Ein Gespräch über die Liebe - Eve Kosofsky Sedgwick - E-Book

Ein Gespräch über die Liebe E-Book

Eve Kosofsky Sedgwick

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Beschreibung

Eve Kosofsky Sedgwick (1950–2009) gehört zu den Begründer:innen der Queer-Theory und wurde insbesondere mit »Epistemology of the Closet« (1990) bekannt. 1991 wird bei ihr Brustkrebs diagnostiziert; als sie nach der Therapie an einer Depression erkrankt, entschließt sie sich, eine Psychotherapie zu beginnen. In »Ein Gespräch über die Liebe« zeichnet Kosofsky Sedgwick den Verlauf der Therapie nach. Das ungewöhnliche an diesem Buch: Die Stimme des Therapeuten, Shannon Van Wey, ist Teil des Textes. Eve Kosofsky Sedgwick erzählt von ihren Bedenken und Gefühlen, gibt den Austausch mit Shannon wieder und druckt Teile aus seinem Notizbuch ab, das er ihr nach dem Behandlungsende zur Verfügung stellte. So werden wir Zeugen eines vielschichtigen und faszinierenden Therapieverlaufs, der sich bald weit weg vom ursprünglichen Anlass fortbewegt. »Ein Gespräch über die Liebe« nutzt von Beginn weg auch lyrische Elemente, die den traditionellen Dichterdialogen Japans angelehnt sind und die für das stehen, was sich nur ungenügend sagen lässt. Diese eigensinnige, seltsam heitere »Memoir« zeigt eine neugierige, mutige, unbestechliche Denkerin, die sich Fragen stellen will, denen sie bisher – aus Scham, aus Ungeduld, aus Angst vor Kontrollverlust – lieber ausgewichen ist. »Ein Gespräch über die Liebe«, 2000 auf Englisch unter dem Titel »A Dialogue on Love« erschienen, ist das erste Werk der Autorin, das vollständig in deutscher Sprache erhältlich ist. »Außerdem – und was jetzt kommt, ist viel wichtiger –, ich bin Feministin, seit ich weiß, was das Wort bedeutet, und es ist für mich unabdingbar, dass auch mein Therapeut ein Feminist ist. Ich habe keine Checkliste oder einen Lackmustest, um zu definieren, was dazu gehört, aber ich nehme an, Sie wissen, ob Sie einer sind.« – Eve Sedgwick zu Shannon Van Wey, ihrem Therapeuten »Das erste Mal erlebte ich Sedgwick in einem Doktorandenseminar […]. In der Vorstellungsrunde teilte sie uns mit, sie habe eine Therapie angefangen, weil sie den Wunsch hatte, glücklicher zu sein. Dass eine einschüchternde Theorie-Hochkaräterin wie sie so etwas zugab, hat mein Leben verändert.« – Maggie Nelson, Die Argonauten, S. 144

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der rüffer & rub Sachbuchverlag wird vom Bundesamt

für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre

2021–2024 unterstützt.

Copyright © 1999 by Eve Kosofsky Sedgwick

Published by arrangement with Beacon Press

Erste Auflage Frühjahr 2024

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2024 by rüffer & rub Sachbuchverlag GmbH, Zürich

[email protected] | www.ruefferundrub.ch

Bildnachweis:

Alle Abbildungen: © Hal Sedgwick

E-Book-Konvertierung: Bookwire GmbH

ISBN 978-3-907351-24-6

eISBN 978-3-907351-33-8

Inhalt

Zu diesem Buch

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Anhang

Vielen Dank, Shannon.Tim, danke!Und ich danke meinergeschätzten Familie,meinen Freunden.

Eve Kosofsky Sedgwick war mir nicht neu, als ich ihr in Maggie Nelsons »Die Argonauten« begegnete. Nelson beschreibt da, wie sie mit ihrem Partner Harry Dodge nach Florida fährt, beide in hormonellen Stürmen gefangen – sie, weil sie schwanger ist, Harry wegen der-Testosterontherapie im Rahmen seiner Transition … Nelson sitzt also windgeschützt unter einer Strandmuschel am Meer und liest Sedgwicks »A Dialogue on Love«. Davor schon war Sedgwick eingeführt worden als charismatische Lehrperson mit einer sehr besonderen Aura, »die damit zu tun hatte, dass sie dick war, Sommersprossen hatte, schnell knallrot anlief, in Stoffbahnen gehüllt, großzügig, unheimlich herzlich, beinahe sadistisch intelligent und zu der Zeit, als ich sie kennenlernte, unheilbar krank«.

Nicht zum ersten Mal war mir der Name Sedgwick da untergekommen. Die »Königin« der Queer-Theorie, der Gay and Lesbian Studies der 1980er und 90er, trat mir seit Jahren in Romanen, Büchern, Essays von so unterschiedlichen Autoren wie Edouard Louis, Daniel Schreiber oder Olivia Laing entgegen, oft beiläufig, immer bewundernd erwähnt. Als müsste man sie kennen. Mit Nelsons »Argonauten« erhielt ich ein Bild von ihr, und mit »Dialogue« einen Buchtitel als Einstieg in ihr Werk.

»A Dialogue on Love« – »Ein Gespräch über die Liebe«. Für mich ein in jeder Hinsicht erstaunliches Leseerlebnis. Überraschend deswegen, weil der Bericht einer Therapierfahrung eine Stimme einschließt, die sonst meist außen vor bleibt: Diejenige des Therapeuten Shannon Van Wey, aus dessen Notizen Sedgwick zitiert, zitieren darf. Ist das erlaubt?, fragte ich mich eingangs. Und: Will eine Analysandin überhaupt wissen, was ihr Therapeut während der Sitzungen in sein Notizbuch schreibt? (In diesem Fall, ja.) Die mutige, schonungslos offene Erkundung einer Selbstwerdung, die mit der frühen Kindheit einsetzt, las sich dann unerwartet mitreißend. Den Anstoß zur Therapie hatten die Folgen einer Brustkrebserkrankung gegeben: Sedgwick fühlt sich nach Mastektomie und Chemotherapie wie »zerstückelt«, sie will wieder hin zu einem Ganzen – aber nicht, wie es zuvor gewesen ist. Den Weg zu einem »echteren« Ich schildert sie als emotionales und intellektuelles, immer wieder auch schmerzhaftes Abenteuer, ein wellenartiges Auf und Ab, das sie schließlich zum textilen Kunsthandwerk und zum Buddhismus führen wird: Welten, die sich dem neuen Ich-Bewusstsein non-kausal und lustvoll öffnen.

