Ein Herz für den Marquis - Marion Chesney - E-Book

Ein Herz für den Marquis E-Book

Marion Chesney

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Beschreibung

Vom gefeierten Juwel der Saison in zum erniedrigenden Leben einer Dienerin … Amaryllis Duvane ist die strahlende Schönheit der Saison – bewundert von allen, begehrt von vielen und kurz davor, den faszinierenden Marquis von Merechester zu heiraten. Doch mit dem Tod ihres Vaters verliert sie alles: Vermögen, Ansehen – und ihre Zukunftspläne. Gedemütigt ist sie gezwungen, bei wohlhabenden Verwandten als Dienerin zu arbeiten. Als ihr ehemaliger Verlobter beginnt, ausgerechnet einer ihrer ehrgeizigen Cousinen den Hof zu machen, kämpft Amaryllis darum, ihre Würde zu bewahren – und ihre unausgesprochenen Gefühle zu verbergen. Zwischen Verlust, Tapferkeit und stiller Sehnsucht muss sie ihren eigenen Weg finden ... Ein berührender historischer Liebesroman voll Gefühl, Stolz und heimlicher Leidenschaft – für Fans von Emmi West und Georgette Heyer.  

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

England, 1811: Die junge Harriet Clifton lebt mit ihrer Tante in Armut – und das obwohl ihre verwitwete Schwester Cordelia ein großes Vermögen geerbt hat. Ein Aufenthalt in Cordelias prachtvollem Stadthaus wird zu Harriets einziger Chance, ihrem entbehrungsreichen Leben auf dem Land zu entkommen. Doch als plötzlich der charmante, gutaussehende Marquis von Arden Interesse an der mittellosen Harriet zeigt, entbrennt eine erbitterte Rivalität – denn auch ihre Schwester Cordelia hofft, den Marquis für sich zu gewinnen. Was als stiller Wettstreit beginnt, steigert sich zu einer skandalösen Intrige, die plötzlich gefährlicher wird, als beide Schwestern ahnen …

eBook-Neuausgabe März 2026

Die englische Originalausgabe erschien 1986 erstmals unter dem Originaltitel »To dream of love« bei Ballantine Books, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1992 unter dem Titel »Wer von Liebe träumt« im Goldmann Verlag., ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann.

Copyright © 1986 der Originalausgabe bei Marion Chesney

Copyright © 1992 der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe

beim Wilhelm Goldmann Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Published by Arrangement with M.C. BEATON LIMITED.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Firefly/Nele Schütz Design

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)

 

ISBN 978-3-69076-712-5

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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M. C. Beaton als Marion Chesney

Ein Herz für den Marquis

Roman

Aus dem Englischen von Claudia Rackwitz

KAPITEL 1

 

Es war ein sehr kalter Frühling, an den sich Harriet Clifton zeit ihres Lebens erinnern sollte. Denn dieser Frühling wurde zum Wendepunkt in ihrem jungen Leben.

Harriet lebte in vornehmer Armut in einem weiträumigen Haus in der Nähe des Dorfes Lower Maxton, das in der Grafschaft Brent lag. Das Haus war das Einzige, was von dem einstmals großen Vermögen der Cliftons übriggeblieben war. Harriets Vater, Mr. James Clifton, war ein leidenschaftlicher Spieler gewesen, und als er an Typhus starb, hatte er seiner Frau außer dem Haus nur eine kleine Jahresrente hinterlassen. Mrs. Clifton, die schon immer kränkelte, war ihrem Ehemann nur knapp zwei Monate später ins Grab gefolgt. Darauf wurden Harriet und ihre ältere Schwester Cordelia der Obhut einer ältlichen unverheirateten Tante, Miss Rebecca Clifton, der Schwester ihres verstorbenen Vaters, anvertraut.

Als ihre Mutter starb, war Cordelia achtzehn und Harriet elf. Cordelia war eine Schönheit, die wußte, was sie wollte, und höchst ungehalten über die Armut war, die jetzt im Hause herrschte. Sie verstand es, die Aufmerksamkeit eines reichen Nachbarn, Lord Charles Bentley, auf sich zu ziehen. Als sie ihre Verlobung mit ihm ankündigte, waren Harriet und ihre Tante davon überzeugt, daß sich das Leben von nun an auch für sie sorgenfreier gestalten werde.

