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Eine verbotene Leidenschaft sorgt für Aufsehen! London, 18. Jahrhundert: Die junge Annabelle, honigblond und verführerisch, verliebt sich unsterblich in Lord Sylvester – ausgerechnet den Verlobten ihrer älteren Schwester. Besessen von ihrer heimlichen Leidenschaft, beschließt sie, ihn für sich zu gewinnen – egal um welchen Preis! Doch Annabelle hat die Rechnung ohne Peter, den Marquis von Barbington, gemacht, Sylvesters treuen Freund, der alles daransetzt, ihre stürmischen Gefühle auf den rechten Weg zu lenken … Zwischen verbotener Sehnsucht, fatalen Verwicklungen und wachsender Zuneigung muss Annabelle erkennen, dass Herz und Verstand oft unterschiedliche Richtungen einschlagen … Die Fortsetzung von M. C. Beatons Reihe um die Armitage-Töchter voller Witz, Leidenschaft und großer Gefühle – für Fans von Sabrina Jeffries und Emmi West Alle Bände der Reihe: Band 1: Minervas Verführung Band 2: Annabelles Zähmung Band 3: Carinas Verlangen Band 4: Daphnes Schicksal Band 5: Dianas Freiheit Band 6: Fredericas Liebe Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2026
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London, 18. Jahrhundert: Die junge Annabelle, honigblond und verführerisch, verliebt sich unsterblich in Lord Sylvester – ausgerechnet den Verlobten ihrer älteren Schwester. Besessen von ihrer heimlichen Leidenschaft, beschließt sie, ihn für sich zu gewinnen – egal um welchen Preis! Doch Annabelle hat die Rechnung ohne Peter, den Marquis von Barbington, gemacht, Sylvesters treuen Freund, der alles daransetzt, ihre stürmischen Gefühle auf den rechten Weg zu lenken … Zwischen verbotener Sehnsucht, fatalen Verwicklungen und wachsender Zuneigung muss Annabelle erkennen, dass Herz und Verstand oft unterschiedliche Richtungen einschlagen …
eBook-Neuausgabe Februar 2026
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1983 unter dem Originaltitel »The Six Sisters: 2, The Taming of Annabelle« bei Macdonald & Co. Ltd., London & Sidney. Die deutsche Erstausgabe erschien 1985 unter dem Titel »Annabelle, Der Widerspenstigen Zähmung« im Goldmann Verlag, München
Copyright © der englischen Originalausgabe 1983 by Marion Chesney
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1985 by Goldmann Verlag, München
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Published by Arrangement with M.C. BEATON LIMITED.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von
© shutterstock / shutterstock AI
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-69076-710-1
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Marion Chesney
Roman
Aus dem Englischen von Elke vom Scheidt
dotbooks.
The Maunder’s Praise of his strowling Mort
Doxy, oh! thy glaziers shine
As glimmar; by the Salomon!
No gentry mort has prats like thine,
No cove e’er wap’d with such a one.
White thy fambles, red thy gan,
And thy quarrons dainty is;
Couch a hogshead with me then,
In the darkmans clip and kiss ...
Anon
W. H. Auden’s Oxford Book of Light Verse,
Oxford University Press1543
Das einzige Anzeichen dafür, daß die Familie Armitage langsam begann, den Schuldenberg abzutragen, der sie im Vorjahr beinahe erdrückt hatte, waren zwei neue, prachtvolle Jagdpferde im Stall von Hochwürden Charles Armitage und mehrere neue Jagdhunde bester Rasse in seiner Meute.
Noch immer wurde im Pfarrhaus eisern gespart. Zu den Mahlzeiten gab es die preiswertesten Fleischstücke, und die Kleider wurden weiterhin gewendet, geändert und vererbt.
Der Vikar von St. Charles and St. Jude im Dorf Hopeworth hatte acht Kinder – sechs Töchter und zwei Söhne, die Zwillinge waren. Seine älteste Tochter Minerva, inzwischen zwanzig Jahre alt, hatte erst vor einem Monat ihre Verlobung mit Lord Sylvester Comfrey bekanntgegeben, dem jüngsten Sohn des Herzogs von Allsbury. Die Armitage-Sippe hatte irgendwie gehofft, die bevorstehende noble Verbindung würde auf der Stelle Gold in die Truhen des Pfarrhauses strömen lassen. Doch obwohl Lord Sylvester und sein Freund Peter, Marquis von Brabington, dem Vikar großzügig Geld geliehen und Lord Sylvester ihm seinen Verwalter zur Verfügung gestellt hatte, damit die Güter der Pächter unter sachkundiger Leitung ertragreicher würden, machten sich keine unmittelbaren Anzeichen steigenden Wohlstandes bemerkbar.
Der Vikar hatte erklärt, das Geld müsse so bald wie möglich zurückgezahlt werden, nicht nur an den Verlobten seiner Tochter und den Marquis, sondern auch an Lady Godolphin – es handelte sich dabei um die Auslagen, die die Lady gehabt hatte, um Minerva in die Gesellschaft einzuführen.
Den Zwillingen Peregrine und James, zehn Jahre alt, war zwar die zukünftige Erziehung in Eton sicher, doch für die Mädchen und Mrs. Armitage ging das Leben ziemlich unverändert so weiter, wie es vor Minervas Verlobung gewesen war.
Weihnachten verlief ruhig. Minerva sollte im März heiraten, und ihre jüngeren Schwestern bettelten schon jetzt tränenreich um neue Kleider für die Hochzeit.
Neben Minerva waren da noch Annabelle, siebzehn Jahre alt, Deirdre, fünfzehn, Daphne, vierzehn, Diana, dreizehn, und die zwölfjährige Frederica.
