Egal was andere sagen - Eloy de Jong - E-Book

Egal was andere sagen E-Book

Eloy de Jong

0,0

Beschreibung

Erinnern Sie sich noch an Caught in the Act? Die holländische Boygroup stand in den 90er-Jahren ganz oben in der Gunst der Fans. Diese waren fast ausnahmslos Mädchen - undenkbar, dass einer ihrer Idole schwul war. Bis eines Tages "CITA"-Mitglied Eloy de Jong und Boyzone-Sänger Stephen Gately sich öffentlich zu ihrer Liebe bekannten, ein Tabubruch in der strengen Pop-Branche. Heute ist Eloy de Jong einer der erfolgreichsten Sänger in Deutschland, der Millionen von Fans auf seinen Konzerten und Fernsehshows begeistert. Seinen großen Durchbruch schaffte er mit dem Song "Egal was andere sagen", einer Coverversion des Boyzone-Welthits "No Matter What", mit dem er an den inzwischen verstorbenen Gately erinnerte. In seiner Autobiografie erzählt Eloy de Jong seine sehr bewegende Lebensgeschichte, spricht zum ersten Mal ausführlich über eine schwierige Kindheit, bestimmt von Gewalt und Alkoholismus in der Familie, das Leben als heimlich homosexueller Popstar, sein Coming-Out und den schwierigen, aber erfolgreichen Weg in ein glückliches, freies Leben als schwuler Familienvater.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



INHALTSVERZEICHNIS

Werden wir eine Regenbogenfamilie?

Kein bisschen Frieden

Irgendwie Anders

Ich tanze, also bin ich

Vier Boys sollt ihr sein

Love is everywhere

Scheinwerferlicht und Schattenseiten

Freunde für immer?

Egal was andere sagen

Je höher der Berg, desto tiefer das Tal

Das grösste Glück

Die nackte Wahrheit

Nachwort

VORWORT

WERDEN WIR EINE REGENBOGENFAMILIE?

29. Juni 2011

Auf der Frühchenstation des

South Miami Hospital, USA

730 Gramm, nicht viel mehr als eine Handvoll Leben. Gesunde Babys wiegen etwa drei Kilo, wenn sie geboren werden. Unsere Indy wollte schon in der 24. Woche wissen, wie es sich anfühlt, auf der Welt zu sein – über drei Monate zu früh. Und jetzt ist sie da. Die Augen hat sie noch geschlossen, sie liegt im Brutkasten – ein kleines zerbrechliches Püppchen. Die Ärzte tun alles, damit sie es schafft und leben wird, damit wir sie bald mit zu uns nach Holland nehmen können. Wir sind drei Eltern: Ilja, unsere Freundin, die Indy zur Welt gebracht hat, mein Partner Ibo und ich. Wir hatten zusammen den großen Traum, ein Kind zu bekommen: hier eine Mama, dort zwei Papas und ein Kind, das wir lieben und das abwechselnd mit Ibo und mir oder Ilja leben sollte. Mit Ibo eine Regenbogenfamilie zu gründen, das war mein größter Wunsch.

Die letzten Monate, als Ilja noch schwanger war, hatten wir uns oft hingesetzt und uns gefragt, wie Indy wohl sein würde, eher musikalisch und kreativ oder mathematisch und logisch, wie viel Taschengeld wir ihr geben würden, wie wir uns verhalten, wenn sie partout keinen Sport machen will oder später die falschen Jungs oder Mädchen mit nach Hause bringt, so wie sich das alle Eltern fragen. Und nun sitzen wir hier, hineingeworfen in ein Drama. Jetzt ist es völlig egal, wie sie später sein wird, was ihre Hobbys sein werden oder ob uns ihre erste große Liebe passt: Wir beten, hoffen und bangen jetzt gerade einfach nur um das Leben unserer Tochter.

Ich habe gelernt, dass der Körper eines zu früh geborenen Babys aus unzähligen Schwachstellen besteht, weil einfach noch nichts fertig entwickelt ist. Indy war noch im Mutterbauch behandelt worden, um ihre Lungenflügel zu aktivieren. Sie hatte kleine Blutungen im Gehirn und es mussten mehrere hochkomplizierte Operationen durchgeführt werden. In ihrem winzigen Näschen steckt jetzt eine Sonde, über die sie ernährt wird, weil ihr Darm noch nicht selbstständig verdauen kann. Und sie ist überall mit Elektroden verkabelt. Wir haben schon mehrmals gedacht: Jetzt verlieren wir sie. Auch, weil die Ärzte das gesagt haben. Ich schaue auf die fast durchsichtige Haut, die winzigen Händchen und Füßchen – und hoffe einfach nur so sehr, dass sie es schafft. Ihre Bewegungen sind ungelenk und abgehackt, wie die eines kleinen Roboters.

