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Tugend, Versuchung und ein gefährliches Spiel! London im 18. Jahrhundert: Die schöne Minerva ist anständig , pflichtbewusst und bislang fern jeder Versuchung auf dem Land aufgewachsen. Doch als ihre Familie Geld benötigt, wird sie in die schillernde Welt der Londoner Gesellschaft geschickt, um eine gute Partie zu machen. Unter der Obhut ihrer Verwandten Lady Godolphin gerät Minervas strenge Moral schnell ins Wanken, als sie dem charmanten Lord Sylvester Comfrey begegnet, der ihr Herz höher schlagen lässt – doch ausgerechnet er will von der Ehe nichts wissen … Zwischen Pflicht, Anstand und unerwarteter Anziehung muss Minerva feststellen, dass das Herz eigene Regeln kennt … Der Reihenauftakt der historischen Liebesromane rund um die sechs Armitage-Schwestern – für Fans von Christi Caldwell und Julia Quinn! Alle Bände der Reihe: Band 1: Minervas Verführung Band 2: Annabelles Zähmung Band 3: Carinas Verlangen Band 4: Daphnes Schicksal Band 5: Dianas Freiheit Band 6: Fredericas Liebe Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2026
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London im 18. Jahrhundert: Die schöne Minerva ist anständig , pflichtbewusst und bislang fern jeder Versuchung auf dem Land aufgewachsen. Doch als ihre Familie Geld benötigt, wird sie in die schillernde Welt der Londoner Gesellschaft geschickt, um eine gute Partie zu machen. Unter der Obhut ihrer Verwandten Lady Godolphin gerät Minervas strenge Moral schnell ins Wanken, als sie dem charmanten Lord Sylvester Comfrey begegnet, der ihr Herz höher schlagen lässt – doch ausgerechnet er will von der Ehe nichts wissen … Zwischen Pflicht, Anstand und unerwarteter Anziehung muss Minerva feststellen, dass das Herz eigene Regeln kennt …
eBook-Neuausgabe Februar 2026
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1982 unter dem Originaltitel »Minerva« bei Macdonald & Co. Ltd., Edinburgh. Die deutsche Erstausgabe erschien 1985 unter dem Titel »Minerva, Duell der Herzen« im Wilhelm Goldmann Verlag, München
Copyright © der englischen Originalausgabe 1982 by Marion Chesney
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1985 by Wilhelm Goldmann Verlag, München
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Published by Arrangement with M.C. BEATON LIMITED.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von
© shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-69076-653-1
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Marion Chesney
Roman
Aus dem Englischen von Claudia Rackwitz
dotbooks.
Für Barbara Löwenstein in Liebe
An Minerva
(aus dem Griechischen)
Mir pochen die Schläfen, es pulst das Blut,
Krank bin ich von der hehren Poesie –
Vergiß, Thyrsis , die Arbeitswut,
Und laß uns schlemmen wie noch nie.
Ermattet ist mein Geist, mein Blick ist trüb,
Und nicht ein Vers will mir gelingen –
Drum, Pallas , laß die Eule, die dir lieb,
Die Lerche flattre uns auf frohen Schwingen.
Thomas Hood (1844)
Bis zum Winter des Jahres 1811 hätte jedermann den Pfarrer von St. Charles und St. Jude, Hochwürden Charles Armitage, als einen sehr glücklichen Mann beschrieben.
Sein ganzer Stolz waren sechs schöne Töchter und zwei wohlgeratene Söhne. Er hatte eine bläßliche, kränkelnde Frau, um die er sich aber nicht allzu sehr kümmerte, und er hatte vor allem seine Jagdpferde und Jagdhunde. Man kannte ihn als fröhlichen, robusten Mann, der in einem Pfeffer-und-Salz-Rock an Fuchsjagden teilnahm und in fast jedem bedeutenderen Hause in der Grafschaft Berham ein gern gesehener Tischgast war.
Freilich waren die Sonntage dazu angetan, zu einer lästigen Angelegenheit für ihn zu werden, wenn er mit schmerzendem Kopf und Sodbrennen die Kanzel betreten mußte, um die Predigt zu halten, die seine älteste Tochter, Minerva, pflichtgetreu für ihn verfaßt hatte.
Dafür waren die anderen Tage wunderbar und ausgefüllt mit Hetzjagden, Schießen und Angeln.
Die Pfarrkinder waren an die Eigenheiten ihres Pfarrers gewöhnt, und nur ein paar von den Frömmeren sehnten sich gelegentlich nach einem Pfarrer, dem das Wort Gottes mehr bedeutete als die Artikel gewisser Zeitschriften wie ›Die Sportwelt‹ und ›Der Pferderennsport‹.
Der Pfarrer besaß zwei Gutshöfe, die seine Haupteinnahmequelle waren. Er sträubte sich gegen alle Vorschläge, moderne landwirtschaftliche Methoden anzuwenden, und diese Tatsache hatte, zusammen mit mehreren ziemlich schlechten Ernten, dazu geführt, daß er sich im Winter des Jahres 1811 in einer mißlichen finanziellen Lage befand. Hinzu kam, daß seine beiden Söhne, die Zwillinge Peregrine und James, bald ihren neunten Geburtstag feierten. Sie waren weitgehend ohne Unterricht aufgewachsen, und der Pfarrer hatte den brennenden Wunsch, sie nach Eton zu schicken. Das bedeutete, daß sie beide zuerst an Dr. Browns Paukschule in der Kings Road in London ein Jahr verbringen mußten, um sich für die Aufnahmeprüfung vorzubereiten.
