9,99 €
Die Stücke nehmen uns mit auf eine abenteuerliche Reise, nicht in exotische Fernen, sondern in (Traum-) Welten mitten im Alltag, in der Sprache. Es spielen mit: Tiere, Pflanzen, Dinge, Gespenster, Menschen und Stimmen … Und was gefiel Kindern an der Aufführung? Annika, Carina und Sara sind sich einig: „Alles!“ (Flensburger Tageblatt). Die Theatertexte von Yoko Tawada behandeln alles mit Leichtigkeit – auch die Abgründe – sie sind konkret und zugleich philosophisch und lassen den Gedanken beim Lesen Raum.Das Buch selbst ist gestaltet wie eine Bühne, auf der gespielt wird. In einem Stück hinterfragen Tiere ihr Leben mit den Menschen. In einem anderen Stück hat eine Familie ihr Haus verloren und richtet sich neu ein, baut sich ein Haus aus Buchstaben, ist befreit von den Gewohnheiten und dem Gewöhnlichen, kann sich nun den wichtigen Fragen stellen:Ob Wasser in dem Wort Dusche läuft? Warum man Zeh nicht C schreibt? Wie man das Loch im Himmel zunäht? „… das Alphabet als Welt, jeder Buchstabe ein Wort und der Beginn einer Szene, das Spiel damit fügt sich zu einem kleinen Kosmos als Theater der erzählten Dinge.“ (Thomas Irmer, für die Auswahljury des Mülheier KinderStückePreises). Beim Schreiben scheint sie sich über die Sprache zu wundern, die so wunder-bar wird! Und sie lädt ein, uns über unsere Gewohnheiten zu wundern.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2019
Yoko Tawada
Mein kleiner Zeh war ein Wort
Theaterstücke
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
Die Stücke nehmen uns mit auf eine abenteuerliche Reise, nicht in exotische Fernen, sondern in (Traum-) Welten mitten im Alltag, in der Sprache.
Es spielen mit: Tiere, Pflanzen, Dinge, Gespenster, Menschen und Stimmen … Und was gefiel Kindern an der Aufführung? Annika, Carina und Sara sind sich einig: „Alles!“ (Flensburger Tageblatt).
Die Theatertexte von Yoko Tawada behandeln alles mit Leichtigkeit – auch die Abgründe – sie sind konkret und zugleich philosophisch und lassen den Gedanken beim Lesen Raum.Das Buch selbst ist gestaltet wie eine Bühne, auf der gespielt wird. In einem Stück hinterfragen Tiere ihr Leben mit den Menschen. In einem anderen Stück hat eine Familie ihr Haus verloren und richtet sich neu ein, baut sich ein Haus aus Buchstaben, ist befreit von den Gewohnheiten und dem Gewöhnlichen, kann sich nun den wichtigen Fragen stellen: Ob Wasser in dem Wort Dusche läuft? Warum man Zeh nicht C schreibt? Wie man das Loch im Himmel zunäht? „… das Alphabet als Welt, jeder Buchstabe ein Wort und der Beginn einer Szene, das Spiel damit fügt sich zu einem kleinen Kosmos als Theater der erzählten Dinge.“ (Thomas Irmer, für die Auswahljury des Mülheier KinderStückePreises). Beim Schreiben scheint sie sich über die Sprache zu wundern, die so wunderbar wird! Und sie lädt ein, uns über unsere Gewohnheiten zu wundern. Die Printversion enthält zusätzlich Bildelemente.
Einige Pressestimmen zu einzelnen Stücken aus dem Buch:
Zu „Die Kranichmaske die bei Nacht strahlt“: „Geheimnisvoll und fremdartig. Über Eros und Sprache und das Leben zwischen zwei Kulturen.“ (Die Welt)
Zu „Orpheus und Izanagi“: „Das Erfrischendste, das, bei dem das Publikum am meisten lachte, war Yoko Tawadas ‚Orpheus und Izanagi‘.“ (Frankfurter Rundschau, Bericht über die Hörspieltage Berlin)
„Die Geschichte vom Sänger Orpheus, dem es durch die Schönheit seines Gesanges nur beinahe gelingt, seine verstorbene Gattin Eurydike dem Reich der Toten wieder zu entreißen: Ein Mythos, der ausschließlich zum europäischen Abendland zu gehören scheint. Jedoch – wie oft in Fällen altüberlieferter Epen und Mythen – gibt es außereuropäische Varianten … aus Japan wird ein ähnlicher Versuch überliefert. Im Buch Kojiki (8. Jh.) will Izanagi seine Frau Izanami aus dem ‚Land der Toten‘ wieder zurückholen. Yoko Tawada hat in ihrem ersten Originalhörspiel auf alle Mythen gleichzeitig zurückgegriffen und lässt ein ebenso überraschendes wie poetisches Orpheus-Bild entstehen.“ (SWR)
Zu „Mein kleiner Zeh war ein Wort“: „Alles ist anders, wenn das Haus nicht mehr dort steht, wo es vorher war. Wenn Kühlschrank und Dusche fehlen und der Mond durch kein Dach mehr scheint … Elisabeth Bohde und Torsten Schutte präsentieren anhand des Alphabets ein Wort- und Buchstabenspiel randvoll mit Witz und Geheimnissen des sprudelnden alltäglichen Lebens. … Die Mischung aus Naivität, Verwunderung und spielerischem Entdecken bietet eine Fülle von Möglichkeiten, mit Kindern zu kommunizieren. Nicht nur die Autorin ist offensichtlich sehr angetan von der Umsetzung ihres poetischen Textes. Auch Henning Fangauf vom ‚Kinder- und Jugendtheaterzentrum‘ war aus Frankfurt angereist und lobte die Arbeit, die er seit Jahren miterlebt … Und was gefiel den Kindern selber an der Aufführung? Annika, Carina und Sara sind sich einig: ‚Alles!‘ “ (Stefanie Oeding, Flensburger Tageblatt)
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Zum Buch
DIE KRANICHMASKE DIE BEI NACHT STRAHLT
WIE DER WIND IM EI
ORPHEUS ODER IZANAGI – DIE RÜCKKEHR AUS DEM REICH DER TOTEN Ein Hörspiel
SANCHO PANSA
SCHWARZEIS Ein Monolog.
Pulverschrift Berlin
Ich wollte nur Geld, bekam aber die Wahrheit
WAS ÄNDERT DER REGEN AN UNSEREM LEBEN? Oder ein Libretto
DEJIMA
MEIN KLEINER ZEH WAR EIN WORT
KAFKA KAIKOKU
MAMMALIA IN BABEL
Zur Autorin
Impressum
Personen:
Schwester
Bruder
Übersetzer
Nachbar
Die Tote
---
Auf der Bühne liegen vier heile Särge, in denen sich die Schwester, der Bruder, der Übersetzer und der Nachbar befinden.