Annabelle, die nächste nach Minerva, litt unter einem nagenden Gefühl von Unzufriedenheit, das aber nichts mit den beengten Verhältnissen ihrer Familie zu tun hatte – sie hatte sich auf den ersten Blick in den Verlobten ihrer Schwester, Lord Sylvester Comfrey, verliebt.
Daß der Freund Seiner Lordschaft, der Marquis von Brabington, sie bewunderte, hatte Annabelle zwar bemerkt, aber rasch als unwichtig abgetan.
Dabei war anfangs er derjenige gewesen, um den sich ihre Träume gedreht hatten. Er war im Pfarrhaus abgestiegen und hatte erklärt, er und Lord Sylvester Comfrey wollten der verarmten Familie dadurch aus ihrer mißlichen Lage helfen, daß sie die Ländereien des Vikars wieder zu einträglicher Blüte brächten. Der Marquis räumte dem Vikar einen großzügigen Kredit ein und machte sich dann daran, die Herzen der Familie im Allgemeinen und das Annabelles im Besonderen zu erobern. Er wanderte mit ihr durch das Dorf und die Umgegend und gab mit jedem Blick und jeder Geste zu verstehen, eine engere Beziehung stünde unmittelbar bevor. Nur widerstrebend reiste er schließlich ab und erklärte Annabelle, er müsse zu seinem Regiment zurückkehren. Er hoffe aber, so bald wie möglich wieder bei ihr zu sein.
Doch dann war Minerva überraschend aus London zurückgekommen, und Lord Sylvester war ihr gefolgt und hatte um ihre Hand angehalten. Ein Blick auf Lord Sylvester hatte genügt, um die stolze Erinnerung an den Marquis von Brabington in Annabelles hübschem Kopf verblassen und schließlich ganz erlöschen zu lassen.
Jede ihrer wachen Minuten schien nun von Gedanken an Lord Sylvester erfüllt. Sie hatte ihn seit seinem eindrucksvollen Besuch, bei dem die Verlobung bekanntgegeben wurde, nicht mehr gesehen. Minerva und Mrs. Armitage waren für einen Monat zu seinen Eltern gereist. Die Abwesenheit Lord Sylvesters aber steigerte Annabelles Liebe zu ihm zur Besessenheit. Sie war fest davon überzeugt, er begehe einen schrecklichen Fehler. Minerva war nicht die richtige Frau für ihn.
Minerva war streng und prosaisch. Wie sie es geschafft hatte, einen stürmischen und gutaussehenden Lebemann wie Comfrey einzufangen, überstieg Annabelles Vorstellungskraft. Gewiß, Minerva war sehr schön mit ihrem schwarzen Haar und den großen, klaren grauen Augen. Doch Annabelle wußte, daß sie selbst ebenfalls eine Schönheit war. Mochte die gegenwärtige Mode Blond auch zum ›Mißgeschick‹ erklären, Annabelle Armitage hatte schon früh gelernt, daß die Verbindung von goldblondem Haar, blauen Augen, schlanker Gestalt und zierlichen Gelenken jeden Gentleman in der Grafschaft Berham in helles Entzücken versetzte.
War sie nicht auch schon fast verlobt gewesen, und zwar lange vor Minerva? Doch Guy Wentwater hatte sich als Sklavenhändler entpuppt, und so war die Verlobung nicht zustande gekommen. Und dann, als ihre Gefühle ihm gegenüber sich gerade wieder erwärmten, war er auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Selbst seine Tante, Lady Wentwater, schwor, sie habe kein Wort von ihm gehört.
Mrs. Armitage, die sich gern an allen möglichen Stimmungen und merkwürdigen Infektionen erkrankt glaubte, hatte die Führung des Haushalts Minerva überlassen. Nachdem Minerva und ihre Mutter abgereist waren, stellte Annabelle fest, daß die ermüdenden Pflichten von Haushalt und Pfarre nun an ihr hängenblieben.
Und je mehr sie tat, desto mehr war sie davon überzeugt, Minervas natürliche Rolle sei die einer alten Jungfer. Minerva war allem Anschein nach mit der langweiligen Routine des dörflichen Lebens durchaus zufrieden gewesen. Daraus folgte – so dachte Annabelle eifrig –, daß Lord Sylvester Minerva keinen schlechten Dienst erwiese, falls er zu dem Schluß kommen sollte, ihre jüngere Schwester passe besser zu ihm.
Die zimperliche Minerva würde ein wenig verletzt sein, ein bißchen Kummer haben, doch das wäre wohl alles. Sicher war Minerva völlig außerstande, unter so starken, leidenschaftlichen Gefühlen zu leiden wie sie selbst. Doch wie konnte es ihr gelingen, Minerva zu verdrängen und selbst Lord Sylvesters Zuneigung zu gewinnen, wenn dieser niemals anwesend war und folglich ihren Reizen gar nicht erliegen konnte?
Obwohl im Pfarrhaus eine Köchin und Haushälterin, ein Dienstmädchen, ein Mann für Aushilfsarbeiten und ein Kutscher beschäftigt wurden, erwartete man von Annabelle, daß sie sich mit um die häuslichen Obliegenheiten kümmerte; während ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen, war sie damit beschäftigt, Fettflecken aus den Plüschpolstern der Speisezimmerstühle zu entfernen, eine mühselige Arbeit, bei der die Flecken vorsichtig mit heißen, zu einer Rolle zusammengepreßten Brotkrumen ausgerieben werden mußten.
Minerva und ihre Mutter wurden erst am Nachmittag zurückerwartet, und Annabelle plante, ihr bestes Kleid anzuziehen. Es konnte ja immerhin sein, daß Lord Sylvester sie begleitete.
