Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard - Peter Fabjan - E-Book

Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard E-Book

Peter Fabjan

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Beschreibung

Den anderen galt er als »der liebe Bruder«, Peter Fabjan selbst sieht sich eher als »Helfer in der Not«, denn oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte. Peter Fabjan, der auch behandelnder Arzt Thomas Bernhards war, gibt in seinen Erinnerungen einen Einblick in das Leben an der Seite, besonders aber auch im Schatten des österreichischen Dramatikers und Romanschriftstellers, der Weltruhm erlangte. Er erzählt von den schwierigen und vielfach belasteten familiären Verhältnissen genauso wie von der Kriegskindheit, von gemeinsamen Reisen in die USA oder nach Portugal und von seinen Bemühungen um das Leben seines von langer und schwerer Krankheit gezeichneten Patienten. Ein offenherziger, freimütiger und ehrlicher Bericht.

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Titel

Peter Fabjan

Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard

Ein Rapport

Suhrkamp

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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2021

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 5252.

© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2021

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Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

Umschlagfoto: akg-images/Brigitte Hellgoth

eISBN 978-3-518-75156-5

www.suhrkamp.de

Widmung

Gewidmet unserer Mutter Herta Paula Fabjan, geb. Bernhard

Motto

»Ausstrahlen! Und das nicht nur weltweit, sondern universell. Jedes Wort ein Treffer. Jedes Kapitel eine Weltanklage. Und alles zusammen eine totale Weltrevolution bis zur totalen Auslöschung.«

Thomas Bernhard

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Motto

Inhalt

Vorbemerkung

Thomas Bernhard, eine Herausforderung für die Gesellschaft, ein Glücksfall für die Literatur

Streiflichter auf die Persönlichkeit Thomas Bernhards

Thomas Bernhard, der Liebende, der Hassende, der Verletzte, der sich ins Schreiben und Denken gerettet hat

Die Familie

Die Mutter: Herta Paula Fabjan, geb. Bernhard (1904-1950)

Thomas Bernhards leiblicher Vater: Alois Zuckerstätter (1905-1940)

Der Vater: Emil Fabjan (1913-1993)

Die Schwester: Susanna (Susi) Kuhn, geborene Fabjan (*1940)

Die Großmutter mütterlicherseits: Anna Freumbichler, geborene Schönberg, legitimierte Pichler, geschiedene Bernhard (1878-1965)

Der Großvater mütterlicherseits: Johannes Capistran Freumbichler (1881-1949)

Der Onkel mütterlicherseits: Rudolf Harald (Farald) Pichler-Freumbichler (1910-1970)

Erich Freumbichler (1940-2015)

Die Großmutter väterlicherseits: Antonia Fábián, geborene Kubera (1882-1980)

Der Großvater väterlicherseits: Peter Fábián (1881-1949)

Der Onkel väterlicherseits: Ede Fábián (1910-1976) mit Tante Magda (1912-2005)

Die unerwartete Verwandtschaft: Hilda Zuckerstätter (1938-2011)

Erinnerungen aus Kindheit und Jugend

Das Wiedersehen mit Thomas

Zwei Welten

Die ersten Jahre als Arzt

Für Thomas Bernhard wichtige Menschen, die ich mit ihm erlebt habe

Viktor und Grete Hufnagl

Alfred und Gerda Maleta

Graf und Gräfin O’Donell

Prinz und Prinzessin Altenburg

Ingrid Bülau

Annemarie Hammerstein-Siller

Die Baronin Handel-Pachta

Helmut und Franziska Palzinsky

Alfred Grisel

Paul Wittgenstein

Wieland Schmied

Andreas Graf Razumovsky

Erzbischof Cesare Zacchi

Krystian Lupa

Weitere Bekanntschaften

Lebenslauf von Hedwig Stavianicek, geborene Hofbauer

Eigene Erinnerungen an Hedwig Stavianicek

Thomas Bernhard, Bruder und Patient

Gelegentlich unternommene gemeinsame Reisen

Die Krankengeschichte in groben Teilstationen

Aus meinen Aufzeichnungen

Der Nachlass

Die Liegenschaften

Obernathal

Krucka

Ottnang

Die Organisation des Erbes

Fazit

Eigene Lebensstationen

Dank

Bildnachweis

Informationen zum Buch

Thomas Bernhard am Traunsee

Vorbemerkung

Der Weg meines Bruders Thomas war ein einziges Bestreben, sich aus den beengenden Familienbanden zu befreien und sich ein Leben als Künstler zu erkämpfen.

