Ein Jahr im schlimmsten Startup der Welt - Max Meer - E-Book

Ein Jahr im schlimmsten Startup der Welt E-Book

Max Meer

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Beschreibung

Ein Einblick in die Berliner Startup-Szene Nun habe ich endgültig die Nase voll vom Konzernleben. 3 Jahre nach meinem Einstieg ins Berufsleben spuckt mich die Tretmühle der Bürokraten mit ihren verkrusteten Arbeitsstrukturen wieder aus und ich folge endlich meinem - von einem erfolgreichen Gründer inspirierten - Traum, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Diesen ersten Versuch muss ich bald als Fehlschlag verbuchen. Doch meine Lust auf die nächste Gründung ist geweckt. Um wichtige Erfahrungen reicher wage ich, gemeinsam mit meiner Freundin, im Sommer 2014 den großen Schritt: Umzug nach Berlin. Startup-Metropole wir kommen! Einige Pleiten später läuft mir auf einer Veranstaltung Napoleon über den Weg, im Gepäck scheinbar DIE bahnbrechende Geschäftsidee. Napoleon will hoch hinaus und ein Milliardenunternehmen schaffen. Kurz darauf stecke ich bereits mitten in meiner persönlichen Startup-Odyssee und kämpfe ums Überleben.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für meine Freundin, Eltern, Freunde und alle die mich in dieser schweren Zeit so unterstützt haben.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Der erste Kontakt

Wie alles begann

Die ersten Wochen

Der Druck steigt

Tag der Wahrheit - Start des Online-Shops und die ersten Kunden

Startup-Leben - Überleben

Wie werde ich der schlechteste CEO in einem Startup?

Wir starten durch – oder doch nicht?

Neue Mitarbeiter und die lang ersehnte Finanzierung

Auf dem Weg zur Series A-Finanzierung

Jahresendspurt

Salesforce und der Anfang vom Ende meiner Autorität

Krankheit

Die Klage

Epilog

Anhang

Umgang mit Problemen in Startups

Scrum und unser Softwareentwicklungsprozess

Global Venture Development Manager

Offene Projekte

Tipps aus meinen Startup-Erfahrungen

Business Model Canvas für Elektronikvermietung

Literaturverzeichnis

Prolog

Mittwoch, 01.09.2016

An diesem Tag wachte ich ziemlich früh auf, lag in meinem Bett und die Gedanken schwirrten nur so durch meinen Kopf. Eigentlich war ich bereits ausgeschlafen und fühlte mich nach langer Zeit wieder einmal so richtig gut. War ich nun soweit, mein Buch-Projekt zu starten? Mit dem Gedanken geliebäugelt hatte ich ja schon lange, in den letzten Monaten fehlte mir aber einfach der Antrieb. Zeit für dieses Projekt hatte ich hingegen genug und so holte ich das MacBook hervor und schrieb die ersten Zeilen meines Buches.

Der Titel meines Werkes stand, wenn auch nur in meinem Kopf, bereits länger fest. Zugegeben - „Ein Jahr im schlimmsten Startup der Welt“ ist ziemlich dick aufgetragen - entspricht aus meiner Sicht aber durchaus der Realität. War dieses Jahr doch die traumatisierendste Berufserfahrung, die ich mir je hätte vorstellen können. In den Unmengen an Literatur über Startups findet man viele Ratschläge, Tipps und Tricks für den Aufbau solcher Unternehmen. Einblicke in die Gedanken und Erlebnisse eines Insiders sucht man jedoch vergebens. Noch nie zuvor hatte ich ein Buch gelesen, in dem von ähnlichen Erfahrungen berichtet wurde, wie ich sie gemacht hatte.

Eine der Triebfedern für dieses Buch war es daher, endlich ehrliche Einblicke in die internen Abläufe eines Startups zu geben. Man kann sich als Außenstehender gar nicht vorstellen, wie es dort wirklich abläuft, denn in Berichten wird meist nur die schöne heile Startup-Welt dargestellt. Das zweite Motiv lag in der Verarbeitung meiner persönlichen Erfahrungen, die ich in den Monaten zuvor in diesem Unternehmen gemacht hatte. Diese Zeit belastete mich so stark, dass ich das Erlebte einfach aufschreiben und verarbeiten musste. In diesem bisher intensivsten Jahr meines Lebens, waren Dinge passiert, die ich davor nicht für möglich gehalten hätte. Viele meiner Erfahrungen sind leider keine Positiven. Doch gerade aus diesen schwierigen Erlebnissen konnte ich wertvolle Erkenntnisse für mein weiteres Leben gewinnen. Mit diesem Werk möchte ich niemandem Schaden zufügen. Alle handelnden Personen wurden anonymisiert und auch der Name des betreffenden Startups wird nicht genannt, da ich viel Energie und Zeit investiert habe und keinen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Unternehmens nehmen möchte. Nur tatsächliche Erlebnisse werden wiedergegeben.