Ich möchte meine Tochter streicheln, sie wissen lassen, dass ich hier bin, ihr Wärme schenken, sie beschützen und ganz nah bei ihr sein. Aber ich darf nicht: Die Ärzte hier haben uns strikte Anweisungen gegeben, Indy nicht anzufassen, weil ihre Haut noch zu dünn ist und reißen könnte. Nicht mal den Finger darf ich durch eine Öffnung im Brutkasten stecken, um sie ganz sacht zu berühren. Also wache ich an ihrer Seite. Ich versuche, nicht zu weinen und hier neben ihr meine Traurigkeit zu vergessen, um Indy nur positive Energie zu schenken. Ich singe ihr die ganze Zeit Lieder vor, am liebsten Landslide von Fleetwood Mac: Oh, mirror in the sky, what is love? Can the child within my heart rise above? Can I sail through the changin’ ocean tides? Can I handle the seasons of my life?

Aus dem Zimmer hier mit Indy schaue ich direkt auf eine große Wand mit vielen bunten Plaketten. Die stationsleitende Schwester May ist einer der wenigen Lichtblicke in diesen dunklen Tagen. Wir nennen sie „Guardian Angel May“ – unseren Schutzengel May. In ihrer herzlichen, liebevollen Art hat sie uns erklärt, dass das die „Wall of Hope“ ist, die Wand der Hoffnung. Andere Eltern, deren Kinder auch zu früh auf die Welt kamen und die es ins Leben geschafft haben, lassen hier Fotos und Namen ihrer Babys anbringen, sobald sie sie mit nach Hause nehmen dürfen. Wir wissen noch nicht, ob Indy genug Kraft hat. Ob sie überleben wird. Aber es ist mein sehnlichster Wunsch, dass wir unseren Traum leben und bald zusammen mit ihr das Krankenhaus verlassen können. Dass auch wir an der Wand der Hoffnung eine Plakette anbringen können.

KAPITEL 1

KEIN BISSCHEN FRIEDEN

Ba-dumm, ba-dumm, ba-dumm! Mein Herz hämmert so stark, dass ich es bis in die Schläfen spüre. Die Menschenmassen draußen rufen im Chor immer wieder meinen Namen. Ich stehe auf, verlasse die Garderobe und gehe Richtung Bühne. Es fühlt sich an, als ob ich schwebe, ich kann mir selbst dabei zusehen, wie ich durch die Gänge schreite. Dort steht eine Gruppe von Fans, die mir zurufen, sie werden von Sicherheitsleuten im Zaum gehalten, aber ich halte an, gebe ihnen High Fives, Umarmungen und Autogramme. Dann gehe ich weiter, vorbei an dem Leuchtschild, auf dem „Stage“ steht, umrahmt von zahllosen Lämpchen. Alles leuchtet. Ich fahre mir durchs Haar, schaue noch einmal an mir herunter, Lederjacke und Jeans sitzen. Und dann bin ich endlich da. Auf der Bühne! Hier bin ich richtig, hier werde ich erwartet. Tausend Arme, in den Himmel gerissen. Die Luft ist voller Jubelschreie. Ich strahle. Enthusiastisch klatsche ich mich mit dem Publikum ein. Dann greife ich fest das Mikrofon in meiner Hand, führe es zu meinem Mund … und höre ein dumpfes Poltern. Ist etwas mit der Bühne? Ist das Mikrofon falsch eingestellt? Es wird lauter und lauter, es zieht mich von der Bühne …

… und heraus aus meinem Traum. Ich wachte auf. Das Poltern gehörte zu meinem Vater, der die Treppe hochwankte. Und ich war schlagartig wieder der Neunjährige, der in seinem Kinderzimmerbett in dem großen, aber durchschnittlichen Einfamilienhaus in Zoetermeer in Südholland, meiner Heimatstadt, lag. Das mit der Bühne war mein großer Traum, ich träumte nachts sehr oft davon.

Wir wohnten eine knappe Stunde vom Küstenstädtchen Schevenigen entfernt, weshalb immer viele deutsche Touristen hierherkamen. Ich selbst war kein großer Fan davon, am Strand zu liegen, in der Sonne zu braten und überall Sand zu haben – in den Klamotten, in den Schuhen, in der Badehose. Und dass alles vor Sonnencreme nur so klebte. Das ist eigentlich auch bis heute so. Ich mache lieber im Winter Urlaub am Meer, wenn es draußen so richtig schön stürmisch ist und man sich dick eingemummelt hat. Im Sommer kann man doch auch entspannt am Pool liegen, oder? „Aber alle Kinder spielen gern im Sand!“, sagte meine Mutter amüsiert und kopfschüttelnd über meine Strandabneigung und zeigte auf Lucienne, kurz Lu, meine vier Jahre ältere Schwester, die es im Gegensatz zu mir liebte, im Meer zu schwimmen und dann mit ihrem Walkman und ihren Pferde-Comics stundenlang auf dem Strandtuch in der Sonne zu brutzeln. Aber ich war halt nicht wie andere Kinder.

ZWISCHEN RAMBO UND MADONNA

Mir reichte mein „Beach-Zimmer“. Als ich so elf oder zwölf war, wollte ich unbedingt, dass mein Zimmer aussieht wie eine Ferieninsel, am liebsten mit einer Strandhütte und echtem Sand. Ich bekam immerhin einen gelbbraunen Teppich, eine gelb gestrichene Decke und eine Zimmerpalme. Leider blieb der gewünschte Gute-Laune-Effekt aus, denn ich hatte gleichzeitig so schwere, dunkle Antikmöbel, die dem karibischen Kinderzimmerferientraum etwas im Weg standen. Mein Vater hatte ein Faible dafür, ohne sich je gefragt zu haben, ob Sideboard und Bett aus dunklem Nussholz von anno dazumal wirklich das passende Mobiliar für ein Kinderzimmer waren.

