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Mit acht Jahren noch im Flüchtlingsheim, mit zwanzig schon Millionär und gefeierter Rapstar. Ensar »Eno« Albayrak hat einen steilen Aufstieg hinter sich. Doch der war alles andere als selbstverständlich. Die ersten fünf Jahre lebten er und seine Mutter illegal in Deutschland. In schlechten Tagen ohne Geld und ohne Strom. Immer in der ständigen Angst von den Behörden entdeckt und abgeschoben zu werden. In dieser Zeit lernte er, wie man sich im Leben durchschlägt. Wie man Gelegenheiten erkennt. Und wie man sie ergreift. Ob in der Rapwelt oder auf der Wellritzstraße. Ob mit Casino-Raub, Drogendeals, goldenen Schallplatten oder beim Import-Business mit Multimillionären. Davon erzählt Eno in diesem Buch und hat auch jede Menge Tipps parat. Weil ein Fuchs tun muss, was ein Fuchs eben tut.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Einige Namen und Orte in diesem Buch wurden anonymisiert, um die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten zu wahren.
Originalausgabe
1. Auflage 2021
© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
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Redaktion: Dennis Sand, Daniel Beskos
Umschlaggestaltung: Michael Jackson
Umschlagabbildung: Vladislav Salnikov
Satz: Carsten Klein, Torgau
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-96775-005-8
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1130-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1131-0
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Einleitung: Der Fuchs
Kapitel 1: Das Geheimnis
Kapitel 2: Das Asylheim
Kapitel 3: Der seltsame Herr Schmidt
Kapitel 4: Lebenswelten
Kapitel 5: Der E-Bike-Einbruch
Kapitel 6: Der Casinoraub
Kapitel 7: Der Drogendeal
Kapitel 8: Musik
Kapitel 9: Falschgeld
Kapitel 10: Die Flucht
Kapitel 11: Die Masken
Nachwort von Xatar: Die Regeln des Fuchses
Auf einen Blick: Die Fuchs-Lektionen
Das Leben ist die Summe der Erinnerungen, die wir haben, und wenn ich an mein bisheriges Leben denke, dann denke ich zunächst an Bilder. Es sind schöne Bilder. Schlimme Bilder. Bilder, die ich gerne vergessen würde, und Bilder, die ich niemals vergessen kann. Es sind Bilder von den Wanzen und den Kakerlaken, die im Waschbecken unseres Asylantenheims verschwanden. Es sind Bilder von meiner Familie, die in unserer kleinen Wohnung sitzt, im Halbkreis zusammengekauert vor ein paar angezündeten Kerzen. Unsere einzige Lichtquelle, weil wir die Stromrechnung nicht bezahlen konnten. Bilder von der Wellritzstraße, wo ich mich später mit meinen Jungs, meinen Freunden, traf, um rumzuhängen, um Pläne zu schmieden, um von einem Leben zu träumen, das einmal besser werden würde als das Leben, das wir bislang führten. Es sind Bilder von Überfällen, von Drogendeals, von Verfolgungsjagden, Bilder von der Polizei, aber auch Bilder von den Bühnen, auf denen ich in den vergangenen Jahren stehen konnte, Bilder von Goldenen Schallplatten, von meinen Idolen, denen ich die Hand geben durfte, Bilder von dem Geld, was ich verdiente. Legal und sauber statt schwarz und blutig. Und all diese Bilder, die in meinem Kopf sind, haben miteinander zu tun. Sie alle basieren auf Geschichten, die am Ende nur eine Geschichte erzählen: Die Geschichte von meinem Leben. Die Geschichte von einem Jungen, der gar nichts hatte, als er nach Deutschland kam, nicht einmal eine Existenz. Der sich verstecken musste, weil er keine Aufenthaltserlaubnis hatte, und der sich hochkämpfen musste, um irgendwie zu überleben. Durch all diese Geschichten, die in ihrer Summe zu meiner Geschichte geworden sind, führt ein roter Faden, und dieser rote Faden basiert auf meiner allerersten Kindheitserinnerung, die ich einfach nicht vergessen kann. Die mein gesamtes späteres Denken und Handeln geprägt hat.
Sommer 2000. Ich lehnte mich gegen die Wand, ließ meine kleine Reisetasche vor mir auf den Boden fallen und atmete einmal schwer durch. Dann schaute ich fragend zu meiner Mutter hoch. Sie zuckte nur mit den Schultern und strich mir über den Kopf. »Ist doch nur für den Anfang, mein Schatz.« Na klar, das hatte sie mir schon einmal gesagt. Eigentlich hatte sie mir das schon ziemlich häufig gesagt. Aber so richtig verstand ich das alles noch nicht. Ich schaute mich noch einmal um und streifte dann vorsichtig durch unsere neue Wohnung. Der Boden war mit grauem Teppich ausgelegt. Hier sollten wir also von nun an leben? Die Wohnung war klein. Sie war verdammt klein. Besonders im Vergleich zu dem Haus, das wir in der Türkei hatten. Und das hier sollte das Paradies sein, von dem Mama gesprochen hatte? Ich war noch verdammt jung, aber das kam mir schon damals merkwürdig vor. Dabei war die Wohnung eigentlich gar nicht so klein, wie sie in meiner Erinnerung wirkt. Sie war sogar ziemlich schön. Sie lag am Kochbrunnen, einem beliebten Platz im Herzen von Wiesbaden. Was war es dann, was mich so störte?
