Ein Clown geht um die Welt - Walter Galetti - E-Book

Ein Clown geht um die Welt E-Book

Walter Galetti

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Beschreibung

Viele Jahrzehnte tollte er als Farbtupfer durch die Grauwerte des Alltags. Mit zwanzig Jahren hat alles begonnen, mehrmals ist er mit seinem Eigenheim auf Rädern um die ganze Welt gefahren, begleitet von seiner Frau Maria, den beiden Töchtern Carmen und Mariza sowie seinem Sohn Marco. Er fuhr auf schlechten Straßen, durch Wüsten, bei Nacht, Nebel und Schnee, immer mit dem Ziel vor Augen, einer der ganz großen Clowns zu werden. Wie traurig macht lustig sein? Die Falten im Gesicht von Walter Galetti waren Lach- und keine Sorgenfalten, obwohl er viele Rückschläge erdulden musste. Der kleine Mann mit dem großen Herzen schwelgte lächelnd in Erinnerungen an seine Abenteuer, Höhepunkte und Erfolge. Er dankte seinem Schöpfer, dass er ihm eine Frohnatur in die Wiege gelegt hatte. Seine Augen leuchteten, wenn er von seiner Zukunft erzählte. Walter Galetti liebte Spontanität und die Arbeit nahe am Menschen und: einfach nur lachen machen. Er hat das Leben all derer, die ihm begegnen durften, bunter gemacht.

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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über den Autor

Viele Jahrzehnte tollte er als Farbtupfer durch die Grauwerte des Alltags. Mit zwanzig Jahren hat alles begonnen, mehrmals ist er mit seinem Eigenheim auf Rädern um die ganze Welt gefahren, begleitet von seiner Frau Maria, den beiden Töchtern Carmen und Mariza sowie seinem Sohn Marco. Er fuhr auf schlechten Straßen, durch Wüsten, bei Nacht, Nebel und Schnee, immer mit dem Ziel vor Augen, einer der ganz großen Clowns zu werden. Wie traurig macht lustig sein? Die Falten im Gesicht von Walter Galetti waren Lach- und keine Sorgenfalten, obwohl er viele Rückschläge erdulden musste. Der kleine Mann mit dem großen Herzen schwelgte lächelnd in Erinnerungen an seine Abenteuer, Höhepunkte und Erfolge. Er dankte seinem Schöpfer, dass er ihm eine Frohnatur in die Wiege gelegt hatte. Seine Augen leuchteten, wenn er von seiner Zukunft erzählte. Er liebte Spontanität und die Arbeit nahe am Menschen und: einfach nur lachen machen. Er hat das Leben all derer, die ihm begegnen durften, bunter gemacht.

Walter Galetti wurde am 21. Januar 1931 in Thayngen geboren. Er begann seine Zirkuskarriere im Stall als Tierpfleger und schaffte den Aufstieg zum berühmten Weltclown, der mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus machte er sich einen Namen als Filmschaffender. Am 20. November 2020 ging die letzte Reise des "Clowns mit Herz" zu Ende.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Ueli Bietenhader

Vorwort Ralf Klossner

Aller Anfang ist schwer

1951 Circus Knie

1952 Das Wasserentree

1953 Circus Knie

1955 Circus Williams

1956 Circus Sarrasani

1960 Der Clown und seine Ballerina

Die grosse Preisverteilung

1962 Circus Fischer

1963 Der Clown und seine Ballerina

1966 Nachwuchs ist angesagt

Artisten, Tiere, Attraktionen

1970 Vergissmeinnicht

1969 Vier-Länder-Tournee

1969 Circus Sarrasani

1970 Circus Benneweis

Winter 1970 Madrid, der Circus-Oskar

1971 Circus Jean Richard

Olympia Paris, Winter 1972

Schweden-Tournee 1972

Paris, Amsterdam, Lissabon, Helsinki 1973

Blackout 1974

Circus Sarrasani 1975

Circus Sarrasani 1976

Circus Sarrasani 1977

Circus Sarrasani 1979

Circus Jean Richard 1980

Frankreich 1982

Dänemark 1983

Kiel, Offenburg, Winter 1984

Österreichischer Nationalcircus 1984

Arabien 1984/85

1986 Grosse Vorbereitungen für Japan

Okinawa

Von Japan nach Südkorea

Ein Clown mit Herz

Der Baum in Nachbars Garten

Das Brot meiner Kindheit

Vorwort Ueli Bietenhader

Es ist zwar noch kein Clown vom Himmel gefallen, dafür aber in eine Wiege. Das muss bei Walter Galetti vor 75 Jahren in Thayngen SH der Fall gewesen sein. Damals hat er es noch nicht gewusst, aber ein Jahrzehnt später, in seinen Bubenjahren, als er anfing, die Menschen in seiner Umgebung durch Kapriolen und Spässe zum Lachen zu bringen, da begann der Clown schon vom Himmel zu fallen. Wie es kam, dass er nach vielen Jahren harten Schaffens, der weltberühmte Clown Galetti wurde, erleben Sie hautnah, wenn Sie sich dieses Buch zu Gemüte führen. Ich hatte das Glück, als Lektor dieses Buches zu fungieren und hätte nie gedacht, dass ich den Clown, der mich in jungen Jahren im Circus derart faszinierte, auf diesem Wege noch genauer kennen lernen würde. Ich kann mich erinnern, dass ich damals schon sagte: „So muss ein Clown sein!“ Er muss über die Fähigkeit, lustig, witzig, spassig, humorvoll zu sein, noch etwas Umwerfendes darüber hinaus mitbringen. Und das ist Walter Galetti mit „Der Clown und seine Ballerina“, der Koppelung des blossen Clowns mit dem Artisten auf dem Seil, gelungen. Das hat ihn zum weltberühmten Clown gemacht, wie die Höchstauszeichnungen von Paris und Monaco zeigen. Mit dieser Nummer hat er die Circuswelt erobert und ist kreuz und quer durch Europa, nach Arabien bis hin nach Japan „gegangen“ – eben: „Ein Clown geht um die Welt“. Wenn Sie sein Buch lesen, gehen Sie einfach mit. Seine Sprache, in welcher er erzählt, ist einfach und wahr, liebevoll und mitteilsam, humorig und witzig. Der Clown schimmert auch hier durch.

Persönlich habe ich Walter vor zwei Jahren bei den Dreharbeiten des Spielfilmes „Il venditore ambulante“ näher kennen und schätzen gelernt. Walter Galetti zeigt nicht nur in seinem Clown-Sein wahre Grösse, sondern auch als Mensch. Wenn Sie irgendwo rechts oder links des Rheins, im Vorarlberg oder in der Schweiz, einem Menschen begegnen, der in seinen Bewegungen, in seinem Gang immer noch den ehemaligen weltberühmten Clown verrät, und der immer noch den Schaffhauser Dialekt spricht, dann ist es zweifellos Walter Galetti.

Altstätten, 17. März 2005

Vorwort Ralf Klossner

Vor circa fünfzehn Jahren lernte ich Walter Galetti im Filmclub Feldkirch kennen. Mit seinen künstlerisch gestalteten Filmen ist er mir schon damals angenehm aufgefallen. Als Walter Galetti bei einem Clubkollegen die Hauptrolle in dem Spielfilm „Der Baum in Nachbars Garten“ drehte, bemerkte ich seine besondere Art, solche Charakterrollen zu spielen. Ich überlegte nicht lange und bot ihm die Hauptrolle in einem meiner neuen Spielfilme „Das Brot meiner Kindheit“ an. Zu meiner Freude war Walter Galetti von dem Vorhaben begeistert und hat gleich zugesagt. Mit diesem Film verbuchten wir schon bei der Premiere im alten Kino in Rankweil einen grossartigen Erfolg. Mittlerweile arbeiten wir bereits am dritten Filmprojekt zusammen. Walter Galetti hat immer wieder begeistert von seinem Buch erzählt, welches er am Schreiben sei. Nächtelang sitze er in seinem Atelier vor der Schreibmaschine und bringe seine Erinnerungen und Gedanken auf Papier. Als er mich dann letzten Sommer bat, ihn bei der Relation und der Vermarktung seines Buches zu unterstützen, habe ich nicht lange überlegt und mich mit Freude dieser neuen Aufgabe gewidmet.

