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Kein Land steht dieser Tage mehr im Mittelpunkt der Betrachtung als die Türkei. Doch was wissen wir über dieses Land, das halb Asien und halb Europa ist? Was ist nicht alles berichtet, gesagt und geschrieben worden über die Stadt Istanbul, in der Orient und Okzident sich treffen. Wir leben in wirren Zeiten, in denen der Schein unser Denken bestimmt und viele Begebenheiten hinter dem Nebel der Täuschung verborgen bleiben. Verschwiegenes und kurioses kann ich Ihnen über die Tumulte berichten, die in der Welt als Gezipark Proteste bekannt wurden. Begleiten Sie mich auf meiner Reise durch die Jahre 2012, 2013 und 2014. Lernen Sie das Leben aus der Sicht eines verwöhnten Industriestaatlers kennen, der ungewollt den harten Alltag außerhalb der Komfortzone schätzen lernt.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2018
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“Die Liebe der Türken und Deutschen zueinander ist so alt, dass sie niemals zerbrechen wird.”
Otto von Bismarck, deutscher Politiker und Reichskanzler 1815-1898
Mein ganzer Dank für dieses erste Buch gilt meiner besseren Hälfte Claudia Serap und Jaleesa. Sie waren es, die den Stein im Sommer 2017 ins Rollen brachten. Sie gaben meinen Gedanken und Erlebnissen einen Rahmen. Der komplette Buchsatz und die Gestaltung sind allein ihr Werk. Robert und Dominique soll an dieser Stelle gedankt werden für all die Hilfe und Geduld, die sie mit mir hatten und bis heute haben. Auch bedanke ich mich an dieser Stelle bei allen meinen Freunden und Gefährten hier in Istanbul. Allen voran Firat, der mir zu allen Zeiten ein treuer Freund und kluger Ratgeber war und noch immer ist. Für eines der unvergesslichsten Erlebnisse während der Gezipark Ausschreitungen bedanke ich mich herzlich bei Pinar, sie hat dieses Buch ein gutes Stück spannender gemacht. Georgie danke ich für das großartige Titelbild und die Nachbearbeitung. Erwähnen möchte ich auch Çağdaş und Serkan, mit denen ich immer so viel zu besprechen habe. Schließlich sei noch Dilara genannt, die das Gespräch zwischen den Polizisten und Demonstranten übersetzt hat. Letztendlich gebührt der Dank auch meinen Fans und Followern. Ihr habt mir in den letzten Monaten die Motivation gegeben, das Projekt zu vollenden.
İstanbul im Juni 2018
Vorwort
Einleitung
Ein lange vorbestimmter Weg
Ankunft
Eins noch vorab
Eintreffen in Istanbul
Erste Schritte ins neue Leben
Nachhauseweg mit Hindernissen
Die nächste Herausforderung
Ein atemberaubender Anblick
Sonntagsausflug ins Militärmuseum
Ein kurzer Ausflug in vergangene Zeiten
Überraschende Freundschaft
Die Geziparkausschreitungen
Am Vorabend des großen Unglückes
Entscheidung mit Folgen
Ein denkwürdiger Geburtstag
Der 2. Juni
Erste Zweifel keimen
Viele Fragen, wenig Antworten
Protest oder Festival?
Was nicht erzählt wurde
Gerstensaft und Tränengas
Suche nach Antworten
Feierabendrevolutionäre
Die Party wird aufgelöst
Eine Shoppingtour im Chaos
Beobachtungen hier und Berichterstattungen dort
Der Hoca und seine Lichthäuser
Um Haaresbreite der Katastrophe entgangen
Symbolträchtiges Zentrum und tiefere Ursachen
Erschreckende Parallelen und Zusammenhänge
Um zum Schluss zu kommen
Eine andere Seite des Lebens
Bekanntschaft mit der harten Realität
Das Flugzeug hob ohne mich ab
Lernen mit dem Nötigsten zu leben
Das Ende der Talsohle
Bewusstwerdung
Neue Freundschft und alte Zeiten
Moment der Erkenntniss
Neuanfang
Dieses Buch schildert meine ganz persönliche Sicht der Dinge und meine Erlebnisse in der Türkei in den Jahren 2012, 2013 und 2014. Von meiner Seite wird dabei kein Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit erhoben. Es ist sehr gut möglich, dass sich Einzelheiten in anderen Reihenfolgen abgespielt haben.