Man sieht außerdem noch einen kaputten Sarg, der halb im Boden versunken ist.
An der Wand hängen sieben Tiermasken: Kranich, Hund, Fuchs, Katze, Affe, Wolf und Fisch.
In der Mitte der Bühne liegt eine weibliche Leiche.
Die Schwester steht in ihrem Sarg auf, geht zur Toten und setzt sich neben sie.
---
SCHWESTER: Der Sarg sinkt immer weiter in die Erde. Im Lauf der Nacht wird er ganz im Reich der Toten verschwinden, obwohl die Leiche noch nicht darin liegt. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die die eigene Schwester in den Sarg legen, bevor eine Abschiedszeremonie gefeiert worden ist. Ich meine nicht die Beerdigung. Die Beerdigung ist nicht von Bedeutung. Ich meine diese Nacht, die gerade begonnen hat. Kein Mensch wird die Tote heute Nacht besuchen. Kein Mensch wird sich heute Nacht an sie erinnern, weil alle Erinnerungen auf morgen verschoben werden. Wir können jetzt allein in Ruhe unsere Zeremonie durchführen.
Der Bruder kommt aus seinem Sarg heraus.
BRUDER: Wir wissen nur nicht wie. Schon unsere Eltern wussten nicht, was man am Abend vor der Beerdigung tun soll.
SCHWESTER: Ich werde den Körper meiner Schwester zuerst reinigen und dann für diejenigen, die erst morgen kommen werden, schwarze Totenkekse backen.
BRUDER: Sie werden nach Asche und Kohle schmecken.
SCHWESTER: Ich werde auch weiße Kekse backen.
BRUDER: Sie werden nach Schnee und Knochen schmecken. Mir schmecken keine Kekse mehr. Mir schmeckt kein Zucker mehr, seitdem ich mit meiner Muschel zusammenlebe. Mir schmeckt nur, was aus dem Salzwasser kommt. Ja, ich weiß, meine Muschel kocht die Suppe auf verbotene Weise. Sonst würde sie nicht nachts heimlich kochen. Sie hat übrigens noch nicht gemerkt, dass ich sie schon einmal beim Kochen beobachtet habe.
SCHWESTER: Der Blumenhändler beim Friedhof hat mich heute angerufen und mir einen Sonderpreis angeboten. Ich sagte ihm, dass ich für morgen gar keine Blumen kaufen werde. Tote Blumen passen nicht zu einer Leiche. Nur die Lebenden können tote Blumen im Wohnzimmer ertragen. Beim Kaffeetrinken schauen sie die Toten in der Vase an und denken: wie gut, dass wir noch leben.
BRUDER: Die Leiche muss aber mit etwas bestreut werden.
SCHWESTER: Ich werde Splitter eines Spiegels über den Körper meiner Schwester streuen.
Der Übersetzer steigt aus dem Sarg.
ÜBERSETZER: Sie müssen die Beerdigung auf jeden Fall in einer fremden Sprache durchführen. Ich werde dann Ihre Worte in die Muttersprache der Trauergäste übersetzen. Sonst würden Sie beide sich im Laufe der Beerdigung immer stärker von der Toten angezogen fühlen, und vielleicht passiert dann etwas Unangenehmes.
SCHWESTER: Eine Beerdigung wird aber immer in einer fremden Sprache durchgeführt. Ich weiß zumindest, dass ich – immer, wenn ich auf einer Beerdigung war – kein Wort mehr richtig verstand.
ÜBERSETZER: Ich meinte eher, dass es nicht gut wäre, wenn Sie auf der Beerdigung dieselbe Sprache sprechen wie Ihre tote Schwester.
BRUDER: Nicht alles, was verboten ist, schmeckt nach Meerwasser.
SCHWESTER: Ich kann aber keine andere Sprache sprechen als diese. Es ist zu spät für mich, etwas Neues zu lernen.
ÜBERSETZER: Ich sage ja nicht, dass Sie für die Beerdigung etwas Neues lernen müssen. Ich hasse nur die Respektlosigkeit der Menschen, die nicht einmal auf einer Beerdigung versuchen, nicht fließend zu sprechen. Ich hasse die Menschen, die auf einer Beerdigung so klug sein wollen wie in der Schule.
SCHWESTER: Ich kann holprig schreiben und stotternd sprechen, weil ich es in meiner Kindheit eifrig gelernt habe. Ich kann sogar in jeden Buchstaben Fehler einbauen und dadurch den ganzen Satz in eine undurchsichtige Masse verwandeln.
BRUDER: Morgen werden wir keine Zeit mehr zum Nachdenken haben, obwohl wir selbst kaum etwas tun müssen. Der Herr von der Beerdigungsfirma sagte mir, dass ich mir keine Sorge um den Ablauf der Beerdigung machen müsse: Es sei alles schon bezahlt und geregelt.
SCHWESTER: Die meisten werden erleichtert sein, wenn die Leiche vor ihren Augen in der Erde verschwunden ist. Sie kommen nicht, um sie zu sehen, sondern um ihr Verschwinden zu sehen.
BRUDER: Ich weiß, dass du ihr manchmal den Tod gewünscht hast.
Der Nachbar steigt aus dem Sarg.
NACHBAR: Sollten Sie das Fleisch nicht lieber in den Kühlschrank tun? Entschuldigen Sie, dass ich so etwas sage, aber seit gestern stinkt es bei Ihnen, und ich kann bei so einem Gestank nicht einschlafen. Sie wissen, dass ich als Nachbar relativ zurückhaltend bin und mich sehr selten bei Ihnen beschwere. Aber heute muss ich Ihnen doch sagen, dass es – ich sage das mit allem gebotenen Respekt – dass es bei Ihnen nach Totem stinkt.
BRUDER: Es ist unsere älteste Schwester, die langsam zerfällt. Sie zerfällt in mehrere Teile: In Geruch, in Flüssigkeit, in Knochen, in Daten, in Luft, in Zahlen, in Bilder, in …
NACHBAR: Mir ist es egal, was stinkt. Hauptsache, Sie tun das, was stinkt, in den Kühlschrank. Wofür besitzen Sie sonst diesen Kasten? Öffnet den Kühlschrank und holt ein Telefon heraus. So, jetzt haben Sie genug Platz hier.
BRUDER: Früher dachte ich auch, dass jede Flüssigkeit, die aus dem Körper fließt, schmutzig ist und stinkt. Es war aber eine optische Täuschung. Langsam wurde mir klar, dass es nicht stimmt. Ein Körpergeruch kann schön sein, wohlschmeckend sein, oder auch literarisch sein, ohne dass er unbedingt erotisch sein muss. Er muss nicht einmal verboten sein. Einfach so, wissen Sie, einfach so kann er schön sein.
