Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In diesem Buch beschreibt der 1955 in der DDR geborene Autor seinen "etwas anderen" Lebenslauf, der ihn nach der Lehre mit Abitur, seinem 3-jährigen Dienst in der Volksmarine, einem 4-jährigen Hochschulstudium, einem weiteren Studium an der Komsomol-Hochschule in Moskau und seiner Tätigkeit als hauptamtlicher FDJ-Funktionär 1983 Offizier der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS werden ließ. Schnörkellos und anschaulich berichtet er, wie seine Entwicklung nicht ohne Reibungen, aber folgerichtig verlief. Die Lebenserinnerungen in Form einer Autobiographie zeigen neben dem alltäglichen Leben in der DDR, eingebunden in politische Ereignisse der Zeit, die unterschiedlichen Aufgaben eines Mitarbeiters und die Arbeitsweise der Abteilung VI der Hauptverwaltung Aufklärung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der Autor wurde 1955, zehn Jahre nach dem schrecklichsten Krieg der Menschheit, in der DDR geboren und sein Lebensweg ist eng mit dem Wachsen und dem Ende der DDR verbunden. Er lernte nach dem Abschluss der 10. Klasse den Beruf eines Mechanikers mit Abitur im VEB Uhrenwerk Glashütte und ging danach für 3 Jahre zur Volksmarine. Dem schloss sich ein Hochschulstudium mit dem Abschluss als Diplomingenieur für Informationstechnik an. Nach einem weiteren einjährigen Studium an der Hochschule des Leninschen Komsomol in Moskau übernahm er die Funktion des Sekretärs für Arbeiterjugend in der FDJ-Kreisleitung Wismar.
1983 wurde er Mitarbeiter der HV A (Hauptverwaltung Aufklärung) im Ministerium für Staatssicherheit und arbeitete als Offizier bis zur Auflösung des Auslandsnachrichtendienstes 1990 an unterschiedlichen Aufgaben.
Nach dem Ende der DDR folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit bis er sich 1992 erfolgreich selbständig machte.
Brief von Werner Großmann
Generaloberst a. D. und Leiter der Hauptverwaltung
Aufklärung
Berlin, den 03.11.2014
Lieber Eckhard,
wie versprochen ein Lebenszeichen von mir mit Grüßen an Dich und Dank für Deinen letzten Besuch bei mir. Dass ich bis dahin Dein Buch noch nicht vollends gelesen habe, lag an vielen persönlichen Problemen, mit denen ich und auch meine Frau zu tun hatten. Nun will ich aber meine Zusage einlösen und Dir meine Meinung zu Deinem Buch sagen, nachdem ich es in Ruhe und voller Aufmerksamkeit gelesen habe.
Ich bin beeindruckt von der Detailfülle der Schilderung Deines Lebensweges und der vielen Erlebnisse und Eindrücke, die Du schilderst. Beeindruckt deshalb, weil es mir z.B. nicht mehr gelingen würde, meinen Weg so im Einzelnen wiedergeben zu können. So hast Du die Gewissheit, dass Du wenn Du mein heutiges Lebensalter erreicht hast, eben die Vergangenheit noch vollständig parat hast.
Was mich weiter bewegte, war, dass es einige Parallelen unserer beiden Wege gibt: Studium, FDJ-Arbeit, Studium in der UdSSR und damit die Übereinstimmung in Weltanschauung und Umsetzung im praktischen Leben.
Und nicht zuletzt und mit großer Genugtuung begrüße ich Deine politische Haltung, der Du bis heute treu geblieben bist. Ich war und bin immer wieder stolz und glücklich darauf, mit Genossen gemeinsam gearbeitet zu haben, deren Worte und Taten übereinstimmten.
Wenn Deine Jahre in unserer so erfolgreich für den Frieden kämpfenden HV A auf Grund Deines Alters auch nicht so viele waren, so kannst Du trotzdem auch auf diese Zeit stolz sein. Dass auch Du es so siehst, freut mich sehr.
Lieber Eckhard,
ich hoffe, dass Dein Buch auch Leser findet, die nicht unmittelbar in unserem Dienst tätig waren. Für diese sowieso, aber auch für sagen wir mal „Außenstehende“, wäre es wert zu lesen.
Dir beste Grüße und Wünsche und herzlichen Gruß auch an Deine Frau. Bis zum nächsten Wiedersehen.
Werner Großmann (rechts) und Eckhard Steinfurth, 2016
Wie kommt man auf die Idee …
Meine Herkunft
Meine Kindheit
Meine Jugend
Meine Zeit bei der Volksmarine
Meine Studienzeit in Wismar
Mein Studium in Moskau an der Komsomolhochschule
Meine Zeit in der FDJ-Kreisleitung Wismar
Mein Weg als Offizier in der Hauptverwaltung Aufklärung
Außengruppe
Besuch der Schule der Hauptverwaltung Aufklärung
Abteilung VI der Hauptverwaltung Aufklärung
Die letzten Monate in der DDR
Gedanken zum Ende
Wenn man mir vor mehr als 40 Jahren gesagt hätte, dass ich mal meinen Lebensweg aufschreiben würde, hätte ich dies für unmöglich gehalten. So zählte doch Deutsch nie zu meinen Lieblingsfächern und beim Schreiben von Aufsätzen, Vorträgen und Diskussionsbeiträgen habe ich mich immer etwas schwer getan. Vielleicht auch, weil ich nichts sagen und schreiben wollte, was ich nicht auch so meinte.
Nun ist die Zeit aber so verlaufen, wie man sie sich damals nicht hätte vorstellen können.
Heute, wo viele ihre Lebenswege aufgeschrieben haben, musste ich feststellen, dass der überwiegende Teil der Autoren in ihren Erzählungen aktiv gegen die Verhältnisse in der DDR „gekämpft“ und deshalb heute mit diesen Veröffentlichungen „Erfolg“ haben. Kommt es mir nur so vor, je negativer sie sich über die DDR äußern, um so eher werden sie gedruckt oder gesendet.
