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Hajo ist keine Lichtgestalt und eignet sich deshalb auch nicht für Arztromane oder -fernsehserien. Sein Entschluss, »Weißkittel« zu werden, ist 1953 rein politischer Natur. Zwar interessiert er sich stärker für Geschichte, Philosophie und Politik, aber er weiß auch, dass auf diesen Gebieten ausschließlich die Ansichten der diktatorischen Staatspartei SED gelten genauso wie in allen staatlichen Betrieben und Institutionen. So gefällt ihm am besten die Vorstellung, gegebenenfalls als Arzt auf einem abgelegenen Dorf seine persönliche Freiheit ausreichend bewahren zu können. Von dem gewählten Beruf hat er keine Ahnung, wächst aber schnell hinein, kann sich voll entfalten und findet in ihm Freude und Erfüllung. Beim Aufbau der »Künstlichen Nieren« in Deutschland leistet auch er noch Pionierarbeit. In wissenschaftlicher Hinsicht ist es ihm vergönnt, einige wichtige Beiträge zum Fortschritt der Medizin zu liefern. Vor die Alternative gestellt: Entweder Eintritt in die SED oder Rauswurf aus der Akademie und Ende seiner Hochschulkarriere, entscheidet er sich für das letztere. Als aufrechter Demokrat ist er bereit, in preußischer Pflichterfüllung auch persönliche Opfer zu bringen! 4 Jahre nach der Ehescheidung dürfen die zwei ersten seiner vier Kinder zum Vater zurückkehren, die beiden kleineren exportiert die DDR in die für den Vater unerreichbare BRD. Erst nach der Entlassung aus dreijähriger Haft kann er endlich wieder mit seinen vier Kindern zusammen leben. So vereint sich sein berufliches Glück endlich auch mit seinem persönlichen, familiären und auch philosophischen Glück zu seinem Eudaimonia, obgleich er oft auf sehr steinigen Wegen durchs Leben wandert und immer begleitet wird vom »Schatten des Ajax«.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Hajo Achim
EIN DURCHSICHTIGERWEIßKITTEL
(auch kein Roman)
Engelsdorfer Verlag
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Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag LeipzigAlle Rechte beim Autor
Titelfoto © ankabala (Adobe Stock)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)www.engelsdorfer-verlag.de
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PROF. DR. ROLF EMMRICH
(1954 – 1959 Medizinische Akademie Magdeburg)
„DIE MEDIZIN IST FINAL DETERMINIERT!”
Cover
Titel
Impressum
Kindheit
Jugend
Studium
Erstes Studienjahr
Zweites Studienjahr
Drittes bis fünftes Studienjahr
Die „Greifswalder“
Blutspenden, eine Kieferhöhlenzyste, Kartoffelernteeinsätze und immer wiederkehrende Augenbindehautentzündungen
Studentenehe
Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin
Die ersten Erfolge
Primus, der Älteste
Die zweite Hälfte des Berufslebens
Woher die Begeisterung für diesen Beruf?
Beispiel Herzinfarkt
Beispiel Kaliummangel-Herzkammerflimmern
Beispiel Schlaganfall
Beispiel Autoimmunkrankheiten
Goodpasture-Syndrom
Pemphigusvulgaris
Systemischer Lupus Erythematodes
Nachtrag
LUPUS ANTICOAGULANS, Antiphospholipidantikörper
Die liebe Pharmaindustrie
Seufzer (engl. Sigh)
Der Schatten des Ajax
Anhänge
Anhang A
Anhang B
Anhang C
Anhang D
Nachwort
Hajo hatte in seinen frühen Kinderjahren wenig mit Medizin oder Ärzten zu tun. Erinnern kann er sich aber doch noch sehr lebhaft an den scheußlich schmeckenden Lebertran, von dem er in regelmäßigen Zeitabschnitten einen ganzen Löffel voll schlucken musste. Das war damals allgemein so Mode.
Auch von der Kinderärztin ist ihm kein Bild geblieben, aber er weiß genau, dass er es eines Tages zu genant fand, sich von einer Ärztin ganzkörperlich untersuchen zu lassen, und erbat sich von seinen Eltern künftig einen männlichen Doktor.
„Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe.“ (‚Die Glocke’ von Schiller)
Um welche Erkrankung es sich handelte, wusste Hajo nicht, aber der Dr. Deicke war der Ansicht, dass er dem Knaben eine Spritze in den Hintern verpassen müsse und forderte ihn auf: „Kneif die Arschbacken zusammen!“ Na, so was sagt man doch nicht!
1941, kurz nach Schulbeginn machte er Masern und Windpocken durch, so dass er in der Schule fehlte, als gerade das ‚Vogel-V‘ gelernt wurde, das ja ganz anders war als das ‚Fe‘, also das F. Das auseinander zu halten, erforderte schon eine Überlegung!
Hajo mochte seinen Klassenlehrer sehr und kam in der Schule gut mit.