»Pass auf, Ensar, nicht stolpern«, rief meine Mutter, und ich stieg über eine Isomatte, die auf dem Boden lag. Vorsichtig ging ich weiter. Neben der Isomatte war ein Schlafsack, in dem jemand drinlag. Ich ging weiter.
»Mama«, sagte ich, »wo sind denn die Möbel?«
Aber meine Mutter hörte gar nicht, sie war damit beschäftigt, die Koffer in das Schlafzimmer zu bringen. Die Möbel. Das war es. Es gab in der neuen Wohnung keine Möbel. Es gab nur einen großen Esstisch im Wohnzimmer. Und eine Couch, die hatte mein Baba an die Wand geschoben, damit es ein bisschen mehr Platz im Raum gab. Und diesen Platz brauchte er für die Schlafsäcke und die Isomatten, die hier herumlagen. Jede Menge Schlafsäcke und jede Menge Isomatten. Denn neben meinen Eltern und mir hatten wir noch ein paar Mitbewohner. Zehn Stück, um genau zu sein. Da waren Veysel, Mustafa, Riza, Habip und noch ein paar andere Cousins von mir, die auch alle ihr Glück in Deutschland suchten und als Erstaufnahmelager Zuflucht bei meinem Vater fanden. Und zwar alle gleichzeitig. Ich setzte mich auf die Couch, lehnte mich zurück und atmete einmal tief durch.
»Hey Eno, mach dich mal nicht so breit«, sagte mein Cousin Veysel, den ich vor genau einer halben Minute kennengelernt hatte. »Ich versuche hier zu schlafen.«
Hallo Deutschland, hallo neues Leben.
Ich war drei Jahre alt, und die Bilder von den Schlafsäcken im Flur und von den Matratzen im winzigen Badezimmer sind so ziemlich die ersten Bilder, an die ich mich erinnere, wenn ich an meine Kindheit denke. Diese Bilder haben sich mir eingebrannt. Als wir aus der Türkei nach Deutschland kamen, hatten mir meine Eltern versprochen, dass wir hier ein besseres Leben führen würden. Und sie haben recht behalten. Aber bevor es besser wurde, musste es erst einmal schlimmer werden. Es musste sogar ziemlich schlimm werden. Das bessere Leben hatte ich dennoch ständig vor Augen. Denn wir lebten in Wiesbaden, der hessischen Landeshauptstadt, eine gute Stunde von Frankfurt am Main entfernt. Wiesbaden ist eine kleine, aber eine sehr, sehr wohlhabende Stadt. Und die Menschen hier hatten kein Problem damit, das auch zu zeigen. Ich war seit meiner frühesten Kindheit also mit Armut und Reichtum konfrontiert. Mit unserer Armut. Und dem Reichtum der anderen. Ich habe sehr früh angefangen zu arbeiten, so wie jeder in unserer Familie gearbeitet hat. Ich habe bei meinen Onkeln im Restaurant ausgeholfen, habe in der Bäckerei Kartons gefaltet und gelernt, Brötchen zu backen. Aber ich verstand sehr früh, dass ich so nie ein besseres Leben führen würde als all die anderen Menschen aus meiner Familie, weil ehrliche Arbeit eben noch immer nur sehr wenig Geld wert ist. Zumindest für Menschen wie uns. Menschen, die von außen kamen. Die nicht dazugehörten. Die nicht seit Generationen in diesem Land verwurzelt waren. Ich begriff sehr früh, dass einem das Leben nichts schenken wird. Dass man sich vom Leben nehmen muss, was man kriegen kann. Und das Einzige, was einem das Leben bietet, das sind Gelegenheiten. Es ist eine Kunst, diese Gelegenheiten zu erkennen und zu ergreifen. Besonders wenn man weiterkommen will. Wenn man es nach oben schaffen will. Oder wenn man auch einfach nur mehr aus dem machen möchte, was das Schicksal einem gegeben hat. Ich habe früh gelernt, aus einem Euro fünf zu machen. Dribbeln nennen wir das auf der Straße. Und wer richtig dribbeln will, der darf nicht bloß den Ball im Blick haben, wer richtig dribbeln will, der muss immer einen Blick auf das ganze Feld behalten. Der muss lernen, wie ein Fuchs zu denken. Eine Fuchs-Mentalität aufbauen. Mit diesem Buch möchte ich versuchen, den Menschen ein klein wenig von dieser Fuchs-Mentalität nahezubringen. Ich möchte, dass sie verstehen, warum die Umstände uns manchmal zwingen, Dinge zu tun, die man eigentlich nicht tun will, weil die Gesellschaft uns ständig vor Augen führt, dass man nur ist, was man hat. Füchse gibt es nicht nur auf der Straße. Füchse gibt es auch in der Geschäftswelt. Im Sport. In der Musikindustrie. Füchse gibt es überall da, wo es Gelegenheiten gibt. Denn ein Fuchs ist ein Mensch, der Gelegenheiten erkennt, bevor andere Menschen sie sehen. Ein Fuchs ist ein Mensch, der Chancen nutzt, während andere noch ihre Konsequenzen abwägen. Ein Fuchs ist ein Mensch, der mehr aus seinem Leben macht, als das Schicksal für ihn vorgesehen hat. Jeder Mensch kann ein Fuchs werden. Wenn er lernt, zu denken wie einer. Und versteht, dass ein Fuchs manchmal tun muss, was ein Fuchs eben tun muss.