Da stellt sich mir die Frage, wo sind die vielen ungenannten Menschen, die die DDR in fast 40 Jahren aufgebaut und geschützt haben? Melden sich diese nur nicht zu Wort, oder will man diese Stimmen in der heutigen Zeit nur einfach nicht hören. Ist es nicht vielleicht auch so, dass viele Menschen fleißig ihre Arbeit gemacht haben, sich selten groß zu Wort meldeten und so zwangsläufig in der heutigen Zeit gelandet sind. Viele haben aber auch erst zu spät mitbekommen, was ihnen an sozialer Sicherheit und Geborgenheit verloren gehen wird. Es waren sicher, wie Bertolt Brecht schon schrieb, die Mühen der Ebene, die viele so gleichgültig haben werden lassen.
Ich kenne viele aufrechte Menschen, Genossen und Kundschafter, die meinen Weg gekreuzt und begleitet haben und die sicher in ihrem Leben viele Entbehrungen und Gefahren überstehen mussten. Diese haben sich oft aus Überzeugung und Verantwortung für das eingesetzt, was wir jetzt mit dem Untergang der DDR vermissen. Zu denen die bewusst und aktiv am Aufbau und Schutz der DDR mitgearbeitet haben, gehörte auch ich. Da ich schon seit früher Jugend meine Meinung gesagt habe und mich gesellschaftlich engagierte, war mein Leben sicher auch folgerichtig und trotzdem nicht immer leicht.
Die Kindheit, die Armeezeit, das Studium in Wismar mit der wissenschaftlichen Arbeit im Bereich Physik, das einjährige Studium in der Sowjetunion, sowie meine umfangreiche gesellschaftliche- und politische Arbeit, ehrenamtlich und später als Beruf, für die Friedenssicherung und den gesellschaftlichen Fortschritt in der DDR bis 1990, ist mein 35-jähriger Lebensweg, auf den ich stolz bin.
Auch ich sah Probleme, aber mit dem Unterschied zu denen, die die DDR letztendlich beseitigt haben, wollte ich diese Probleme innerhalb unseres Landes lösen. Fehler und Ungerechtigkeiten sind auch logischer Weise bei uns passiert. Das streite ich überhaupt nicht ab. Man muss diese aber immer in der geschichtlichen Einbindung der jeweiligen Zeit und nicht aus heutiger Sicht sehen. Steine, die auf dem Weg lagen oder die mir in den Weg geworfen wurden, haben mich nicht resignieren lassen. Ich verteidige hier nicht die Fehler der DDR, die es reichlich gab, sondern unsere Ideale. Ich will nicht die alte DDR wiederhaben, sondern eine bessere und gerechtere Gesellschaft.
Nun fragt man sich, wie diese persönliche Entwicklung verlaufen ist. Dies will ich mit eingefügten politischen Einschätzungen an meinem Lebensweg, hoffentlich nicht so langweilig, schildern.
Ich wollte dies zu Beginn eigentlich nicht für die Öffentlichkeit schreiben, sondern eher für Freunde, Bekannte und Weggefährten und mir ist auch klar, dass mein politischer Werdegang und deren Darlegung keine Veränderung im Denken anderer bewirken wird. Das Aufgeschriebene wird aber meine Haltung zeigen und wenn es hier und da zum Nachdenken und Verstehen gesellschaftlicher Entwicklungen anregt, habe ich mich nicht umsonst bemüht. Ich glaube, wir haben auch eine Verantwortung unsere erlebte Vergangenheit wahrheitsgemäß weiter zutragen.
Geboren wurde ich mit meiner Zwillingsschwester am 6. Mai 1955 im brandenburgischen Prenzlau.
Mein Vater stammte aus einer Greifswalder Arbeiterfamilie. Sein Vater war Tischler und seine Mutter Hausfrau. Wegen der beruflichen Tätigkeit meiner Eltern wuchsen wir in den ersten Lebensjahren bei unseren Großeltern auf. An diese Zeit erinnere ich mich sehr gerne zurück. Meine ersten handwerklichen und praktischen Fähigkeiten habe ich sicher von meinem Opa gelernt.
Der Vater meiner Mutter war Arzt und Prof. an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Er stammte aus München. Die Großeltern zogen Ende der dreißiger Jahre, auch aus politischen Gründen, weil mein Opa den nationalsozialistischen Ideen nicht nahe stand, nach Stolp in Pommern (heute Slupsk an der polnischen Ostseeküste). Die Eltern meiner Oma hatten in Damnitz, etwa 120 Kilometer von Stolp entfernt, eine große Bauernwirtschaft.
2004, also 59 Jahre nach der Flucht aus Stolp, besuchte meine Mutter mit mir Damnitz und die verfallenen Reste des damals stolzen Hofes. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man bedenkt, dass dort einmal ein Teil meiner Vorfahren gelebt haben und was gewesen wäre, wenn die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte.
In den letzten Kriegswirren kam meine Mutter mit ihren Eltern über die Ostsee nach Schwerin, was zuerst von den Engländern und dann den Amerikanern besetzt war. Nachdem Schwerin laut den Vereinbarungen der Konferenz von Jalta sowjetische Besatzungszone wurde, arbeitete mein Opa unter anderem mit Willi Bredel als SPD Abgeordneter im damaligen Schweriner Landtag.
Als die Universität in Greifswald wieder eröffnet wurde, zogen meine Großeltern nach Greifswald, wo mein Opa das Hygieneinstitut aufbaute und leitete. Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre führten ihn mehrere Reisen im Auftrag der Regierung der DDR nach Vietnam, in die Mongolei und die Volksrepublik China. Auf viele Fragen die mich später bewegten und interessierten bekam ich leider keine Antwort mehr, da er 1967 verstarb und ich damals noch zu jung war.
