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Unschuldig zum Tode verurteilt: Debra Milkes erschütternde Geschichte Im Dezember 1989 verschwindet Debra Milkes vierjähriger Sohn Christopher spurlos. Bald folgt die schreckliche Nachricht: Christophers Leiche wurde in der Wüste von Arizona gefunden. Für die deutschstämmige Debra beginnt ein Albtraum, der ihr Leben zerstören wird: Obwohl es keine Beweise gegen sie gibt, wird sie von einem US-Gericht für den Mord an ihrem Sohn zum Tode verurteilt. Der Ermittlungsleiter hatte behauptet, sie habe die Tat gestanden. In Ein geraubtes Leben erzählt Jana Bommersbach die erschütternde wahre Geschichte von Debra Milke, die 23 Jahre lang unschuldig in der Todeszelle saß. Jahrelang kämpfte sie um ihre Freiheit, bis das Fehlurteil endlich aufgehoben wurde. Ein Bericht über Justizirrtum, Hoffnung und Durchhaltevermögen, der tief bewegt und aufrüttelt.
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Seitenzahl: 526
Veröffentlichungsjahr: 2016
Jana Bommersbach
23 Jahre unschuldig in der Todeszelle. Der Fall Debra Milke
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker, Jochen Schwarzer und Thomas Wollermann
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Ein amerikanischer Alptraum: Debra Milke wurde zum Tode verurteilt und saß 23 Jahre lang unschuldig im Gefängnis. Der Vorwurf: Sie soll den Mord an ihrem Sohn in Auftrag gegeben haben. Nach dem Freispruch im Frühjahr 2015 lässt sie nun ihre Geschichte von Jana Bommersbach erzählen:
Am 2. Dezember 1989 verschwindet Debra Milkes vierjähriger Sohn Christopher spurlos. Er war mit einem Bekannten auf dem Weg in ein Einkaufscenter, um Santa Claus zu sehen. Bald folgt die schreckliche Nachricht: Christophers Leiche wurde in der Wüste von Arizona gefunden. Für die deutschstämmige Debra Milke beginnt ein Alptraum, der ihr Leben zerstören wird: Obwohl es keine Beweise gegen sie gibt, wird sie von einem US-Gericht für den Mord an ihrem Sohn zum Tode verurteilt. Der Ermittlungsleiter hatte behauptet, sie habe die Tat gestanden. Jahrelang kämpft Debra Milke von der Todeszelle aus um ihre Freiheit, bis das Fehlurteil endlich aufgehoben wird.
Widmung
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Nachwort
Bildteil
Ich widme dieses Buch, in Liebe und Hochachtung, Debra Milke und dem Andenken an ihren Sohn Christopher und ihre Mutter Renate Janka
von Debra Milke
Der eine Alptraum, das ist der Tod meines Sohnes Christophers, er wird immer Teil meines Lebens bleiben. Der andere Alptraum sind meine dreiundzwanzig Jahre in der Todeszelle, der Staat Arizona raubte mir diese Zeit. Ein Justizhorror. Dennoch: Ich bin in dieser Zeit stärker geworden, sie hat mich positiv verändert. Ich war mir immer selbst treu. Ich habe Stärken erfahren, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie besitze. Eine Stärke ist sicher, dass ich keine Rachsucht empfinde für diejenigen, die für den Tod meines Sohnes verantwortlich sind. Sie sollen einfach im Gefängnis bleiben. Das reicht mir. Diese Männer hinzurichten ändert nichts. Das bringt mir meinen Sohn nicht zurück.
Nachdem ich meine elektronische Fußfessel los war, kehrte ich in meine Geburtsstadt Berlin zurück. Die ersten vier oder fünf Tage habe ich nur geweint. Es war sehr bewegend für mich, schön und traurig zugleich. Das letzte Mal war ich mit neunzehn in Berlin gewesen, da stand die Mauer noch. Nun konnte ich durch das Brandenburger Tor gehen, und auf einmal war ich auf der anderen Seite der Mauer – genauso wie ich mich jetzt auf der anderen Seite des Gefängniszauns befinde.
Im Laufe der Jahre haben mir viele Leute gesagt, dass über meine Geschichte ein Buch geschrieben werden sollte. Ich sah das auch so und wusste schon genau, wen ich mir als Autorin dafür wünschte: Jana Bommersbach.
Über Jahre hatte ich auf einem lokalen Nachrichtensender ihre Berichte verfolgt. Sie schien eine sehr ungewöhnliche Reporterin zu sein: Ihre Beiträge waren von Mitgefühl und Fairness geprägt, und sie ging völlig unvoreingenommen an ihre Themen heran. Das bewunderte ich an ihr. Auch ihre Artikel in diversen Publikationen und ihre Bücher haben mich beeindruckt.
Nun bin ich sehr froh, dass sie dieser tragischen Geschichte in diesem Buch auf fesselnde Weise gerecht geworden ist, und ich danke ihr dafür.
Debra Milke
»Sie probten meine Hinrichtung«
Debra Jean Milke schaute gerade einen Reisebericht auf ihrem kleinen Fernseher, als sie kamen, um ihre Hinrichtung zu proben.
Es war der 19. Dezember 1997.
Sie war dreiunddreißig Jahre alt, eins siebzig groß, schlank. Sie hatte langes braunes Haar, das sie gern in Locken legte, und große braune Augen. Wenn sie lächelte, erstrahlte ihr ganzes Gesicht.
An diesem Tag aber gab es nichts zu lachen.
Es war bis dahin ein ganz normaler Freitag gewesen – in einem Leben, in dem Normalität bedeutete: Todestrakt im Gefängnis Perryville am Rande von Phoenix, Arizona – ihrem Aufenthaltsort, seit sie sechsundzwanzig war.
»Gleiche Scheiße, anderer Tag«, wie sie zu sagen pflegte.
Reiseberichte im Fernsehen waren ihre einzige Fluchtmöglichkeit aus diesem Sarg von einem Zimmer – drei mal drei Meter, mit Metallbett, Waschbecken und Klo. Aus dieser Zelle mit ihrem winzigen Fenster, das vergittert war, obwohl sich niemand hätte hindurchzwängen können. Aus diesem Ort, wo alles grau oder braun gestrichen war. Aus diesem Zellentrakt, in dem es nie richtig dunkel wurde und vor allem nie wirklich still. Aus diesem »Zuhause«, in dem Debra Milke tagaus, tagein allein war und sich an Reiseberichte im Fernsehen hielt, als einzige Möglichkeit, all dem zu entfliehen.
Diese Sendungen halfen ihr, sich an die Farben der Realität draußen zu erinnern und davon zu träumen, wie die Luft der Freiheit schmeckte. Sie schwor sich, einige dieser Orte irgendwann einmal selbst zu besuchen – eines Tages, wenn sie wieder frei sein und all das hier der Vergangenheit angehören würde –, und diese Liste umfasste die ganze Welt. Am liebsten wollte sie aber nach Australien reisen.
Wie viele Reiseberichte hatte sie in den sieben Jahren gesehen, die sie nun im Gefängnis saß? Zweihundert? Dreihundert?
Diese Sendungen gehörten zu der Routine, die sie sich auferlegt hatte. »Sonst hätte ich nicht funktionieren können. Ich musste eine Routine haben. Ich habe bald gemerkt, dass die Leute hier geistig verwahrlosen, und ich wollte verhindern, dass es bei mir dazu kommt. Ich wollte nicht zulassen, dass sich mein Hirn in Mus verwandelte.«
Und so stand sie jeden Morgen gegen vier Uhr auf – »Das war die ruhigste Zeit des Tages, denn alle anderen schliefen länger«. Sie machte sich in ihrer Zelle einen Kaffee und schrieb dann eine Stunde lang: Briefe, Erinnerungen, Notizen darüber, was sie ihrem Anwalt sagen wollte. Um fünf kam das Frühstück auf einem Plastiktablett: »Gummiartige Pfannkuchen oder pappige Frühstücksflocken, die wie Kleister aussahen.« Dreimal pro Woche durfte sie duschen und erhielt dazu ein dünnes Handtuch. Ebenfalls dreimal pro Woche brachte man sie allein in einen Gitterverschlag auf einem Hof, damit sie ein wenig Bewegung bekam.
Ab elf schaute sie Schatten der Leidenschaft, die beliebteste Seifenoper im amerikanischen Fernsehen, die sich um zwei mächtige Familienclans in der fiktiven Stadt Genoa City in Wisconsin dreht. »Das war auch meine Welt: Fünf Tage die Woche war ich in Genoa City.« Das Mittagessen ab zwölf bestand aus einem Sandwich – Wurst oder Schinken-Käse. Anschließend hielt sie Mittagsschlaf, las etwas oder lernte.
»Ich wusste ja nichts über das Justizsystem. Deshalb musste ich das erst mal verstehen. Ich habe mich sofort für einen Fernlehrgang in Jura angemeldet.«
An diesem Freitag starrte sie wie gebannt auf die Bilder, die aus ihrem 13-Zoll-Farbfernseher drangen und durch die sie sich weit wegträumen konnte. Sie klebte förmlich an der Mattscheibe, denn es war ein Dezembertag, und der Dezember war immer ein schlimmer Monat.
Für die meisten Menschen ist der Dezember ein schöner Monat, erfüllt von den Bräuchen der Advents- und Weihnachtszeit. Selbst im Gefängnis ist das so, da die Häftlinge alles zu schätzen wissen, was den Alltagstrott durchbricht. In den Einzelzellen rings umher, in denen die »disziplinarischen Problemfälle« der Strafanstalt untergebracht waren, und in den Schlafsälen überall in diesem riesigen Gebäudekomplex freuten sich die Häftlinge, dass sie nur noch sieben Tage von dem Tollsten entfernt waren, was ihnen diese Anstalt das ganze Jahr angedeihen ließ.
