Ein Leben für die Tiere - Lieselotte Schweiger - E-Book

Ein Leben für die Tiere E-Book

Lieselotte Schweiger

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Beschreibung

Lieselotte Schweiger konnte von Kindesbeinen an nicht an hilfsbedürftigen Tieren vorbeigehen, ohne sich um sie zu kümmern. Wenn sich kein adäquates Zuhause finden ließ, nahm sie sie selber auf. War ein Streuner erst mal eine Weile bei ihr, konnte sie sich auch nicht mehr von ihm trennen. So bevölkerte bald eine bunte Schar Tiere den Haushalt der jungen Mutter. Es gab Hunde, Katzen, Ziegen, ein Pony … Neben Beruf und Familie engagierte sich die leidenschaftliche Tierliebhaberin auch im Tierschutzverein, musste jedoch bald feststellen, dass ein Tierschutzverein immer noch ein Verein ist und das Tier nicht bei allen Beteiligten an erster Stelle steht. Sie musste manch bittere Erfahrung machen, erlebte aber auch viel Freude. Am Ende eines erfüllten Lebens blickt Lieselotte Schweiger auf einige Fehler zurück, teilt ihre Erfahrungen und viele bewegende Geschichten aus ihrem Leben mit Kind, Kegel und jeder Menge Tieren.

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EPUB
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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Liselotte Schweiger

Ein Leben für die Tiere

Erinnerungen

Copyright: © 2019: Michaela Schweiger

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-7482-4471-4 (Paperback)

978-3-7482-4472-1 (Hardcover)

978-3-7482-4473-8 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Wie sagt man so schön: Gesundheit ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Gesundheit. Richtige Tierliebe ist ein Geschenk Gottes, denn sie kann uns viel Glück im Leben geben. Tierliebe ist nicht erlernbar, man hat sie oder man hat sie nicht. Manchmal schlummert sie in einem Menschen und wird durch bestimmte Umstände wachgerufen.

Es gibt verschiedene Arten von Tierliebe oder sogenannter Tierliebe. Die verbreitetste Art ist die, die nur ein Tier betrifft, meist Hund oder Katze. Die werden verhätschelt und teilweise vermenschlicht. Für andere reicht es nicht mehr. Die andere Variante ist genauso extrem: möglichst viele Tiere in Käfigen zu halten; Meerschweinchen, Ratten, Hasen und dergleichen, die sich dann lustig vermehren, bis man der Plage nicht mehr gewachsen ist. Günstigstenfalls landen sie dann im Tierheim oder werden tragischerweise anderweitig entsorgt. Nicht viel anders ergeht es dem lieben Federvieh. Wie viele Vögel fristen ein trauriges Dasein, alleine in eine Ecke gestellt, obwohl doch jeder weiß, dass Vögel Gesellschaftstiere sind und ihresgleichen brauchen, um glücklich zu sein.

Das Tier in der heutigen Gesellschaft ist ein Verbrauchsobjekt und wird nach Lust und Laune gekauft und wieder weggeworfen. Der Tierhandel boomt und die Züchter verdienen sich goldene Nasen. In meinen Augen müsste es verboten sein, Tiere in Schaufenstern auszustellen, um damit Kaufinteresse zu wecken. Aber inzwischen sind sie ja im Internet verfügbar und man kann sie sich schicken lassen.

Jedes Tier ist ein Individuum und hat das Recht, artgerecht gehalten zu werden. Ich denke hier nicht an Nutzvieh, sondern an Tiere, die der Freude des Menschen dienen und als bester Freundgehalten werden. Nebenbei bemerkt: Was heute mit dem Nutzvieh gemacht wird, ist haarsträubend, und es ist nicht verwunderlich, dass sich Krankheiten wie BSE, Schweinepest oder Vogelgrippe verbreiten. Fleischliebhaber sollten sich einmal in einem Kälbermast-, Schweinezuchtbetrieb oder einer Geflügelfarm umsehen, das wird so manchen zum Vegetarier machen.

Dieses Buch handelt aber nur von Tieren, die aus reiner Tierliebe gehalten wurden.

Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung beziehungsweise bevorzugt ein anderes Tier als Freund. Ich kenne Leute, die lieben ihren Wellensittich über alles und behandeln ihn auch dementsprechend. Sobald man sich mit einem Tier intensiv beschäftigt, für das Tier also Artersatz ist, fühlt sich auch ein einzelner Wellensittich wohl. Die echte Tierliebe betrifft die gesamte Tierwelt, jedes Tier auf seine Art.

Ich persönlich habe Angst vor Spinnen, würde aber nie eine töten. Wenn eine im Haus ist, rufe ich meinen Mann, der sie an die frische Luft setzt, oder ich nehme Schaufel und Besen und befördere sie selbst raus.

Ich muss zugeben, dass manche Experimente die ich anfangs mit meinen Tieren gemacht habe, nicht ganz ungefährlich waren und nicht zum Nachahmen geeignet sind. Heute würde ich vieles anders machen. Teilweise habe ich sehr viel Glück gehabt, dass nichts passiert ist. Ich denke aber, dass meine Tiere trotz der Strapazen, die teilweise aus Unerfahrenheit entstanden – doch glücklich waren.

Wie alles anfing

1938 wurde ich in München geboren. Meine Eltern waren beide aus Köln, hatten sich in derselben Firma kennengelernt und wurden nach München versetzt, wo sie dann heirateten. Mein Vater stammte aus einer naturverbundenen Familie, die Haus, Garten, Tiere usw. hatte. Er war sehr tierlieb. Meine Mutter kam aus einem sehr musikalischen Haushalt und hatte zu Tieren überhaupt keine Beziehung. Für sie war jedes Tier unrein. Wir wohnten in einer schönen Wohnung in München-Obersendling, einer Gegend, wo man sich noch wie auf dem Lande fühlte, in der Nähe des Tierparks Hellabrunn.

Als mein Vater in den Krieg ziehen musste, machte er sich große Sorgen um uns. Er hatte einen Kriegskameraden, der in der Nähe von Oberammergau in einem kleinen Dorf wohnte. Dieser arrangierte es, dass wir dort eine ehemalige Wirtschaft mieten konnten. Meine Mutter war zwar sehr dagegen – sie war ein reiner Stadtmensch –, aber die nächtlichen Angriffe in München wurden immer intensiver und mein Vater bestand auf der Evakuierung.

So wuchs ich mehr oder weniger auf dem Lande auf – es war für mich die schönste Zeit meines Lebens.

Wenn meine Mutter mich suchte, brauchte sie nur bei unserem Nachbarn in den Stall zu gehen, dort war ich zwischen Pferden und Kühen. Im Sommer waren die Viehweiden mein Spielplatz. Selbst der Bauer schwitzte manchmal Blut und Wasser, wenn ich bei dem Bullen war, aber kein Tier tat mir etwas zuleide. Die Bauernkinder hatten für mich kein Verständnis, lachten mich aus und hänselten mich. Zudem hatte ich rote Haare, was noch ein Grund mehr zum Ärgern war. Ich war aber glücklich in meiner Welt und die Tiere mochten mich.

In dieser Zeit wurde mein Bruder geboren und ich war sehr glücklich darüber, nicht mehr alleine zu sein. Wir liebten uns sehr – auch heute noch – und er war damals der Einzige, der meine Tierliebe teilte.

Ein paar Jahre nach Kriegsende gingen wir wieder nach München in unsere ehemalige Wohnung. Wir wohnten etwas außerhalb an der Peripherie, gleich in der Nähe befand sich ein großer Bauernhof. Der Bauer hatte zwar viele Kühe, die auch auf der Weide grasten, doch für mich waren die Tiere tabu. Ich durfte weder in den Stall noch auf die Weide, weil das zu gefährlich war. Hin und wieder unternahm ich einen Versuch, ein Tier mit nach Hause zu bringen, was aber meist scheiterte, da meine Mutter kein Tier in der Wohnung duldete. So brachte ich eines Tages ein kleines Kätzchen mit, das mir der Bauer geschenkt hatte. Umgehend musste ich die kleine Katze wieder zurückbringen, da meine Mutter eine Abneigung gegen Katzen hatte. Von einer Freundin bekam ich eine kleine weiße Maus geschenkt, die meine Mutter sofort in der Toilette versenkte. – Das habe ich ihr nie verziehen.

