Ein Leben, das zählt - Ben Lesser - E-Book

Ein Leben, das zählt E-Book

Ben Lesser

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Beschreibung

Vom "Todeszug von Buchenwald", der Befreiung in Dachau und einem neuen Leben in Las Vegas: die bedeutsame Biografie des Überlebenden Ben Lesser. Ben Lesser ist der letzte bekannte Überlebende des "Todeszuges" von Buchenwald nach Dachau. Seine Memoiren sind ein eindrucksvolles Zeugnis seines Überlebenswillens, von Glauben und Hoffnung im Angesicht des Grauens der Shoah. Ben Lesser beschreibt seine Kindheit in Polen und der Ukraine und wie sich mit der Machtergreifung der Nazis sein Leben dramatisch änderte. Seine orthodox-jüdische Familie setzte sich zunächst ins polnische Umland ab, um dem Krakauer Ghetto zu entgehen, und flüchtete dann in die relative Sicherheit Ungarns. Nach der Besetzung Ungarns 1944 führte sein Weg durch verschiedene Konzentrationslager. Er überlebte die Selektion im KZ Auschwitz-Birkenau, die Arbeit im Steinbruch im KZ Dörnhau und den anschließenden 500 Kilometer langen Marsch ins KZ Buchenwald. Gemeinsam mit über 4.000 weiteren Gefangenen wurde er mit einem Zug ins KZ Dachau gebracht, wo US-Truppen schließlich die wenigen Überlebenden befreiten. Ben Lesser emigrierte nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA und baute sich dort ein neues Leben als erfolgreicher Immobilienunternehmer und Familienvater auf. Er lebt heute in Las Vegas und engagiert sich für die Erinnerungsarbeit.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ben Lesser

Ein Leben, das zählt

Vom Nazi-Albtraumzum American Dream

Herausgegeben vom Deutschen Gewerkschaftsbund Niederbayern in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft KZ-Transport 1945 der Gemeinde Fürstenstein

Aus dem Amerikanischen

übersetzt von Nikolaus Saller

Wallstein Verlag

Gefördert durch den Deutschen Gewerkschaftsbund Niederbayern, den Landkreis Passau und durch die Gemeinde Fürstenstein

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Living A Life That Matters: from Nazi Nightmare to American Dream

Gekürzte Ausgabe

© Ben Lesser 2012

© Wallstein Verlag, Göttingen 2023

www.wallstein-verlag.de

Lektorat : Ursula Kömen

Umschlaggestaltung : Susanne Gerhards, Düsseldorf

© SG-Image unter Verwendung von Fotos aus der Lesser Family Collection und dem USHMM-Archiv

ISBN (Print) 978-3-8353-5273-5

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8478-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8479-8

Inhalt

Vorwort der Herausgeber

Widmung

TEIL I»Der Nazi-Albtraum«

1. Liebe Leserinnen und Leser

2. 2006 : Liebe Mammiko und Tattiko

3. Alptraum und Traum

4. Was steckt in einem Namen ?

5. 1928 – 1939 : Die frühen Jahre

6. Wie konnte der Holocaust geschehen ?

7. Sommer in Munkács

8. 1939 : Herbst in Krakau

9. 1. September 1939 : Die Deutschen besetzen Polen

10. 1941 : Flucht aus Krakau

11. 1943 : Flucht aus Niepołomice nach Bochnia

12. Eine moderne Königin Esther

13. Flucht aus Bochnia

14. Ein glückliches Munkács-Wiedersehen !

15. 1944 : Die Nazis marschieren in Ungarn ein

16. Auschwitz-Birkenau & Dörnhau

17. Der Todesmarsch von Dörnhau nach Buchenwald

18. Der Todeszug von Buchenwald nach Dachau

19. 29. April 1945 : Befreiung !

TEIL II»Überlebender«

20. Holocaustüberlebender

21. Ein Purim im Juli !

22. Die Chaluzim

23. Ein freudiges Wiedersehen !

24. Das Leben in Deutschland nach dem Krieg

25. Die Alte Welt verlassen …

TEIL IIIDer American Dream

26. 1947 : Amerika !

27. Wahre Liebe

28. Den American Dream verwirklichen

29. Eine neue Karriere

30. Ein amerikanischer Staatsbürger

31. Amerikanische Abenteuer

32. Ben Lesser & Associates

TEIL IV»Zachor !«

33. Ruhestand

34. 2006 : In die Vergangenheit transportiert

35. 2009 : Zachor !

36. 2010 : Der Marsch der Lebenden

37. 2010 : Liebe Mammiko und Tattiko

38. Liebe Leserinnen und Leser

ANHANG

Über Lola

Ein Dankeschön an MOTL-2010

Anmerkungen

Vorwort der Herausgeber

Das Titelbild dieses Buches zeigt Ben Lesser und den sogenannten »Todeszug«, einen Häftlingstransport vom Konzentrationslager Buchenwald über Nammering (Gemeinde Fürstenstein) nach Dachau. Ben Lesser ist der letzte bekannte Überlebende dieses Todeszugs. Er lebt heute noch mit 94 Jahren in Las Vegas in den USA.

Zum Ende des Krieges wurden tausende Häftlinge aus den Konzentrations- und Arbeitslagern evakuiert ; sie sollten den heranrückenden Alliierten nicht in die Hände fallen. So wurden am 7. April 1945 aus dem überfüllten KZ Buchenwald 5.009 Gefangene am Bahnhof von Weimar beim Einsteigen in die Güterwaggons abgezählt. (Ein französischer Häftling hat das berichtet.) Dieser KZ-Transport kam schließlich in einer dreiwöchigen Irrfahrt über Leipzig, Dresden und Pilsen dann nach Nammering im Landkreis Passau und schlussendlich in Dachau an. (www.nsaller.de)

In Nammering musste der Zug mit 54 Waggons auf den Abstellgleisen des Bahnhofs für fünf grauenvolle Tage warten, weil die Bahnstrecke unterhalb beschädigt war. Die Gefangenen waren schon zwei Wochen unterwegs gewesen, ohne Essen zu bekommen. Aber in Nammering hatte der zuständige Pfarrer Johann Bergmann in der Kirche zu beachtlichen Lebensmittelspenden aufgerufen, obwohl die Parteileitung diese streng verboten hatte. So wurden unter seiner Aufsicht sogar gekochte Kartoffeln, Suppen und eine große Menge Brot verteilt.

Trotzdem starben ungefähr 800 Häftlinge aufgrund von Hunger und Schwäche oder wurden bei geringsten Anlässen durch Kopfschuss getötet oder brutal erschlagen. Einmal wurden in einem Waggon alle Häftlinge erschossen.