Ich hatte irgendwann ein Rambo-Poster von ihm bekommen, außerdem ganz viele Tonka-Spielzeugautos: Trucks, Jeeps, Bulldozer, LKW. Echte Jungssachen halt. Ich spielte nie damit. Und das Poster des Actionhelden überklebte ich später mit dem Bild eines wasserstoffblonden Showgirls mit knallroten Lippen: Madonna! Sie war mein Vorbild, nicht Sylvester Stallone, der ein Maschinengewehr und für meinen Geschmack viel zu viele Muskeln trug.

Unser Haus sah aus, als sollte es auf keinen Fall auffallen: Es war aus sandfarbenem Backstein, hatte ein Flachdach und einen Garten. Es war ein für diese Gegend typisches Drive-in-Heim: Im Erdgeschoss war die Garage, darüber im ersten Stock das Wohnzimmer und die Küche, und darüber dann die Schlafzimmer. Das Haus stand in einer Reihe mit anderen Häusern im Wohngebiet von Zoetermeer, eine öde Konkurrenz in Sachen Unauffälligkeit. Unser Garten mit Blumen in allen Farben war dafür umso mehr der Stolz meiner Mutter Petronella beziehungsweise Nel, wie sie alle nennen.

Tag für Tag fiel mir hier die Decke auf den Kopf. Nach dem Aufwachen aus meinem Popstar-Traum, den ich oft so oder so ähnlich hatte, wurde mir auf schmerzliche Weise klar, dass um mich herum gar nichts so glänzte und leuchtete wie die Scheinwerfer und das Rampenlicht.

Versteh mich nicht falsch: Von außen betrachtet hatten Lu und ich alles. Ich durfte einen eigenen Fernseher mit Videorekorder auf dem Zimmer haben, hatte alle möglichen Spielsachen und Bücher, ich bekam sogar mit acht Jahren ein eigenes Pony, Snoopy, mit einer Kutsche und später ein Pferd. Mehr als das: Lu und ich bekamen gleich einen ganzen Stall voll! „Ihr wollt ein Pferd?“, sagte mein Vater zu meiner Schwester und mir, als wir von nichts anderem mehr redeten. „Bitte sehr!“ Er kaufte erst eins, dann noch eins, bis es fünf waren. Eine ganze Herde, nur für uns. Weil er es konnte. Warum, werde ich gleich noch erklären. Ich erinnere mich, dass ich Snoopy einmal mitsamt Kutsche bei uns zu Hause im Garten geparkt hatte, weil er mit seinen kleinen, kurzen Beinen den Rückweg nicht gepackt hätte, der Stall war einfach zu weit entfernt. Morgens hatte er dann sämtliche der heiß geliebten und akribisch gepflegten Blumen meiner Mutter weggefuttert. Ich glaube, das war das erste und einzige Mal, dass meine Mutter mich angefahren hat … Ansonsten war sie für mich wie ein Engel.

Insgesamt sehe ich meine Kindheit trotz mancher schönen Erinnerung rückblickend eher in einem matten, tristen Grau – sie läuft vor meinem inneren Auge wie ein Schwarz-Weiß-Film ab. Es klingt abstrakt für mich, wenn Freunde mir manchmal erzählen, sie wüssten noch, wie sie mit zwei Jahren im ersten Urlaub waren oder mit vier Bambi im Kino gesehen haben. Meine Kindheitserinnerungen setzen viel später ein … „Kannst du dich denn wirklich an gar nichts Schönes erinnern?“, hat mich meine Mutter oft gefragt. Klar, es gibt kleine Splitter oder Fragmente, zum Beispiel wie ich mit Lu spiele oder wir bei den Pferden sind. Aber so lange ich auch überlege, ich muss ihre Frage verneinen – und das lag nicht nur, aber hauptsächlich an meinem Vater …

WEIT WEG VOM REGENBOGEN

Ich kann mich an keinen Abend in meiner Familie erinnern, an dem mein Vater nicht trank. Nein, ich möchte es so sagen, wie es war: an dem mein Vater nicht sturzbesoffen war. Er trank meistens Genever, so einen abartigen 35%igen Wacholderschnaps aus Belgien. Schon wenn ich mir heute nur vorstelle, wie das Zeug roch, wie er roch, wird mir übel. Ohne anzuklopfen, kam er oft abends in mein Zimmer, wenn ich noch Comichefte durchblätterte, um wortlos das Licht auszuschalten oder mich anzufahren. Es gab auch Abende, wo er unten den Stecker zog, sodass ich plötzlich nur noch Schnee auf meinem Fernseher sah. Er war willkürlich und unberechenbar mit uns Kindern.