Für meine Eltern, die ihre Jugend im Krieg verbrachten, war die antifaschistische Ausrichtung und die Gründung der DDR, eine aus den Lehren des Faschismus logische Entwicklung, von der sie überzeugt waren und an der sie aktiv mitarbeiteten.
Meine Mutter lernte Medizinisch Technische Assistentin, ging zur Nationalen Volksarmee und über die ABF (Arbeiterund Bauern-Fakultät) in Greifswald zum Medizinstudium an die Ernst-Moritz-Arndt-Universität.
Nach Abschluss ihres Studiums zogen wir nach Kühlungsborn, wo meine Mutter als Militärärztin bei der Volksmarine mehrere Jahre tätig war. Auf Grund ihrer Facharztausbildung zogen wir dann nach Dresden. Im Anschluss arbeitete sie als Kreisärztin in Dresden und nach dem Umzug in Rostock als stellvertretende Bezirksärztin für soziale Betreuung.
Mein Vater hat nach dem Krieg, in dem er noch zum Schluss Flakhelfer war, bei der Reichsbahn gearbeitet und ging dann, damals nicht ganz selbstverständlich, zur Kasernierten Volkspolizei dem Vorläufer der 1956 gegründeten Nationalen Volksarmee. 1953, damals noch streng geheim, studierte mein Vater für ein Jahr in der Sowjetunion an der Militärakademie, um die Grundlagen für eine eigene Armee in der DDR aufzubauen. In diesem Zusammenhang, wie ich später erfuhr, hielt er sich auch eine Zeit im damaligen Kriegsgebiet in Korea auf. Viele Fragen die ich heute dazu hätte, bleiben leider auch hier für immer unbeantwortet.
Einige Jahre war er dann im Mot.-Schützenregiment in Prenzlau als Stabschef tätig, wo wir auch wohnten und ich geboren wurde, bevor er auch nach Greifswald an die Militärmedizinische Sektion (MMS) ging. Hier kommandierte er am 15.01.1964 den Großen Zapfenstreich zur Angliederung der MMS an die Ernst-Moritz-Arndt-Universität auf dem Markt in Greifswald. Danach folgte eine Zeit bei den Grenztruppen der DDR in Berlin.
Ich kann mich noch gut an einen Aufenthalt über einen Jahreswechsel bei den Grenztruppen im Objekt in Berlin Pankow erinnern. Da mein Vater keinen Urlaub bekam, haben wir Silvester in Berlin gefeiert. Abends besuchten wir ein paar Mal die Gaststätte des Objekts. Hier gab es eine Musikbox, die wie ich glaube, mit 20 Pfennig zu bedienen war. Die Soldaten, andere Dienstgrade kannte ich damals noch nicht, schickten mich immer mit dem Geld zur Musikbox um ihre Wünsche zu erfüllen. Diese wussten aber nicht, dass der Gaststättenleiter, den mein Vater gut kannte, die Musikbox so eingestellt hatte, dass sie auch ohne Geld spielte. Bis dahin so gut, erhöhte sich doch mit jedem Musikwunsch mein Taschengeld. Leider fand mein Vater das Geld und die Sache flog mit viel Ärger auf. Ich durfte dann das Geld am nächsten Tag abgeben gehen, mich entschuldigen und weg war mein Taschengeld.
Mit solchen Jugendstreichen wurden meine Eltern noch öfter konfrontiert.
Nach dem Ausscheiden aus den bewaffneten Organen erlernte mein Vater, noch im Alter von 34 Jahren, den Beruf eines Forstfacharbeiters, weil er Forstwirtschaft studieren wollte. Diesen Wunsch, wie ich später erfuhr, hatte er schon seit seiner Jugend.
Ein Studium an der TU Dresden, zu der in Tharandt die Forstfakultät mit der Ausbildungsrichtung zum Dipl. Forstingenieur gehörte, schloss sich an. Nach erfolgreichem Abschluss, wurde er hauptamtlicher Parteisekretär im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Dippoldiswalde. Es folgte eine Tätigkeit als Direktor eines Sägewerkes und mit dem Umzug von Dresden nach Rostock die Tätigkeit im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb in Rövershagen.
Auf Grund starker gesundheitlicher Probleme, an denen er 1985 leider viel zu früh verstarb und der Krankheit meiner Mutter, die seit 1979 invalidisiert war, zog er sich in den 80er Jahren zunehmend von allem zurück.
Wie schon angeführt, verbrachte ich mit meiner Schwester die ersten unbeschwerten Kindheitsjahre bei meinen Großeltern in Greifswald. Ich besuchte, wenn ich mich recht erinnere, nicht besonders gerne, den Kindergarten. Nachmittags, schon am Zaun auf meine Oma wartend, war ich froh, wenn wir wieder zu Hause ankamen und ich meinen eigenen Beschäftigungen nachgehen konnte. Unbeschwert konnte ich basteln und im Garten spielen. In einer Ecke des Gartens baute ich mir aus Holzresten, die mein Opa im Schuppen hatte, eine kleine Hütte. Diese war von oben sogar wasserdicht, hatte ein Fenster, eine Tür und da ich mich damals schon für Kabel und Batterien interessierte, auch elektrisch Licht und eine Klingel. Im Sommer konnte man dies ja kaum richtig nutzen, aber die Herbst- und dunklere Jahreszeit kam und hatte so auch ihre Reize.
Bauen, basteln und meinem Opa in der heimischen Werkstatt im Schuppen, wo er nach Feierabend noch nebenbei arbeitete, zuzusehen und zu helfen, war für mich eine unvergessene Zeit.