Ungefähr 250 Leichen versuchte man in einem Steinbruch zu verbrennen ; weil das zu langsam ging, wurden dann 524 Opfer in einem sumpfigen Massengrab eilig verscharrt. Dann war die beschädigte Bahnstrecke repariert und der Transport konnte in zwei Güterzügen weitergeführt werden.

Als die inzwischen vorgerückten Amerikaner dieses Massengrab in Nammering entdeckt hatten, befahlen sie den noch greifbaren Männern der Umgebung, dass die schon in Verwesung übergegangenen Leichen nur mit den Händen ausgegraben und in Reihen auf der heute so genannten »Totenwiese« abgelegt wurden. Danach musste die ganze Bevölkerung der Umgebung – auch Frauen und sogar Kinder – durch die Reihen der Toten gehen. Sie sollten mit eigenen Augen sehen, was die Nazis verbrochen hatten.

Der zweite Befehl war : Jeder Tote musste einen Sarg und ein Holzkreuz bekommen und in fünf umliegenden Orten in der Dorfmitte einzeln begraben werden.

Dabei mussten jetzt auch die Frauen die vielen Gräber ausheben. Jahre später hat man 1958 die Toten exhumiert und in neu gestalteten großen KZ-Friedhöfen, z.B. in Flossenbürg wieder beigesetzt.

Nur in Eging wurde wegen der großen Anzahl von 171 Opfern ein Massengrab erlaubt, das bis heute noch als Gedenkstätte besteht.

Doch wie war es in Dachau weitergegangen ? Es hatte also 21 Tage gedauert, bis der »Todeszug« am 27. und am 28. April 1945 am KZ Dachau eintraf.

Am 29. April näherten sich Soldaten der 7. US-Armee der Stadt Dachau. Noch bevor sie auf das KZ trafen, entdeckten sie vor den Toren die jetzt noch 39 Güterwaggons mit 2.310 Leichen. Ein Bild des Grauens. Unzählige verhungerte und erschossene Häftlinge lagen in den Waggons. Ben Lesser und sein Cousin Isaak konnten gerade noch über all die Leichen in ihrem Waggon herauskriechen. Aus beiden Zügen wurden 816 Überlebende im Lager registriert. Unter ihnen befand sich Ben Lesser. Er kam aus dem ersten Zug mit nur 18 Überlebenden ; von ihnen ist er heute noch der einzige, der davon erzählen kann.

Massengrab für 171 Opfer in Eging am See – 1945 und heute

Über diesen »Todeszug« wurde wohl an keinem anderen Ort so viel Erinnerungsarbeit geleistet wie am Bahnhof von Nammering durch die Arbeitsgemeinschaft KZ-Transport 1945 der Gemeinde Fürstenstein und durch den Deutschen Gewerkschaftsbund der Region Niederbayern.

1985 – erst nach vierzig Jahren – hatten wir das inzwischen sehr bekannte Mahnmal aufgestellt, das auch in Yad Vashem und anderswo in die Liste der Gedenkstätten aufgenommen wurde. Wir konnten einige Überlebende kennen lernen, die auch seit 1985 an den gut besuchten Gedenkfeiern am Bahnhof Nammering gesprochen haben.

Mahnmal in Nammering 2020 – aufgrund der Pandemie war nur eine Kranzniederlegung möglich.

Und nach 75 Jahren wollten wir im Jahr 2020 wieder zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund Niederbayern ein größeres Gedenken in Nammering abhalten.

Zu unserem Glück und großer Freude konnten wir noch diesen einen Überlebenden des KZ-Transportes ausfindig machen, Ben Lesser. Wir haben ihn zu unserer Gedenkfeier eingeladen, waren jedoch verwundert, weil er sagte, dass er von den fünf Tagen in Nammering nichts wüsste. Wir erklärten uns das so, dass er – auch nach seinen Erzählungen – in einen geschlossenen Waggon eingestiegen war, der wohl kaum geöffnet wurde. Nicht einmal die Leichen waren entsorgt worden.

Er wäre sehr gerne mit seiner Tochter Gail Lesser-Gerber zu unserer Gedenkfeier nach Nammering gekommen; diese Veranstaltung war fest geplant, fiel aber wegen der Pandemie aus. Es war nur eine Kranzniederlegung bei einer Teilnahme von nur fünf Personen erlaubt.

Aber im Mai 2022, bei einer eindrucksvollen Gedenkfeier auf dem KZ-Friedhof in Eging am See, betete Ben Lesser, durch ein Video übertragen, für die hier ruhenden toten Leidensgenossen das Kaddisch, das jüdische Totengebet. Und das geschah durch einen Überlebenden nach 77 Jahren !

Im zweiten Teil der Gedenkfeier sandte uns Ben Lesser ein Grußwort an die Teilnehmer der Veranstaltung, das seine wesentlichen Gedanken enthielt : »Die Nazis begannen nicht mit dem Töten, sie begannen mit Hass.« – und »Den Hass zu besiegen, dem habe ich mein Leben gewidmet.«

Damals haben wir also Ben Lessers Buch kennengelernt und von seinem unglaublich erschütternden sechsjährigen Leidensweg erfahren. In seiner Autobiografie, die wir hier auf Deutsch herausgeben, beschreibt er, wie seine Familie und er mit elf Jahren in Krakau den Nazis in die Hände fielen ; nur weil sie den jüdischen Glauben hatten, wurden seine Eltern und drei Geschwister grausam ermordet.

Auf seinem Weg durch den Holocaust hat er durch unglaublich großes Glück sechs Jahre lang überlebt : zwei Ghettos in Krakau und Bochnia, den dreitägigen Todeszug nach Auschwitz, das brutale Arbeitslager im Steinbruch Dörnhau, den schrecklichen Todesmarsch nach Buchenwald – sieben Wochen lang – und schließlich noch den berüchtigten Todeszug von Buchenwald über Nammering zum KZ Dachau. Hier fiel er für drei Monate ins Koma und wurde im Kloster St. Ottilien wieder gesund gepflegt.

1947 durfte er als Jugendlicher in die USA ausreisen, ohne Sprachkenntnisse oder Berufsbildung. Hier musste er sich mit Zielstrebigkeit und Ausdauer sein neues Leben aufbauen und erlebte den buchstäblichen »American Dream«, den er im zweiten Teil seines Buches auch so liebevoll erzählt. Nicht einmal seinen Töchtern hat er etwas vom früheren Alptraum unter den Nazis erzählt.