Die Materialien dieses Buchs, literarisch bearbeitet, fügen sich über die japanische Mischform des Haibun zu einem ungewöhnlichen Ganzen. Sedgwick folgt dem Verlauf ihrer Therapie in einem Ineinander von Prosa und Haiku und lässt sich dabei von dem Vorbild des Lyrikers James Merrill mit seinem 14-teiligen Haibun »Prose of Departure« leiten. Merrills Gedicht handelt von einer Reise nach Japan und betrauert aus der Ferne einen Freund, der in New York gerade an AIDS stirbt. Vier weitere Freunde, heißt es darin, seien in diesem Jahr bereits der Krankheit erlegen; Merrill selbst wusste bei Abfassung des Gedichts, dass er HIV-positiv ist. 1986, als »Prose of Departure« in der »New York Review of Books« erschien, galt AIDS noch als gay scourge, als Schwulenseuche. Sechs Jahre später ist in »Ein Gespräch über die Liebe« AIDS eins der wenigen Themen, das den Inhalt des Buches in einer historischen Zeit verortet. Für Sedgwicks Freunde ist die Erkrankung an AIDS ein Todesurteil; die antiretrovirale Therapie ist erst ab 1996 frei verfügbar. Zugleich ist 1996 das Jahr, in dem Sedgwick erfährt, dass ihr Krebs in die Knochen metastasiert hat: Für sie, so schreibt sie in einem späten Essay, war das der Übertritt aus dem Reich der Lebenden in das »Bardo des Sterbens«. Sie zieht 1997 nach New York, zu ihrem langjährigen Ehemann und Gefährten Hal Sedgwick, und lehrt dort weiter, nun an der CUNY, zuletzt in ihren Privaträumen, bei Pizza und Bier. 2009 stirbt sie mit 58 Jahren.

Die Jura-Professorin Philomina Tsoukala beschreibt ihre erste Begegnung mit Sedgwicks Schreiben so: Die Lektüre habe sich angefühlt, »als hätte Eve Sedgwick gerade etwas mit mir angestellt, mir etwas angetan.« Meine Erfahrung mit »Ein Gespräch über die Liebe« ist ähnlich: Es ist, als sei mein Denken, mein Erleben unmerklich geschärft worden. Wie Sedgwick das »macht«, bleibt mir ein Rätsel, aber sicher ist dieser Effekt ein Grund, warum ich diese Autorin bei so manchen weiteren Schreibenden antreffe. Es gibt nicht viele Bücher, von denen ich glaube, dass eine Übersetzung ins Deutsche zwingend und sogar notwendig sein könnte. »Ein Gespräch über die Liebe« gehört dazu.

Brigitte Helbling

April 2024

1992

Wie es aussieht, möchte ich als Patientin in Erscheinung treten. »Oh, vermutlich sollte ich Sie meine Klientin nennen, nicht meine Patientin«, hat Shannon mal gesagt, »aber so hat man uns das eben beigebracht, damals im Studium – und irgendwie ist es gar nicht so leicht, die Angewohnheit abzulegen.«

Im Übrigen mag ich »Patientin«. Es stimmt ja auch, dass ich sehr viel patience – Geduld – haben kann. Shannon ebenfalls, daher fühlt sich das Wort nicht an, als würde er mich auf Distanz halten. Außerdem wirkt es wie ein bescheidenes,

anspruchsloses Wort,das weiter nichts will als – nun,glücklicher zu sein,

und beseelt ist vom Wunsch, das stimmt, dass da ein anderer sei, der seinen Teil in Sachen Glücksgewinnung für mich schultert.

____

Am Tag, nachdem ich meine Nachricht hinterlassen hatte, lieferte mir das Telefon eine freundliche, männliche Stimme mit dem im Mittleren Westen typischen

leicht herben Tonfall.Eve Sedgwick? Shannon Van Wey.Oh! Bin ich am Ziel?

____

Und dann, im Wartezimmer, hatte ich da irgendeine Vorstellung von ihm? Die attraktiven, schlanken, gut gekleideten Therapeuten dieser großen Praxis, Frauen und Männer, durchqueren den sonnigen Raum, begrüßen ihre Patienten, begleiten sie hinauf oder hinüber …

Ich schaue jeden der Männer erwartungsvoll an.

Und jetzt versuche ich, mich an den grotesken, beruhigenden Schock zu erinnern, als Shannon über eine Treppe in dieses Bild schwebt, sanft und doch munter, mit seinem weichen, grauen Haarschopf, das Gesicht

breit, cherubenhaft,fassförmiger Thorax, lang-armig, kurzbeinig,

wie Rumpelstilzchen, in einem ohne Frage perfekt gebügelten, kurzärmeligen

Baumwollhemd in derFarbe eines Pfefferminz-Bonbons, reingestopft

in den Hosenbund an seiner rundlichen Taille. Wenn es so heiß war wie üblich Anfang September in Durham, hatte er auch noch ein Taschentuch bei sich, um sich die Stirn zu wischen.

Dann war da zweifellos das sonore Poltern einer herzlichen Begrüßung; mein zaghafter Gruß ging vielleicht darin unter. War das alltäglich für ihn – die erste Begegnung in diesem vertrauten Raum mit großen, weiblichen Körpern mittleren Alters, kleingemacht durch unsere leisen, zarten Stimmen? Vielleicht ist das in manchen Handbüchern die heimliche Definition von »Depression«.

»Und doch«, (sagte ich zu ihm, nachdem ich in seiner Praxis eine Etage höher Platz genommen hatte), »bin ich mir nicht sicher, ob ›depressiv‹ das richtige Wort ist für das, was ich bin. Depressiv ist,

was alle sagen –ich weine dieser Tagein vielen Praxen«,

(und sicher traten mir dabei Tränen in die Augen). »Aber ich glaube, ich erkenne eine Depression, ich habe meine ganz eigene Geschichte damit; und es fühlte sich vor 20 Jahren, als ich wirklich eine hatte, viel weniger erträglich an als das jetzt. Viel weniger.«

»Und doch weinen Sie.«

____

In einem teuer renovierten Altbau ein Raum. Ein großes, teppichloses Karree, das fast kubisch wirkt durch die hohe Decke. In den niedrigen Bücherregalen nicht sehr viele Bücher; auf dem Schreibtisch ein moderates, überschaubares Papierchaos; gerahmte Drucke, ordentlich auf dem Boden gestapelt, sehen aus, als könnten sie noch weitere Jahre aufs Aufhängen warten.