Annabelle hielt daher in ihrer Beschäftigung nicht einmal inne, als sie das Geräusch von Kutschenrädern auf dem kurzen Kiesweg hörte; sie nahm an, ihr Vater sei von seiner Rundfahrt durch die Pfarrei zurückgekehrt.
So ließ sie verblüfft die letzte Brotrolle sinken, als sie draußen ihre Mutter mit klagender Stimme sagen hörte: »Ist denn niemand da, mich willkommen zu heißen?«
Annabelle rannte zum Fenster und sah hinaus. Falls Lord Sylvester mitgekommen war, würde sie in ihr Zimmer fliehen und sich so schnell wie möglich hübsch machen.
Doch da stand nur die kleine Gestalt von Mrs. Armitage, die matt zwei prachtvolle Lakaien anwies, mit dem Gepäck vorsichtig zu sein.
Lord Sylvesters Kutsche war angekommen, aber ohne Seine Lordschaft und ohne Minerva.
Annabelle lief hinaus, umarmte ihre Mutter und platzierte einen Kuß auf deren welke Wange.
»Mama! Wo ist Minerva? Warum bist du allein gekommen?«
»Ich bin schrecklich reisekrank«, sagte Mrs. Armitage schwach und löste sich aus der Umarmung ihrer Tochter. »Mach keinen solchen Aufruhr, Kind. Ich muß mich hinlegen. Ich spüre, daß sich eine Migräne ankündigt.«
Im Gegensatz zu Minerva ließ sich Annabelle von den berühmten Kopfschmerzen ihrer Mutter aber nicht beeindrucken. »Du kannst nicht in dein Zimmer entschwinden, Mama, ohne mir zuerst von deinem Besuch zu berichten. Wie leben sie? Sind sie sehr vornehm?«
»Oh, schon gut«, seufzte Mrs. Armitage kapitulierend. »Doch laß mich eintreten, meinen Hut abnehmen und Mrs. Hammer um Tee bitten.« Mrs. Hammer war die Köchin und Haushälterin.
Annabelle flog in die Küche und war schnell wieder bei ihrer Mutter, die im Salon am Feuer saß.
»Es tut so gut, zu Hause zu sein«, sagte Mrs. Armitage. »Der Herzog und die Herzogin von Allsbury leben so vornehm. Und so viele Gäste, die kommen und gehen! Und die Kleider, meine Liebe! Die Toiletten! Ich fühlte mich wie eine Landpomeranze, obwohl Minerva mir einiges aus ihrer Garderobe lieh. Ein Glück, daß Lady Godolphin so großzügig war. Nicht daß die Herzogin hochnäsig wäre, sie gab mir ein Rezept für Shrewsbury-Kuchen, das besser ist als unseres. Und sie ...«
»Aber was ist mit Minerva?« unterbrach Annabelle ungeduldig.
»Oh, Minerva scheint ganz an das vornehme Leben gewöhnt. Ich sage dir, sie wirkt, als sei sie darin geboren. Nicht daß Lady Godolphin ihr viel an schicklichem Benehmen hätte beibringen können – die Dame traf erst ein, als wir schon dort waren, und ich war vollkommen schockiert. Sie putzt sich auf wie ein Paradepferd und bringt alle Wörter durcheinander. Sie bezeichnete Lord Sylvester doch dauernd als Minervas ›Finzi‹. Erst nach einer Weile kam ich dahinter, daß sie ›fiancé‹ meinte. Die Herzogin stellt das Brautkleid, was ein Segen ist. Es muß Tausende von Guineen gekostet haben. Echte Brüsseler Spitzen auf weißem Satin und ein entzückender Hut aus Brüsseler Spitze mit zwei Federn und ...«
»Mama«, sagte Annabelle langsam und vorsichtig, »wo ist Minerva? Und warum ist sie nicht zurückgekommen?«
»Deinetwegen, mein Liebes«, rief Mrs. Armitage aus.
Annabelle errötete plötzlich. Hatte Minerva am Ende ihre geheime Leidenschaft für Lord Sylvester entdeckt?
Wie betäubt hörte sie ihre Mutter fortfahren: »Minerva meinte, es wäre eine gute Gelegenheit für dich, einen Besuch zu machen, einige passende junge Herren kennenzulernen und dich an die große Welt zu gewöhnen, da du noch zu jung bist, um eingeführt zu werden.«
»Ich bin siebzehn!« protestierte Annabelle, und ihr Herz begann heftig zu schlagen. Sie würde ihn wiedersehen!
»Um einige junge Herren kennenzulernen«, fuhr Mrs. Armitage fort. »Die Diener des Herzogs steigen im Gasthaus ab, und du sollst morgen reisen.«
»Morgen? Ich habe nichts anzuziehen.«
»Nun, was das betrifft, Lady Godolphin hat Minerva mit einer äußerst umfangreichen Garderobe ausgestattet, und ihr habt die gleiche Größe. Eine schreckliche alte Dame. Sie ist ja nur eine entfernte Verwandte von mir, eine Art Cousine, ich weiß nicht, wievielten Grades. Ich muß allerdings sagen, daß es in dieser Familie immer schwarze Schafe gab. Nun, ich bin müde von der Reise, und deine Sachen müssen auch noch gepackt werden. Sag Betty« – Betty war das Dienstmädchen –, »sie soll dir packen helfen und sich fertigmachen, mit dir zu reisen, da du ein Mädchen brauchst. Dann setz deinen Hut auf und geh in Mr. MacDonalds Geschäft. Suche ein paar Seidenbänder aus, die zu deinem blauen Samtmantel passen. Der ist für eine Reise bei diesem Wetter genau richtig.«
Annabelle versuchte, mehr über den Wohnsitz des Herzogs in Erfahrung zu bringen. Wer hielt sich dort gegenwärtig auf, und wer waren diese jungen Männer, die sie kennenlernen sollte? Aber Mrs. Armitage schloß die Augen und klagte in wehleidigem Ton über ihre Kopfschmerzen. Annabelle mußte sich also damit zufriedengeben, alle ihre Fragen für den Abend aufzusparen.