Nachdem sich das Vermögen in Luft aufgelöst zu haben schien, packte der Pfarrer eines Tages sein Vorhaben, zu Geld zu kommen, zielstrebig an.
Sein erster Gedanke war, seinem Bruder, dem Baronet, einen Besuch in dessen Herrenhaus abzustatten.
Sir Edwin Armitage, der Baronet, pflegte seine lange Nase über den Pfarrer zu rümpfen, da er ihn für grob und ungehobelt hielt. Der gesellschaftliche Verkehr zwischen den beiden Familien war nicht ganz ungezwungen. Sir Edwin war ein reicher Mann mit zwei stolzen Töchtern und einer stolzen Frau. Er hätte schon jede Verbindung mit dem Pfarrer abgebrochen, wenn seine Frau ihn nicht beschworen hätte, daß es ihre Christenpflicht sei, zu diesen »bedauernswerten Armitages« freundlich zu sein. Das hieß mit anderen Worten, daß es Lady Edwin und ihren Töchtern großes Vergnügen bereitete, sich ihre besten Sachen anzuziehen und vor den Armitage-Mädchen in ihren einfachen, abgetragenen Kleidern zu glänzen.
Aber Hochwürden Charles Armitage war entschlossen, von seinem Bruder Geld zu ergattern, und deshalb war er sich im Klaren darüber, daß er sich heute höflich zurückhalten mußte.
»Edwin ist ein Lümmel, Edwin ist ein Snob, Edwin ist ein Bauerntölpel«, murmelte er im Takt der Hufschläge seines Jagdpferdes vor sich hin, als er durch Hopeworth zum Herrenhaus ritt, dessen Torweg sich am anderen Ende des Dorfes befand.
Der Boden war Steinhart gefroren. Er hätte die Pfoten der Jagdhunde zerschnitten. Hochwürden war in verdrießlicher Stimmung, weil er bei diesen Wetterverhältnissen nicht auf die Jagd gehen konnte.
Eine blasse, dünne Sonne, die zu schwach war, um die kalte Luft zu erwärmen, verschwamm im Wolkendunst. »Ich muß das Geld kriegen, ich muß das Geld kriegen«, knurrte der Pfarrer. »Ach, meine Hunde und Pferde. Ach, Bellsire und Thunderer, ach, Rambler und Daphne«, fuhr er fort, indem er sich die Namen seiner Hunde zum Trost aufsagte.
Hopeworth war ein hübsches Dorf mit blitzsauberen Häuschen und gepflegten Gärten. Eine spiegelglatte Eisfläche bedeckte den Weiher inmitten der Dorfwiese, und Frauen in bunten Kleidern drängten sich um den Brunnen. Aus den ›Sechs fröhlichen Bettlern‹, dem Wirtshaus von Hopeworth, kam ein Geruch von Bier, Brandy und Rhabarber. Der Pfarrer überlegte, ob er schnell auf ein Glas Punsch hineingehen sollte, um sich zu stärken, entschied sich dann aber dagegen. Es war besser, das unangenehme Geschäft so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Das Herrenhaus war ein stattliches Backsteingebäude, das im Jahre 1725 im Barockstil erbaut worden war. Nach Norden und Osten erstreckte sich eine baumreiche Parklandschaft. Im Salon, in den der Pfarrer gebeten wurde, standen aufeinander abgestimmte englische, französische und holländische Möbel, darunter Lehnstühle im Louis-XVI.-Stil, die mit Beauvais-Stoff bezogen waren, und ein paar schöne Chippendalestühle mit durchbrochenen Rückenlehnen. Die Wände waren mit handbemalter chinesischer Tapete bedeckt.
»Ich werde mich vergewissern, ob der Herr zu Hause ist«, sagte der beleibte Diener im Londoner Cockney-Dialekt, der in deutlichem Widerspruch zu seiner gewählten Ausdrucksweise stand.
»Fatzke«, sagte der Pfarrer, aber er sagte es nicht laut. Ihm war nicht danach zumute, seine Zeit damit zu vergeuden, die Dienerschaft seines Bruders in die Schranken zu verweisen.
Er versuchte seine Gereiztheit zu bekämpfen, während die Minuten verstrichen und sein Bruder nicht erschien. Bedächtig ging er zum Kamin hinüber und strich seine Halskrause glatt. Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß es dem Vorhaben, seinem Bruder Geld aus der Tasche zu ziehen, vielleicht dienlicher gewesen wäre, einen entsprechend offiziellen Anzug zu tragen statt seines alten Plüschjagdrocks mit den vielen Taschen, den grasgrünen Bändern und den sehr dunklen Stulpen.
Als er ein diskretes Hüsteln vernahm, drehte er sich um. Sir Edwin und Lady Edwin hatten den Raum betreten.
Beide waren groß und stattlich und tadellos angezogen. Sir Edwin kleidete sich im Modestil Brummells; die Schwänze seines blauen Fracks waren gerade abgeschnitten, und in den Falten befanden sich Taschen. Angekrauste und ausgepolsterte Ärmel verliehen diesem ›Cutaway‹ einen ›Zug zum Höheren‹. Sir Edwins Hemdkragen war so hoch und so steif gestärkt, daß er Mühe hatte, seinen Kopf zu bewegen. Dazu trug er eine kanariengelbe, engsitzende Hose aus elastischem Gewebe mit hoher Taille und leichte Schuhe, die mit kleinen Schnallen verziert waren.