Sein Vorname, Prospèr, passte ziemlich gut: Er bedeutet so viel wie „glücklich“ und „erwünscht“, aber auch „gedeihen“ und „Erfolg haben“ – und erfolgreich war mein Vater: Er arbeitete tagsüber selbstständig als „Businessman“, wie er es nannte, und hatte ein Händchen für Geldgeschäfte, die ihn schon immer über die Maßen interessiert hatten. Einmal kaufte er zum Beispiel 30 000 alte Telefone aus einem Bestand auf und verscherbelte sie anschließend wieder. Er machte dabei einen riesengroßen Gewinn, auf den er mehr als stolz war. Er sah auch stattlich und attraktiv aus, meiner Mutter gegenüber konnte er früher sogar ein Charmeur sein, wie sie uns erzählte. Innerlich war er aber ziemlich verbittert – und er kleidete sich wie jemand, der kaum Geld hat, obwohl er so viel verdiente. Er wollte das so, das war seine Art von Understatement. Alles, was auch nur den Hauch von Mondänität mit sich brachte, lehnte er strikt ab. Sich selbst gönnte er so gut wie nichts.

Er verachtete Banken und glaubte nicht an sie, deshalb trug er immer ein dickes Bündel mit Geldscheinen in der Hosentasche spazieren, um uns und allen anderen in jeder Situation demonstrieren zu können, wie wohlhabend er war. Jedes halbe Jahr hatten wir ein neues Auto vor der Haustür. „Wenn das hier dreckig ist, dann kaufen wir uns ein neues“, sagte er jedes Mal überstolz, nachdem er schon wieder ein neues erworben hatte. Und das war gar nicht mal so übertrieben …

Er spielte manchmal eine Art Geldbingo mit uns, das waren so seine kleinen, schrägen Spielchen. Bei einem sollten wir uns zwischen zwei Geldscheinen entscheiden – sowohl die Fünf- als auch die Tausend-Gulden-Note waren früher beide grün und daher zusammengefaltet nicht zu unterscheiden. „Welche willst du, welche willst du?!“, fragte er dann ungeduldig. „Du musst dir eine aussuchen!“ Ich konnte damit nichts anfangen, zu gewinnen gab es für uns bei dem Spiel nichts, aber es ging ihm offenbar darum, uns einen ebenso großen Sinn fürs Geschäftliche anzuerziehen, wie er selbst ihn hatte.

Er hatte wirklich ein ambivalentes Verhältnis zu Geld: Einerseits häufte er Besitztümer an, gleichzeitig machte er anderen vor, dass er ein armer Schlucker war. Er hortete auch Unmengen an Konservenbüchsen, als hätte jede Sekunde der Dritte Weltkrieg losbrechen können. Auch wenn er selbst nicht gekämpft hatte, hatte er den Zweiten Weltkrieg doch miterlebt und wusste, was Armut bedeutet. Er war der typische Mann aus dieser Vätergeneration, der nicht nur nicht über seine Gefühle sprach, sondern sie unterdrückte, weil er damit nicht umgehen konnte. Weil er selbst von seinen Eltern keine Liebe erfahren hatte. Aber damals, als Kind, war ich Lichtjahre davon entfernt, sein Verhalten zu verstehen.

Einmal hatte ich mit meiner Schwester bei einem Gesangswettbewerb in einem Einkaufszentrum mitgemacht und alle Kinder hatten fürs Mitmachen eine Schallplatte mit dem holländischen Grand-Prix-Beitrag von Linda Williams bekommen, Het is een wonder. Ich liebte das Lied und wollte die Platte unbedingt am nächsten Tag mit in die Schule nehmen. Mein Vater schüttelte nur den Kopf und sagte: „Da geht sie nur kaputt.“ Als ich nicht lockerließ, riss er mir die Platte aus der Hand und zerbrach sie vor meinen Augen. „Jetzt ist sie kaputt. Nun kannst du sie nicht mehr mitnehmen.“ So war das mit ihm: Wenn ich etwas wirklich haben wollte oder mir etwas lieb und teuer war, dann verweigerte er es mir oder zerstörte es.

Er liebte es auch, mich in der Öffentlichkeit zu drangsalieren. „Los, geh zu dem Mann da“, befahl mein Vater gern aus heiterem Himmel, wenn wir auf dem Markt waren, und zeigte auf einen Pfannkuchenstand. Sofort schaltete er von neutral auf dominant um. „Geh sofort dahin und sag dem Verkäufer, dass du kein Geld hast und später bezahlst.“ Ich schämte mich abgrundtief. Doch mein Vater duldete keinen Widerspruch. Ich ging also mit meinen vielleicht sieben Jahren zu dem fremden Mann und überwand mich, ihm zu sagen, dass ich von ihm einen Pfannkuchen haben wollte, ohne dafür zu zahlen. Solche Schikanen passierten mir mit meinem Vater oft. Ich war dabei jedes Mal so unsicher und ängstlich, dass ich entweder ausgelacht wurde oder aus Mitleid wirklich etwas bekam, ohne dafür zu bezahlen. Was mir aber jedes Mal sicher war: der Spott und das Kopfschütteln meines Vaters – ich konnte es ihm nicht recht machen, ganz gleich, was ich tat. Heute weiß ich, dass er mich lehren wollte, für mich einzustehen und selbstbewusst zu sein. Seine Methoden bleiben natürlich mehr als fragwürdig …