Das bevorstehende Weihnachtsessen verhieß gebratenen Truthahn samt Füllung – in einem Jahr hatte es sogar mal Cranberrysoße dazu gegeben –, danach vielleicht ein wenig frisches Obst und auf jeden Fall Kuchen.
Manche Gefangene bastelten Geschenke füreinander: auf Pappe gemalte Bilder, handkolorierte Karten, selbst verfasste Gedichte oder Lesezeichen, in Schönschrift mit Worten der Hoffnung versehen.
Für Debra Milke aber war die Weihnachtszeit nicht mit Freuden und Geschenken verbunden. Dezember bedeutete für sie: Trauer und Qual.
Es geschah an einem Dezembertag im Jahr 1984, dass dieses selbsternannte »brave Mädchen« den »bösen Jungen« heiratete, den ihre Eltern verachteten – einen Mann, den sie als Vater ihres einzigen Kindes liebte, der sie aber auch beschämte, beschimpfte, bedrohte und vor dem sie schließlich solche Angst bekam, dass sie ihm davonlief.
Es geschah an einem Dezembertag im Jahr 1989, dass ihr vierjähriger Sohn ermordet wurde – der kleine Junge mit seinem bezaubernden Lächeln, der »Nabel ihrer Welt«.
Es geschah an einem Dezembertag, dass das Phoenix Police Department behauptete, sie habe ihren Sohn ermorden lassen – woraufhin sie hier gelandet war, als einzige Frau, die in Arizona im Todestrakt saß.
Es geschah an einem Dezembertag im Jahr 1993, dass ihr erster Versuch, in Berufung zu gehen und das Todesurteil anzufechten, scheiterte.
Diese ganzen verdammten Weihnachtswerbespots – mit all den glücklichen Kindern, den liebevollen Eltern und der Verheißung, dass sämtliche Wünsche wahr werden – gingen ihr an die Nieren.
Im Dezember war sie jedes Mal so deprimiert, dass sie sogar auf den Hofgang verzichtete. Manchmal verließ sie ihre Zelle nur für die kurze Dusche, die ihr jeden zweiten Tag gestattet war.
Die Drogen, die anderen über schwere Zeiten hinweghalfen, waren nichts für sie. Sie hatte draußen nie Drogen genommen und war nicht im Geringsten versucht, im Gefängnis damit anzufangen – obwohl Drogen leicht erhältlich waren. Sie lehnte sogar die Medikamente ab, die sie verschrieben bekam und die ihre Stimmung hätten aufhellen und ihren Kummer hätten dämpfen können. Sie hatte sie in der U-Haft genommen, während sie auf ihren Prozess wartete, und sie hatten sie so benommen gemacht, dass sie kaum mehr klar denken konnte.
Wie Debra später sagte: »Das einzige Laster, das ich mir im Gefängnis zugelegt habe, ist das Kaffeetrinken.«
Doch selbst solche Humorversuche standen ihr im Dezember eher nicht zu Gebote. Ihrer Mutter schrieb sie: »Ich hasse diesen Monat und diese ganze Jahreszeit.«
In den meisten Monaten fiel es ihr schwer, im Dezember war es gar unmöglich, mit dem Gedanken zurechtzukommen, dass sie hinter Gittern gelandet war. Sie war immer beliebt und hübsch gewesen. Auf der Highschool hatte sie so gute Noten nach Hause gebracht, dass sie in die National Honor Society aufgenommen wurde. Ihre Eltern waren meist sehr zufrieden mit ihr. »Ich habe immer alles unternommen, um keinen Ärger zu bekommen. Ich habe immer die Anerkennung meiner Eltern gesucht.«
Sie war eine vierundzwanzigjährige alleinerziehende Mutter mit einem temperamentvollen kleinen Sohn gewesen. Sie trank gern mal ein Bier, aber keine stärkeren alkoholischen Getränke. Seit sie als Teenager ihren ersten Job angetreten hatte, hatte sie bewiesen, dass sie eine fleißige Arbeiterin war, und nun hatte sie gerade beruflich einen neuen Weg eingeschlagen, was ihr wie »ein wahr gewordener Traum« vorkam. Gemeinsam mit ihrem Sohn stand sie an der Schwelle zu einem »neuen Leben«. Sie bereitete sich auf Weihnachten vor und hatte schon einige schöne Geschenke für ihren Sohn besorgt.
All das aber endete am 2. Dezember 1989. Es war ein Samstag. Es war der Tag, an dem der kleine Christopher mit einem Freund, dem sie vertraute, losfuhr, um den Weihnachtsmann zu treffen, und nicht mehr wiederkehrte.
Der Staat Arizona behauptete, sie habe den kleinen Christopher in den Tod geschickt. Es hieß, sie habe zwei Männer angestiftet, den Jungen für sie zu ermorden. Zunächst behauptete man, sie habe eine Lebensversicherung über 5000 Dollar auf den Jungen »abgeschlossen« – was heute knapp 10000 Dollar entsprechen würde – und habe diese Summe kassieren wollen. Dann behauptete man, sie habe sich für einen neuen Freund, der keine Kinder wollte, frei machen wollen. Schließlich behauptete man, sie habe verhindern wollen, dass Christopher zu einem Säufer und Junkie heranwachsen würde, wie sein Vater einer war.
Man behauptete, man wisse all dies, weil Debra Milke es »gestanden« habe – einem Ermittler, der seit zwanzig Jahren im Dienst der Polizei von Phoenix stand. Detective Armando Saldate hatte es allerdings nicht für nötig befunden, die fünfundzwanzigminütige Vernehmung unter vier Augen auf Tonband festzuhalten. Oder einen Zeugen hinzuzuziehen. Oder Debra eine schriftliche Aussage unterschreiben zu lassen. Es gab weiter nichts als seine Behauptung, sie habe ihm ihr Herz ausgeschüttet und gestanden, die Ermordung ihres Sohnes in Auftrag gegeben zu haben.
Als sich keine Sachbeweise finden ließen, die sie mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht hätten, behauptete man: »Sie hat aber ein Geständnis abgelegt.« Als die Männer, die Christopher ermordet hatten, sich weigerten, gegen sie auszusagen, behauptete man: »Sie hat aber ein Geständnis abgelegt.« Als sich ein Motiv nach dem anderen in Luft auflöste, behauptete man: »Sie hat aber ein Geständnis abgelegt.«
Und als sie protestierte und beharrte, niemals irgendetwas gestanden zu haben – Saldate habe ihr Worte in den Mund gelegt und vieles einfach frei erfunden –, bezeichnete man sie als Lügnerin.
Die Jury sah in Debra Milke eine eiskalte Mörderin und befand, sie habe für ihr Vergehen den Tod verdient.
Das Urteil wurde von so ziemlich allen begrüßt, die von dem »Santa Claus Murder«, dem »Weihnachtsmannmord« gehört oder gelesen hatten, einem Fall, der im ganzen Land für Aufsehen sorgte. Was war sie für ein Monster, dass sie ihr Kind losgeschickt hatte, den Weihnachtsmann zu sehen, und es dann ermorden ließ? Wie niederträchtig und gemein konnte eine Frau überhaupt sein? Als »schockierend böse« bezeichnete die Presse das Verbrechen, und das ganze Land pflichtete dem bei, und Debra Jean Milke wurde zur meistgehassten Frau der USA. »Abscheulich! Unfassbar kaltherziger Mord!«, lautete eine Schlagzeile. Selbst die, die sonst ein weiches Herz hatten, schrieben sie ab.
Die Justizwelt war so erfreut darüber, dass Debra die Höchststrafe bekam, dass sie den Staatsanwalt ihres Verfahrens zum »Ankläger des Jahres 1990« kürte.
An diesem Freitag im Jahr 1997 konnte sie die Menschen, die an ihre Unschuld glaubten, an einer Hand abzählen: ihre Mutter, eine gebürtige Deutsche, die inzwischen in der Schweiz lebte; der Privatdetektiv, der auf ihren Fall angesetzt worden war und nicht aufgab; der Gefängnispsychologe, der sie durch ihr Gerichtsverfahren begleitet hatte und ihr immer noch helfen wollte, und der Strafverteidiger, der überraschend aufgetaucht war und sie nun pro bono, also unentgeltlich, vertrat.
Das war eine kümmerlich kurze Liste, verglichen mit der Vielzahl derer, die absolut sicher waren, dass sie genau am rechten Ort war und ihrer gerechten Strafe entgegensah. Ganz oben auf dieser Liste stand Grant Woods, der Generalstaatsanwalt von Arizona. Er sagte den Medien gegenüber: »Wenn ich mir unter den Todestraktinsassen von Arizona jemanden aussuchen sollte, der als Nächstes dran sein sollte, dann würde ich mich für sie entscheiden – angesichts dessen, was sie getan hat. Debra Milke hat ein schlichtweg unbeschreibliches Verbrechen begangen.«
»Ich wusste, dass ich unschuldig war. Ich wusste, dass ich nicht hierher gehörte. Es war, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Ich sah mich um und sagte mir: ›Das hier wird nicht auf Dauer mein Zuhause sein.‹ Und ich glaubte, dass sie es irgendwann auf die eine oder andere Weise einsehen würden. Ich hielt mich an meiner Wahrheit fest. Aufgeben kam nicht in Frage.«
Sie schwor sich an dem Tag, an dem man sie, an Händen und Füßen gefesselt, in diese Strafanstalt marschieren ließ: »Eines Tages gehe ich hier auch zu Fuß wieder raus.«
Das ist im Nachhinein ein erstaunliches Gelöbnis für eine junge Frau, die »von ihrer Familie und ihren Freunden im Stich gelassen« worden war. Ihr Vater – selbst Gefängniswärter von Beruf – hatte ausgesagt, er sei nicht erstaunt darüber, dass sie zur Mörderin geworden sei. Ihre Schwester hatte sie als untaugliche Mutter bezeichnet. Eine enge Freundin sagte vor Gericht aus, sie habe Christopher misshandelt. Immer wieder bekamen die Geschworenen zu hören, dass sie ein Monster sei.