ÜBERSETZER: Warum bilden Sie so viele Sätze, die grammatikalisch nicht empfehlenswert sind? Wie soll ich solche Sätze übersetzen? Die Trauergäste könnten denken, ich wäre ein schlechter Dolmetscher.
BRUDER: Sie verstehen mich nicht. Ich drücke mich extra so aus, damit Sie merken, dass ich ganz anders denke als Sie. Was ich heute erzähle, haben Sie noch nie gehört. Sie können das nicht einordnen. Sie müssen das nicht verstehen. Sie müssen das so lassen. Es fällt Ihnen schwer, ich weiß. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich werde morgen auf der Beerdigung den Mund halten. Aber heute Nacht rede ich so viel wie ich will.
ÜBERSETZER: Ich unterstelle Ihnen doch nicht, dass Sie etwas denken und das falsch ausdrücken. Ich glaube, Sie denken gar nichts, Sie sind lernfaul und Sie zitieren lieber etwas Falsches aus Ihrem eigenen Tagebuch, als einen richtigen Satz aus einem anderen Buch auswendig zu lernen.
BRUDER: Sie haben meine Frau noch nicht gesehen, deshalb denken Sie, ich würde einsam, nur mit meinem Tagebuch, leben.
ÜBERSETZER: Sie sind mit einem Tier verheiratet, wenn ich Sie richtig verstehe?
NACHBAR: hebt den Hörer ab. Soll ich die Polizei anrufen?
SCHWESTER: Wo ist der Kochtopf? Ich habe vorhin mit dem Kochtopf Wasser aus dem Meer geholt. Die Leiche muss mit Salzwasser gereinigt werden. Sie soll für das, was jetzt kommt, gut vorbereitet sein.
BRUDER: blickt in den Topf. Ich habe lange nicht mein Gesicht im Meerwasser gespiegelt gesehen.
SCHWESTER: Gib mir den Topf.
BRUDER: Unsere älteste Schwester kann sich nicht mehr selbst waschen. Sie kann sich jetzt nicht einmal mehr bewegen. Früher konnte sie alles. Das war vielleicht der Grund, warum du sie gehasst hast.
SCHWESTER: Ich habe sie nicht gehasst. Ich hatte keine Gefühle ihr gegenüber. Außerdem war ich nie der Meinung, dass sie alles kann. Ihre Freunde haben aus einem unerklärlichen Grund immer gedacht, dass sie etwas Besonderes ist. Wahrscheinlich, weil sie nie gelacht hat. Ich gehörte zu den wenigen, die wussten, dass sie eigentlich wenig konnte. Aber nachdem so viele Männer und Frauen angefangen hatten, sie zu verehren, konnte sie nicht mehr von ihrem Podest herunter. Sie empfand es als ihre Aufgabe, auf dem Podest zu bleiben.
Gib mir den Topf mit dem Wasser.
BRUDER: Nicht alle, die sich nicht waschen können, muss man mit Salzwasser reinigen.
NACHBAR zum Bruder: Haben Sie die Nummer von der Polizei?
BRUDER: Meine Frau hatte die Gewohnheit, einen Kochtopf als Nachttopf zu benutzen. Ich bemerkte das lange nicht, weil sie mich davor gewarnt hatte, nach Sonnenuntergang die Küche zu betreten. Es war eine Winternacht. Ich wachte auf und merkte, dass meine Frau nicht neben mir lag. Aus der Küche hörte ich ein Wassergeräusch. Gibt der Schwester den Topf. Ich ging in die Küche und sah dort meine Frau, die bei dem Kochtopf hockte und …
ÜBERSETZER: Sie hatte nicht die Gestalt eines Menschen.
BRUDER: Sie war eine Muschel.
SCHWESTER: kostet von dem Wasser. Ist das wirklich Salzwasser?
BRUDER: Ja. Weißt du überhaupt, wie Meerwasser schmeckt?
NACHBAR: stellt fest, dass das Telefon nicht funktioniert. Was ist mit diesem Apparat los?
BRUDER: Er ist ganz in Ordnung, außer dass er etwas staubig ist. Vielleicht müsste man ihn einmal gründlich reinigen?
ÜBERSETZER: Oder ablecken.
NACHBAR: geht wütend zum Topf und taucht den Apparat ins Wasser. So. Ist er jetzt sauber?
ÜBERSETZER zum Nachbar: Sind Sie wahnsinnig?
NACHBAR zur Schwester: Es stinkt hier im Haus! Das Telefon stinkt, der Kleiderschrank stinkt, der Wasserhahn stinkt, es stinkt hier von oben bis unten! Wie oft wischen Sie Ihren Fußboden? Laufen Sie auf diesem Boden barfuß? Wie oft waschen Sie Ihre Füße?
ÜBERSETZER zur Schwester: Er meint, dass man zuerst den Fußboden reinigen soll und dann die Füße.
BRUDER: Und dann kann man die Beine reinigen und dann den Bauch und so weiter. Bei lebenden Menschen denkt man, dass der Unterkörper schmutziger wäre als der Oberkörper. Bei den Toten ist alles umgekehrt.
SCHWESTER: Nicht alles, was man reinigt, ist schmutzig. Fängt an, die Füße der Toten mit dem Wasser zu reinigen.
BRUDER: Nicht jeder, den ich liebe, ist ein Säugetier.
ÜBERSETZER: Ich habe neulich in einer Fachzeitschrift über einen Techniker gelesen, der sich in eine Frau verwandelte; und zwar während seiner Beerdigung. Es war nicht sein Wunsch. Keiner wollte es, und es geschah.
NACHBAR: Derartige Operationen sind heutzutage nicht sehr schwierig, oder?
ÜBERSETZER: Nein, diese Geschichte hat nichts mit einer Operation zu tun. Ohne Operationstisch, ohne Arzt, ohne Messer ist es passiert.
BRUDER: Ohne Grund ist es passiert.
NACHBAR: Das kann nicht sein.
BRUDER: Vielleicht möchten Sie sich auch in eine Frau oder in eine Muschel verwandeln.
NACHBAR: Nein. Niemals. Ich sehe seit meiner Kindheit etwa gleich aus und ich hoffe, mein Gesicht bleibt, so wie es ist. Darum heirate ich auch nicht. Sonst würde ich nach zehn Jahren aussehen wie meine Frau. Grauenhaft. Trocknet das nasse Telefon plötzlich liebevoll mit dem eigenen Hemd ab.
SCHWESTER: Meine Schwester trat oft versehentlich auf fette Ameisen, die vor dem Haus ihre Nester hatten. Ihre Füße sind heute noch etwas braun gefärbt vom Insektenblut.