Zu jener Zeit begann jeder Schultag mit dem gemeinsamen Singen eines Liedes, was allen Kindern viel Freude bereitete. Schließlich ist Musikunterricht in den Schulen eines unserer höchsten Kulturgüter und wird wahrscheinlich deshalb in unserer neokapitalistischen Zeit derart vernachlässigt.
In der Vorweihnachtszeit lernte Hajo auch das Lied von einem Christkind, das alle Jahre wieder auf die Erde niederkäme. Zu ihm war aber niemals ein Christkind gekommen, sondern immer nur der Weihnachtsmann, der auch Knecht Ruprecht hieß. Im letzten Jahr war das Onkel Base, das hatte das pfiffige Kerlchen herausgefunden. Und weiter heißt es in diesem Liede: „… geht auf allen wegen mit dir ein und aus.“ Das verstand Hajo überhaupt nicht. Wenn das Christkind täglich um ihn herum wäre, müsste er das doch irgendwann einmal bemerkt haben!?
Dieser Widerspruch zwischen dem, was sogar sein Lehrer ihm beibringen wollte, und seiner eigenen Erfahrung führte Hajo zu seinen ersten, selbst durchdachten Zweifeln an dem, was die Erwachsenen so von sich gaben.
Hin und wieder fehlten Schüler im Unterricht wegen Ziegenpeter (Mumps); die hatten immer eine dicke Backe. Im Alter von 10 Jahren begegnete Hajo auf der Straße zufällig seinem ältesten Spielkameraden. Klaus befand sich gerade in Begleitung seiner Mutter auf dem Wege ins Krankenhaus und sagte bedeutungsvoll: „Komm nicht so dicht ran, ich hab’ Scharlach, das ist ansteckend.“ Nun kannte Hajo schon vier Krankheiten, wenn auch die Hälfte nur vom Namen her. Da die im Allgemeinen verhältnismäßig harmlos waren und fast immer in der Kindheit durchgemacht wurden, nannte man sie auch Kinderkrankheiten.
Wer in der Kindheit Masern oder Windpocken überstanden hatte, besaß bis ins hohe Alter Antikörper gegen diese Viruskrankheiten. Nach Einführung der Impfung gegen Masern besteht für Nichtgeimpfte jenseits des Kindesalters Lebensgefahr, wenn sie mit an Masern Erkrankten in Kontakt kommen, – und diese Gelegenheit besteht immer noch in einigen Ecken der Welt.
Hajo und Klaus waren dickste Freunde, auch wenn sie sich fast täglich mit ihren Fäusten bemühten, den anderen von der Richtigkeit ihrer Ansichten zu überzeugen. Das ging die Erwachsenen überhaupt nichts an!
Zu wissenschaftlichen Gesprächen zogen sich die beiden 10 - jährigen Bengel in einen der zahlreichen Bombentrichter zurück, rauchten erst einmal eine selbst gedrehte Zigarette mit Tabak, den sie den Russen geklaut hatten, und wälzten dann Probleme.
Dass die Kinder im Bauch ihrer Mütter heranwachsen war längst Allgemeinwissen. Aber wie kamen sie da heraus? Die Bauchnabel-Theorie erschien ihnen nicht ganz überzeugend.
Dem musste also endlich einmal auf den Grund gegangen werden!
Als Hajo erfuhr, dass in den nächsten Stunden eine Kuh kalben sollte, ging er unbeobachtet in den am hinteren Ende des Kuhstalls gelegenen Nebenraum, dessen Außentür nur von innen geöffnet werden konnte, indem man mit einer Hebelvorrichtung die verriegelnde Eisenstange aus ihrer Verankerung heraus hob. Er entriegelte die Tür, drückte sie 2 cm auf und setzte den Stab des Riegels mittels des Hebels außen neben das Halteloch.
Als sich nun die Erwachsenen um die Kuh versammelten, begab sich Hajo heimlich zur Rückwand des Stalles, gelangte über die jetzt nicht mehr gesicherte Tür in den Nebenraum des Stalles, schlich sich unbemerkt zu seinem Beobachtungsposten und erlebte so die Geburt des Kälbchens.
Klar! So musste das auch bei den Menschen sein.
Mit dem Ergebnis seiner Forschung voll zufrieden und mit stolz geschwellter Brust konnte er nun auch seinen Freund aufklären.
Dieser Gewinn einer Erkenntnis durch Beobachtung und Versuch war seine erste „wissenschaftliche Großtat“.
Im Alter von 12 Jahren stellte sich bei Hajo Asthma ein (Asthma bronchiale). Die anfänglich nur geringe Luftnot steigerte sich rasch innerhalb von Monaten bis zu einem annähernd dauerhaften Zustand. Beim Fußballspielen reichte es nur noch zum Torwart. Bald wurde die Luftnot so groß, dass er keine Nacht mehr in Ruhe schlafen konnte. Jeden Abend musste er wieder raus aus dem Bett und klammerte sich mit beiden Händen fest an die Eisenstäbe, mit denen das Kellerfenster vergittert war, um genügend Luft zu bekommen, indem er dadurch die Atemhilfsmuskulatur seines Oberkörpers anspannen konnte. Erst im Zustand der völligen Erschöpfung und Übermüdung legte er sich hastig ins Bett, um etwas Schlaf zu finden, bis zum nächsten Anfall, der ihn wieder hoch riss.