Wer ein Geheimnis vor der Welt bewahren will, der muss zunächst einmal lernen, es auch vor sich selbst verborgen zu halten. Das ist gar nicht so einfach, denn die Dinge, die verborgen sind, drängen immer an die Oberfläche, und es ist eine Kunst, sie wirklich im Dunkeln zu belassen. Ich weiß sehr genau, wovon ich rede, denn ich lebte die ersten acht Jahre meines Lebens mit einem Geheimnis. Es war nicht einfach nur irgendein Geheimnis. Es war ein Geheimnis, das mir das Gefühl gab, ich würde die Last der ganzen Welt auf meinen Schultern tragen. Ein Geheimnis, mit dem ich nur sehr schwer umgehen konnte, weil ich wusste, dass es nicht nur meine eigene Zukunft betraf. Es betraf das Leben meiner ganzen Familie. Ich versuchte, es so gut wie möglich zu verdrängen. Bis zwei Männer es beinahe aufdeckten – und damit alles infrage stellten, wofür wir die letzten Jahre gelebt hatten.
Dabei fing der Tag eigentlich ganz harmlos an.
Ich saß mit meinem besten Freund Schnurrbart an der Bushaltestelle und quälte ihn ein wenig. Man merkte, dass die Sache ihn wirklich beschäftigte. »Jetzt sag doch mal, Eno, das kann doch wirklich nicht sein, oder?«
»Bruder, ernsthaft, ich weiß nicht, was du von mir willst!«
»Ich will wissen, wieso du nicht zur Schule gehst.«
»Ich gehe doch zur Schule.«
»Auf die Riederbergschule?«
»Genau, Riederberg.«
»Mann, das kann doch einfach nicht sein. Ich gehe auf die Riederberg. Und ich habe dich dort noch nie gesehen.«
»Dann hast du falsch geguckt.«
»In welcher Klasse bist du denn?«
»In welcher Klasse bist du?«
»3c.«
»Ja, ich bin 3b.«
»Das gibt’s nicht, wie kann es sein, dass wir uns dann nie auf dem Schulhof sehen?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Mann, Schnurrbart, keine Ahnung, vielleicht hast du einfach schlechte Augen oder so, hast du das mal testen lassen? Ich sehe dich dauernd.«
»Ach ja?«
»Na klar, gestern erst. Ich habe dir gewinkt.«
»Wann?«
»Große Pause. Auf dem Schulhof. Ich stand drei Meter von dir entfernt, habe dir gewinkt und du bist eiskalt weitergelaufen. Hat mich irgendwo auch verletzt, sag ich dir ganz ehrlich.«
Schnurrbart ließ seinen Kopf sinken und spielte an seinen Ohrläppchen. Er konnte sich das einfach nicht erklären. Eigentlich tat es mir leid. Es tat mir leid, meinen besten Freund anzulügen. Ich hatte vor Schnurrbart sonst keine Geheimnisse, wir teilten alles miteinander – unsere größten Ängste, unsere schlimmsten Sorgen und natürlich auch die ganzen guten Momente, die wir erlebten. Aber das hier, das konnte ich ihm nicht sagen. Das war mein Geheimnis. Mein großes Geheimnis, von dem niemand auf der Welt etwas wissen durfte.
Ich war nicht auf der Riederbergschule. Ich war auf überhaupt keiner Schule. Nicht weil ich faul war oder keine Lust hatte, im Gegenteil. Es gab kaum etwas, was ich mir mehr wünschte, als so eine verdammte Schule zu besuchen. Aber es ging nicht. Ich konnte nicht. Und den Grund, den durfte kein Mensch außerhalb meiner Familie erfahren, nicht einmal mein allerbester Freund.
»Pass auf, Schnurrbart, morgen in der großen Pause treffen wir uns an der Tischtennisplatte, okay?«
»Ja, okay.«
»Aber wehe, du kommst wieder nicht!«
»Beim letzten Mal warst du doch nicht da.«
»Du redest Quatsch, Schnurrbart.«
Auch wenn es mir irgendwie leidtat, machte mir die Vorstellung, dass Schnurrbart auch morgen wieder vergeblich auf dem Schulhof nach mir suchen würde, ein wenig Freude. Ich nahm noch einen letzten Schluck von meiner Fanta, schmiss die Dose in den kleinen orangen Mülleimer, zog mein Portemonnaie aus der Hosentasche und zählte mein Geld. Ich hatte noch fünf Euro übrig. Ich nahm eine 2-Euro-Münze heraus und streifte mir meinen Rucksack über die Schulter. Ich sah, wie der große grüne Bus, Linie 1, langsam in die Straße einbog.