NACHBAR: Wenn man Angst vor kleinen kriechenden Tieren hat, kommt man keinen Schritt voran.
BRUDER: Ich würde lieber keinen Schritt weiterkommen, als auf eine Muschel zu treten.
NACHBAR: Eine Muschel? Eine Muschel zu zertreten wäre viel hübscher als eine Ameise zu zertreten: Ich würde das Fleisch, das beim Zerbrechen der Schale aus ihr herausspringt, mit einem großen Teller auffangen und es mit Zitronensoße essen.
SCHWESTER: Meine Schwester wird nie wieder auf ein Tier treten. Ihre Fußsohlen berühren ab jetzt nur noch Wasser, Wind und Erde.
BRUDER: Du hattest immer Angst vor ihren großen Füßen. Ihr seid deshalb nie zusammen Schuhe kaufen gegangen.
SCHWESTER: Ich hatte keine Angst vor ihren Füßen.
BRUDER: Warum ziehst du ihr nicht die Totenschuhe an? Damit sie nicht weglaufen kann? Du willst nicht, dass sie dich endgültig verlässt. Du hast sie gehasst und darum willst du, dass sie immer bei dir bleibt.
SCHWESTER: Du bist zehn Jahre nicht bei uns gewesen. Du weißt nichts von unserem Leben.
BRUDER: Es war eine stürmische Nacht. Ich setzte mich vor meinen Computer und verbesserte eine Geschichte. Ich wollte eigentlich den Schlusssatz streichen, aber dann merkte ich, dass die ganze Geschichte ohne diesen Satz zu einem Reisebericht würde. Das wollte ich nicht. Da hörte ich plötzlich ein Klopfen an der Tür. Eine Frau stand draußen und wollte mit mir sprechen. Sie sah viel älter aus als ich. Das war sehr wichtig, denn ich wollte nichts mit einer Frau zu tun haben, die jünger ist als ich.
SCHWESTER: reinigt weiter die Füße der Toten. Ihre Fußnägel schmelzen im Wasser. Wie Eissplitter lösen sie sich auf.
ÜBERSETZER zum Bruder: Ich verstehe nicht. Mir scheint, Sie haben versehentlich einen entscheidenden Satz aus Ihrer Geschichte gelöscht. Sonst wäre es gar nicht erklärbar, warum …
BRUDER: Man kann sowieso nicht erklären, warum es geschah. Die Frau ist dann bei mir geblieben. Sie kochte uns immer eine schöne Suppe, sie rief meinen Namen rückwärts, sie schlief lange und tief, und wir waren, glaube ich, sehr glücklich. Eines Tages schaute ich in die Küche und sah, dass meine Frau eine Muschel war. Sie hockte auf dem Kochtopf und pisste. Ich begriff plötzlich, dass sie daraus immer ihre Suppe machte. Ich verstand, dass mein Nahrungsmittel aus der Natur kam.
ÜBERSETZER zum Nachbar: Was suchen Sie? Suchen Sie einen zweiten Apparat?
NACHBAR: holt Kleidung aus dem Kleiderschrank. Mode interessiert mich nicht, und auch kein Striplokal. Mich interessiert weder das Anziehen noch das Ausziehen. Zieht ein Hemd über sein Hemd, und dann eine Hose über seine Hose an. Es ist lächerlich, wenn sich ein Mann wie ich über Kleider Gedanken macht. Denn ich möchte nicht anders aussehen als gestern. Ich bleibe das, was ich morgen sein werde.
BRUDER: Ich sah, dass meine Frau nicht war, was sie verkörperte. Ich war nicht entsetzt, ich war nur überrascht.
ÜBERSETZER: Wie war der Name der Muschel?
SCHWESTER: Mir ist es egal, wen mein Bruder heiratet: eine Muschel, eine Dichterin oder eine Witwe: Hauptsache, sie ist ganz anders als er.
NACHBAR: Du bist schon alt genug, du musst das selber entscheiden, sagt man heute schon zu jedem Kleinkind. Ob du mit einem Tier schläfst oder mit einem Menschen, das liegt ganz bei dir.
ÜBERSETZER: Wenn man keinen richtigen Schlusssatz schreibt, kann es doch passieren, dass die ganze Geschichte bei den Lesern einen falschen Eindruck erweckt. Sie werden dann als Hauptfigur Ihrer Geschichte sozusagen missverstanden.
BRUDER: Ich glaube nicht, dass ich missverstanden werde, denn ich erzähle ja alles. Zum Nachbar: Was machen Sie da eigentlich?
NACHBAR: Ich? Zieht noch ein Hemd und eine Hose an.
BRUDER: Ist es Ihnen kalt in diesem Haus, in dem eine Tote liegt?
NACHBAR: Nein, ich schütze nur meine Haut.
BRUDER: Wovor?
NACHBAR zum Bruder: Ich glaube auch nicht, dass Sie missverstanden werden. Sie haben Ihre Meinung genauso deutlich kundgetan wie ich.
BRUDER: Was war Ihre Meinung? Ich habe Sie noch nicht verstanden.
NACHBAR: Alles, was stinkt, muss vernichtet werden.
SCHWESTER: reinigt die Knie der Toten. Ihre Knie pflegte sie jeden Abend. Sie massierte sie mit Kokosnussöl und sagte, sie seien schon wieder so hart wie Kokosnussschalen. Manchmal leckte sie ihre Knie ab wie eine Katze und sagte, dass sie salzig schmecken.
NACHBAR: Ekelerregend. Zieht das dritte Hemd und die dritte Hose an. Salz mit einem menschlichen Geschmack ist ekelerregend.
ÜBERSETZER: nimmt das Telefon in die Hand und spricht mit einem imaginären Gesprächspartner. Hallo, hören Sie? Wie bitte? Buchstabieren Sie das Wort. Wie bitte? Ich bin mir nicht sicher, ob Sie wirklich gesagt haben, was aus diesen Löchern herauskam. Das kann eigentlich nicht sein. Wie auch immer: Wenn Sie so hastig reden, kann ich nichts verstehen. Vergessen Sie nicht, dass wir ein Überseegespräch führen. Manchmal dringt Salzwasser in die Kabel und … Wie bitte? Nein, das war nicht ich. Was Sie eben gehört haben, war nur ein Wassergeräusch …
SCHWESTER: Meine Schwester hatte nie Angst vor dem Wasser. Im Gegenteil: Sie nahm nie einen Regenschirm mit, wenn es regnete. Sie war oft bis auf die Haut durchnässt, aber ihre Knie blieben hart und trocken.