Sein zurückgekämmtes, graues Haar türmte sich auf seinem Kopf und bildete über den Schläfen Locken. Er war so dünn wie der Pfarrer stämmig. Während das Gesicht des Pfarrers rund und gerötet war, war das des Baronets schmal und blaß. Der Pfarrer hatte blitzende kleine Knopfäuglein, die in Fettpolster eingebettet waren. Die Augen des Baronets waren von einem ausgewaschenen Blau mit einer eigentümlich blauen Iris, die ihm das blinde Aussehen mancher klassischer Statuen aus dem achtzehnten Jahrhundert verlieh.
Lady Edwin war ebenfalls groß. Ihr Gesicht wäre schmal gewesen, hätte sie es nicht mit Hilfe von Wachseinlagen, die sie an der Innenseite der Wangen trug, so verändert, daß sie wie eine holländische Puppe wirkte – ein Stil, der gerade aus der Mode kam. Eine Folge ihrer Einlagen war auch ihre gedämpfte, gleichsam geknebelte Sprechweise, die den Neid aller Frauen im Dorf, die einen Hang zur Noblesse hatten, erregte.
Die Dame des Hauses trug ein hochtailliertes, gerade geschnittenes Gewand mit hohem Kragen und einer üppigen Halskrause aus Musselin. Der modisch kurze Saum ohne Schleppe zeigte ihre Fußspitzen und war mit spanischer Stickerei verziert. Ihr braunes Haar trug Lady Edwin kurz und vorne gekräuselt.
»Da seid ihr ja«, sagte der Pfarrer herzlich. »Freut mich, dich zu sehen, Bruder ... Gnä’ Frau.« Er machte eine ruckartige Verbeugung in Lady Edwins Richtung.
Sir Edwin schaute aus dem Fenster in den Garten, wo der Zierteich matt unter einer Eisdecke schimmerte.
»Zu kalt, um auf die Jagd zu gehen, Charles«, sagte er mit strenger, unbeteiligter Stimme. »Du scheinst dich zu langweilen. Ich nehme an, das ist der Grund für deinen Besuch.«
»Ganz und gar nicht! Aber ganz und gar nicht!« versicherte der Pfarrer, wobei er nervös seine großen, kantigen Hände rieb. »Ich will wissen, wie es euch geht. Wie geht es Josephine und Emily?« Josephine und Emily waren die Töchter des Baronets.
»Sie blühen von Tag zu Tag mehr auf – wirklich«, antwortete Lady Edwin mit schwärmerischem Lächeln. »Squire Radfort hat erst neulich gesagt, daß sie die schönsten Mädchen in der Grafschaft sind.«
»Sieht immer noch so schlecht, was?« brummte der Pfarrer teilnahmsvoll. Er achtete nicht sehr auf seine eigenen Töchter und überließ der ältesten, Minerva, die Sorge für das Wohlergehen der anderen fünf. Aber eines wußte er – denn alle hatten es ihm gesagt –, daß sie viel besser aussahen als jedes weibliche Wesen im Umkreis von Meilen. Sogar die kleine elfjährige Frederica!
Der Pfarrer beabsichtigte nicht, Lady Edwin mit einer allzu freimütigen Bemerkung zu beleidigen. Josephine und Emily waren käsebleiche, langnasige, ständig kichernde, unbedeutende Menschenkinder. Daraus folgte zwangsläufig, daß die Augen des Squire schlechter geworden sein mußten.
Lady Edwin fühlte sich aber beleidigt und hätte etwas gesagt, wenn ihr Gatte ihr nicht bedeutet hätte, zu schweigen.
»Ich habe fürchterlichen Durst«, sagte der Pfarrer.
»Setz dich, Charles«, forderte ihn Sir Edwin auf. Der Pfarrer setzte sich in einen französischen Lehnstuhl, der unter seinem Gewicht ächzte. Der Baronet und seine Frau nahmen ihm gegenüber Platz. Sir Edwin läutete die Glocke und bestellte Champagner.
»Wenn du mich fragst –«, sagte der Pfarrer erwartungsvoll, »ist von dem Wein mit den gelben Verschlußkappen nichts mehr da?« Der Pfarrer verabscheute Champagner, den er für ein Weibergetränk hielt.
»Also gut«, sagte Sir Edwin, wobei seine ohnehin schmalen Lippen eine noch schmalere Linie bildeten. »Eine Flasche vom besten Burgunder, James! Nun, Charles ...«
Charles Armitage drehte und wand sich in seinem Sessel wie ein schuldbewußter Schuljunge vor dem Direktor. »Ich komme gleich zum Wesentlichen«, sagte er und zog ein großes buntes Taschentuch heraus, mit dem er sich die Stirn abwischte.
»Die Sache ist die. Die letzten Ernten sind furchtbar schlecht gewesen ...«
»Ich weiß«, unterbrach ihn der Baronet mit überlegenem Lächeln. »Aber mit Weizen erzielt man immer noch hohe Preise. Du hättest mehr Weizen anbauen sollen. Das bißchen, was du letztes Jahr geerntet hättest, hätte dir mehr eingebracht als diese ganzen Felder mit schwedischen Rüben. Ich glaube, daß du auch mit Mais herumexperimentierst. Das ist kein passendes Getreide für einen Engländer.«
»Wie dem auch sei«, entgegnete der Pfarrer, »ich sitze in der Patsche und brauche Geld.«
»Dann mußt du dich einschränken«, sagte der Baronet streng. »Ein Glas Wein, Bruder. Ich bin sicher, er schmeckt dir. – Ja, einschränken, das ist die Antwort. Darf ich dich darauf hinweisen, daß es deine Lage beträchtlich erleichtern würde, wenn du deine Jagdpferde und Hunde verkaufen würdest ...?«
»Nein, das darfst du nicht«, grollte der Pfarrer. »Ich bin bereit, auf Luxus zu verzichten. Aber was sein muß, muß sein. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, diese Hunde reinzuzüchten, und jetzt gelten sie als die tüchtigsten Jagdhunde in England. Sie sind schnell, aber nicht grobknochig, sie sind sehr zäh und eine sehr gute Mischung.«
»Du bist Pastor«, sagte Sir Edwin kalt. »Du solltest dein Augenmerk auf Höheres richten.«
Der Pfarrer schaute ihn bestürzt an. Was konnte höher, was geistreicher sein als der Klang eines »Hallo! Ho!«, als der Anblick der Hunde, wenn sie an einem feuchten Novembermorgen eine Fährte verfolgten?