Mit meinen damals 32 Jahren - ich bin Jahrgang 1983 - war ich der älteste im Gründungsteam des Startups und hatte die längste Berufserfahrung von allen vorzuweisen. Ich zähle nicht zu den brillantesten Programmierern, habe aber ein sehr gutes Verständnis für Software-Architektur und IT. Außerdem besitze ich gute allgemeine wirtschaftliche Kenntnisse, was man von einem „Tekkie“ nicht unbedingt erwarten würde. Die Geschehnisse werden weitgehend in chronologischer Abfolge dargestellt und in tagebuchähnlicher Form beschrieben. Jedes Kapitel umfasst ungefähr einen Monat. Zum größten Teil entstand dieses Buch direkt aus dem Gedächtnis. Nachdem ich – noch während meiner Zeit im Startup - jeden Abend meiner Freundin von den Geschehnissen des Tages berichtet hatte, waren die Erinnerungen daran noch sehr präsent. Rückblickend war ich jedoch selbst erstaunt, wie viele Details ich mir gemerkt hatte. Tatsächlich musste ich mich zügeln, da mir noch unzählige weitere Begebenheiten eingefallen wären. Manche Erinnerungen waren noch so präsent, als ob sie gerade gestern erst passiert wären. Als Gedächtnisstütze verwendete ich zusätzlich alte E-Mails und Chat-Protokolle aus der betroffenen Zeit. Da ich bei der Entstehung dieses Buches nicht mehr aktiv im Unternehmen tätig war, konnte ich leider nicht mehr auf alle relevanten Aufzeichnungen zugreifen.

Dieses Werk beinhaltet einige Begriffe und Erläuterungen aus dem IT-Bereich. Ich habe darauf geachtet, diese möglichst einfach und kurz zu halten, um dich nicht zu langweilen. Genauere Beschreibungen gewisser Sachverhalte und Prozesse findest du im Anhang. Damit meine Erfahrungen und Erlebnisse als „CTO“ aber wirklich nachvollziehbar werden, musste ich das eine oder andere Mal etwas ins Detail gehen. Mit diesem Buch möchte ich niemanden davon abhalten, in Zukunft ein Unternehmen zu gründen. Ganz im Gegenteil: Es braucht ambitionierte Menschen mit spannenden Ideen, die auch den Mut haben, etwas anzupacken. Meine Geschichte soll zum Nachdenken anregen und dem ein oder anderen ermöglichen, aus einigen meiner Fehler zu lernen und daraus Schlüsse für sein eigenes Handeln abzuleiten.

In diesem Sinne wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen meiner Geschichte.

Der erste Kontakt

Dienstag, 07.04.2015

An diesem Tag hing ich ziemlich antriebslos in meiner Wohnung herum und surfte im Internet. Trotz gutem Wetter konnte ich mich zu keiner vernünftigen Aktivität aufraffen, war unmotiviert - wie schon während der letzten paar Wochen und von meinen letzten Fehlschlägen frustriert. Ich hatte keinen Plan was ich als nächstes machen sollte. Wieder als Freelancer an langweiligen Kundenprojekten arbeiten, wie schon in den Jahren zuvor? Nein, darauf hatte ich nun wirklich keine Lust. Ich war auf der Suche nach einer echten Herausforderung. Also diente die Website meetup.com meiner kurzfristigen Zerstreuung. Nachdem ich auch hier ohne großen Fokus herumgeklickt hatte, stieß ich zufällig auf eine Veranstaltung direkt in meiner Nähe. Na wenn das mal kein Zeichen ist, dachte ich. Es ging um Unternehmensgründung, war also thematisch schon mal nicht verkehrt. Das Meetup sollte am Ostbahnhof bei Immobilien Scout stattfinden. Ich wohnte damals an der Jannowitzbrücke in Berlin Mitte, nur eine S-Bahn-Station entfernt. Also gab ich mir einen Ruck und ging spontan und ohne mich anzumelden zu dieser Veranstaltung1.