Aber Cordelia schien sie vergessen zu haben, sobald sie den Ring am Finger hatte. Ihr Lord starb nach nur sechs Monaten Ehe und hinterließ Cordelia sein gesamtes Vermögen. Sie versetzte die ganze Grafschaft in Entrüstung, als sie das Haus der Bentleys samt den Gütern und allem Drum und Dran verkaufte. Daraufhin zog sie nach London und wollte nichts davon wissen, daß sie eine jüngere Schwester und eine ältliche Tante hatte.

Harriet war inzwischen achtzehn und hatte sich bis zu diesem kalten Frühling des Jahres 1811 damit abgefunden, daß Cordelia auch in Zukunft keine Notiz von ihnen nehmen würde.

Das Herrenhaus der Cliftons hieß nach einem früheren Besitzer, der im Jahrhundert zuvor gestorben war, Pringle House.

Harriets Tante wußte nicht, wie sie mit dem wenigen Geld auskommen sollte. Sie mußten einen imposanten Salon nach dem anderen zuschließen, nachdem sie die Einrichtung verkauft hatten.

Auch die Diener hatten sie nach und nach entlassen müssen, bis schließlich nur noch Harriet und ihre Tante in einem kleinen Teil des Hauses lebten, während die Feuchtigkeit in die ungeheizten Räume drang und sich die Parkanlagen um das Haus herum in eine Wildnis aus Dornen und Unkraut verwandelten.

Harriet hatte ein Rasenstück auf der Südseite umgegraben und Gemüse gepflanzt und ein weiteres Stück in einen Hühnerhof verwandelt. Sie versuchte immer wieder, Tante Rebecca mit dem Hinweis aufzurichten, daß sie doch wenigstens frische Eier und Gemüse hätten, aber es war nicht leicht, dankbar zu sein, wenn es keine Möglichkeit gab, etwas gegen die feuchte Kälte zu unternehmen, die ihnen regelrecht in die Knochen kroch.

Harriet hatte vom Sägen und Entasten der umgestürzten Bäume Blasen an den rissigen Händen. Sie sehnte sich inbrünstig nach dem Sommer, während unaufhörlich ein kalter Ostwind stürmte und Schneegestöber mit sich brachte, die das undurchdringliche Gestrüpp dessen, was einst einer der schönsten Parks Englands gewesen war, mit einer weißen Schicht bedeckten.

Pringle House war schlecht gebaut. In den Wänden bildeten sich Risse, und die Fußböden wellten sich. Der Rauch des Küchenfeuers biß in die Augen, und im Salon verpuffte alle Wärme durch den Kamin ins Freie.

Der 25. März war ein besonders abscheulicher Tag.

Harriet war klar, daß auch der Küchenkamin jetzt so gut wie nicht mehr zog. Ohne das Feuer im Salon konnte man auskommen, aber die Küche war ein anderes Kapitel, da sie im vergangenen Winter auch als Salon und Speisezimmer hatte dienen müssen. Harriet konnte es sich nicht leisten, einen Kaminkehrer zu bezahlen. So stieg sie an diesem Morgen selbst auf das Dach und stocherte mit einigen alten Besen, die sie mit einer Schnur zusammengebunden hatte, an den Wänden des Kamins entlang. Der Ruß, der daraufhin nach unten fiel, schwärzte alles, was sich in der Küche befand. Tante Rebecca bekam einen hysterischen Anfall und zog sich in ihr feuchtkaltes Schlafzimmer zurück, worauf Harriet nichts anderes übrigblieb, als allein sauber zu machen. Sie arbeitete verbissen den ganzen Vormittag, bis die Küche wieder blitzte und glänzte.

Als sie sich in dem zersprungenen Spiegel an der Küchenwand betrachtete, sah sie zu ihrem Entsetzen, daß sie schwarz wie ein Schornsteinfeger war. Das Küchenfeuer prasselte erstmals seit Jahren wieder fröhlich, aber jetzt einen Kessel nach dem anderen zum Kochen zu bringen, bis eine Badewanne gefüllt war, schien der erschöpften Harriet einfach zu viel Mühe. Außerdem wäre Tante Rebecca schon bei der bloßen Vorstellung entsetzt gewesen, daß jemand ein Vollbad nahm, das nicht medizinischen Zwecken diente.