Der Tag war stahlgrau und kalt, als sie auf das Dorf Hopeworth zuging. Wie Puderzucker lag Schnee auf den Strohdächern der Häuser und in den gefrorenen Furchen des Weges.
Annabelles Gemüt war in Aufruhr. Ihr stark ausgeprägtes Selbstvertrauen begann zu schwanken, und sie empfand eine gewisse Furcht bei dem Gedanken, in Kürze so vielen Vertretern der großen Gesellschaft zu begegnen. Welche Trinkgelder gab man beispielsweise der Dienerschaft? Und gab man sie bei der Ankunft oder bei der Abreise?
Aber Minerva würde das wissen, dachte sie mit einem erleichterten Seufzer. Doch direkt auf diesen angenehmen Gedanken folgte Zorn darüber, daß ihre Schwester, ihre Rivalin, sehr genau wußte, wie man sich Mitgliedern der großen Welt gegenüber zu verhalten hatte, sie selbst dagegen nicht.
Im Laden von Mr. Macdonald war lebhafter Betrieb. Die jungen Gehilfen schwänzelten geschäftig und erstaunlich leichtfüßig um die Theke; ihre Gesichter glänzten, ihre Rockschöße flogen. Bauern und Landleute aus der Nachbarschaft standen herum, strichen ihr Haar glatt und blickten schüchtern um sich, während sie allen Mut zusammennahmen, um einen der flotten jungen Ladenhelfer nach den Kurzwaren zu fragen, die sie ihren Frauen oder Töchtern mitbringen sollten.
Annabelle sah sich gerade verschiedenfarbige Seidenbänder an, die in einer Schachtel lagen, als zwei junge Stutzer das Geschäft betraten.
»Nun ja, ich weiß, es ist alles äußerst rustikal hier, George, und diese Bauerntölpel starren einen so an«, sagte der eine affektiert, »aber unsereiner kann in diesen hinterwäldlerischen Läden manchmal erstaunlich günstig einkaufen.«
»Wenn du meinst, Cyril«, sagte sein Gefährte mit leisem Kichern.
Annabelle studierte die beiden unbemerkt. Beide waren mit dandyhaften blauen Fräcken und Pikeewesten herausgeputzt. Sie rochen stark nach Moschus. Ihre Haare waren kunstvoll frisiert, gelockt und pomadisiert. Obwohl der, der George genannt wurde, braunes Haar hatte und sein Freund Cyril schwarzes, waren sie einander auffallend ähnlich. Eines jedoch war Annabelle sofort klar. Sie gehörten zur Crème der großen Welt.
Sie beschloß, ihre Unterhaltung zu belauschen, um eventuell einige vornehme Redensarten für ihren Besuch aufzuschnappen.
»Wie geht’s Barry?« fragte der, der George genannt wurde.
»Oh, noch immer im College. Hat aber genug Kohle, um Schmiergelder zu zahlen. Zwei Burschen, die dafür auf der Treppe schlafen. Ich sagte ihm, er solle nicht in dieser Spelunke spielen. Der griechische Elfenbeindreher hat ihn mit markierten Würfeln drangekriegt, und da war der arme Barry im Eimer. Er hatte ziemlich einen in der Krone ... Na, und jetzt ist er im Knast. Schau her, Junge, laß uns diesen Ballen seegrüner Seide ansehen.«
»Seegrün – seekrank«, lachte George.
Beide nahmen langstielige Lorgnons aus den Taschen und prüften das Material.
»Wozu willst du es nehmen?« fragte George.
»Für einen Rock ... Für die nächste Saison bei Almack’s.«
»Nein, nein, alter Junge!« rief Cyril aus und hob entsetzt die Hände. »Sie werden dich für Henry Cope halten. Du kannst doch nicht Grün tragen. Das ist entschieden ein Alter Hut, mein Bester.«
George stieß ein fast weibisches, kreischendes Lachen aus. »Oh, laß uns endlich abreisen. Ich möchte wissen, warum du an so unmöglichen Orten Station machen mußt.«
Arm in Arm tänzelten sie hinaus und hinterließen einen starken Moschusgeruch.
»Es steht mir ja nicht zu, Höherstehende zu kritisieren«, sagte ein stämmiger Kutscher unumwunden. »Aber diese Backgammon-Spieler verleiden mir mein Haschee. Oh, ich bitte um Verzeihung, Miss. Ich vergaß, daß Sie hier sind. Ich hoffe, Sie haben nicht verstanden, was sie sagten. Das war nichts für die Ohren einer Dame.«
»Ich habe kein Wort verstanden«, log Annabelle unschuldig.
»Ein Glück«, sagte der Kutscher. »Bei diesen Nichtstuern ist es Mode, Unterwelt- oder Kutscherausdrücke zu gebrauchen, wie sie es nennen, aber unsereinem würde es nicht einfallen, derartige Reden zu führen, schon gar nicht, wenn Damen in der Nähe sind.«
Er entfernte sich, um an der gegenüberliegenden Theke grünen Tee zu kaufen, und Annabelle dachte über die geheimnisvolle Unterhaltung der beiden nach.
Sie hatte erfahren, daß es modern war, Kutscher- und Unterweltausdrücke zu gebrauchen. Minerva würde niemals ein unfeines Wort benutzen, aber vielleicht würde sie, Annabelle, Eindruck machen, wenn sie diese Kunst beherrschte? Die jungen Männer hatten schließlich nichts so Schlimmes gesagt. Sie hatten über einen Freund am College gesprochen. Und dann hatten sie gesagt, Grün sei »ein alter Hut«. Nun, das war offenbar eine Bezeichnung für etwas, das nicht länger Mode war.