Mir gefällt Dein Buch sehr gut, Walter. War es mir doch vergönnt, durch Dein Schreiben einen tiefen Blick in Deine Seele zu werfen. Ich staune immer wieder, wie Du mit offenen Augen durch Deine Welt gehst. Du hast es nicht immer leicht gehabt in Deinem Leben. Knüppel hat man Dir öfters vor die Füsse geworfen. Aber durch Deinen Humor und Deine Zielstrebigkeit hast Du diese Hindernisse meistens mit Bravour umschifft. Freunde sind wie Sterne: Du kannst sie nicht immer sehen, aber Du weisst: sie sind immer für Dich da! Es tut gut, Dich zum Freund zu haben.

Ruggell, im März 2005

Aller Anfang ist schwer

Erst einmal Mensch zu werden. Dann Clown. Und nun noch Memoirenschreiber, wo ich doch lieber angeln würde. Also um Clown zu werden, muss man erst einmal Mensch sein. Und willst du noch ein guter Clown werden, gibt es nur eines: Du musst ein guter Mensch sein. Ein bisschen kompliziert das Ganze, aber im Grunde eigentlich ganz einfach. Als Mensch kann man nur Fröhlichkeit schenken, wenn man selbst fröhlich ist, und ein herzliches Lachen kann nur von Herzen kommen, wenn man auch ein Herz hat. Diese zwei Sachen sind das Fundament eines guten Clowns. Aber um zu lachen und fröhlich zu sein, muss man erst einmal auf dieser Welt sein. Das sollte eigentlich in der nächsten Zeit geschehen. 21. Januar 1931. Da ist es dann passiert.

Meine Eltern wohnten in einem kleinen alten Bauernhaus, hinter diesem kleinen aber lieben Häuschen wuchsen Reben, die sich bis hoch zum Kapf, dem Hausberg von unserem Dorf Thayngen hoch zogen. Deshalb hiess mein Geburtshaus Wyberg. Ich bin also im Wyberg geboren worden. Ich nehme an, dass ich deshalb den Wein so liebe. Von meinem Geburtshaus nur durch eine Strasse getrennt, war der Friedhof. Meine Annahme ist nun die, dass ich deswegen ein bisschen immun gegen das Sterben bin. Ich glaube, dass das stimmt, denn sechsmal hatte ich in meinem bewegten Leben das grosse Glück und die Gnade, dass mein Lebensfaden nie ganz gerissen ist, mich der Tod nur gekitzelt hat. Davon werde ich später gerne erzählen.

Ja, mein Schutzengel und ich, wir hatten schon ein bewegtes Leben, eigentlich auch jetzt noch. Er hatte mit mir noch recht viel zu tun. Der Einfachheit halber haben wir uns auf das Du geeinigt, und er hat mir auch erlaubt, ihm einen Namen zu geben. Meine Grosseltern hatten über ihrem Ehebett ein grosses Bild hängen vom Engel Gabriel, der ein Kind vor dem daher donnernden Zug rettete. Er war gross und stark und doch lieb und zart. Was lag da näher, als meinen Schutzengel auch Gabriel zu nennen. Ich habe seinen Namen gekürzt, ich nannte ihn Gabi, weil es doch manchmal recht schnell gehen musste. Auf seinen Wunsch hin, habe ich meinen Lebensstil ein bisschen eingebremst. Ich darf ja meinen Schutzengel mit seinen bald 75 Jahren nicht zu viel belasten. Er hat nicht nur Arme und Beine, er hat ja auch noch Flügel, und das braucht doppelte Kraft. So wie ich jetzt lebe, ist er recht zufrieden mit mir, wenigstens fast immer. Wenn nicht, dann schubst er mich halt ein wenig von der Seite. Ihm zuliebe schalte ich dann einen Gang tiefer.

Zurück zum 21. Januar 1931. Mein Onkel war bei meinen Eltern auf Besuch. Obwohl er Ernst hiess war er von allen meinen Onkeln der Lustigste. Am 21. Januar ist er dann auch noch Pate geworden. Das hatte er gerne getan, denn er war ein bisschen mitschuldig, dass ich zu früh auf diese bucklige Welt gekommen bin. Er hatte erfahren, dass in dem alten Bauernhaus eine herrenlose Katze aus- und einging. Meine Mutter verpflegte sie ab und zu. Viel war es sicher nicht. Aber sie dankte es ihr mit Schnurren und Schmusen. Die Katze, sie war hungrig und alleine. Sie war froh, dass mein Onkel sich ihrer angenommen hatte, sie streichelte und ihr ein besseres Leben versprach. Liebe Katze!

Du hast das grosse Glück, mit mir eine grosse Reise zu machen. Er steckte sie in seinen Rucksack, in die so genannte Katzenreisetasche. Mit der Vorfreude auf einen guten, duftenden Braten und einem Schmunzeln im Gesicht wollte er sich von meiner Mutter verabschieden. Aber von diesem Moment an lief alles anders.

Der Boden in der Küche war nicht ganz eben und die Bodenbretter gaben ein wenig nach. Dadurch stand der Küchenschrank nicht so sicher auf seinen vier Füssen. Wenn nun jemand, der nicht ganz so leicht war, am Küchenschrank vorbeiging, öffnete sich die Türe von selbst. Auch an dem Abend des 21. Januar 1931. Onkel Ernst bedankte sich noch für die gute Erbsensuppe. Das war übrigens ein Menü, das es damals öfters gegeben hatte. Dann drückte er meiner Mutter einen Abschiedskuss auf die Wange. Der muss ganz schön kräftig gewesen sein, denn die Schranktüre ging von alleine auf. Sie streifte die Katze in Onkel Ernsts Katzentransportsack. Sie protestierte mit Miauen, aber nicht das gewöhnliche Miauen, sondern sie stimmte einen richtigen Miaugesang an. Mutter stocherte immer noch in der Erbsensuppe. Sie hatte gerade eine Erbse im Mund, die wohl ein etwas älterer Jahrgang war. Sie sollte gerade geschluckt werden, da ertönte der schöne Miaugesang.

Meine Mutter lachte gern, dass Sie über den Katzengesang lachen musste, das war ja klar. Sie lachte herzlich und lange. Später habe ich sie viele Male so lachen gehört und gesehen. Ich habe es sogar manchmal richtig herausgefordert. Wenn sie so gelacht hatte, dann kamen ihr die Tränen. Sie ging in die Knie und quietschte nach Luft. Sie ging noch tiefer in die Knie, und das Lachen ging in allen Tonarten weiter.

Aber diesmal kam die alte Erbse, die nicht weich werden wollte, noch dazu. Sie stellte meiner Mutter die Luft ab. Tränen, Kniebeugen, Lachen und keine Luft mehr, das war zu viel. Nicht nur die Erbse, auch das Lachen ist ihr im Hals stecken geblieben. Es gab auch nichts mehr zu lachen, denn die Wehen setzten ein. Und der kleine Galetti wurde geboren. Also, ich bin wegen zu vielem, aber fröhlichem Lachen meiner Mutter zu früh auf die Welt gekommen. Meine Mutter hat mir das Lachen in die Wiege gelegt. Da musste ich ja Clown werden, um das Lachen und die Fröhlichkeit weiterzugeben.

Bis zum nächsten Lachen ist dann wohl eine längere Zeit vergangen. Die dreissiger Jahre waren eine karge und arme Zeit. Arbeitslosigkeit. Da gab es wenig zu lachen. Irgendwann muss es doch besser geworden sein, Vater hat eine Arbeit gefunden. Es konnte also wieder gelacht werden. Noch nicht so laut und so oft. Aber manchmal ist ein kleines, zufriedenes Lachen oder ein herzliches Schmunzeln genauso gut oder sogar noch besser. Lieber Lachfalten als Sorgenfalten. Nach Mutters Erzählungen habe ich nicht nur Freude gemacht, auch viel Arbeit und ab und zu auch ein bisschen Sorge.

Ich konnte schon mit zehn Monaten laufen, wollte alles wissen und war viel auf Entdeckungsreisen. Von einer solchen hat mir meine Mutter später erzählt. Sie fand in der Küche statt. Oh, was ist denn das?! Zündhölzer! Sie waren so schön farbig, und man konnte sie überall anzünden. Ein wenig, nur ganz wenig reiben, egal wo, und sie brannten. Wenn man zwei aneinander rieb, brannten zwei. Wenn man viele aneinander rieb, brannten viele. Es war eine schöne, runde Schachtel, und das Praktische daran war, dass es nicht nur unten, sondern auch oben eine Reibefläche gab. Ja und noch praktischer war, wenn man die Schachteln in den Deckel stellte, dann wurde sozusagen alles eine Reibfläche. Das wusste ich damals noch nicht. Ich wollte ja nur die schöne Schachtel vom Küchenschrank herunterholen, um ein bisschen damit zu spielen.