Hier lernte ich mit Hammer, Säge und so weiter umzugehen, was mir nicht nur im Werkunterricht, sondern auch bei allen praktischen Arbeiten bis heute sehr hilfreich ist. Ob später Fahrrad- oder Autoreparatur, renovieren wie streichen tapezieren, Elektroarbeiten und fliesen, Gartengestaltung und vieles mehr, nichts konnte mich abhalten es auszuprobieren. Wenn es auch zu Anfang nicht gleich immer klappte, war ich doch später mit den Ergebnissen sehr zufrieden. In den ersten Jahren, wenn etwas nicht gelang, brachte ich oft nicht viel Geduld auf. Dann flog auch mal etwas durch die Werkstatt und mein Opa musste helfen.
In meinem ganzen weiteren Leben fehlte mir oft eine gewisse Geduld. Es sollte alles gleich klappen, funktionieren und auch von anderen, so wie ich es sah, verstanden werden. Mein Ziel ist es, angefangene Arbeiten so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen. Mit Halbfertigen und Liegengelassenen konnte ich mich nie anfreunden. Ungeduld, alles fertig zu kriegen, hat mich immer getrieben und Ordnung spielt bis heute für mich eine sehr große Rolle.
Mit der Einschulung 1961, wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer begann für mich, wie man so sagt, ein neuer Lebensabschnitt, die Schulzeit. Wie oft beginnt aber ein neuer Lebensabschnitt?
Was wusste ich als Kind damals schon von den politischen Ereignissen, um den Bau der Berliner Mauer und die Kriegsgefahr die durch die Kubakrise ausgelöst wurde. Stand die Welt nicht wieder am Abgrund eines Weltkrieges. Auch wenn man es heute nicht wahr haben will und die Mauer als reine Fluchtbremse aus der DDR, die von dem „unmenschlichen SED-Regime“ errichtet wurde ansieht, ist die Realität doch anders. So tummelten sich zur damaligen Zeit unzählige Geheimdienste in Westberlin, um mit der Bonner Adenauer Regierung die Nachkriegsgrenzen zu revidieren und die DDR zu vereinnahmen. Die geschichtlichen Fakten zeigen die aggressiven Machenschaften, welche auch heute zunehmend von westlichen Politikern offenbart und anerkannt werden. Man muss sich nur die Mühe machen diese Fakten heute in zahlreichen Dokumentationen zu erkennen. Da staunt man, wie offen jetzt über damalige geheimdienstliche Tätigkeiten und Sabotage gegen die DDR berichtet wird und die Autoren sind auch noch stolz darauf und brüsten sich als Sieger. Viele Angriffe gegen die DDR werden heute tröpfchenweise von damaligen Agenten und Menschenhändlern zugegeben. Damals hat man sie abgestritten. Wie viel unschuldige Menschen in der DDR bei Sabotageanschlägen geschädigt und ums Leben gekommen sind, wird verschwiegen. Im Namen der westlichen Freiheit sind das anscheinend rechtsstaatliche Mittel gewesen, die legal waren. Aber auch heute werden, nach wie vor, die Interessen des Kapitalismus und besonders des USA Imperialismus mit derartigen Mitteln durchgesetzt. Wo diese angeblichen Interessen verletzt sind, kann man im Namen der Freiheit anscheinend ungehindert mit allen Mitteln vorgehen.
Wie viele solche Anschläge hat die DDR denn im Westen verübt? Derartiges war uns wesensfremd. Aus westlicher Sicht wäre es doch klüger, bestimmte Fakten und Einstellungen heute nicht anzusprechen und zu äußern, um das damals aufgebaute westliche Bild nicht selbst nachträglich zu zerstören. Die Wahrheit ist schon eine andere, als die, die man uns glauben machen will. Man muss nur tief genug schauen und bereit sein, sie zu erkennen.
Drei Jahre ging ich dann in Greifswald in die Schule, bevor wir nach Kühlungsborn zogen. Die Schule machte mir im großen und ganzen Spaß. In Fächern, die mir gefielen, gab ich mir sehr viel Mühe und hatte sehr gute und gute Leistungen. Deutsch und später die Fremdsprachenfächer lagen mir leider nicht so und ich tat mich schwer damit. Ich beneide jeden, der mindestens eine Fremdsprache richtig kann, aber mir sind da wohl, trotz großer Bemühungen, Grenzen gesetzt.
Neben der Schule, war die Freizeit für mich oft sehr viel interessanter. Es galt ständig Neues zu entdecken und kennen zu lernen. Klavierunterricht, den ich auch über ein Jahr besuchte, gehörte aber nicht dazu. Hierbei gingen mir die Fortschritte nicht schnell genug und dadurch verlor ich die Lust. Interessanter für mich war da schon das Leben der Matrosen in der Dienststelle der Volksmarine, in der meine Mutter als Ärztin arbeitete und in die ich jederzeit Zutritt hatte. In mehreren Sommern war ich Teilnehmer im Kinderferienlager der Volksmarine „Max Reichpietsch“ in Kühlungsborn. Viele Zirkel, Arbeitsgruppen, Treffen, Ausflüge und das ganze Leben im Ferienlager gefielen mir, auch wenn es, oder gerade deshalb, mit Appellen, Wache, Küchendienst und so weiter verbunden war. Besonders aufregend waren je Durchgang immer 3 Tage Touristenlager außerhalb des offiziellen Ferienlagers im Wald mit kleinen Zelten, Gulaschkanone und Nachtwanderung. Alles wurde von Angehörigen der Volksmarine, zu denen ich ja eh guten Kontakt hatte, organisiert und betreut.