Zweifellos litt Annabelle unter einer Art milder Verrücktheit. Sie machte sich keine Gedanken über die Tatsache, daß es unrecht war, ihre Schwester Lord Sylvester ausspannen zu wollen. Sie hatte Minerva immer verachtet, so lieb sie ihr auch war. Minerva hielt dauernd Moralpredigten; seit ihrer Verlobung hatte ihre selbstgefällige, märtyrerhafte Art zwar etwas nachgelassen, aber sie war seither kaum zu Hause gewesen, und Annabelle, durch ihre Eifersucht blind gemacht, hatte keine Veränderung an ihr bemerkt. Die Liebe, die aus Minervas Augen leuchtete, erschien ihrer jüngeren Schwester kaum anders als ihre frühere Frömmelei.
Nicht für einen Augenblick kam Annabelle auf die Idee, daß Minerva Lord Sylvester leidenschaftlich liebte. Minerva war nach London geschickt worden, um sich einen reichen Mann zu angeln, damit die Familie aus ihrer Armut erlöst würde. Hatte Papa ihr nicht gesagt, sie müsse sich opfern? Und nun hatte Minerva sich eben geopfert. Sollte Lord Sylvester also die blonde Annabelle bevorzugen, wäre damit kein Schaden angerichtet. Das Comfrey-Geld bliebe ja in der Familie.
Diese heiteren Gedanken schwirrten Annabelle durch den Kopf, als sie mit den Bändern, die sie gekauft hatte, zum Pfarrhaus zurückging. Beim Abendessen äußerte sich Mrs. Armitage aufreizend ungenau über den Wohnsitz des Herzogs. Lord Sylvester hatte natürlich sein eigenes Besitztum. Das Herrenhaus der Allsburys hieß Haeter Abbey, da einer der Familiennamen Haeter lautete. Ja, es war sehr groß. Ja, es gab eine Menge Dienerschaft. Auch Annabelles vier jüngere Schwestern, die gerade aus der Schule im nahe gelegenen Hopeminster zurückgekehrt waren, bestürmten ihre Mutter mit Fragen, doch niemandem gelang es, sich ein klares Bild von Haeter Abbey zu machen. Die Zwillinge waren in London und paukten in einer Vorbereitungsschule für Eton.
Dann bemerkte Annabelle, daß die fünfzehnjährige Deirdre eines ihrer besten Kleider trug und ihr rotes Haar aufgesteckt hatte.
»Wie kannst du es wagen!« fuhr Annabelle sie an. »Du sitzt da wie eine aufgeputzte Vogelscheuche! Mama, sprich mit ihr! Das ist eins von meinen Kleidern; Betty sollte es einpacken.«
»Es ist sehr kleidsam zu ihrer unvorteilhaften Haarfarbe«, sagte Mrs. Armitage. »Minerva wird so viele Kleider für dich haben, Annabelle, du solltest deiner kleinen Schwester dieses eine nicht mißgönnen.«
»Deirdre ist gründlich verwöhnt«, schnaubte Annabelle, die wie die meisten Menschen schnell damit bei der Hand war, die eigenen Fehler bei anderen zu kritisieren. »Geh sofort nach oben, mein Fräulein, und zieh es aus.«
»Wenn du willst«, flüsterte Deirdre. »Aber ich werde Papa sagen, daß du in Lord Sylvester verliebt bist.«
»He, was ist da los?« fragte der Vikar vom Kopfende der Tafel her.
Annabelle spürte, wie ihre Wangen brannten. »Ich sagte Deirdre gerade, sie könne mein Kleid behalten«, sagte sie.
»Ach, Weiberkram«, raunzte der Vikar. »Übrigens, Bella, ich habe dir nach dem Abendbrot ein Wort zu sagen.«
Annabelle beobachtete ihren Vater nervös. Er war ein untersetzter Mann mit rundem, rötlichem Gesicht und kleinen, zwinkernden Knopfaugen. Obwohl sein ganzes Denken um seine Pferde und seine Hundemeute zu kreisen schien, hatte er manchmal ein untrügliches Gespür und wußte ganz genau, was jemand im Schilde führte.
Daher folgte Annabelle ihm nach dem Essen leise zitternd in sein Studierzimmer.
Der Raum war vollgestopft mit alten Jagdtaschen, schlammigen Stiefeln, ausgestopften Füchsen, Gewehren, Gerten und Peitschen. Der Vikar schob das bunte Durcheinander auf seinem Schreibtisch beiseite und setzte sich.
»Nun, Annabelle«, sagte er, drehte sich auf seinem Stuhl um und wandte sich ihr zu, »jetzt geht’s hinaus in die Welt, was?«
»Ja, Papa.«
»Hör zu, du bist ein bißchen zu jung, um an Heirat zu denken. Aber ich habe einem geschenkten Gaul noch nie ins Maul geschaut, und dieser Marquis von Brabington schien eine Schwäche für dich zu haben.«
»Tatsächlich, Papa?« sagte Annabelle steif. »Das hatte ich nicht bemerkt.«
»Nein?« Der Blick des Vikars wurde plötzlich sehr scharf. »Du hast dir doch wohl keine Rosinen in den Kopf gesetzt, oder? Etwa eine tendresse für diesen Comfrey?«
»Lord Sylvester? Nein«, sagte Annabelle schwach und war froh, daß sie nicht errötete.