Die Schachtel war rund, man musste sie nur anschubsen, und schon rollte sie. Das schaffte ich mit einer Kelle. Jetzt rollte sie sogar vom Schrank herunter. Aber bevor sie zum Flug ansetzte, stoppte sie an der Kante und drehte sich um die eigene Achse, die Zündhölzer rieben sich aneinander, und im freien Fall vom Küchenschrank herunter wurden sie zum Feuerwerk. Das Ganze habe ich dann mit meinem Fuss, nein Füsschen, aufgefangen. Ein Vulkanausbruch. Zündhölzer, Schachtel, Reibfläche und Schwefel wurden zur Lava. Das Ergebnis war ein Fünffränkler grosses Loch in dem kleinen Fuss. Meine Mutter konnte nicht nur lachen, sie konnte auch sehr schnell reagieren.

Sie verhinderte einen Wohnungsbrand. Das Loch war verheilt, die Schmerzen und die Aufregung vergessen.

Mein Vater hatte Glück. Er bekam Arbeit in seinem alten Beruf.

Er war Säger. Nein, nicht Sänger, er hatte mit Holz zu tun. Wäre er tatsächlich Sänger gewesen, da wäre bestimmt so manches anders gekommen. Denn Sänger heiraten immer andere Frauen, nicht so eine liebe wie meine Mutter war. Der Lachkrampf wäre ausgeblieben, und im Wyberg wäre auch kein kleiner Galetti geboren worden. Was hätte ich bloss ohne meine liebe Mutter gemacht? Mein Vater konnte gut singen. Noch besser konnte er Gitarre spielen.

Abbildung 1 Ich im stolzen Alter von einem Jahr. (Foto Rembrant)

Es war kein Morgen wie sonst. Vater sagte zu meiner Mutter: Heute gehe ich nicht arbeiten, ich habe eine Vorahnung, dass etwas passieren wird. Dann kam der Chef: Josef, du musst unbedingt zur Arbeit kommen, am Güterbahnhof steht ein Langholztransport. Du musst die hintere Steuerung übernehmen. Das kann sonst keiner. Zwei Stunden später hatte es ihm zwischen Baumstämmen, die vom Wagen herunter rollten, die rechte Hand zerquetscht und seinen Daumen abgetrennt.

Aus war es mit Gitarre spielen. Schade.

Es war auch schade, dass ich sein gutes Musikgehör nicht geerbt hatte. Meines ist nicht so besonders, ich kann beim Singen die richtigen Töne nicht finden und halten. Dafür hatte unser Lehrer ein gutes Musikgehör. Er leitete alle Chöre in unserem Dorf. Den Frauenchor, den Männerchor und den gemischten Chor und sogar den Kirchenchor. Er hat jeden falschen Ton heraus gehört, und das habe ich des Öfteren zu spüren bekommen. Nur einmal das Do mit dem Re verwechselt, dann gab es für das falsche Do einen Klatsch, für das falsche Re einen Klitsch. Dieses Klitsch Klatsch förderte mein Singen überhaupt nicht. Dabei wäre ich so gerne in der ersten Reihe gestanden, um mich ein bisschen zu produzieren. Ich suchte dann in der letzten Reihe einen Ausgleich und Deckung, um ein bisschen Clown zu spielen. Dazu hatte ich Talent, zum Singen nicht. So blieb mir eben nur das eine. Der Clown.

Wir sangen das bekannte Lied von Schubert Am Brunnen vor dem Tore. Mitten im Lied heisst es: Der Hut fiel mir vom Kopfe. Ich fand, das ist die Stelle, die für eine Clownszene recht gut geeignet wäre, und auch von der Gestik her etwas brächte. Eine halbe Pirouette und ein schneller Griff um den Hut aufzufangen. Hurra, ich habe ihn erwischt.

Ich hatte mit meiner Einlage, obwohl sie recht kurz war, einen grossen Erfolg. Sie ist bei den Mitschülern gross angekommen, bei dem lieben Herrn Lehrer nicht. Der hatte mein Hineinfühlen in das Schubertlied nicht verstanden. Dabei wollte ich doch nur zum Ausdruck bringen, was Schubert mit dem Hut eigentlich wollte. In der Oper wird ja so was auch gemacht, und die Sänger werden noch dafür bezahlt.

Ich habe die Gage auch gleich bekommen. Für das Fangen des Hutes einen Klitsch und für die halbe Pirouette ein Klatsch. Klitschklatsch, das war prompte Auszahlung. Den Mitschülern habe ich für das Lachen gedankt. Dem „lieben“ Herrn Lehrer habe ich verziehen.

Der kann ja nichts dafür, dass er von Dramaturgie nichts versteht.

Viel später habe ich es noch einmal mit Singen versucht, in einem Clown-Soloprogramm, das war mein grösster Reinfall in meiner Clownkarriere. Ich hatte eine alte Gaslaterne gebastelt die verschiedene Tücken in sich hatte. Und wollte das Lied von der Lilli Marlene unter der roten Laterne singen. Nichts hatte geklappt, am schlimmsten war wohl mein Singen. Durch das Hinterfenster der Bühne bin ich verschwunden, sogar auf die Gage habe ich verzichtet. Und das war diesmal kein Klitschklatsch. Ich habe nie mehr gesungen.

Also, die Geschichte von Schuberts Hut, das war ein wenig voraus gegriffen, fast acht Jahre. Ein bisschen möchte ich die Zeit wieder zurückdrehen. Meine Eltern sind aus dem alten kleinen Bauernhaus ausgezogen. Sie haben eine neue Wohnung angeschafft und für mich einen Bruder. Herrmann hiess mein neuer Bruder. Den „Herr“ vor dem „Mann“ hat er immer versucht auszuspielen. Den „Mann“ hinter dem Herr, das hat er fast immer vergessen. Es war ja auch noch ein bisschen zu früh, ein Mann zu sein. Also, wir waren umgezogen.

Wir wohnten nun in der Blumenstrasse im Restaurant zur Blume, im dritten Stock, aber da oben roch es mehr nach Wein und Bier als nach Blumen.

Meine Eltern waren tagsüber bei der Arbeit. Ich war noch im Vorschulalter, aber trotzdem musste ich so viel wie möglich im Haushalt helfen. Ich war schon ein bisschen stolz auf meine Selbstständigkeit.

Um meiner lieben Mutter zu helfen, tat ich es gerne. Ich war dafür zuständig, den Kaninchen Futter zu besorgen und sie zu füttern. Es waren viele, manchmal bis zu fünfzig von diesen lieben, aber immer hungrigen Tierchen. Vier Treppen hoch, Holz rauftragen, für Ofen und Herd. Feuer in dem alten Herd und im Ofen machen. Kartoffeln kochen für die allabendliche Rösti.

Abbildung 2 Meine Mutter Mina Galetti 1960 mit ihrem ersten Enkelkind Carmen. (Privatfoto)

Abbildung 3 Mein Vater Josef Galetti im Jahr 1935. (Privatfoto)

Abbildung 4 Meine ersten Chefs. Rechts Fritz Naegeli, der Bäckermeister, und links Herrmann Narr, der allseits beliebte Mechaniker. (Fotoarchiv Naegeli)

Wenn die Eltern abends von der Arbeit kamen, hatte ich ein fix und fertiges Nachtessen auf dem Tisch. Nicht nur etwas auf das Brot gestrichen, nein ich hatte Kartoffeln gekocht, dann daraus eine goldgelbe herrliche Rösti gemacht. Was heisst gemacht, kreiert hatte ich eine gut schmeckende, goldgelbe Kartoffelspeise. Dazu gab es einen Milchkaffee und das alles gekocht und gebraten auf einem alten Herd mit Holzfeuerung und Wasserschiff, schweren Kupferpfannen, die jedes Mal klemmten, wenn man sie vom Herd nehmen musste. Sie klemmten auch immer dann, wenn die Milch überkochen wollte, und das wollte sie eigentlich immer. Die Pfannen klemmten an den so genannten Feuerringen, die man mit einem Haken vom Kleinsten bis zum Grössten auswechseln musste je nach der Grösse der Pfannen.

Es ging gut, wenn sie nicht gerade ineinander hingen wie Chinesische Zauberringe. Aber das Essen stand pünktlich auf dem Tisch. Und es hat allen geschmeckt.