Erst im Ruhestand ab 1996 hat es sich Ben Lesser zur Lebensaufgabe gemacht, unaufhörlich in Schulvorträgen an die sechs Millionen ermordeten Juden zu erinnern. In seine Stiftung Zachorfoundation steckt er bis heute all seine Energie und Leidenschaft für »Zachor«, das heißt Erinnern. (www.zachorfoundation.org)

Die Auseinandersetzung mit den Grauen des NS-Regimes ist auch für den Deutschen Gewerkschaftsbund eine Verpflichtung. Mit den Kommunisten und Sozialdemokraten waren die bayerischen Gewerkschafter die ersten Menschen, die in das KZ Dachau verschleppt wurden. Die Erinnerung daran wachzuhalten, was passiert, wenn menschenfeindliche Stimmungen und Parteien die Oberhand gewinnen, ist unsere Aufgabe. Dieses Buch soll ein kleiner Beitrag dazu sein.

Die Herausgeber

Nikolaus Saller,

AG KZ-Transport 1945 der Gemeinde Fürstenstein

Andreas Schmal,

Deutscher Gewerkschaftsbund Niederbayern

Grafik: Nikolaus Saller

»Das Leben ist die Summeall unserer Entscheidungen.«

Albert Camus

Widmung

Ich widme dieses Buch meiner geliebten Familie : der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen. Meinen jungen, liebevollen und mutigen Eltern, Shaindel und Lazar Leser. Wie sehr wünschte ich, dass sie ihre wundervollen Nachkommen noch erlebt hätten. Sie wären stolz gewesen. Ich widme es auch meinen beiden tapferen Brüdern, Moishe und Tuli, sowie meiner Schwester Goldie, die alle brutal von den Nazis abgeschlachtet wurden.

Auch widme ich es der Liebe meines Lebens, meiner Frau Jean, die mit Hingabe über siebzig wunderbare Jahre lang alle meine Träume geteilt und die Albträume verjagt hat. Sie hat auch meine unleserliche Handschrift entziffert, unermüdlich meine Memoiren abgetippt und alle meine Projekte enthusiastisch unterstützt. Jean, Du warst immer und wirst immer meine beste Freundin sein.

Dieses Buch ist auch meinen Töchtern Sherri und Gail und meinen Schwiegersöhnen Michael Gerber und Larry Kramer gewidmet, die mir die Söhne sind, die ich nie hatte. Und meinen kostbaren Enkelkindern : Robyn, Jenica, Adam und Cindy.

Zudem widme ich es meiner einzigen überlebenden Schwester Lola, zu der ich immer voller Liebe, Respekt und Bewunderung aufgesehen habe und die mir mein ganzes Leben lang eine Inspiration war.

Ich bin gesegnet, Euch alle in meinem Leben zu haben. Für Euch habe ich versucht, ein Leben zu leben, das zählt.

Meine tiefe Wertschätzung gilt meinem guten Freund Nikolaus Saller ; ich danke dir für die großzügige Unterstützung und bin dankbar für das, was du tust, damit die Welt nie vergisst, was geschehen ist.

~ ZACHOR

In liebevoller Erinnerung an die Liebe meines Lebens25. April 1930 – 4. April 2022

TEIL I»Der Nazi-Albtraum«

1. Liebe Leserinnen und Leser

Mein Name ist Ben Lesser, und ich bin ein Überlebender des Holocaust. Das bedeutet, dass ich aus irgendeinem Grund überlebt habe, anders als die über sechs Millionen unschuldigen jüdischen Menschen, die ermordet wurden, als die Nazis über Deutschland herrschten. Ihre Leben wurden vom Angesicht der Erde getilgt, als hätten sie keinen Wert. Als ob sie nicht zählten.

In den über sechsundsechzig Jahren seit meiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau habe ich nie aufgehört, mich zu fragen, warum mein Leben verschont wurde. Und ich habe nie aufgehört, um die zu trauern, die ermordet worden sind. Das hebräische Wort »Zachor« bedeutet »sich erinnern«, und wir, die letzten Überlebenden, kämpfen entschlossen dafür, dass die Welt niemals vergisst, dass jedes verlorene Leben zählt.

Während ich das Glück hatte, die Lager zu überleben, nach Amerika auszureisen, in Freiheit zu leben, zu lieben, zu heiraten und eine wunderbare Familie zu gründen, hart zu arbeiten und den American Dream zu verwirklichen, lebten mein Herz und meine Seele zugleich in einer Parallelwelt, die von Trauer überschattet ist. Ich stelle mir Fragen, die nie beantwortet worden sind. Die drängendste dieser Fragen lautet nicht : Warum hat dieser verrückte Hitler versucht, das jüdische Volk zu vernichten ? Ich frage mich vielmehr : Warum hat die Welt diesem Völkermord tatenlos zugesehen ?

Da ich die Grausamkeit dieses Völkermordes als Kind am eigenen Leib erfahren habe, obwohl ich doch in einem scheinbar modernen, kultivierten, europäischen Land lebte, stellen sich mir noch zwei weitere Fragen : Was hat zu diesem und anderen Völkermorden geführt ? Und was muss geschehen, damit sich so etwas nie wieder ereignet ? Nirgendwo. Denn leider, so sagt es ein altes Sprichwort, ändern sich die Dinge umso grundlegender, je mehr sie gleich bleiben.

Das bedeutet, egal wie zügig die Menschheit intellektuell und technologisch voranschreiten mag, ihre Emotionen ändern sich nie. Das gilt auch für vergangene Ereignisse. Auch heute noch finden Völkermorde statt – unter anderem in Darfur, im Sudan, im Kongo, in Uganda und in Äthiopien. Wir Überlebenden des Holocaust erreichen nun unsere Achtziger- und Neunzigerjahre, und wir sind die Letzten, welche die Authentizität realer Lebenserfahrung in diese Fragen einbringen können. Wir haben daher sowohl die Verantwortung als auch die Ehre, diese Erfahrung mit anderen zu teilen, bevor unsere Zeit abgelaufen ist.

Aus diesem Grund habe ich mich, seit ich mich 1996 aus dem Immobiliengeschäft zurückgezogen habe, dem Lernen und Lehren gewidmet. Ich wollte wissen, wie der Holocaust geschehen konnte und welche Auswirkungen er hatte. In diesem manchmal schmerzhaften, aber immer aufschlussreichen Prozess habe ich sehr viel über die menschliche Natur und über mich selbst gelernt. Ich habe verstanden, dass so vieles, was im Leben passiert, das Ergebnis scheinbar unbedeutender menschlicher Entscheidungen ist.