»Kindsmörder!«, schrien einige Insassen, als sie die Strafanstalt betrat.
»Als sich die Gefängnistore hinter mir schlossen, hatte das etwas Unwirkliches. Ich kam mir vor wie vergewaltigt, empfand ein tiefes Gefühl des Verlusts, der Trauer und Isolation«, schrieb sie später. »Unschuldig zum Tode verurteilt zu sein und dann an so einen entsetzlichen Ort wie dieses Gefängnis zu kommen – das war unbegreiflich und unerträglich.«
Nachdem man sie am 11. Januar 1991 für schuldig befunden und zum Tode verurteilt hatte, wusste der Staat Arizona nicht, wohin mit ihr. Man hatte in diesem Bundesstaat seit 1932 keinen Todestrakt für Frauen mehr benötigt. Damals war Winnie Ruth Judd, die berüchtigte »Trunk murderess« (»Kofferkillerin«), dessen einzige Insassin gewesen. Arizona stand damit nicht allein. Dem Klub der zum Tode verurteilten Frauen gehörten, als Debra Milke hinzukam, in den gesamten USA nicht einmal fünfunddreißig Frauen an. Um Debra unterzubringen, steckte die Strafvollzugsbehörde sie in der Abteilung Santa Maria in eine Isolationszelle und widmete diese zum Todestrakt um.
Debra Milke hatte inzwischen genug Zeit hinter Gittern und im Todestrakt verbracht, um zu wissen, dass es nicht darauf ankam, ob irgendjemand aus ihrer Familie oder ihrem Freundeskreis der Ansicht war, sie sei zu Unrecht verurteilt. Es kam einzig und allein darauf an, ob ein Gericht das auch so sah. Und bisher hatte sie keinen Erfolg bei ihren Versuchen gehabt, die Justiz von Arizona davon zu überzeugen, ihren Fall noch einmal zu überdenken.
Doch all das würde sich bald ändern. Ihr neuer Anwalt hatte sie und ihre Mutter davon überzeugt, dass ein Ende in Sicht sei.
Rechtsanwalt Anders Rosenquist hatte ihr ganz genau auseinandergesetzt, wie so ein Berufungsverfahren ablief: Zunächst wandte man sich an die Gerichte des zuständigen Bundesstaats und forderte sie auf, das Urteil zu revidieren oder ein neues Verfahren anzusetzen. Wenn das nichts brachte, begann man sich an Bundesgerichte zu wenden, in der Hoffnung, dass ein Gericht, das mehr Zeit zur Verfügung und mehr Abstand zu dem ganzen Fall hatte – und dessen Richter weder ehemalige Studenten derjenigen waren, die einen verurteilt hatten, noch anderweitig mit ihnen verbandelt –, die ganze Sache eher sah wie man selbst.
Rosenquist hatte verkündet, man werde ein Berufungsverfahren an einem Bundesgericht womöglich gar nicht benötigen, denn er habe höchst brisante neue Beweise entdeckt, die den Staat Arizona eigentlich dazu bewegen müssten, das Fehlurteil aufzuheben. Die Glaubwürdigkeit des einzigen Zeugen, den die Anklage gegen sie aufgeboten hatte, Armando Saldate, sei auf erstaunliche Weise zweifelhaft: Es sei nicht das erste Mal, dass er hinsichtlich eines Geständnisses gelogen habe.
Darüber hinaus sei Cheryl Hendrix, die Vorsitzende Richterin bei dem Prozess, gerade an ein Zivilgericht versetzt worden und habe in diesem Zusammenhang einen Tadel wegen »standeswidrigen Verhaltens« erhalten.
Rosenquist schien sicher zu sein, dass diese erneute Berufung erfolgreich sein würde. Ihre Mutter und ihr Stiefvater – Renate und Alex Janka – glaubten schon fest daran, Debbie werde noch vor Ende des Jahres zu ihnen nach Emmetten in die Schweiz reisen können.
Debra überstand – voller Hoffnung darauf, dass sie bald freikommen würde – einen weiteren Todestag ihres Sohnes, so gut es eben ging, und schaute im Fernsehen einen Reisebericht.
Als sie irgendwann den Blick hob, wunderte sie sich, dass jemand vor ihrer Zellentür stand. Es war Judy Frigo, die stellvertretende Leiterin der Strafanstalt, die auch für die Abteilung Santa Maria zuständig war.
Hinter Frigo stand der Anstaltsleiter Jeff Hood. Debra hatte ihn nie zuvor in dieser Abteilung gesehen. Frigo hingegen kannte sie gut. Judy Frigo hatte als einfache Vollzugsbeamtin angefangen und im Laufe der Jahre die Karriereleiter erklommen – heute leitet sie die gesamte Strafanstalt. Sie war als Frau bekannt, die immer wieder menschlichen Anstand bewies. So brüllte sie etwa die Gefangenen, die ihr unterstanden, nie an.
»Oh, kommen Sie doch herein«, begrüßte Debra sie, froh, Frigo zu sehen, weil sie, wie sie später sagte, »immer so nett zu mir war«.
Frigo aber begrüßte sie nicht auf ihre übliche freundliche Weise. Sie blickte ernst und traurig, erinnert sich Debra. »Sie schauen offenbar keine Nachrichten«, sagte Anstaltsleiter Hood.
Debra wies auf den Reisebericht, der über den Bildschirm flimmerte, und sagte ein paar Worte dazu, ehe ihr klarwurde, dass es den beiden Vollzugsbeamten nicht darum ging, was sie sich ansah, sondern darum, was sie nicht ansah.
»Debra«, sagte Hood, »der Staat Arizona hat für den 29. Januar 1998 einen Vollstreckungsbefehl erlassen.«
Debra blinzelte ob der seltsamen Worte. Sie wusste: Das hieß, dass der Oberste Gerichtshof von Arizona ihren jüngsten Berufungsantrag abgelehnt hatte. Doch das ergab keinen Sinn. Rosenquist war doch so sicher gewesen, dass das höchste Gericht ein Einsehen haben würde.
»Ich habe es erst überhaupt nicht kapiert. Ich habe nur gesagt: ›Oh, ach so, na gut.‹ Frigo hat mich ganz entsetzt angeguckt.«
Der Anstaltsleiter erklärte weiter: »Da wir nun ein Datum haben, müssen wir die Art und Weise ändern, wie wir mit Ihnen umgehen.« Debra verstand nicht, was das bedeuten sollte. Dann gingen die beiden wieder, und Frigo flüsterte ihr noch zu: »Ich komme wieder.«
Debra erinnert sich: »Sie kam wieder und sagte: ›Debbie, ich mache mir Sorgen um Sie. Wir haben Ihnen gerade mitgeteilt, dass ein Vollstreckungsbefehl gegen Sie ergangen ist, und Sie haben kein Wort dazu gesagt.‹ Und ich sah sie nur an und sagte, ich könne es nicht glauben, ich könne es nicht verstehen. Dann sagte ich zu ihr, ich wolle jetzt nicht darüber reden, und daher ging sie wieder. Und ich weiß nicht, wie lange ich dafür gebraucht habe, aber irgendwann wurde es mir schlagartig klar. Ich fing an, heftig zu weinen. Es war ein großer Schock, denn ich konnte es nicht fassen, dass sie, nach all dem, was ich aufgedeckt und eingereicht hatte, tatsächlich einen Vollstreckungsbefehl erlassen hatten. Ich nahm an, dass sie sich nicht mal die Mühe gemacht hatten, den Antrag überhaupt zu lesen. Ich glaube, da wurde mir das Ausmaß des Machtmissbrauchs im Justizsystem allmählich klar. Es fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht.«
Was war mit Saldates Vorgeschichte, dass er auch früher schon gelogen hatte? Was war mit der Richterin, die sich disqualifiziert hatte? War das völlig bedeutungslos? Der Oberste Gerichtshof von Arizona konnte das alles doch nicht einfach ignorieren.
Doch das tat er.
Ohne Anhörung, ohne öffentliche Diskussion und als ob die neuen Beweise überhaupt nicht existierten, weigerte sich der Oberste Gerichtshof von Arizona, Debra Milkes Verurteilung noch einmal zu überdenken. Stattdessen verfügte er sieben Tage vor Weihnachten, dass sie nur noch zweiundvierzig Tage zu leben habe.
Wie Debra später erfuhr, hatte Arizona auf diesem Gebiet eine befremdliche Bilanz vorzuweisen. Der Vorläufer des Staats, das Arizona-Territorium, hatte 1865 Dolores Moore hinrichten lassen, durch Erhängen. Der Grund: die Ermordung ihres Ehemannes. Anschließend vergingen fünfundsechzig Jahre, bis dort wieder eine Frau hingerichtet wurde: 1930 hängte der Staat Arizona Eva Dugan wegen der Ermordung ihres Arbeitgebers. Dugan hatte allerdings, seit man ihr die Schlinge angepasst hatte, erheblich zugenommen, und als die Falltür unter ihr aufsprang, riss ihr der Henkerstrick den Kopf vom Leib. Das Entsetzen der versammelten Zuschauer bewegte den Staat dazu, von der Hinrichtung durch den Strang auf die Gaskammer umzusteigen. Auf diese Weise sollte am Karfreitag 1932 Winnie Ruth Judd hingerichtet werden – bis dann selbst Arizona klarwurde, dass es ein unpassendes Datum war. Judd wurde letztlich nicht hingerichtet und kam später frei.