Nun musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. In unserer Nachbarschaft war eine Kohlenhandlung, die von einem Kettenhund bewacht wurde. Diese bemitleidenswerte Kreatur war Tag und Nacht angekettet, das Fressen wurde ihm mit einer Stange hingeschoben, da die Besitzer Angst vor ihrem eigenen Hund hatten. Das Fell war verfilzt – es war ein Riesenschnauzer – und das Halsband viel zu eng. Nach langem Bitten und Betteln waren die Besitzer und meine Eltern einverstanden, dass ich mich um den Hund kümmern durfte.

Da ich überhaupt keine Angst hatte und der Hund anscheinend froh war, etwas Zuspruch zu bekommen, passierte gar nichts. Er schaute mich zuerst zwar misstrauisch an, nahm das Stück Wurst aber ganz ruhig aus meiner Hand und ließ sich streicheln. Der Bann war gebrochen. Ich freundete mich mit ihm an und war jeden Tag bei ihm. Nach einer gewissen Zeit wartete er schon auf mich und empfing mich mit freudigem Gebell. Inzwischen durfte ich ihn schon von der Kette lassen und wir tollten auf dem Grundstück umher. Die Besitzer kamen aber nicht mit dazu und hatten nach wie vor Angst vor ihm. Er ließ sich sogar von mir in einem großen Wasserscheffel baden, das Fell wurde gebürstet und teilweise geschnitten und er sah aus wie neu. Durch gutes Zureden konnte ich die Besitzer sogar überzeugen, dass sie ihn in der Nacht frei laufen ließen. Spazieren gehen durfte ich nicht mit ihm, das war zu gefährlich.

Im Grunde war Rex, so hieß er, kein böser oder bissiger Hund, er war nur das Produkt seiner Erziehung. Er wurde von seinen Besitzern nur schlecht behandelt und nebenbei noch geärgert, wenn er an der Kette war. Er war für mich der liebste Spielkamerad. Unser Glück dauerte allerdings nur drei Jahre, dann starb er an Altersschwäche. Wir hatten uns viel zu spät kennengelernt. Ich haderte damals mit dem Schicksal, hatte ihm aber die letzten Jahre seines Lebens doch noch etwas erträglicher gemacht.

Mein Wunsch nach einem eigenen Hund war aber nach wie vor unerschütterlich. Jedes Jahr zu Weihnachten wünschte ich mir einen Hund. Meine Mutter war aber in dieser Beziehung unerbittlich.

Mein Drang nach einem Hund war so stark, dass ich auf der Straße freilaufende Hunde ohne Begleitung ansprach und mit nach Hause nahm. Einmal erwischte ich einen Schäferhund, der sehr lieb war. Meine Eltern waren beide nicht zu Hause und so konnte ich ihn ungehindert mitbringen. Als mein Vater nach Hause kam und die Tür aufsperrte, stand der Hund Zähne fletschend und knurrend vor ihm und ließ ihn nicht in die Wohnung. Von da an war auch das vorbei.

Als es meinen Eltern zu viel wurde – jedes Jahr zu Weihnachten der gleiche Zirkus, immer Tränen – bekam ich einen Wellensittich. Er war blau und hatte ein schönes gelbes Gefieder. Wir nannten ihn Maxi. Maxi hatte zwar einen schönen Käfig, durfte aber den ganzen Tag fliegen. Er wurde sehr zahm, konnte sprechen und wir hatten unseren Spaß mit ihm. Es war ein ausgesprochen lustiger Vogel und den ganzen Tag um uns herum.

Einmal im Jahr besuchte meine Mutter ihre Verwandten im Rheinland. Sie hatte sich mittlerweile auch an Maxi gewöhnt und mochte ihn sehr gern. Beim Abschied gab sie uns noch Ratschläge wegen des Futters – besondern wegen dem Salat, den wir nicht vergessen durften – und dass wir aufpassen sollten, wenn die Fenster geöffnet wurden, dass Maxi dann im Käfig sei. Wir versprachen alles zu beachten und Mama fuhr guten Mutes ins Rheinland.