Eine Episode aus dieser Zeit ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Im Ferienlager gab es eine Sanitätsstelle in der eine Schwester, die ich durch die Arbeit meiner Mutter kannte, ihren Dienst versah. Hier ging ich auch öfter ein und aus. Im Korridor der Baracke hing ein Feuerlöscher, der mich wie alles Neue interessierte. Also spielte ich daran herum, um rauszukriegen wie er wohl funktioniert. Mit einmal ging er los und ich konnte ihn nicht wieder abstellen. Also ergriff ich die Flucht. Die Schwester, die nun dachte es brennt, ist dann aus dem Fenster der Baracke gestiegen. Dies machte in der Dienststelle schnell die Runde. Als ich abends zuhause ankam, standen meine Eltern auf dem Balkon und empfingen mich schon „sehr herzlich“. Da ich kurz vor dem vermeintlichen Brand in der Baracke gesehen worden war, konnte ich mich auch nicht rausreden. Ich musste mir also eine Standpauke anhören, obwohl mir nicht entging, dass mein Vater dabei grinste.
Die Zeit in Kühlungsborn und im Sommerurlaub in Lubmin auf unserem Wochenendgrundstück brachte mich unter anderem auch der Natur näher. Ständig im Wald und an der Ostsee, so kam ich auf die Idee alle möglichen Sachen zu sammeln. Ich präparierte Schmetterlinge, untersuchte Gewölle, züchtete Raupen bis aus ihnen Schmetterlinge wurden, sammelte Pflanzen, Samen und vieles mehr. Neben unseren eigenen Tieren, einem Schäferhund und später einem Pudel, Vögel, Goldhamster und Fischen, brachte ich auch noch Molche aus dem Dorfteich mit nach Hause. Da diese senkrecht an Glasscheiben hochkommen, sind sie ausgerissen und ich musste sie nach dem Einfangen wieder zurück in die Natur bringen. Na ja, es war nie langweilig.
Nach den Jahren in Kühlungsborn zogen wir vorübergehend nach Tharandt, weil wir in Dresden keine Wohnung bekamen. In eineinhalb Zimmern ohne Küche, machten wir es uns ein Jahr gemütlich. In dem halben Zimmer, übrigens Deckenhöhe ca. 2 m, standen 2 Doppelstockbetten in denen wir vier schliefen und ein Tisch zum Kochen. Toilette draußen ohne Licht, dass machte besonders im Winter viel Freude. Meine Mutter fuhr jeden Tag mit dem Bus bis Freital und ab Freital mit der Straßenbahn nach Dresden zur Arbeit. Mein Vater studierte an der Forstakademie und ich absolvierte die 6. Klasse. Meine Freizeit nach der Schule verbrachte ich oft auf dem Nachbarbauernhof. Hier gab es Pferde, Schafe und Kühe. Es mussten unter anderem die Wiesen mit dem Pferdegespann gemäht und abends die Tiere versorgt werden. Hierbei half ich und es machte mir sehr viel Spaß. Zu dieser Zeit reifte auch in mir der Wunsch Tierarzt zu werden.
Bei einem weiteren älteren Nachbarn, der mehrere Bienenstöcke besaß, lernte ich noch etwas über Bienenzucht. Angst vor Bienenstichen hatte ich keine und wurde, so weit ich mich erinnern kann, auch nicht gestochen.
Diese Zeit ist mir, obwohl die Wohnbedingungen für uns sicher nie schlechter waren, als sehr harmonisch und schön in Erinnerung geblieben. Wohnten wir hier als Familie doch das erste Mal richtig und nicht nur an Wochenenden zusammen. Aber auch dieses Jahr verging und mit dem Umzug in eine Altbauwohnung in Dresden Neustadt begannen mehrere Jahre meines Lebens in Dresden.
Die Wohnung in der Hansastraße war in einem sehr schlechten Zustand und musste auch durch unsere Mithilfe erst renoviert werden. Teilweise alter Stuck musste entfernt werden, alte Öfen wurden erneuert, die Stromleitungen wurden unter Putz verlegt und alles musste tapeziert und gemalert werden. Am Ende hatten wir ein sehr schönes Zuhause.
Was erwartete mich nun in der neuen Schule und in Dresden?
Ich kannte ja schon 3 Klassen in 3 Schulen und musste besonders hier feststellen, dass die unterschiedliche Art der Lehrer und des Unterrichts sich auf meine Leistungen in den einzelnen Fächern auswirkte. Da, wo ich mit den Lehrern auch über das Schulische hinaus gut auskam, hatte ich mehr Ansporn zu lernen und das spiegelte sich auch in den Noten wieder. Unser Klassenlehrer, mit dem ich durch die gesellschaftliche Arbeit im Gruppenrat, später in der FDJ und die Organisation von außerschulischen Veranstaltungen nach dem Unterricht viel zu tun hatte schaffte es, dass ich mich in seinen Fächern Mathematik und Geographie besonders anstrengte. Diese Erfahrung machte ich in meinem weiteren Leben immer wieder. Wo Vertrauen und gute Kontakte in der Zusammenarbeit bestehen, da entstehen auch bessere Leistungen. Leider musste ich auch manchmal eine andere Art der Zusammenarbeit kennen lernen.
Für mich nicht immer leicht, war natürlich auch, dass man in ein Klassenkollektiv kam, in dem man erst mal fremd war. Durch meine vielseitigen Interessen hatte ich es aber nicht besonders schwer mich einzuleben und mehr oder weniger schnell Freunde zu finden. Neben oberflächlichen Freundschaften lernte ich hier Roland kennen, mit dem mich bis heute eine enge Freundschaft verbindet. Er stammte aus einer einfachen und nicht wohlhabenden Arbeiterfamilie, was für mich von keinerlei Bedeutung war. Er sprach mich schon in den ersten Tagen an und fragte mich, ob wir uns zusammen in eine Schulbank setzen wollen. Ich hatte nichts dagegen und so begann unsere Freundschaft. Was die Aufmerksamkeit und Disziplin betraf, war es manchmal nicht gerade von Vorteil, dass wir zusammen saßen. Aber mit Ausnahme von Ermahnungen, wegen Stören des Unterrichts, sind wir da ganz gut durchgekommen. Wir unternahmen vieles gemeinsam (natürlich auch Schularbeiten) und zunehmend besuchte mich Roland auch zu Hause. Es ergab sich, dass er in den nächsten Jahren mehr und mehr zu unserer Familie Kontakt hatte. Auch unsere beruflichen Wege kreuzten sich später. Aber dazu kommen wir noch.