Eine Person kann sich dazu entscheiden, nicht zu hassen, keine hasserfüllte Sprache zu verwenden. Auch Hitler hat nicht mit Waffen angefangen. Er begann mit Hass. Anschließend ging er dazu über, hasserfüllte Reden zu halten. Man kann sich auch dazu entscheiden, nicht zum Täter oder Zuschauer zu werden ; ein Unterdrücker wird nicht ohne die Unterstützung anderer erfolgreich sein. Wenn jemand Opfer wird – ob nun eines Schulhofrüpels oder eines wahnsinnigen nationalistischen Führers –, müssen sich diejenigen, die keine Opfer sind, entscheiden, ob sie sich dem Tyrannen anschließen oder zu Zuschauern werden, die nichts dagegen unternehmen.

Ich bin dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, nicht nur über vergangene Ereignisse zu sprechen, sondern auch andere dazu zu inspirieren, die Voraussetzungen und Entscheidungen zu erkennen, die zu Völkermorden führen können – und sie vielleicht sogar zu verhindern. Als Ergebnis meiner vielen Präsentationen in Schulen, religiösen Organisationen und Gemeinden habe ich erkannt, dass zu viele Menschen aus allen Altersgruppen keine historisch korrekte Vorstellung davon haben, was mit den jüdischen Menschen in Europa vor, während und nach dem »Dritten Reich« geschehen ist. Mir wurde klar, wie viele nicht verstehen, dass es in ihrer Macht liegt, Entscheidungen zu treffen, die den Verlauf ihres Lebens bestimmen. Als Antwort auf ihre Fragen, ihr aufrichtiges Interesse und ihr Engagement, entschloss ich mich, meine Erfahrungen niederzuschreiben, damit meine Geschichte, meine Entscheidungen und die Lektionen, die man aus ihnen lernen kann, weiterleben, wenn ich nicht mehr bin.

Du sollst kein Täter sein, aber vor allem sollst du kein Zuschauer sein.[1]

Wir Überlebenden werden oft gefragt, wie wir uns an den Holocaust erinnern. Das ist eine gute Frage, denn unsere Erinnerungen unterscheiden sich auf einzigartige Weise von dem, was die meisten anderen Menschen als Erinnerungen bezeichnen. Da sich die Ereignisse dauerhaft in unseren Verstand, unseren Körper und unsere Seele eingebrannt haben, ist es, wenn wir darüber sprechen – oder auch nur daran denken –, als würden wir die Erfahrung tatsächlich noch einmal durchleben. Und obwohl alle Details schmerzlich deutlich bleiben, können Fakten allein die Geschichte nicht erzählen. Um wahrhaftige Lehren aus dem Holocaust zu ziehen, ist es notwendig, die emotionale Ebene zu verstehen, welche die Details und Fakten begleiten. Denn wie die Fakten sind auch die Emotionen heute genauso real wie damals.

Die Vermittlung dieser Realität, sowohl auf der faktischen als auch der emotionalen Ebene, kann manchmal sehr herausfordernd sein, denn es gibt keine Sprache, die die unmenschlichen Ereignisse der Shoah vermitteln könnte. So hört man uns manchmal sagen : »Ich habe keine Worte, es zu beschreiben …« Und da Sprichwörter oder Redewendungen manchmal zum Verständnis der Essenz einer Erfahrung beitragen können, verwende ich in meiner Geschichte immer mal wieder bekannte Zitate. Meine Erinnerungen wurden durch die vielen Notizen gestützt, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Wenn ich die Notizen durchsehe, erscheinen sie mir fast wie Briefe an meine Eltern – als wollte ich ihnen aus meinem Leben erzählen und sie wissen lassen, dass sie immer ein Teil davon sein werden.

Diese Notizen, zusammen mit den Antworten auf Fragen, die mir bei meinen zahlreichen Präsentationen gestellt wurden, bilden die Grundlage für dieses Buch. Obwohl ich es mir nicht hätte träumen lassen, die Grabstätte meiner Eltern zu besuchen und »direkt« mit ihnen zu sprechen, hatte ich doch das Privileg, bei drei Gelegenheiten, 1995, 2006 und 2010, die Gedenkstätte auf dem alten jüdischen Friedhof in Bochnia, Polen, zu besuchen. Um nicht von Emotionen überwältigt zu werden, habe ich bei jeder dieser Gelegenheiten aus Briefen gelesen, die ich vorbereitet hatte. In Angedenken meiner Eltern beginne ich also meine Geschichte – so wie ich mein Leben begonnen habe – mit ihnen.

Mit freundlichen Grüßen,

Ben Lesser

Las Vegas, Nevada

2012

2. 2006 : Liebe Mammiko und Tattiko

Alter jüdischer Friedhof von Bochnia, Polen

Juli, 2006

Liebste Mammiko und Tattiko,[2]

ich bin es, Euer mittlerer Sohn, Baynish. Könnt ihr Euch vorstellen, dass Euer Lockenkopf jetzt 77 Jahre alt ist ? Nicht ein einziges Mal in den zehn Jahren, seit meine Frau Jean und ich das letzte Mal hier bei Euch zu Besuch waren, hätte ich mir vorstellen können, jemals wieder an diesem gottverlassenen Ort zu stehen. Ich will Euch die Wahrheit sagen : Dieser Besuch war so traumatisch für uns, dass wir nie wieder in dieses mit jüdischem Blut getränkte Land zurückkehren wollten. Aber, wie Ihr wisst, funkt manchmal das Schicksal dazwischen und ändert unsere Pläne. Und so bin ich dankbar, heute wieder hier bei Euch zu sein – gesegnet durch die Anwesenheit von Familienmitgliedern, die Ihr in Euren Herzen tragt, obwohl Ihr sie nie getroffen habt.

Ben liest seinen Eltern einen Brief vor, Jüdischer Friedhof von Bochnia (2006), Lesser Family Collection

In den fast siebzig Jahren seit jener schrecklichen Nacht, als der kleine Tuli und ich Euch in Bochnia zurücklassen mussten, habe ich oft stille Gespräche mit Euch in meinem Herzen und in meiner Seele geführt. Heute, umgeben von Euren Nachkommen, bin ich dankbar, dass ich meinen Worten eine Stimme geben kann. Ich stehe hier und bin überwältigt von der Freude, die Nazis überlebt zu haben und mit meiner Familie gesegnet zu sein. Gleichzeitig durchflutet mich der Schmerz darüber, dass Euer Leben so brutal ausgelöscht wurde, dass ihr nie das Leben leben durftet, das ihr verdient hättet. Dass ihr nie miterleben konntet, wie Eure eigenen geliebten Kinder aufwachsen und ein Leben führen, das Euch hoffentlich stolz machen würde.