Harriet starrte trübsinnig auf ihr rußiges Spiegelbild. Klare graue Augen mit dichten Wimpern starrten zurück. Ihre schwarzen Haare, die vom Ruß stumpf geworden waren, hingen ihr in schweren, wirren Strähnen fast bis zur Taille. Sie fühlte sich von oben bis unten schmutzig.

Müde ging sie zur Pumpe im Hof und begann, mit kräftigen Armbewegungen Wasser in einen Ledereimer zu pumpen. Da kam ihr plötzlich eine Idee. Im Umkreis von vielen Meilen wohnte niemand, und Tante Rebecca würde ihr Zimmer nicht verlassen, ehe sie sicher war, daß die Küche geputzt war. Warum sollte sie sich nicht einfach ausziehen und unter der Pumpe abschrubben? Es würde nur ein paar eiskalte Minuten dauern, und dann konnte sie ins Haus laufen und sich vor dem Küchenfeuer trockenreiben.

Sie ging wieder hinein und in das kleine Zimmer hinter der Küche, in dem früher das Küchenmädchen geschlafen hatte. Dort legte sie sich frische Unterwäsche, die zwar sauber, aber gestopft war, ein abgetragenes Kleid mit weitem Rock, grobe graue Strümpfe und eine saubere Kattunschürze zurecht, trug dann alles in die Küche und schichtete den Stoß auf einem Stuhl vor dem Feuer zum Anwärmen auf. Dann zog sie die rußigen Kleidungsstücke aus und warf sie in einen Waschkorb in der Ecke.

Sie holte tief Atem. Wenn sie noch länger vor dem Feuer stehen blieb, verlor sie womöglich den Mut.

Splitterfasernackt, ein Stück billige Kernseife an sich gedrückt, rannte sie in den Hof hinaus, ergriff den Pumpenschwengel und stieß einen Schrei aus, als der erste Schwall eisigen Wassers auf ihre nackte Haut traf. Sie seifte sich ein und schrubbte sich voller Ungestüm so lange ab, bis sie sicher war, daß nicht ein einziges Rußteilchen mehr in ihrem Haar oder an ihrem Körper haftete.

In dem Augenblick, als sie sich von der Pumpe abwandte, um in die Küche zu laufen, merkte sie, daß sie ein Mann zu Pferd beobachtete.

Starr vor Schrecken blickte sie zu ihm hinauf. Er hatte ein ausdrucksvolles Gesicht mit einer Adlernase und modisch geschnittenes Haar, das so üppig und schwarz war wie ihr eigenes. Seine haselnußbraunen Augen glitten an ihrem Körper herab, und um seinen Mund spielte ein anerkennendes Lächeln. In der einen Hand hielt er seinen Hut, und als sie ihn mit geweiteten Augen anstarrte, hob er ihn zum Gruß.

Harriet stieß einen leisen Schrei aus, eilte auf die Küchentür zu und verschloß sie. Sie spürte regelrecht, wie die Schamröte von ihren Fußsohlen bis zum Scheitel hochstieg. So schnell wie möglich rieb sie sich trocken und schlüpfte hastig in ihre saubere Kleidung; dann drehte sie ihr feuchtes schwarzes Haar zu einem Knoten auf dem Kopf zusammen.

Sie schlich gebückt zum Küchenfenster und schaute hinaus. Von dem Fremden war keine Spur zu sehen. Sie hatte ihn nicht wegreiten hören, aber das dichte, struppige Gras war feucht und hatte vermutlich die Hufschläge verschluckt.

Ein von Husten begleitetes Schlurfen kündigte an, daß Tante Rebecca nahte. Harriet beschloß, ihr nichts von dem Besuch des fremden Mannes zu erzählen. Sonst bekam die Tante womöglich noch einen hysterischen Anfall, und Harriet hatte das Gefühl, daß sie mehr als eine Attacke am Tag nicht verkraften konnte. Außerdem war der Herr wahrscheinlich nur vom Weg abgekommen und hatte sie ohne Zweifel für ein Dienstmädchen gehalten.

