Ein Balkonplatz für flüchtige Abende - Yoko Tawada - E-Book

Ein Balkonplatz für flüchtige Abende E-Book

Yoko Tawada

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Beschreibung

Die Identitäten der Figuren in diesem Text sind fließend, zwischen Mann und Frau, Hetero und Homo, Kindheit und Erwachsene-Sein. Jede Öffnung in der Landschaft entpuppt sich als ein Durchgang zu einer anderen Welt: Der Keller in einer Kneipe führt in die islamische Welt, ein botanischer Garten zum Theater, die Elbe zum Rhein, ein Foto im Zimmer nach Tibet ... Dieser Textliest sich wie ein Traum, wie Wasser, fließender und freier als Prosa, aber doch ein erzähltes Werk, keine Lyrik. Schauplatz ist Hamburg in den Achtzigerjahren. Yoko Tawada erzählt auch von einer Loreley, die sich im Fluss irrt und an der Elbe landet. „Yoko Tawada verwebt flüchtige Geschichten und tiefgreifende Erfahrungen im Großstadtgetümmel spielerisch zu einem schlüssigen poetischen Roman … Ein sprachlicher und sinnlicher Genuss!“ (Weiberdiwan) „Eine transnationale Poetik der Gegenwartsliteratur: In Yoko Tawadas ‚Ein Balkonplatz für flüchtige Abende‘ nimmt sie faszinierende Gestalten an.“ (David Wachter, literaturkritik.de, März 2017) Die Printausgabe enthält zusätzlich eine Serie transparenter Bilder.

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Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Yoko Tawada

Balkonplatz für flüchtige Abende

Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Zum Buch

1  Vorspiel

2  Der erste Nachtgesang

3  Männliche Melancholie

4  Der zweite Nachtgesang

5  Ewige Jugend

6  Eine kosmische Kneipe

7  Der Club des Nordens

8  Der dritte Nachtgesang

9  Mit spitzen Ohren

10  Mexikanische Pillen

11  Hinter-Europa

12  Wer mich gebar

13  Nicht-Mehr

14  Der Frohsinn

Zur Autorin

Impressum

Zum Buch

Die Identitäten der Figuren in diesem Text sind fließend, zwischen Mann und Frau, Hetero und Homo, Kindheit und Erwachsene-Sein. Jede Öffnung in der Landschaft entpuppt sich als ein Durchgang zu einer anderen Welt: Der Keller in einer Kneipe führt in die islamische Welt, ein botanischer Garten zum Theater, die Elbe zum Rhein, ein Foto im Zimmer nach Tibet ... Dieser Textliest sich wie ein Traum, wie Wasser, fließender und freier als Prosa, aber doch ein erzähltes Werk, keine Lyrik. Schauplatz ist Hamburg in den Achtzigerjahren. Yoko Tawada erzählt auch von einer Loreley, die sich im Fluss irrt und an der Elbe landet.

„Yoko Tawada verwebt flüchtige Geschichten und tiefgreifende Erfahrungen im Großstadtgetümmel spielerisch zu einem schlüssigen poetischen Roman … Ein sprachlicher und sinnlicher Genuss!“ (Weiberdiwan)

„Eine transnationale Poetik der Gegenwartsliteratur: In Yoko Tawadas ‚Ein Balkonplatz für flüchtige Abende‘ nimmt sie faszinierende Gestalten an.“ (David Wachter, literaturkritik.de, März 2017)

1  Vorspiel

Die Nordsee hat Sehnsucht nach Tschechien,

streckt ihren blauen Arm ins Innere Europas.

Die Werft hämmert Null-Komma-drei

Sekunden hinter meinem Herzschlag.

Der nächste Krieg wird ständig

repariert, aber nicht vermieden.

Möwen fliegen über Tagespolitik

kreischend ohne Anteilnahme.

Wer schiebt die Schäfleinwolken

im kosmischen Abakus hin und her?

Die Sanierung des Himmels zieht sich in die

Länge.

Das größte Loch nennt man die Sonne.

Einmal am Tag schleicht sich eine böse

Stunde in die schönste Chaussee

der Welt.

Passanten werden aufgeräumt,

Gardinen am Fenster zugezogen,

alle Ampeln zwischen A und B,

zwischen Altona und Blankenese

bleiben aus.

Der Park des Donners stellt seinen

Kragen hoch,

während die Elbe sich zurückzieht.

Aus dem Rosenbusch spricht mich eine

Stimme an, männlich-heiser.

Hei, du da, kannst du dich

dort hinstellen und auf-

passen, damit niemand mich sieht? Ich

muss mal.

Was muss er?

Müssen ist ein Hilfsverb, dem kein Verb

zu helfen weiß.

Aufpassen? Damit keiner ihn sieht?

Ein Unsichtbarkeitsdienst?

Der Mann blinzelt nervös.

Verstehst du Deutsch? Ich muss

Wasser lassen.

Wasser gibt es schon genug, erwidere ich.

Im Wort erwidern sitzt ein er.