»Wenn du es sagst! Mädchen in deinem Alter schwärmen manchmal für ältere Männer. Er ist vierunddreißig.«
»Er ist nicht zu alt für Minerva.«
»Nein. Weil sie reif ist und du nicht. Sie hat dich verwöhnt, weißt du. Du warst erst sechzehn, als du mit diesem Guy Wentwater geflirtet hast. Aha, jetzt wirst du rot. Hast wohl nicht gewußt, daß ich darüber im Bilde bin!«
»Mr. Wentwater hat nur seine Zuneigung geäußert, und außerdem habe ich seither nichts mehr von ihm gehört.«
»Das wirst du auch nicht«, sagte der Vikar grimmig.
»Also warst du es, der ihn vertrieben hat!« rief Annabelle aus.
»Aber nicht doch«, sagte der Vikar mit unschuldsvollem Blick; innerlich machte er den Allmächtigen darauf aufmerksam, daß Lügen manchmal auch Politik sein können. »Auf jeden Fall«, fuhr er streng fort, »will ich, daß du dich benimmst. Keine Augenaufschläge, kein Liebäugeln mit den Burschen, verstanden?«
»Papa!«
»Und du wirst dich stets an Minerva halten. Die denkt auf die richtige Weise, du nicht.«
»Ja, Papa«, sagte Annabelle mit trotzig verkniffenen Lippen.
»Wenn du irgendein Unheil anrichtest, wird es mir zu Ohren kommen, und dann blüht dir die Pferdepeitsche. Das wollte ich schon oft tun, aber Minerva hat mich immer daran gehindert.«
»Das würdest du nicht wagen!« keuchte Annabelle. »Ich bin eine Dame, Sir.«
»Das bleibt abzuwarten«, sagte der Vikar trocken. »Ich warne dich, Annabelle; sprich wie ein junges Mädchen, und benimm dich bescheiden.«
»Sehr wohl, Papa.«
»Enthalte dich der fleischlichen Begierden, die wider die Seele streiten. Petrus 1, Kapitel 2, Vers 11.«
»Ja, Papa.«
»So, hier hast du eine Börse. Nadelgeld und Geld für die Dienerschaft. Und jetzt ab ins Bett!«
Mit empört verzogenen Lippen ging Annabelle die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Deirdre saß am Toilettentisch und probierte verschiedene Cremes auf ihrem Gesicht aus.
Annabelle bekam einen Wutanfall. Sie rannte auf ihre jüngere Schwester los und schüttelte sie, bis ihr die Zähne klapperten.
»Geh in dein eigenes Zimmer«, zischte sie.
Deirdre entwand sich ihrem Griff und tänzelte zur Tür. »Du hast keine Chance, daß Lord Sylvester dich auch nur ansieht, Bella. Blonde Frauen sind aus der Mode.«
»Karottenköpfe auch!« schrie Annabelle. Sie ergriff eine Haarbürste und warf sie nach ihrer Schwester, aber Deirdre huschte rasch durch die Tür und war verschwunden.
»Gehässige kleine Katze«, murmelte Annabelle, setzte sich an den Toilettentisch und studierte aufmerksam ihr Spiegelbild. Die Wut hatte ihre Wangen gerötet und ließ ihre großen blauen Augen blitzen. Ihr blondes Haar, das sie noch lose trug, bildete eine goldene Aureole um ihr hübsches Gesicht.
»Ich bin schön«, sagte Annabelle trotzig, »viel schöner als Minerva.« Eine erstickende Erregung stieg ihr in die Kehle. Bald würde sie Lord Sylvester sehen. Sie malte sich rosige Phantasien darüber aus, wie sie am Arm eines verliebten Lord Sylvester ins Pfarrhaus zurückkehren würde, und genoß die Vorstellung von Deirdres Verblüffung. Das ist meine kleine Schwester, würde sie sagen und Deirdres Kopf tätscheln. Wir müssen etwas unternehmen, um sie zu bändigen, Liebling. Sie ist so ungestüm, daß sie sich nie einen Beau einfangen wird.
Doch es war eine eher kleine, ängstliche und schulmädchenhafte Annabelle, die am nächsten Tag von ihren Eltern und Schwestern Abschied nahm. Die Mädchen hatten eigens die Schule versäumen dürfen, um sich von ihr zu verabschieden. Der Vikar versprach, den Zwillingen noch am gleichen Tag zu schreiben und ihnen von Annabelles Besuch beim Herzog von Allsbury zu berichten.
Der Kutscher mit der prachtvollen Perücke, der würdevoller aussah als ein Erzbischof, ließ seine Peitsche knallen. Annabelle lehnte sich aus dem Fenster der Kutsche und sah durch einen Tränenschleier auf ihre Familie. Zwei hochgewachsene Diener sprangen hinten auf. Das Hausmädchen Betty rang fassungslos die Hände vor Begeisterung über die weichen Lederpolster, die Reisedecken aus Bärenfell und den heißen Ziegelstein zu ihren Füßen. Dann fuhr die Kutsche an.
»A-auf W-wiedersehen«, stammelte Annabelle und ließ ihr Taschentuch flattern. »Ich werde ganz bestimmt brav sein, Papa.«
Doch der verblüffte Ausruf des Vikars – »Du hattest doch wohl nichts anderes vor, oder?« – ging im Gerumpel der Räder unter.
Annabelle lehnte sich in die Ecke zurück und trocknete ihre tränennassen Augen. Hat sich Minerva auch so gefühlt? fragte sie sich. War ihr auch so zumute, als sie nach London abreiste mit der Anweisung, sich einen Ehemann zu suchen? Und war nicht allein der Gedanke, ihr den wieder wegnehmen zu wollen, von abscheulicher Bosheit?
Die Kutsche rollte durch das Dorf. Sie spiegelte sich im stillen Wasser des Dorfteiches. Die vier großen Zugpferde bliesen weiße Atemwölkchen in die kalte Luft.