Unter den hohen Fenstern eine Ansammlung bedeutungsvoller Tchotchkes, Nippesfiguren, wie die Leute sie gern ihren Seelenklempnern schenken, viele davon aus Glas. Große Stühle flankieren ein farbneutrales Sofa mit pastellfarbenen Flecken.

Ein Raum, der nicht nur hell ist von Sonne und Deckenbeleuchtung, sondern, falls das den Eindruck besser fasst, »licht«, metaphysisch licht. Ich frage mich,

ob er Unpersön-lichkeit reflektiert oderselbst schon jemand ist.

____

Der offizielle Auslöser war eine Brustkrebsdiagnose vor 18 Monaten.

Shannon setzt bei diesen Worten keine empathische Miene auf, sagt auch nicht: »Das muss schwer für Sie gewesen sein.« Er nickt nur kurz.

»Irgendwie kam ich ganz gut damit zurecht. Ich erholte mich schnell von der Mastektomie, und als herauskam, dass auch ein paar Lymphknoten befallen waren, stand ich sechs Monate Chemotherapie ohne allzu viele Nebenwirkungen durch. Wissen Sie, ich fand die Chemo schrecklich, sie machte mich völlig mürbe, aber … Meine Rettung war, dass meine Angst sich in Grenzen hielt. Ich weiß, es gibt Leute, die unglaubliche Angst davor haben, Krebs zu bekommen, eine Operation durchzustehen oder mit der Wahrscheinlichkeit des Sterbens umgehen zu müssen.« Ich schüttle immer wieder den Kopf.

Das sind nicht meine größten Ängste. Ich fürchte mich vor

jedem bösen Ding,das meine Liebsten bedroht;für mich nur die Angst,

irgendwann nicht mehrzu wissen, wie die Welt ummich noch begehren.

»Das ist es, was Sie mit echter Depression meinen?«

»Oh, ja.«

In gewisser Hinsicht kam die Krebsdiagnose zur bestmöglichen Zeit. Zumindest, wenn es ein Kriterium ist, dass man sich bereit fühlt zu sterben. Es war ungefähr zwei Monate, nachdem ein Buch von mir herausgekommen war.

»Welche Art von Büchern schreiben Sie denn?«

Ich sage Shannon, dass ich Literaturwissenschaftlerin bin; ich arbeite im Bereich Gay and Lesbian Studies.

Das Buch hieß »Epistemology of the Closet«, und das Schreiben daran, den ganzen Entstehungsprozess, hatte ich aus irgendeinem Grunde als sehr anstrengend erlebt.

»Daher war ich überrascht, wie erfüllend die Veröffentlichung war. Schon allein als Objekt sah das Buch sehr hübsch aus – alle sagten das. Und für ein akademisches Buch bekam es sehr viel Aufmerksamkeit, sehr viel Lob.

Es war einer dieser glücklichen Momente, in denen man zu sich selbst sagt: Okay, das ist gut, das ist genug; ich bin jetzt bereit zu gehen. Als die Diagnose kam, fühlte ich mich – als Intellektuelle – geliebt, gebraucht, gewürdigt. Ich wäre wirklich damit einverstanden gewesen aufzuhören, solange ich oben war.«

»Hat es Sie überrascht, dass Sie dieses Gefühl hatten?«

»Nein. Nein.«

Nein.

Mich geliebt und geschätzt zu fühlen – daran habe ich mich langsam gewöhnt. Und auch an den Wunsch, nicht am Leben zu sein! Er ist eine der ältesten Empfindungen, an die ich mich erinnern kann.

____

»Aber Ihr Wunsch hat sich nicht erfüllt.«

»Oh, nein, so funktioniert Brustkrebs normalerweise nicht. Ich fühlte mich krank, aber das kam von der Behandlung, nicht von der Krankheit – falls der Krebs mich je zur Strecke bringt, dann wahrscheinlich erst in einigen Jahren. Und die Chancen dafür stehen ungefähr fifty-fifty.«

Vermutlich erscheint ein Lächeln auf Shannons Gesicht, als ich das sage. Sicher nicht, weil er mich krank haben möchte, und auch nicht, weil er sich freut, dass ich vielleicht wieder gesund werde. Sondern eher, weil er sich für einen Moment mit der mechanischen Eleganz der Falle identifiziert, die diese Krankheit für eine ängstliche und ambivalente Psyche bereithält. Bei »fifty-fifty« vermute ich in ihm den Gedanken: Perfekt, umdiese Frau hier richtig schön auseinanderzunehmen.

Irgendwann in diesen frühen Sitzungen sagt Shannon etwas darüber, warum er Therapeut geworden ist: »Ich war immer von Maschinen fasziniert. Als ich ein Kind war, habe ich sie auseinandergenommen und wieder zusammengebaut, nur um mir klar zu werden, wie sie funktionieren. Das ist immer noch einer der Hauptgründe, warum ich meine Arbeit mag.«

Erste Erkenntnis:Mein Therapeut ist Fan vonkerligen Sprüchen.

____

Ich bin 42, und was bringe ich an Erwartungen zu diesem Treffen mit? Meine Geschichte als Patientin ähnelt meiner Geschichte als Raucherin: Ich habe es vor Jahren mehrmals versucht, aber nie gelernt zu inhalieren. All die Depressionen in meiner Kindheit und Jugend brachten es mit sich, dass ich über die Jahre hinweg viele Therapien begonnen habe. Vor allem in den schlimmsten Jahren, im Studium, gab es mehrere Versuche, mich einem Seelendoktor anzuvertrauen, und einer davon hat ein halbes Jahr gedauert. Sie scheiterten alle auf dieselbe Art und Weise. Ich ging zu diesen Frauen (Frauen, natürlich: Ich war eine Frau, und wer sonst hätte mich verstehen können,

wenn nicht eine Fraubei diesem Schmerz, der mir dieAugenhöhlen sprengt),

und innerhalb von drei oder höchstens vier Sitzungen landeten wir in einer Sackgasse und verkeilten uns so sehr ineinander, dass keine von uns sich mehr bewegen konnte.

Shannon schaut fragend.