Schließlich ließen ihn seine Eltern im Wohnzimmer schlafen.
Hilflos saßen sie ihrem mit äußerster Anstrengung nach Luft ringenden Kinde gegenüber und waren völlig verzweifelt. Sie hatten dabei natürlich immer das Schicksal des einen Großvaters vor Augen, der mit 64 Jahren an seinem Asthma verstorben war.
Wie alle Kinder unter derartigen Umständen, taten auch Hajo seine Eltern schrecklich leid und er versuchte, sie zu trösten. Das ist deshalb so, weil die natürliche Denkweise von Heranwachsenden in diesem Alter noch nicht durch die Phantasiegebilde der Erwachsenen wie Seelenwanderung, Höllenqualen, Wiederauferstehung usw. verbeult worden ist. „Der Tod ist nichts Schreckliches, … sondern die Meinung über den Tod, dass er etwas Schreckliches sei, ist das Schreckliche!“, wusste schon Epiktet (ca. 50 bis 140 u. Ztr.)
Hajo selbst war sich ganz sicher, dass er bald sterben müsse, Angst davor hatte er keine. Tatenlos zusehen wollte er aber auch nicht. Und so ging er, was sonst in der Familie höchstens Weihnachten der Fall war, in die Kirche, um den ‚lieben Gott‘ zu bitten, ihm, der sich völlig schuldlos an seinem Elend fühlte, doch zu helfen. Aber der half nicht.
Gab es überhaupt einen ‚lieben Gott‘?
Schon zwei Jahren zuvor, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, im April 1945, hatte Hajo KZ-Häftlinge auf Ihrem Todesmarsch von Sachsenhausen an die Ostsee gesehen. Das waren nur noch mit Haut überzogene Skelette, die entkräftet und sich gegenseitig stützend, voran schleppten; ein grauenhafter Anblick, der sich tief in seine Seele eingrub. So etwas soll ein ‚lieber Gott’ zugelassen haben? Damals hatte Hajo zum ersten Male ernsthafte Zweifel daran.
Wirksame Medikamente zur Behandlung des Asthmas gab es zu dieser Zeit noch nicht.
Dem Hausarzt, Dr. Deicke, fiel als letztes Mittel nur noch ein, es mit einer „Klimaveränderung“ zu versuchen; das Allgäu wäre da wohl das richtige.
Wir schreiben das Jahr 1947! Hajo wohnte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ), das Allgäu lag in der amerikanischen. Wie dahin kommen und wo dort bleiben? Als letzen Ausweg dachte Hajos Mutter an ihre Cousine in Blankenburg am Harz; dieser Ort lag wenigstens in der SBZ. Da eine „Klimaveränderung“ der letzte denkbare Strohhalm war, nach dem man in der bitteren Not noch greifen konnte, wurde der Plan in die Tat umgesetzt.
Dr. Deicke schrieb ein Rezept:
„Hajo, geb., wh., leidet an Asthma bronchiale infolge Drüsen-Tbc und soll eine klimatische Kur zur Umstimmung des Körpers in Blankenburg/Harz machen von einer Dauer von 3 Monaten mindestens.“
(Heute hat ein Kurantrag ein ganz anderes Format!)
Dieses Rezept wurde vom Städtischen Medizinalrat in Blankenburg/Harz bestätigt und zurückgeschickt. Damit konnte nun eine „Vereinfachte Reiseabmeldung“ bei der Stadt Neuruppin, Einwohner-Meldeamt, beantragt und genehmigt werden.
Außerdem erhielt Hajo folgende
„Bescheinigung
Es wird hiermit amtlich bescheinigt, dass Hajo, geb., wh., zur Reise nach Blankenburg/Harz vom 14.8. – 25.8.1947 Lebensmittel mitführen darf.
Da die Lebensmittel für den eigenen Bedarf bestimmt sind, wird gebeten, dieselben nicht zu beschlagnahmen.
Neuruppin, den 13.8.1947
Siegel der Stadt
Der Bürgermeister
als Ortspolizeibehörde“
Ohne eine solche Bescheinigung drohte die Beschlagnahme selbst geringer Mengen von Lebensmitteln als „Hamsterware“; nach dem verlorenen Kriege hatte sich Deutschland 1945 und 1946 zwei schlimme Hungerjahre eingebrockt, die eben erst überstanden waren.
Ein Bruder von Hajos Großmutter erklärte sich bereit, den Jungen auf der etwa 250 km langen Fahrt nach Blankenburg zu begleiten. Die Reise sollte zwei volle Tage in Anspruch nehmen, weil sich von den zwei Schienensträngen der Strecke Berlin - Magdeburg einer als Reparation in die Sowjetunion verabschiedet hatte und deshalb die Züge alle naselang erst den Gegenverkehr abwarten mussten, bevor es endlich weiter ging. So erwies sich sogar eine Übernachtung in Magdeburg als unumgänglich.