Und nun planten sie, wiederum fünfundsechzig Jahre später, erneut die Hinrichtung einer Frau.
Debra betete, es möge ihr wie Judd ergehen – ein langes Leben und letztlich die Freiheit.
Debras Countdown begann augenblicklich. Pläne mussten gemacht und Formulare ausgefüllt werden. Die Verantwortung dafür, dass all das vorschriftsgemäß geschah, ruhte auf den Schultern der stellvertretenden Anstaltsleiterin Judy Frigo.
Wie sollte der Staat Arizona mit Debras Eigentum verfahren? Wie mit ihrem Leichnam? Was wünschte sie sich als Henkersmahlzeit? Wen wollte sie bei ihrer Hinrichtung als Zeugen zulassen?
In ihrer Zelle wimmelte es nun geradezu von Besuchern – Sozialarbeiter, Psychologen, Seelsorger. Sie schickte sie alle wieder weg, warf ihnen vor, sich gar nicht für sie zu interessieren. Sie erinnert sich, dass sie schrie: »Euch ist das doch sowieso alles egal! Haut ab und lasst mich in Ruhe!« Sie wurde wegen Selbstmordgefahr unter Beobachtung gestellt. Alle zehn Minuten schaute ein Wärter durch das Fenster in ihrer Tür.
Jedes Mal, wenn sie ihre Zelle verließ – meist, um in einem Zimmer ein weiteres Formular auszufüllen –, verlangten die Vorschriften, dass sie an Händen und Füßen gefesselt wurde. Diese Hand- und Fußschellen wurden auch »Knastschmuck« genannt. Bei jedem dieser Ausflüge wurde über den gesamten Zellentrakt ein »Einschluss« verhängt – alle Gefangenen mussten in ihren Zellen eingeschlossen werden –, und die Wärter riefen: »Milke is coming!« Manchmal meinte sie sarkastisch zu ihnen: »Ihr habt das Würgehalsband vergessen. Und den Maulkorb.«
Eines Morgens weckte man sie, legte ihr Fesseln an und nahm sie mit, um Fotos von ihr zu machen. Ihr war es egal, wie sie aussah.
Das Ausfüllen der Formulare dauerte nicht lange. Ihr Eigentum? Das Einzige, was sie besaß, waren: ein Radio, das sie auf einen Sender eingestellt hatte, der Smooth Jazz spielte; eine Kühlbox, in der sie die Limonaden- und Thunfischdosen kühl hielt, die sie im Laden der Strafanstalt kaufte; ihr kleiner Fernseher, für den sie zwei Dollar im Monat für Strom bezahlen musste; das bisschen Schmuck, das in der Anstalt gestattet war: ein Ring, eine Armbanduhr, eine Halskette, ein Paar Ohrringe; ihr Abschlusszeugnis des Fernlehrgangs für juristische Hilfsberufe; Briefpapier und Briefmarken sowie Briefe von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater.
Debra hielt schriftlich fest, dass ihre Mutter ihr Eigentum erhalten solle. Das fiel ihr leicht. Schwerer fiel ihr das Formular, in dem sie festlegte, dass ihre Mutter auch ihre sterblichen Überreste erhalten solle – doch ihr blieb keine andere Wahl. Ihr Vater und ihre Schwester hatten sich in dem Gerichtsverfahren gegen sie gewandt. Ihre Mutter war die Einzige, bei der sie sicher war, dass sie für ein anständiges Begräbnis sorgen würde.
Was ihre letzte Mahlzeit anging, hätte Debra alles verlangen können, was im angemessenen Rahmen geblieben wäre. Vielleicht ein Steak. Oder ein chinesisches Gericht. Oder etwas Mexikanisches – was sie früher in großen Mengen verspeist hatte. Vielleicht auch etwas Deutsches, wie ihre Mutter es früher zubereitet hatte. Und auf jeden Fall Schokoladeneis. Sie hatte seit ihrer Festnahme keinerlei Eis mehr gegessen, und das stand ganz oben auf der Liste der Dinge, die ihr in der Haft am meisten fehlten. Diese Liste war in den sieben Jahren, die sie nun einsaß, ständig gewachsen, und Eiscreme war das einzige Essbare darauf.
Die übrigen Dinge auf der Liste waren viel bedeutsamer: ein Kuss – auf die Wange, auf die Stirn, auf den Mund, egal; eine Umarmung ihrer Mutter; Schmusen; zärtliches Geflüster; eine liebevolle Berührung – ja, jede Berührung, die nicht von jemandem kam, der ein Dienstabzeichen der Strafvollzugsbehörde trug. Außerdem standen auf ihrer Liste: eine gemeinsame Mahlzeit mit einem anderen Menschen; Schwimmen; ins Kino gehen; Bowling; Billard spielen; Tanzen; ein Bier trinken; einem Freund in die Augen sehen.
Doch die Strafvollzugsbehörde von Arizona verfügte über kein Formular, in dem man als letzten Wunsch um eines der wichtigsten Dinge im Leben bitten konnte. Sie fragte nur, was man zu essen wünschte – in einem Moment, in dem sicher kaum ein Mensch Appetit verspürt. Und daher erwartete man selbstverständlich von Debra, dass sie für ihre letzte Mahlzeit zumindest um eine große Schale Schokoladeneis bitte würde.
Debra aber bat um nichts dergleichen. Sie meinte nur: »Ich nehme die ganz normale Gefängniskost, denn das Essen ist hier echt lecker.« Da konnten sich selbst die Wärter ein Lächeln nicht verkneifen.
Auf welche Weise wollte sie sterben? Der Staat Arizona ließ ihr die Wahl zwischen tödlichem Gas und Giftspritze. Im ersten Falle würde man sie in einer luftdichten Gaskammer auf einem Stuhl festschnallen, und der Henker würde Kügelchen aus Kaliumcyanid (Zyankali) in Schwefelsäure fallen lassen, worauf sich das tödliche Cyanwasserstoffgas (Blausäure) bilden würde. Sie würde mit ansehen, wie das Gas sie langsam umschloss, und man würde ihr raten, es etliche Male tief einzuatmen. Dennoch würde das Gas nicht sofort wirken. Krämpfe. Schaum vorm Mund. Urinieren. Defäkation. Erbrechen. Mit alldem musste man rechnen.
Im zweiten Falle würde man sie auf einen Tisch schnallen, und ein Arzt würde ihr in eine Armvene eine Kombination mehrerer Mittel injizieren – normalerweise ein Barbiturat, ein Muskelrelaxans und Kaliumchlorid –, die sie erst betäuben, dann ihre Atmung stoppen und schließlich ihr Herz lähmen würde.
Für das Kind einer Deutschen weckte das Wort »Gas« besonders schreckliche Assoziationen, doch Debra hätte ohnehin nicht das Gas gewählt. Sie teilte dem Staat Arizona mit, dass sie sich für die Giftspritze entschieden habe.
Wen wollte sie auf ihrer Gästeliste für die Hinrichtung haben? Diese Entscheidung fiel Debra am leichtesten. Keinesfalls würde sie ihren Vater einladen, der sich entschieden hatte, statt seiner eigenen Tochter seinem »Kollegen« Saldate zu glauben. Auch ihre Schwester nicht, denn die würde sich wahrscheinlich hämisch freuen, dass Debbie diesmal nicht die »gute Schwester« war. Ebenso wenig wollte sie ihren Ex-Mann und ihre ehemaligen Schwiegereltern dabeihaben. Robin und Patty, ihre besten Freundinnen noch aus Highschool-Zeiten, konnte sie dieses Grauen nicht zumuten. Und ihre Mutter konnte sie auf keinen Fall bitten, ihr beim Sterben zuzusehen.
Sie ließ das Formularblatt leer.
Diese zweiundvierzig Tage und die damit einhergehenden offiziellen Schritte werden seitens der Strafanstalt als »dry run« (Trockenübung) bezeichnet. Debra hatte eine andere Bezeichnung dafür. Sie nannte es »Proben für meine Hinrichtung«.
Und diese Probe umfasste eine Vielzahl an Aktivitäten. Tagtäglich wurde Debras Zelle durchsucht, um sicherzustellen, dass sie nichts versteckt hatte, womit sie sich hätte verletzen können. Andere Gefangene spotteten: »Gott bewahre, dass sie sich selbst abmurkst, bevor der Staat die Chance dazu bekommt.«
Die stellvertretende Anstaltsleiterin Frigo erläuterte Debra das ganze Verfahren. Die täglichen Durchsuchungen der Zelle würden weitergehen, und Debra würde in ihrer regulären Zelle verbleiben, bis man sie eine Woche vor dem Hinrichtungstermin nach Perryville verlegen würde, in eine Zelle, die mit einer Videokamera ausgestattet war, um sie rund um die Uhr überwachen zu können. Von dort würde man sie zirka achtundvierzig Stunden vor der Hinrichtung hundert Meilen weiter südlich nach Florence befördern. In der dortigen Strafanstalt, in der Debras Vater als Vollzugsbeamter tätig war, befand sich seit jeher der Hinrichtungsraum von Arizona. Dort würde man sie auf einer Bahre festschnallen und … nun, über alles Weitere war Debra ja bereits in Kenntnis gesetzt.
Nichts davon erschien Debra Milke real – bis eines Tages ein Arzt zu ihr kam, um ihre Venen zu testen. »Er trug einen weißen Kittel«, erinnert sie sich, »und die ganze Sache war ihm sichtlich unangenehm. Er legte mir eine Aderpresse an, um sich meine Venen anzusehen, und nahm mir dann Blut ab. Ich habe nichts gesagt, aber da wurde es mir klar. Ich dachte: ›Das ist real. Oh Gott, die wollen mich wirklich töten.‹«
Um ihr Unbehagen zu lindern, plauderte der Arzt ein wenig mit ihr. »Also, Sie sind eindeutig nie Junkie gewesen«, sagte er zu Debra, als er ihre Venen inspizierte.