Betrachte ich die Fotografien derer, die mein Leben geprägt haben und es heute noch tun, kann ich im Unterschied zu Thomas Bernhard keinen Druck verspüren, diese Menschen in fiktive Figuren zu verwandeln, um sie »loszuwerden«. So fehlt mir, der die Chance bekommen hat, Arzt zu werden, die Grundlage für ein Leben als Künstler. Thomas Bernhard war bei allem Distanzbedürfnis auch eine große Fähigkeit zu Empathie gegeben, bei mir war dies Berufsvoraussetzung. Das Talent zu Analyse und Abstraktion kam hinzu. Immer wieder wurde ich gedrängt, meine Erinnerungen an diese »verwunschene« Familie, an ihre Protagonisten festzuhalten. Über sie zu sprechen oder zu schreiben macht sie dingfest, lässt sie ihre unheimliche Seite im Unbewussten zwar nicht verlieren, aber schwächer werden.

In einem Gespräch mit dem Journalisten Kurt Hofmann im Haus in Ottnang antwortete Thomas Bernhard auf die Frage, was für ein Verhältnis er zu seinem Bruder habe: »Na, ein brüderliches. Das ist so sporadisch, normal, und dann ist es so konträr. Eigentlich sehr angenehm. Nachdem man so verschieden ist, gibt’s keine Probleme. So ist das.«

Im lebenslangen Ringen um einen Menschen an seiner Seite, der seinen Weg begleitet, hatte neben dem Großvater mütterlicherseits, dem Salzburger Dichter Johannes Capistran Freumbichler, sein »Lebensmensch«, die kinderlos gebliebene Witwe aus dem Wiener Großbürgertum Hedwig Stavianicek, die größte Bedeutung. Ein von ihm geformtes Ebenbild als Bruder habe ich nicht sein können, ein Helfer in der Not aber schon. Eine von mir angefertigte Zeichnung aus einem Notizheft der Sechzigerjahre zeigt mich als toten Kubus mit Armen und Beinen, Thomas als einen »Wilden«, ein zu fürchtendes Wesen.

Einmal sagte er: »Ich will nicht, dass ihr beide (gemeint waren wir Geschwister, also Susi und ich) nach mir einmal über mich befragt werdet und was erzählt. Darum schreibe ich meine Autobiographie. Man weiß ja sonst nicht, woher bei mir das alles kommt.« Dennoch kann ich vielleicht etwas zum »Woher« beitragen, ich, der ich in seiner Gesellschaft immer als »der liebe Bruder« gegolten habe und dem zuletzt die Verantwortung für sein literarisches und immobiles Erbe zugefallen ist. Er meinte, ich hätte damit eine »zweite Karriere«. Auf mein »Warum« antwortete er: »Weil dir Geld nicht so wichtig ist.« In diesem Sinn zu agieren ist bis heute mein Anliegen. Es war und bleibt ein Leben außerhalb der Gesellschaft.

Thomas Bernhard, eine Herausforderung für die Gesellschaft, ein Glücksfall für die Literatur

Die Co-Piloten der Gesellschaft sind ihre Außenseiter, Intellektuelle, Kranke und Künstler. Sie sorgen für Unruhe und Veränderung, mal für die Großkatastrophen in der Entwicklung der Menschheit, ein andermal für Spitzenleistungen in Wissenschaft, Philosophie, Religion und Kunst. Sie machen die jeweilige Gesellschaft zur Nation, letztlich machen sie die Menschheit aus. Als politische oder religiöse Führerfiguren beeinflussen sie die Geschicke des Volkes; in der Kunst, ob als Unterhalter tätig oder schöpferisch, geben sie ihrer Zeit das Gesicht, in einzelnen Fällen auch mit prophetischen Zügen.

Persönlichkeiten mit großer suggestiver Kraft können in Zeiten historischer Machtleere und Orientierungslosigkeit Menschen in den Abgrund reißen, ihr religiöses Verlangen ausfüllen oder Werke hervorbringen, die faszinieren, Beispiel geben, Mut machen. Sie alle sind Co-Piloten neben den Piloten, die den Betrieb aufrechterhalten. Ein solcher Co-Pilot war Thomas Bernhard. Er hat eines Tages die Tür zur Kanzel zugemacht, sich von der Gesellschaft abgeschlossen und sich entschieden, diese ihm in ihrer Normalität fremde Welt nicht ohne Eklat zu verlassen. Doch nicht das kerosingefüllte Flugzeug ohne Rücksicht auf die ahnungslose, unschuldige Umgebung war seine Lösung, vielmehr das Denken und Komponieren mittels Sprache, seine Literatur als Vermächtnis, also das, wonach sein Mentor und geliebter Großvater sein Leben lang vergeblich gesucht hat. Er wollte zustande bringen, woran der andere gescheitert war, und so die erfahrene Liebe zurückgeben. Das bösartige Kind in ihm blieb dabei zeitlebens lebendig. Mit seinem Werk, seiner kritischen Liebe und dem Respekt vor der großen Kunst verdiente er die Anerkennung der ganzen Welt.