Durch meine gesellschaftliche Arbeit in der FDJ an der Schule aber auch durch politische Ereignisse, wie in der CSSR und zahlreiche Diskussionen, wollte ich mich immer mehr bei gesellschaftlichen Problemen und Veränderungen selbst einbringen. Hinzu kam, dass in der Hansastraße, in der Wohnung über uns Friedel Schlosser, die Witwe des Antifaschisten und Widerstandskämpfers Kurt Schlosser, der von den Faschisten 1944 hingerichtet wurde, mit ihrer Schwester und dem Schwager wohnte. Da ich oft bei ihr war, erfuhr ich viel über den illegalen antifaschistischen Kampf der Roten Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz und Kurt Schlosser, der Mitglied der Leitung der illegalen Dresdner KPD-Organisation bis zu seiner Verhaftung war. Wir saßen bei ihr an einem runden Tisch, sie holte eine alte Schatulle raus, in der einige wenige Fotos und Dokumente aus dieser Zeit waren, und dann begann sie zu erzählen.
Solche persönlichen Eindrücke und Schilderungen haben mich immer sehr interessiert. Später in meiner Lehre organisierte ich, dass unser Lehrlingskollektiv den Namen von Kurt Schlosser erhielt. Bei der Verleihung des Namens war natürlich auch Friedel Schlosser anwesend und sie war auch eine der zwei notwendigen Bürgen bei meiner Aufnahme in die SED.
Ich erinnere mich, dass sie bei mehreren Wahlen in Dresden immer im Wahlvorstand des Wohngebietes und als Wahlhelfer tätig war. Ich als damals ca. 14-jähriger, half unter anderem dadurch, dass wir zu Wählern mit einer kleinen Wahlurne gingen, die auf Grund von körperlichen Gebrechen nicht ins Wahllokal kommen und dadurch zu hause wählen konnten. Auch bei der Stimmenauszählung und anderen anstehenden Aufgaben beteiligte ich mich.
Eine Anmerkung möchte ich noch hierzu machen. Unzulänglichkeiten im Wahlablauf und bei der Stimmenauszählung hat es bei uns nicht gegeben. Es wäre ein leichtes gewesen bei Nichtwählern, die wir am Ende des Wahltages auch besuchten, einfach die Stimmzettel in die Wahlurne zu stecken und so zu tun, als ob sie gewählt hätten. Auf solche Ideen sind wir gar nicht gekommen. In den 80er Jahren hätten ein paar Prozent weniger beim Wahlergebnis den Sozialismus auch nicht gleich erschüttert, so dass man auch hier hätte auf bekannt gewordene Manipulationen verzichten können. Nun wird uns ja heute vorgeworfen, dass man damals gar keine Alternative bei den Wahlen hatte. Meine Frage ist, hat man die denn heute? Ist es nicht doch so, das man nur zwischen Pest und Cholera wählen kann. Eine wahre Veränderung der Gesellschaftsordnung steht doch nicht zur Wahl.
Diese und andere gesellschaftlichen Aufgaben machten mir viel Spaß ohne nicht auch, wie andere Jugendliche, Streiche und Blödsinn zu machen.
Hier mal eine Kostprobe. Mit anderen aus meiner Klasse hatten wir in leere KK Patronenhülsen Schwefel von Streichholzkuppen gefüllt und vorne zusammengedrückt. Legte man jetzt diese Hülsen in Fahrtrichtung auf die Straßenbahnschienen und die Straßenbahn fuhr darüber, knallte es sehr laut. Irgendwann erwischte man uns dabei, dass heißt besser gesagt mich. Alle liefen weg und ich wurde gefasst. Lag es daran, dass ich nicht so schnell laufen konnte wie die anderen oder weil ich die Ausweglosigkeit meiner Lage sah. Also rückte danach die Polizei bei uns zu hause an und die Sache nahm ihren Lauf. Obwohl als Rowdy gebrandmarkt, konnte ich mich aber davon bald wieder erholen.
Auf Eigeninitiative und in meiner Freizeit sammelte ich Unterschriften für die Freilassung des griechischen Sängers Mikis Theodorakis. Ich nutzte jede Gelegenheit und ging auch nachmittags von Wohnung zu Wohnung, um am Ende über 1000 Unterschriften zusammen zu bekommen. Diese übergab ich dann der Schule und wurde dafür später ausgezeichnet. So eng liegen Lob und Tadel beieinander.
Zwei Jahre lang, in der Zeit der 9. und 10. Klasse, besuchte ich regelmäßig die Arbeitsgemeinschaft für Gesellschaftswissenschaften im Pionierpalast „Walter Ulbricht“ in Dresden. Hier machte ich mich mit den Klassikern des Marxismus-Leninismus vertraut. Wir diskutierten gesellschaftliche und politische Fragen und befassten uns mit philosophischen Grundgedanken. An diese Zeit denke ich noch gerne zurück. Zufällig konnten wir hier auch die Dreharbeiten der DEFA zum Film „KLK an PTX Die Rote Kapelle“ unter anderem mit Horst Schulze, den wir auch trafen, beobachten. Einige Szenen, die in der amerikanischen Botschaft spielten, wurden damals im Pionierpalast gedreht.
Da mein Vater aus dienstlichen Gründen im Winter oft nicht frei bekam, fuhren wir mehrmals ohne ihn in den Winterferien in Urlaub. Im Sommer machten wir ja ausschließlich an der Ostsee in Lubmin auf unserem Wochenendgrundstück Urlaub.