Die Küchentür öffnete sich, und Tante Rebecca kam herein. Sie war eine große, unförmige Frau, deren Augen kurzsichtig aus einem flachen Gesicht blickten. Ihre glatten braunen Haare, die unter einer Mütze hervorlugten, hingen ihr strähnig ums Gesicht.

Harriet wußte nie ganz genau, welches Kleid ihre Tante gerade trug, weil diese sich so mit Broschen, Schals und Stolen behängte, daß es schwer war festzustellen, was sich darunter verbarg. Sie strömte einen Geruch nach Kampfer und Holzfeuer aus. Sie war einfältig, umständlich und klagte ständig über den angegriffenen Zustand ihrer Nerven.

Aber Harriet liebte sie innig.

Wenn sie gerade keinen ihrer hysterischen Anfälle hatte, war Tante Rebecca warmherzig und liebevoll. Sie behauptete immer, daß Harriet viel hübscher als Cordelia sei, und obwohl Harriet wußte, daß es niemand mit Cordelias strahlender Schönheit aufnehmen konnte, empfand sie es als sehr tröstlich, daß die Tante auf ihrer Seite stand.

»Wie hübsch du wieder alles hingekriegt hast!« rief Tante Rebecca aus und bewunderte blinzelnd die frischgeputzte Küche. »Und was für ein Feuer! Es wird mir direkt warm ums Herz. Du bist so ein überaus tüchtiges Mädchen, Harriet.«

Harriet lächelte sie unsicher an. Sie war immer noch tief beschämt.

Tante Rebecca nahm den schweren Eisenkessel, hängte ihn an einen freien Haken und schwenkte ihn über das kleine, helle Feuer. Es brannte in einem schwarzen Herd, auf dessen einer Seite sich ein Backofen und auf dessen anderer sich ein Wasserkessel befand, während an seiner Vorderseite ein Bratspieß befestigt war. »Meinst du nicht auch«, fragte sie, »daß wir ein wenig richtigen Tee trinken könnten?«

»Doch. Ich sehe nicht ein, warum wir ihn uns nicht gönnen sollten«, antwortete Harriet. »Wir haben ihn für Besuch aufgehoben, aber uns besucht sowieso keiner.« Wieder fiel ihr der Fremde ein, und sie wandte das Gesicht ab, um ihre Schamröte zu verbergen.

Tante Rebecca nahm eine lackierte Dose aus einem Regal und lugte hinein. »Er reicht gerade noch«, murmelte sie.

Normalerweise tranken Harriet und ihre Tante Fencheltee. Chinatee wurde für Besucher aufgehoben. Aber es hatte sie schon eine ganze Weile niemand mehr besucht, und selbst der Pfarrer schien sie vergessen zu haben.

Tante Rebecca zog einen Stuhl ans Feuer und setzte sich, während sie darauf wartete, daß das Wasser im Kessel kochte. Harriet hob den Deckel der Mehlkiste hoch und ging mit sich zu Rate, ob sie etwas backen sollte, um den ungewöhnlichen Luxus, daß sie »richtigen« Tee tranken, zu feiern.

In diesem Augenblick hörten sie, daß der Türklopfer laut anschlug. Die beiden Frauen erstarrten vor Überraschung und blickten einander an.

»O Gott«, sagte Tante Rebecca, »wer mag das bloß sein?«

Harriet dachte sofort an den Fremden. Sie verschloß die Mehlkiste wieder sorgfältig. »Wenn wir nicht aufmachen, Tante, dann geht derjenige, wer es auch ist, vielleicht wieder weg.«

»Geht weg?« rief Tante Rebecca und erhob sich schwerfällig von ihrem Stuhl. »Mein liebes Kind, wir haben die letzten zwei Monate keine Menschenseele gesehen. Ich mache auf.«