Meine geringen Erwartungen wurden prompt erfüllt - das Meetup war eher von der lahmen Sorte. Am Ende der Veranstaltung aber sah ich ihn: Napoleon! Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mich einfach umdrehen sollen. Ich hätte den Blickkontakt abbrechen und mit dem nächstbesten Möchtegern-Gründer sprechen können. Wahrscheinlich wäre dann vieles anders gekommen und ich hätte nicht das härteste Jahr meines bisherigen Arbeitslebens im schlimmsten Startup der Welt zugebracht. Napoleon wirkte von Anfang an ziemlich hektisch und gestresst auf mich und ich hatte den Eindruck, sein Interesse galt nicht der Veranstaltung, sondern alleinig der Suche nach Mitarbeitern für sein Vorhaben. Im Gespräch erfuhr ich gleich, dass er für sein Startup ziemlich zeitnah einen CTO suchte und er fragte mich auch sofort, ob ich Zeit hätte. Kein Gerede um den heißen Brei also. Was für ein Zufall! Ich hatte Zeit und war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung im Startup-Bereich. Aufgrund des hohen Lärmpegels auf der Veranstaltung, verabredeten wir uns gleich für den nächsten Tag, um uns in Ruhe zu unterhalten. Erst dann wollte Napoleon mir verraten, worum es bei seiner Geschäftsidee eigentlich ging. Nur so viel gab er vorab preis: Es sollte die „Mega-Idee“ sein - also das neue große Ding! Schon nach diesem ersten Gespräch war mir Napoleon nicht sonderlich sympathisch. Ich konnte allerdings nicht genau benennen warum, da er einen recht freundlichen Eindruck machte. Zeit hatte ich und es schadete ja nicht, sich eine weitere Geschäftsidee anzuhören. Erst recht nicht, wenn es wirklich der große Wurf sein könnte. Mein Interesse war jedenfalls geweckt - das war jetzt genau das Richtige für mich. Meine Erfahrungen mit all den sympathischen Zeitgenossen der letzten Monate waren schließlich auch nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Es war entschieden: Ich wollte Napoleon treffen. Mein zweiter Schritt in Richtung Unglück stand damit kurz bevor...

Am nächsten Tag traf ich ihn in einem der typischen, unpersönlichen Hipster-Cafés in Berlin Mitte wieder, wie man sie an jeder Ecke findet. Napoleon erzählte mir gleich, dass er schon bei Rocket Internet gearbeitet hatte und deshalb über ein großes Gründernetzwerk verfügen würde. Außerdem war er zuvor bereits in London als Investmentbanker tätig gewesen. Als er mir anschließend völlig euphorisiert über sein Startup berichtete, merkte ich sofort, dass die Idee Potential hatte. Wenn dieses Geschäftsmodell aufgehen würde, könnte es den ganzen E-Commerce Markt durcheinanderwirbeln. Trotz seiner ekstatischen Darbietung, blieben für mich aber noch einige Fragezeichen bestehen. Schon mehrmals hatte ich die Erfahrung gemacht, dass ein Gründer mir mit glänzenden Augen von seinem Vorhaben berichtete und absolut davon überzeugt war, dass er die genialste Idee hatte und diese - über jeden Zweifel erhaben - ein Erfolg sein würde. Die Gefahr, in solchen Situationen einen Tunnelblick zu entwickeln und keine Argumente mehr an sich heran zu lassen, die das eigene „Baby“ in irgendeiner Form hinterfragen, ist groß. Diese Haltung wird auch als „over-optimistic“ bezeichnet. Oft nehmen Gründer auch jede kritische Äußerung persönlich, denn sie sind zu 100% von ihrer Sache überzeugt - sonst würden sie diese ja auch nicht mit so viel Herzblut verfolgen.