Dieses Mal war es aber nicht er, sondern ich.

Er mustert mich vom Haar bis zum

Schuh und sagt:

Ach, was! Ein Mädchen bist du! Das

hätte ich nicht gedacht. So ein Schei...!

Wörter zischen in seinem Mund,

der Schieber fährt die Hose hoch.

Der Vorhang zu und der Mann

ist wie vom Rosenbusch verschluckt.

Was wollte er von einem Knaben,

der nicht ich war?

2  Der erste Nachtgesang

Ich nenne sie Elbe

mit beweinten Hafenaugen.

Man soll keiner Frau einen Flussnamen geben.

Christiane oder Christina

sollte sie heißen, vielleicht Christa.

Ich nenne Elsa Elbe, wenn

der Hafen seine Leselampe anschaltet.

Beim l berührt die Zunge den gottlosen

Gaumen.

Die Nachbarn sollen nicht wissen,

dass wir gern kalt duschen.

Suzanne Valadon hat mich gemalt,

als ich im Duschbecken hockte.

In dem Bild tröstet Elsa meine

Haare von hinten. Auch sie ist unbekleidet,

denn wir sind die Badenden aus dem Jahr

1923.

Kein Handtuch zur Hand und

die Kunst bleibt feucht.

Wir stehen wie gemalt.

Als Postkarte könnte ich uns

wenigstens zurückkaufen.

Unbekleidet sitzt Elsa auf dem Balkon

und trocknet ihre Kopfgewächse.

Dreißig Jahre alt,

minderjährig im Herzen,

wenn sie zurücktritt in ein

kreideweißes Mädchen und

im Klassenzimmer hockt.

Zwölf Jahre alt damals in derselben

Stadt mit demselben Namen.

Neben ihr saß ein Junge mit

Sommersprossen, Christian.

Der Herr Musiklehrer zerrte ihn vom Stuhl,

stellte ihn neben den Klimperkasten.

Der kleine Sprössling, der Sträfling.

Aus dem Jungen soll ein Mann

werden. Singen Sie!

Im Namen der Musik wurde gedroht

und gedrillt

in Geh-Moll.

Als das Maschinengewehr schwieg,

wurde aus dem Offizier ein Musiklehrer.

Siegen Sie!

Christian, ein Kriegs-

dienstverweigerer wie sein Onkel,

biss seine Zähne zusammen.

Die gefangene Musik

mit gestreiften Noten.

Die Ohren werden immer

länger, in die Höhe der Kultur

gezogen

vom Lehrer persönlich.

Hasenohren hören besser.

Hören sie die Forelle plätschern?

Im Brunnen vor dem Tore?

Nein? Ein hoffnungsloser

Fall, ein Verfall.

Elsa war dran.

Ersticken, Husten, Verschlucken.

Jedes Lied ein Leid.

Bloßgestellt und ausgelacht,

dachte sie, dabei lachte

niemand in der Klasse.

Und jetzt alle zusammen!

Das Kommando roch nach Gurgelmittel.

Aus den jungen Fischmäulern fließen

Schubert-Schauder

und Schumann-Schreck.

Elsa summt auf ihrem Balkon.

Ein Fährmann im blau karierten

Hemd seufzt und bleibt stehen unter einer

Loreley, die sich an die

Elbe verirrt hat.

In einer einzigen Nacht

vergehen die Jahrzehnte.

An die Stelle der Musik tritt ein Mick

mit Preiselbeerlippen und dichten

Wimpern.

Auf der LP-Hülle öffnen sich

LSD-Blumen,

bunt, verzerrt, kurvenreich.

Die Schallplatte ist der schwarze Mond.

Elsa legt Mick platt und

nimmt den Arm der Bienenkönigin

der Sonnenanlage von Sony.

Die Spitze sticht.

Ein Elektroleck

oder eine E-Gitarre?

Seichte Wunden sitzen in tausend Rillen.

Schall, schnell, schellen, schrill.

Mick miaut,

die Raubkatze hat Kratzer auf den Wangen,

streckt seine Plastikzunge aus

unverschämt universal.

Unter der Nadel dreht sich der

Scheibengeist.

Wellenartig tröstet er

das Schulmädchen mit verletzter

Schleimhaut der Seele.

The Stones fallen ihr vom Herzen

und rollen den Hang hinunter

und mit ihnen die angebrannte Kindheit.

Elsa tanzt mit dem Kinn.

Der Vollmond hat sie nie verlassen

seit der Romantik, seit der Steinzeit

immer dieselbe, gelbe LP,

der Mond mit Akne-Kratern,

ist kein glatter Spiegel.

Die stumme Fischfrau kämmt ihre blond

gefärbte Legende.

Grüne Container werden gezogen

vom müden Mutterschiff in den Hafen.

Sein Kapitän heißt Jesus aus Jeju.

Der metallene Bauch ist bemalt mit Fern-

ost-

weh.

Ich höre im Wind das leise Summen

eines toten Ingenieurs.