»Lieber Gott, mach, daß es der Pfarrer ist«, betete Harriet laut, während ihre Tante hinausging. Aber sie machte sich im Grunde nicht viel Hoffnung, daß der Besucher der Pfarrer sein würde. Die Kirche war in dem gut zehn Meilen entfernten Lower Maxton. Überdies hatten Harriet und ihre Tante ihre Kirchenbesuche eingestellt. Das letzte Mal waren sie im vorigen Jahr dort gewesen. Wie üblich hatten die Bewohner der Grafschaft sie äußerst verächtlich behandelt, nicht nur wegen ihrer ärmlichen Kleidung, sondern auch wegen ihrer Verwandtschaft mit der bösen Cordelia, die den Familiensitz der Bentleys an einen Eisenhüttenbesitzer aus Wales verkauft hatte. Sogar die alte Lady Humphries hatte laut geäußert, wie überrascht sie sei, daß sie nicht wohlhabender aussähen; schließlich seien sie bekannt wegen ihrer erfolgreichen Förderung von Emporkömmlingen – eine beißende Bemerkung, die sich auf den neureichen Eisenhüttenbesitzer bezog.

Dieser selbst wetteiferte kräftig mit der Unbarmherzigkeit der Klasse, in die er aufzusteigen hoffte, und befahl seiner Frau barsch »weiterzugehen«, als sie einmal Anstalten machte, mit Tante Rebecca zu sprechen.

Der Pfarrer hatte Pringle House einmal pflichtgemäß einen Besuch abgestattet, aber bei dieser Gelegenheit kämpfte der Gesellschaftsmann in ihm ganz offensichtlich einen so schmerzlichen Kampf mit dem Geistlichen in ihm, daß Harriet ihm schroff ins Gesicht gesagt hatte, er könne sich in Zukunft die Mühe sparen, sie zu besuchen.

Die Stimmen aus der Halle drangen jetzt zu Harriet. Sie wollte Jedoch nicht die Sicherheit der Küche aufgeben, um sich nicht womöglich dem Fremden mit den harten Augen gegenüberzusehen.

Aber wer auch geklopft hatte, er war offensichtlich hereingebeten worden. Das bedeutete, daß man das Feuer im Salon anmachen, und leider auch, daß man dem höchst unwillkommenen Gast beziehungsweise den Gästen etwas von dem kostbaren kleinen Teevorrat anbieten mußte.

Harriet nahm die Schürze ab und strich ihr altes Kleid glatt.

Anders als bei den modernen, vornehmen Häusern der Grafschaft befand sich die Küche von Pringle House nicht im Untergeschoß. Harriet ging einen mit Fliesen belegten Gang entlang und trat in die Halle. Dabei versuchte sie, von deren vertrauter Kahlheit und den immer noch sichtbaren helleren Flecken an den Wänden, die zeigten, wo Bilder abgenommen worden waren, keine Notiz zu nehmen.

Sie stieß die Tür zum Salon auf. In einem der Sessel rekelte sich ein scheinbar angestrengt nachdenkender junger Mann. Abgesehen von einem bunten Halstuch war er ganz in Schwarz gekleidet. Seine Haare, die von einem unbestimmten Braun waren, trug er lang, und seine großen braunen Augen hatten einen mürrischen Ausdruck. Harriet schätzte, daß er nur wenig älter als sie selbst war. Tante Rebecca hatte sich auf einem zierlichen Stuhl ihm gegenüber plaziert.

Vor dem Kamin kauerte ein hochgewachsener Mann und war mit dem Anfachen des Feuers beschäftigt. Harriet sah nur seinen Hinterkopf und die breiten Schultern in einer tadellos sitzenden blauen Jacke.

»Meine Nichte, Miss Harriet Clifton«, sagte Tante Rebecca mit schlichtem Stolz.

Der grämliche junge Mann sprang auf und verbeugte sich tief.

Der Mann, der das Feuer anzündete, erhob sich aus der Hocke und drehte sich um. Spöttische haselnußbraune Augen richteten sich auf Harriet. Sie errötete peinlich berührt. Der Fremde von vorhin!

»Ihr Diener, Miss Clifton«, sagte er. Er blickte fragend auf Tante Rebecca, die zustimmend nickte und lächelte, obwohl keiner etwas gesagt hatte, dem sie zustimmen konnte.