Mein Bruder war drei Jahre jünger. Er glaubte, dass er auch dreimal weniger tun müsse. Wir hatten selten die gleiche Meinung, speziell bei der Küchenarbeitseinteilung. Da musste etwas passieren. Ich hatte eine geniale Idee. Mit einer Kreide zog ich quer durch die ganze Küche einen Strich. Einen Tag von der linken Ecke in die rechte und am andern Tag von rechten in die linke Ecke. Ich hatte dann jeden Tag abgewechselt, sonst hätte mich die Abwaschecke jeden Tag getroffen. Aber am Schluss musste ich doch das Meiste selber tun. Gut, er war jünger, aber faul war er auch. Nun ist er schon viele Jahre tot. Aber ich hatte ihm schon lange davor verziehen.

Mein Vater arbeitete in einer grossen Sägerei. Meine Mutter arbeitete in einer Feuerwehrschlauchweberei, falsch; Feuerwehrendlosschlauchweberei. So musste auch die Arbeit gewesen sein – endlos.

Aber der Herr Feuerwehrendlosschlauchfabrikant war ein guter Mann, so richtig lieb und fromm. Der war so lieb und fromm, dass er meinen Eltern sogar erlaubt hatte, im Frühling von den grossen, alten Lindenbäumen die Blüten zu pflücken. Manchmal, wenn er ganz fromm und lieb war, durften sie es sogar von einer Leiter aus tun. Es war ein guter und gesunder Tee. Vater hatte aber dann auf Apfelmost umgestellt, und den, – den hatte er sich selbst gekauft.

An den Wochenenden durfte ich zu meinen Grosseltern. Es waren die Eltern meines Vaters. So hiess der Grossvater nicht Grossvater, sondern Nono. Wenn es eine Olympiade für gute Nonos gäbe, müsste man für meinen Nono Platin einführen. Lorbeeren und einen Oskar müsste er auch bekommen. Aber der Oskar müsste mit Chianti gefüllt sein. Das war sein Lieblingswein. Er war nicht nur lieb, er war auch ein grosser, schöner Mann mit breiten Schultern und einem Zwirbelschnauz. Er hatte ein grosses Herz, und das auf dem richtigen Fleck, und er hatte es immer und immer wieder gezeigt. Ich habe nie ein böses Wort von ihm gehört. Wenn ich zurückdenke, was wir zusammen alles unternommen hatten!

Zwanzig Jahre liebten wir uns. Am Anfang war es die grosse Liebe zwischen Grossvater und Enkel. Später verband uns dann eine tiefe Freundschaft, obwohl zwei Generationen zwischen uns lagen. Ich hatte in meinem Leben viele liebe und herzensgute Menschen kennen gelernt. Aber dieses Gefühl der Liebe und der tiefen Freundschaft habe ich nie mehr erlebt. Nono tat alles für mich. Es war ihm einfach nichts zu viel. Er wusste alles, er konnte alles. Er war ein Mensch, der aus Nichts etwas machen konnte. Für jedes Wehwehchen hatte er ein Kräutchen, für jeden Schmerz eine Linderung. Er konnte kochen, ein Armeleuteessen wurde bei ihm zum kulinarischen Hochgenuss.

Er zog als junger Maurer über den Gotthard in die Schweiz. Auf der anderen Seite gab es keine Arbeit, da waren sie noch ärmer. Nono sass mit seinen Geschwistern und Eltern um den Küchentisch. Auf einem Holzteller dampfte eine Polenta. Darüber hatten sie einen geräucherten Fisch aufgehängt. Jeder durfte mit einer Gabel voll Polenta den Fisch antupfen, um ein bisschen von dem Geschmack des Fisches an die Maisspeise zu bringen. Wenn die Polenta aufgegessen war, wurde der Fisch redlich unter alle aufgeteilt.

Nicht umsonst kannte er auch alle Überlebenstricks. Er hatte sie mir natürlich beigebracht. Fischen, sie wissen ja schon, ohne alles.

Wir kannten die besten Plätze. Wir organisierten auch andere essbare Sachen. Brat-Suppenhühner, Kaninchen, Bauernbrot, Speck, Eier, nein das hatten wir ja selbst, aber das Futter für das liebe Federvieh – aber immer auf legalem Weg.

Die Leute in der Wannegasse liebten ihn, sie brauchten ihn nicht nur für Haus, Hof und Tiere, auch für ihre kleinen und grösseren Wehwehchen. Das war die Quelle für manch guten Braten. Sonntags war bei Nono immer das Haus der offenen Tür. Wer es am Sonntagmorgen irgendwie einrichten konnte – Söhne, Töchter, Freunde, Kollegen, Landsleute – kam zu Nonos Chiantirunde. So nannte es die Grossmutter. Man sass gemütlich beisammen. In der Mitte des Tisches die bauchige Chiantiflasche. Und etwas ganz besonderes gab es dazu zum Knabbern. Eine Scheibe Polenta wurde mit einem kleinen Holzspiess in die Senkrechte gehalten und so in die heisse Feuerstelle vom Kachelofen gestellt. Meine Aufgabe war, die Scheiben nach einigen Minuten zu drehen, um sie dann, wenn sie knusperig und knackig waren, herauszunehmen und sie in der Runde zu servieren. Eine billige, aber im Geschmack nicht zu übertreffende Beilage zum Wein.

Dann stand einer auf, dann noch einer, jeder hatte etwas zu tun.

Onkel Simon war meistens der Erste. Er war Coiffeur, deshalb in der Runde der am meisten gefragte. Übrigens, Onkel Simon verehrte ich fast so sehr wie Nono. Er hatte zwar keinen Zwirbelschnauz, aber er war genauso ein liebenswerter Mensch. Und er hatte Humor. Sonntags hatte er dann die Brüder, Freunde und Kollegen „schön“ gemacht.

Vor die Schranktüre wurde ein Stuhl gestellt, darüber war ein Haken, der war extra für die Schönmach-Zeremonie angebracht worden. Daran wurde ein Kissen aufgehängt, und das zusammen war der Ersatz für den Coiffeurstuhl. So bis Mittag war die Hälfte der Chiantirunde geputzt und gestriegelt, rasiert und frisiert, die andere Hälfte kam dann am nächsten Sonntag dran, und eine neue Flasche.

Es wurde aber nicht nur getrunken, für das Essen wurde auch gesorgt. Onkel Herrmann konnte gut kochen. Sonntags übernahm er die Küche. Dann kamen seine italienischen Spezialitäten, Lasagne, Marobini, Tortellini, Spaghetti, Risotto, Gnocchi auf den Tisch, alles selbst gemacht. Es war einfach prima. Wunderbar, sie waren alle zufrieden und fröhlich. Man hatte noch Zeit und war füreinander da. Aber dass alles so herzlich und lieb war, das alleine war Nono mit seiner Persönlichkeit. Ich glaube, wenn Nono herunter schaute, wäre er sicher mit mir zufrieden, denn ich habe versucht, diesen Familienzusammenhalt fortzusetzen. Und ich glaube, ein bisschen habe ich es geschafft.

Für uns Kinder gab es zwei Paradiese. Das alte Bauernhaus, in dem meine Grosseltern wohnten und die Wanngasse selbst, in der das alte Bauernhaus stand. Die Wanngasse war ja auch wie eine Wanne.

Am rechten oberen Rand war der grosse Dorfbrunnen, in dem mein Traumschiff den verpatzten Stapellauf hatte. Das war aber zwei drei Jahre später. Am anderen oberen Rand war wieder ein Brunnen, der war aber nicht ganz so gross und auch nicht rund. Dafür gab es grosse, glatt geschliffene Steinplatten. Darauf hatten vor vielen Jahren die Frauen ihre Wäsche gestrippt und gewaschen. Vielleicht sind sie noch aus dieser Zeit so glatt geschliffen. Für uns Kinder war das wunderbar.

Die Steinplatten waren für uns ein Ersatz für eine Rutschbahn, und sie war erst noch viel interessanter. Die Abfahrt war nicht so lange, dafür aber viel schneller. Man konnte das Tempo sogar noch erhöhen, wenn man die Platten ein bisschen nass machte. Aber dann musste man den Trick mit der Gewichtsverlagerung schon beherrschen, vor allem unten vor dem Ende das war wichtig. Oberkörper nach rechts, Tempo wegnehmen und auf den Füssen abfedern, dann hatte man es geschafft.