Die ersten Tage funktionierte alles bestens, aber Kinder machen halt ab und zu Fehler, in diesem Falle wurde das Fenster geöffnet, ohne an Maxi zu denken. Als wir es merkten, war es schon zu spät und Maxi flog auf Nimmerwiedersehen davon. Trotz Suchanzeige und Flugblättern an allen möglichen und unmöglichen Orten blieb Maxi verschwunden. Nun musste unbedingt ein neuer Vogel her. Wir bekamen auch einen ähnlich aussehenden Wellensittich, doch er hatte nicht das gelbe Gefieder. Zudem war er sehr scheu und konnte auch nicht sprechen.

Meine Mutter kam nach zwei Wochen zurück und ihr fiel gleich auf, dass Maxi kein gelbes Gefieder mehr hatte und auch nicht sprechen konnte. Auf ihre Frage, weshalb sich der Vogel so verändert hätte, sagten wir, dass wie nicht soviel Zeit für ihn hatten und ihm ab und zu keinen Salat gaben.

Am nächsten Tag kam eine Schulfreundin von mir, und fragte meine Mutter, ob wir den Vogel wiederhätten, wegen dem überall Zettel hingen. Nun mussten wir mit der Wahrheit rausrücken und bekamen eine gehörige Standpauke.

Der neue Maxi bekam zwar nie ein gelbes Gefieder, wurde aber genauso zahm und nett wie sein Vorgänger. Wir hatten auch mit ihm viel Freude und er starb eines natürlichen Todes.

Mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden, keinen eigenen Hund zu haben. Nun hatte ich eine neue Möglichkeit entdeckt, mit Hunden zusammen zu sein: In der Nachbarschaft waren mehrere Hunde, deren Besitzer teilweise berufstätig waren und die mein Angebot, mit den Hunden Gassi zu gehen, freudig annahmen.

Zu meinen neuen Schützlingen gehörte unter anderem eine schwarz-weiße Dogge namens Blitz, eine braune Setterhündin, Senta, und der kleine Dackel Batzi. Die drei Hunde waren sehr gut erzogen und ich hatte kein Problem, mit allen gleichzeitig spazieren zu gehen. Im Nachhinein wundere ich mich noch heute, wie ich als Kind, ich war ja gerade erst 14 Jahre alt, so gut klargekommen bin, zumal ich stundenlange Spaziergänge machte und die Hunde auch frei laufen ließ.

Unser Vierergespann bestand so lange, bis nach und nach einer nach dem anderen in die ewigen Jagdgründe abtrat. Batzi war der Letzte und es war jedes Mal ein schmerzliches Erlebnis.

Mein Berufsziel war eigentlich Tierärztin. Aus verschiedenen Gründen wurde nichts daraus, zumal ich in der Schule auch nicht allzu fleißig war. Da ich mit Kindern sehr gut umgehen konnte, entschloss ich mich, Kinderpflegerin zu werden. Als Anreiz versprachen mir meine Eltern – wenn mein Staatsexamen gut ausfiele – einen eigenen Hund. Ich lernte und büffelte, das Examen fiel super aus und so stand dem eigenen Hund nichts mehr im Wege.

In dieser Zeit waren meine Mutter und mein Bruder wieder einmal bei unseren Verwandten im Rheinland. Eigentlich sollten wir warten, bis sie wieder zurück waren, da sie über unseren neuen Hausgenossen mitentscheiden wollten. Ich konnte es aber vor Ungeduld nicht mehr aushalten und so entschlossen wir uns, schon vorher unseren neuen Mitbewohner auszusuchen.