Aber er sagte: »Ich muß die Jungen in die Schule schicken, Edwin, und das kostet eine Menge Geld.«
»Ich kann überhaupt kein Mitleid mit dir empfinden«, antwortete Sir Edwin streng.
»Hm, kannst du nicht, was?« murmelte der Pfarrer, während er sich ein zweites Glas Burgunder eingoß und es in einem Zug leerte.c
»Nein, denn du hättest Vorsorge für deine Familie treffen müssen. Kennst du Aesop?«
»Wen?«
»Aesop. A-e-s-o-p«, buchstabierte der Baronet ärgerlich.
»Ach so, irgendein griechischer Bildhauer!«
»Wirklich, Bruder, du weißt nicht, wovon ich spreche. Ich möchte schwören, daß du in Oxford nichts gelernt hast.«
»Ich war Schlagmann im Boot des Christchurch-College«, brauste der Pfarrer auf. Und dann fügte er in milderem Ton, weil er immer noch hoffte, seinem Bruder etwas Geld abringen zu können, hinzu: »Erzähl weiter von deinem Griechen.«
»Aesop hat eine Fabel von der Ameise und der Grille geschrieben«, sagte Sir Edwin. »Hol mir das Buch da drüben, mein Lieber. Lausche und lerne, Charles! Lausche und lerne!«
Und er machte sich daran, die Fabel von der Grille vorzulesen, die den ganzen Sommer über getanzt und gesungen hatte und dann im Winter verhungerte, weil sie keine Vorräte angelegt hatte, während die hart arbeitende Ameise den Winter überlebte, weil sie vorgesorgt hatte.
»Und die Moral von der Geschichte«, schulmeisterte Sir Edwin: »›Spare in der Zeit, so hast du in der Not.‹«
Der Pfarrer lauschte ganz verwirrt. Er war ein richtiger Mann vom Land. Für ihn waren Insekten Insekten, Vögel waren Vögel, Tiere waren Tiere. Sie liefen nicht umher und erteilten weise Lehren. Aber etwas wollte er doch wissen.
»Die Ameise da in deiner Geschichte«, fragte er vorsichtig. »Sie sagte doch zur Grille, sie solle weggehen und singen und tanzen, als das arme Lu ..., mit Verlaub, gnä’ Frau, ich meine Insekt, um eine kleine Hilfe bat?«
»So ist es«, sagte Sir Edwin selbstgefällig.
Der Pfarrer schüttelte verwundert den Kopf und stärkte sich mit einem neuen Glas Wein.
Dann glaubte er, verstanden zu haben, und seine Miene hellte sich auf.
»Jetzt hab’ ich’s, das sind griechische Ameisen«, sagte er triumphierend. »Keine britischen. Eine britische Ameise wäre niemals so geizig.«
»Das ist ja wohl der Gipfel des Unsinns«, rief Lady Edwin aus.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung«, sagte der Pfarrer. »Um auf meine Angelegenheit zurückzukommen ...«
»Was ich versuche, dir klarzumachen, Bruder, ist die Tatsache, daß wir für unsere Töchter Vorsorge getroffen haben. Sie bekommen beide eine sehr hohe Mitgift und werden eine gute Partie machen; und das Vermögen, das sie erheiraten, kommt noch zu unserem Vermögen hinzu. Ich glaube, ich muß es dir überlassen, den Folgen deiner eigenen Dummheit ins Auge zu sehen. Falls du jedoch erwägen solltest, deine Meute zu verkaufen ...?«
»Niemals!« empörte sich der Pfarrer.
»In diesem Fall, Bruder, wenn du fertig bist ...?«
Der Pfarrer erhob sich und raffte all seine Würde zusammen.
»›Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?‹«
»Mein lieber Charles ...«
»Matthäus, Kapitel sieben, Vers drei«, sagte der Pfarrer und stülpte sich seinen Hut über. »Ich wünsch’ euch einen guten Tag.«
Lady Edwins halb erstickte Stimme verfolgte ihn bis in die Vorhalle. »Dieser abscheuliche Mensch erinnert sich nur dann einer Bibelstelle, wenn er Unverschämtheiten von sich gibt.«
Der Pfarrer ritt in düsterer Stimmung aus dem Herrenhof in Richtung der ›Sechs Fröhlichen Bettler‹. Ihm war nicht nach Gesellschaft zumute, und so setzte er sich mit seinem Glas Punsch auf die leere, kalte Bank vor dem Gasthaus.
Er hatte das Gefühl, daß er beten sollte, aber er stellte fest, daß es ihm nicht möglich war. Wenn er irgendwo anders als beim Jagen betete, stellte er sich Gott vor mit einem langen Bart und struppigen Augenbrauen, der oben in den Wolken ganz einfach darauf wartete, daß seine Aufmerksamkeit auf einen Sünder gelenkt wurde, um diesem noch mehr Schande und Tadel hinuntersenden zu können.