Die letzten 6 Jahre waren unglaublich bewegt und vieles musste rekonstruiert werden. Der Entschluss dieses Buch zu schreiben, wurde im Winter 2017 gefasst und während der Feiertage entstanden die ersten Seiten. Zwar habe ich schon immer meine Erlebnisse niedergeschrieben, doch hatte ich nie vor, ein Buch daraus zu machen. Sooft mir der Gedanke auch kam, verwarf ich ihn wieder. Den entscheidenden Impuls gab letztendlich meine bessere Hälfte im Sommer 2017 während wir in Antalya beim Frühstück zusammen saßen. Nun, da wir das Jahr 2018 schreiben, nimmt die mediale Verunglimpfung meines Zuhauses Istanbul und der Türkei in den Medien der BRD ein Ausmaß an, dass es mir unmöglich macht weiter zu schweigen.
Zu sehr gehen meine persönlichen Wahrnehmungen und das in diesen Medien Berichtete auseinander. So habe ich nun entschieden, mich öffentlich dazu zu äußern. Doch soll es von meiner Seite aus immer nur um meine Wahrnehmung gehen, die sich von der Wahrnehmung anderer unterscheiden kann. Es fällt mir jedoch in letzter Zeit immer öfter und immer stärker auf, dass ich bei weitem nicht der Einzige bin, dem es so geht. Das zentrale Kapitel in diesem Buch ist das Gezipark-Kapitel und es besteht zum größten Teil aus meinen eigenen Erlebnissen, zu denen Sie auch Videos auf meiner Autorenseite finden. www.larskazubski.de
Sie werden dort gerade über den Gezipark noch einiges Interessantes zu sehen bekommen. Auch habe ich vieles in das Gezipark-Kapitel eingebracht, das mir zugetragen wurde. Die Galerien auf der Autorenseite wurden angelegt, um das Buch selbst kurzweilig und unterhaltsam gestalten zu können. Es ist mein Anliegen, Ihre Sichtweite zu erweitern, Ihnen mehr Informationen über die Türkei und über die Vorgänge hier im Land zu geben. Des weiteren geht es in diesem Buch auch um das Leben eines verwöhnten Industriestaatler, der ungewollt das Leben ausserhalb der Komfortzone kennen und schlussendlich sehr zu schätzen lernt. Es freut mich, dass Sie mein Buch gekauft haben.
Viel Spaß damit.
Glauben Sie an Zufälle? Ich glaube an Zufälle und ich glaube auch an Vorsehung. Fest überzeugt bin ich davon, dass wir einen Auftrag in unserem Leben haben. Wir betreten die Welt zu einem ganz bestimmten Zweck und mit einem ganz besonderen Hintergrund. Die meisten freilich nehmen davon keine Notiz, es interessiert sie einfach nicht. Sie leben in ihrer Komfortzone und sind froh, wenn ihr Leben keine großen Verrücktheiten mit sich bringt. Lange Jahre hat mich beschäftigt, wofür ich wohl in diese Welt gesandt wurde. Nachdem die Zeit bei der Bundeswehr beendet war, fand sich einfach kein Anliegen, das es wert gewesen wäre, sich voll und ganz für einzusetzen. Zur Bundeswehr hatte man sich in den 90ern freiwillig gemeldet, weil in den Nachrichten diese Bilder aus Jugoslawien kamen. Man sah blutüberströmte Körper auf den Straßen liegen, getroffen von Gewehrkugeln oder Granatsplittern. Laufend hörte man von neuen Grausamkeiten im Bürgerkrieg auf dem Balkan. Als Idealist mit Anfang zwanzig sieht man sich sowas natürlich nicht lange an. Eines Montags morgens fuhr ich raus nach Oberspree zum Kreiswehrersatzamt und meldete mich freiwillig. Trotz herausragender Leistungen und überdurchschnittlicher Einsatzbereitschaft wurde meine freiwillige Meldung beim Auslandseinsatz letztendlich nicht berücksichtigt. Zu naiv waren damals meine Vorstellungen von den tatsächlichen Hintergründen dieses Einsatzes. Wenigstens war man ehrlich zu mir. Anschließend absolvierte ich eine Ausbildung zum Zimmermann. Ein Beruf, der mir lag, in dem man aber 2002 in Berlin leider keine gescheite Anstellung mehr bekam. Kurzerhand machte ich mich selbstständig und fing an zu verkaufen. Fernseher, Internetverträge, Waschmaschinen, Handys und alles was man sonst noch so in einem Media Markt oder Saturn bekommt. Manchmal auf der Verkaufsfläche und manchmal im Außendienst. Es gab gute und schlechte Zeiten, richtig froh wurde ich nie. So denke ich, dass die Vorsehung mich hierher führte und mir all diese Prüfungen auferlegte. Irgendwann im Sommer 2012 stolperte ich über ein Jobangebot mit dem Titel "Arbeiten in der Türkei". Mein erster Gedanke war: Mehr als drei Millionen Türken in Deutschland, da wird ein Deutscher mehr in der Türkei nicht schaden. Die Türken kannte ich schon damals recht gut. Arbeitete ich doch täglich mit ihnen zusammen. Als Handelsvertreter und Salespromoter hat man es in Berlin mit einer Menge harter Konkurrenz zu tun. Sie müssen wissen, dass 80 Prozent der in diesem Bereich tätigen Türken sind. Die sind nun einmal die geborenen Verkäufer. Will man also dort bestehen, muss man pünktlich und fleißig, sehr fleißig sein.