Mammiko, es macht mich fassungslos zu wissen, dass meine schönen, starken, begabten und liebevollen Töchter nun in dem Alter sind, in dem Du warst, als Du und Tattiko entdeckt und hingerichtet wurdet, als Ihr versucht habt, aus dem von den Nazis besetzten Polen zu fliehen. Wenn ich mir unsere Enkelinnen ansehe, die inzwischen selbst erwachsene Kinder haben, spüre ich Dankbarkeit, dass sie alle in Freiheit aufwachsen durften und nie die Schrecken der Nazis erleben mussten. Niemals mussten sie sich als Geächtete in ihrem Geburtsland fühlen. Ich weiß, wie sehr Ihr Euch freuen würdet, wenn Ihr sehen könntet, dass Eure Enkel und Urenkel bewusste Entscheidungen getroffen haben, um ein bedeutsames Leben zu leben : ein Leben, das zählt. Ich weiß auch, dass dies ohne die selbstlosen und sorgfältigen Entscheidungen, die Ihr beide in Eurem eigenen, viel zu kurzen Leben getroffen habt, niemals möglich gewesen wäre.

Ihr wisst, dass Moishe, Goldie und der kleine Tulika von den Nazis brutal ermordet wurden. Lola und ich waren die einzigen Eurer fünf geliebten Kinder, die den Holocaust überlebten. In der kurzen Zeit, in der wir als Familie leben durften, haben wir von Euch gelernt, wie man ein bedeutsames Leben führt. Wir haben uns beide bemüht, ein Leben zu führen, das Euch stolz gemacht hätte. Erinnert Ihr Euch, wie Lola ihr künstlerisches Talent nutzte, um die ungarischen Staatsbürgerschaftsdokumente zu fälschen, die es vielen Juden ermöglichten, dem sicheren Tod im Ghetto von Bochnia zu entkommen ? Nach dem Krieg wurde Lola eine geschätzte und bekannte Künstlerin. Erinnert ihr Euch an das letzte Mal, als wir alle 1941 bei ihrer mutigen kleinen Hochzeit mit Mechel in unserem grauen und kargen Hinterhof in Niepołomice zusammengekommen waren ? Der Mut und die Entschlossenheit, die Mechel an den Tag legte, als er unser Leben und das Leben so vieler anderer rettete, blieben ihm nach dem Krieg erhalten, in seinem Kampf gegen den Krebs, der ihm, was die Nazis nicht geschafft hatten, das Leben nehmen sollte.

Als wir heute über diesen geisterfüllten Friedhof wanderten, blieben wir an der Grabstätte von fünf Mitgliedern von Mechels Familie stehen. Mit trauernden Herzen standen wir gedankenverloren vor jener Nacht vor über 66 Jahren in Bochnia, als diese unschuldigen, geliebten Menschen bei einem grausamen Pogrom ermordet wurden. Wir haben für sie das Kaddisch, das jüdische Totengebet, gesprochen. Und dann gab uns Eure Urenkelin Robyn das Zeichen, in den Himmel zu schauen. Erstaunt erblickten wir über uns fünf schützende Äste einer Eiche. Und nun, da wir an Eurer Gedenkstätte stehen, richten wir, als ob uns ein Signal gegeben wurde, wieder unsere Augen gen Himmel. Mit tiefer Ehrfurcht erkennen wir, dass Ihr und die neun anderen, die mit Euch umgekommen sind, von elf Ästen einer anderen alten, majestätischen Eiche beschützt werdet. Als wir uns wieder ansahen, wussten wir, dass uns nicht nur eines, sondern zwei Wunder umgaben.

Liebste Mammiko und Tattiko, dieser Besuch bei Euch war ein weiteres Wunder. Ihr wärt so stolz, wenn Ihr wüsstet, dass zwei Eurer wunderbaren Urenkel diese ganze Reise organisiert haben ! Und weil sie mich gebeten haben, ihnen von unserer Familie zu erzählen, reisen wir gemeinsam in die Vergangenheit. Wir werden Orte des unendlichen Glücks und des unaussprechlichen Schreckens besuchen. Ich werde ihnen die Geschichte meines Lebens und die der Familie Leser / Lesser erzählen. Auf diese Weise werden sie auch etwas über ihren eigenen Platz in der Geschichte des jüdischen Volkes erfahren. Sie werden etwas über die Entscheidungen lernen, die alle Menschen treffen müssen, um ein Leben zu führen, das zählt.

Während wir uns nun in Liebe verabschieden, möchte ich, dass Ihr wisst, dass ich, egal wo ich bin, immer Gespräche mit Euch in meinem Herzen und in meiner Seele führen werde. Ich werde auch weiterhin Briefe an Euch schreiben. Und ich werde weiterhin ein bedeutsames Leben führen. Vielleicht werde ich eines Tages, so Gott will, in der Lage sein, Euch wieder zu besuchen und meine Worte noch einmal laut auszusprechen. ZACHOR !

Möget Ihr immer in Frieden ruhen.

Euer Euch liebender Sohn, Baynish

3. Alptraum und Traum

»Du kannst die Konzentrationslager verlassen,aber die Konzentrationslager werden dich nie verlassen.«

Holocaustüberlebender

Als ich mit meiner Familie den Jüdischen Friedhof in Bochnia verlasse, werde ich von so vielen ambivalenten Gefühlen mit Blick auf die Gegenwart und die Vergangenheit überflutet, dass es fast unmöglich ist, sie zu sortieren. Wenn ich in die Gesichter meiner Töchter und ihrer Kinder blicke, die so begierig sind, etwas über die Vergangenheit ihrer Familie zu erfahren, sehe ich in ihnen Spiegelungen meiner Eltern und Geschwister. Und ich frage mich, wo ich anfangen soll, die Geschichte meines Lebens zu erzählen. Es gibt weder ein »Es war einmal« noch ein »Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende«. Immer wieder dreht sich alles im Kreis. Und mit jedem neuen Kreis, mit jeder neuen Tatsache, Erkenntnis und Lektion gewinnt die Geschichte an Kraft, sodass die Überreste der Vergangenheit in die Gegenwart und weiter in die Zukunft fließen können.