Der Durchschnittsmensch Hans Castorp

ist auferstanden von einem

gut gefiederten Tod und baut seine

Arche Noah mit Koreanern.

Der Vollmond taucht ins schwarz-

ölige Wasser.

Woher kommt das Öl in den Fluss?

Wie oft ist ein Tanker im Weltmeer versunken?

Nicht oft genug, um den Umsatz zu kippen.

3  Männliche Melancholie

Ein moosgrüner Teich

trennt mich von zwei Männern.

Jupiter, zweimal zwanzig Jahre alt,

schiebt einen Kinderwagen.

Auf der Bühne gestern

war er der Königsstern.

Seinen Begleiter kenne ich nicht.

Ich gebe ihm den Namen Wermut.

Sein Alter schätze ich auf dreiunddreißig.

Ein Büschel Haare hängt ihm über die Augen.

Sie leuchten süchtig grün unter den

Wimpern, die schüchtern flattern.

Sein Hemd schimmert lilienweiß,

modisch geschnitten, gekauft im Tschibo.

Die federartige Wiege mit vier

Rädern schwebt über Ginster,

schaukelt den Schlaf einer Mango,

die der Schauspieler zeugte

mit der Tochter eines Bürgermeisters.

So das Gerücht.

Jeden Mittwoch passe ich

auf das Kleine auf,

sagt Jupiter,

setzt sich auf die Bank.

Wie ein Storch im offenen Feld

sieht sich Wermut ruhig um

mit gestrecktem Hals.

Ich ziehe den Kopf zurück.

Eine Stalkerin oder eine Störchin.

Im Theater durfte jeder auf Jupiter starren.

Warum nicht im botanischen Garten?

Jupiter und Wermut beugen ihre schweren

Köpfe über das Neugeborene.

Sie blinzeln synchronisiert,

als hätten sie gemeinsam das Kind gezeugt.

Das Baby schläft im Wort Babylon.

Der goldene Stern,

liest Wermut den Namen der Pflanze vor.

Du hast noch mehr Kinder: Wie

schaffst du alles so gelassen,

so fröhlich?

Es ist leichter getan als

gesagt. Mit den Kindern läuft die Zeit

von allein. Das Baby schläft

tief und lange, während andere Kinder

durch die Nächte stiefeln. Die Älteste

ist jetzt fünfzehn, hat schon wieder einen

neuen Freund. Ihre Haare fallen wie

Goldregen.

Spielt sie noch auf dem Steinway?

Ja, sie spielt noch, aber wo ihr Weg

hinführt, wissen wir nicht. Der Steinway

ist nur ein Weg

unter vielen. Das Erbe soll ihr keine

Last werden.

Nicht leicht, einen Dirigenten als

Großvater zu haben.

Und auch noch tot,

sonst könnte man ihn überholen.

Hauptsache spielt sie weiter Musik.

Ja, aber keinen Beethoven mehr. Neuerdings

Fusion. Ich sage

confusion und sie lächelt kalt. Sie ist

noch ein Kind, will jetzt schon eine Familie

gründen und verliebt sich in jeden Spargel,

der in ihren Augen einen guten Vater

verspricht. Wusstest du, dass das

Salomonssiegel zur Familie der

Spargelgewächse gehört?

Wo siehst du Salomon?

Da drüben.

Wermut zeigt in meine Richtung

und ich mache mich flach wie Farn.

Über mir die japanischen Kirschblüten.

Jupiter spricht anders, nicht so

lackiert wie auf der Bühne.

Ein Botaniker will jedes Kraut einer Familie

zuordnen, als würde es sonst

einsam und verwahrlost eingehen.

Die Wissenschaft ist ein Versuch, Einsamkeit

aus der Welt zu räumen.

Wer sagt das?

Ich. Die Pflanzennamen sind

wundervoll, nicht die lateinischen,

sondern die Trivialnamen.

Meine Tochter will einen Gatten und

eine Familie, ich aber möchte ein

Unikat sein, ohne Ähnlichkeit mit

einem Familienmitglied.

Das schaffst du hier nicht.

Hier? In Westdeutschland?

Nein, ich meine in Planten un

Blomen. Hier wächst zuerst die

Botanik, dann die Pflanzen.

Ich bin gern hier. Die Blumen spucken

keine Ratschläge. Zu Hause will jeder

jeden umerziehen. Auch meine Tochter

korrigiert alles an mir, zum Beispiel

mein Butterbrot:

Zu weiß das Brot,

zu dick die Butter,

zu trivial belegt.

Trivial ist ein schönes Wort.

Ja, ziemlich musikalisch:

Traviata, Tristan, Triste, Trieste,

nichts ist trivial, auch nicht mein

Gouda.

Ein Wind betritt unangekündigt

den Garten

kämmt durch den Dialog der zwei

Männer.

Jupiters Haare sind zerstreut,

der Wind ist seine beste Friseurin,

Wermut kämmt die Strähne

hoch von der Stirn und fragt: