er in mir wirklich seinen Sonnenschein sah, so muss es dafür andere Gründe gegeben haben. Eines glaube ich bis zum heutigen Tag: Ich habe einen Schutzengel, der nicht von meiner Seite weicht. Der mich vor dem Schlimmsten bewahrt, der seine schützenden Hände über mich ausbreitet. Zumindest wenn es um mein eigenes Leben geht.
Im Juli 1941 zog mein Vater als Soldat in den Krieg und wurde als Gefreiter in Wien stationiert, im Transportbegleit-Regiment. Erst im Dezember 1942 kam er zum ersten Mal für wenige Tage nach Hause, bevor er wieder losziehen musste. Meine Eltern haben damals vereinbart, wenn sie sich jemals aus den Augen verlieren sollten, dann würden sie in Hamburg bei meiner Großmutter aufeinander warten.
Kurz vor unserem 7. Geburtstag wurden Lore und ich in die Volksschule Schwarzes Meer eingeschult. Unser Vater war wieder irgendwo im Krieg und unsere Mutter führte den Frauenhaushalt. Sie musste Entscheidungen treffen, die sie gern abgegeben hätte. Unsere Schule befand sich in einem altehrwürdigen Kolossalbau mit zwei Eingangsportalen. Eines für die Knaben, eines für Mädchen.