»Ich erinnere mich nicht so genau«, sage ich, »und tatsächlich will ich das auch gar nicht, aber es stand immer der Vorwurf des ›Intellektualisierens‹ im Raum. Ganz typisch war zum Beispiel, dass ich etwas sagte wie: ›Ich bin nicht wütend, ich bin nur verwirrt über diesen oder jenen theoretischen Aspekt des Ganzen‹, und dass die Frau dann zurückgab: ›Aber warum haben Sie dann die Hände zu Fäusten geballt?‹ Und tatsächlich waren da Fäuste.«

Ob mir noch einfällt, wie wir darüber in eine Sackgasse gerieten?

»… Nun, es ist sicher richtig, dass mein Kontakt zu meinen Gefühlen nicht der allerbeste ist. Und in diesen schrecklich vereinfacht dargestellten Situationen bat mich die Frau dann immer, ich solle aufhören zu denken und stattdessen anfangen, ihr meine Gefühle mitzuteilen. Aber soweit ich das beurteilen kann, verfüge ich gar nicht über das, was man normalerweise Gefühle nennt! Ich war wirklich so ehrlich wie möglich. Da war nur kein Weg, wie ich ihre Forderung erfüllen konnte – was mich aggressiv machte –, und ich fühlte mich einfach nur schlecht dabei. Nachdem ich all das eine Weile mitgemacht hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Depression langsam nachließ und ich merkte, dass die Therapiestunde sich noch mehr wie eine Strafe anfühlte als der Rest der Woche. Also gab ich mir irgendwann einen Ruck und beendete das Ganze. Und dann kam immer derselbe Vorgang: Eine Frau, die plötzlich ganz fasziniert ist von meiner Entschlossenheit und mich fragt: ›Warum sind Sie denn nicht schon die ganze Zeit so gewesen?‹«

»Und, glauben Sie, dass Sie wirklich intellektualisiert haben?«

»Oh, ich weiß es nicht! Es war vor langer Zeit, ich war in einem so labilen Zustand, und vielleicht stimmte es. Aber halten Sie mich für verrückt, wenn ich sage, ich glaube nicht, dass ich es jetzt tue, oder jedenfalls nicht sehr?«

»Nein. Ist schon komisch, aber mir kommt es jedenfalls nicht so vor. Ich habe auch schon darauf gelauert und – nun, Intellektualisieren ist eine sehr spezifische Art von Selbstschutz, es hat einen eigenen Klang. Aber diesen Klang habe ich bisher nicht gehört.«

Ich kann mir vielleicht sogar vorstellen, wo er hin ist.

In den letzten paar Jahren sind einige Dinge passiert, bei denen ich überhaupt keinen Selbstschutz hatte. Es war wie mit der Maginot-Linie: Ich brachte die durchaus beeindruckenden, altbewährten Ressourcen des jahrzehntelangen Zermürbungskriegs, den ich mit meiner Depression ausgefochten hatte, in Stellung – und sie waren völlig wirkungslos. Im Handumdrehen in tausend Stücke geschlagen.

Daher glaube ich, dass ich vor einem Jahr, als die Chemo vorbei war und meine Haare wieder anfingen zu wachsen, eine fast bewusste Entscheidung gefällt habe. Wenn ich die Stücke dieses Selbst überhaupt wieder zusammenfügen kann, dann will ich nicht, dass das Ganze so wird, wie es gewesen ist. Nicht weil ich dachte, dass ich einen besseren Schutz vertragen könnte, sondern: Was ich wollte war, echter zu sein. Doch jetzt befürchte ich, noch

lange dürsten zumüssen in der steinigenWüste meines Selbst,

das droht, sich genauso zusammenzusetzen wie zuvor, am selben nebligen Ort der Mühsal.

Das interessiert Shannon. »Sie sagen mir also nicht, ich solle einfach dafür sorgen, dass der Schmerz weggeht, nicht wahr?«, bemerkt er sanft. »Auch glaube ich nicht, dass Sie mir eine Geschichte vom Krebs und dem Trauma der Sterblichkeit erzählen möchten.«

Das hat er richtig gehört. Ich lächle, als ich den Kopf schüttle.

____

Ich habe meinen Forderungskatalog mitgebracht. Keine Echo-Technik und kein Spiegeln, bitte. Wenn ich also sage,

I find no peace, and all my war is done,I fear and hope, I burn and freeze like ice,

dann möchte ich nicht, dass er antwortet, wie es alle meine Therapeutinnen zu Unizeiten getan haben: »Ich glaube, ich höre eine Ambivalenz in dem, was Sie sagen.«

Er nickt und fragt dann: »Habe ich das etwa gerade getan?«

»Hm, ich hatte den Eindruck, als würden Sie etwas Substanzielles fragen und nicht nur mich zu meinem eigenen Nutzen paraphrasieren. Fragen ist toll, ich mag es – aber wenn mich jemand auf eine routinierte Art und Weise paraphrasiert, dann kommt es mir vor, als würden meine eigenen Worte abgetan, nicht respektiert.«

»Es stimmt, mir ging es wirklich um die Frage. Okay. Ich werde noch ein wenig darüber nachdenken müssen, aber ich glaube doch, dass ich das leisten kann.«

»Und dann ist da noch was, das mit Freude zu tun hat und wichtig sein könnte. Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll: Ich hatte plötzlich diese Intuition, dass, wenn sich die Dinge für mich ändern sollen, das wohl eher nicht in einem qualvollen Prozess geschehen wird. Nicht so, wie ich es mir früher immer vorgestellt habe, also indem ich mich selbst mit Haut und Haaren an der Tür des Gesetzes abliefere. Ich habe immer einen tiefen, masochistischen Seufzer getan und in mir die Bereitschaft gesucht, mich der Disziplinarmaschinerie auszuliefern – so voller Schmerz, dass ich gar keine andere Wahl hatte. Aber eigentlich wusste ich nicht, wie genau das zu bewerkstelligen war, abgesehen davon, dass ich es sowieso nicht schaffte, meinen Entschluss aufrechtzuerhalten; mit dem Ergebnis, dass die Therapie einfach nicht funktionierte. Heute glaube ich, wenn mich irgendetwas zu einer echten Veränderung führen könnte, dann wäre das eher mit Lust und Freude verbunden. Kommt Ihnen das irgendwie logisch vor?«

»Oh, ja, das ergibt durchaus Sinn. Wenn ich mir selbst überlege, wie sich meine Arbeit für mich anfühlt … Nein, düster oder traurig sollte es auf keinen Fall sein. Wenigstens bleibt es nie sehr lange so. Allerdings muss ich sagen, es ist oft schmerzhaft –«