»Ich bin auch keine Mörderin«, hätte sie am liebsten darauf gesagt. Aber sie tat es nicht. Sie schwieg, während die Angst von ihr Besitz ergriff. Sie wollte weinen. Sie wollte schreien. Sie wollte ihren Arm wegreißen, damit er die Vene, die am besten für ihre Tötung geeignet war, nicht finden konnte. Doch sie weinte nicht und schrie nicht und hielt still.
»In unserer Familie hatte man mir beigebracht, dass es sich nicht gehört, in der Öffentlichkeit zu weinen«, erinnert sie sich. »Mein Vater war da sehr streng. Ich lasse nie zu, dass mich jemand weinen sieht. Ich verberge meine Gefühle.«
Stattdessen hielt sie sich an ihrem gewohnten Sarkasmus fest. »Als der Arzt fertig war, sagte ich zu ihm: ›Sie haben mir ja Blut abgenommen – könnten Sie da bitte auch gleich mal meine Cholesterinwerte checken?‹« Der Arzt war entsetzt, dass sie in so einer Situation Witze machte.
Debra riss sich zusammen, bis sie wieder in ihrer Zelle war. »Dann bin ich zusammengeklappt und hab nur noch geweint. Die hatten wirklich vor, mich umzubringen! Ich kam mir wie eine Fallnummer vor, nicht wie ein menschliches Wesen. Aber dann bin ich wütend geworden und habe den Kampf aufgenommen. Ich habe mir geschworen, dass ich nicht zulassen würde, dass sie mich töten.«
Als ihr das nächste Mal ein Telefonanruf gestattet war, schrie sie ihren Anwalt an: »Wann kommt denn dieser Hinrichtungsaufschub von den Bundesgerichten? Die meinen es hier todernst!« Sie erinnert sich, dass sie verzweifelt war und fürchtete, ihr Fall könne einer von denen werden, die mit dem Tode endeten, weil den Bundesgerichten nicht genug Zeit blieb, einen Aufschub zu erwirken.
Sie begann, so seltsam es auch klingen mag, ihre Zelle zu lieben. Wie konnte man einen so engen Raum, der dazu bestimmt war, einen Menschen wegzusperren, lieben? Debra hatte ihr Bestes versucht, um sich dort ein »Zuhause« zu erschaffen. Sie hatte Bilder und hübsche Ansichtskarten an die Wände geklebt und unternommen, was sie nur konnte, um die Zelle gemütlich einzurichten. Alle Beschwerden, die sie früher über diesen Raum geäußert hatte, lösten sich in Luft auf, als ihr bewusst wurde, dass, solange sie sich noch in ihrer Zelle aufhielt, ihr Rendezvous mit dem Tod immer noch kein Faktum war.
»Ich wollte nicht nach Perryville«, sagt sie. »Ich hatte eine Scheißangst vor dieser Verlegung. Das war ein Schritt in Richtung Florence. Solange sie mich nur nicht dorthin verlegten …«
Die Vollzugsbeamten beobachteten ihre zunehmende Angst mit Besorgnis. Man schickte wiederum einen Psychologen zu ihr, der mit ihr sprechen und versuchen sollte, sie zu beruhigen. Man schickte ihr auch den Anstaltsseelsorger Mike Linderman, der zu den wenigen Personen dort zählte, denen sie vertraute. Debra schrieb ihrer Mutter und versuchte sie zu beruhigen, fragte sich aber zugleich, ob dies nicht womöglich die letzten Worte waren, die sie je schreiben würde.
Am 31. Dezember durften Tochter und Mutter endlich miteinander telefonieren. Niemals würde Renate die bebende Stimme und die krampfhaften Schluchzer vergessen, mit denen ihr Debra die schrecklichen Einzelheiten für den Fall schilderte, dass kein Aufschub mehr gewährt würde.
Als letztes Mittel wandte sich Debras Mutter an Amnesty International und legte ihre Auffassung dar, die auf einem Unrechtsurteil beruhende Inhaftierung ihrer Tochter sei »eine Ungeheuerlichkeit«.
Alex schrieb an Bruce Babbitt, den ehemaligen Gouverneur von Arizona, der damals in der Regierung von Bill Clinton Innenminister der USA war. In seinem dreiseitigen Brief legte er den gesamten Fall dar und betonte alles, was Debras Unschuld unterstrich. Er wies auch darauf hin, dass ihr Todesurteil am letzten Tag vor den Weihnachtsferien des Gerichts ausgesprochen worden war, im Zuge eines »Großreinemachens«, das gut achtzig Fälle umfasste – fast das Dreifache der normalen Anzahl.
»Eine Petition gegen eine Verurteilung zum Tode in einen Topf zu werfen mit dem allgemeinen ›Großreinemachen‹ in allen möglichen Fällen, ohne sich eingehend mit ihr zu befassen, stellt eine grobe Nachlässigkeit dar«, schrieb Alex. Und er schloss: »Verzweifelt und hilflos (zumal aus Übersee) einem Justizsystem ausgeliefert, in dem Verfahrensfragen und/oder politische Erwägungen eine wichtigere Rolle zu spielen scheinen als die Gerechtigkeit, bitte ich Sie von ganzem Herzen um Ihre Hilfe und Ihren Rat.«
All diese Schreiben blieben jedoch folgenlos.
Der Hinrichtungsaufschub von einem Bundesgericht kam schließlich am 12. Januar 1998 – siebzehn Tage, bevor der Staat Arizona Debra Milke hinzurichten gedachte. Sie ließ niemanden sehen, wie sie vor Erleichterung weinte.
Sie konnte nicht wissen, dass die sieben Jahre, die sie bereits hinter Gittern verbracht hatte, nur der Anfang waren – dass ihr noch siebzehn weitere Jahre bevorstanden.
Sie konnte auch nicht wissen, dass sich ein ganzes Heer von Helfern um sie scharen würde: ein Paar, das zu so etwas wie Ersatzeltern für sie wurde; ein Deutscher, in den sie sich schließlich verliebte; neue Anwälte, die mit aller Macht um ihr Leben kämpften; Hunderte Menschen auf der ganzen Welt, die an ihre Unschuld glaubten und ihr aufmunternde Worte schickten.
Sie konnte nicht wissen, dass es bis 2013 dauern würde, dass das Berufungsgericht für den neunten Bezirk (9th Circuit Court of Appeals) dem Staat Arizona mitteilte, er solle sich »schämen«, sie aufgrund eines Geständnisses verurteilt zu haben, »das es wahrscheinlich nie gegeben hat«, und anordnete, sie entweder freizulassen oder ein neues Verfahren gegen sie anzustrengen.
Sie konnte nicht wissen, dass erst 2015 das für Arizona zuständige Berufungsgericht (Arizona Court of Appeals) ihre Freilassung verfügen und ihren Fall als »Schandfleck in der Justizgeschichte Arizonas« bezeichnen würde. Zu diesem Zeitpunkt war sie einundfünfzig Jahre alt.
Doch in all den Jahren vergaß sie nie den Tag, an dem sie kamen, um ihre Hinrichtung zu proben. Sie vergaß auch nie den letzten gefühlvollen Moment in diesem Kapitel ihres Lebens.
Am 3. Februar 1998, einige Wochen nach der Absage ihrer Hinrichtung, sah Debra, als sie den Blick hob, Judy Frigo vor ihrer Zellentür stehen. Die stellvertretende Anstaltsleiterin brachte diesmal keine niederschmetternden Neuigkeiten, sondern war erschienen, um sich zu unterhalten und sich nach Debras Befinden zu erkundigen. Der Anlass dafür war, dass der Staat Texas an diesem Tag Karla Faye Tucker hatte hinrichten lassen – die erste Frau, die seit 1863 in jenem Staat hingerichtet worden war, und das erste weibliche Hinrichtungsopfer in den USA seit vierzehn Jahren.
Wie viele Leute im ganzen Land hatte Debra den Fall in den Medien verfolgt – von der grausigen Mordtat, die Tucker unter Drogeneinfluss begangen hatte, bis zu ihrer Wandlung zur bekennenden Christin. Heerscharen von Menschen baten darum, man möge sie am Leben lassen. Für George W. Bush, den damaligen Gouverneur von Texas, spielte das alles keine Rolle. Tucker nahm schließlich ihre letzte Mahlzeit zu sich – Salat, Bananen, Pfirsiche – und sagte zu denen, die sich eingefunden hatten, um ihr beim Sterben zuzusehen: »Man sieht sich im Jenseits. Ich warte dort auf euch.«
Nun war Judy Frigo hier, bei der einzigen Frau, die in Arizona im Todestrakt saß. »Sie wollte nur nachsehen, wie es mir geht, denn sie ging davon aus, dass Karlas Hinrichtung mir an die Nieren gehen würde«, erinnert sich Debra. »Ich fand das lieb von ihr.«
Jahrzehnte später, als Debra Milke die zweite Frau in der Geschichte der USA wurde, die einen Todestrakt lebend verließ, sagte sie bei einer Pressekonferenz in Phoenix, Arizona: »Ich habe immer daran geglaubt, dass dieser Tag kommen würde. Ich hätte bloß nie erwartet, dass es fünfundzwanzig Jahre, drei Monate und vierzehn Tage dauern würde, einen so eklatanten Justizirrtum zu korrigieren.«
»Der Moment, der mein Leben änderte«
Samstag, 2. Dezember 1989, 14:45 Uhr.