»Okay, Bruder, ich muss mal los, muss noch ein wenig bei meinem Vater in der Schneiderei helfen.«
Wir gaben uns eine Faust. »Bis morgen in der großen Pause dann.«
»Ja, bis morgen.«
Der Bus hielt direkt vor mir, mit einem zischenden Geräusch öffnete sich die Tür und ich stieg ein. Ich schaute den Fahrer an und überlegte kurz. Sollte ich … oder sollte ich dieses Mal vielleicht doch nicht? Eine Fahrkarte kostete 1,70 Euro. Nicht viel Geld – wenn man genug Geld hatte. Ein halbes Vermögen, wenn man jemand wie ich war. Egal, dachte ich. Drei Haltestellen. Passiert schon nichts. Ich würde es riskieren. Ich nickte dem Fahrer wortlos zu, ohne eine Fahrkarte zu kaufen, ging den schmalen Gang nach ganz hinten, auf den letzten Platz ganz rechts, wo man immer den besten Überblick über den gesamten Bus und sämtliche Fahrgäste hatte, und klopfte noch einmal gegen die Fensterscheibe, um Schnurrbart zuzunicken. Der Bus fuhr los und ich schaute aus dem Fenster. Schaute, wie wir langsam die große Hauptstraße entlangfuhren, die einzelnen Läden der Stadt an mir vorbeizogen. Ich kannte jede Ecke hier, mit jeder kleinen Seitenstraße verband ich eine Geschichte. Wiesbaden war meine Heimat geworden. Ich liebte diese Stadt. Auch wenn ich hier noch immer ein Fremdkörper war. Jemand, der nicht hätte hier sein dürfen. Der genau genommen auch gar nicht da war.
Nächste Haltestelle: Bismarckring. Der Bus bremste ab, die Türen öffneten sich. Ich schaute nervös nach vorne. Bitte, bitte keine Kontrolleure, dachte ich. Drei Leute stiegen aus. Keiner stieg zu. Gut. Ich musterte die restlichen Fahrgäste. Eine ältere deutsche Dame saß ganz vorne rechts in der ersten Reihe, mit Blick auf den Fahrer. Sie klammerte sich an der Haltestange fest und starrte konzentriert nach vorne. Ein paar Reihen weiter hinten saßen zwei Jugendliche. Sie unterhielten sich lautstark über etwas, was ich nicht so genau verstand. Ich glaube, es ging um eine Schlägerei. Irgendwer hatte irgendwem eine Backpfeife gegeben und irgendwer hatte dann irgendwen angerufen und plötzlich standen irgendwo 25 Cousins von irgendwem und alles eskalierte. Die beiden lachten.
Etwas weiter hinten saß noch ein älterer türkischer Mann. Ich konnte ihn von der Seite aus sehen. Er trug ein graues, sehr dickes Baumwollsakko und eine schwarze Hose, die beide schon bessere Zeiten hinter sich hatten. Das Sakko verlieh dem Mann etwas Würde, aber sein Gesicht wirkte traurig und eingefallen. Er klammerte sich an eine Aldi- Tüte, aus der ein paar leere Pfandflaschen herausschauten. Ich sah, wie seine Hand zitterte. Der Mann hatte einen dunklen Schnauzbart, der langsam grau wurde. Und sein Gesicht war übersät mit großen, tiefen Falten. Aber er kann unmöglich älter als 40 Jahre alt sein, dachte ich. Er war definitiv noch um einiges jünger als mein Vater. Und dennoch hatte das Leben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Was er wohl für eine Geschichte hatte? Kam auch er nach Deutschland auf der Suche nach einem besseren Leben? War er vielleicht ein politischer Flüchtling? Hatte er eine Frau? Eine Familie? Oder war er alleine? Bestimmt, dachte ich, bestimmt schleppte auch er ein Geheimnis mit sich herum. So wie das wahrscheinlich alle Menschen taten.
Der Bus bremste ruckartig ab, ich griff nach der Haltestange neben mir. Nächste Haltestelle: Sedanplatz. Die Türen öffneten sich zischend und sechs, nein, sieben weitere Fahrgäste stiegen noch hinzu. Ich scannte sie mit routiniertem Blick. Da sah keiner so aus wie jemand, vor dem ich etwas zu befürchten hatte. Frau, Frau, älterer Mann, drei Jugendliche … nein, alles gut. Ich atmete beruhigt durch. Ich hatte es geschafft. Bei der nächsten Haltestelle würde ich aussteigen, dann könnte eh nichts mehr passieren, ich war safe. Ich spürte, wie die Spannung langsam von mir abfiel. Ich schaute zur Tür, die noch immer offen war. Na komm schon, dachte ich, mach die Tür zu und fahr weiter. Ich schaute über den großen Innenrückspiegel zum Fahrer. Was brauchte der Idiot denn so lange? Ich guckte auf meine Armbanduhr. Kurz vor 15 Uhr. Nervös tippte ich mit meinen Fingern am Fenster herum, dann stiegen doch noch zwei Männer hinzu und der Fahrer schloss die Türen.