Kaum hatte der Zug die Heimatstadt und die über den See führende Bahndammbrücke passiert, sagte Hajo zu seinem Großonkel: „Du, Onkel Richard, ich glaube, mir geht es schon etwas besser.“
In Blankenburg angekommen, war das Asthma wie weggeblasen! Von der Luftnot war nicht die geringste Spur übrig geblieben! Ungläubig wagte es Hajo, ein paar Schritte zu hopsen und sogar ein Stückchen des Weges zu rennen, was ihm seit Monaten nicht mehr möglich gewesen war. Es war einfach unfassbar – die Krankheit war weg. Hajo konnte wieder ganz normal leben! – Das Glück war überwältigend.
Das phantastische Geschehen konnte doch nicht durch eine erst Minuten währende „Klimaveränderung“ erklärt werden!?
Auch sein am Asthma verstorbener Großvater soll sich während eines kurzen Aufenthaltes in den Alpen sehr wohl gefühlt haben.
Hier muss eingeflochten werden, dass die Zusammenhänge zwischen derartigen Erkrankungen und ihren Ursachen noch unbekannt waren. Selbst Dr. Deicke war der Begriff ALLERGIE noch völlig fremd. Die wahre Ursache für die Auslösung des Asthma bronchiale bei Hajo wurde erst später erkannt; es war eine Allergie.
Hajo war zum ersten Male in seinem Leben einer klassischen medizinischen Merkwürdigkeit begegnet: Der Arzt erteilte unter völlig falschen Vorstellungen, einschließlich Fehldiagnose, einen einzig richtigen Ratschlag, dessen Verwirklichung zwar einerseits von einem glänzenden Therapieerfolg gekrönt war, andererseits aber gleichzeitig den Arzt in der scheinbaren Richtigkeit seiner Fehldiagnose bestärken musste.
Dr. Deicke sei, so erfuhr Hajo später, bald darauf in seiner Praxis von zwei ‚Herren in Ledermänteln’ aufgesucht und aufgefordert worden, zwecks ‚Klärung eines Sachverhaltes’ mitzukommen. Obgleich linkssozialistisch eingestellt, hätte er sich geweigert, seine Praxis in die Poliklinik zu verlagern, was mit gewissen leichten Einschränkungen seiner Tätigkeit verbunden gewesen wäre. Sein Wunsch, sich im Nebenraum noch schnell umziehen zu dürfen, wurde ihm gewährt. Als den beiden Besuchern das zu lange dauerte, betraten sie kurz entschlossen den Nebenraum.
Dr. Deicke hatte sich mit einer ausreichenden Menge Morphium das Leben genommen.
Nach zwei Jahren und einigen Monaten kehrte Hajo in seine Heimatstadt und in den Kreis seiner Familie, die bei den Großeltern Unterschlupf gefunden hatte, zurück. Er erhielt im oberen Geschoß des Hauses ein winziges Zimmer zugewiesen, ein echtes Studierstübchen, in dem er sich sauwohl fühlte.
Die folgenden 3 ½ Jahre empfand er als einen ausgesprochen glücklichen Zeitabschnitt seines Lebens.
Morgens, nach dem Aufwachen OHNE Wecker, erledigte er zuerst den Rest seiner Schularbeiten, dann wusch er sich in einer Waschschüssel. Gebadet wurde samstags unten bei den Großeltern, da gab es eine Badewanne und einen mit Kohlen zu befeuernden Badeofen. Für den Weg zur Oberschule (Gymnasium) benötigte Hajo weniger als 5 Minuten. Die Schule besuchte er mit gleich bleibender Freude und genoss es, täglich so viel Neues lernen zu dürfen.
Das Abitur, zu dem die klugen Kinder in der DDR dank ihrer Weltspitzen- Pädagogik nur 8 Jahre Oberschule (Gymnasium) benötigten, bestand er mit Auszeichnung.
In der jetzt Deutschen Demokratischen Republik (DDR) genannten Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, war Russisch die erste Fremdsprache, die Hajo nur widerwillig lernte, war sie doch die Sprache der Besatzungsmacht. Trotzdem beeindruckte ihn diese Sprache wie jede Fremdsprache, weil in ihr immer Teile anderen Denkens und Fühlens eines fremden Volkes ausgedrückt werden, die in der eigenen Muttersprache nicht angetroffen werden und über die es sich lohnt nachzudenken. So unterscheidet man zum Beispiel im Russischen das verstandesmäßige Wollen „Ich will“ von dem gefühlsmäßigen, (triebgesteuerten) „Mir will es sich“, besonders eindrucksvoll dargestellt von Dostojewski in seiner Romanfigur Raskolnikow). Wenn dagegen im Deutschen jemand sagt:
„Ich will …“, weiß niemand, aus welcher Ecke der Wille kommt.
Im Lateinunterricht bewunderte er die Grundsätze römischer Rechtsauffassung. Das Römische Recht wurde schließlich nicht umsonst eine der Säulen unserer abendländischen Kultur.