Und so dankte ich Gott an jedem einzelnen Tag dieser Jahre, die zwischen meiner Befreiung aus dem Nazi-Albtraum des Konzentrationslagers Dachau im Jahr 1945 und meinem anschließenden American Dream liegen. Gleichzeitig verging für mich als Holocaustüberlebender kein einziger Tag in diesen Jahren, ohne dass meine Seele in diesen Albtraum zurückgestoßen geworden wäre. Manchmal ist es etwas so Offensichtliches wie eine Nachrichtensendung im 21. Jahrhundert, die einen iranischen Diktator zeigt, der den Holocaust leugnet. Manchmal ist es subtiler, etwa verblasste tätowierte Ziffern auf dem verwelkten Handgelenk einer älteren Frau, die langsam einen Einkaufswagen vor sich her schiebt. Für einen Holocaustüberlebenden gibt es keine Erfahrung ohne Echo. Jede gegenwärtige Erfahrung wirft einen Schatten.

Wir Holocaustüberlebenden sind die Bewahrer einer Geschichte, die so abscheulich wie heroisch ist. Wir können und werden nicht zulassen, dass diese Geschichte verzerrt, geleugnet oder vergessen wird. Dies ist ein heiliges Versprechen, das wir denjenigen gegeben haben, die wir verloren haben. Es ist auch ein heiliges Versprechen, das wir unseren Kindern, Enkeln und denen, die ihnen folgen werden, geben. Ohne diese Wachsamkeit wird es, wenn wir einmal nicht mehr sind, nichts geben, was den nächsten Albtraum aufhalten könnte. Es ist daher unerlässlich, dass wir die Weisheit eines anderen alten Sprichworts beherzigen : »Diejenigen, die nicht aus der Geschichte lernen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen.«[3]

Um eine Wiederholung dieser tragischen Geschichte zu verhindern, ist es notwendig, die menschlichen Entscheidungen zu verstehen, die diese Ereignisse ermöglicht haben. Im Gedenken an diejenigen, die dem Untergang geweiht waren, und um die Freiheit und Sicherheit zukünftiger Generationen zu wahren, müssen wir im Hier und Heute daran arbeiten, die Menschen in gegenseitigem Verständnis, Respekt und Verantwortung zusammenzubringen. Um den großen antiken jüdischen Religionsführer Hillel den Älteren (im Zeitraum von ca. 110 v. Chr. – 10 n. Chr.) zu paraphrasieren : »Wenn nicht ich, wer dann ? Wenn nicht jetzt, wann ?«

Die Antwort auf Hillels Frage lautet ganz klar :

Wir müssen es tun. Und wir müssen es jetzt tun.

4. Was steckt in einem Namen ?

»Denn in unserem Namen liegt unsere Seele und unser Selbst.«

Berel Wein[4]

Jetzt, da ich zurückblicke, um nach vorne zu schauen, erinnere ich mich an die vielen Namen – gute und weniger gute –, unter denen ich im Laufe meines langen und ereignisreichen Lebens bekannt geworden bin. Und ich kann sagen, dass etwas so Profanes wie ein Name die ganze Geschichte eines Individuums enthalten kann – und, wenn man weitersucht, sogar die Geschichte eines ganzen Volkes.

Heute, in den USA, kennt man mich als Ben Lesser. Jean, seit über 60 Jahren meine geliebte Frau, nennt mich Sweetheart. Für meine erwachsenen Kinder bin ich immer noch Daddy. Für meine Enkelkinder bin ich Papa Ben. Und je nach Alter, wer mich ansprach und in welchem Land ich mich gerade befand, nannte man mich auch Benyameen (hebräisch), Baynish (jiddisch), Benek (polnisch), Benesz (tschechisch), Bundy (ungarisch) und Benku (Little Ben), jener liebevolle Spitzname, mit dem mich meine große Schwester Lola immer noch anspricht. Während diese Namen ein Gefühl von Wärme, Trost und Leben transportieren, gibt es andere, die für kalte und brutale Entmenschlichung und für den Tod stehen.

Eine ehrwürdige Bezeichnung, die ich einst voller Ehrfurcht mit allen jüdischen Menschen teilte, schneidet nun wie ein Schlachtermesser durch mein Herz und meine Seele : »Jude«. Und trotz seiner ursprünglich sehr unschuldigen Bedeutung, die schlicht einen jüdischen Menschen bezeichnete, wurde er – nachdem er von mörderischen Nazis gebrüllt oder über die Fenster eines zerstörten jüdischen Ladens geschmiert wurde – zum Symbol für eine unbeschreiblich brutale Vergangenheit, die unser aller Leben und die Welt für immer veränderte. Es gab noch einen weiteren Namen, der eher mit Verachtung als Ehrfurcht einherging, unter dem ich von Mai 1944 bis Ende April 1945 bekannt war. Natürlich war das kein richtiger »Name«. In diesem Jahr wurde ich nur als Nummer bezeichnet. Und diese Nummer »41212« – so unverdorben, solange man ihre abscheuliche Bedeutung nicht kennt – wurde mir im Tausch gegen meine menschliche Identität und Würde im Nazi-Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau aufgezwungen.

Ich bin alle diese Namen und Bezeichnungen – und ihre vielen Variationen. Es gibt Erinnerungen, die mit jedem einzelnen von ihnen verbunden sind. Wie sie vermutlich bereits andeuten, habe ich an vielen verschiedenen Orten gelebt – einige waren wunderbar, einige waren unsagbar schrecklich. Dafür gibt es zwei sehr unterschiedliche Gründe. Der erste war zwar herausfordernd, aber durchaus positiv : Unsere erweiterte Familie lebte in zwei verschiedenen Ländern ! Das lag daran, dass unser Vater seine beiden erfolgreichen Unternehmen von Krakau aus leitete, während die große, uns eng verbundene Familie meiner Mutter seit Generationen im ungarischen Munkács (das zeitweise zur Tschechoslowakei gehörte) lebte. So wechselten wir je nach Jahreszeit die Wohnorte. Während des Schuljahres lebten wir in Krakau. Während der Sommermonate wohnten wir in Munkács.

Der zweite Grund, warum ich an vielen verschiedenen Orten gelebt habe, war ein ganz anderer, und dieser entzieht sich jeder Beschreibung und jedem Verständnis. Es war der Holocaust, das Wort leitet sich vom griechischen holokaustos (όλόκαυστoς) ab und meint »vom Feuer völlig verzehrt«. Für die europäischen Juden, insbesondere die in Polen lebenden, bedeutete der Holocaust Hitlers »Endlösung« für die »Judenfrage«, eine sorgfältig organisierte Kampagne, deren erklärtes Ziel es war, das jüdische Volk vom Angesicht der Erde zu tilgen. Sie führte zu Dämonisierung, Folter und Tod von Millionen unschuldigen Opfern. Wem es irgendwie gelang zu überleben, der stellte sich der Zukunft, war tapfer entschlossen, ein neues Leben aufzubauen. Sie lebten »Leben, die zählen«, stets im Angedenken an die Millionen, denen das Leben genommen worden war.