Der Pfarrer dachte stattdessen lieber an seine große Kinderschar. Abgesehen von den bereits erwähnten Zwillingen und der elfjährigen Frederica, waren da noch Diana, zwölf, Daphne, dreizehn, Deirdre, vierzehn, Annabelle, sechzehn, und Minerva, neunzehn.
Minerva war die ›Mutter‹ des Pfarrhaushaltes. Mrs. Armitages Hauptbeschäftigung war es nämlich, kränklich zu sein. Sie lag den ganzen Tag auf dem Sofa im Salon des Pfarrhauses, umgeben von Medizinfläschchen und Puderdöschen.
Verärgert grübelte der Pfarrer über Josephine und Emily nach. Sie haben es wahrhaftig nötig, reich zu sein, damit jemand sie heiratet, dachte er bitter. Ganz im Gegensatz zu Minerva, zum Beispiel. Sie war eine kleine, zarte Schönheit. Ein bißchen herb. Ein bißchen streng. Aber trotz allem eine Schönheit. Tja! Die könnte ohne Mitgift heiraten!
Das Eis auf dem Dorfweiher schimmerte matt in der Sonne. Der Pfarrer hatte den Eindruck, daß er drauf und dran war, eine Lösung zu finden.
Er war kein passionierter Spieler. Einmal hatte er in Newmarket eine sehr hohe Summe auf ein Pferd gesetzt, das auf der Rennbahn drei Yards zurückgefallen war; und seitdem hatte er nur noch gelegentlich und vorsichtig kleine Summen bei diesen Pferderennen, die einen so in Rage bringen konnten, eingesetzt.
In Gedanken versunken, saß er da, trank seinen Punsch und wartete auf die Eingebung, die irgendwo in seinem Kopf bereits im Keim angelegt war, um sich zu voller Blüte zu entfalten. Eine schwarze Wolke verdunkelte die Sonne, und mit ihr verschwanden auch die Hoffnungen des Pfarrers auf eine Lösung.
Sein Magen knurrte. Minerva verwaltete das Haushaltsgeld, was bedeutete, daß die Mahlzeiten im Pfarrhaus zwar nahrhaft waren, aber selten besonders aufregend. Der Pfarrer beschloß, Squire Radford zu besuchen und sich bei ihm zum Essen einzuladen.
Eigentlich sollte er ja erst daheim vorbeischauen und Bescheid sagen. Aber Mrs. Armitage wußte von seinem Bittgang, und wenn sie erfahren würde, daß er erfolglos gewesen war, würde sie unverzüglich einen Krampf bekommen.
»Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe«, zitierte Hochwürden Charles Armitage. Er bestieg sein Pferd und ritt auf Squire Radfords malerisches Haus zu, dessen strohgedecktes Dach in den Bäumen jenseits des Dorfweihers zu sehen war.
Der nächste Tag war ein Sonntag, und der Pfarrer litt an den Folgen des vorhergehenden Abends, an dem er zu lange und zu tief ins Glas geschaut hatte.
Charles Armitage stand auf der Kanzel, hielt sich an den Flügeln des Messingadlers fest und nahm alle Kraft zusammen, um die Predigt, die ihm Minerva geschrieben hatte, vorzutragen. Er spürte ein dumpfes Pochen hinter den Schläfen.
Seine Tochter hatte der Predigt einen Text aus den Sprüchen Salomos zugrunde gelegt, der ihrem Vater auf eine ganz boshafte Weise passend erschien.
»›Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön steht. Er geht glatt ein; aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter.‹«
Der Pfarrer warf einen vorwurfsvollen Blick in Minervas Richtung, die am Rand der Kirchenbank der Familie Armitage saß.
Minerva!
In diesem Augenblick schien ein Sonnenstrahl durch die Kirchenfenster und erleuchtete Minervas entzückendes Gesicht mit den großen grauen Augen, dem weichen, rosigen Mund, der geraden kleinen Nase, den schmalen geschwungenen Brauen und den langen, langen Wimpern.
Auf dem Kopf trug sie einen hübschen Hut aus Bändern und Blumen.
Zum ersten Mal sah der Pfarrer sie so, wie viele Männer sie sehen würden.
Er hatte die Lösung! Minerva!
Das enganliegende Kaschmirkleid unter dem feschen kurzen Spenzer enthüllte einen üppigen Busen und eine schmale Taille. Daß ihre Fesseln ebenfalls ganz wunderschön waren, fiel dem Pfarrer mit gebührendem Respekt ein.
Hochwürden Charles Armitage hatte in diesem Moment eine himmlische Vision. Seine Tochter könnte ein Vermögen erheiraten! Sein eigenes Leben breitete sich nun vor ihm aus als ein Paradies von nie endenden regnerischen Novembertagen, an denen die Fährte frisch war und die Hunde und Pferde flink.
»Hussa, hallo! Hussa, hallo! Hussa, hallo!« feuerte der Pfarrer von St. Charles und St. Jude den teilnahmslosen Gipsengel an der Decke an.
»Tollhaus«, zischte Lady Edwin ihrem Gatten zu. »Eindeutig Tollhaus. Ich sehe keine andere Zukunft für ihn.«
Der überarbeitete Kooperator des Pfarrers, Mr. Pettifor, löste ihn ab, so wie er es schon an so vielen Sonntagen vorher gemacht hatte.