Im Winterurlaub 1970, den ich wieder mit meiner Mutter und Schwester, diesmal in Reitzenhain verbrachte, studierte ich, auch wenn dies heute kaum einer verstehen kann, die ersten Schriften von Marx, Engels und Lenin. So das Manifest der Kommunistischen Partei, Staat und Revolution und Die große Initiative.
Die menschliche Entwicklung von der Sklavenhaltergesellschaft, über den Kapitalismus in all seinen Formen, bis zum Sozialismus und unsere Vorstellungen über den Kommunismus interessierte mich sehr. Dies legte damals den Grundstein für meine politische und gesellschaftliche Haltung und Entwicklung.
Viele schulische und außerschulische Veranstaltungen sowie in Vorbereitung der Jugendweihe die Jugendstunden (und nicht nur politische, wie man uns heute weiß machen will) ließen die Kinder und Jugendlichen sich in der Freizeit sinnvoll beschäftigen und machten Spaß.
Die 8. Klasse war die Zeit der Jugendweihe, ab der man ja theoretisch zu den Erwachsenen gehören sollte. In Jugendstunden, deren Veranstaltungen in Vorbereitung der Jugendweihe sehr abwechslungsreich und interessant waren, besuchten wir unter anderem das Staatstheater Dresden hinter den Kulissen und die Verkehrshochschule mit ihrer riesigen Modelleisenbahnanlage. Diese diente den Studenten beim Studium und wurde von ganz alten bis zu damals modernsten original Stellwerken bedient. Dies interessierte mich besonders, da ich ja zu Hause auch an einer H0 Eisenbahnanlage über Jahre baute. Das Basteln an meiner möglichst naturgetreuen Anlage, die durch die Größe von ca. 2,1 m mal 1,4 m begrenzt war, verschlang viel Freizeit und mein Taschengeld. Das Bauen und Tüfteln an immer neuen elektrischen Möglichkeiten auf der Anlage, brachte mir auch die Elektrotechnik und Elektronik näher. Bis zu 7 Züge, Signale und Weichen schalteten sich auf der kleinen Anlage selbst. Abends war alles beleuchtet und selbst ein Brunnen mit Wasser und dreifarbigen Licht funktionierte richtig. Für damalige Verhältnisse, wo man den Stand der heutigen digitalen Möglichkeiten für Modelleisenbahnen noch nicht kannte, war dies schon sehr viel.
Durch mein handwerkliches Interesse und Geschick war ich auch bei unserer Patenbrigade, wo unsere Klasse den UTP (Unterrichtstag in der Produktion) und ESP Unterricht (Einführung in die Sozialistische Produktion) durchführte, gern gesehen. Auf den Tag in der Produktion freute ich mich immer.
Leider musste ich in dieser Zeit feststellen, wie Wort und Tat auch bei einigen Lehrern auseinander gingen. Mein Vater führte in unserer 9. Klasse das FDJ-Studienjahr durch, als ich im Anschluss ein Gespräch zwischen unserer Klassenlehrerin und ihm mitbekam. Darin erklärte meine Klassenlehrerin, unter anderem, ob es denn notwendig sei, so etwas in der Art durchzuführen. Das es unterschiedliche Auffassungen zu politischen Fragen gab, war mir schon klar, aber im Unterricht dann die Schüler anzählen, die nicht zum FDJ-Studienjahr erschienen sind, fand ich schon sehr heuchlerisch. Dass Lehrer privat eine andere Meinung hatten als sie sie in der Schule und im Unterricht vertraten, erkannte ich sehr schnell.
Nicht nur Schüler, die wegen Äußerungen gegen die DDR, wie in den 80er Jahren, mit Repressalien zu rechnen hatten, konnte man auch schulische Nachteile erfahren, wenn man sich zu sehr politisch engagierte. Diese Nachteile waren zwar nicht offiziell nachzuweisen, sondern lagen eher im Vorziehen anderer bequemerer Schüler und dem Meiden meiner Person. Heute nennt man dies wohl Mobbing. Das Problem lag nicht im Umgang mit den meisten meiner Mitschüler, mit denen ich mich nach wie vor gut verstand, sondern im Umgang mit einigen Lehrern. Ich war ja jung, unerfahren und auch sehr heißblütig und vor allem durch mein angeeignetes gesellschaftliches Wissen und den Umgang mit Genossen die meine Meinung vertraten, gab es immer wieder Reibereien in der Schule. Dies führte dazu, dass ich die Schule wechselte und die 10. Klasse in Dippoldiswalde absolvierte. Hier herrschte für mich, unerklärlicher Weise, eine ganz andere Atmosphäre. Ich lebte mich sehr schnell ein, es gefiel mir sehr gut und auch meine schulischen Leistungen wurden deutlich besser. Auch hier organisierte ich als Mitglied der FDJ-Leitung Veranstaltungen und fühlte mich in meiner Klasse und mit unseren Lehren sehr wohl. Ich musste schon damals erkennen, dass das Umfeld einen großen Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen hat.
Jeden Tag fuhr ich mit meinem Vater, der zu dieser Zeit Parteisekretär im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb in Dippoldiswalde war, mit dem Bus um ca. 5:00 Uhr nach Dippoldiswalde und Nachmittag zurück. Dies stellte eine zusätzliche Belastung dar, die mir aber nicht viel ausmachte.
Durch meinen guten Abschluss der 10. Klasse hatte ich die Möglichkeit im VEB Uhrenwerk Glashütte eine Lehre als Mechaniker mit Abitur zu beginnen.
Nun begann wirklich ein neuer Lebensabschnitt und die Kindheit war zu Ende.