Man muss Verkaufstrainings besuchen und darf keine Schulung versäumen. Denn zu groß ist das Talent der meisten Türken und die in Deutschland geboren, sind meistens auch richtig fleißig. So kam es also, dass ich viele von ihnen in meiner Zeit im Verkauf sehr gut kennen und schätzen lernte.
Oft waren wir direkte Konkurrenten und pflegten abseits der Verkaufsfläche langjährige Freundschaften. Was von den jeweiligen Gebietsleitern der Produktgeber dann selten gutgeheißen wurde. So war ich zum Beispiel sehr lange Zeit in Berlin für den DSL Anbieter Arcor als Salespromoter bei Saturn und Media Markt tätig. Arcors schärfster Konkurrent war damals der Hamburger Anbieter Alice. In Berlin war es nun so, dass bei Alice vorwiegend Türken arbeiteten. Eigentlich waren nur Türken bei Alice, da der Agenturchef Türke war und seine Mannschaft natürlich zur Hälfte aus Mitgliedern und Bekannten seiner Familie bestand. Der Gebietsleiter von Arcor war dann auch immer darauf bedacht, den Wettbewerb zwischen mir und meinem Nachbarn zu untermauern. Natürlich stimmte ich ihm immer vollumfänglich zu.
Er betonte eifrig, wie wichtig es wäre, dem anderen keinen Fußbreit Marktanteil zu überlassen. Sowie er den Markt verlassen hatte, gingen Burhan und ich dann meist einen Tee oder Kaffee trinken. Tauschten uns ausführlich über Neuigkeiten und Fragen der Bestandskunden aus und beredeten die Dinge, die für den Berliner sonst noch von Bedeutung sind. Meist so weltbewegende Sachen wie den letzten Clubbesuch oder was am Wochenende anstehen würde.
Die Begrüßung mittels Kopfnuss war für mich anfangs gewöhnungsbedürftig. Sie müssen wissen, dass ich in der DDR aufgewachsen bin und darum erst in den 90ern mit den Türken in Kontakt kam. Weshalb ich solche Begrüßungsrituale auch nicht kannte. Wir kamen sehr schnell gut miteinander aus.
Insgesamt habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Türken den Deutschen sehr wohl gesonnen sind. Und nicht wenige sich wünschen, dass wir auch wieder mal etwas deutscher werden. Sie können es sich bereits denken. Natürlich haben wir uns nicht als knallharte Konkurrenten gesehen, im Gegenteil. Weder Arcor, noch Alice waren Anbieter ohne Makel. Was natürlich zur Folge hatte, dass man es immer mal wieder mit sehr erbosten und frustrierten Bestandskunden zu tun hatte. Statt nun diese Leute ewig zu vertrösten, zu beruhigen und damit deren und die eigene Zeit zu verschwenden, rieten wir ihnen, es doch einmal bei einem anderen Anbieter zu versuchen. Verwiesen ihn an den Kollegen neben uns und freuten uns für unseren Mitstreiter, der dann natürlich auch gern mal ein Mittagessen ausgab. So war mir die türkische Mentalität bereits vertraut, als ich im Sommer 2012 letztmalig meinen Reisepass und meinen Personalausweis verlängern ließ. Damals hatte ich noch nicht vor, länger in der Türkei zu bleiben. Aber ich dachte mir: "Schaden kann es nicht. Wer weiss wie lange Du dort bist."
Istanbul und die Türkei im Allgemeinen übten schon seit früher Kindheit eine gewisse Anziehung auf mich aus. Hintergrund waren die Abenteuer der Abrafaxe. Drei Brüder, die Helden in Heften mit dem Namen Mosaik waren, noch heute sind und deren Abenteuer sie um die ganze Welt führten. Unter anderem durch das Gebiet der heutigen Türkei. Sehr gut kann ich mich noch an ein Heft mit dem Namen "In den Bergen Kurdistans" erinnern. Als Kind liebte ich diese Geschichten und las die Hefte immer und immer wieder. Alexandria, Tunis, Assyrien, Flaschengeister, der Hoca Nassredien und vieles mehr aus dem Orient begegneten ihnen auf ihren Abenteuern und ließen mich von einer Welt erfahren, die damals noch unerreichbar war. Es waren Geschichten für mich, wie Märchen oder Legenden.