Eine Idee, mit der sich das Gegenüber schon viele Stunden intensiv beschäftigt hat, in kürzester Zeit zu erfassen und zu bewerten, ist nahezu unmöglich. In meinem Gehirn fing es daher gleich an zu rattern und ich überlegte, ob dieses Geschäftsmodell tatsächlich funktionieren könnte. Das zugrunde liegende Prinzip ist recht einfach erklärt: Elektronik-Produkte sollten in Zukunft nicht mehr online verkauft, sondern vermietet werden. Der Clou an der Sache war, dass der Kunde ein Produkt auf Monatsbasis leihen und einfach wieder zurückschicken könnte, sobald er es nicht mehr benötigte. Auch die Bezahlung sollte monatlich im Voraus erfolgen. Zu Beginn sollten Produkte wie Smartphones, Tablets, Kameras, Videospiele-Konsolen und Smartwatches verfügbar sein. Später würde man alle möglichen Elektronik-Produkte ausleihen können. Laut Napoleons Aussage, wäre das Offline-Mietgeschäft ein großer Markt in den USA. Online-Mietplattformen gäbe es aber bisher nur auf Tagesbasis mit viel zu hohen Preisen. Wir hätten also am Anfang keine Konkurrenz zu fürchten und würden die Ersten auf dem Markt sein. Wenn dies tatsächlich der Realität entsprach, hätten wir den „First mover advantage“2 auf unserer Seite und die Sache würde noch zusätzlich an Reiz gewinnen. Allerdings muss man bei der Erschließung eines neuen Marktes viel Pionierarbeit leisten und ebnet den Weg für erste Nachahmer. Die Geschäftsidee kam Napoleon bei seinem Umzug von London nach Berlin in den Sinn. Am liebsten hätte er seine Möbel einfach nur gemietet, um diese dann flexibel beim Umzug wieder zurückzugegeben. Dieses Prinzip übertrug Napoleon nun auf die Elektronik-Branche.

Er hatte bereits ein ägyptisches Unternehmen damit beauftragt, die erste Version des E-Commerce Shops, basierend auf SpreeCommerce3 und Ruby on Rails4, zu entwickeln. Er brauchte nun schnell einen CTO, der die Betreuung und Weiterentwicklung der Software übernehmen konnte. Ich hatte zwar keinerlei Erfahrung mit Ruby on Rails, kannte aber die hinter diesem Framework stehenden Konzepte5. Nach ein bis zwei Wochen Einarbeitungszeit sollte es kein Problem mehr sein, die Entwicklung fortzuführen, was ich Napoleon auch genauso mitteilte. Kaum zurück in meiner Wohnung, landete auch schon die erste E-Mail von Napoleon in meiner Inbox. Und da wir uns bereits „so lange“ nicht gesehen hatten, rief er mich auch gleich noch an. Napoleon erzählte mir ganz aufgeregt, ich solle bis zum Freitag - also in 2 Tagen - ein Minimum Viable Product6 (MVP) bauen und veröffentlichen, mit dem man die Apple Watch ausleihen kann. Seine Aussage dazu war nur: “Das wird huge!“ Spätestens an dieser Stelle hätten erste Bedenken in Bezug auf Napoleons Seriosität bei mir aufkommen müssen. Natürlich ist es immer eine gute Idee, auszuprobieren, ob ein Geschäftsmodell funktioniert. Wenn das aber bedeutet, eine vollständige Online-Shop-Anbindung mit einer angepassten Benutzeroberfläche zu programmieren, ist man deutlich über sein Ziel hinausgeschossen. Der Begriff des Minimum Viable Product kommt aus der Lean Startup-Bewegung7. Es unterstützt Gründer dabei, die Ideen und Hypothesen frühzeitig am Markt zu testen, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Das Ziel besteht darin, den besten Product/Market Fit8 zu erreichen, indem man schnellstmöglich die Geschäftsidee in einem MVP umsetzt, dieses immer wieder am Markt testet und anhand des Kundenfeedbacks weiterentwickelt und verbessert.

Um das Marktpotential einer Geschäftsidee zu prüfen, genügen oft simple Tests. In diesem Fall hätte eine Landing-Page mit einem Bestellbutton, welcher mit Google Analytics getrackt wird, völlig ausgereicht. Anhand der Klicks hätte man das Interesse am Geschäftsmodell gut beurteilen können, ohne gleich die komplette Bestellabwicklung zu implementieren. Was Napoleon da von mir gefordert hatte, war kein MVP, sondern bereits das komplette Endprodukt. Wahrscheinlich hatte er den Begriff einfach irgendwo aufgeschnappt, ohne richtig zu verstehen, was das Sinn eines MVP ist. Für den Lean Startup-Ansatz war Napoleon auf jeden Fall nicht zu begeistern. Alles oder nichts war seine Devise.