»Guten Tag, die Fahrscheine bitte.«
Nein! Alles, nur das nicht. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein. Meine Atmung wurde schneller, mein Puls hämmerte wie verrückt und ich rutschte nervös auf meinem Sitz herum. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Alles, nur das nicht. Okay, bleib cool, Eno, bleib cool, nicht ausrasten. Ich scannte erneut die Umgebung. Die Situation. Gab es irgendeinen Weg hier raus? Natürlich gab es keinen. Ich saß komplett in der Falle. Ich spürte, wie mir der Schweiß kalt den Rücken runterlief. Der Kontrolleur, der für den hinteren Abschnitt des Busses verantwortlich war, kam langsam auf mich zu. Ein stabiler Typ. Groß, ziemlich trainiert. Der Kerl könnte Bodybuilder sein, dachte ich. An dem kam ich nicht vorbei. Absolut keine Chance. Verdammt, Ensar, lass dir was einfallen. Lass dir ganz schnell etwas einfallen. Wenn der Kerl dich gleich kontrolliert, dann ist alles vorbei. Ich meine, wirklich alles. Es ging hier nicht ums Schwarzfahren. Es ging hier nicht um eine 40-Euro-Strafe. Es ging um die gesamte Zukunft meiner Familie. Und es ging um mein Geheimnis, das ich nicht einmal meinem besten Freund erzählen konnte. Ein Geheimnis, das jeden Moment auffliegen konnte. Die Sache war: Wenn die deutschen Behörden mich beim Schwarzfahren erwischten, dann würden sie meinen Ausweis sehen wollen. Aber es gab nicht bloß keine Fahrkarte. Es gab auch keinen Ausweis, den ich hätte vorzeigen können. Meine Mutter und ich waren illegal in Deutschland. Wir hatten keine Aufenthaltsberechtigung. Wir hatten keinen Asylstatus. Wir hätten einfach nicht in diesem Land sein dürfen. Und wenn die Behörden das rauskriegen würden, dann würden sie uns von heute auf morgen abschieben. Darum war ich auch nicht mit Schnurrbart auf der Schule. Darum war ich auf überhaupt keiner Schule. Weil es mich offiziell in diesem Land gar nicht gab.
Der alte Mann, der vor mir saß, zeigte dem Kontrolleur seine Fahrkarte. Er nickte. Dann kam er zu mir. Es waren vielleicht noch 700 Meter bis zur nächsten Haltestelle. Ich musste irgendwie Zeit schinden, musste irgendwie aus dieser Situation herauskommen.
»Die Fahrkarte bitte!«, sagte der Kerl im klaren Befehlston. Ich nahm die Kopfhörer von den Ohren.
»Entschuldigung?«
»Deine Fahrkarte!«
Der Ton wurde noch ein gutes Stück rauer.
»Oh ja, Entschuldigung, einen Moment.«
Ich schaute aus dem Fenster. Wir waren gleich da. Nur noch ein paar Hundert Meter. Ich nahm meinen Rucksack auf meinen Schoß und öffnete ihn. Langsam. Ganz langsam. Hauptsache, ich konnte irgendwie noch ein wenig Zeit schinden. Der Bus kam zum Stehen. Ich schaute raus. Eine rote Ampel. Verdammt!
»Na los, wird das heute noch was?«
»Ja, warten Sie, ich habe es gleich.«
Ich kramte ein wenig in meinem Rucksack herum. Tat so, als würde ich nach etwas suchen. Der Bus fuhr weiter. »Irgendwo muss ich sie haben, ganz sicher«, sagte ich zu dem Kontrolleur.
Nächste Haltestelle: Dürerplatz.
Der Bus hielt an, ich atmete durch. »Ah, so ein Mist«, sagte ich erleichtert. »Das ist meine Haltestelle, hier muss ich leider raus.«
Der Kontrolleur grinste mich an. »Kein Problem«, sagte er und kaute ein wenig obszön auf seinem Kaugummi herum. »Dann steigen wir hier gemeinsam aus. Und du hast genug Zeit, deine Fahrkarte zu finden.«
Verdammt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.
»Dieter?«, brüllte er seinem Kollegen zu und gab ihm ein Zeichen, dass wir hier gemeinsam aussteigen würden.
Ich zog mir meinen Rucksack über und verließ gemeinsam mit dem Bodybuilder den Bus. Okay, wenn ich einmal draußen war, könnte ich es vielleicht schaffen, aus der Lage herauszukommen. Ich versuchte, mich zu orientieren. Ich kannte die Stadt, ich kannte die Gegend, ich kannte die kleinen Seitengassen. Der Typ war breit, aber das bedeutete nicht, dass er auch schnell war. Und Dieter, sein Kollege, der konnte gar nichts, das sah man ihm an. Ich würde ihn locker abhängen können. Ich hatte eine Chance. Ich hatte eine reale Chance.
»Also, Junge?«
Okay Eno, zieh es jetzt durch, hab keine Angst. Lass alles hinter dir. Renn um dein Leben.
»Ja, warten Sie …«, sagte ich und bereitete mich innerlich vor, »… ich glaube, ich habe sie.« Okay, okay, jetzt! Ich ließ meinen Rucksack fallen und rannte los. Ich rannte einfach los, legte einen absoluten Kickstart hin. Nur – ich kam nicht weit. Der Bodybuilder hatte scheinbar gute Reflexe. Oder einfach eine noch bessere Menschenkenntnis. Er schien meinen Plan schon durchschaut zu haben, bevor ich ihn umsetzen konnte. Er hielt mich an meiner Kapuze fest.
»Netter Versuch, Kleiner. Aber du legst dich hier mit den Falschen an.«
Ich atmete durch. Jetzt war alles vorbei, dachte ich nur noch. Jetzt flog alles auf. »Dein Ausweis, Junge.«
»Ich …«
»Dein Ausweis oder wir gehen jetzt gemeinsam zur Polizei!«
»Nein! Nein, Moment, bitte!« Alles, nur nicht die Polizei. Ich wusste, dass ich selber nicht mehr aus der Nummer rauskam. Ich brauchte Hilfe. Und der Einzige, der klug genug war, mir jetzt noch zu helfen, war mein Vater.