Streiflichter auf die Persönlichkeit Thomas Bernhards

Lob der Angst übertitelte das Magazin Der Spiegel einen Leitartikel in Anspielung auf den berühmten Actionfilm Lohn der Angst mit Yves Montand. Darin wird gesagt, dass viele die Zeit überdauernde Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft in der frühen Kindheit große Verlassenheitsängste erlebt hätten und daraus später, in der Pubertät, auf der Suche nach ihrer Position in der Gesellschaft außergewöhnliche Energien entwickelten. Auch ein unbekannter Vater, die daraus resultierende Distanz zur eigenen Familie und zur als fremd erlebten Gesellschaft sowie der unstillbare Drang nach Aufmerksamkeit und Anerkennung könnten zu Außergewöhnlichem prädestinieren.

Hat Beethoven seine Neunte in absoluter Taubheit komponiert, hat er, Bernhard, sein Werk aus einer Situation der inneren Taubheit, was das Fühlen eigenen Daseins angeht, geschaffen.

Als Dichterschauspieler zeigte Thomas in Gesellschaft gern wechselnde Gesichter, er trat als Clown auf oder war von tiefem Ernst, sein Spektrum reichte von anerkennender Liebenswürdigkeit bis zur tiefen Verachtung. Jeder Tag war eine gelebte Inszenierung.

Kam er in seinen Verlag nach Frankfurt, hieß es: »Er ist ein Herr.« Wo immer er sich befand, stand er im Mittelpunkt: unterhaltend durch Witz, Kritik und unerschöpfliches Assoziationsspiel. Er war von sicherem Geschmack und stets bedacht auf Abstand, gewissermaßen »auf der Hut«. Sein Charme war legendär.

Er erlegte sich größte künstlerische Selbstdisziplin auf, geleitet von der Überzeugung des Geworfenseins in eine ihm fremde Welt. In ihr galt es, sich Gehör zu verschaffen, sich unangreifbar einzurichten. Sagte er nicht: »Ich bin immer ein Störenfried geblieben« und »Ich bin der kleine Vogel, der im finsteren Wald schreit«?

Er war unfähig, Dankbarkeit zu zeigen. Menschen, denen er etwas schulde, habe er »vernichten« müssen, um sie loszuwerden, sagte er einmal. Das galt nicht für Verstorbene wie den Großvater und nicht für Hedwig Stavianicek, aber schon für den Vater, ja selbst für mich. Doch hätte der Großvater noch länger gelebt, hätte am Ende auch ihn dieses Schicksal ereilt.

Im engeren Freundes- und Familienkreis war er besonders verletzlich und abweisend, wechselte schnell zwischen Zuwendung und eisiger Verachtung. Bisweilen gab er sich mitfühlend, begleitet von Belehrung, dann wieder zeigte er Interesse, ja Neugierde. An sein Innerstes kam wohl sehr selten jemand heran. In heiklen Situationen gab er sich als Kind, das Rücksicht und Schutz in Anspruch nehmen darf, von einem Gegenüber, das zumeist weiblich war und wesentlich älter. Außerhalb des vertrauten Kreises galten Angriff und Provokation als beste Verteidigung, er brachte durch Unterstellungen den anderen in die Position, sich wehren zu müssen.

Mir hat im Umgang mit ihm dann und wann das Grundprinzip ärztlichen Verhaltens geholfen, das empfiehlt, den »Übertragungsmechanismus« zu vermeiden. Also keinesfalls mit spontaner Gefühlsreaktion zu antworten, damit die Beziehung nicht gleich scheitert, denn der andere ist nicht selten ein Gegenüber, das um eine echte Beziehung kämpft. Ich habe mir sein oft unverständliches Verhalten mit seinem frühkindlichen Schicksal erklärt, wo Verlassenheitsängste und Wirrnisse um die eigene Mutter dominiert haben müssen.