Wir waren mal in einem Laden, um einen Pullover für mich zu kaufen. „Der hier ist gut für dich!“, entschied mein Vater über ein dunkelblaues Sweatshirt. Ich wollte lieber einen anderen Pullover, aber ich wusste schon, dass er keinen Widerspruch dulden würde, wenn man etwas gegen seinen Willen setzte. Ich wusste: Wenn ich einen anderen möchte, ist er zu Tode beleidigt und verlässt den Laden mit wehenden Fahnen – ohne etwas zu kaufen. Also widersprach ich nicht. Praktisch wie er war, kaufte er mir den Pulli auch noch in allen weiteren vorhandenen Farben. „Dann reicht es erst mal für die nächsten Jahre“, sagte er stolz. Zum Glück kaufte meine Mutter mir die Sachen, die ich wollte, so hatte ich in meinem Kleiderschrank die nächsten Monate immerhin die Auswahl aus einem kompletten Regenbogen …

Als Kind fiel mir nicht auf, wie dominant das Verhalten meines Vaters war. Aber wenn ich das Geld und die materielle Fülle aus meiner Kindheit gegen seine Zuneigung und sein Interesse hätte tauschen können, hätte ich es sofort getan.

Ich glaube, mein Vater handelte oft aus Unsicherheit heraus. Einmal fragte er mich, als wir allein zu Hause waren, aus heiterem Himmel und bestimmt fünf-, sechsmal hintereinander: „Wen liebst du mehr, deine Mutter oder mich?“ Ich sagte ihm nicht die Wahrheit – dass es natürlich sie war, die ich viel mehr und über alles liebte, während ich mir ihn heimlich wegwünschte, weil ich ihn und sein Verhalten von Herzen verabscheute. Ohne ihn, so stellte ich es mir vor, wäre alles harmonisch und schön in meiner Familie: mit Mama, Lucienne und mir.

Ich denke heute, dass mein Vater spürte, dass wir drei eine Einheit gegen ihn bildeten und er deshalb einfach nur Macht ausüben wollte. Nein, ich denke, es war umgekehrt: Wir hatten uns zu einer Einheit formiert, weil er so war. „Da kommt ja wieder unsere Dreieinigkeit“, nannte er uns immer abfällig. Geschlagen hat er keinen von uns jemals, aber ich hatte trotzdem wahnsinnige Angst vor seinem Jähzorn und seiner Unberechenbarkeit. Und vor seinen schlimmen Worten. Die waren wie Prügel.

Wenn er getrunken hatte, stank mein Vater. Und er bekam ziemlich bald das Bedürfnis, herumzuschreien. Er schrie, weil ich noch nicht im Bett war, er schrie, weil ich zu laut gespielt hatte, oder er schrie einfach so. Vielleicht, weil ich atmete? Er wünschte uns Krankheiten an den Hals und beschimpfte mich, Lucienne und meine Mutter mit den widerlichsten Worten. Ich habe sie mir selbst für immer verboten und ich möchte sie dir an dieser Stelle ersparen.

Ich wartete und hoffte immer nur, dass er bitte endlich auf dem Sofa einschlafen möge, damit wir unsere Ruhe hatten. Wenn es endlich so weit war, liefen wir auf Zehenspitzen durchs Haus und versuchten, keinen Mucks zu machen, um ihn nicht aufzuwecken und diese herrliche Ruhe zu zerstören. Ich weiß noch, dass ich einmal Pommes mit Erdnusssoße für uns holen durfte. Wir drei aßen zusammen und nebenan schnarchte der Alte auf der Couch …

Morgens konnte er sich niemals an sein Verhalten vom vorigen Abend erinnern – er erinnerte sich grundsätzlich nie an seine Ausraster. Einmal nahm ich sein Gezeter mit einem Tonbandgerät auf, um es ihm später als Beweis vorzuspielen, aber ich traute mich nicht, aus Angst vor dem Donnerwetter.

Wenn ich heute alte Fotos anschaue, stolpere ich manchmal über ein Bild, auf dem er mich auf dem Schoß hat. Und das fühlt sich unwirklich an, wie eine Fotomontage. Er hat nie, wirklich nie gesagt, dass er mich liebt, dass ich ihm etwas bedeute, oder auch nur, dass er mich auf irgendeine Weise mag. Ich fragte mich schon als kleines Kind, wieso er eigentlich eine Familie haben wollte. Wir haben nicht miteinander gespielt, er fragte nie, wie der Tag im Kindergarten oder in der Schule gewesen war. „Doch, natürlich hat er euch geliebt“, hat mir meine Mutter einmal erklärt. „Aber als ihr anfingt, einen eigenen Willen zu entwickeln und eigenständige Persönlichkeiten zu werden, hatte er ein Problem damit. Das war zu viel für ihn.“

Ich kann mich daran erinnern, wie er mir das Fahrradfahren beibrachte: Er lief hinter mir her und schob mich an, bis ich von selbst fuhr und für einen kurzen Moment dachte, dass ich fliege. Da blitzt dann kurz so etwas wie eine schöne Erinnerung an ihn auf. Wie eine kleine kolorierte Stelle mitten im tristen Schwarz-Weiß-Film meiner Kindheit.