Seine Augen blitzten belustigt auf. »Ich sehe schon, ich muß uns selbst vorstellen«, meinte er. »Der Herr mit dem melancholischen Gemüt ist mein Vetter, Mr. Bertram Hudson. Ich bin Arden.«

»Der Marquis von Arden«, half Tante Rebecca nach, die ihren Adelskalender in- und auswendig kannte.

»Derselbe, gnädige Frau. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, werden wir bald ein gemütliches Feuer haben.«

Mr. Hudson ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. Tante Rebecca fuhr fort zu nicken und zu lächeln wie eine große Aufziehpuppe, und Harriet blieb stehen, wo sie war, und strich mit ihren von der Arbeit geröteten Händen eine Falte in ihrem Kleid glatt.

Das Feuer loderte kurz auf und sank dann zu einem kümmerlich schwelenden Häufchen zusammen.

»Der Kamin zieht nicht besonders gut«, sagte Harriet und merkte dabei, wie sonderbar fremd ihre Stimme klang.

»Sie benutzen diesen Raum offenbar nicht sehr häufig«, meinte der Marquis, während er seine schlanken weißen Hände sorgfältig mit einem Batisttaschentuch vom Kohlenstaub säuberte, und ließ seine Blicke nachdenklich durch das Zimmer schweifen, von den fadenscheinigen Brokatvorhängen angefangen über die Wände mit den feuchten Flecken bis hin zu den blanken Brettern auf dem Fußboden.

»Nein, Mylord«, sagte Harriet. »Es fehlt uns an behaglichen Räumen, in denen wir Besuch empfangen könnten.« Ihre Augen flehten ihn dabei an, nicht zu erwähnen, daß er sie unter der Pumpe gesehen hatte.

Er musterte sie nachdenklich und nickte dann beinahe unmerklich in Erwiderung ihrer unausgesprochenen Bitte.

»Wo halten Sie sich denn gewöhnlich auf?« fragte Mr. Hudson gedehnt.

»Das spielt keine Rolle«, antwortete Harriet, die den sich rekelnden jungen Mann nicht mochte. »Ich fürchte, wir sind nicht in der Lage, Ihnen Gastfreundschaft zu gewähren, meine Herren. Wenn Sie mich also über den Grund Ihres Besuchs in Kenntnis setzen wollen, dann will ich mein Bestes tun, Ihnen zu helfen.«

»Aber der Tee«, flüsterte Tante Rebecca weithin hörbar. »Wir haben doch Tee.«

»Wir sind vom Weg nach London abgekommen«, erklärte der Marquis. »Ich habe vorhin schon einmal an der Klingel gezogen, und als ich keine Antwort bekam, bin ich auf der Suche nach einem Menschen um das Haus herumgeritten.« Er blickte Harriet unbewegt an. »Aber es war niemand zu sehen. Ich wäre weitergeritten, ohne es noch einmal zu versuchen, doch in der Zwischenzeit war etwas passiert. Ich bedaure, Ihnen gestehen zu müssen, daß mein Vetter im Glauben, das Gut sei verlassen, zwei Ihrer Hühner erschossen hat.«

Harriet biß sich auf die Unterlippe. Sie war drauf und dran, vor Wut loszuschreien. Sie hatte nur sechs Hühner, und der Tod von zweien war ein herber Verlust. Sie ließ sich jedoch nichts anmerken und sagte: »Aber ich habe gar keine Schüsse gehört. Du, Tante Rebecca?«

»Ich habe geschlafen, höchstwahrscheinlich jedenfalls«, sagte Tante Rebecca.

»Vielleicht waren Sie so beschäftigt, daß Sie nichts gehört haben, Miss Harriet«, sagte der Marquis, und seine Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln.

Harriet erinnerte sich, wie das Wasser aus der Pumpe strömte und dabei jeden Laut übertönte, und errötete schamhaft.