Einen Tag nach dem Examen fuhren mein Vater und ich ins Tierheim nach Karlsfeld. Ich wollte nur einen Hund aus dem Tierheim. Wir fuhren morgens los, waren mittags da und standen vor geschlossener Pforte – Mittagspause. Damit die Zeit verging, gingen wir in eine Wirtschaft zum Mittagessen. Der Wirt setzte sich zu uns und wir sprachen über den Grund unseres Hierseins. Freudig überrascht erzählte er uns, dass er Foxterrier züchte und gerade einen Wurf zum Verkauf hätte. Er wollte uns auch einen sehr guten Preis machen. Er führte uns zu dem Zwinger und die Hundebabys waren wirklich allerliebst. Mein Vater war sofort bereit, einen zu kaufen, und animierte mich, mir einen auszusuchen. Insgeheim wusste er wahrscheinlich schon, was ihm noch bevorstand, und hatte Angst davor. Er hatte die Rechnung aber ohne mich gemacht: Mein Entschluss stand fest, ich wollte nur einen Hund aus dem Tierheim. Mein Vater war zwar etwas sauer, denn die Hunde gefielen ihm sehr gut, aber er akzeptierte meine Haltung und wir verabschiedeten uns von dem verkaufstüchtigen Wirt.

Im Tierheim empfing uns dann ein ohrenbetäubendes Gebell. Eine Mitarbeiterin führte uns an den Boxen mit den Hunden vorbei – es war furchtbar. Aus der ganzen Hundeschar konnte ich nur einen aussuchen und mitnehmen. Aus jedem Zwinger sahen uns traurige Augen an, die bettelten: Nehmt mich mit.

In einem Käfig war ein besonders wild bellender und jaulender Hund. Ich blieb vor ihm stehen, schob meine Hand durch das Gitter und versuchte, den Hund zu streicheln. Er hörte sofort mit dem Bellen auf und schleckte meine Hand ab, schaute mich einen Moment ganz ruhig an, bellte dann aber sofort wieder weiter.

Der war es!

Mein Vater sagte entsetzt: »Der doch wohl nicht! Schau nur, wie der aussieht.«

Na ja, gut sah er nicht aus. Das Gesäuge hing ihm runter, das Fell war stumpf, die Ohren demoliert … aber der Blick.

Die Mitarbeiterin nahm ihn an die Leine und wir gingen ins Büro. Dort war man über meine Wahl sehr erstaunt, aber auch sehr froh, denn es war eine sehr aufsässige und aggressive Hündin. Jeder atmete auf, dass sie wegkam. Die Leiterin des Heimes erzählte uns dann, dass dieser Hund vor Kurzem Junge hatte, die aber schon alle weg waren. Die Hündin selbst war etwa fünf Jahre alt, hieß Schätzchen und gehörte einem Amerikaner, der wieder nach Amerika zurückging und sie hier abgab. Die Rasse war undefinierbar, Boxer aber vorherrschend. Beim Abschied schob die Leiterin dem Hund noch eine Tablette ins Maul.

Wir zahlten eine Spende, füllten den Vertrag aus und ich hatte meinen Hund. Noch heute kann ich mich erinnern, was ich damals für ein Glücksgefühl empfand. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden – endlich ein eigener Hund!

Der Name paßte natürlich überhaupt nicht. Mein Vater sagte, ich könne auf der Straße doch nicht Schätzchen rufen, wer sich da alles angesprochen fühlen würde. So nannten wir sie Lassie, nach dem damaligen Fernsehhund. Sie hatte zwar mit dem Filmhund nichts gemein, war aber für mich der schönste und liebste Hund der Welt.

Lassie ging gut an der Leine, ab und zu schaute sie uns an und konnte es anscheinend gar nicht fassen, dass sie nicht mehr in diesem Gefängnis war. Sie lief neben uns her, als ob wir schon immer zusammengehört hätten. Wir fuhren vom Tierheim direkt nach Hause, damit wir dort noch spazieren gehen konnten und Lassie ihre neue Umgebung kennenlernte.

In unserer Wohnung angekommen, musste sie sich erst mal genau orientieren und schnuppern, ob doch nicht noch ein anderer Mitbewohner da sei. Nachdem alles zu ihrer Zufriedenheit ausfiel, legte sie sich auf ihr Lager und schaute uns erwartungsvoll an: Etwas zum Fressen wäre nicht schlecht. Da ich alles schon vorbereitet hatte, gab ich ihr Futter, was sie sofort verschlang. Dann legte sie sich auf ihren Platz und wir aßen zu Abend. Anschließend ging ich noch Gassi mit ihr.