MEINE ERSTE GROSSE LIEBE: MAMA

Als ich vier und meine Schwester Lu acht Jahre alt war, war bei ihr eine schwere Form von Diabetes diagnostiziert worden. Das ist dann doch eine sehr frühe Kindheitserinnerung von mir: Ich erinnere mich noch genau an die dramatische Stimmung bei uns im Haus, meine Mutter und auch mein Vater waren krank vor Sorge, ich weiß noch, wie meine Mutter nicht wieder aufhören konnte zu weinen. Ab sofort musste das Essen von Lucienne peinlich genau abgewogen werden. Und die Spritzen für das Insulin, das sie jeden Tag brauchte, mussten damals noch abgekocht werden. Die meisten Sorgen in unserer Familie waren ab diesem Zeitpunkt auf Lucienne gerichtet. „Wenn ich sie gesund machen könnte, würde ich alles dafür tun“, sagte mein Vater oft. „Und wenn es alles Geld auf der Welt kosten würde.“

Obwohl sie meine ältere Schwester war, fühlte ich mich deswegen schon jung wie ein Beschützer für Lucienne. Aber ich glaube, dass das umgekehrt auch so wahr. Wir spielten oft miteinander und ahnten schon sehr früh, dass es wohl besser wäre, wenn wir zusammenhalten. Lu versuchte immer, soweit es ging, eine Fantasiewelt für uns zu erschaffen, in der es keinen betrunkenen Vater gab, wo wir nicht angeschrien wurden und wo Harmonie herrschte. Sie hatte eine Puppe mit blauen Augen und blonden Locken, Madeleine. Wir konnten uns stundenlang damit beschäftigen, mit ihr Gespräche zu führen – Lu lieh ihr ihre Stimme – und zu spielen. Madeleine war wie eine Freundin oder zweite Schwester für uns.

Beziehungsweise wie eine dritte Schwester: Denn bei uns im Haus lebte noch Loes, unsere Halbschwester aus der ersten Ehe meines Vaters, die über 20 Jahre älter war als Lu und ich. Auch sie war krank – sie ist geistig behindert, mit stark autistischen Zügen – , was sich in ständigen Tobsuchtsanfällen und fürchterlichen Zuständen zeigte, in denen sie völlig außer sich war.

Meine Mutter kümmerte sich aufopferungsvoll um meine Schwester und um mich, aber auch um meine Halbschwester. „Ich lebe nur für euch Kinder“, sagte sie oft. Sie tat immer alles, damit wir uns gut fühlten. Sie versuchte, uns das Gezeter unseres Vaters vergessen zu machen. Ich glaube, dass ich durch sie gelernt habe, was es heißt zu lieben: wenn du alles für jemanden tun würdest und es nicht ertragen kannst, dass es ihm oder ihr nicht gut geht. Doch was sie selbst nie gehabt hatte, hat sie auch uns nicht wirklich ermöglichen können: ein harmonisches Zuhause.

Wenn ich sie weinen sah, brach es mir das Herz. Für sie wollte ich immer ein kleiner Sonnenschein sein. Der Einzige in der Familie, der ihr keinen Kummer bereitete, der kein Sorgenkind war. Ich wusste schon früh, wie sehr sie unter meinem Vater litt, und ich wollte einfach nur, dass sie glücklich ist. Sie hatte schon so viel zu ertragen, ich wollte keine zusätzliche Belastung sein. Ich sah mich immer als ihr Glücksbringer, von dem nur gute Nachrichten kamen. Das ist bis heute noch so: Ich überlege mir immer sehr gut, was ich ihr erzähle, und was ich lieber nur mit Ibo oder engen Freunden bespreche.

Ich habe meine Großmütter und -väter nicht gekannt und auch zu den Geschwistern meiner Eltern gab es wenig Kontakt, auch weil sich viele nach und nach von meinem Vater distanziert haben. Er hatte vor uns drei Kinder mit seiner ersten Ehefrau: Neben Loes gab es auch noch meine Halbbrüder Rob und Bob – wie du noch lesen wirst, war mein Vater bei ihnen noch nicht so kreativ in Sachen Namensfindung wie bei mir –, als meine Mutter mit meinem Vater zusammenkam, kümmerte sie sich ganz am Anfang auch um seine Kinder. Rob hatte später einen Stand auf einem Antik- und Flohmarkt und ich half ihm. Als ich geboren wurde, war ich schon Onkel von seinen Kindern! Bob ist inzwischen gestorben und mit Rob und seiner Familie habe ich bis heute keinen Kontakt. Warum, weiß ich nicht, vielleicht habe ich ihn immer zu sehr an unseren Vater erinnert …

Es gab aber noch meine Tanten Sjaan und Hennie, die älteren Schwestern meiner Mutter und wichtigsten Bezugspersonen für uns Kinder. Vor allem Tante Sjaan war für mich wie eine Oma. Sie war auch die Einzige, die zu uns hielt, obwohl mein Vater schwer auszuhalten war. Sie kam durch Wind und Wetter zu uns nach Hause, um auf uns Kinder aufzupassen oder Streit zu schlichten. Wir gingen auch oft zu ihr, wenn bei uns der totale Krach zwischen meinen Eltern losbrach. Nur leider blieb meine Mutter nach jedem großen Streit bei meinem Vater und trennte sich nicht von ihm, wie ich mir immer wieder erhoffte.