»Und deshalb«, fuhr der Marquis fort, »bin ich zurückgekehrt, nachdem ich von dem Massaker erfahren hatte, und versuchte es diesmal mit dem Türklopfer, da ich davon überzeugt war, daß die Klingelschnur gerissen ist. Wir sind gekommen, um die Sache ins reine zu bringen. Wir haben die zwei Hühner und einen Delikatessenkorb mitgebracht, den wir Sie bitten anzunehmen. Wir wollen Ihnen auf diese Weise zeigen, daß wir die Angelegenheit aufrichtig bereuen.«

Mr. Hudson richtete sich im Sessel auf. »Aber der Korb war ein Ge-«

Die Stimme des Marquis schnitt ihm das Wort ab. »Und Sie sollen großzügig für den Verlust Ihrer Hühner entschädigt werden.«

»Es ist nicht nötig, daß Sie sie bezahlen«, erwiderte Harriet. »Mr. Hudsons Irrtum ist ganz verständlich.«

»Ich habe mir nur ein bißchen die Zeit vertrieben«, maulte Mr. Hudson. »Ich dachte, hier wohnt schon seit Ewigkeiten niemand mehr.«

»Ich bestehe auf meiner Bitte«, sagte der Marquis. »Bertram, bitte John und Peter, den Korb hereinzubringen.«

Mr. Hudson ging mit finsterer Miene hinaus.

»Ich glaube, wenn ich ein paar trockene Scheite hätte, könnte ich doch noch ein anständiges Feuer zustande bringen«, meinte der Marquis.

»Ganz sicher«, antwortete Harriet und warf Tante Rebecca einen beschwörenden Blick zu. »Ich werde unseren Butler beauftragen, daß er sich darum kümmert.« Sie verließ mit entschlossenen Schritten das Zimmer.

Den im Haus gestapelten Holzvorrat hatte sie für das Küchenfeuer verbraucht. Deshalb warf sie sich ein Umschlagtuch um die Schultern, band die Schürze wieder um, die sie abgelegt hatte, bevor sie in den Salon gegangen war, und trat aus der Küchentür ins Freie. Die Pumpe stand im frostigen Licht des Nachmittags da, eine stumme Erinnerung an ihre Schamlosigkeit.

Sie ging zu dem alten Werkzeugschuppen hinüber, der mit den abgestorbenen Baumstämmen gefüllt war, die sie ins Trok- kene geschleppt hatte. »Warum habe ich bloß heute morgen nicht mehr Holz gehackt?« murmelte sie vor sich hin, während sie das Beil ergriff.

Sie war eifrig mit Hacken beschäftigt, als eine ruhige Stimme hinter ihr sagte: »Erlauben Sie, Miss Harriet.«

Die breiten Schultern des Marquis füllten die Tür. Er streifte seinen Überrock von den Schultern und hängte ihn an einen Nagel. Dann nahm er Harriet das Beil aus den Händen.

»Ich habe vergessen, daß die Diener heute ihren freien Tag haben«, log Harriet. »Bitte machen Sie sich nicht die Mühe –«

»Es ist nicht der Rede wert«, antwortete er und schwang bereits das Beil.

Harriet beobachtete mit einem Gefühl, das nahe an Neid herankam, wie sich vor ihren Augen ein ordentlicher Haufen von Scheiten und Kienspänen auftürmte. Sie fragte sich, wie er es schaffte, so weiße Hände zu haben, wo er doch offensichtlich mit einer Axt umgehen konnte.

»Das hätten wir!« Er schichtete einen Teil der Scheite und Kienspäne in einen großen Korb und gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen, daß sie vorausgehen solle.

In der Küche blieb er stehen und blickte sich bedächtig um. Der Kessel sang über dem Herd, weil der Dampf durch ein Loch in dem alten Eisendeckel pfiff. Auf der walisischen Anrichte blitzten bunte Teller, von denen nur wenige zum selben Service gehörten. Tante Rebeccas Strickzeug lag am einen Ende des Küchentisches und ein kleiner Stapel von Harriets Lieblingsbüchern am anderen.

»Wir bleiben nicht lang, Miss Harriet«, sagte der Marquis. »Vielleicht würden wir uns alle in der Küche wohler fühlen. Ihre Diener lassen es sich jedenfalls wohl sein.«

An dem Glitzern in seinen Augen merkte Harriet, daß der Marquis ihre Lüge von dem freien Tag der Diener nicht einen Augenblick geglaubt hatte. »Ich hole meine Tante«, sagte sie mit einem kleinen Seufzer.