Die Landadligen entrüsteten sich voller Abscheu. Aber die einfacheren Landleute waren gerührt. Sie dachten, der Pfarrer habe wirklich eine göttliche Offenbarung gehabt – so verklärt war sein Gesicht gewesen.
Es ist eine traurige Tatsache, daß viele Mädchen in die Rolle eines Aschenputtels schlüpfen, obwohl sie nicht dazu geboren sind, und das galt auch für Minerva Armitage. Hätte sie die Zügel des Haushalts schleifen lassen, wäre ihre Mama wahrscheinlich gezwungen gewesen, sich von ihrem Sofa zu erheben und sich selbst um den Haushalt zu kümmern. Hätte sie sich nicht bereit erklärt, die Predigten ihres Papas zu schreiben, dann hätte dieser sich vielleicht mehr mit seiner Bibel und weniger mit William Taplins ›Sportlexikon und Fundgrube für den Landmann‹ beschäftigt.
Minerva war zwar sehr intelligent, aber ihre Erziehung und Ausbildung ließen zu wünschen übrig. Sie war fleißig und tatkräftig, und daher unbefriedigt von der langweiligen ländlichen Routine einer Dame ihres Standes – und um diese Langeweile zu bekämpfen, widmete sie sich mit zunehmendem Alter immer mehr ihren fünf Schwestern und zwei Brüdern.
Sie war diejenige, die ihre brennende Stirn kühlte, wenn sie Fieber hatten; sie war es, die ihre Schnitt- und Schürfwunden verband; und sie war es auch, die die Pfarrkinder besuchte und den Haushalt führte. Jeder Monat eines jeden Jahres brachte ihr neue, selbst auferlegte Pflichten; so wurde sie nicht nur immer schöner, sondern auch immer geduldiger und langmütiger. Freilich war die schöne Minerva auch ein bißchen eingebildet und selbstgefällig.
Die Ankündigung ihres Vaters beim sonntäglichen Dinner, daß Minerva in London in die Gesellschaft eingeführt werden sollte, wurde zunächst mit bestürztem Schweigen aufgenommen.
Gleich bekam Mrs. Armitage einen ihrer Krämpfe und mußte mit Hirschhornsalz und einem Büschel Federn, das man unter ihrer Nase verbrannte, wieder zu sich gebracht werden. Annabelle, die zweitälteste, beneidete ihre Schwester ein wenig. Die Jungen blickten betrübt und stießen an die Tischbeine, und die kleineren Mädchen begannen zu schluchzen. Minerva hatte es fertiggebracht, die ganze Familie zu verwöhnen.
»Was sollen wir ohne Merva machen?« klagten die Jüngeren. Merva war Minervas Kosename.
»Das sind ja ziemlich überraschende Neuigkeiten«, sagte Minerva mit ruhiger Stimme, obwohl ihr Herz heftig klopfte. »Ich habe keinen Grund, nach London zu gehen. Wenn du vorhast, mich zu verheiraten, muß ich dir entgegnen, daß ich noch jung bin und es genug Männer in der Grafschaft gibt.«
»Keine, die reich genug sind«, antwortete der Pfarrer und nahm eine Prise Schnupftabak. »Die Sache ist die, meine Liebe, daß wir alle bald im Schuldturm sitzen, wenn du uns nicht rausholst. All diese schlechten Ernten. Die Gutshöfe liefern nicht genug. Sonst bleibt uns nur die Wahl, uns einzuschränken. Und das heißt: keine Schule für euch Jungen, keine hübschen Kleider und Kinkerlitzchen und«, fügte er mit einem Blick auf seine Frau hinzu, »keine Behandlung mit all deinen Allheilmittelchen da.«
»Oh, hat denn niemand Mitleid mit einer armen, kranken, alten Frau?« wimmerte die Frau des Pfarrers.
Die Mitglieder der Familie Armitage schauten ihre Schwester nachdenklich an. Und je mehr sie schauten, desto mehr verblaßte Minervas Bild auf ihrem Eßstuhl, um einem Sack goldener Guineen Platz zu machen.
»Das ist Unsinn«, sagte Minerva mit einem Seufzer der Erleichterung. »Papa ist nicht recht bei Trost! Papa macht Spaß. Wenn wir kein Geld haben, dann können wir auch unmöglich die enorme Geldsumme für eine Saison in London aufbringen.«
»Dafür zahle ich nichts«, sagte der Pfarrer, wobei er mit einem Gänsekiel in seinen Zahnlöchern herumstocherte. »Lady Godolphin wird für die Ausgaben aufkommen, und sie kriegt ihr Geld auf Heller und Pfennig zurück, wenn du erst einen reichen Mann geangelt hast.«
»Lady Godolphin?«
»Sie ist um dreizehn Ecken mit deiner Mama verwandt. Ich habe sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, aber sie hatte schon immer eine Schwäche für mich.«
Minerva schob eine widerspenstige schwarze Locke zurück. »Annabelle«, wandte sie sich bittend an ihre Schwester, »du bist viel hübscher als ich. Willst du nicht statt meiner gehen?«
Annabelles große blaue Augen blitzten vor Begeisterung, aber bevor sie ihren Mund öffnen konnte, sagte der Pfarrer: »Kommt nicht in Frage. Sie hat blonde Haare, und blonde Haare sind nicht in Mode. Außerdem ist sie zu jung. Schwarze Schönheiten sind gefragt. Minerva wird die Männer erobern. Und schau her, Bella, wenn Minerva eine gute Partie macht, kauft sie dir schöne Kleider, und Mrs. Armitage kann zu allen berühmten Quacksalbern in London gehen, und ihr anderen jungen Damen könnt so viele Zuckerpflaumen essen wie ihr wollt. Perry und James können nach Eton gehen, was sie sich schon immer gewünscht haben und ...«
So redete er noch eine ganze Weile weiter. Der Pfarrer konnte bisweilen ganz schön ungeschickt sein. Aber wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war ihm jedes Argument recht, um sein Ziel zu erreichen.