Obwohl die Chiantirunde interessant war und ich sie sehr liebte, brauchte ich ein wenig Abwechslung. Eben mal schnell ein bisschen rutschen. Komisch, dass keine anderen Kinder da waren, um ein bisschen um die Wette zu rutschen. Sicher ist das Wetter schuld, es ist ja auch recht kalt. Gut, dann rutsche ich eben alleine, man muss ja in Form bleiben. Also, rauf auf die Platten, ein bisschen anfeuchten und los ging es. Aber das Anfeuchten hätte ich besser sein lassen. Meine Rutschbahn wurde zur Bobbahn. Gewicht verlegen, Oberkörper nach rechts und Tempo wegnehmen, das klappte nicht. In vollem Tempo war der kleine Galetti im kalten Brunnenwasser verschwunden. Ich hatte Glück, mein Tauchgang endete im kleinen Brunnenteil. Wumm.

Mein Schutzengel war schon da. Eine tolle Leistung für einen Engel im Winter. Später war er noch schneller zur Stelle, denn er hat herausgefunden, dass es vorteilhafter war, dem kleinen Galetti seine nicht immer ungefährlichen Abenteuer vorher abzubremsen, als sie danach auszubügeln. Aus dem Wasser ziehen konnte er mich ja nicht, denn es war sogar für einen Engel zu kalt.

Meine Tante Frieda, sie wohnte sonst in Wuppertal, war bei Nono auf Besuch. Sie war auch eine sehr liebe Frau und Tante. Sie hatte viel Gefühl. Ihr hatte mein Schutzengel ins Ohr geflüstert. Du, der kleine Galetti ist am oberen Brunnen beim Tauchen. Schnell, schnell, denn in diesem Augenblick ist er schon fast unten angekommen. Tante Frieda hat mich vermisst, gesucht, gefunden und gerettet. Die ganze Chiantirunde war froh und glücklich. Geschimpft hatten sie nur, weil sie an meinen Winterschuhen die gefrorenen Bändel nicht so schnell aufknüpfen konnten. Ich sehe sie heute noch, alle die lieben Gesichter über mir, als sie mich in Nonos Bett aufwärmten. Aber auch die Gesichter meiner Eltern habe ich nicht vergessen.

An zwei Wochenenden durfte ich nicht in die Wanngasse. Das hab ich mir mit meiner Rutschpartie eingehandelt. Ausgerechnet jetzt, wo Nono ein Radio gekauft hat. Die Dinger hiessen damals Volksempfänger und waren natürlich eine Sensation. Und was da alles aus diesem Kasten herauskam. Eines habe ich nur nicht verstanden, warum man einen Draht von der Stube in die Küche ziehen musste und dort an die Wasserleitung festband. Sie nannten es Antenne. Und dann kam Musik heraus. Im Paradies Wanngasse gab es noch etwas, was mich faszinierte. Da gab es zwischen zwei grossen alten Bauernhäusern so etwas wie eine kleine Oase, es war keine mit Palmen und einem Ziehbrunnen, es war ein kleines italienisches Ristorante. Es war der Treffpunkt fröhlicher Menschen. Es gab ein riesiges Wandgemälde mit Häusern, die im Wasser standen. Aber das schönste waren die Gondeln, die haben es mir angetan. So ein Schiff werde ich mir bauen. Aber wie?

Da es mir an Ideen und Phantasie nie fehlte, war das Problem schnell gelöst. Nono hatte doch so eine schöne Werkstatt, fast schon eine Werft für meinen Schiffsbau. Ein grosses und ein kleines Brett, Nägel und alles was man sonst noch so brauchte, alles war da. Das grosse Brett wurde der Schiffskörper, und das Kleine das Oberdeck, die Nägel die Reling. Immer eine Kinderhand breit ein Nagel. Siebziger für Steuerbord, Achtzigernägel für Backbord, und für die Aufbauten Spezialnägel mit grossen Köpfen. Nonos Richtschnur von Nagel zu Nagel gespannt, war das nicht eine grossartige Reling. Sie passte zwar nicht zu einer italienischen Gondel, aber egal, mir hat sie gefallen. Ich habe das Schiff natürlich nicht alleine gebaut, dazu war es zu gross. Ich hatte Hilfe von der Wanngassrasselbande. Wir brachten unser Schiff zum grossen Dorfbrunnen. Es war ein Stapellauf mit allem Drum und Dran. Wir hatten sogar Publikum. Der Mesner wollte gerade zur Kirche, denn er musste jeden Tag um elf Uhr die Glocken läuten, da musste er am Brunnen vorbei. Er blieb stehen und schaute sich den Stapellauf des etwas zu gross geratenen Schiffes ein bisschen schräge an. Eben wie eine Landratte. Ich als Kapitän nahm an, dass er ein Abgeordneter der Gemeinde war. Extra für den Stapellauf abgeordnet.

Ich habe mich geirrt, sehr sogar. Klatsch, hatte ich eine Ohrfeige. Das war damals so Brauch. Mit etwas mussten die Erwachsenen ja zeigen, dass sie über den Kindern standen. Der Klatsch war wohl der Ersatz für das Knallen der Sektflasche. Der Klatsch war da, aber kein Sekt. Nicht so schlimm, wir hatten für unser Schiff ja auch noch keinen Namen. Aber wie konnte der Mesner denn wissen, dass ich der Kapitän war und nicht einfach nur Matrose? Das hatte ich dann schnell mitbekommen. Die ganze Besatzung hatte gemeutert und war abgehauen. Die wussten schon warum. Denn die Bauern kamen mit ihren Kühen zum Tränken an den Brunnen. Aus dem Stapellauf wurde ein Stapelflug. Zur Wiedergutmachung übernahm Nono das Kommando. Schiff in die Werft bringen und auch abwracken. Alle Nägel ausreissen und sie wieder gerade klopfen. Ay-ay Sir. Was blieb mir anderes übrig.

Zurück zur Oase Kleinitalien in das Ristorante Italia. Es gab da nicht nur die Gondeln an der Wand, sondern noch etwas Grossartiges.

Es gab ein elektrisches Klavier. Die Tasten bewegten sich ganz von alleine. Ornamente, Bilder in allen Farben erschienen über dem Klavier und wechselten zur italienischen Mandolinenmusik. Es war faszinierend, die Bilder und die Musik. Nur einen kleinen Fehler hatte das Wunderklavier. Es hatte einen Schlitz, und sollte es spielen, musste man da Geld reinstecken, wenn man welches hatte. Ich hatte keines, also musste ich bei den Gästen versuchen, welches herauszulocken, mit schönen Augen und einem unschuldigen Gesicht. Und damals schon mit ein bisschen Komik. Es klappte fast immer. Wenn Nono und ich ins Ristorante kamen, fragten die Gäste schon: Was möchte denn der Herr Maestro heute spielen?

Da ist es gut zu verstehen, dass ich mit allen Mitteln versuchte, Nono bei jeder Gelegenheit, zu einen Besuch in die Oase Italia zu bewegen. Wenn es nicht klappte, dann lag es daran, dass die Grossmutter etwas dagegen hatte. Heute hatte sie nichts gegen einen Italia Ausflug.

Mir ging es ein bisschen zu langsam. Ich rannte schon einmal voraus, um uns anzumelden. Aber so weit kam ich gar nicht. Die Wanngasse war eigentlich keine Gasse, sie war sogar eine Hauptstrasse. Sie war die Verbindung nach Deutschland. Am oberen Ende war schon das Zollhaus. Sonntags kamen selten Autos durch die Wanngasse. Aber heute fuhr eines. Es war ein schöner, grosser, schwarzer Wagen mit vier Türen, grossen Scheinwerfern, Trittbrett und einer Aussenhupe. Der Fahrer hat sie noch mit aller Kraft gedrückt. Zu spät. Ich lag schon unter dem schönen, grossen schwarzen Wagen. Ich sah auch lange nur schwarz. Das ist aber gut zu erklären. Das schöne schwarze Auto ist über mich weggefahren. Ich vorne rein und hinten wieder raus. Und dem kleinen Galetti ist wieder einmal nichts passiert.