NACHBAR: nimmt dem Übersetzer das Telefon weg und leckt den Hörer ab. Es schmeckt salzig wie ihre Knie. Menschen sollten keinen Geschmack haben, wenn sie sich nicht gegenseitig auffressen wollen.
BRUDER: Als ich noch am Strand lebte und jeden Morgen mit meinem kleinen Boot aufs Wasser fuhr, hatte ich keine Angst vor dem Meer. Eines Tages schlief ich sogar in meinem Boot ein und als ich aufwachte, wusste ich nicht mehr, wo ich war: Kein Land, keine Insel, kein Leuchtturm war zu sehen. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, ohne zu handeln. Eine heisere weibliche Stimme rief aus dem Wasser: Steh auf, du Panzerloser. Ich schaute ins Wasser und sah eine Schildkröte. Setz dich auf meinen Panzer, ich bringe dich nach Hause, sagte sie. Versucht, sich auf die Leiche zu setzen.
SCHWESTER: schiebt ihn sofort weg. Setz dich nicht dahin.
ÜBERSETZER: nimmt die Körperhaltung einer Schildkröte ein. Kommen Sie, ich helfe Ihnen bei Ihrer Darstellung.
BRUDER: setzt sich auf den Übersetzer. Kaum hatte ich mich auf ihren Rücken gesetzt, schwamm sie los. Ich fragte sie, wie alt sie sei. Denn ich wollte nichts mit einem weiblichen Wesen zu tun haben, das jünger ist als ich. Alle jüngeren Frauen erinnern mich an meine Mutter.
NACHBAR: An wen?!
BRUDER: steigt vom Rücken des Übersetzers. An meine Schwestern, wollte ich eigentlich sagen, obwohl sie viel älter sind als ich.
ÜBERSETZER in den Hörer: Sprechen Sie bitte nicht in Ihrer Muttersprache. Vergessen Sie nicht, dass es sich um ein Überseegespräch handelt. Jedes Mal, wenn die Seepflanzen sich bewegen, kommt ein Missverständnis zustande. Ich muss als Übersetzer mein Boot so schnell rudern, wie ein Wort von einer Küste zur anderen schwimmt. Das ist mein Beruf. Aber unter Wasser würden mir meine neruflichen Erfahrungen nicht mehr helfen.
NACHBAR: hat schon drei Hemden und drei Hosen übereinander an und zieht jetzt noch Socken und Handschuhe an. Auf dem Schildkrötenpanzer wächst Moos, rot und grün. Das Rote stinkt wie ein geröstetes Messer, und das grüne stinkt wie Abwasser. Ich werde sofort unser Gesundheitsamt anrufen.
SCHWESTER: Mich ekelt nichts mehr. Ich habe für immer aufgehört, meine eigenen Hände zu waschen. Das Einzige, was ich noch wasche, ist eine Leiche. Aber wenn ich sie nicht waschen würde, würde sie mich auch nicht ekeln.
BRUDER: Ich bringe dich nach Hause, sagte die Schildkröte zu mir. Damit meinte sie aber nicht mein Haus, sondern ihr Haus, das unter Wasser stand.
NACHBAR: holt ein langes Band aus dem Schrank und fängt an, den eigenen Körper wie ein Postpaket zusammenzubinden. Kinder, ich habe euch doch immer gesagt, dass ihr Unbekannten nicht glauben sollt! Egal, was sie euch versprechen, ihr dürft nicht mitgehen. Denn eine unbekannte Person bringt euch nie nach Hause, sondern sie entführt euch.
BRUDER: Die Schildkröte lud mich zu sich nach Hause ein. Ganz tief unter Wasser stand ihr riesengroßes Haus: riesengroß, denn es hatte weder Außenwände noch ein Dach. Die Innenwände teilten das Haus in vier Zimmer: Das erste Zimmer war für den Sommer, das zweite für die Nacht, das dritte für die Kinder, und das vierte für die Literatur.
ÜBERSETZER: Wie alt war die Schildkröte eigentlich?
BRUDER: Neunundvierzig.
ÜBERSETZER: Relativ jung für eine Schildkröte.
SCHWESTER: Genauso alt, wie meine Schwester jetzt ist.
NACHBAR: Sie ist das aber nicht mehr. Sie ist tot.
BRUDER: Ich bin sehr lange bei ihr unter Wasser geblieben. Ich kann nicht einmal sagen, wie viele Jahre es waren. Am Anfang habe ich noch manchmal gedacht, dass ich nicht so weiterleben darf. Bald wusste ich aber nicht mehr, warum es nicht so weitergehen darf. Schließlich hatte ich keinen einzigen Grund mehr, wieder zurück nach Hause zu gehen.
SCHWESTER: Du hast uns verlassen. Unsere Schwester wollte dich dringend sprechen, als sie schwer krank wurde. Sie wusste aber nicht wie. Selbst wenn du ein Telefon gehabt hättest, wäre es nicht gegangen, weil sie nicht mit dem eigenen Bruder telefonieren wollte: Telefonieren konnte sie nur mit Menschen, die sie noch nie gesehen hatte. Sie wollte dir auch nicht schreiben, weil ein Brief für sie immer etwas Amtliches war.
ÜBERSETZER: Ich bin auch gegen dieses sogenannte „Telefon“.
BRUDER: Sie sind aber selbst ein Telefon.
ÜBERSETZER: wirft das Telefon gegen die Wand. Ich bin kein Telefon. Ich werde manchmal benutzt wie ein Telefon, aber meine Arbeit ist etwas ganz anderes.
SCHWESTER: Unsere Schwester wollte einmal mit dir reden. Das hat sie mir mehrmals gesagt.
BRUDER: Ich hätte aber nicht gewusst, was ich ihr hätte erzählen können. Ich wusste nie, was in ihrem Kopf vorgeht. Ich erinnere mich nur, dass sie nicht gerne mit mir redete.
NACHBAR: Ihre Schwester hat mich auch nie angesprochen. Ich denke, sie hat nie gerne geredet. Einmal sah ich sie nachts in einer Telefonzelle. Ich weiß noch, dass ich dachte: Sie telefoniert heimlich mit einem Mann.
SCHWESTER: Meine Schwester hat nie mit Männern telefoniert. Sie hat Männer auch nie fotografiert. Sie können ihre Schubladen kontrollieren: Da ist kein einziges Foto von einem Mann.
NACHBAR: Der Fotoapparat! Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Der Fotoapparat! Wir brauchen einen. Er wäre ein richtiger Ersatz für das kaputte Telefon.
BRUDER: Man kann unter Wasser keine Fotos machen. Deshalb gibt es kein Foto aus der Zeit, in der ich mich wohlfühlte. Die schöne Schildkröte existiert heute nur noch in meiner Geschichte.