Viel später erst begriff ich, dass das alles historische Bestandteile und Hintergründe hatte. Diese Geschichten lasen damals alle Kinder in der DDR. Ich war da nicht die Ausnahme, denn die Mosaik Hefte wurden in der DDR gedruckt. Doch vermochten sie gerade in mir eine gewisse Neugier zu wecken. Wahrscheinlich hätte ich das alles unter Träumerei verbucht und einfach vergessen. Denn sicher werden Sie mir zustimmen, dass wir nicht in Zeiten leben, in denen junge Heranwachsende dazu ermuntert werden, ihre Träume in die Tat um zusetzten.
In meinem Fall jedoch hatte die Vorsehung andere Pläne. Sie führte meinen Weg direkt an die Orte dieser Geschichten und Legenden. Und gerade ich sollte viele Jahre später in der Bücherei Hugendubel am Berliner Alexanderplatz stehen, um bei meiner Suche nach neuen Büchern, auf eine DVD Kollektion mit dem Namen "Altas der Globalisierung" zu stoßen. Damals war ich sehr fasziniert von Zinsen, Dividenden, Aktien Rohstoffen und verschlang förmlich jedes Buch, das ich darüber zwischen die Finger bekam. Dabei bleibt es nicht aus, dass man auch Kritisches liest und diese DVD Kollektion gehörte zum jenem Material. Wovon eine den Titel: "Ekümenopolis: Ucu Olmayan Şehir" trägt. Was soviel bedeutet wie: "Ökonomopolis: Stadt ohne Grenzen". Trotzdem diese Dokumentaktion ein eher unschönes Licht auf Istanbul wirft, fühlte ich mich von diesem Ort angezogen.
Kindheitserinnerungen die lange Jahre im Verborgenen geblieben waren, erwachten zu neuem Leben. Nachdem ich diese Dokumentation gesehen hatte, war es, als hätte ich erst gestern die Mosaik Hefte mit den Abenteuern der Abrafaxe und Alexander im Nahen Osten gelesen. Mein einziger Gedanke war: Da muss ich hin. Vielleicht war es dieser innere, von nun an immer währende Wunsch der mich Jobangebote mit neuen Augen sehen ließ. Vielleicht war es auch reiner Zufall, dass ich nur Wochen später über diese Annonce stolperte. Ganz sicher war es die Vorsehung, die den Dingen in meinem Leben damals eine komplett neue Richtung geben sollte. So bin ich heute ausgesprochen dankbar, dass diese 20 Jahre im Stillen, gehegten Träume sich 2012 begannen zu erfüllen.
Alles im Leben hat seinen Preis, seien Sie sich dessen bewusst. Das letzte Mal hatte mich mein Weg 1995 ins Ausland geführt, nach Bulgarien an den Sonnenstrand. Was einem irgendwie das Gefühl vermittelt, man wäre im Urlaub. Genau das ist es auch, was Istanbul ausmacht, es fühlt sich an wie Urlaub dort zu leben und für dieses Gefühl bezahlt man einen sehr, sehr hohen Preis. Wenn Sie sich mit dem Gedanken tragen nach Istanbul zu gehen, ist es notwendig, dass Sie etwas beachten. Etwas worüber Sie Sich im Vorfeld absolut im Klaren sein sollten: Letzten Endes wird es nicht Ihre Entscheidung sein, ob Sie in Istanbul leben oder nicht. Istanbul wird diese Wahl für Sie treffen.