Damals waren die Autos noch recht hoch gebaut. Zwischen der Strasse und dem Boden des Wagens war viel Platz. Das war mein Glück. Es gab sogar so viel Platz, dass mein Schutzengel einen Flügel über mich ausbreiten konnte. Er war danach zwar ein wenig ramponiert. Der Fahrer brachte mich im Geleit aller Gäste, die auf die Strasse gerannt waren ins Ristorante. Als sie sahen, dass ich lebte und bei mir alles heil war, gab es ein grosses Fest. Ich bekam gleich einen Sirup, und diesmal war gar nicht so viel Wasser drin. Nono durfte sich mit zwei Römer Chianti beruhigen. In das elektrische Klavier steckten die Gäste so viel Geld, dass es noch spielte, als wir den schweren Weg zur Grossmutter antraten. Es spielte: Einzug der Gladiatoren. Das gab uns Mut. Sie wusste schon alles. Die Wanngass-Trommel funktionierte einwandfrei. Sie schimpfte ein wenig wegen der schönen Sonntagshose, aber wir konnten sie überzeugen, dass man sie ja auch werktags tragen konnte.

Meine Grosseltern hatten das Bauernhaus aufgegeben und sind in die Stadt gezogen. Vorbei war es mit dem Paradies in der Wanngasse, aus mit dem Spielen mit meinen Freunden im alten Bauernhaus.

Nonos Werkstatt, der Heuboden, die grosse Scheune unser Spielplatz an Regentagen, die Schaukel, ich habe nie mehr eine höhere gesehen und erlebt. Sie war über fünf Meter hoch, man hatte mit ihr nicht geschaukelt, man ist mit ihr geflogen. Nur einmal, viel später, als ich einmal am fliegenden Trapez im Circus geflogen bin, habe ich wieder das Gefühl gehabt, von einem Horizont zum andern zu fliegen.

Wer nimmt mich mit auf seinem Velo, mit wem sollte ich fischen und Frösche fangen. Mit wem sollte ich Schneemänner bauen, die so gross waren, dass man eine Leiter anstellen musste, um Augen und Nasen einzusetzen? Das war kein Schneemann, das war ein Schneeriese, man konnte bei ihm zwischen den Beinen durchgehen. Aber auch für die anderen Menschen, die in der Wanngasse wohnten, war das Paradies vorbei. Die Wanngasse wurde zweigeteilt. Genau in der Mitte haben sie Eisenschienen in die Strasse gerammt und dazwischen dicke Baumstämme übereinander geschichtet, ein gewaltiges Ding. Sie nannten es Barrikade. Nur für die Fussgänger gab es auf der Seite eine Lücke. Die Bauern mussten mit ihren Fuhrwerken grosse Umwege machen.

Nono, bitte sage mir, für was ist das jetzt gut?

Ja, Piccolo, das ist so: Da drüben hinter dem Zoll gibt es einen Herrn Hitler, und die Leute in der Wanngasse wollen nicht, dass er hier durchmarschiert.

Kommt der alleine?

Nein, der hat viele Freunde, schon viel zu viele.

Das muss aber kein lieber Mensch sein, wenn die Leute in der Wanngasse nicht wollen, dass er hier durchkommt.

Ja, Piccolo, da hast du recht

Schulanfang, erste Klasse Elementarschule. Klingt fast wie bessere Hochschule, war es aber nicht. Ich musste ganz unten anfangen. Dazu hatten wir eine liebe Lehrerin, Frau Wäckerli. Ich sehe sie heute noch vor mir. Auch an das Klassenzimmer kann ich mich gut erinnern. Später war es sogar einmal meine „Künstler Garderobe.“ Und ausgerechnet bei meinem Durchfall als Soloclown. So ist das, wenn man glaubt, mit dreizehn Jahren wäre man ein grosser Clown.

Aber zurück zu der Zeit, als ich noch nicht Clown, sondern Lokomotivführer werden wollte. Ich habe gerade die erste Klasse überstanden, da gab es in unserer Familie ein grosses Problem. Onkel Herrmann hatte eine Geliebte; ich meine, er hatte eine Verlobte, aber kein Bett für sie. Meine liebe Mutter, wer sonst, besorgte ihr nicht nur ein Bett, auch noch ein Zimmer. Sie hatte es aber nicht lange gebraucht.

Sie starb an Lungentuberkulose. Wir, die ganze Familie, wurden von der Liga der TBC-Kontrollstelle eingeladen.

Hurra, wir fahren in die Stadt, dann können wir Nono besuchen.

Aber erst mussten wir alle zum Arzt, da wurden wir durchleuchtet.

Der Arzt, der mich untersuchte, er liebte mich. Ich durfte gleich da bleiben. Das war eine Katastrophe, ich wollte doch Nono besuchen.

Nach Davos, hoch in die Berge haben sie mich geschickt, in ein Sanatorium. Da war ich nun für einige Monate mit meinen Wünschen und Träumen. Und das erste Mal in meinem Leben ganz alleine. Nein, ich hatte kein Heimweh, aber Rache hatte ich geschworen, und zwar der Oberschwester. Da war für Heimweh kein Platz.

Kaum angekommen, ich war noch ganz dusselig von der langen Reise, musste ich nackt vor ihr baden. Ich habe noch nie nackt vor einer fremden Frau gebadet. Aber sie hat mich nur ausgelacht und auf einen Balkon geschickt, da musste ich ganz steif liegen. Am helllichten Tag liegen. Und dann gleich zwei Stunden lang, liegen ohne Bewegung. Erst habe ich geglaubt, dass es eine Strafe war, aber da lagen gut zwei Dutzend Menschen stocksteif auf ihren Liegen. Sie haben mich dann aufgeklärt: Nein, das ist keine Strafe, das ist Erholung. Und diese Erholung machten wir jeden Tag. Eine Schwester hatte die Aufsicht, wenn man sich bewegt hat, und sie hat es gesehen, musste man eine Viertelstunde nachliegen. Auf dem riesigen grossen Balkon war ich oft der Einzige, der da noch gelegen hatte. Die Schwester muss mich geliebt haben, denn sie schaute immer auf mich. Einmal hat sie sogar gerufen: Kuck mal, der kleine Galetti kann sogar die Nasenflügel bewegen. Warum sie das gerufen hatte, weiss ich nicht, denn es durfte ja doch niemand Antwort geben oder gar hinschauen. Ist ja auch egal.

Nachdem sie mir noch einmal fünfzehn Minuten Ruhe geschenkt hat, ist sie verschwunden. Und jetzt bin ich stocksteif liegen geblieben, ich hatte ja auch meinen Stolz. Dafür habe ich mich am anderen Tag ein wenig bewegt. Ich tat so als würde ich schlafen, im Schlaf bewegt man sich ja ein bisschen. Haha, wer zuletzt lacht.

Die grosse stramme Oberschwester, sie sprach genauso wie die Leute hinter der Barrikade in der Wanngasse, halt so wie der Herr Hitler. Eines Tages, es war im Herbst 1939, gab es süsseren Tee als sonst und original deutschen Streuselkuchen und Bienenstich, und das einfach so. Bruchweise habe ich dann erfahren, was der Grund für den süssen Tee war. Wörter wie Polen, Einmarsch, Führer, Krieg und Siegheil wurden am meisten gebraucht. Die Oberschwester gehörte zu einer Clique, die da in Davos versuchten nicht nur den deutschen Kuchen, auch Hitler in der Schweiz beliebt zu machen. Erst als ich wieder zu Hause war, habe ich mitbekommen, was Führer, Krieg, Siegheil und Hitler überhaupt war. Sie sagten auch nicht mehr Herr Hitler, jetzt war er nur noch der Hitler, und er war schuld daran, dass es auch in der Schweiz Rationierungsmarken gab. Unseren Nachbarn haben sie sogar mit einem Militärauto abgeholt. Im Dorf sagte man, dass er ein Landesverräter sei und zum Tode verurteilt wurde. Vielleicht stimmt es, ich hatte ihn nie mehr gesehen. Ich verstehe nur nicht ganz, was er verraten haben sollte. Die Bunker und die Luftschutzkeller haben sie doch erst jetzt zu bauen begonnen. Vielleicht wusste er, wo die Rationierungsmarken gedruckt wurden.