Ich wusste damals noch nicht, dass meine Mutter eine Mitschuld an ihrer – und unserer – Misere trug. Dass sie einfach nie die Kraft hatte, meinen Vater zu verlassen und neu anzufangen. Ich blendete alles aus, sah sie als Engel und ihn als Teufel. Sie hatte sich einen Mann ausgesucht, der ihrem eigenen Vater, auch ein Trinker, sehr ähnlich war. Und der sie, die naive 17-Jährige (mein Vater war 34, als sich die beiden kennenlernten), befreien sollte aus ihrem Familienelend, wie ein Ritter mit glänzender Rüstung. Die blieb bei ihm nur meistens im Schrank. Meine Mutter war auf dasselbe Muster hereingefallen, das sie aus ihrer Familie kannte. Ich glaube, dass sie ihn liebte oder dass sie das glaubte – und dass sie bis heute nicht damit aufgehört hat. Und diese Liebe, oder das, was sie dafür hielt, war größer als ihre Liebe zu sich selbst.

Manchmal sagte sie: „Du siehst aus wie dein Vater.“ Ich zuckte dann immer zusammen, als wäre ich beim Klauen erwischt worden. Für mich war das damals ein Schock. Heute kann auch ich es sehen: Ich sah ihm ähnlich – mein Vater hatte auch diesen etwas dunkleren Hautton und dunklere Haare. Als Kind hatte ich mich selbst und meine Bedürfnisse nie im Blick, mir tat immer nur meine Mutter leid, vielleicht war das schon eine Art emotionale Co-Abhängigkeit. Wenn sie traurig war, hatte ich das Gefühl, dass sie mich braucht. Ich sah damals noch nicht, dass es nicht nur Schwarz und Weiß, nicht nur den Bösen und die Gute in Beziehungen gibt. Wenn also meine Mutter mir sagte, dass ich aussähe wie mein Vater, war das fast so, als ob sie gesagt hätte, dass ich von Natur aus böse bin.

Ich hoffte jeden Nachmittag beim Nachhausekommen so sehr, dass mein Vater nicht da war, weil ich dann meine Mutter nur für mich hatte. Dann konnte ich mit ihr Tee trinken, Kekse essen, einfach nur fernsehen oder eine kleine Tanzshow für sie vorbereiten. Die Zeit mit ihr ging einfach viel schneller herum als die gefühlt endlosen Stunden, die ich meinen Vater ertragen musste.

Wenn ich heute Kinderfotos von mir und Lucienne sehe, kommen mir oft Zweifel. War vielleicht alles gar nicht so dramatisch? Habe ich mir das alles eingebildet? Wir sehen doch so fröhlich aus und sind so fein zurechtgemacht! Aber das liegt daran, dass meine Mutter es für uns so schön machen wollte wie eben möglich. Sie nahm sich selbst zurück und tat alles für uns. An Weihnachten war das ganze Haus geschmückt, wir hatten immer einen riesigen, prächtig geschmückten Baum und sie zauberte einen wunderschönen Frühstückstisch mit Kerzen, selbst gebastelter Tischdeko und den leckersten Sachen. Es war allerdings immer nur so lange schön, bis wir die Schritte meines Vaters auf der Treppe hörten. Dann war allen klar, dass es gleich wieder laut und unangenehm werden würde.

Es gibt aus der Weihnachtszeit auch ein Foto, das für mich meine ganze Kindheit auf erschreckende Weise auf den Punkt bringt, und ich zucke jedes Mal zusammen, wenn es mir alle Jahre wieder in die Finger gerät: Lucienne und ich haben uns für eine Tanzveranstaltung zurechtgemacht, wir strahlen beide um die Wette in die Kamera. Neben uns steht der üppige und prächtig geschmückte Weihnachtsbaum. Erst auf den zweiten Blick sieht man im Hintergrund etwas verschwommen das Sofa und darauf ein paar haarige Männerbeine in Socken. Sie gehören meinem Vater – wieder einmal war er betrunken eingeschlafen und schnarchte.

Ich wünschte mir schon als kleiner Junge, dass sich meine Eltern bitte trennen mögen. Dass mein Vater weggeht und wir bei Mama bleiben. Zwischen ihnen herrschte einfach immer nur Streit. Oft stritten sie sich im Auto, wenn wir Besorgungen machten oder Verwandte besuchten. In der Regel fing mein Vater aus heiterem Himmel an, meiner Mutter Vorwürfe zu machen, es war nicht gerade seine Stärke, Fehler bei sich zu suchen oder auf meine Mutter zuzugehen. Wenn es wieder losging, drückte ich jedes Mal sofort von der Rückbank aus unbemerkt den Knopf der Beifahrertür herunter – denn ich stellte mir vor, Mama könnte in voller Fahrt aus dem Auto springen wollen. Sie hätte uns nie verlassen und allein mit ihm zurückgelassen, aber ich hatte einfach Angst. In meinen Albträumen war das schon des Öfteren passiert: Meine Eltern schreien sich an und plötzlich fällt oder springt meine Mutter aus dem fahrenden Auto.