Ich musste nun damit klarkommen, für Napoleon die Anpassung eines kompletten Shopsystems vorzunehmen. Von meinem Vorsatz, nur noch nach dem Lean Startup-Prinzip zu gründen, konnte ich mich damit wohl verabschieden. Napoleon hatte zwar schon einen Standard WooCommerce-Shop9 auf Basis von WordPress10 aufgesetzt, mit allen Änderungen, die er noch haben wollte, war das in zwei Tagen aber nicht zu schaffen. Man darf nicht vergessen, ich kannte Napoleon zu diesem Zeitpunkt ziemlich genau 24 Stunden. Erst wenige Stunden zuvor hatte ich zum ersten Mal von seiner revolutionären Idee gehört und musste mir dringend ein paar grundsätzliche Gedanken über das Geschäftsmodell machen. Außerdem wollte ich keine weitere Zeit in dieses Projekt investieren, bevor elementare Punkte, wie die Verteilung der Unternehmensanteile, nicht geregelt waren. Auch das Pitchdeck11, welches Napoleon mir zukommen lassen wollte, hatte ich noch immer nicht zu Gesicht bekommen. Schließlich erhielt ich die Präsentation doch noch am selben Tag und konnte Napoleon davon überzeugen, einen Gang zurück zu schalten und das E-Commerce System ordentlich aufzusetzen. Ich hätte mich aber an dieser Stelle bereits fragen müssen, ob es wirklich Sinn macht, mit jemandem auf diese Art und Weise zusammenzuarbeiten.

Montag, 13.04.2015

An diesem Tag trafen wir uns bei Starbucks am Hackeschen Markt, um die Rahmenbedingungen unserer Zusammenarbeit zu definieren. Da ich Hunger hatte, wechselten wir später noch zu einem asiatischen Fastfood-Laden. Napoleon schleppte schon die ganze Zeit eine leere Pfandflasche mit sich herum und ich fragte mich bereits, warum er sie nicht einfach irgendwo an einem Mülleimer für den nächsten Obdachlosen abstellte - alle in Berlin machten das so. Aber nein, weit gefehlt. Napoleon war der festen Überzeugung, beim Asiaten den ihm zustehenden Flaschenpfand zu ergattern. Als dieser jedoch die Rücknahme der Flasche bedauernd ablehnte, haderte Napoleon mit der Ungerechtigkeit des Pfandsystems. Überall müsse man Pfand zahlen aber nirgends bekomme man diesen wieder zurück. Meinen Hinweis zur gängigen Praxis in Berlin - Flasche neben Mülleimer - ignorierte er dagegen gekonnt.

Nun ging es ans Eingemachte. Nachdem Napoleon als Banker gearbeitet hatte, vermutete ich bereits, dass er ein knallharter Verhandler sein würde, aber die Art wie er mich gedrückt hat schockierte mich dann doch gewaltig. Die Anteile, über die wir verhandelten, waren zu diesem Zeitpunkt ja noch keinen Pfifferling wert. Bereits im Vorfeld hatte ich mir als unterstes Limit 5% an Unternehmensanteilen gesetzt, die meine Schmerzgrenze sein sollten. Für einen CTO ist dieser Prozentsatz durchaus üblich, da ich mich aber viel mehr als Mitgründer sah, waren 5% schon das absolute Minimum. Man musste auch mit in Betracht ziehen, dass das Startup - ganz ohne erprobtes Geschäftsmodell - noch völlig am Anfang stand und das Risiko eines Scheiterns sehr hoch war. Zudem sollte ich, bis eine Finanzierung gesichert war, ohne Gehalt oder sonstige Vergütung arbeiten.

Napoleon hielt mit dem Argument dagegen, dass der E-Commerce Shop durch das ägyptische Unternehmen schon fast fertig programmiert sei. Außerdem war von einem zweiten Co-Founder die Rede, der auch noch Anteile erhalten sollte. An dessen Existenz zweifle ich aber bis heute, da ich ihn nie zu Gesicht bekommen habe. Zu diesem Zeitpunkt von Napoleon und seiner Idee begeistert, ließ ich mich letztendlich auf den Deal mit 5% Unternehmensanteilen ein, da ich unbedingt Teil seines Startups werden wollte. Mein Motto aus den Erfahrungen der vergangenen Monate war damals, lieber einen kleinen Anteil von etwas Großem zu bekommen, als einen großen Anteil von nichts. Ohne meine persönliche Untergrenze wäre ich wahrscheinlich mit noch weniger Anteilen nach Hause gegangen. Wir vereinbarten, dass ich einen Prototyp erstelle und wenn dieser Napoleons Vorstellungen entsprach, einer weiteren Zusammenarbeit nichts mehr im Wege stand. Diese Vorgehensweise erschien mir nur fair, da er bisher noch keinen Einblick in meine Programmierfähigkeiten bekommen hatte.