5. 1928 – 1939 : Die frühen Jahre

»Mit jedem Kind beginnt die Welt aufs Neue.«

Altes jüdisches Sprichwort

Ich habe Gewissheit, dass meine Kindheit eine glückliche war, aber so sehr ich mich auch bemühe, ich erinnere mich kaum an mehr als gelegentliche, blitzartige Rückblenden oder natürlich an das, was meine Schwester Lola mir erzählt. Ich habe keine Erinnerungen an die Schule, aber ich muss eine gewisse Bildung durchlaufen haben, denn bis heute kann ich Hebräisch lesen und schreiben. Ich bin in der Lage, ein wenig im Chumasch zu lesen und daraus zu übersetzen – das sind die Fünf Bücher Mose, auch bekannt als Torah, die hebräische Bibel. Und ich beherrsche immer noch das Jiddische, kann es sowohl lesen als auch schreiben. Leider sind im Laufe der Jahre mein Polnisch, Ungarisch und Deutsch verblasst, da ich sie nicht angewendet habe. Die Unterbrechung meiner Schulbildung mit Beginn der sechsten Klasse hinterließ bei mir einen lebenslangen Hunger nach Lernen. Bildung versetzt uns – mehr als alles andere – in die Lage, zu bewerten, Entscheidungen zu treffen und effektive Maßnahmen zu ergreifen. Bildung ist auch unsere schärfste Waffe gegen Ignoranz und Hass. Deshalb besuchte ich nach dem Krieg, neben meinem Vollzeitjob, so gut es ging die Abendschule.

Auf einer tieferen Ebene fühle ich mich schuldig, weil ich den größten Teil meines frühen Lebens mit meiner Familie vergessen habe – es fühlt sich an, als hätte ich sie im Stich gelassen. Aber auf einer anderen Ebene ist mir klar, dass es die Brutalität der Nazis war, die riesige Löcher in das Gewebe meines Gedächtnisses gebrannt hat, die all das Schöne, die Unschuld und die Freude, alles was in den Jahren zuvor geschehen war, zerstört haben. Vielleicht diente mir das Verdrängen meines frühen, glücklichen Lebens auch tatsächlich als Überlebensstrategie in den Lagern. So oder so : Mein Verstand und meine Gefühle schalteten ab. Ich stand jeden Morgen auf und tat, was zu tun war, um eine weitere Stunde zu leben. Ich konnte keine emotionale Energie dafür aufwenden, mich an das zu erinnern, was mir gestohlen worden war. Geist, Herz und Körper mussten sich auf das unmittelbare Überleben konzentrieren. Ich lernte, dass ich auch dann, wenn ich schwierige Entscheidungen zu treffen hatte, immer versuchen musste, das Richtige zu tun. Vielleicht trug ich diesen Pragmatismus bereits in mir, und ich konnte darauf zurückgreifen. Auf jeden Fall begleitet er mich bis zum heutigen Tag.

Ich erinnere mich an ein paar schöne Dinge während meiner Kindheit in Krakau, der charmanten, alten Stadt, in der ich am 18. Oktober 1928 als Sohn von Shaindel (Shari) und Lazar Leser geboren wurde. Die Familie meiner schönen jungen Mutter war seit Generationen prominent und hoch angesehen in der Gemeinde im damals tschechoslowakischen Munkács. Als orthodoxe Juden lebten sie ihr Leben streng nach den religiösen Gesetzen des Talmuds. Meiner Mutter, eines von sieben Geschwistern, gefiel es, Teil einer großen Familie zu sein, und sie liebte ihren Mann und ihre fünf Kinder. Sie war schlank und anmutig und hatte ein erstaunliches Gespür für Mode.

Wie bei orthodoxen jüdischen Frauen üblich, besaß sie zahlreiche Perücken. Wenn die Perücken gereinigt und frisiert wurden, legte sie sie vor die Haustür, wo der Friseur sie abholte und dann sauber und glänzend zurückbrachte. Perücken waren ein sehr wichtiges Kleidungsstück, weil die Tradition von jüdischen Frauen verlangte, nach der Heirat ihre Haare zu bedecken, um die Bescheidenheit zu wahren. Diese Tradition wird bis zum heutigen Tag unter orthodox lebenden Juden fortgeführt.

Mein brillanter und künstlerisch begabter älterer Bruder Moishe war ein »Belzer Chassid«. Das bedeutet, dass er ausgewählt worden war, um bei dem berühmten Rabbi Aharon Rokeach in der nahe gelegenen Stadt Bełz zu studieren.

Shaindel (Shari) Leser, Polen (1939), Lesser Family Collection

Moishe Leser, Polen (1943), Lesser Family Collection

Moishe, ein passionierter Gelehrter, hielt sich, bevor der Krieg ausbrach, die meiste Zeit in Bełz auf, um dort in der Jeschiwa (Tora-/Talmudschule) zu studieren, daher sah ich ihn nicht oft. Ich erinnere mich an ein erstaunliches Modell einer Straßenszene von ihm. Es sah aus, als sei es aus feinstem Silber gefertigt, aber vermutlich war es aus poliertem Zinn. Er hatte diese komplizierte Miniaturszene von Hand geschnitzt und auf einer großen Schautafel angebracht. Kein Detail wurde ausgelassen : Straßen mit Pferden und Fuhrwerken, Autos, Straßenbahnen auf Schienen, Gebäude, Geschäfte, sorgsam angelegte Parks mit Bänken und Ententeichen. Sogar Männer, Frauen und Kinder beim Picknick, Ballspielen und Hunde Ausführen. Er überraschte die ganze Familie mit dieser Fähigkeit, von der bis dahin niemand gewusst hatte, dass er sie besaß. Dieses große künstlerische Talent und der Blick für kleinste Details sollten eine wichtige Rolle bei der Rettung vieler jüdischer Leben während der kommenden deutschen Besatzung spielen, als mein religiöser, gelehrter, künstlerischer Bruder Moishe Teil des Widerstands im Untergrund wurde und als Fälscher und Kurier arbeitete.