»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich habe keine Busfahrkarte. Ich hatte einfach Angst. Aber bitte rufen Sie nicht die Polizei. Mein Vater hat eine Schneiderei, gleich hier um die Ecke. Da ist auch mein Ausweis …« Ich schaute die beiden bittend an.
»Also gut«, sagte der Bodybuilder, der wohl den Ton angab. »Dann mal Abmarsch.«
*
Als wir die Schneiderei betraten, wusste Baba sofort, dass es Ärger gab. Er hatte einen Blick für solche Dinge. Na ja. Zwei erwachsene Männer eskortieren seinen Sohn in sein Geschäft, was sollte das auch sonst bedeuten, wenn nicht Ärger?
»Hallo …«, begrüßte er sie zögerlich und scannte mit schnellem Blick ab, ob ich in Ordnung war. »Was kann ich helfen?«, fragte er in seinem gebrochenem Deutsch.
»Das ist Ihr Sohn?«
»Ja. Ensar, geht es gut?«
Ich nickte. Aber nein, mir ging es nicht gut. Mir ging es ganz und gar nicht gut. Ich war wahrscheinlich kreidebleich. Ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend. Ich zitterte sogar. Es war wie ein böser Traum. Wie einer dieser Träume, in denen man irgendwo runterfällt und weiß, dass man den Aufprall nicht überleben wird. Aber statt auf dem Boden aufzuschlagen, wachte man irgendwann auf. Ich aber wachte nicht auf. Das hier war echt. Und der Aufschlag stand kurz bevor.
Der Bodybuilder zog seinen Ausweis aus der Tasche und hielt ihn meinem Vater vors Gesicht. »Wir haben Ihren Sohn beim Schwarzfahren erwischt …«, begann er.
Baba ließ sich nichts anmerken, aber ich wusste ganz genau, wie es gerade in ihm aussah. Er begriff sofort, in welcher Situation wir uns hier befanden.
»Ist das wahr, Ensar?«, fragte er streng, versuchte aber gleichzeitig, vor den beiden Typen seine Coolness zu bewahren.
Ich nickte.
»Das ist nix gut!«, sagte mein Vater zu den beiden Männern. »Ich möchte sagen Entschuldigung! Meine Sohn normalerweise nix so. Ich nix wissen, warum so gemacht diese Mal. Wenn geben eine Strafe, ich bezahlen natürlich.«
»Jeder macht mal einen Fehler«, sagte der Kontrolleur in einem ganz ekelhaften Ton und massakrierte den Kaugummi in seinem Mund. »Aber unabhängig von den Kosten müssen wir ihn natürlich auch in unser Register eintragen und dafür bräuchten wir bitte einmal seinen Ausweis.«
»Seine Ausweis?«
»Er sagte, er hätte ihn nicht dabei, aber er wäre hier in Ihrer Schneiderei.«
Mein Vater schaute mich mit einem Blick an, den ich niemals vergessen werde. Spätestens jetzt begriff er endgültig, worum es hier ging.
Das hier, das war nicht bloß eine Katastrophe. Das hier war unser Untergang. Nicht nur meiner, sondern der meiner ganzen Familie. Es würde jetzt alles rauskommen. Unser Geheimnis, mit dem ich seit fünf Jahren lebte. Unser Geheimnis, das schwer auf meinen Schultern lastete, das mein ganzes Leben hier beeinflusste, das Auswirkungen auf jeden einzelnen meiner Schritte hatte.
Ich schaute meinen Vater Hilfe suchend an. Ich merkte, wie es in seinem Kopf arbeitete. Wie er nach einer Lösung suchte. Jahrelang ging alles gut. Jahrelang blieben Mama und ich unsichtbar. Jetzt hatte ich einen Fehler gemacht. Und damit stellte ich alles infrage, was wir uns aufgebaut hatten.
FUCHS-LEKTION: Manchmal darfst du der Welt nicht dein wahres Gesicht zeigen, weil du die Menschen, die dir am nächsten stehen, schützen musst. Doch wer immer du auch zu sein vorgibst, vergiss nie, wer du wirklich bist. Und bleib immer deinen eigenen Werten treu. Sie sind alles, was dich ausmacht.
In den 1960er-Jahren war mein Opa als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen, zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, also in der Zeit, in der es Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals wieder gut ging. So gut, dass das Land nicht genügend Arbeitskräfte hatte, dass die Wirtschaft den Aufschwung nicht alleine hinbekommen konnte. Also schloss die Bundesrepublik ein Abkommen mit der Türkei und aus der Türkei kamen Arbeitskräfte. Meistens waren das Menschen, die in ihrem Heimatland keine große Perspektive hatten. Menschen ohne große Bildung, ohne große Hoffnungen auf sozialen Aufstieg. So wie mein Opa. Mein Opa war ein einfacher Mann. Ein Arbeiter. Für ihn war das Angebot, für ein paar Jahre in Deutschland zu arbeiten, lukrativ, damit konnte er seiner Familie in der Türkei ein gutes Leben ermöglichen. Denn seine Familie hatte nichts. Wirklich gar nichts. Wir kamen aus einem armen Dorf, in dem es nicht viel gab. Hauptsächlich Landwirtschaft, jeder hier kam gerade so über die Runden. Unser Dorf war winzig. Es war so winzig, dass ich nicht einmal in einem Krankenhaus auf die Welt gekommen bin, weil das nächste richtige Krankenhaus viele Hundert Kilometer entfernt gewesen wäre.