Noch am selben Abend schickte mir Napoleon eine Vertraulichkeitsvereinbarung (NDA12) zur Unterzeichnung. Mit der Erstellung des Prototyps konnte ich also beginnen. Ich startete, basierend auf der WooCommerce Installation und passte die einzelnen Seiten nach den Designvorlagen an, die er mir gesendet hatte. Die Vorlagen waren ganz OK, aber lange nicht so atemberaubend, wie Napoleon mir vorgeschwärmt hatte. Vorbild dafür sollte ja angeblich Netflix sein. Die nächsten beiden Wochen arbeitete ich halbtags an der Umsetzung. Offene Fragen zum Prototypen klärten wir über Skype. Da ich noch keine Erfahrung mit diesem E-Commerce System gesammelt hatte, musste ich zuerst die Funktionsweise von WooCommerce verstehen. Nach ein paar Tagen hatte ich mich soweit rein gefummelt, dass ich wusste, wie das Online-Shop System aufgebaut war. Zwischenzeitlich wollte ich mich noch einmal mit Napoleon treffen, um ihm den aktuellen Entwicklungsstand zu präsentieren und offene Punkte zu besprechen. Daran hatte dieser aber augenscheinlich kein großes Interesse und mir kamen Zweifel, ob er wirklich ernsthaft an einer Zusammenarbeit interessiert war. Mit gemischten Gefühlen programmierte ich also weiter und hatte nach zweieinhalb Wochen eine vorzeigbare Version des Prototyps geschaffen, die ich Napoleon über eine Web-Demo zeigte. Der Entwicklungsstand war bei ca. 80% und es fehlte noch die eine oder andere Funktionalität, sowie der Feinschliff für einen tatsächlichen Release.

Donnerstag, 30.04.2015

In einem längeren Skype-Gespräch kamen wir schließlich zu dem Entschluss, weiter zusammen zu arbeiten. Ich hatte es geschafft - der Prototyp schien Napoleon zu gefallen und er schien von meinen Fähigkeiten überzeugt. Meine Zweifel an seinen Absichten waren ausgeräumt und ich war zufrieden - ein erster Schritt war getan. Endlich würde ich wieder in einem richtigen Startup arbeiten! In den darauffolgenden Tagen wollte mir Napoleon eine schriftliche Vereinbarung über unsere Zusammenarbeit zukommen lassen, damit wir richtig loslegen konnten. Meine Motivation war wieder da und ich steckte meine ganze Energie in die Weiterentwicklung des Prototyps.

Montag, 04.05.2015

Gespannt wartete ich auf die nächste Nachricht von Napoleon, die wie versprochen wenige Tage später eintraf. Der Betreff der E-Mail lautete “Strictly Confidential, Do NOT FORWARD“ und ich war etwas irritiert. Was an unserer Vereinbarung sollte so geheim sein, dass niemand anderes es sehen durfte? Ich für meinen Teil hatte nichts zu verbergen. Die Hauptbestandteile der Vereinbarung waren folgende: Ich würde Anspruch auf 5% der Anteile haben und diese im Rahmen eines Virtual Founder Stock Option Planes erhalten. Das Vesting13 sollte sich über 4 Jahre verteilen. Damit ist gemeint, dass der Anspruch auf meine Anteile über die nächsten 4 Jahre schrittweise entstehen würde. 50% der Anteile sollte ich erst nach dem Exit erhalten. Außerdem würde es ein Cliff14 geben, das bei 12 Monaten liegen sollte. Erst danach würde das Vesting starten und die Anteile nach und nach in meinen Besitz übergehen. Als Vertragsbeginn war der 05.05.2015 festgelegt. Darüber hinaus sollte ich, solange ich nicht fest angestellt war, als Freelancer bzw. Berater ohne Entgelt für das Unternehmen arbeiten. Zu guter Letzt könnte diese Vereinbarung von beiden Seiten jederzeit gekündigt werden.

Das ganze Dokument war natürlich in Englisch verfasst und ich musste mir erst einmal darüber klar werden, was die Punkte im Einzelnen für mich bedeuten würden. Ein solches Dokument müsste im Ernstfall für ein deutsches Gericht komplett übersetzt werden. Napoleon glaubte sicher, ich hätte von diesen Dingen keine Ahnung und er könne mich mit komplexen, englischen Fachbegriffen einschüchtern. Der Passus, dass die Vereinbarung von beiden Seiten jederzeit gekündigt werden könnte, war für mich nicht akzeptabel. Sollte Napoleon mich innerhalb der ersten 12 Monate kündigen, würde ich nämlich mit absolut leeren Händen dastehen. Um sicher zu gehen, dass ich auch alles richtig verstanden hatte, fragte ich noch einmal per E-Mail nach und teilte Napoleon auch mit, dass ich statt dieser relativ allgemeinen Rahmenbedingungen einen vollständigen Vertrag haben wollte.