Meine sanftmütige Schwester Goldie hatte das Gesicht eines Engels. Es war mehr als nur ihre körperliche Schönheit – tatsächlich schien sie innerlich zu leuchten. Sie war hochintelligent und eine begabte Violinistin. Sie übte pausenlos und war immer ganz aufgeregt, wenn Gruppen von fahrenden Musikern, Männer wie Frauen, mit großen bunten Schürzen und wirbelnden Röcken durch die Straßen tanzten und zu unserem Haus in Munkács kamen. Manchmal kamen sie sogar direkt ins Haus – ob wir es wollten oder nicht ! Sie traten auf unserer großen Veranda auf, sangen und spielten ihre wundervollen, eindringlichen Melodien, während wir Kinder mitsangen und dazu tanzten, so gut wir konnten ! Die Geigenmusik, traurig und fröhlich zugleich, war besonders schön. So angenehm diese Unterhaltung auch war, mussten wir die Musiker doch gut im Auge behalten, denn sie schlichen sich ins Haus und stahlen alles von Wert, was sie finden konnten. Als Goldie eines Tages den außergewöhnlichen Klang einer Geige kommentierte, war sie überrascht und hocherfreut, dass man ihr anbot, sie auf der Stelle zu kaufen. Für einen ungewöhnlich guten Preis. In den Wochen danach übte sie ständig auf dieser Geige, und wir liebten es, ihr dabei zuzuhören. Sie glaubte, es handelte sich um eine Stradivari, ein äußerst seltenes und wertvolles Instrument mit einem ungewöhnlich brillanten Klang.

Goldie Leser, Munkács (1943), Lesser Family Collection

Tuli Leser, Munkács (1939), Lesser Family Collection

Ein paar Wochen später, nach einem weiteren Besuch der Musiker, war Goldie am Boden zerstört, als sie feststellte, dass ihre wertvolle Geige fehlte. Wir fanden schließlich heraus, dass diese »Entertainer« ein und dieselbe Geige immer wieder an verschiedene Familien in der Nachbarschaft verkauften und sie dann ebenso oft wieder zurückstahlen.

Leider habe ich nur sehr wenige Erinnerungen an meinen kleinen Bruder Naftali, den wir Tuli nannten. Er war ein paar Jahre jünger als ich und außergewöhnlich gut aussehend. Manchmal schauten ihn die Leute an, lächelten und bemerkten, er sei viel zu hübsch für einen Jungen. Ich weiß, dass er zu mir aufschaute, und ich, obwohl selbst noch ein Kind, habe immer versucht, mich gut um ihn zu kümmern, wenn wir beide allein waren. Tragischerweise war ich in dem Moment, als es am meisten darauf ankam, nicht in der Lage, gut auf ihn aufzupassen. Das letzte Mal sah ich meinen kleinen Bruder, als er und unsere Schwester Goldie bei unserer Ankunft in Auschwitz-Birkenau von mir fortgerissen wurden. Wir wussten es damals nicht, aber sie wurden in den sofortigen Tod geschickt.

Meine überlebende ältere Schwester Lola, die ich sehr liebe und bewundere, war eine Heldin – nicht nur für mich, sondern auch für die vielen Menschen, deren Leben sie zu retten half, und deren Familien. Bis heute besitzt sie diese Schönheit, Eleganz, Intelligenz und künstlerische Begabung, die ihr bereits als Teenager innewohnte. Lola lebte in Munkács bei unseren Großeltern. Sie liebte es, Bilder zu zeichnen und zu malen, und gewann immer den ersten Preis bei den Kunstausstellungen in der Schule. Ihr wurde sogar ein Vollstipendium für eine renommierte Kunstschule in Amsterdam gewährt, das sie aber leider nie in Anspruch nehmen konnte.

Nach dem Krieg wurde Lola jedoch eine bekannte Künstlerin in Amerika. Eines ihrer ersten Projekte war eine Serie eindringlicher Gemälde, die an die Gefallenen erinnerten. Ihre Arbeiten wurden in vielen Galerien in den USA ausgestellt, sind Teil vieler Privatsammlungen und befinden sich in den ständigen Sammlungen des San Francisco Museum of Art und des Yad Vashem Museums in Jerusalem. Sie ist im »Who’s Who in American Art« aufgeführt, und während ich diese Memoiren schreibe, hat sie immer noch ihre eigene Kunstgalerie »Lola’s Art Gallery« in Brooklyn. Im Jahre 2010, in ihren hohen Achtzigern, hat sie ihre eigenen, sehr bewegenden Memoiren veröffentlicht, A World After This : A Memoir of Loss & Redemption, in denen sie die Liebesgeschichte eines mutigen und hingebungsvollen jungen Paares erzählt : Lola selbst und ihr Mann Mechel. Ihre Stärke, ihr Mut und ihre Hingabe füreinander, ihre Religion und ihre Familien konnten von der grausamen Gewalt Hitlers nicht besiegt werden.

Lola Leser, Munkács (1940), Lesser Family Collection

Lazar Leser, Munkács (1940), Lesser Family Collection

Von größter Bedeutung für uns fünf Kinder und unsere Mutter war das geliebte Oberhaupt unserer Familie, mein sorgfältig gepflegter und immer geschmackvoll gekleideter Vater Lazar. Wir Kinder nannten ihn liebevoll Tattiko. Als eines von zwölf Kindern einer hoch angesehenen orthodoxen jüdischen Familie war er streng religiös und äußerst fleißig. Für einen gelehrten Menschen wie ihn war sein Name, Lazar, der »Gelehrter« bedeutet, besonders passend. Er war ein sanftmütiger, aber nüchterner Mann, dem das Wohlergehen seiner Familie am Herzen lag. Er nahm seine Verantwortung als Versorger der Familie sehr ernst und arbeitete dafür lange und hart. In unserer Synagoge war er, trotz zweier florierender Geschäfte in Krakau, sehr aktiv und ein hoch angesehenes Mitglied der Gemeinde. Eines seiner Geschäfte war die Herstellung von koscherem Wein und Fruchtsirup namens Sklad (Geschäft) Wino (Wein) i (und) soki (Sirup) Owotsowe (Obst).

Ich erinnere mich an die Weinfabrik als einen aus mehreren weitläufigen Räumen bestehenden Keller, in dem sich riesige Fässer mit gärenden Weinen befanden. Außerdem erinnere ich große Fruchtpressen, Abfüllmaschinen und separate Räume für die Etikettierung und Verpackung. Dieser sehr große Betrieb war komplett unterirdisch, der Eingang war in einer Seitengasse. Die Fabrik befand sich in der Starowiślna-Straße (das bedeutet »alter Fluss«). Es war eine sehr belebte und schöne Hauptverkehrsstraße, die sich durch die ganze Stadt und über die Weichsel bis nach Podgórze schlängelte. Podgórze war ein ärmliches Industrieviertel mit Bahngleisen, das später, nach dem Einmarsch der Nazis, große Bedeutung erlangen sollte.