ÜBERSETZER: In der Sprache der Schildkröten gibt es kein Adjektiv. Deshalb können Sie nicht sagen, dass Sie mit einer schönen Schildkröte zusammen waren. Sie könnten höchstens sagen, dass die Schönheit auf dem Schildkrötenpanzer wie Kaugummi festklebte, weil sie eine sehr alte Schildkröte war. Schildkröten werden nämlich mit dem Alter immer schöner. Sie war also eine alte Schildkröte, die … nein, „alte“ kann man auch nicht sagen, das ist auch ein Adjektiv. Also, sie lebte schon lange.
BRUDER: Sie war nicht alt. Sie war nicht jung.
NACHBAR: Glauben Sie nicht alles, was der Übersetzer sagt. Er bringt unser Gesetz durcheinander und behauptet, er hätte nur einen grammatikalischen Verbesserungsvorschlag gemacht.
BRUDER: Ich heiratete die Schildkröte und blieb bei ihr ganz lange.
ÜBERSETZER: Das kann nicht sein. Sie sind doch noch sehr jung.
SCHWESTER: Mein Bruder hat schon mehrere Leben gelebt im Unterschied zu meiner Schwester. Ihr Leben war kurz. Sein Leben war viel.
NACHBAR: Ich möchte fotografiert werden, bevor ich alt werde.
ÜBERSETZER zum Nachbar: So einer wie Sie wird schnell alt. Wenn Sie wirklich nicht alt werden möchten, so müssen Sie versuchen, eine Schildkröte zu werden. Wirft den Nachbarn auf den Boden und setzt sich auf ihn.
NACHBAR: wehrt sich. Lassen Sie mich!
BRUDER: Eine Schildkröte kann man nicht werden. Man kann sich zwar als Schildkröte maskieren; man kann auch ohne Maske die Rolle einer Schildkröte spielen. Aber man kann keine Schildkröte werden. Umgekehrt ist es jedoch möglich, dass eine Schildkröte sich in einen Menschen verwandelt, wenn sie Lust dazu hat. Ja, nur wenn sie Lust dazu hat.
ÜBERSETZER: Was wollen Sie damit sagen?
BRUDER: Ich wollte sagen, dass die Tiere im Unterschied zu uns eine freie Wahl haben.
NACHBAR: Ich rufe die Polizei an.
BRUDER: Ich sehe kein Problem darin, dass ich sie wissentlich geheiratet habe. Aber sie wurde von ihren Mitbewohnern angeklagt, weil sie so ein Wesen wie mich zu sich eingeladen hat. Ich habe nämlich keinen Panzer, und außerdem habe ich einen Bauchnabel.
SCHWESTER: Wer einen Bauchnabel hat, kann keine Eier legen. Der Bauchnabel ist ein Zeichen für unsere Unfähigkeit.
BRUDER: Außerdem sind die Menschen zu unordentlich in den Augen der Schildkröten. Ich habe nie verstanden, wie die Schildkröten ihre Ordnung beherrschen. Sie finden alles, was sie suchen.
ÜBERSETZER: Ich kann nicht die Kindersprache in die Muttersprache übersetzen.
BRUDER: Ich wollte, wenn ich das sagen darf, schon immer ein Kind gebären, aber nicht ein Säugetier, nicht einen Menschen. Denn Säugetiere haben eine zu schrille Stimme und einen zu großen Kopf. Mein Körper würde zerbrechen, wenn ich ein Säugetier gebären würde. Selbst wenn ich eine Frau wäre, würde es mir wehtun. Ich kann keine Schmerzen ertragen. Ich wollte nur ganz kleine Eier legen: kleine, glatte Eier. Aber als ich tatsächlich drei kleine Eier geboren hatte – damals war ich fünfzehn –, habe ich mich sehr geschämt. Ich dachte, ich hätte kein Recht dazu. Ich legte sie heimlich in die Pfanne, machte drei Spiegeleier daraus und aß sie auf, bevor meine Schwestern in die Küche kamen.
ÜBERSETZER: umarmt den Bruder. Das Wort „Spiegelei“ ist so schön, dass ich es in keine andere Sprache übersetzen möchte. Ich werde nur noch die Wörter, die ich hasse, in eine andere Sprache verwandeln.
SCHWESTER: Meine Schwester hat kein Kind bekommen. Sie sagte, dass sie deshalb manchmal traurig gewesen sei. Ich wusste aber, dass sie log.
NACHBAR: liegt immer noch auf dem Boden wie ein Postpaket. Ich möchte fotografiert werden. Ich möchte mich in einem Foto für immer aufbewahren. Wer fotografiert mich? Wer rettet mich?
ÜBERSETZER zum Nachbarn: Rufen Sie die Polizei an. Die Polizisten sind immer bereit, einem zu helfen.
SCHWESTER: Ich habe auch noch nie ein Kind geboren, denn ich wusste, dass meine Schwester mich dann hassen würde.
BRUDER: Glaubst du, dass sie von dir geliebt werden wollte?
SCHWESTER: Vielleicht.
BRUDER: Warum hast du sie dann gehasst?
NACHBAR: Ziehen Sie mich aus. Ich möchte mich befreien.
ÜBERSETZER: Ihre Vorstellung von der Befreiung ist altmodisch. Bleiben Sie so, wie Sie sind; oder rufen Sie die Polizei an.
SCHWESTER: reinigt den Hals der Toten. Meine Schwester hatte eine schöne Speiseröhre. Ich durfte ihr ab und zu in die Kehle schauen. Ich legte manchmal eine kleine Tablette auf ihre Zunge und beobachtete, wie sie in der Röhre verschwand. Einmal warf ich eine besondere Tablette tief in ihre Kehle. Ich war ganz sicher, dass wir allein waren. Als ich mich umblickte, stand aber unser Bruder, der seit zehn Jahren fort gewesen war, in der halb geöffneten Tür und sagte:
BRUDER: Ich bin wieder da.
SCHWESTER: Wo kommst du her?!
BRUDER: Ich war unter Wasser.
SCHWESTER: Bist du ertrunken? Und dann gerettet worden?
BRUDER: Nein, ich bin freiwillig unter Wasser gegangen und bin wiedergekommen, um meine älteste Schwester zu retten, bevor sie getötet wird.
SCHWESTER: Von wem?
BRUDER: Von dir.
NACHBAR: Rufen Sie sofort die Polizei an. Das geht doch nicht so weiter. Ein Mord. Ein Schwesternmord.
ÜBERSETZER zum Bruder: Sie kommen frisch aus dem Wasser. Glauben Sie, dass die anständigen Bürger Ihre Sprache verstehen? Sie brauchen einen Dolmetscher!
NACHBAR: Er kommt sicher nicht aus dem Wasser, sondern aus einem Gefängnis. Kein Mensch kann aus dem Wasser zurückkehren.