Opa reiste nach Deutschland und arbeitete dort auf dem Bau. Drei Jahre lang. Dann hielt er es nicht mehr aus. Er konnte dem Land nicht viel abgewinnen, und als er sich eine kleine Summe angespart hatte, reiste er wieder zurück in die Türkei. Mit einer guten Summe Bargeld und jeder Menge Geschichten über Deutschland. Das Land der tausend Möglichkeiten. Das Land der hunderttausend Laster. Mein Opa war ein sehr gläubiger Mann, und das, was er im Westen so sah, entsprach absolut nicht seinen Vorstellungen von einem züchtigen Leben. Dennoch inspirierten seine Erzählungen meinen Vater und seinen Bruder. Die vielen Möglichkeiten. Die vielen Chancen, die es gab. Die beiden waren Schneider und nahmen sich vor, es ebenfalls in Deutschland zu versuchen. Ich war noch viel zu jung, um das alles wahrzunehmen, aber später erzählte Mama mir einmal, dass es lange Diskussionen gegeben hat, ob Baba diesen Schritt wirklich gehen sollte. Sie war dagegen, dass er von ihr fortging, aber er sagte, dass er mir und meinen Geschwistern einmal ein besseres Leben ermöglichen wollte als das, was vor uns lag. Die Perspektiven, die meine Geschwister und ich hatten, waren wirklich nicht die Besten. Das Beste, was aus mir hätte werden können, war Handwerker oder Schneider. Entweder ich ging also den Weg, den mein Opa gegangen war. Oder den meines Vaters. Andere Optionen gab es nicht.
»Aus unseren Kindern soll eines Tages mal mehr werden«, sagte Baba, und er wusste, dass er meine Mutter damit überzeugen konnte. Denn meine Mutter war selber eine Frau, die immer hinter ihren Möglichkeiten blieb. Ihr größter Traum war es immer gewesen zu studieren. Die große weite Welt zu sehen. Ärztin zu werden. Aber da es auch in ihrer Familie vorne und hinten an Geld fehlte, war sie gezwungen, schon mit zwölf Jahren zu arbeiten. Eine Ausbildung konnte sich ihre Familie einfach nicht leisten. Nicht mal eine ordentliche Schulbildung konnten sie ihr ermöglichen.
Meine Mutter stimmte also zu und so zogen mein Vater und sein Bruder nach Deutschland.
Was ich immer am meisten an meinem Vater bewundert habe, ist seine Mentalität. Seine Fuchs-Mentalität. Und sein unbändiger Wille, etwas zu schaffen. Etwas zu erreichen. Er war fleißig. Ein Arbeitstier. Mein Vater machte einen Umweg über Holland und landete schließlich in Deutschland. In Wiesbaden. Dort bekam er einen Job bei Peek & Cloppenburg. Er machte sich gut, seine Kollegen wussten ihn zu schätzen, und seine Vorgesetzten liebten ihn, denn Baba war morgens immer der Erste, der kam, und spätabends der Letzte, der ging. Er arbeitete wie ein Besessener. Weil er ein Ziel hatte. Einen Traum. Eine Vision. Er wollte sich selbstständig machen. Einen eigenen Laden eröffnen. Also legte er jeden Cent zur Seite, den er bekommen konnte. Und er machte sich Gedanken über unser aller Zukunft. Er hatte nur ein Arbeitsvisum, das hieß, er musste nach einer gewissen Zeit wieder in die Türkei zurück. Aber mein Vater begriff, dass die Zukunft für meine ältere Schwester und meinen älteren Bruder und die Zukunft für mich in Deutschland lag. Hier würde ich Bildung bekommen. Hier würde ich eine Universität besuchen können. Hier würde ich den Grundstein für eine bessere Zukunft legen können. Baba wollte sich etwas aufbauen. Er dachte groß. Und er dachte klug. Er lernte über Kollegen eine Frau in Deutschland kennen, die bereit war, ihn zu heiraten. Für Geld. Mein Vater kannte diese Frau nicht, aber eine Hochzeit würde ihm eine Aufenthaltsgenehmigung einbringen. Mein großer Bruder und meine große Schwester könnten in Deutschland eine Ausbildung beginnen und auf diesem Wege eine Staatsbürgerschaft bekommen. Nur für meine Mutter und mich hatte Baba noch keine Lösung gefunden. Aber er war sich sicher, dass er auch das hinkriegen könnte. Es würde ihm schon was einfallen. Irgendwas. Irgendwann.
Sein Plan ging schließlich auf. Baba heiratete die Frau, bekam eine Aufenthaltsgenehmigung, eröffnete einen Schneiderei, die sehr erfolgreich lief, eröffnete schließlich eine zweite Schneiderei, die noch erfolgreicher lief, organisierte für meine Geschwister eine Ausbildung, und schließlich, im Sommer 2000, da kamen auch Mama und ich nach Wiesbaden. Wir hatten alles. Nur keine Aufenthaltsgenehmigung. Als ich ein bisschen älter war, nahmen meine Eltern mich zur Seite und erklärten mir, dass ich für einige Zeit ein anderes Leben würde führen müssen als die Freunde, die ich nach und nach kennenlernte. Mama und ich würden ein Geistleben führen, erklärten sie mir. Niemand dürfe wissen, wer ich wirklich sei. Das, sagte Baba, sei ein Geheimnis, das nur unsere Familie erfahren dürfte. Und dann versprach ich meinen Eltern, niemals jemandem etwas davon zu erzählen. So lange nicht, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden hätten.