Vorbei an den ›Sechs fröhlichen Bettlern‹; vorbei an der verschrumpelten kleinen Gestalt von Squire Radford, der seinen Hut lüftete.
Und vorbei am Tor von The Hall, dem Haus von Annabelles Onkel, Sir Edwin Armitage. Sir Edwin, der Bruder des Vikars, und seine Frau, Lady Edwin, waren ganz außer sich über Minervas Erfolg auf dem Heiratsmarkt. Ihre eitlen Töchter Emily und Josephine hatten nichts erreicht und mußten sich damit abfinden, es in der nächsten Saison von neuem zu versuchen.
Beim Gedanken an Emily und Josephine vergaß Annabelle ihr schlechtes Gewissen und stellte sich vor, wie sie ihnen Lord Sylvester als ihren Verlobten präsentieren und sich an ihren neidischen Blicken weiden würde.
Die Kutsche rollte über die holperige Bogenbrücke über dem Blyne; das Echo ihres Rumpelns schallte von den hohen, bemoosten Mauern um den Besitz von Lady Wentwater zurück.
Als die Kutsche in die Hopeminster Road einbog, war Annabelles Phantasie verblaßt, und erneut begann sie sich Gedanken darüber zu machen, wie sie sich beim Herzog von Allsbury benehmen sollte.
Sie versuchte, ihr Selbstvertrauen durch die Erinnerung an Besuche bei ihrem Nachbarn, Lord Osbadiston, zu stärken. Der hatte ein Leben in ziemlich großem Stil geführt, bis seine Schulden ihn einholten. Doch da war sie mit ihrer Familie zu Gast gewesen, einfach als eines der Kinder. Einen Herzog zu besuchen aber war fast so bedeutend wie ein Besuch bei der königlichen Familie. Es hieß, der Herzog und die Herzogin von Allsbury gäben äußerst vornehme Hausfeste. Mrs. Armitage hatte sich nicht eingeschüchtert gefühlt. Sie war derartig darauf aus, sich als leidende Kranke zu beweisen, daß sie nicht viel von dem bemerkte, was um sie herum vorging. Minerva, die eine Londoner Saison hinter sich hatte, würde sich ganz unbefangen fühlen, doch hier runzelte Annabelle die Stirn. Wenn sie Lord Sylvester beeindrucken und bezaubern wollte, dann durfte sie sich nicht hinter den Röcken ihrer Schwester verstecken.
Wenn sie bloß nicht diese geheimnisvollen jungen Herren kennenlernen müßte! Und wenn Minerva sie passend fand, dann mußten sie extrem langweilig sein, dachte Annabelle, die entschlossen an dem Gedanken festhalten wollte, Minervas Verlobung mit Lord Sylvester sei das Ergebnis einer vorübergehenden geistigen Umnachtung dieses Herrn gewesen.
»Oh, Miss Bella«, rief das Mädchen Betty, in ihre Gedanken einbrechend, »ist es nicht aufregend, einen richtigen Herzog zu besuchen?«
»Du mußt lernen, deinen Platz zu kennen, Betty«, sagte Annabelle streng. »Du mußt mich von jetzt an Miss Annabelle nennen.«
»Ja, Miss«, sagte Betty mit einem kleinen Kopfnicken. Listig dachte sie bei sich, daß es Miss Bella sei, die bald feststellen würde, daß sie ihren Platz nicht kannte. Das würde ein Spaß werden. Miss Bella war ihrer selbst doch allzu sicher!
Nach zwei Reisetagen traf Annabelle in Haeter Abbey ein. Es war ein kalter, grauer Morgen mit schweren, dunklen Wolken, die Schnee verhießen.
Sie hatte einen Palast wie Blenheim erwartet und spürte einen Stich der Enttäuschung, als Haeter Abbey in Sicht kam. Es schien ein großes, ziemlich häßliches Haus in einem ebenen Park zu sein. Im Jahre 1758 hatte der junge Architekt Robert Adam die Innenausstattung entworfen, doch als er seine Pläne für eine Umgestaltung der Außenfassade des Gebäudes vorlegte, hatte der Herzog knapp bemerkt, er habe nun genug Geld ausgegeben, und so blieb die langweilige, kahle Ziegelfront mit der gedrungenen Säulenreihe so, wie sie war.
Die Inneneinrichtung war eine andere Sache. Aber zumindest anfangs nahm Annabelle keinerlei Notiz von ihrer Pracht.
Sie wurde in eine große Halle geführt und stand zögernd auf einer weiten Fläche aus schwarzen und weißen Fliesen. Adams kühle Farben hoben die römischen Statuen hervor, die die Halle umgaben. Am hinteren Ende erstreckte sich eine geschwungene Doppeltreppe zu den Staatszimmern im ersten Stock.
Annabelle sah nichts von dieser Herrlichkeit. Undeutlich nahm sie Minerva wahr, die die Arme ausgestreckt hatte, um sie willkommen zu heißen. Scharf und deutlich aber erkannte sie die große, elegante Gestalt von Lord Sylvester und stürzte darauf zu.
Sie warf die Arme um ihn und hob ihr strahlendes Gesicht zu ihm empor. Wenn je ein Mädchen darauf wartete, geküßt zu werden, dann war es jetzt Annabelle.
Lord Sylvester Comfrey strich ihr achtlos über die Wange und machte sich dann sanft von ihr los.
»Willkommen, Miss Annabelle«, sagte er. »Ihre Schwester wartet darauf, Sie zu begrüßen.«
Annabelle errötete zart, als sie ihren Fehler erkannte. Natürlich würde der liebe Sylvester vor Minerva keinerlei unnötige Wärme zeigen.