Mein etwas verstecktes Lächeln. »Ich kann Schmerz ertragen.«

»Aber Lust und Freude, ja, eine ganze Menge Freude ist das, was auch mich bei der Stange hält. Unterschiedliche Arten von Freude. Von den Menschen, die ich als Patienten annehme, glaube ich meistens, dass ich sie mögen und Spaß mit ihnen haben kann. Mit Ihnen könnte ich welchen haben, da bin ich mir ziemlich sicher. Wie das alles gehen soll, werden wir gemeinsam herausfinden.«

»Gut. Dann – na ja, für mich ist wichtig, dass Sie in meinem Alter sind oder älter.«

»Woher kommt das denn?«

»Ich weiß es nicht, aber etwas sagt mir, dass ich es nicht ertragen könnte, nach monatelanger Therapie zu erfahren, dass Sie, sagen wir mal, 32 sind.«

»Nein. Ich bin 48. Ich glaube, ich kann Ihnen versprechen, dass ich immer älter sein werde als Sie.«

»Außerdem – und was jetzt kommt, ist noch viel wichtiger –, ich bin Feministin, seit ich weiß, was das Wort bedeutet, und es ist für mich unabdingbar, dass auch mein Therapeut einer ist. Ich habe keine Checkliste oder einen Lackmustest, um zu definieren, was das heißt, aber ich nehme an, Sie wissen, ob Sie einer sind.«

Als Reaktion bekomme ich zwei fast ausdruckslose Nicker.

»Und – ich habe nicht vor, Sie nach Ihrer sexuellen Orientierung zu fragen, aber die Sache mit der Queerness ist so zentral in meinem Leben. Von meiner eigenen Sexualität einmal abgesehen ist sie im Herzen von so ziemlich allem, was ich als Erwachsene tue und liebe. Und, falls die Welt geteilt ist – und das scheint sie zu sein, nicht wahr? – in Menschen, die die AIDS-Epidemie von innen erleben, und Menschen, die sich in ihrem Außenraum bewegen, dann gehöre ich zu denen, die ziemlich weit drin sind. Daher, um mich bei Ihnen entspannen zu können, sollte ich wohl von vornherein wissen – jedenfalls so weit das überhaupt möglich ist –, dass dieses ganze Thema für Sie nicht mit Ängsten verbunden ist. Oder besser noch, dass es Ihnen vertraut ist und Sie völlig entspannt damit umgehen.«

____

»Ich habe nicht vor, Sie nach Ihrer sexuellen Orientierung zu fragen«, hatte ich betont – und er hatte ernst genickt. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Shannon war mir von einer anderen Therapeutin, die mich ziemlich gut kannte, mit großem Nachdruck empfohlen worden. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass, wenn jemand zu mir sagt,

»Ich bin mir sicher,dass du und X euch findet«– nun, dann ist X schwul.

Aber Shannon lässt sich nicht eindeutig einordnen. Dankenswerterweise steckt kein Ehering an seiner Hand, und auf seinem Schreibtisch stehen keine Fotos von Frau und Kindern. Aber könnten die Gründe dafür nicht auch Zurückhaltung und Zartgefühl sein?

Immerhin, wenn es Zartgefühl ist, würde mir das gefallen und zu mir passen.

Er sieht aber nicht zartfühlend aus. Oder schwul.

Er sieht eher aus wie ein Kerl. Jemand, der seinen Körper nie als Objekt des Begehrens gesehen hat, oder von anderen so gesehen wurde, oder wollte, dass er so gesehen wird. Wie jemand, für den vielleicht – im Gegensatz zu mir und nahezu allen mir nahestehenden Menschen – seine Daseinsberechtigung, sein O.K.-Sein mit dem, wer er ist und wie er ist, nie besonders infrage stand.

Es beunruhigt mich: Wie konnte so jemand das Denken und Fühlen lernen? Anscheinend ist er nicht mal Jude. Ich habe natürlich mitbekommen, dass der demografische Hintergrund von Leuten in der Psychotherapie sogar noch unterschiedlicher ist als ihr kultureller Horizont und ihre Ausbildung: Schließlich kann ich ja nicht immer nur auf Flüchtlinge aus Wien treffen, will es auch gar nicht. Und doch, dieser dem Herzen des Landes entstammende,

nasalstimmige,kornfutternde Holländer:Hat er denn Seele?

Und jetzt sagt er: »Ich will nicht sagen, ein paar meiner besten Freude seien …«

Dann ein zwangloses, selbstzufriedenes Lachen. Meint, er arbeite viel mit lesbischen und schwulen Klienten; hat auch immer wieder mit dem North Carolina Lesbian and Gay Health Project drüben in der Ninth Street zu tun.

Er fügt hinzu: »Aber ehrlich gesagt sehe ich es nicht als meine Aufgabe, die Leute dahin zu bringen, in irgendeine Schablone zu passen. Ich habe diesen Beruf sicher nicht gewählt, weil ich Versicherungsvertreter produzieren will.« Er benutzt die Formulierung so selbstbewusst, als hätte er sie schon bei unzähligen Patienten mit großem Erfolg angewandt. Zudem schwingt in seiner Stimme ein routiniert klingendes Lachen mit.

»Oder wenigstens«, korrigiert er sich, »habe ich das früher immer zu den Leuten gesagt. Dann fand ich mich eines Tages einem ausgesprochen netten Mann gegenüber, der Versicherungen verkauft hat. Vielleicht, wer weiß, ist das ja auch ganz in Ordnung?« Ein Kichern.

____

Nur gut, dass Shannon nicht versuchen will, mich für eine Versicherung zu rekrutieren, denn daran würde er sich vermutlich die Zähne ausbeißen.

Zumindest wäre es neu für mich, dass sie besonders versessen darauf sind, Hosen und Bürstenschnitt tragende, gut 100 Kilo schwere, schüchterne Schriftstellerinnen mittleren Alters anzuheuern, ob nun depressiv oder nicht, damit sie amerikanischen Hausbesitzern Finanzinstrumente andrehen.

Während wir auf seine Praxistür zugehen, machen wir einen provisorischen Termin für die kommende Woche aus und vereinbaren, dass ich ihn anrufe, falls ich diesen einhalten will. Ich vermute, dass ich das tun werde – aber von den vier Therapeuten, mit denen ich »Erstgespräche« arrangiert habe, steht noch eines aus, und es wäre nicht gut, eine vorschnelle Entscheidung zu treffen. Überdies ist sie auch noch Psychiaterin, was den Vorteil hätte, dass sie auch gleich die Antidepressiva verschreiben könnte, mit denen ich gerne anfangen würde. Shannon leuchten alle meine Argumente ein, und wir trennen uns in Offenheit und gegenseitigem Wohlwollen.