In einem ihrer Briefe schrieb seine Mutter, sie fühle, dass das wenige Monate alte Kind – sie hatte es, um für ihren Vater Geld verdienen zu können, in ein Pflegeheim gegeben – sie »vorwurfsvoll« ansehe, wenn sie es besuche. In dem Heim gab es die Regel, der Mutter das Kind einmal wöchentlich zwar zu zeigen, doch in die Arme durfte sie es nicht nehmen; so sollte das lästige Weinen nach der Trennung vermieden werden.

Wir Geschwister erlebten unseren Bruder früh eifersüchtig und als Meister im Demütigen, in seinen letzten Jahren steigerte sich das krankheitsbedingt, er wurde zunehmend gereizt. Unvergessen ist mir sein zaghafter, halblauter Zuruf vom Fenster seiner Wohnung aus, als ich zu meiner Wohnung im gegenüberliegenden Haus ging: »Peter!« Da drehte ich mich nach ihm um. Die andere Erfahrung war: »Der Johannes in Auslöschung, das bist du!« Johannes kommt im Roman bei einem Unfall zusammen mit den Eltern um. Das Dämonenhafte seines Wesens ließ Menschen im Geschriebenen umkommen, vereinzelt auch an ihm zugrunde gehen.

Von nahen Verwandten verlangte er Zuneigung, zugleich waren sie ihm Bedrohung, daher die sichere Distanz, die er immer zu wahren wusste. Nicht Schicksal oder Umstände, die im Spiel waren, interessierten ihn, vielmehr suchte und fand er für alles Verantwortliche, machte sie zu Schuldigen.

Unser Vater besaß einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn. Er hatte mit schlichter Zuwendung, wo sie ihm angebracht schien, kein Problem. Doch galt sie instinktiv dem eigenen Blut, vom schwierigen Stiefkind wurde Gehorsam verlangt.

Mein Leben war ein Leben mit einem Phantom, ja einem Dämon an meiner Seite. Als ich merkte, dass er die Reaktion eines Widerparts benötigte, um sein eigenes Leben zu spüren, und begriff, dass er manchen, den er nicht mehr brauchte, der ihn zu belasten begann, wieder fallenließ, kam mir sogar die Vorstellung eines vampirhaften Verhaltens in den Sinn.

Unser Vater erkannte nach der Veröffentlichung von Mein Weltenstück die Begabung seines Stiefsohns und begleitete sein Leben von da an kritisch bewundernd. Doch Thomas wollte in ihm nur den sehen, der auf sein ›Schwierigsein‹ in früher Kindheit mit Strenge statt mit Zuneigung reagiert hat. Erst spät kam es im Gespräch zu gelegentlicher Übereinstimmung.

Die Schwester und ich erlebten ihn als den in eine ferne Welt entrückten, uns in Zuneigung wie Distanzbedürfnis verbundenen Bruder. Unsere Zuneigung durften wir ihm nicht schenken, sie wurde verlangt und musste ein Leben lang bewiesen werden. Eine schwierige Situation.

Thomas Bernhard, der Liebende, der Hassende, der Verletzte, der sich ins Schreiben und Denken gerettet hat

War Thomas Bernhards Schreiben nicht ein zu Kunst gewordenes Leben, ein Leben, das sich in die Kunst gerettet hat? Ein Stück Unvergänglichkeit als Ersatz für »Verunmöglichtes«, ein Stück Lebensfreude, immer wieder abgelöst von tiefer Verzweiflung und der Wut auf sein Schicksal?

Der Tod, begriffen als Versinken im Nichts, war etwas, was es zu überwinden galt. Religiöse Vorstellungen hatten in seiner Prosa keinen Platz. In der Bibel fand er Poesie. »Nur, mir hilft sie nicht.« Der berühmte Satz aus seiner Rede zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises 1968, »es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt«, galt somit zuvorderst für ihn.

Der Regisseur Jean-Luc Godard nannte Bernhard den größten Schriftsteller unserer Zeit, der französische Philosoph Clément Rosset betonte in dem wunderbaren Filmporträt von Jean-Pierre Limosin Bernhards »Einmaligkeit«. Er nannte ihn einen Idioten im Sinn des altgriechischen Wortes »idios«, das in seiner ursprünglichen Bedeutung »einfach, eigen, einmalig, ohne Vergleich, unverkennbar« meint. Politisch einzuordnen ist so ein Mensch nicht.