SCHWESTER: Warum bist du zurückgekommen? Wir haben dich nicht gerufen! Hast du etwa gedacht, dass wir dich vermissen? Nicht jeder verlorene Sohn ist wertvoll.
BRUDER: Ich konnte nicht mehr bleiben, wo ich war. Nicht, dass ich dort gegen das Gesetz gehandelt hätte. Nein. Ich bekam Minderwertigkeitsgefühle. Ich gehörte dort nicht dazu. Ich bin nämlich nicht aus einem Ei geboren.
NACHBAR: Befreien Sie mich! Ich muss handeln! Ich muss mit dem heimgekehrten Sohn reden. Da er keinen Vater hat, muss ich mit ihm reden. Sonst fressen ihn seine Schwestern auf.
BRUDER: Ich bin kein Sohn, ich bin nur ein Bruder. Was wollen Sie mir erzählen? Wer hat Sie zum Postpaket gemacht? Schnürt den Nachbar auf. Was wollten Sie mir sagen?
NACHBAR: Befreien Sie mich!
BRUDER: Ich habe Sie doch schon befreit. Oder soll ich Sie von Ihrer Kleidung befreien? Ich weiß nicht, ob das gut ist. Zieht ihm alles, was er anhatte – bis auf eine weiße Hose und ein weißes Hemd – aus. Was wollten Sie mir sagen?
NACHBAR: Es war einmal ein Kranich, der lag verletzt am Ufer eines Teichs in einem großen Park. Eine Postbotin kam zufällig vorbei, fand ihn und nahm ihn mit nach Hause. Sie pflegte ihn, bis er geheilt war, und dann brachte sie ihn wieder in den Park. Eines Tages, als die Postbotin allein im Park saß und die Zeitung las, kam ein schöner junger Mann zu ihr und sagte:
Der Nachbar setzt sich die Kranichmaske auf.
NACHBAR als Kranich: Entschuldigen Sie bitte.
ÜBERSETZER-POSTBOTIN: Wie bitte?
NACHBAR ALS Kranich: Entschuldigen Sie, darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?
ÜBERSETZER-POSTBOTIN: Buchstabieren Sie das Wort „Kaffee“ bitte.
NACHBAR ALS Kranich: Warum?
ÜBERSETZER-POSTBOTIN: Ich möchte nicht mit einem Ausländer Kaffee trinken gehen, der Kaffee mit „C“ schreibt.
NACHBAR ALS Kranich: Ich bin kein Ausländer, ich bin kein Mensch.
Nachbar nimmt die Kranichmaske ab.
BRUDER: Und die Postbotin? Was hat sie dann gemacht?
NACHBAR: Sie ging mit ihm Kaffee trinken. Und dann hat er sie noch zum Abendessen eingeladen, und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder. Holt aus der Hosentasche weiße Federn und streut sie in die Luft. Aus seiner Hosentasche kam so viel Geld, wie er wollte. Seine Geldscheine waren etwas leichter und weicher als die normalen, aber keiner hat es gemerkt.
BRUDER: Und die Postbotin? Fand sie ihn nicht etwas fremd?
SCHWESTER: reinigt die Brust der Toten. Meine Schwester hat oft nachts gehustet. Ich streichelte ihren Rücken, aber es half nicht. Was hast du, fragte ich sie jedes Mal. Und sie sagte jedes Mal, dass sie zu viele Federn eingeatmet habe: Auf der Innenseite ihrer Lungen klebten weiche Federn, und es gäbe nicht mehr genug Platz für die Luft.
BRUDER: Woher kamen die Federn? Unser Kanarienvogel ist doch schon seit zwanzig Jahren tot.
SCHWESTER: Bist du vielleicht ein Kranich?
BRUDER: Ich?
SCHWESTER: Bist du vielleicht ein Tier?
BRUDER: Nein, ich bin doch dein Bruder.
SCHWESTER: Seit wann bist du mein Bruder? Bist du ein Tier und mein Bruder?
BRUDER: Was willst du wissen?
SCHWESTER-POSTBOTIN: Bist du der Kranich, den ich gerettet habe?
NACHBAR: Das hätte sie ihn aber nicht fragen dürfen. Die Postbotin hat ihm diese Frage gestellt, weil sie nicht verstehen konnte, warum er nicht arbeitete; warum er nicht beim Arbeitsamt gemeldet war; warum er keine Sozialhilfe beziehen wollte; warum er sich nicht nackt zeigen wollte; warum er nicht von seiner Vergangenheit sprach; warum er keinen gekochten Fisch aß; und warum er nie Zeitung las.
SCHWESTER-POSTBOTIN: Bist du der Kranich, den ich gerettet habe?
BRUDER: Es war einmal ein Kranich, der „ich“ hieß. Nimmt die Kranichmaske vom Nachbarn und setzt sie sich auf.
ÜBERSETZER: Buchstabieren Sie Ihren Namen, bitte.
BRUDER ALS Kranich: „I“ wie Igel, „C“ wie Chimäre und „H“ wie Hund. Mit Ihrer Methode kommen Sie aber nicht tiefer in meine Seele hinein. Ob ich ein Kranich bin? Nein.
ÜBERSETZER: Wie war Ihr Name, bitte.
BRUDER ALS Kranich: „Ich“ hieß der Kranich.
ÜBERSETZER: So kann kein Kranich heißen.
Der Bruder nimmt die Maske ab und gibt sie dem Nachbarn zurück.
SCHWESTER: Manchmal dachte ich, dass meine Schwester wie ein Kranich aussieht, weil sie einen langen Hals hatte. Wenn man sie von hinten rief, schaute sie elegant wie ein Kranich zurück. Ich rief oft ihren Namen, nur um zu sehen, wie elegant sie ihren Kopf zurückdreht.
BRUDER: Du hast ihr manchmal das Halsband vom Hund des Nachbarn um den Hals gelegt.
SCHWESTER: Das war unser Lieblingsspiel. Wer von uns ist der Hund, fragten wir uns dann gegenseitig.
BRUDER: Wer von uns ist der Hund?
SCHWESTER: Ich.
BRUDER: Und du warst immer der Hund. Obwohl du das Halsband nie umhattest.
SCHWESTER: Natürlich wollten wir beide lieber der Hund sein als seine Besitzerin. Aber ich wollte kein Halsband um meinen Hals haben, weil ich nicht so einen langen Hals hatte wie meine Schwester.
BRUDER: Du hast an dem Halsband eine Kette befestigt und die Schwester hin- und hergezogen.
SCHWESTER: Das war aber ein Befehl von ihr. Ich konnte zur ihr nicht „Nein“ sagen.
BRUDER: Und sie hat geschrien.