Die Antwort folgte prompt noch am selben Tag. Napoleon schien es eilig zu haben, alles unter Dach und Fach zu bringen. Er bestätigte meine Interpretation, dass beide Seiten die Vereinbarung innerhalb der ersten 12 Monate kündigen könnten und meinte nur, das sei eine typische Formulierung und quasi als „Equity Probezeit“ anzusehen. Da Napoleon wahrscheinlich schon vermutete, dass ich solchen Konditionen nicht einfach zustimmen würde, hatte er gleich einen Alternativvorschlag in petto. Er wollte versuchen, mir bereits vor Erhalt einer Finanzierung - die er bis spätestens Ende September eingeplant hatte - die Möglichkeit des „Accelerated Vesting15“ zu geben. Ich sollte so bereits vor Erreichung des 12 Monate Cliffs, wöchentlich 0,025 % an Anteilen zugesichert bekommen. Bis September wären das 0,5%, was meiner Ansicht nach akzeptabel war und womit ich leben konnte. Gleich am nächsten Tag wollte Napoleon sich mit mir treffen, um noch einmal alles zu besprechen. Auf meine Frage nach einem vollständigen Vertrag ging er jedoch mit keinem Wort mehr ein.

Nach dieser E-Mail Konversation mit Napoleon kontaktierte ich sofort meinen Anwalt, um kurzfristig einen Beratungstermin zu vereinbaren. Ich wollte mir unbedingt noch eine professionelle Einschätzung des Sachverhalts holen, bevor ich das nächste Mal mit Napoleon in den Ring stieg. Leider hatte mein Anwalt für den 05.05.2015 keinen Termin mehr frei und die nächsten Tage kamen nicht in Frage, da ich bereits eine Reise nach Österreich gebucht hatte. Warum ich nach meiner Rückkehr aus dem „Kurzurlaub“ meinen Anwalt nicht noch einmal angesprochen habe, kann ich rückblickend nicht mehr genau sagen. War es eine Mischung aus Gutgläubigkeit, Napoleons Enthusiasmus und der hohe Druck von seiner Seite? Wahrscheinlich wünschte ich mir unbewusst schon so sehr, alles müsste klappen, dass ich jeden, der mir noch von meinem Vorhaben abraten konnte, einfach ausblendete - so auch meinen Anwalt. Ich ließ mich also ohne rechtliche Absicherung auf das Vorhaben ein und überließ Napoleon das Ruder.

Wie alles begann

Auf das Thema Unternehmensgründung wurde ich zum ersten Mal während meines Wirtschaftsinformatik Studiums in Linz (Österreich) aufmerksam. Die Vorlesungen zum Thema konnten mich allerdings nicht vom Hocker reißen, waren sie doch sehr trocken und ohne jeglichen Praxisbezug. Eher durch Zufall hörte ich einen Vortrag von Bernd Greifeneder, dem Gründer von Dynatrace16, ein Unternehmen, das eine Software entwickelte, mit der man die Performance von Anwendungen analysieren kann. Das Startup war gerade zwei Jahre alt und konnte ein extrem hohes Wachstum vorweisen. Fasziniert von Greifeneders Leidenschaft als Gründer und dem schnellen Wachstum seines Unternehmens, begann ich, mich intensiver mit dem Thema Unternehmensgründung zu beschäftigen.

Nach Abschluss meines Studiums sammelte ich drei Jahre Berufserfahrung als fest angestellter Softwareentwickler in einem Großkonzern. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich in einem so großen, schwerfälligen Unternehmen nicht glücklich werde und ich mich mit den dort herrschenden bürokratischen und hierarchischen Strukturen nicht abfinden wollte. Allmählich kristallisierte sich das Ziel heraus, irgendwann ein eigenes Startup zu gründen. Selbst zu gründen schien perfekt für mich zu sein. Dabei könnte ich etwas Eigenes aufbauen und zugleich meine Leidenschaft für Computer und Technik ausleben. Auch meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse würden ausreichen, um für den Start gewappnet zu sein. Ich war fasziniert von der Aussicht, etwas nach meinen eigenen Vorstellungen aufbauen zu können und nicht nur ein kleines Rädchen in einem Großunternehmen zu sein.