Und jetzt stellte ich all das, was wir uns aufgebaut hatten, infrage. Weil ich die wichtigste Regel gebrochen hatte. Weil ich auffällig wurde. Sichtbar.
Dabei hatte doch alles so gut funktioniert. Ich hatte in den letzten Jahren wirklich gelernt, wie ein Geist zu leben. Unsichtbar zu sein. Und das war gar nicht so einfach in einem Land wie Deutschland. Denn für alles, was man hier machte, musste man irgendwo registriert sein. Man brauchte eine Identität. Und die hatte ich nicht. Ich konnte also nicht das leben, was alle anderen Menschen hier ganz selbstverständlich lebten. Ich konnte zum Beispiel auch nicht zur Schule gehen. Ich habe das gehasst. Auch wenn meine Freunde regelmäßig über die Hausaufgaben schimpften und von dem frühen Aufstehen und den Klassenarbeiten genervt waren, beneidete ich sie. Ich beneidete sie jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster schaute und sah, wie sie mit ihren Ranzen gemeinsam in den Bus stiegen. Ich sog jede Geschichte auf, die Schnurrbart mir erzählte. Ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich wollte alles wissen. Wie die Lehrer waren. Wie die anderen Schüler waren. Was man in den Pausen so machte. Wie es war, wenn man auf Klassenfahrt ging. Ob die Aufgaben, die man bekam, einfach oder schwer waren. Wie es wohl war, lesen zu können. Schreiben zu können. Selbstverständlichkeiten für die anderen. Für mich waren das aber Geschichten aus einer fremden Welt. Geschichten aus einer Welt, zu der ich keinen Zugang hatte. Ja, ich war acht Jahre alt und konnte weder lesen noch schreiben. Aber es war nicht nur die Schule. Es waren einfach alle Dinge, die für andere Menschen völlig normal und selbstverständlich waren und für uns zu einer riesigen Herausforderung wurden. Zum Beispiel ein Arztbesuch. Wer einen Arzt besuchen will, der braucht eine Versicherungskarte. Wer eine Versicherungskarte will, der braucht eine Krankenkasse. Und wenn man Mitglied einer Krankenkasse werden will, dann muss man eine Identität haben. Aber die hatten wir nicht. Wir waren Geister.
Doch für jedes Problem gibt es auch immer eine Lösung. Wir fanden Strategien, um damit klarzukommen. So liehen wir uns für einen Arztbesuch die Versicherungskarten von unseren Verwandten aus. Zunächst war das noch ganz einfach, weil auf den kleinen Kärtchen keine Bilder waren. Aber irgendwann begriffen die Versicherungen wohl, dass auf diese Weise ein riesiger Millionenschaden für sie entstand, weil wir nicht die einzige Familie waren, die so etwas machte. Also wurden verpflichtend Bilder auf Versicherungskarten gedruckt. Wir konnten uns von diesem Tag an also nur noch Karten von Verwandten leihen, die so ähnlich aussahen wie wir selbst. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel.
FUCHS-LEKTION: Wer ein Problem lösen will, der muss lernen, systematisch zu denken. Was willst du erreichen? Was brauchst du dafür? Wo bekommst du die Dinge, die du brauchst? Plane Schritt für Schritt. Je komplexer dein Problem ist, desto mehr Schritte werden benötigt. Aber am Ende wird man immer eine Lösung finden, solange man nur systematisch danach sucht.
»Ich gar nicht wissen, ob Ausweis hier ist«, versuchte es mein Baba mit derselben Strategie, mit der ich schon im Bus gescheitert war.
»Vielleicht auch in Wohnung, Ensar, bist du dir sicher, dass du Ausweis hier in Schneiderei hast?«
»Nein, nicht sicher, Baba. Vielleicht ist er auch in der Wohnung …«, spielte ich mit.
»Also«, sagte mein Vater und nahm die beiden Männer mit in das hintere Lager. »Da müssten wir jetzt anfangen zu suchen. Schauen: Ensar ist acht, ich kann mich gar nix erinnern, wann ich das letzte Mal habe seinen Ausweis zeigen musste, und …«
»Eine Versicherungskarte würde uns auch reichen«, blieben die Kontrolleure standhaft. Mein Vater schaute sie an. Sie schauten ihn an. Und in dem Moment begriff ich, dass auch die beiden längst wussten, dass es gar keinen Ausweis gab. Dass es keine Versicherungskarte gab. Dass es nichts von alldem gab. Sie hatten ganz genau verstanden, was abging. Mein Herz verkrampfte sich. Was würde jetzt passieren? Würden sie mich mitnehmen? Müsste ich jetzt zurück in die Türkei?
Baba und der Bodybuilder standen sich gegenüber und schauten sich einige Sekunden in die Augen. Es war, als würden sie sich irgendwie gerade ohne Worte miteinander verständigen. Als würden sie gegenseitig ihre Gedanken lesen. Ich hatte überhaupt keine Idee, wie das ausgehen würde. Ich faltete die Hände und begann zu beten. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Es war alles, was mir einfiel. Ich hoffte darauf, dass Baba es irgendwie hinbekommen würde. Wenn einer es schaffen würde, uns aus dieser Situation rauszuholen, dann er.