Aber, ach je. Schon auf dem Weg hinunter ins Wartezimmer meine ich ihn zu verspüren, den ambivalenten Druck, der diese Entscheidung umkreisen wird.

Aus der einen Richtung kommen die Worte, die mein Vokabular der Verachtung ausmachen; Worte, die ich nie laut ausspreche und die zu den schlimmsten gehören, die ich kenne. »Albern« ist eins davon. »Selbstgefällig« ein anderes. »Dumm« ist das übergreifende Thema. »Wie dämlich muss man sein …«, tobt es plötzlich in meinen Kopf – wie dämlich, konkret, mich als eine zu sehen, die sich so mir nichts, dir nichts bezirzen und einlullen ließe?

Ist Shannon dumm? Rein theoretisch habe ich mich längst damit abgefunden, dass ich mit einem Therapeuten, der auffallend geistreich oder sogar ein Intellektueller ist, nur schwer eine Verbindung aufbauen würde. Wahrscheinlich würde ich mir so einen auch gar nicht aussuchen. So weit die Theorie; aber in der wirklichen Welt ist Dummheit nicht ein Mangel, sondern eine aggressiv positive, sich für befugt haltende Präsenz, und es wäre eine grausame Medizin, mir Geist und Psyche daran wundscheuern zu müssen.

Diese Sätze heftiger Abwertung:

Ein Sturm, der Hagelund glitzernden Schnee gegenschwarze Hügel jagt.

____

Von der anderen Seite aber kommt nichts.

Ruht die Verteidigung?

Ja. Dabei hätte sie Worte genug zugunsten des teilnahmsvollen Shannon finden können: die ruhige Eleganz in einigen seiner Antworten, die Freundlichkeit in allen, ein anziehend »queeres« Körpergewicht, die offensichtliche Bereitschaft, eine Ausdrucksweise, die nicht die seine ist, nicht nur zu respektieren, sondern zu genießen. Nichts davon. Stattdessen, wortlos, nur eine irgendwie in sich ruhende Erfahrung mit erschütterndem Eigengewicht – mir

bewusst, wie Erde,weniger als Bedürfnisdenn als Element.

Wenn ich in diesem Moment ein Bild vor mir hatte, dann vielleicht eins aus dem »Scientific American« aus der Zeit, als ich etwa zehn oder zwölf Jahre alt war. Ist die Erinnerung echt oder bilde ich sie mir nur ein? Ein Artikel über Harry Harlows Studien mit Babyaffen, wahrscheinlich. Grell blitzbelichtete Schwarz-Weiß-Fotos und Zeichnungen in dem weich gestrichelten, haptischen Stil des Magazins: Haarige Affenkinder, die sich von der Drahtattrappe ihrer »Mutter« abwenden, obwohl diese so beschaffen ist, dass sie Milch gibt, sobald sie sich an ihr stacheliges Gerüst schmiegen. Das aber wollen sie nicht. Viel lieber klammern sie sich an die milchlose, weiß-geschwollene Brust ihrer Schwester, die zwar auch aus Draht, aber mit Frottee ausgepolstert ist, sodass sie bei der Umarmung nachgibt und die Objektbesetzung einfacher macht …

Wer würde es wagen, diese mageren, gierigen, liebenden Greifzehen, eine nach der anderen, von dem Frotteebusen wegzureißen?

Eine so furchtlose Person könnte dann auch versuchen, mich von meiner Verabredung in der kommenden Woche abzuhalten, im Pfingstsonnenlicht dieser Praxis, ein luftiges Rund, in dessen weichen

Schoß ich scheinbar schongehüpft bin, für länger, wieausnehmend seltsam!

____

Als ich anrief, um Ja zu sagen,

… kann ich beschwören,dass er nicht sagte: »Au fein«?Termin bleibt – gleich da.

Er ist schwer, dieser Teil. In den Tagebüchern, die ich als Kind jedes Jahr in den ersten Januartagen neu anfing, scheiterte ich regelmäßig schon an dem Bedürfnis, alle Dramatis personae auf einmal einführen zu wollen.

Meine ältere Schwester Nina konnte das sehr gut. In ihrem Tagebuch von 1958 steht zu lesen: »Ich bin ein 11-jähriges Mädchen und heiße Nina Kosofsky. Ich wiege 34 Kilo und habe dunkle Haare und dunkle Augen. Ich bin

manchmal aufbrausend.Die Schreiberin vergnügt sichmit Lesen, Puppen,

Tanzen, dem Schreiben von Geschichten, Gedichten und Theaterstücken. Wandern finde ich auch gut.

Buttons ist unsere fast 7-jährige Katze. Sie ist sehr fett und alle denken immer, dass sie bald Junge bekommt. (Kann sie aber nicht, da sie sterilisiert ist). Sie ist sehr unfreundlich zu anderen Katzen und Katern. Ihr Fell ist schwarz und grau, mit weißen Streifen, nur der Bauch ist irgendwie orange.

David ist mein 4- und bald 5-jähriger Bruder. Er sieht mir ziemlich ähnlich. David ist sehr süß, wenn er will (und er will fast immer), aber das weiß er auch. Er redet keine Babysprache und lispelt auch nicht, außer dass er manchmal tsch als d ausspricht und th als v.

Mommy.

Meine Mutter heißtRita Goldstein Kosofsky,ist 36.

Sie sieht mir ebenfalls sehr ähnlich. Mommy ist sehr ausgeglichen. Ganz anders als viele Mütter mag sie (fast) immer neue Ideen und nutzt sie meist auch. Ich liebe sie wirklich sehr.

Daddy. Leon J. Kosofsky, mein Vater, ist 38 Jahre alt. Er ist nicht dick, nur einfach sehr groß. Er ist fast kahl, bis auf ein paar Haare außen um den Kopf herum. Er ist manchmal

aufbrausend, was oftmeine Schuld ist, aber meistist er doch sehr nett

und verständnisvoll. Daddy kann manchmal fast genau wie Yul Brynner aussehen. Ich liebe ihn sehr.