Nachdem ich irgendwann die Nase voll vom Konzernleben hatte, wagte ich eines Tages den Schritt in die Selbstständigkeit. Mein erstes Startup, das ich mit zwei Freunden gründete, sollte ein Bestellsystem für Restaurants anbieten, über welches Kunden mit ihren eigenen Smartphones Bestellungen aufgeben können. Das Smartphone sollte in unserer Vision zukünftig teilweise die Servicekräfte ersetzen. Leider war diese Geschäftsidee nicht von Erfolg gekrönt. Man könnte sogar sagen, sie war ein totaler Reinfall. Was aber war schief gelaufen? Kurz zusammengefasst, waren es folgende drei Punkte: falsche Branche, zu komplexe Abläufe und zu geringer Nutzen für die Restaurants. Die Gastronomiebranche reagiert sehr zögerlich auf Innovationen - was mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen war. Außerdem war die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells nicht hoch genug und wir hätten viele Gastronomen direkt einzeln ansprechen müssen. Wir starteten zwar eine Kooperation mit einem Kassensystemhersteller, diese verlief aber leider rasch im Sande. Damals war ich noch ziemlich grün hinter meinen Gründer-Ohren und voll und ganz von meiner Geschäftsidee überzeugt. Auch heute bin ich der Meinung, dass Potential in diesem Ansatz steckte. Wir hätten es sicher noch bei anderen Zielgruppen versuchen können. Ein solches Handy-Bezahl-System würde sich beispielsweise perfekt für Stadien oder Veranstaltungshallen eignen, um lange Schlangen während der Pausen zu vermeiden. Die Kunden könnten einfach direkt von ihren Plätzen aus per App bestellen und Getränke und Snacks direkt zum Platz geliefert bekommen. Die Luft bei uns drei Gründern war aber raus und wir entschieden uns dafür, diese Idee nicht mehr weiter zu verfolgen.

Aus dieser ersten missglückten Unternehmensgründung ging ich jedoch nicht mit leeren Händen hervor. Nach einer objektiven Analyse der Erfahrungen zog ich meine Schlüsse und Lehren für zukünftige Gründungsprojekte und arbeitete mich noch tiefer in die Materie ein. Dabei stieß ich auf die Lean Startup-Bewegung, die mir noch weiter die Augen darüber öffnete, was ich beim ersten Versuch alles falsch gemacht hatte. Anstatt sofort komplett fertige Apps für Android und iOS zu programmieren, hätten wir zuerst über einen Markttest herausfinden sollen, wie groß das Potential für unser Geschäftsmodell wirklich war. So hätten wir frühzeitig gemerkt, wo die Schwierigkeiten liegen und unsere Idee noch besser an den Markt anpassen können. Viele Gründer machen den Fehler, sofort ein fertiges Produkt zu schaffen, ohne sich über dessen eigentlichen Kernnutzen klar zu sein. Nach meiner ersten Unternehmensgründung versuchte ich mich als Freelancer in IT-Projekten und verdiente damit sehr gutes Geld bei überschaubarem Aufwand. Inhaltlich waren die Projekte leider weniger spannend. Für viele da draußen mag das trotzdem wie der perfekte Job klingen. Nicht jedoch für mich - ich hatte etwas völlig Anderes im Sinn!

Im Sommer 2014 zog ich gemeinsam mit meiner Freundin nach Berlin. Wir kündigten Jobs und Wohnung und machten uns auf in ein neues Abenteuer. Schluss mit dem Leben in der Kleinstadt, dachten wir uns. Startup-Metropole wir kommen! Die ersten Monate in Berlin verbrachte ich hauptsächlich damit, die Stadt und ihre Gründerszene kennenzulernen. In den letzten Jahren hatte ich ja genug finanzielle Reserven angespart, um mich einige Zeit über Wasser halten zu können. Der Gedanke an ein eigenes Unternehmen ließ mich einfach nicht mehr los. Ich traf viele Menschen mit dem gleichen Ziel, ein Startup zu gründen, lernte interessante Persönlichkeiten kennen und tauschte mich intensiv mit ihnen über ihre Vorhaben aus. Darunter waren beispielsweise Geschäftsideen in den Bereichen Mode, soziale Netzwerke, Weiterbildung und Gesundheit. Ideen gab es sprichwörtlich wie Sand am Meer aber jene, mit denen man wirklich durchstarten und ein erfolgreiches Unternehmen gründen konnte, waren dünn gesät. Oft scheitern geniale Vorhaben auch an ihrer Skalierbarkeit und eignen sich nur für Gründungen im kleineren Rahmen. Auf solche Ideen hatte ich es allerdings nicht abgesehen.