»Aber ich wollte noch lange nicht heiraten«, protestierte Minerva. »Wenn überhaupt! Ich würde gerne hierbleiben und dir und Mama eine Stütze sein, wenn ihr alt werdet.«
»Wenn du uns nicht zu Geld verhilfst«, argumentierte der Pfarrer, »werden wir schneller alt, als uns lieb ist.«
Minervas hübsches Gesicht drückte zugleich Wut und Frömmigkeit aus. »Hast du Ihn gefragt?« fragte sie, nach oben zeigend.
»Ja, natürlich«, sagte der Pfarrer heiter, »und er ist ganz meiner Meinung. So ist es!«
Wieder wurde es ganz still im Raum, und Minervas große graue Augen wanderten von einem zum anderen. Die Kinder malten sich mit schlechtem Gewissen ein Leben ohne Minerva aus: keine kargen Mahlzeiten mehr. Kein endloses Waschen und Schrubben von Händen und Gesicht. Keiner würde ihnen die moralischen Predigten von Porteous als Gutenachtgeschichten vorlesen. Peregrine und James wollten schon immer gerne jagen, aber Minerva hatte es ihnen nicht erlaubt, weil sie noch nicht alt genug seien. Aber jetzt ...
Annabelle sonnte sich schon im Glanz, das hübscheste Mädchen der Grafschaft zu sein, wenn Minerva in London war. Vielleicht konnte sie beim Jägerball ein bißchen flirten, ohne Minervas kalten und mißbilligenden Blick auf sich zu fühlen.
Mrs. Armitage träumte einen rosaroten Traum von Londoner Ärzten und Apothekern, deren köstliche Medizinfläschchen im Kerzenschein der Schaufenster funkelten wie die Juwelen in Aladins Höhle.
Der Pfarrer trieb geschickt den letzten Nagel in Minervas Sarg.
»Ich weiß, es ist schwer für dich, Minerva«, sagte er, »aber du mußt für deine Familie ein Opfer bringen. Du mußt dich aufopfern. Ach, ich weiß, es ist wirklich zuviel verlangt.«
Minervas Augen bekamen einen sanften Glanz. Sie wurde von ihrer Familie gebraucht, so wie sie sie immer gebraucht hatte.
»Ich gehe, Papa«, sagte sie und warf dabei den Kopf zurück, als ob man sie unter die Guillotine und nicht auf eine unterhaltsame Vergnügungstour schicken wollte.
»Gutes Mädchen«, sagte der Pfarrer geistesabwesend. Da er erreicht hatte, was er wollte, verlor er das Interesse an Minerva. Er mußte natürlich diesen vertrackten Brief an Lady Godolphin schreiben, aber wenn sie zusagte, konnte er seine Älteste im Frühjahr aus der familiären Geborgenheit entlassen und ganz schnell nach London bringen.
Minerva zwang sich, an diesem Abend ihre Aufgaben zu erfüllen, als ob nichts Welterschütterndes passiert wäre.
Die Kinder wollten die Tatsache, daß Minerva in die Gesellschaft eingeführt werden sollte, als Vorwand benützen, um länger aufzubleiben. Aber Minerva bestimmte, daß sie zur üblichen Zeit ins Bett müßten. Um ihnen eine Freude zu machen, versprach sie ihnen aber, eine Geschichte vorzulesen.
Das Pfarrhaus war ein behagliches Gebäude mit einem Eßzimmer, einem Salon, einem Empfangszimmer und einem Arbeitszimmer im Erdgeschoß, sechs Schlafzimmern im ersten Stock und den Räumen für die Bediensteten im Dachgeschoß. Die Dienerschaft war nicht groß: eine Haushälterin, die in der Küche herrschte; ein Hausmädchen, das zugleich für den Empfang zuständig war, wenn Besuch kam; einen Diener für verschiedene Aufgaben, der bei großen Anlässen zugleich Butler war; John Summer, der als Stallknecht, Kutscher, Hundepfleger und Vorreiter bei der Fuchsjagd diente; einen Jungen, der Bestecke und Stiefel putzte, aber auch Page war, wenn es die Gelegenheit erforderte; und eine Frau, die täglich aus dem Dorf kam, für die gröberen Arbeiten.
Die Jungen hatten ein Zimmer für sich, Mr. und Mrs. Armitage hatten getrennte Schlafzimmer, und die sechs Schwestern teilten sich in die verbleibenden drei Räume – zwei Schwestern schliefen jeweils zusammen.
Abgesehen von Annabelle, die sich mit ihren sechzehn Jahren für zu alt für Gutenachtgeschichten hielt, drängelten sich alle anderen Kinder in dem Jungenschlafzimmer um Minerva, in der Hoffnung, diesmal eine etwas lustigere Geschichte als sonst zu hören.
Ihre Hoffnungen wurden jedoch enttäuscht, als Minerva mit ihrer beruhigenden, angenehmen Stimme zu lesen begann.
Es war eine Geschichte von zwei Schuljungen: einem ruhigen und ernsten, der nie log, und einem großen und hübschen Sprößling aus einer vornehmen Familie, der sportlich und behende war.