Der Marquis war so groß und elegant und unbeschwert, daß Harriet auf einmal ihre Schwester Cordelia aus tiefstem Herzen beneidete. Cordelia gehörte derselben Welt an wie der Marquis, einer Welt aus Wohlgerüchen und Wärme, warmen Mahlzeiten, gutgeschulten Dienern und schöner Kleidung.

»Oh, und nebenbei bemerkt, Miss Harriet«, sagte der Marquis. Harriet blieb an der Tür stehen und blickte sich um. »Ich bin wegen meiner Kurzsichtigkeit bekannt und habe ein entsetzlich schlechtes Gedächtnis.«

Harriet sah ihn gespannt an, aber die haselnußbraunen Augen blieben ernst und unbewegt. »Danke«, sagte sie leise.

Als sie zurückkehrte, folgten ihr ihre Tante, Mr. Hudson und die Diener des Marquis, die einen großen Korb trugen.

»Stellen Sie ihn auf den Tisch«, befahl der Marquis. »Und John, reiten Sie zum nächsten Dorf und holen Sie einen Kaminkehrer. Er kriegt den doppelten Lohn, wenn er schnell kommt.« Er wandte sich an Tante Rebecca. »Das Feuer wird fröhlich prasseln, sobald der Kamin gekehrt ist, gnädige Frau.«

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, sagte Tante Rebecca aufgewühlt. »Daß ein Herr wie Sie sieht, in welche Notlage wir –«

»Gnädige Frau«, unterbrach sie der Marquis energisch, »in dem Korb sind sechs Flaschen vom besten Portwein. Ich werde jetzt eine öffnen. Nach einem Glas wird es uns allen besser gehen.«

Während der Marquis den Wein einschenkte, begann Mr. Hudson, freudig belebt durch die Aussicht auf ein Glas Portwein, den Rest des Korbes auszupacken und auf dem Küchentisch auszubreiten. Harriet starrte benommen auf all die Genüsse, die aus dem scheinbar bodenlosen Korb ans Licht kamen. Unter den Delikatessen waren Schinken, Kuchen und Gebäck jeder Art, kalter Fasan und frische, knusprige Scheiben Brot.

»Es macht geradezu Spaß«, verkündete Mr. Hudson, der von Minute zu Minute knabenhafter aussah. »Wir feiern jetzt ein Fest.«

»Das ist eine ausgezeichnete Idee.« Der Marquis lächelte. »Bediene die Damen, Bertram.«

Die »massakrierten« Hühner wurden in der Spülküche an einen Haken gehängt, und Harriet und Tante Rebecca ließen sich zu einem äußerst vergnüglichen Mahl nieder. Einmal wurde das Fest unterbrochen, weil John mit dem Kaminkehrer kam und man Leinwandbezüge suchen mußte, um das spärliche Mobiliar im Salon abzudecken.

Der Marquis sprach ungezwungen über die Ereignisse des Tages. Der Prinzregent würde nicht über sämtliche Machtbefugnisse seines Vaters Georg III. verfügen. Man hatte von ihm erwartet, daß er die Liberalen unterstützte, und alle waren vollkommen überrascht, als er sich auf die Seite der Konservativen schlug. Diese Richtungsänderung brachte ihm zahlreiche Feinde ein: die Liberalen, die ihn haßten, und die Konservativen, die ihm noch nicht trauten. Der Prinzregent war tiefreligiös geworden – wenn auch niemand daran glaubte, daß dieser Zustand lange anhalten würde – und las täglich mit seiner Lieblingsmätresse ein oder zwei Kapitel aus der Bibel.

Durch das Essen und den Wein milde gestimmt, bekannte sich Mr. Hudson zu seinem ehrgeizigen Streben, es Lord Byron gleichzutun, und las ihnen einige seiner eigenen Gedichte vor. Tante Rebecca versicherte ihm, daß er viel besser als Lord Byron sei, und Harriet, die die Gedichte ziemlich furchtbar fand, stimmte nichtsdestoweniger in das Loblied ein, da sie erleichtert feststellte, daß der grämliche Mr. Hudson auch heitere Charakterzüge besaß.