ÜBERSETZER: schreit wie eine Frau.
SCHWESTER: Sie wollte lieber ein Hund sein als seine Besitzerin.
NACHBAR: spricht zur Kranichmaske. Ich möchte lieber ein Kranich sein als seine Besitzerin, verstehst du?
ÜBERSETZER: Hat Ihre Schwester den Befehl wirklich so streng formuliert, dass Sie nicht „Nein“ sagen konnten? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man einen so lächerlichen Wunsch streng formulieren kann. Was sagte sie konkret? Zitieren Sie wörtlich. Ich kann daraus vielleicht etwas lernen.
NACHBAR zur Maske: Zitieren Sie wörtlich aus Ihrem Tagebuch!
SCHWESTER: Sie hat eigentlich nichts gesagt. Ich habe aber immer gespürt, was sie von mir wollte. Sie brauchte mir nichts zu sagen. Es war alles so deutlich, dass ich nicht einmal nachfragen musste.
NACHBAR: Die Postbotin konnte aber nie spüren, wie sich der junge Mann fühlte. Sie war bald verzweifelt. Etwas war bei ihm nicht normal.
BRUDER: Mir gefällt es aber besser, wenn ich mir nicht einbilden muss, dass ich die Gefühle meiner Frau verstehen könnte.
NACHBAR zur Maske: Na, wie fühlst du dich?
ÜBERSETZER zum Bruder: Genau. Sonst wären Sie ja nicht mit der Schildkröte gegangen. Oder mit der Muschel. Was für ein Gefühl hat eine Muschel?
SCHWESTER: Ich wusste immer ganz genau, was meine Schwester dachte.
NACHBAR: Wissen Sie auch, was sie jetzt denkt?
BRUDER: Du wusstest, dass sie von dir getötet werden wollte?
SCHWESTER: Du weißt nichts von uns. Du bist kein verlorener Sohn, sondern ein nichtgeborener Bruder. Und ich bin ihre einzige richtige Schwester. Ich wusste alles über sie.
NACHBAR: Wie ist das möglich? Wie konnten Sie alles wissen?
SCHWESTER: Weil wir aus einem Ei geschlüpft sind.
BRUDER: Aus dem Ei, das ich geboren habe.
SCHWESTER: Nein, nicht aus deinem Ei. Wir waren Zwillinge, die nicht im gleichen Jahr geboren wurden, aber doch aus einem Ei.
ÜBERSETZER: Es kann ja sein, dass Sie und Ihre Schwester als ein Mensch zur Welt gekommen sind.
NACHBAR: Ich hörte die beiden oft streiten. Damals hatten wir noch nicht diese Isolierwand. Es geschah immer morgens. Ich wusch mich, zog meine Uniform an und hörte den Satz:
ÜBERSETZER-TOTE: Ich weiß, dass es nicht regnen wird!
NACHBAR: Ich hörte oft, dass eine zur anderen sagte, dass es an dem Tag bestimmt regnen würde. Dann sagte die andere, dass es bestimmt nicht regnen würde. Sie stritten leidenschaftlich über dieses kleine Problem.
ÜBERSETZER: Vielleicht ging es aber um ein anderes Problem. Vielleicht war der „Regen“ eine Metapher für etwas.
NACHBAR: Unsinn.
ÜBERSETZER: Oder war das Wort „Regen“ eine Chiffre?
NACHBAR: Nein, ganz bestimmt nicht. Das hätte ich ja sofort gemerkt.
ÜBERSETZER: Ist es nicht nur Ihre Wunschvorstellung, dass sich die beiden Schwestern gestritten haben? Sie dachten sicher, dass sich die Schwestern voneinander trennen sollten, damit Sie mit einer der beiden in Kontakt kommen könnten.
NACHBAR: Ich habe die beiden kaum gesehen. Geredet habe ich nur einmal mit der einen. Ich weiß nicht einmal, ob es die Älteste war. Ich glaubte manchmal sogar, drei bis vier verschiedene Frauenstimmen zu hören. Ich wusste nicht einmal, wie viele Schwestern insgesamt in diesem Haus wohnten.
BRUDER: Ein Kranich besitzt nie einen Regenschirm.
ÜBERSETZER: War es nicht so, dass Sie das Gespräch zwischen ihnen als Streit definiert haben, weil Sie nicht wahrhaben wollten, was die beiden redeten?
NACHBAR: Was wollte ich nicht wahrhaben?
ÜBERSETZER: Sie wollten nicht wahrhaben, dass Ihre Nachbarn eine ganz andere Sprache benutzen als Sie.
NACHBAR: Das kann nicht sein, denn ich habe alles verstanden, was sie redeten. Alles.
BRUDER: Man hört nur das, was man versteht.
NACHBAR: Ich wollte nur nicht so genau wissen, was mich beunruhigt. Es war immer etwas Seltsames an dieser Familie. Nein, es war keine Familie. Wer weiß, ob die Schwestern wirklich Schwestern waren, ob ihr Bruder wirklich ihr Bruder war.
SCHWESTER: Reden Sie etwas lauter.
ÜBERSETZER: Und konkreter. Ich kann nicht verstehen, warum viele Leute absichtlich so entstellte Redeweisen verwenden. Vielleicht damit sie – falls sie angeklagt werden – eine Ausrede haben. ,Es war aber gar nicht so gemeint“, sagen sie immer hinterher. ,Es war nur ein Übersetzungsfehler.“ Das sind doch alles Ausreden.
NACHBAR: Ich brauche aber keine Ausrede. Ich habe nichts getan. Ich kann alles, was ich gemacht habe, laut meinem Finanzamt erzählen. Nimmt die Hunde-Maske und setzt sie sich auf.
SCHWESTER: Was machen Sie eigentlich beruflich? Wir leben schon seit dreißig Jahren nebeneinander und ich habe Sie das noch nie gefragt.
NACHBAR ALS Hund: Es ist kein Wunder, dass Sie mich das noch nie gefragt haben, denn ich habe – wenn ich mich nicht täusche – noch nie mit Ihnen geredet. Ich glaube, es war Ihre Schwester, die ich einmal angesprochen habe.
SCHWESTER: Was machen Sie eigentlich beruflich?
NACHBAR ALS Hund: Das geht Sie gar nichts an. Ich lebe in einem Stadtteil, in dem man seinen Beruf nicht extra nennen muss: Man sieht, was man verdient, und das reicht.
SCHWESTER: Verraten Sie mir doch Ihren Beruf. Sind Sie ein Hund oder sein Besitzer?
NACHBAR ALS Hund: Es gibt Leute, die Fragen stellen. Die sind zwar nicht verboten, aber doch unpassend. Nimmt die Hunde-Maske ab.