Es war also Krieg. Bei uns war es nicht so schlimm wie hinter der Barrikade in der Wanngasse. Einige Schikanen, die der Krieg so mit sich bringt, gab es natürlich auch bei uns. Zum Beispiel die Mühle im Dorf durfte kein Weissmehl mehr mahlen. Aber der Müller war ein lieber und hilfsbereiter Mann. Für Leute, die er mochte und die ein bisschen Geld übrig hatten, um den Grüschverlust damit aufzuheben, gab es schon noch Weissmehl genug. Zu der Zeit gab es riesengrosse Taschentücher. Man hat ja nicht jeden Tag gewaschen, es musste ja darin etwas Platz haben. Wenn man so ein Tuch, natürlich ein sauberes, einmal faltete und es unten und auf der Seite zunähte, gab es einen wunderbaren Mehlsack. Fünf Kilo hatten darin Platz. Damit bin ich in die Stadt gefahren zu den Leuten, die Grüsche bezahlten, die nicht im Mehl war. Ich habe das nicht lange gemacht, denn es war ein reines Verlustgeschäft. Ich hatte vergessen, auf das Weissmehl, den Preis vom Bahnbillet zu schlagen. Und Äpfel, die mein Lohn sein sollten, die hatten wir auf dem Lande selbst.

So Extratouren wurden dann von meinem Vater auch rasch eingestellt, denn es gab so viel zu tun, um der Rationierung ein Schnippchen zu schlagen. Die Gemeinde hat ganze Wälder gerodet, um Pflanzplätze zu gewinnen. Mein Vater konnte gleich zwei solche Plätze pachten. Einer hätte doch gereicht, ich meine wegen der vielen Arbeit. Also, für das Gemüse war gesorgt. Fehlte noch der Dünger, den habe ich auf der Strasse gefunden, und zwar Rossmist, der lag damals einfach so da. Natürlich musste er erst eingesammelt und sorgfältig auf den Pflanzplätzen verteilt werden. Dann hacken, sähen, pflanzen, jäten, tränken und noch mal hacken. Es leben die Vitamine.

Ja, für das Gemüse war gesorgt. Freizeit hatte ich fast keine mehr. Es waren ja nicht nur die Gärten, die sich in der Zwischenzeit auf drei gesteigert hatten. Was musste man sonst noch vieles organisieren.

Tannzapfen zum Anheizen, Brennholz für Herd und Ofen, das gab es ja bei der Rodung genug, aber die waren ja nicht hinter dem Haus, die lagen weiter weg. Dann Grünfutter für unsere Kaninchen, Heu, Stroh, Ähren lesen auf abgeernteten Feldern, und da lagen auch Kilometer dazwischen.

Ich besass, stelle man sich das vor, ein Velo, es war Mutters altes Damenfahrrad. Meine so genannten besseren Freunde lachten mich deswegen ja auch des Öfteren aus. Dabei konnten sie, wenn sie auf ihren Herrenfahrrädern auf dem Sattel sassen, die Pedale nicht erreichen, und wenn sie auf den Pedalen standen, fehlte ein ganzes Stück bis zum Sattel. Dann mussten sie wie Schlangenmenschen unter der Stange durch versuchen, das Gefährt zum Fahren zu bringen. So hat ein Damenfahrrad eben auch seine Vorteile. Wenn ich auch mit einer Holzzwinge den Sattel an der Sattelstange weiter unten fest klemmen musste, weil ich sonst die Pedale auch nicht erreichte hätte.

Um die ganze Sache noch zu steigern, baute mein Vater, was heisst baute, er konstruierte ein Gefährt so zwischen Kinderwagen und dem Luftschiff des Grafen Zeppelin. Meine Luxuskarosse hatte nur eines mit dem Zeppelin gemeinsam, es war ein Leichtbau. Ein so genannter Veloanhänger. Sein Vorfahre war ein Kinderwagen. Damit schaffte ich alles nach Hause, oft sogar meinen lieben Bruder. Manchmal habe ich vergessen, nach dem Misttransport den Hänger sauber zu machen.

Das gab dann am Abend von der Mutter mit dem nassen Geschirrlappen so kurz eine hinter die Ohren. Pumps! Aber das war der Spass wert. Ich hätte diesen Pumps meinem Bruder gerne weitergegeben, aber ich wusste nicht genau, hatte er mich verraten oder hatte es meine Mutter gerochen.

Es hat mich schon fasziniert, wenn der Zeppelin über mein Dachfenster geflogen war, Richtung Friedrichshafen, dort war er ja zu Hause. Wenn sie über unserem Dorf waren, sahen sie von ihrer Gondel aus schon Friedrichshafen, so nahe lag das. Später, als das Siegheil nicht mehr so laut war, und der Zeppelin nicht mehr über unser Dorf flog, sondern Bomber, die ihre Last über Friedrichshafen abluden, sahen wir den Feuerschein der brennenden Stadt aus meinem Dachfenster. Es war Verdunklungspflicht. Jede Ritze und jeder Spalt musste zugeklebt sein. Es war stockdunkel, da war der Feuerschein der brennenden Stadt gewaltig. Krieg schauen aus dem Dachfenster haben mir die Eltern ganz schnell verboten. Denn die Bomber, die den Zeppelin abgelöst haben, haben unser Dorf mit dem hinter der Barrikade verwechselt. Bumm! Bumm! Ein Mann tot. Der halbe Bahnhof, das Stellwerk und unsere schöne Ziegelfabrik. Weg, einfach weg. Ausradiert.

Abbildung 5 Bombardierung von Thayngen am Weihnachtstag 1944. Ein amerikanisches Geschwader von 36 B29-Bombern warf 25 Sprengbomben von je 500 kg über dem Dorf ab. Sie trafen und zerstörten die Ziegelei und das Stellwerk beim Bahnhof. Im Dorf hatte es kaum noch ganze Fensterscheiben und vielerorts Risse in den Hausmauern. (Fotoarchiv Naegele)

Abbildung 6 Mein erster Auftritt als Clown 1943 in Thayngen. (Privatfoto)

Auch unseren schönen Dörrofen hatten die Amerikaner bombardiert. Ja richtig, unseren Dörrofen hatten sie dem Boden gleich gemacht. Unser Nachbar war Heizer , in der Ziegelei, als sie noch stand.

Er war ein lieber Mann, und er hatte eine grossartige Idee. Besorge Dir ein grosses Stück Packpapier, das kannst Du auf meinem Ofen auslegen und darauf Obst dörren. – Ja danke, Du hast eine grossartige Idee und ich eine Aufgabe mehr. Das circa drei Quadratmeter grosse Papier wurde auf dem Brennofen ausgelegt, und darauf kam nun das in Schnitze geschnittene Obst und wurde mit Papier gegen den Kohlenstaub abgedeckt. Man musste nur aufpassen, dass man die Heizlöcher nicht mit Obst belegte, denn da hat unser Nachbar Kohle nachgeschüttet, damit die Lehmsteine zu Backsteinen und unser Obst zu Dörrobst wurde.

Die Idee mit dem Obst dörren auf dem grossen Ziegelbrennofen hat sich schnell herumgesprochen. Das halbe Dorf hatte versucht, einen Dörrplatz zu bekommen. Man musste schon Beziehungen oder den Heizer als Nachbarn haben. Da entstand ein Duft aus dörrenden Zwetschgen, Pflaumen, Birnen und Äpfeln, den es wohl nie mehr geben wird, weil der Duft der glühenden Back- und Ziegelsteine fehlte.

Und jetzt war alles weg. Die Ziegelei und unser Dörrobst. Die Maschinenfabrik im deutschen Nachbardorf, die stand noch.

Es war Sonntag. Niemand hatte in der Ziegelei gearbeitete, und Dörrobst umdrehen hat man auch auf die Wochentage verlegt. Der Heizer hatte Glück, denn er war im Kohlenlager, und das ist stehen geblieben. Auch in unserer Wohnung haben die Amerikaner ein paar Spuren hinterlassen. Es gab Risse in der Wand, das Kamin war um seinen Hut und etliche Steine kürzer geworden. Das Bild über dem Bett meiner Eltern krachte von der Wand, dem Engel, der das Kind vor der daher donnernden Dampflok rettete, ist nichts passiert, obwohl das Glas genau über seinem Kopf in Brüche ging. Unsere Katze ist drei Tage nicht mehr nach Hause gekommen. Ob der Krieg oder der Frühling schuld daran war, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass die Amerikaner mir noch einen Sack gemischtes Dörrobst schuldig sind.

Mit Irak einen neuen Krieg anfangen, aber bei mir vom alten Krieg noch Schulden haben, fast nicht zu glauben!