Der ernste hieß Claud, und der lebhafte Guy. Das war zugegebenermaßen ein vielversprechender Anfang. Die Jungen prophezeiten Guy gleich kein gutes Ende, und die Mädchen waren begeistert und überrascht, daß in einer von Minervas Gutenachtgeschichten ein strahlender Held vorkam.
Aber schade um den hinreißenden Guy. Die Kinder hätten wissen können, daß er nicht zum Helden bestimmt war. Zwar gewann er alle Kricketspiele für seine Schule, zwar schmeichelte man ihm und bewunderte ihn, während man auf den ernsten und bescheidenen Claud herabsah. Aber nur zu bald sollte sich herausstellen, daß dieses hübsche Äußere nichts anderes war als ein ›übertünchtes Grab‹.
»Was für ein Grab, was hast du da gelesen?« fragte Perry.
»Ich weiß es«, sagte die rothaarige Deirdre schüchtern. »Es steht in der Bibel bei Matthäus und bedeutet, daß jemand außen hübsch scheint, aber innen verdorben und voller Unrat ist.«
Minerva nickte, und die anderen Mädchen schrien verängstigt auf.
»Guy nicht!« riefen sie, da sich ihre Phantasie bereits an diesem Bilderbuchhelden entzündet hatte.
»Hört zu!« ermahnte Minerva und las weiter.
Guy hatte Claud auf sein Zimmer geschickt, um seine Mütze zu holen, da er auch seinesgleichen wie Dienstboten zu behandeln pflegte. Auf der Suche nach Guys Mütze stieß der gute Claud auf eine unerlaubte Übersetzungshilfe für den Lateinunterricht.
Offenbar hatte Guy alle seine Lateinprüfungen bestanden, weil er mit Hilfe dieses Buches schon die englische Übersetzung aller Texte kannte.
»Ich finde das ganz schön schlau von ihm, alles auswendig zu lernen«, platzte Perry los. Die anderen murmelten zustimmend.
»Was sollte Claud jetzt tun?« fragte Minerva, die klug genug war, die Unterbrechung zu ignorieren.
Sie schauten sie alle verblüfft an, weil ihnen nie der Gedanke gekommen wäre, daß Claud etwas tun sollte.
Minerva schüttelte mit gespielter Abscheu den Kopf und las weiter. Claud, so stellte sich heraus, hatte seine Pflicht getan, indem er das Buch mit den Übersetzungshilfen sofort dem Direktor brachte und diesem berichtete, daß Guy ein Betrüger war.
Guy wurde von der Schule verwiesen, ein unzuverlässiger Mensch, der allen Glanz eingebüßt hatte, während Claud den ereignislosen Weg zu bescheidenem Ruhm beschritt.
»Und die Moral der Geschichte ist«, sagte Minerva, indem sie das Buch zuklappte, »ehrlich währt am längsten.«
James, schwarzhaarig und blauäugig wie sein Zwillingsbruder, starrte Minerva an, als ob er seinen Ohren nicht trauen könnte.
»Du schaust ja ganz entsetzt, James«, lächelte Minerva. »Was hättest du denn getan?«
»Ich hätte diesen fiesen Claud so verprügelt, daß er das nächste Mal die Schnauze hält.«
»Ich wünsche in diesem Hause keine solchen Ausdrücke«, sagte Minerva streng.
Aber ein Chor junger Stimmen verteidigte James.
»Claud ist eine Petze.«
»Guy war große Klasse ...«
»Ich hoffe, daß Guy Soldat geworden ist und dann General und ... und ... Napoleon besiegt.«
»Ins Bett mit euch«, sagte Minerva, ohne einen Widerspruch zu dulden. »Wie kann ich mit gutem Gewissen nach London gehen, wenn ich weiß, daß ihr moralisch nicht gefestigt seid?« Sie scheuchte die Mädchen aus dem Jungenzimmer, aber hörte vorher noch Perry flüstern: »Wahrscheinlich heiratet sie so einen langweiligen Kerl wie Claud – wenn sie überhaupt heiratet.«
Minerva kniff die Lippen zusammen und ließ sich nicht anmerken, daß sie die Bemerkung gehört hatte.
Als sie die kleineren Mädchen ins Bett gebracht hatte, ging sie zu Annabelle, mit der sie das Zimmer teilte.
Annabelle saß am Toilettentisch und bürstete versonnen ihre langen, goldenen Haare.
Als ihre Schwester eintrat, hielt sie inne und versuchte den beherrschten Gesichtsausdruck ihrer älteren Schwester zu deuten.
»Es ist so sinnlos«, seufzte Annabelle und bürstete ihre Haare weiter.
»Was ist sinnlos?« kam Minervas Stimme hinter einem chinesischen Wandschirm hervor. Sich vor ihrer Schwester auszuziehen, wäre ihr ebensowenig eingefallen, wie in der Kirche auszuspucken.
»Daß du nach London gehst«, erklärte Annabelle. »Ich weiß nicht, ob du überhaupt je an Männer denkst?«
»Wie meinst du das?« kam Minervas gedämpfte Stimme.
»Ich meine das so, daß man etwas in ihrer Gegenwart fühlt«, sagte Annabelle, legte ihre Bürste hin und drehte sich schwungvoll um.
»Du wirst doch nicht etwa solche Gefühle haben?« kam Minervas Stimme so amüsiert hinter dem Wandschirm hervor, daß Annabelle wütend wurde. »Du bist viel zu jung.«
»Ich bin sechzehn«, protestierte Annabelle. »Und ich kann dir sagen, daß ich kaum an etwas anderes denke.«