„Im Zweifel für den Angeklagten!“
„Keine Strafe ohne Gesetz!“
„Auch die andere Seite ist anzuhören!“
„Verträge sind einzuhalten!“
Was wäre unser Rechtsstaat heute ohne diese 2ooo Jahre alten Rechtsgrundsätze?
Aber auch andere Sprüche hinterließen in Hajo tiefe Spuren:
„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“
„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben!“
„Ich lebe nicht, um zu essen, sondern ich esse, um zu leben!“
„Was hindert uns, gute Sitten fremder Völker zu übernehmen?!“
Dieser letzte Spruch widerspiegelte nach Hajos Vorstellung das alte griechische Idealbild des Menschen, wonach auch er strebte. Es gelang ihm, beim Sportabitur in allen drei geprüften Sportarten die Note ‚sehr gut’ zu erkämpfen, also im Schwimmen, in der Leichtathletik und im Turnen. Im Hochsprung war er der Zweitbeste und im Turnen sogar der Beste seines Abiturjahrganges.
Zwiespältig war dagegen der Unterricht im Fach Geschichte wegen seiner einseitigen, ausschließlich vom Standpunkt des Proletariats vorgeschriebenen Betrachtungsweise.
Im ‚Gegenwartskunde’-Unterricht bedurfte es wegen des Gegensatzes von theoretischer Marxistischer Philosophie und ‚realsozialistischer Wirklichkeit’ großer Selbstbeherrschung, keine prickelnden Fragen zu stellen, weil man dadurch Gefahr lief, von der Oberschule zu fliegen! So wurden 1952/53, wenige Monate vor dem Abitur, alle Abiturienten in der DDR zu einer Kotau-Übung gezwungen, indem man sie im Deutschunterricht über den Massen mordenden Diktator Stalin einen Schulaufsatz schreiben ließ. Thema:
„Stalin, der Bannerträger des Friedens und des Fortschritts in der ganzen Welt“
Das verursachte auch Hajo erhebliche Bauchschmerzen. Trotzdem erhielt er für seinen ganz im Sinne des Diktators und seiner deutschen SED-Gefolgsleute verfassten Aufsatz eine 1; er wollte schließlich nicht wegen leichtfertig geäußerten Ehrlichkeit sein Abitur aufs Spiel setzen!
Mit größter Aufmerksamkeit und Freude genoss er die Höhepunkte des Biologieunterrichts, beispielsweise wegen der ausführlichen Darstellung der Entwicklungstheorie Darwins. Ebenso begierig verinnerlichte er den Lehrsatz Haeckels: „Die Ontogenese ist die Wiederholung der Phylogenese“; das heißt, der Mensch durchläuft während seiner Entwicklung im Mutterleib vor seiner Geburt alle Stufen der gesamten Stammesgeschichte der Menschheit, vom Einzeller über das Stadium der Fische, der Reptilien usw. bis hin zum geburtsfähigen Kinde.
Angeregt durch den im Deutschunterricht behandelten Urfaust und den „Faust“ von Goethe, verfiel Hajo im Alter von 17 Jahren auf die Idee, einem sehr gläubigen Mitschüler, der später Vikar geworden sein soll, folgende Frage zu stellen:
„Wie kann ich dir beweisen, dass es keinen Teufel gibt?
Ich bin bereit, eine schriftliche Erklärung mit meinem eigenen Blute zu unterschreiben, dass sich der Teufel unter Aufhebung aller eventuell vorausgegangenen Absprachen oder Verträge auf der Stelle, also jetzt gleich, sofort, meine Seele holen kann.
Wo ist jetzt der Teufel?“
Statt irgendeiner Antwort, geschweige denn einer Aussprache, wich der Arme entsetzt zurück.
Was musste das für ein komischer Teufel sein, der ein so großzügiges, einmaliges und von jeder Gegenleistung entbundenes Angebot nicht annahm?
Hajo beantwortete schon damals wie auch heute noch mit 84 Jahren diese Frage unverändert so: Das Phantasiegebilde Teufel ist in der materiellen Wirklichkeit schlicht und einfach nicht vorhanden!
Bereits etliche Monate vor dem Abitur mussten die Bewerbungen für die Studienplätze eingereicht werden. Hajo beneidete alle diejenigen, die genau wussten, was sie einmal werden wollten. Sein bester Freund wollte Chemie studieren und wurde Chemiker. Sein anderer Freund wollte Meteorologie studieren und wurde Meteorologe.
Hajo wählte zunächst einmal das Fach Geschichte, weil er sich zu diesem Studium mächtig hingezogen fühlte. Am liebsten wäre er Politiker geworden, aber die Vorstellung, nur Verwaltungspolitiker einer der Besatzungsmächte werden zu können, war ihm ein Gräuel.
Er wollte sich auch auf kein rein naturwissenschaftliches Fach stürzen, weil er fürchtete, später in einem ‚volkseigenen Betrieb’ arbeiten zu müssen, in dem immer der Parteisekretär der Staatspartei SED das letzte Wort hatte.