Einmal dachte ich, Thomas könne als ein Wesen aus der Dunkelheit, als ein Kaspar Hauser gesehen werden, wurde er doch in eine Welt geboren, die mit seiner Existenz von Beginn an überfordert war. Später musste er feststellen, dass zwischen ihm und der Umwelt, selbst der nächsten, mit wenigen Ausnahmen eine Wand war, die sich auch im Lauf des Lebens nicht mehr auflösen ließ. Sein letztes Theaterstück sollte Die Gehörlosen heißen, mitgemeint war eine Umgebung, die ihn nicht verstehen kann oder will.

Unter Anwandlungen von Sentimentalität, wie er es nannte, hat er zeit seines Lebens gelitten, sie lehnte er heftig ab und versuchte sie wohl durch Übertreibung in die andere Richtung zu überwinden. Dass Denken kein vollständiger Ersatz für menschliche Nähe sein kann, erkannte schon Schopenhauer, der Philosoph, der für den Großvater mütterlicherseits – in jungen Jahren auch für unseren Vater – keine geringe, um nicht zu sagen die größte Rolle gespielt hat.

Geburtstags- oder Namenstagsfeiern gab es in der Zeit unserer Kindheit nicht. Die existentielle Not war stets im Vordergrund, sie schweißte die Familie zusammen. Auch körperliche Nähe spielte keine Rolle. Und doch gaben Mutters Fürsorge und, war er zugegen, Vaters Robustheit mir und meiner Schwester Susanna ein Gefühl von Sicherheit, ihm, Thomas, nicht. Meinte Mutter ihn für seine kleinen Abenteuer, wie Zugreisen als blinder Passagier in die nächste Stadt oder eine spontane Radpartie Richtung Salzburg, mit schlimmen Worten maßregeln zu müssen, übersah sie, dass er damit, eifersüchtig auf die beiden Nachgeborenen, nur ihre Aufmerksamkeit gewinnen wollte. Sie selbst sah, wie Thomas später schreibt, in ihm ständig seinen Erzeuger und ihre eigene »Schuld« an seiner Existenz. Auch die Sorge um den zehn Jahre jüngeren, attraktiven Ehemann mag eine Rolle gespielt haben.

Das Thema Sexualität war in der Familie tabu. Gespräche darüber vor dem eigenen Erwachen in der Pubertät gab es nicht. Die früh aus Thomas’ Leben verdrängten Bereiche waren körperliche Nähe und Sexualität. Beziehungen blieben lebenslang platonisch. Er war schlicht asexuell.

Etwas pathetisch, aber treffend gesagt, ist er einen Passionsweg gegangen. Einen Weg, für den er sich mit seinen Lesern und dem Theaterpublikum Zeugen geschaffen hat. Meinten die einen der Person – ohne Bemühen um ein Verständnis seines Künstlertums – ihre Zuneigung schenken, ja aufdrängen zu müssen, erahnten die anderen die eigenwillige, vielschichtige Schönheit seiner Kunst, die tief anklagende Kraft in Geist und Wort.

Rein intellektuell ist ihm nicht gerecht zu werden. Sein Anspruch auf »Echtheit« seines Gegenübers und sein unstillbares Verlangen nach Anerkennung und Zuneigung, ohne das offen zeigen zu können, wird in einem Brief an mich in dem Satz »Meine Krankheit ist die Distanz« deutlich. Im Roman Verstörung lässt er den Fürsten sagen: »Ich erfriere von innen heraus«; ein weiterer hochdramatischer Hinweis auf einen Grunddefekt im tiefsten Inneren.

Zur Etikettierung als negativer Dichter meinte er: »Ich bin aber gleichzeitig ein positiver Mensch!« Im Gespräch mit Peter Hamm sagte er, dass seine negativen Äußerungen ja »spiegelverkehrt« zu verstehen seien. In Wahrheit war er ein Leidender an sich selbst, ein großer, immer wieder enttäuschter Liebender. Amüsant ist die Äußerung Marcel Reich-Ranickis über Bernhard und seine Leser: »Wer ihn liebt, hat ihn unterschätzt, wer ihn hasst, hat ihn zu wenig gelesen!«

Die Malerin Anna Gridazzi beschrieb ihn in einem Brief an mich vom Dezember 2017 folgendermaßen: »… zweifellos hat er Liebe entbehrt – zweifellos Liebe gesucht. Aber ›Liebe‹ ist nie vordergründiges Thema gewesen, glücklicherweise würde ich sagen. Als abwesend