Das war der Moment, der Debra Jean Milkes Leben änderte.
Ab der Sekunde danach war sie ein anderer Mensch.
An einem milden Tag in Phoenix drei Wochen vor Weihnachten klingelte um 14:45 Uhr das Telefon. Debra war allein in der Wohnung im ersten Stock, die ihr und ihrem Sohn Christopher als zeitweiliges Zuhause diente. Seit vier Monaten wohnten sie zur Untermiete bei Jim Styers, einem Freund der Familie, und seiner zweijährigen Tochter Wendi.
Jim war mit Christopher an diesem Morgen zum Metro Center gefahren, einem riesigen Einkaufszentrum im Nordwesten von Phoenix – Jim, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen, und Christopher, weil er sich sehnlichst wünschte, den Weihnachtsmann zu sehen.
»Debbie, hat Christopher angerufen?«, fragte Jim.
»Warum? Sollte er das denn?«
»Ich bin nur mal kurz aufs Klo, und als ich wiederkam, war er weg.«
»Was soll das heißen: Er ist weg? Jim, du musst ihn finden!«
»Ich stehe hier mit ein paar Wachleuten, und wir suchen nach ihm.«
Debra fing an zu kreischen.
Der Staat Arizona sollte später behaupten, bis zu der Sekunde davor sei Debra Milke eine junge, gestörte, selbstmordgefährdete alleinerziehende Mutter gewesen, die ihren Sohn tot sehen wollte, aber zu feige war, ihn selbst zu töten. Man würde behaupten, ab der Sekunde danach sei sie eine zufriedene Frau gewesen, die zwei Männer dazu angestiftet habe, ihren Sohn zu ermorden – aus einer ganzen Reihe von Gründen: um die Prämie in Höhe von 5000 Dollar aus einer Lebensversicherung einzustreichen; um ihn aus dem Weg zu schaffen, damit sie frei war für einen neuen Freund, der keine Kinder wollte; dass sie ihn habe töten wollen, damit er nicht eines Tages auch so wurde wie sein alkohol- und drogensüchtiger Vater.
Man würde behaupten, Jims Anruf sei das Signal gewesen, dass sie es »erledigt« hatten, und ihr Kreischen sei »Theater« gewesen, das ihre Beteiligung an dem Mordkomplott kaschieren sollte.
Wenn Debra Milke, ihre Familie, ihre Freunde und Nachbarn den Blick auf die Sekunde davor richteten, sahen sie hingegen Folgendes: Debra Milke war eine vierundzwanzigjährige alleinerziehende Mutter, die einen neuen Arbeitsplatz hatte, eine neue Wohnung und einen neuen Kindergartenplatz für ihren Sohn. Sie war, wie Psychologen später attestierten, eine Frau, »mit deren Leben es aufwärtsging«.
Sie hatte so viel Unschönes hinter sich gelassen – den Ärger mit ihrer Mutter, das Zerwürfnis mit ihrem Vater, den ewigen Streit mit ihrer Schwester und die Gefahren, die von ihrem Ex-Mann ausgingen.
Sie hatte einen Fluchtplan aus alldem – in ein Leben, das die Art von Sicherheit und Frieden bot, die sie so lange hatte entbehren müssen.
Wenn man sie in jener Sekunde vor 14:45 Uhr gebeten hätte, sich selbst zu beschreiben, hätte Debra Milke gesagt: »Ich bin eine wirklich glückliche Frau.«
Sie hätte davon erzählt, wie lernbegierig und begabt Christopher sei – laut ihrem Erziehungsratgeber war er seinem Alter voraus. Dass er liebend gerne Brokkoli aß. Dass er die Musik des Countrysängers George Straits sehr mochte und häufig mit seiner Mutter dazu tanzte. Sie hätte sich an den Tag erinnert, an dem sie in der Schlange an der Supermarktkasse hinter einem Feuerwehrmann gestanden hatten und der neugierige Christopher ihn dazu gebracht hatte, ihm sein Löschfahrzeug zu zeigen. Sie hätte erwähnt, dass er an der Tankstelle immer die Zapfpistole halten wollte.
»Etwas, woran ich mich sehr lebhaft erinnere – ich höre und spüre es förmlich –, ist sein Lachen. Er hatte so eine bestimmte Art zu kichern. Er hat mir immer gern was ins Ohr geflüstert, meistens ›Ich hab dich lieb, Mommy‹.«
Er wollte sich allein anziehen und half in der Küche. Debra sah ihm mit großer Wärme dabei zu, wie er im Kindergarten mit anderen Kindern spielte. Sie besaß etliche Alben voller Fotos aus allen Phasen seines vierjährigen Lebens.
Nur vier Monate zuvor, am 30. August, hatte sie eine vielversprechende Arbeitsstelle bei der John Alden Life Insurance Company angetreten, einer Versicherung, bei der sich ihr gute Aufstiegschancen boten. Sie verdiente dort 1500 Dollar im Monat – 400 Dollar mehr als bei ihrem vorherigen Job in einer Bank.
Gerade war der Newsletter der Versicherungsagentur für November/Dezember erschienen, in dem sie sich mit folgenden Worten im Unternehmen vorstellte: »Mein Name ist Debbie Milke. Ich lebe seit neunzehn Jahren hier in Arizona. Ich habe einen süßen vierjährigen Sohn, Christopher. Ich verfüge bereits über viele Erfahrungen in der Versicherungsbranche und freue mich auf eine lange und erfolgreiche Karriere bei John Alden.«
Am 22. September begann ihr Anspruch auf Sozialleistungen ihres neuen Arbeitgebers. Das vorgedruckte Formular zu den Sozialleistungen umfasste eine Krankenversicherung für sie und Christopher, die sie jährlich 1029 Dollar kostete, und für zusätzliche 98 Dollar pro Jahr eine Invaliditätsversicherung für sie. Weitere 39 Dollar wurden für eine Lebensversicherung für sie fällig. Sie kreuzte auch »Kinderlebensversicherung« für Christopher an, was zusätzlich sechs Dollar kostete. Es war eine Police über 5000 Dollar. Das gesamte Paket kostete 1172 Dollar pro Jahr. Ihr Arbeitgeber übernahm davon 520 Dollar. Es war das gleiche Paket an Sozialleistungen, das auch jedem anderen Vollzeit-Angestellten des Versicherungsunternehmens angeboten wurde.
Einen Monat später gab es noch weitere gute Nachrichten für Debbie und Chris. Am 24. Oktober erließ ein Gericht eine einstweilige Verfügung, die es Mark Milke verbot, sich seiner Frau und seinem Sohn zu nähern. Mark hatte dagegen angekämpft, und es hatte einen Gerichtstermin gegeben. Das Gericht hatte sich auf Debras Seite gestellt.
Debbie hatte sich vier Jahre lang bemüht, Mark aus seinen Schwierigkeiten herauszuhelfen – ihrem gemeinsamen Sohn zuliebe. Sie selbst hatte ihren Lebenswandel geändert: Aus dem unreifen Mädchen, das von Party zu Party zog, war eine junge Mutter geworden, die damit kämpfte, einen lebhaften Jungen großzuziehen. Alkohol und Drogen waren nicht ihr Problem, aber wenn man ein Kind hatte, wurde man schnell erwachsen, und wenn Debra zurückblickte, klagte sie, dass sie das mit dem Erwachsenwerden gern früher hinbekommen hätte.
Mark war in nüchternem Zustand »ein guter Ehemann, ein guter Vater und ein guter Ernährer«. Aber je stärker die Sucht wurde, desto seltener wurden solche nüchternen Tage. »Er hat die Drogen mehr geliebt als uns«, so Debra.
Doch sie war dabei, das alles – und damit auch ihn – hinter sich zu lassen.
In den vergangenen Monaten war sie in ihrer Mittagspause in Tempe, Arizona, in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, auf Wohnungssuche gegangen.
Am 8. November hatte sie sich bei der Apartmentanlage »Garden Grove« in Tempe um eine Wohnung für Chris und sich beworben. »Beachten Sie bitte, dass ich keinerlei Mietschulden habe«, hatte sie auf dem Formular handschriftlich hinzugefügt. »Aufgrund meiner Scheidung ist meine Bonität derzeit miserabel. Ich kann mir die Miete hier aber auf jeden Fall leisten, und die Wohnung liegt ganz in der Nähe meines Arbeitsplatzes. Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie etwas für mich tun könnten.«
Am nächsten Tag, dem 9. November 1989, teilte sie die Freude ihrer Mutter und ihrer Großeltern über den Fall der verhassten Berliner Mauer.
Weitere gute Nachrichten: Zu Thanksgiving (Ende November) erhielt sie eine Zusage für die Wohnung. Der Einzug war für den 13. Januar vorgesehen. Sie wollte niemandem ihre neue Adresse verraten. Ganz gewiss nicht Mark, von dem sie hoffte, dass er sie nie mehr finden würde. Nicht einmal ihrem Freund Jim Styers, der die beiden bei sich aufgenommen hatte, als Debra nicht mehr gewusst hatte, wohin.
Sie wollte einen klaren Schnitt machen.
Sie hatte sich auch bereits einen Kindergarten in der Nähe ihrer neuen Wohnung angeschaut, in dem sie Christopher unterbringen wollte, während sie zur Arbeit ging.
Als ihre Mutter Ende September zu Besuch kam, hatte Debra den Karton unter ihrem Bett hervorgeholt und ihr die schönen neuen Sachen gezeigt, die sie für Christopher und sich gekauft hatte. »Die heben wir für unser neues Leben auf«, sagte sie zu ihrer Mutter. Dieses Vorratslager unterm Bett enthielt auch Geschirr, Töpfe, Pfannen und Handtücher.