Schließlich stellte er sich vor, dass man mit einem Blutdruckmessgerät und einem Hörrohr (Stethoskop) selbst in der entlegensten Gegend eine Arztpraxis betreiben könne, wo ihm kaum ein SED-Bonze Vorschriften machen und er sich seine innere Freiheit bewahren konnte. Außerdem wäre es so möglich, sich von allen Geisteswissenschaften zu verabschieden, die samt und sonders SED-ideologisch völlig einseitig überfrachtet waren.
Da Hajo sein Abitur mit besten Noten bestanden hatte, zog er schleunigst seine ursprüngliche Bewerbung zurück und entschied sich für das Medizinstudium, um einmal Arzt zu werden, was ihm bei seinem ausgezeichneten Zeugnis auch zugebilligt wurde, obgleich er nicht Mitglied der staatlichen Jugendorganisation FDJ war.
Seine Entscheidung für das Medizinstudium war also rein politischer Natur!
6 Tage nach Überreichung der Abiturzeugnisse, begann am Abend des 16.Juni 1953 der Streik der Bauarbeiter vom Friedrichshain und der Stalinallee in Berlin, der sich am nächsten Tage zu einem Volksaufstand der Bevölkerung der DDR gegen die verhasste SED- Regierung auswuchs und von der sowjetischen Besatzungsmacht blutig niedergeschlagen wurde.
In seinen letzten Schulferien half er, wie auch in den Jahren zuvor, in der Glaserwerkstatt seines Großvaters und übte sich auf diese Weise in handwerklicher Geschicklichkeit, die ihm später im Berufsleben sehr zugute kam.
Am 1. September 1953, im Alter von 18 Jahren, nahm Hajo sein Studium der Medizin an der altehrwürdigen Humboldt-Universität in Berlin auf.
Er erhielt im ersten Studienjahr ein Stipendium in Höhe von 22o Mark, von dem er finanziell sorgenfrei leben und sich darüber hinaus auch noch Lehrbücher kaufen konnte. Sein möbliertes Zimmer zur Untermiete kostete 3o oder 35 Mark, die Stadtbahnkarte 5 Mark monatlich.
Außerdem fuhr er an den Wochenenden nach Hause zu einem verbilligten Bahntarif.
Hajo brauchte nicht, wie so viele Studenten im Westen Deutschlands, Geld zu verdienen, und konnte sich ganz seinem Studium widmen.
Nach mit ‚gut’ bestandener Jahresabschlussprüfung stand ihm vom zweiten Studienjahr an bis zum Staatsexamen ein Stipendium in der Höhe von 18o Mark im Monat zur Verfügung, womit er gut zurechtkam.
Nach der Lehre von David Ricardo entsteht jeglicher Reichtum ausschließlich durch menschliche Arbeit. Hajo war sich immer der Tatsache bewusst, dass das Geld, das ihm während seines Studiums von der Bevölkerung der DDR geschenkt wurde, von fleißig arbeitenden Menschen aufgebracht worden war, denen gegenüber er sich immer besonders verpflichtet fühlte und es deshalb unter anderem ablehnte, des schnöden Mammons wegen nach der Ausbildung in den Westen zu gehen, zumal damals in der DDR noch ein starker Ärztemangel herrschte.
Hajo stürzte sich mit ganzem jugendlichem Sturm und Drang auf sein Studium.
Samstags nachmittags, nach Beendigung aller Vorlesungen und Praktika, fuhr er regelmäßig mit der noch dampfbetriebenen Eisenbahn nach Hause. Da gab es sonntags immer leckeres Mittagessen. Sonntags gegen Abend ging es wieder nach Berlin zurück.
Im ersten Studienjahr wurden hauptsächlich Physik, Chemie, Botanik, Zoologie und Anatomie gelehrt, daneben auch als Pflichtfächer Russisch und Marxismus. Die erste große Zwischenprüfung, das Vorphysikum, hatte er ‚gut’ bestanden.
Anschließend sah der Studienplan ein 6 Wochen währendes Praktikum als Pflegekraft vor.
Der erste Arbeitstag war ein prächtiger Sommersonnentag. Bekleidet mit Weißkitteln, sollten sich Hajo und sein Studienkollege auf Weisung der Stationsschwester gleich erst einmal der Visite anschließen, natürlich ganz hinten als Schweif der weißen Wolke. Das lief auch alles recht ordentlich bis zum Verbandswechsel an einem Finger eines Patienten, der dabei offensichtlich erhebliche Schmerzen verspürte. Der junge Mann jammerte arg; Blut tropfte aus der Wunde; das versprühte Desinfektionsmittel verbreitete Äthergeruch; obendrein war es im Zimmer schwül warm – und Hajo wurde schlecht!
Sicherheitshalber verdünnisierte er sich still und heimlich und verließ, wie auf mehrfach übereinander gelegten Teppichen gehend, mit weichen Knien, leicht benebelt und etwas schwankend die Station und ließ sich vor dem Haus auf eine im kühlen Schatten von einigen Bäumen stehende Bank erlöst nieder plumpsen.