Alles was Sie entscheiden können ist, wieviel Sie bereit sind aufzugeben für das Leben hier. Istanbul wird Sie ausspucken oder für immer bei sich behalten. Die Istanbuler sagen, Istanbul ist Verführung und Fluch. Eine launische Schöne, die Sie mit Missachtung strafen oder Ihnen die größten Freuden bereiten kann. Natürlich können Sie das zu einem Teil mitbestimmen. Letzten Endes aber wird die Stadt Sie in die Waagschale werfen und für gut genug befinden oder eben nicht. Wenn Sie wirklich bereit sind, jeden denkbaren Kompromiss einzugehen. Wenn Sie in der Lage sind, Ihre Komfortzone zu verlassen und es mit dem wahren, harten Leben aufzunehmen, dann werden Sie eines Tages am Bosporus sitzen, ein Glas Tee in der Hand, aufs Wasser schauen und voller Dankbarkeit auf den Preis zurückblicken, den Sie gezahlt haben, um an diesem einen Punkt angekommen zu sein. Dieser Preis wird kein geringerer sein, als das Leben des verwöhnten Industriestaatlers komplett hinter sich zu lassen. Sich zu trennen von trinkbarem Leitungswasser. Zu akzeptieren das Strom nicht sieben Tage die Woche und rund um die Uhr zur Verfügung stehen muss. Sie müssen damit klar kommen, dass es nichts geschenkt gibt. Wenn Sie nicht arbeiten gehen, haben Sie kein Geld. Es gibt kein aufwendiges, Milliarden schweres Soziales Netz, das jeden auffängt. Wenn Sie es auf der Arbeit schleifen lassen und rausfliegen, dann bleibt der Kühlschrank leer. Wenn Sie dann keine Vorräte haben, werden Sie hungern. Also legen Sie Geld zurück. Sparen Sie 10.000 oder 20.000 Euro. Besser noch mehr. Istanbul ist nicht billig. Sollten Sie für eine große deutsche Firma arbeiten und ein sicheres, komfortables Einkommen haben, dann muss Sie das alles nicht interessieren. Aber wenn Sie hier aus eigener Kraft auf die Beine kommen wollen, machen Sie sich besser darauf gefasst, in zwei Jahren durchzumachen was Sie in Deutschland vielleicht in zehn Jahren nicht erleben werden. Das ich alles einmal aus eigener Erfahrung schreiben würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen.
Es war der vierte September des Jahres 2012, als ich in Istanbul auf dem Sabiah Gökçen Flugplatz landete, welcher sich auf der asiatischen Seite jener imposanten Stadt befindet. Dieser vierte September war ein angenehm warmer Tag mit 25 Grad und klarem Himmel. Voller Enthusiasmus kam ich also an diesem Ortan, von dem ich so oft geträumt und von dem ich schon als Kind so viel gelesen hatte. Das Büro war auf der europäischen Seite.
Beim Flug hatte ich ein paar Euro sparen wollen und so musste ich nun von der einen Seite der Stadt zur anderen kommen. Inklusive von dem einem auf den anderen Kontinent, was erstmal nicht weltbewegend klingt. Denn genau dafür hat Istanbul eine zentrale Stadtautobahn, die E5. Mit ihr kann man zügig vom einem Ende der Stadt zum anderen gelangen. Von Stadtgrenze zu Stadtgrenze sind es etwa 80 km Fahrtweg. Berlin hat gerade einmal die Hälfte. Was man auch wissen muss ist, dass in Istanbul ca. 18 Millionen Menschen leben. In Berlin sind es vier, sprich ein Fünftel.
Nun hört man als Berliner von Zugezogenen oder Touries des Öfteren Aussagen wie: "Du lebst hier in der Weltmetropole?", "Wie ist das Leben in so einer riesigen Stadt?" oder "Man braucht ja ewig um hier von A nach B zu kommen.". Diese Menschen haben eben Istanbul noch nicht erlebt. Ich dachte mir auch damals immer "Naja... in anderthalb Stunden bist du mit der Ringbahn einmal um die Stadt herum gefahren. Über die Nord- Süd Verbindung bist du mit der Stadtbahn keine Stunde unterwegs. Geht eigentlich. Eine Metropole stelle ich mir irgendwie größer vor.”.
"Wie sowas wohl aussieht?“. Die Antwort auf diese Frage leitete sich an diesem Tag und mit dieser Fahrt ein. Auf Fragen sollte ich antworten erhalten, die ich mir im Leben nicht hätte einfallen lassen können. So bekam ich auch schon am ersten Tag einen kleinen Einblick in die Ausmaße dieser gigantischen Stadt. Vom Flughafen aus ging es dann sofort auf die besagte E5. Vorbei an einem weitläufigen Einkaufspark, vor dem ein Jahrmarkt aufgebaut war. Zunächst kam man gemächlich auf dieser breiten Autobahn voran. Auf beiden Seiten grüne Landschaften mit weitem Blick zum Horizont, keine Berge oder größere Hügel die die Sicht behinderten. Überall ein- bis zweigeschossige Häuser mit Vorgarten, sehr idyllisch und mit mediterraner Ausstrahlung. Dazu angenehme 25 Grad und ein wenig Fahrtwind der frische Luft ins Auto brachte. Eine angenehme Überlandfahrt also.