Ihr neues Leben sollte ganz anders aussehen als alles, was die beiden bisher gekannt hatten, auch ganz anders als Debras Kindheit und Jugend.
Sie erinnerte sich gern an die schönen Momente, wenn ihr Vater ihr und ihrer Schwester etwas vorgelesen oder mit ihnen beiden gespielt hatte. Sie erinnerte sich gern an die tollen Abendessen, die ihre Mutter zubereitet hatte, und an die Kindergeburtstage. »Unser erstes Haus in Arizona war groß und hatte einen Swimmingpool. Dad hatte einen gemauerten Grill hinten im Garten, und die ganze Familie verbrachte viel Zeit miteinander. Wir gingen schwimmen und machten Picknicks. Unsere Eltern unternahmen auch viele Ausflüge mit uns. Ich erinnere mich an den Grand Canyon, und oft sind wir nach Mexiko gefahren.«
Richard Sadeik hat sie als autoritären Vater in Erinnerung. »Seine laute Stimme war für mich als kleines Mädchen beängstigend. Ich wollte ihn nie enttäuschen. Ich habe immer seine Anerkennung gesucht.« Sie war die »gute Tochter«, die nie in Schwierigkeiten geriet, gute Noten nach Hause brachte und ohne zu murren im Haushalt half.
Nur ein einziges Mal habe ihr Vater sie mit seinem Gürtel geschlagen – ein Moment, den auch ihre Mutter nie vergessen würde, die mit diesem Strafmaß ganz und gar nicht einverstanden war. Debra bezeichnet das als »die schlimmste Erinnerung aus meiner Kindheit.«
»Ich war damals elf oder zwölf Jahre alt und sollte auf meine Schwester aufpassen, während unsere Eltern weg waren. Wir durften im Haus nicht mit Rommel, unserem Deutschen Schäferhund, herumtoben, denn meine Mutter hatte einen gläsernen Couchtisch, und im Wohnzimmer standen Figurinen, und es sollte nichts zerbrechen. Na ja, wir ließen Rommel trotzdem ins Haus und tobten mit ihm, und dabei ging auf dem Tisch ein gläserner Kerzenhalter in die Brüche. Ich holte Kleber, versuchte ihn zu reparieren und stellte ihn anschließend wieder auf den Couchtisch zurück. Ich habe das allerdings nicht sehr gut gemacht, und Dad sah es sofort. ›Warum ist der kaputt?‹, fragte er mich, und ich log ihm ins Gesicht und behauptete, ich wüsste von nichts. ›Ich gebe dir jetzt die Gelegenheit, mir die Wahrheit zu sagen‹, erklärte er. Ich aber log erneut. Da hat er mich auf mein Zimmer geschickt. Später gab er mir noch mal die Chance, ihm zu erzählen, was passiert war. Ich habe es immer noch geleugnet, und da hat er seinen Gürtel rausgezogen. Ich werde das nie vergessen. Mein Vater wollte mir damit beibringen, wenn man die Wahrheit sagt, bekommt man keine Schwierigkeiten. Später habe ich dann gelernt, dass das nicht stimmt.«
Debra bemerkt, ihre Eltern hätten sich »nie vor uns gestritten«, und ihre Schwester und sie hätten keine Ahnung gehabt, dass es hinter der verschlossenen Tür ihres Schlafzimmers regelmäßig erbitterten Streit gab. Die Mädchen mussten aber oft mit anhören, wie ihr Vater die Mutter in ihrer Gegenwart auf gemeine Weise zusammenstauchte. Als Debbie vierzehn und Sandy zwölf Jahre alt waren, trennten sich ihre Eltern.
»Wir waren schockiert, als Dad uns sagte, dass sie sich scheiden lassen würden«, erinnert sich Debra. »Wir mussten uns vor ihm aufs Wohnzimmersofa setzen, und dann erzählte er uns, dass er nach Florence ziehen würde, und wir würden bei Mom bleiben und weiter bei ihr leben. Als Kind denkt man natürlich, das ist deine Schuld, und so haben wir ihn gefragt, ob wir irgendwas falsch gemacht haben. Er hat das verneint und gesagt: ›Dass wir nicht mehr zusammenleben, heißt ja nicht, dass ich euch nicht mehr liebe.‹ Als er auszog, nahm er aber unseren Hund mit, und um den haben wir geweint.«
Als Debra sechzehn war, heiratete ihr Vater seine Jugendliebe, eine Frau namens Maureen, die Teenager mit in die Ehe brachte. »Nachdem er wieder geheiratet hatte, zeigte mein Vater kein Interesse mehr an einem Vater-Tochter-Verhältnis. Er löste sich emotional von mir. In meiner Teenagerzeit wurde er für mich zu einem Fremden. Er hat mir immer gesagt, ich würde ihn an meine Mutter erinnern. Das konnte man als Kompliment oder als Beleidigung auffassen, je nachdem.«
Debra mochte ihre Stiefmutter nicht besonders und hatte den Eindruck, dies beruhe auf Gegenseitigkeit. »Wenn ich Dad besuchte, durfte ich dort nicht über Mom sprechen. Maureen sagte: ›Ich wäre dir dankbar, wenn du nicht herkommen würdest, um deinen Vater mit allem möglichen Zeugs über deine Mutter vollzulabern.‹ Ich glaube, ihr war klar, dass er meine Mutter immer noch liebte.«
Das Verhältnis zu ihrem Vater verschlechterte sich zusehends. »Er hatte meiner Mutter versprochen, mir das College zu finanzieren, aber als ich achtzehn wurde, wollte er davon nichts mehr wissen.« Er halbierte auch die Unterhaltszahlungen in Höhe von 450 Dollar im Monat, die er seit der Scheidung geleistet hatte – schließlich stehe im Gesetz, dass er für ein volljähriges Kind nicht mehr finanziell verantwortlich sei. Und wenn Richard Sadeik etwas war, dann gesetzestreu.
Er war ebenso, wie seine ältere Tochter feststellte, ein Trinker. Kein gewalttätiger Säufer und keiner, der herumtorkelte, aber auch kein fröhlicher Zecher. »Je mehr er trank, desto stiller wurde er. Er zog sich dann oft in seine eigene Welt aus Bourbon und Beethoven zurück.«
Eine viel engere Bindung hatte sie zu ihrer Mutter Renate, einer gebürtigen Deutschen, die sie »Debchen« nannte. Renate war hübsch, kleidete sich elegant und war eigentlich die perfekte Hausfrau. Doch sie wollte nicht nur zu Hause herumhocken und ging arbeiten – Richard gefiel das nicht, aber er war sehr jung aus dem Militärdienst ausgeschieden und erhielt deshalb nur eine kleine Pension, und irgendjemand musste für die laufenden Kosten aufkommen.
Debbie war stolz auf die Arbeitsmoral ihrer Mutter und eiferte ihr nach. Mit sechzehn hatte sie ihren ersten Job, als Verkäuferin bei LaBelle’s. Und fast ihr ganzes Arbeitsleben hindurch hatte sie zwei Jobs gleichzeitig.
Als sie aufgrund der Scheidung das große Haus verloren, zog Renate mit ihren beiden Töchtern in eine kleine Wohnung in Phoenix. Der Vater zog auf ein Stück Land, das das Paar in den ersten Ehejahren erworben hatte. Er wohnte dort in einem Trailer und fing in der großen Strafanstalt der Stadt als Wärter an – eben der Anstalt, in der der Hinrichtungsraum von Arizona untergebracht ist.
Die jüngere Tochter Sandy bereitete Renate zusehends Kummer: Sie hatte ständig Probleme und räumte ein Sparkonto leer, das für ihre Ausbildung bestimmt war. Man entschied, dass Sandy die harte Hand ihres Vaters nötig habe, und schickte sie nach Florence, damit sie dort die Highschool zu Ende machte. Nun lebte Debbie nur noch mit ihrer Mutter zusammen. Für Debbie war das die schönste Zeit ihres Lebens. 1982 machte sie ihren Abschluss an der Cortez Highschool und schrieb sich anschließend am Glendale Community College für ein BWL-Studium ein.
»Meine Mutter hat anfangs mir gegenüber nie schlecht von meinem Vater gesprochen, aber als ich achtzehn wurde, fing sie an, mir die Wahrheit über ihn zu erzählen, denn sie dachte, ich wäre nun alt genug, um das zu verstehen.« Da erfuhr sie, dass ihre Mutter eine sehr unglückliche Ehe geführt hatte: Wenn sie allein im Schlafzimmer waren, hatte es zwischen den Eheleuten ständig Streit gegeben, Beleidigungen und Beschimpfungen. Ihr Vater hatte sich in der Ehe immer gnadenlos durchgesetzt.
Ihre eigene Entfremdung von ihrem Vater und diese Enthüllungen ihrer Mutter verstärkten bei Debra das Gefühl, das sie im Grunde nur ein Elternteil hatte. Und die Bande zwischen ihr und ihrer Mutter waren so stark, dass ihr das auch genügte.
Als Debra neunzehn war, bot man ihrer Mutter jedoch einen Job in Deutschland an. Diese sah darin eine einmalige Chance. Debra empfand es eher so, dass ihre Mutter sie im Stich ließ. Renate forderte sie auf, mit ihr nach Europa zu gehen, das aber wollte die junge Frau nicht. Sie wollte, dass ihre Mutter in Phoenix blieb. Renate siedelte schließlich Anfang 1983 nach Stuttgart um. Sie überließ Debra – die nun bereits aufs College ging und aus der Sicht ihrer Mutter erwachsen genug war, um allein zurechtzukommen – die Wohnung und versprach, sie finanziell zu unterstützen. Bald zogen Robin und Patty, zwei langjährige Schulfreundinnen, bei Debra ein.