»Es tut mir so leid, Lord Sylvester«, sagte sie. »Stellen Sie sich vor, die lange Reise hat mich vollkommen verwirrt. Ich bin einfach der ersten Person um den Hals gefallen, die ich sah. Merva, wie schön, dich zu sehen.«
Sie umarmte und küßte ihre Schwester und sah aus dem Winkel ihrer blauen Augen, daß der etwas verblüffte Ausdruck von Lord Sylvesters Gesicht gewichen war und er sie zustimmend beobachtete.
Als sie sich von ihrer Schwester gelöst hatte, war Annabelle noch so damit beschäftigt, Lord Sylvester zu bezaubern, daß sie Minervas leichte Röte nicht bemerkte.
»Komm, Annabelle, ich führe dich in dein Zimmer«, sagte Minerva.
»Da können wir in Ruhe plaudern. Lord Sylvester wird uns entschuldigen.«
Sie legte den Arm um Annabelles Taille und führte sie die Treppe hinauf.
Annabelle nahm nur nebelhaft die Herrlichkeit von Farben, Ornamenten und Gemälden wahr. Auf dem Treppenabsatz wandte sie sich halb um und blickte hinunter in die Halle. Ein Lakai mit einem großen Kandelaber ging gerade vorbei. Von Lord Sylvester war nichts zu sehen.
Die Räume, die Annabelle zugewiesen worden waren, bestanden aus einem Schlafzimmer, einem angrenzenden Wohnzimmer und einem Puderkabinett, das man in ein kleines Ankleidezimmer verwandelt hatte. Sie waren in reichen Gold- und Karmesintönen ausgestattet. Ein Wandteppich aus dem siebzehnten Jahrhundert stellte den Tod des Remus dar und bedeckte eine Wand des Schlafzimmers.
Annabelle berichtete atemlos von den Neuigkeiten aus der Pfarrei, während Minerva Betty beim Auspacken half. Dann zog sie ihre Stiefel aus und ein Paar geknöpfte Slipper an und wärmte ihre Zehen am Kamin. Zum ersten Mal sah sie Minerva richtig an und verspürte einen Stich von Eifersucht.
Minerva trug ein klassisches, hochtailliertes Kleid in Blaßrosa, das am Hals geschlossen und mit einer Musselinkrause verziert war. Der Rock ohne Schleppe war knöchellang und hatte einen leicht gebauschten Saum, der mit spanischer Borte besetzt war. Die langen, engen Ärmel des Kleides endeten in Musselinkrausen um die Handgelenke. Minervas schwarzes Haar war à la Titus frisiert; kunstvoll gelockte Wellen umrahmten die Stirn. Ihre grauen Augen wirkten fast silbern, und ihre Wangen waren leicht gerötet.
»Neben dir fühle ich mich wie ein Bauerntrampel«, sagte Annabelle mit ziemlich schrillem Lachen. »Mama sagte, du würdest mir ein paar Kleider leihen, Minerva. Bitte, laß mich deine Garderobe anschauen. Ich muß so gut wie möglich aussehen. Und wer sind diese Herren, die ich kennenlernen soll?«
Minerva entließ Betty in die Dienstbotenzimmer, schloß sanft die Tür hinter ihr und setzte sich dann ziemlich ernst Annabelle gegenüber.
»Ja, du kannst dir von meinen Kleidern aussuchen, was du möchtest«, sagte sie, »und über unsere anderen Gäste werde ich dir auch gleich berichten. Aber zuerst muß ich dir etwas erklären. Die Umgangsformen des haut ton sind nicht sehr verschieden von unseren. Man muß jederzeit daran denken, bescheiden und gefällig zu sein und nicht zuviel zu reden.«
Hier seufzte Annabelle laut und klopfte mit dem Fuß ungeduldig auf den Kaminvorsatz. »Halt doch keine solchen Vorträge, Merva«, sagte sie.
»Weder Papa noch Mama sind hier, also muß ich sie vertreten«, erwiderte Minerva streng. »Ich muß dir daher sagen, daß dein Benehmen bei deiner Ankunft schändlich war.«
»Mach doch nicht so einen Wind darum«, sagte Annabelle hitzig. »Ich habe es ja erklärt. Ich war froh, nach der ermüdenden Reise heil angekommen zu sein. Und außerdem wird Sylvester mein Schwager ...«
»Lord Sylvester für dich, mein Fräulein.«
Annabelle grinste plötzlich. »Du bist eifersüchtig, Merva«, sagte sie.
»Nein«, antwortete Minerva kühl, »du tust mir unrecht. Was Lord Sylvester angeht, habe ich keinerlei Grund zur Eifersucht.«
Minerva wirkte so vollkommen selbstsicher und gelassen, daß Annabelle zum ersten Mal etwas wie Zweifel empfand. Könnte es sein, daß Lord Sylvester Minerva wirklich liebte?
»Du bist noch sehr jung, Bella«, sagte Minerva. »Vielleicht war es falsch, daß ich diese Einladung für dich arrangiert habe.«
»Nein!« rief Annabelle atemlos; sie erkannte, daß sie zu weit gegangen war. Sie erinnerte sich, wie der Vikar mit der Pferdepeitsche gedroht hatte. »Es tut mir wirklich leid, daß ich mich so kindisch benommen habe, Merva. Bitte sag, daß du mir verzeihst.«
Nun, die frühere Minerva hätte prompt ein edles Gesicht gemacht und die Entschuldigung auf der Stelle angenommen. Doch diese neue, ausgeglichene, merkwürdig veränderte Schwester antwortete nur: »Nun, wir werden sehen, wie du dich weiter benimmst. Du wolltest etwas über die jungen Herren wissen. Sie sind alle ein bißchen zu alt für dich, so um die Zwanzig, doch ich dachte, du würdest hier Gelegenheit haben, zu lernen, wie sich die anderen jungen Damen benehmen.«
»Andere junge Damen?«