Da saß er nun, unser Held im weißen Kittel, – und zweifelte ernsthaft an seiner Tauglichkeit für den angestrebten Beruf.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe die drohende Ohnmacht gewichen war und er wieder deutlich die Singvögel wahrnehmen konnte, die lustig ihre Lieder trällerten.
Einigermaßen wieder bei Kräften, traute er sich, auf die Station zurückzukehren. Kaum wurde man auf dem Flur seiner ansichtig, empfing man ihn auch schon mit lautem Hallo:
„Prima, dass Sie da sind! Gehen Sie doch gleich mal nach dahinten, da liegt Ihr Kollege auf einer Trage, dem ist schlecht geworden!“
Nach zwei weiteren ähnlichen Ereignissen fiel Hajo glücklicherweise auf, dass die Ohnmachtanwandlungen ausblieben, sobald er nicht nur zuschauen, sondern irgendeine ihm zugewiesene Tätigkeit ausführen durfte, die seine volle Aufmerksamkeit beanspruchte, wie beispielsweise das Offenhalten von Wunden mit Haken bei Operationen, wodurch die Gefühlswelt in den Hintergrund gedrängt wurde. Das war eine grundlegende Erkenntnis für sein gesamtes weiteres praktisches Leben.
Im Verlaufe des Pflegepraktikums oblag es Hajo zeitweise, einen dahinsiechenden Patienten zu pflegen, bei dem ein Krebsgeschwür bereits den ganzen Kehlkopf zerfressen und nach außen hin die Haut durchbrochen hatte. Die Wundfläche, die fast die gesamte vordere Halsseite einnahm, war von Eiter bedeckt und der Bart damit verschmiert und verkrustet. Der Krankenhausfriseur lehnte jegliche Bartpflege vehement ab. Ein leichter Gestank waberte durch das Sterbezimmer des bei lebendigem Leibe verwesenden Menschen. Sprechen konnte er schon lange nicht mehr, schlucken natürlich ebenfalls nicht. Über eine durch die Bauchhaut gelegte Magensonde erfolgt eine künstliche Ernährung. Mit mehreren über den Tag verteilten Morphiumgaben wurden die Schmerzen in Schach gehalten. Von den Ärzten war der Patient längst aufgegeben worden.
Eine ausgesprochen liebe Krankenschwester, vielleicht noch unter 21 Jahren, mit sehr viel Herzensbildung, zu der Hajo ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, sagte ihm dann eines Morgens nach ihrem Nachtdienst:
„Ich hab ihn heute Nacht totgemacht.“
Sie hatte ihm die drei für die Nacht vorgesehenen Morphiumampullen auf einmal verabreicht.
Es war ihr wohl einfach nicht gegeben, dieses Elend weiterhin auszuhalten.
Wie die Schiffchen in den Webstühlen schossen Hajo Gefühle und Gedanken in rasantem Tempo kreuz und quer durchs Gehirn; er war handlungsunfähig.
Neben einer fachlich guten Ausbildung zum Mediziner legte der Staat aber auch noch größten Wert auf die politische Erziehung zu einem sozialistischen Staatsbürger.
Die entsprechenden Vorlesungen trugen die Bezeichnung „ Dialektischer und historischer Materialismus“ und „Politische Ökonomie“. Der Besuch dieser Vorlesungen und der den Stoff vertiefenden Seminare war unausweichliche Pflicht. (Im Volksmund wurden derartige Veranstaltungen mit dem Begriff ‚Rotlichtbestrahlung‘ belegt.)
Der Sowjetische Diktator Stalin, seine Nachfolger und seine Vasallen bemühten sich, in ihrer Sowjetischen Besatzungszone, die seit Oktober 1949 „DDR“ genannt wurde, ihr politisches System durchzusetzen, wie andererseits auch die westlichen Besatzungsmächte in ihren drei Zonen, seit Mai 1949 „Bundesrepublik Deutschland“ geheißen, ihr amerikanisch geprägtes System etablierten.
So wurde im Westen die vom deutschen Volk 1932 in zwei freien und demokratischen Wahlen mit absoluter Mehrheit von >51% abgewählte Demokratie wieder eingeführt, während im Osten der Nazidiktatur eine neue Diktatur folgte, die angeblich die „Diktatur des Proletariats“, in Wirklichkeit eine von Kommunisten etablierte Partei-Diktatur war, die dem Volke mit der Tarnbezeichnung „Arbeiter- und Bauernmacht“ schmackhaft gemacht werden sollte, weil das Wort ‚Diktatur‘ verfemt war.
Zu diesem Zwecke wurde die an Mitgliedern starke Sozialdemokratische Partei Deutschlands unter die Vorherrschaft der nach dem II. Weltkrieg noch übrig gebliebenen Reste der Kommunistischen Partei Deutschlands gestellt. Die aus der Zwangsvereinigung hervorgegangene Partei hieß jetzt „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“, SED.