Eve, meine Schwester, ist 8 Jahre alt. Sie hat helle Haare und Sommersprossen. Sie ist wirklich ein ›Bücherwurm‹. Ich glaube, das ist der Grund, warum sie so alt wirkt. Eve ist ziemlich mollig (2 Kilo schwerer als ich). Ich kann

mich erinnern, dasssie ausgeglichener war,als sie noch klein war,

obwohl sie noch immer ziemlich locker ist.«

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Tatsächlich stellt sich recht bald die Aufgabe, den Schauplatz abzustecken. Es bereitet mir kein Vergnügen, eher Angst, in diesem oder welchem Raum auch immer eine Kosofsky-Welt heraufzubeschwören. Aber ich merke, dass die Tatsache, Shannon etwas zu erzählen – eigentlich egal, was – mir eine ganz neue Motivlage bietet, der ich mich schamlos hingebe.

Nein, der schwierigere Teil ist, es jetzt zu erzählen; mich zu entschließen, wie ich die Eingeweide des Labyrinths aufdröseln will, all dessen,

was ich nicht wusste,und wann ich es nicht wusste;wie sich das anfühlt,

Dinge nicht zu wissen; ich meine nicht mal große Dinge, sondern einfach nur ganz normale Sachen.

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»Die kanonischen Themengebiete, Liebe und Arbeit, sind eigenartigerweise unproblematisch bei mir. Ich meine, natürlich gibt es Probleme, auch ein paar große, aber es kommt mir nicht vor, als wären das die Bereiche, wo das Problem zu Hause ist. Vorausgesetzt, dass es so etwas wie DAS Problem überhaupt gibt.«

»›Das Problem‹ …?«

»Oh, ich meine … das ontologische Problem. Was stimmt nicht mit Eve?«

Warum wirkt es so, als würden sie und das Leben einander ablehnen. Denn im Grunde ist

es nicht so, dass dieDinge bei mir nicht laufen.Das tun sie sehr wohl!

In vieler Hinsichtganz prima. – Das macht mir Angst:dass sich was ändert

(und ändern muss sich für mein Gefühl einiges), denn wäre es dann nicht zum Schlechteren?

Ich nehme an, hier flossen Tränen. Nicht in Strömen, aber ein paar Tropfen sicher: Ich definiere sie verachtungsvoll als Tränen einer Privilegierten.

Es ist beängstigend, so wenig Verbindung zu spüren mit einem Leben, das so voll ist mit dem, wonach sich andere Leute sehnen – zu Recht sehnen, glaube ich: viel Intimität, genug Geld, Frieden und Privacy, intellektuelle Anregung, jede Menge Wertschätzung, Zeit für meine eigene Arbeit, keine Gewalt, beide Eltern am Leben, meistens gute Gesundheit, eine lange, zärtliche Beziehung mit meinem Kerl, Unmengen von wunderbaren Freunden … Es ist nicht so, dass ich all diese Dinge nicht zu schätzen wüsste. Das tue ich wohl: Als Kind habe ich sicher nicht erwartet, irgendwann einmal so vieles davon zu bekommen. Es erscheint mir fast wie ein Wunder, als Frau, dass ich nie vergewaltigt oder misshandelt wurde oder ungewollt schwanger war. Mir ist vollkommen klar, dass die Dinge nicht nur unendlich viel schlimmer sein könnten, sondern dass sie es für viele Leute auch sind. Auch wenn das nicht unbedingt eine erheiternde Feststellung ist!

Aber irgendwie findet das Erfreuliche an diesen Dingen nicht den Weg in mein Inneres. Ich verfolge sie zwar durchaus zielbewusst, aber wenn sie dann da sind, ist es, als ob ich nicht wüsste, wie ich meine Hand ausstrecken und sie zu mir heranziehen soll.

Es gibt ein christliches Lied, dessen Text ich sehr gerne mag,

For the beauty of the earth,For the beauty of the skies,For the love that from our birthOver and around us lies

– vielleicht unsinnigerweise mag, denn was ich daran schätze, ist das Pathos, mit dem die Schönheit und die Liebe beschrieben werden, als seien sie überall in der Welt, nur nicht in uns selbst.

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Ich war gewiss einmorbides, sensibles Kind,und der Gedanke,

jung zu sterben, warmir ein guter Freund. Es klingtkomisch, aber der

Todesgedanke gab mirein Gefühl von Sicherheit,Gehaltenwerden.

»Eine weitere Konsequenz davon war vielleicht, dass ich niemals eigene Kinder haben wollte.«

»Haben Sie denn welche?«

»Nein! Ich wollte nie welche. Die Freunde, die mich am längsten kennen, sagen, das sei immer so gewesen. Woran ich mich in dieser Hinsicht vor allem erinnere, ist ein tiefes, grenzenloses Gefühl des Vorwurfs gegenüber meinen Eltern, weil sie mich gezwungen haben, in diese Welt zu kommen. Und, oh, ich erinnere mich, wie ich dachte – wirklich wortwörtlich dachte, da war ich vielleicht acht oder höchstens elf Jahre alt: ›Ich könnte es nie ertragen, wenn irgendjemand,

mein eigenes Kind,mit solchen Vorwürfen zumir kommen würde.‹«

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Sie redet über ihren Wunsch, zu sterben oder nicht mehr zu sein, veranlasst durch die Entdeckung eines Knotens an ihrem Hals, der sie unverzüglich an Krebs denken ließ. Sie hat es nur ihrem Mann und einem Freund gesagt. Was sie für sich behält, ist ihr innerer Aufruhr angesichts der potenziellen Aussicht auf Krebs und Sterben, den sie pflegt und der zahlreiche Facetten hat. Schuldgefühle wegen »böser« Gedanken, aber auch ein wenig Erleichterung und Angst etc. Was mir auffällt, ist ihre Passivität und ihr Gefühl, durch den Tod gerettet zu werden. Sie ist mit der Rettung im Einklang – vom Tod gepackt und mitgenommen zu werden wie von einem Ritter auf einem weißen Pferd. Sie erwähnt auch Assoziationen mit »Lawrence von Arabien«1 und »Hinter dem Nordwind«2 – was ein Bild ergibt, das einen Grenzverlust und die Verschmelzung mit einer stummen Figur beinhaltet, die aktuell männlich ist, aber vielleicht nicht immer. Es steht im Gegensatz zu der Vorstellung, ihr Selbst in Interaktion mit einem Gegenüber herausbilden zu müssen. Beides wiederum unterscheidet sich vom Bild der warmen, liebenden, fürsorglichen Beziehung mit Freunden – in dem aber auch eine reifere Entwicklung der Rettungsfantasien stecken könnte.