Die Jahre in Dresden nutzten wir auch, um die zahlreichen Museen und Ausstellungen in der Stadt zu besuchen, sowie die sächsischen Schweiz zu erkunden. Eintrittspreise von durchschnittlich einer Mark ließen dies nicht wie heute, an den Kosten scheitern. Oft besuchten wir auch, unter anderem durch ein Abonnement, Theaterveranstaltungen im Kleinen und Großen Haus sowie im Operettentheater. Die Semperoper war zu dieser Zeit noch nicht wieder eröffnet. Auch bei den Theaterkarten spielten die Kosten keine Rolle und jeder konnte sich diese, wenn er wollte, leisten. Heute braucht man dafür ein Vermögen und viele Stücke werden auch so nicht mehr aufgeführt. Unvergesslich ist mir zum Beispiel „Der zerbrochene Krug“ mit Rolf Hoppe geblieben. Es war eine schöne Zeit, die meisten der bekannten Opern, Operetten und Schauspiele kennen gelernt zu haben.
Im September 1971 begann also meine dreijährige Lehre und da in dem Wohnheim der Berufsschule nicht genug Platz war, musste ich das 1. Jahr jeden Tag von Dresden nach Glashütte und zurück fahren. Dies lief ungefähr so ab.
Vor 5:00 Uhr aufstehen und mit der Straßenbahn zum Dresdener Hauptbahnhof fahren. Dort ging kurz nach 6:00 Uhr der Zug Richtung Altenberg, so dass ich um 7:30 Uhr in Glashütte ankam. Vom Bahnhof zur Betriebsschule waren es gut 2 Kilometer die man zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegen konnte. Also konnte um 8:00 Uhr der Unterricht oder in der Woche, wo die praktische Lehrausbildung war, die Arbeit beginnen. Jeden Tag hatte man den gleichen Platz im Zug und kannte auch die ständigen Mitfahrer, mit denen man sich entweder etwas unterhielt oder man nutzte meistens die Zeit um zu schlafen. Den Schaffner kannte man auch mit der Zeit, was mir zu Gute kam, als ich einmal meine Fahrkarte zu hause in einer anderen Jacke vergessen hatte und auch bei der Rückfahrt gab es keine Probleme mehr.
Nach einem Jahr war die tägliche Fahrerei zu Ende und ich bekam einen Platz im Wohnheim der Berufsschule. Wir waren 8 Mann je Zimmer in 4 Doppelstockbetten und man kann sich vorstellen, dass da immer was los war. Abends musste aufgeräumt sein, damit um 22:00 Uhr beim Rundgang des Aufsichthabenden die Nachtruhe beginnen konnte. Dies verzögerte sich aus allen möglichen Gründen meistens. Ausgang gab es bis 24:00 Uhr, wenn man sich in ein Buch eingetragen hatte und es genehmigt wurde.
Wenn man nach dem Abendbrot ab 18:00 Uhr noch was essen wollte, standen im Essensaal, der sich im Erdgeschoss befand, immer Brot und Brötchen sowie Marmelade und Schmalz zum Schmieren bereit. Ich kann mich erinnern, dass wir deswegen oft abends nach unten gegangen sind.
Was die Unterkunft im Wohnheim für einen Monat kostete, kann ich nicht mehr sagen. Ich glaube aber, es waren zwischen 20 und 30 Mark. Unser Geld, was wir als Lehrlinge im Monat erhielten, lag im ersten Lehrhalbjahr bei 80 Mark und erhöhte sich bis zum 6. Lehrhalbjahr je Halbjahr um 5 Mark auf 105 Mark.
Die gute Hälfte unserer Klasse war von Montag bis Freitag im Internat untergebracht, wodurch eine gewisse Teilung in Internat- und Fahrschüler durch die Freizeitgestaltung zustande kam. In der Schulwoche ging der Unterricht sogar bis Sonnabend. Da sich das Wohnheim direkt hinter der Berufsschule befand, war man in 2-3 Minuten in der Klasse und umgekehrt. Dies war zwar in den Pausen untersagt, wurde aber doch öfter gemacht. Nach dem Unterricht und der Lehrausbildung gab es genug individuelle und organisierte Freizeitmöglichkeiten. Ich habe unter anderem in dem von unserer Deutschlehrerin organisierten Kochzirkel teilgenommen. Dies, weil es mir Spaß machte und wir danach alles aufessen durften, aber auch nicht zuletzt, um bei ihr in Deutsch besser dazustehen. Persönliche Kontakte haben nie geschadet.
In dieser Zeit beschäftigte ich mich in meiner Freizeit unter anderem mit der Zauberei. In einem zurückliegenden Winterurlaub, den ich mit meiner Mutter und Schwester in Boitzenburg in einem NVA Ferienheim verbrachte, lernte ich einen Zauberer kennen, der mir die ersten Tricks zeigte und beibrachte. So angesteckt, und von den Illusionen begeistert, beschäftigte ich mich einige Jahre mit diesem Hobby.
Ich erwarb in Dresden in der Abteilung Kultur die Berechtigung öffentlich aufzutreten und durfte je Auftritt 20 Mark Gage nehmen. In FDJ-Jugendclubs, zum Beispiel in Altenberg und Schellerhau, bin ich dann auch in Jugendveranstaltungen aufgetreten.
Einmal im Jahr bereiteten sich alle Klassen auf den Ökulei (Ökonomisch Kulturellen Leistungsvergleich) vor, dessen kulturelle Abschlussveranstaltung im Kulturhaus des Uhrenwerkes stattfand. Die schulischen und praktischen Leistungen in der Lehrausbildung flossen genauso in das Endergebnis ein, wie die kulturellen Darbietungen der einzelnen Klassen.
Ich trat in allen 3 Lehrjahren für meine Klasse mit einer eigenen Darbietung auf, worüber auch in der Betriebszeitung des Uhrenwerkes berichtet wurde.
Hinter der Bühne war bei meinen Auftritten immer viel Bewegung, da man von hinten, hinter die Geheimnisse meiner Tricks kommen wollte.