Jeder SED-Genosse lernte von da an, dass der Hund mit dem Kopf wedelt und mit Schwanz bellt – und damit auch beißt.
Die Jugendorganisation der neuen Staatspartei hieß „Freie Deutsche Jugend“, FDJ, und ihre Kinderorganisation „Junge Pioniere“.
Hajo gehörte zu der Wenigen, die sich hartnäckig sträubten, der FDJ beizutreten.
Deshalb organisierte die FDJ-Hochschulleitung eine Studiengruppenversammlung, zu der alle im Blauhemd der FDJ erschienen waren und vor der sich Hajo wegen seiner politisch negativen Einstellung verantworten musste.
Die Lage war ausgesprochen brenzlig. Hajo hatte aber bereits bei der Vorladung den Braten gerochen und sich rechtzeitig folgende Erklärung zu recht gelegt: Er wäre zwar in seiner politischen Entwicklung noch nicht ganz soweit, Mitglied der FDJ zu werden, wolle aber demnächst als erstem Schritt der „Gesellschaft für Sport und Technik“, GST, einer vormilitärischen Ausbildungsorganisation der DDR, beitreten.
Instinktiv nahm Hajo die Erleichterung seiner ihm wohl gesonnenen Studienkollegen wahr, die jetzt einen Teilerfolg ‚nach oben’ melden konnten, wodurch er einer härteren Maßregelung entging. Es war nämlich üblich, politisch unliebsame Studenten, meist für die Dauer eines Jahres, vom Studium auszuschließen und als Arbeiter in einen Produktionsbetrieb zu schicken, um ihnen erst einmal den einzig politisch richtigen „Klassenstandpunkt des Proletariats“ beizubiegen. So wurde beispielsweise Dr. Heinz S. als Student an der Militärmedizinischen Sektion (MMS) der Universität Greifswald trotz des erheblichen Ärztemangels wenige Wochen vor seinem Staatsexamen vom weiteren Studium ausgeschlossen, (exmatrikuliert), und zur „Bewährung in der Produktion“ verdonnert, weil er es wiederholt abgelehnt hatte, der SED beizutreten. Er sollte nun als Produktionsarbeiter in der Sowjetisch-Deutschen-Aktien-Gesellschaft“ (SDAG) Wismut Aue im Uranbergbau arbeiten. Das war nicht ungefährlich, weil dort unter Tage viel zu lange „trocken gebohrt“ worden war und deshalb viele Arbeiter an der Staublunge (Silikose) erkrankten. Bei anderen entwickelte sich infolge des ständigen Einatmens von radonhaltiger Luft der berüchtigte „Schneeberger Lungenkrebs“, ein Bronchialkrebs. So mancher Bergmann wurde von beiden tödlichen Erkrankungen gleichzeitig heimgesucht. Hajo behandelte später noch solche unheilbaren Patienten, die über Monate hinweg an ständig zunehmender Luftnot litten, bevor sie schließlich zugrunde gingen. Das Schicksal dieser bedauernswerten Menschen erinnerte ihn lebhaft nicht nur verstandesmäßig an sein eigenes Asthma.
Dr. S. gelang es damals, nach mehreren Fehlschlägen, als Landarbeiter in einem pharmazeutischen Betrieb in Blankenfelde bei Berlin Unterschlupf zu finden. (1)
Wie gefährlich die Denkart von FDJ-Bonzen in Berlin war, verdeutlicht die Handlungsweise eines ihrer Genossen (später Bezirksarzt in Berlin), der sich eines Tages vor Hajo so breit wie nur denkbar aufbaute und ihn mit unverhohlener Drohung anfauchte:
„Deine bloße Existenz ist schon eine Provokation gegen unseren Staat!“
Das war doch wohl deutlich genug.
Trotzdem besuchte Hajo die marxistischen’ Vorlesungen gern und mit gehörigem Eifer, weil er die Philosophie von Karl Marx und Friedrich Engels begreifen wollte. Dabei entdeckte er den schwer wiegenden, logischen Widerspruch zwischen den zwei gelehrten Grundsätzen:
a. Die Welt ist unendlich in räumlicher und zeitlicher Ausdehnung! – und
b. Die Welt ist erkennbar.
Eines von beiden geht nur: Wenn die Welt unendlich ist, kann ich das Ende nicht erkennen.
Wenn ich dagegen das Ende der Welt erkennen kann, ist sie nicht unendlich.
Auf einen weiteren unglaublichen Widerspruch stieß Hajo beim Studium der „Kritik des Gothaer Programm“, in der sich Karl Marx einen friedlichen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus unter den damals in Deutschland vorliegenden Umständen nicht vorstellen konnte und deshalb eine Revolution und eine VORÜBERGEHENDE „Diktatur des Proletariats“ für unumgänglich notwendig hielt. Im Gegensatz dazu wäre aber in Staaten mit einer Demokratie, – und dafür führte er namentlich einige an –, ein demokratischer Übergang von einem Gesellschaftssystem in das andere absolut denkbar. (2)