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Shannon will wissen, ob ich das Gefühl habe, nicht wirklich zu existieren; oder vielleicht nur so zu tun, als würde ich existieren; oder ob es mir vorkommt, als würde ich mein Leben durch die Augen von jemand anderem betrachten. Aber es ist nicht das, was mir fehlt. Es ist etwas anderes.

Komme ich mir wie eine Betrügerin vor? Nein, nicht wirklich. Oh, und hatte ich jemals Suizidgedanken?

Ich weiß, dass ich niemals versucht habe, mich umzubringen. Daher glaube ich inzwischen auch zu wissen, dass ich es niemals tun würde oder tun könnte. Denn es gab eine ganze Reihe von Jahren – als Teenager und junge Frau –, in denen der Gedanke daran, Stunde um Stunde, ständig bei mir war, und ich mir damit immer wieder einen wohligen Schrecken eingejagt habe. Nein, heute denke ich wirklich nie daran.

Und warum es niemals geschehen ist … Nun, es ist schon so, dass für einen Suizid mehrere Dinge gleichzeitig der Fall sein müssen:

Der Wunsch, nicht zu sein,die Aggression gegenLebende, eine

Botschaft. Doch meineBotschaft war keine, für dieder Tod etwas taugt.

Ich wollte andernkeine Gewalt antun. Nureines: Nicht mehr sein.

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Ich komme mit Fotos an, die ich ihm zeigen will. Etwas verlegen, aber Shannon hat Lust darauf. Erstaunlich die Mischung (kommt mir jetzt vor) von Stolz und schlechter Laune in meiner Bildauswahl! Ich hatte mir, glaube ich, Therapie als den Ort vorgestellt, wo sich alte, sich windende Schmerzen in erwachsene, lautstarke Klagen verwandeln. Aber ich will auch, dass Shannon in uns diesen

ungebrochnen Kreiseines jüdischen Clans ausder tiefen Provinz

sieht, von dem jedes der Fotos den Beweis liefern soll. Will sein Gesicht beim Anblick von Nina sehen, die auf den Recorder pustet, leicht schielend; ihr Kastagnettenblick als »Spanische Tänzerin« in einer Ballettaufführung der Dayton School of Dance; drei Kinder in sehr ähnlichen Kleidern, die um einen Tisch herum sitzen und mit stumpfen Scheren Kunstwerke fabrizieren.

In einem kleinen Wohnzimmer das Sofa, auf dem mein Vater viele von diesen Bildern in Szene setzt: eine endlose Parade von identischen Schwester-Kleidern für Nina und Evie. Auch eine ganze Reihe von Zeugnissen unserer Schriftkundigkeit – Mommy, die Nina vorliest, Nina, die mir vorliest, ich (frühreif), die ich mir selbst meinen Reim mache. Später kommt niemand mehr auf die Idee zu dokumentieren, wann David, hier noch ein fröhliches Pummelchen, das geschriebene Wort entdeckt.

Eine Nebenhandlung. Von der Wand über dem Sofa schaut eine sorgenvolle Reihe von rabbinischen, existenziell elenden Gesichtern herab. Die Pinselführung rangiert von Cézanne-ähnlich bis Stil Rouault; die Gemälde gehören dem Dayton Art Institute, stammen aus der ausleihbaren Kollektion, und auch sie haben einen weiten Weg hinter sich, aus Brooklyn.

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Wir sehen wirklichgut aus. Sehr mediterran,fein dunkle Züge,

seelenvoll funkelnddie elegant bewimpertenKakao-Augen

– alle außer einem sonderbar molligen, rosafarbenen, knochenlosen Mittelkind; einer meiner schlimmsten Spitznamen ist »Marshmallow«.

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Es stimmt, es ist schwer, die Augen meiner Mutter zu sehen. Außer in ein paar lässigen Aufnahmen aus der Zeit, als sie noch in den Zwanzigern war, leidet sie an einem »Fotogesicht«, einer schmerzlichen, sich selbst fremden, klemmäugigen Grimasse,

die an ihrem Halszerrt und sie aussehen lässtwie Nancy Reagan

oder auch wie eine kleine Anne Sexton.3 Ein weiteres Ergebnis dieser Anspannung ist, dass jedes Kind, das klein genug ist, um von ihr im Arm gehalten zu werden, wegen des Blitzlichts in einem seltsamen Winkel von ihrem Körper absteht, oder aus ihren Armen zu ploppen scheint wie Toast aus dem Toaster.

Shannon fragt sich, an wen sich ihr Fotogesicht richtet. Ich vermute, an meinen Vater, der immer hinter dem Blitzlicht lauert? Aber das wahre Publikum für diese Fotos sind die vier New Yorker Großeltern – im Besonderen Nanny, die Mutter meiner Mutter, die all unsere Kleider selbst genäht hat und ganz bestimmt sehen will (oder jedenfalls wird vermutet, dass sie das will), wie sehr diese der jungen Familie einen familienhaften Anstrich verleihen.

Nina, andererseits, stellt Kulleraugen in ihrer platonisch idealen Form zur Schau, und in diesem spezifischen Moment westlicher Kulturgeschichte lässt sie das wie Annette Funicello4 aussehen. Frappierend, wie es ihr immer gelingt, als Säugling und Kind frontal im Bild zu sein – ob nun im Modus süß oder verführerisch;

sie wirkt so perfekt,da ist was, das Schnappschüssenden Schnapper entlockt.

Auch ist offensichtlich, dass sie ihre kleine Schwester liebt, wenn auch auf eine tollpatschige Art. Die Augen auf die Kamera fixiert, klammert sie sich gleichzeitig an meine Taille oder mein Bein, als gälte es ihr Leben – während ich offensichtlich darum kämpfe, dem Bild und ihrer Aufmerksamkeit zu entkommen. Auf den Bildern bin ich nie richtig da. Es ist, als würde ich mein ganzes Sein in meine Fingerkuppen zwingen, die irgendetwas zu greifen suchen, das gerade in der Nähe ist – ein ausgestopfter Pandabär, meine andere Hand, ein Buch oder eine Katze, den Stoff eines Rocks.

In den 15 oder 20 Jahren, seitdem sie verschwunden ist, sage ich zu Shannon, habe ich nie mehr an die Augen meiner Schwester gedacht. (Verschwunden,