»Ich empfand eine innere Leere. Ich war emotional noch nicht so weit, meine Mutter loszulassen.«
Sie fühlte sich »verraten«, und ihre Reaktion bestand darin, komplett gegen ihre Eltern zu rebellieren – etwas, das sie nie zuvor getan hatte. Das führte zu einem »kleinen Ausflug auf die wilde Seite des Lebens« mit dem »Möchtegern-Rocker« Mark Milke.
Renate Janka blieb unverständlich, wie ihr Debchen sich in einen langhaarigen Mann verlieben konnte, der wie ein Rohling aussah. Die Mutter erkannte lange vor der Tochter den Trinker in ihm – sie hatte schließlich sechzehn Jahre lang mit einem Alkoholiker zusammengelebt. Doch ihre Warnungen an Debbie, sich von dem »bösen Jungen« fernzuhalten, verhallten ungehört.
Debra und Mark heirateten, doch die Ehe verlief erwartungsgemäß schlecht, brachte aber den süßen Christopher hervor. Seit Debras Scheidung 1988 verstanden Mutter und Tochter sich wieder besser. Renate unterstützte Debra in ihrem neuen Leben und liebte ihren Enkel über alles. Ohne Mark, der stets nur für Reibereien gesorgt hatte, kamen die beiden Frauen bestens miteinander aus.
Selbst Sandy ging es damals gut – Sandy, die ständig mit ihrer Schwester wetteiferte, der es gegen den Strich ging, dass Debbie immer im Recht und sie immer im Unrecht war, dass ihre Eltern Debbie lieber mochten und ihr viel mehr durchgehen ließen. Sandy war inzwischen mit ihrem Sohn Jason nach Wyoming gezogen, hatte ebenfalls geheiratet und war nun mit ihrem zweiten Sohn schwanger. Im November rief Debbie dort an, um Jason zum Geburtstag zu gratulieren.
Sie hatte die Zwistigkeiten mit ihrer Schwester inzwischen hinter sich gelassen, Sandys Faulheit, die dazu führte, dass Debbie ihre Aufgaben im Haushalt mit erledigen musste und dass Sandy sie einmal bestohlen hatte, als sie mit Jason bei Mark und ihr Zuflucht gesucht hatte. Rivalitäten unter Schwestern hätten manche es genannt. Auch Debbie sah es so. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass es viel tiefer ging. Nie hätte sich sich vorstellen können, dass sie eines Tages erleben musste, wie ihre Schwester vor Gericht gegen sie aussagte.
An diesem Tag, in dieser Sekunde vor 14:45 Uhr, hätte Debra gesagt: Welche Familie hat denn keine Probleme? Welche Familie keine Geheimnisse?
Ihre Mutter hatte ihre Wut viele, viele Jahre lang hinuntergeschluckt, hatte den Mund gehalten und sich die Tränen versagt. Ihren Vater hatte Debbie nie weinen sehen, nicht einmal an dem Abend, an dem er seine Töchter in die Scheidungspläne eingeweiht hatte. Vielmehr erinnerte sie sich an seine Aussage: »Eines Tages wird es ihr leidtun, dass sie mich verlassen hat.«
Ein Vater verdient Respekt, wohl oder übel, so hatte sie es von ihrer Mutter gelernt. Wie Renate schließlich eingestand, dass sie nur so lange bei Richard geblieben war, damit die Mädchen einen Vater hatten, gibt Debra zu, dass sie Mark ihren Sohn sehen ließ, weil sie wollte, dass zwischen den beiden eine Bindung entstand.
Inzwischen hatte sie Mark jedoch mehr Chancen eingeräumt, als er verdiente, und Chris würde mit seinem Vater nur noch unter strikter Aufsicht Kontakt haben. Seine Großeltern Henry und Ilse Milke würden ihn natürlich auch weiterhin sehen dürfen. Beide liebten den Jungen abgöttisch, und er erwiderte diese Liebe. Debbie wusste, dass Ilse die gescheiterte Ehe traurig machte. Selbst eine gebürtige Deutsche, war Ilse für Debbie wie eine »zweite Mutter« gewesen, nachdem Renate nach Deutschland zurückgekehrt war. Ilse ging sehr gern im »German Club« essen und hatte sich gefreut, dass sich ein Mädchen wie Debbie in ihren gestörten Sohn verliebt hatte. Von nun an bekam Mark seinen Sohn also nur noch im Haus seiner Mutter zu Gesicht.
Mark besuchte gerade seinen Bruder in Texas. Es würde somit in den nächsten Tagen keine Dramen geben, und ausnahmsweise konnten alle sich mal entspannen.
Es war bis dahin ein eher unspektakuläres Wochenende gewesen, auch wenn die Morgenzeitung interessante Neuigkeiten brachte: Die Kunstturnerin Nadia Comăneci, Publikumsliebling der Olympischen Spiele 1976, war aus Rumänien in die USA geflohen und ersuchte dort um politisches Asyl. Der Film Grifters, mit Anjelica Huston und ihrem damaligen Lebensgefährten Jack Nicholson, wurde gerade im Großraum Phoenix gedreht. Muhammad Ali warb für sein neues Herrenparfum und trat Gerüchten über seinen sich verschlechternden Gesundheitszustand entgegen. Michail Gorbatschow wurde im Vatikan von Papst Johannes Paul II. empfangen.
Als Debra am Freitagabend von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte Jim sie gebeten, sich am nächsten Tag ihr Auto ausleihen zu dürfen, um in einem Einkaufszentrum einige Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Wie jeden ersten Freitag im Monat hatte er seine Invalidenrente erhalten. Er war Vietnam-Veteran und konnte aufgrund seiner schweren Verwundungen nicht mehr arbeiten. Er wollte Christopher und seine Tochter Wendi mitnehmen, dann Wendi anschließend bei ihrer Mutter absetzen, wo sie übernachten würde. Debra gefiel die Idee. Sie erledigte freitagabends gern ihre Wäsche, denn zu dieser Zeit waren die Maschinen im Waschraum der Wohnanlage Country Gables Apartments meist frei. Außerdem erleichterte es die Arbeit, wenn ihr Christopher nicht zwischen den Füßen herumlief, während sie Wäschekörbe treppauf, treppab und in das Nachbargebäude schleppte.
Die ganze Sache hatte nichts Ungewöhnliches an sich. Jim lieh sich oft Debras Wagen, da sein eigener kaputt war. Als Gegenleistung dafür, dass er tagsüber auf Christopher aufpasste, überließ sie ihm gern den weißen Toyota, den Renate und Alex ihr im September gekauft hatten.
Debra erinnert sich, wie sie auf dem Sofa saß und Wäsche vorsortierte. Als sie die Taschen einer Jeans von Jim ausleerte, fand sie eine noch verschlossene Packung Patronen. »Ich wusste, dass Jim einen Revolver besaß – er hat ihn mir gezeigt, nachdem er ihn gekauft hatte. Mir gefiel das gar nicht, denn ich wollte wegen Christopher keine Waffen im Haus haben. Jim legte den Revolver in eine Schachtel, die er ganz oben in seinem Wandschrank verstaute.« Sie nahm an, dass diese Patronen für jene Waffe bestimmt waren. »Anstatt aufzustehen und diese verdammten Dinger in Jims Schlafzimmer zu bringen, ließ ich sie in meiner Handtasche verschwinden, die neben mir auf der Couch lag, denn ich wollte nicht, dass sie irgendwo herumlagen und Christopher sie womöglich fand. Ich steckte sie fürs Erste in ein Reißverschlussfach.«
Christopher kehrte an jenem Freitagabend mit leuchtenden Augen aus dem Einkaufszentrum nach Hause. Er erinnerte seine Mutter daran, dass sie ihm versprochen hatte, dieses Jahr werde er den Weihnachtsmann treffen. Jim hatte Chris ein frühes Weihnachtsgeschenk gemacht, ein kleines Auto mit Fernsteuerung, das der Junge nun im Wohnzimmer herumfahren ließ. Er hatte ihm auch Gummibärchen gekauft, die Chris gern futterte.
Debra und Jim sprachen darüber, einen Weihnachtsbaum zu besorgen – der ihr einziger gemeinsamer geblieben wäre. Sie hatte ihm bereits mitgeteilt, dass sie Anfang Januar ausziehen würde. »Ich habe den Umzug auf die Zeit nach Weihnachten gelegt, um ihm mehr Zeit zu geben, einen neuen Untermieter zu finden«, erinnert sie sich.
Aufgeregt und erschöpft, die Arbeitswoche hinter und das Wochenende vor sich – so ging Debra Milke am 1. Dezember 1989 abends zu Bett, und ihr Sohn schlief neben ihr.
Sie hatte bereits beschlossen, Christopher ein Fahrrad zu Weihnachten zu schenken – mit Stützrädern. Ihr kleiner Sohn liebte die Geschwindigkeit, und sie sah schon vor sich, wie er auf diesem Rad herumrasen würde. Im Jahr zuvor hatte er ein Dreirad bekommen, und sie war immer noch verblüfft, dass er diesem Dreirad so schnell entwachsen war. Bisher hatte sie ihm als Weihnachtsgeschenk nur ein Kinderklavier gekauft, das unter Jims Bett versteckt war.
Wenn Debbie so richtig glücklich sein wollte, erinnerte sie sich an den Moment, als sie Christopher das erste Mal auf dem Arm gehalten hatte. »Er schlug die Augen auf und sah mich so eindringlich an, dass ich mir sicher war, dass er mich sofort als seine Mutter erkannte. Bei seinem Anblick bin ich förmlich dahingeschmolzen. Ich staunte über die Perfektion seines Gesichts, seiner kleinen Hände und Füße. Er ist für mich das Kostbarste auf der ganzen Welt.«