Jetzt haben sie auch noch Schaffhausen bombardiert. Es liegt wie unser Dorf Thayngen auf der rechten Seite des Rheins. Ein Stück Schweiz über dem Grenzfluss Rhein. Das war wohl nicht so ganz genau in den Fliegerkarten eingezeichnet gewesen. Es war schlimm, über vierzig Tote. Der Vater meines Schulkameraden wurde von einem Feuerball einer Brandbombe getroffen. Er hatte Platz auf zwei Händen, als sie ihn weg trugen. Auch die Mutter meines späteren Freundes wurde so getötet. Meine Grosseltern, drei Onkels und genau so viele Tanten, die auch in Schaffhausen wohnten, hatten Glück, obwohl die Häuser, in denen sie wohnten, getroffen wurden.

Wenn die Sirenen heulten, war unser Dorf leer. Alles rannte in die Keller. In unserem Schulhaus gab es keinen bombensicheren Keller.

In Zweierreihen sind wir zum nächsten Bauernhof gelaufen. Wenn der Bauer auf dem Feld war und der Keller geschlossen war, sind wir eben zum nächsten oder zum übernächsten gelaufen. Wenn es eilte in Viererreihen, und wenn man die Flieger schon hörte, dann im Rudel.

Später wurde die Sache organisiert. Die kleinen Kinder kamen in den ersten Keller, die Mittleren in den Zweiten, und die Grossen in den Dritten. Das war Strategie hinter der Front.

Es waren keine richtigen Luftschutzkeller, aber sie waren tief und gewölbt. Es waren grosse Weinkeller. Der gute Thaynger Landwein wurde darin gelagert. Der letzte Jahrgang 1941. Lieber Herr Lehrer von damals, wie viele Male hast Du, Entschuldigung, haben Sie es mich merken lassen, dass mein Vater kein Schweizer und meine Mutter nur eine Putzfrau war? Wie viele Male hätte ich jetzt verraten können, dass Sie Angst, richtig Angst um Ihr bisschen Leben hatten.

Unser Stundenplan hatte keinen Wert mehr. Mit Lernen war nicht viel los. Es gab nur wenig Licht und auch keine Schulbänke. Aber viel Schatten von den grossen Weinfässern.

In der Strasse, in der wir wohnten gab es ein Fahrradgeschäft.

Ausserhalb der Werkstatt stand eine grosse Holzkiste. Für uns Kinder, ich meine für uns Jungs, war es mehr eine Schatzkiste. Denn darin landeten die Sachen, die für die Werkstatt keinen Wert mehr hatten.

Gefragt waren die Halter der Schutzbleche und Reste von Gummischläuchen, das ergaben Präzisions-Steinschleudern. Der Herr Narr, er war aber keiner, er hiess nur so, er war lieb und klug. Alle Jungs liebten ihn. Als ich wieder einmal auf Schatzsuche war, fragte mich Herr Narr: Möchtest Du bei mir arbeiten, ich brauche einen Werkstattjungen?

Wauu! Mensch, war das ein Angebot für einen Jungen wie mich, denn in der Werkstatt gab es ja noch mehr Schatzkisten. Ohne meine Eltern zu fragen, habe ich ja gesagt.

Wie ich das alles schaffte, weiss ich nicht mehr, denn ich hatte ja so viel zu tun. Bei Herrn Narr verdiente ich das erste Taschengeld.

Ich habe es mit Stolz unserem Haushalt beigesteuert. Herr Narr war ein Genie. Er machte aus fast nichts die tollsten Sachen. Das war natürlich in der Kriegszeit gefragt. Aus Altem etwas Neues zu machen, Sachen, die es nicht mehr zu kaufen gab. Ich habe auch schnell gelernt, aus noch brauchbaren Schlauchstücken einen ganzen luftdichten Fahrradschlauch zusammenzuvulkanisieren. Wer kennt heute noch so etwas und kann so etwas noch machen? Wenn ich später auf meinen Reisen den Trick siebzehn anwenden musste, habe ich oft an meinen ersten Lehrmeister Herrn Narr gedacht. Er war ein guter Mensch.

Sein Bruder weniger, der machte die Buchhaltung und mir Ärger. Er konnte mich nicht leiden. Er schnüffelte in der Werkstatt herum und wollte seine schlechte Laune an mir abreagieren.

Es gab eine kleine Luftstation, um die Reifen der Kunden aufzupumpen. Erwachsene konnten sich selbst bedienen. Kinder mussten um Hilfe bitten. Einer Schulkameradin habe ich natürlich diese Hilfe angeboten, dass der Sache ein bisschen der Ernst fehlte, das war ja klar.

Dem trockenen Buchhalter passte das nicht. Er gab mir einen Tritt in den Hintern. Ich liess mich genau auf die getroffene Stelle fallen. Mit meinem Körper und meinen Beinen drehte ich mich um hundertachtzig Grad, unterstützt mit Druckluft aus der Pumpanlage. Ich wirkte wie ein Windflügel. Zack, ich traf den Trittverteiler an seinen Beinen, er verlor seinen Halt und sass auch auf seinem Allerwertesten, mit einem dummen Gesicht neben mir. Ich drehte mich neunzig Grad zurück, stand auf und bediente weiter. Er ist lange sitzen geblieben, um den Vorfall zu verarbeiten. Vielleicht sind ihm Sprüche eingefallen wie Hochmut kommt vor dem Fall, oder vom Hoch-hinaus-wollen und dann tief fallen.

Meine Mutter hatte Besuch, sie führte ihn ins Schlafzimmer und zeigte ihm einen Wäschekorb auf Rädern. Über das Ganze war ein schönes Dach aus hellblauem Stoff mit kleinen roten Blümchen gespannt. Als meine Mutter den Wagen vorführte, den Vorhang hob und über das ganze Gesicht strahlte, wurde mir klar, was da passieren sollte.

Die Familie sollte grösser werden. Ausgerechnet jetzt, wo ich so einen tollen Job in der Velowerkstatt hatte. Ich sah schon, was da auf mich zukommen würde. Aber vielleicht wurde es nicht so schlimm, wenn dadurch meine Mutter mehr zu Hause sein würde. Mein Bruder Josef, ich meine halt, unser Bruder Seppel, war auf die Welt gekommen.

Ich freute mich riesig, dass man nun die Küchenarbeit in drei Teile teilen konnte. Aber bis es so weit war, hatte ich schwer draufgezahlt.

Erstmals wurde ich Kindermädchen, obwohl ich doch ein Junge war.

Eine Sache habe ich nicht vergessen. Das Bild, wenn mein Vater mit dem kleinen Bruder auf dem Arm seiner Familie voraus in den Keller lief, weil schon wieder Fliegeralarm war. Das war in letzter Zeit so oft.

Unsere kleine Kellerecke war mit einem Lattenverschlag abgegrenzt.

Ausser Mutters Soleier, ein Kistchen mit in Sand eingegrabenen Karotten, einem Sack Kartoffeln und Vaters Mostfässchen gab es nichts.

Aber hinter dem Lattenverschlag gab es in dem riesigen Gewölbe grosse Weinfässer. Sie gehörten zum Restaurant Blume. Trotz des poesievollen Namens war es eine düstere Sache. Die Besitzerin und Wirtin war schon ein bisschen eine welke Blume. Sie hatte kein Herz für uns Kinder. Sie hätte doch nur etwas Kleines aus den überfüllten Regalen abgeben können. Eine Brezel, eine Salzstange oder eine kleine Schokolade. Da hätten doch mitten in der Nacht Kinderaugen gestrahlt.

Max, der Nachbarsohn brachte eine Einladung zu einer Diavorführung. Und ausgerechnet jetzt musste ich auf meinen Bruder Seppel aufpassen, füttern und trocken legen. Eine Einladung für mich, wo doch dem Max seine Eltern stinkreiche Leute sind. Die hatten sogar eine Klavierlehrerin und eine Putz- und Waschfrau, das war meine Mutter. Immer wenn Mutter bei den Doktors arbeitete, habe ich ihr einen kleinen Besuch abgestattet. Denn ich wusste, wo der Herr Doktor, der auch noch Imker war, seinen Honig lagerte. Die Kessel waren nicht verschlossen. Und ich liebte Honig so sehr. Am besten war der weiche, der hat keine Spuren hinterlassen, wenn man den Finger noch so tief hinein steckte.

Also, Diavorführung ist angesagt. Allein das Vorführgerät war schon eine Sensation. In diesem Wundergerät brannte eine richtige Petroleumflamme, nein ein Petroleumlicht. Das Ding sah aus wie eine Dampfmaschine. Nur da war kein Dampf, sondern da kam richtiger schwarzer Rauch aus dem kleinen Kamin. Wenn man den Docht kleiner stellte, wurde der Rauch weniger, aber das Bild an der Wand auch.