BERUFSWUNSCH: HAUPTSACHE, BERÜHMT

Gab es eine Rettung? Zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber ich versuchte, mich zu schützen. Und mir meine kleine Fluchtwelt zu bauen. Wenn ich nicht mit Lucienne spielte, verbrachte ich viel Zeit allein, malte und hörte Musik. Ich schloss die Tür zu meinem Zimmer – und wenn ich Glück hatte, war ich für ein paar Stunden ungestört und konnte so sein, wie ich wollte. Ohne gemaßregelt oder angeschrien zu werden. Und dann spielte ich meinen Traum nach: mit einem Teppich als Bühne, mit Bettlaken am Regal als Vorhang und einer Schreibtischlampe als Scheinwerfer. Ich stellte mich vor den Spiegel, eine Haarbürste als Mikrofon in der Hand, in sie sang ich hinein, ganz leise, damit mich niemand hörte. Ich fuhr mir durch die Haare, wackelte mit den Hüften, hüpfte herum und imitierte alle Posen, die ich bei den Stars im Fernsehen gesehen hatte.

Okay, ich gebe es zu: Das klingt wirklich wie das totale Popstar-Klischee! Doch es stimmt, ich stellte mir das Leben eines berühmten Popstars eben immer als perfekt und sorgenfrei vor. Man ist berühmt und alle lieben einen, ja, so musste es sein. Dass Madonna einen alkoholkranken Vater haben könnte oder die Jungs von New Kids On The Block Selbstzweifel, das wäre mir damals niemals in den Sinn gekommen, sie waren doch umjubelt, also waren sie bestimmt über alle Maßen glücklich. Und vor dem Spiegel zu tanzen, ohne Angst oder Scham, entdeckt zu werden, war wirklich das Einzige, das mich immer interessierte. Aber noch traute ich mich nicht, mein – ich war sicher, dass ich es hatte! – Talent anderen zu zeigen, mich zu zeigen. Im echten Leben war ich eher schüchtern und sehr nachdenklich. Auch wenn ich auf die Bühne wollte, machte mir die Vorstellung, dass mich andere sahen, gleichzeitig Angst.

Auf einer Familienfeier, ich muss so elf Jahre alt gewesen sein, wurde ich von einer Tante gefragt, was ich denn später einmal werden wolle. „Ein Geschäftsmann, so wie dein Vater?“ Ich antwortete ihr wie aus der Pistole geschossen und mit dem Brustton der Überzeugung: „Nee! Ich werde berühmt in einer Boygroup!“ Komischerweise hat niemand gelacht, ich muss wirklich überzeugend geklungen haben …

Wenn ich nur für mich war, liebte ich nichts mehr als meine kleine Fantasiewelt, weil ich mich in ihr verlieren konnte: Alles, was draußen war, außerhalb von meinem Kinderzimmer, war schwierig, war eine Bedrohung. Ich war anders, ich war sensibler als die anderen Kinder und passte in kein Schema. Ich wollte nicht Fußball spielen, ich wollte malen und tanzen und einfach meine Ruhe haben. Und hier, in meiner magischen Welt, war ich sicher. Hier war ich okay. Die glitzernde Oberfläche zog mich an wie ein Magnet, sie brachte mich weg von der Misere meiner Kindheit. Wie ein Mantra sagte ich mir jeden Abend in meinem Bett: „Du wirst berühmt, du wirst berühmt.“

Einmal konnte ich mal wieder abends nicht einschlafen. Also stand ich auf und hockte mich wie so oft oben auf den Treppenabsatz. Durch einen Spalt im Geländer konnte ich bis unten auf den Fernseher schauen. Meine Eltern saßen auf dem Sofa und guckten eine Samstagabendshow, die auf mich wie eine fantastische Märchenwelt wirkte, wie ein glitzernder Zirkus, und mich sofort in ihren Bann zog: Es gab ein bombastisches Orchester, tanzende Sänger und Sängerinnen in ständig wechselnden, bunten Kostümen, ein Riesenpublikum. Was für eine Show! Und dann passierte es: Eine junge Frau kam auf die Bühne, sie spielte Gitarre und hatte ein schwarzes Kleid mit einem weißen Kragen an, das funkelte. Sie sah mehr wie eine Heilige aus, nicht wie ein Showgirl. Alles wirkte friedlich, neben ihr saß eine Harfenspielerin und die Musiker um sie herum trugen weiße Anzüge. Ich war bezaubert.

Was sie da unten im Fernseher sang, verstand ich noch nicht genau. Aber das Lied und die helle, klare Stimme wirkten auf mich so ruhig, so friedlich – ich war fasziniert und gleichzeitig fühlte ich mich irgendwie geborgen. Sie sang auf Deutsch und ich ärgerte mich, weil ich nichts verstehen konnte. Eigentlich musste ich aufs Klo, aber ich blieb atemlos und mucksmäuschenstill auf der Treppe sitzen, ich wollte unbedingt mehr über sie wissen. Irgendwann hörte ich dann ihren Namen: Nicole. Und am Ende gewann sie wirklich den Grand Prix Eurovision! Es klingt ein bisschen cheesy, ich weiß – aber in diesem Moment wusste ich: Das will ich, das muss ich irgendwann auch machen. Später sang Nicole das Lied sogar auf Niederländisch: Een beetje vrede. Und bei mir? Hier in meiner Welt herrschte kein bisschen Frieden.