Nach einem ausgiebigen Schmuseabend mit Lassie gingen mein Vater und ich ins Bett. Lassie lag auf ihrem Platz, als ob sie schon immer da gewesen wäre.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hörte ich meinen Vater laut schimpfen und lamentieren: »Da hätte ich doch besser in die Hose gesch…, als diesen Hund genommen.«

Zaghaft kam ich in die Küche und sah die Bescherung: Lassie hatte einen Haufen hingelegt, hinter dem hätte sich eine fünfköpfige Familie verstecken können. Ehrlich gesagt war ich auch sehr erschrocken und es war mir vor meinen Vater sehr unangenehm. Es war aber passiert. Lassie war nicht zu sehen. Sie hatte sich im äußersten Winkel der Küche unter der Bank versteckt und sah uns sehr schuldbewusst an.

Man brauchte sie nicht auszuschimpfen, denn sie wusste genau, dass sie etwas Schlimmes gemacht hatte. – Hunde machen nicht mit Absicht in die Wohnung, es ist für sie genau so unschön wie für Menschen. Ich machte die Bescherung weg und sah Lassie dabei strafend an.

Das war der einzige Ausrutscher in ihrer Laufbahn bei uns. Ich denke, dass die Tablette, die sie im Tierheim bekommen hatte, der Auslöser war.

Nach acht Tagen kamen meine Mutter und mein Bruder zurück. Gemeinsam mit Lassie holten wir sie vom Bahnhof ab. Voller Spannung, was sie zu unserem neuen Hausgenossen sagen würden, warteten wir am Bahnsteig. Als meine Mutter den Hund sah, verschlug es ihr die Sprache. Da ich sie aber so flehend ansah, gab sie ihr Einverständnis und alles war gut. Mein Bruder schloss gleich Freundschaft mit Lassie, da sie anscheinend merkte, dass beide zur Familie gehörten.

Lassie wurde der Liebling der Familie und sie dankte es mit ihrer Treue und Liebe. Meine Mutter gewöhnte sich auch an sie und mochte sie sehr.

Zwei Episoden sind mir noch heute gut im Gedächtnis:

Lassie ging auf alles los, was sich bewegte. Sie mochte andere Hunde überhaupt nicht und fing sofort an zu raufen, sobald ihr einer zu nahe kam. Mit Katzen war es genauso.

Eines Tages machten wir eine Wanderung in der Nähe eines kleinen Dorfes. Vor der Dorfwirtschaft saßen ein paar Leute, unterhielten sich und vor ihnen lag ganz friedlich in der Sonne schlafend eine Katze. Lassie sah sie und stürzte wie von der Tarantel gestochen auf sie los. Die Katze sprang mit einem Satz durch das offene Fenster über Kommoden und Schränke in die Stube. Man hörte einen ohrenbetäubenden Lärm von Krügen, Tellern und Gläsern, die zu Bruch gegangen waren. Mein Vater pfiff Lassie sofort zurück, rief sie zur Ordnung und leinte sie an. Dann kamen die Wirtsleute aus dem Haus – die Katze vor ihnen, mit einem riesigen Buckel – und forderten uns auf, den Hund nochmals von der Leine zu lassen. Wir ergriffen aber mit Lassie die Flucht, nachdem sich die Situation geändert hatte und für uns doch sehr bedrohlich wirkte. Die Katze war im Umgang mit Hunden wohl sehr geübt und wir wollten es nicht zu einer Rauferei kommen lassen. Außerdem waren wir nicht gewillt, die Rechnung für das zerbrochene Geschirr zu bezahlen. In dieser Gegend sind wir nie wieder gewandert.

Meine Mutter hatte einen Bruder, der blind war. Jedes Jahr besuchte er uns für einige Wochen. Da er schlecht schlafen konnte, hatte er die Angewohnheit, nachts aufzustehen und in der Wohnung spazierenzugehen. Eines Nachts, wir schliefen alle, öffnete Lassie die Schlafzimmertür meiner Eltern – was bis dahin noch nie passiert war – und stupste meinen Vater so lange, bis er aufstand. Als er in die Küche kam, lag dort mein Onkel völlig hilflos auf dem Boden und konnte sich nicht mehr bewegen. Der herbeigerufene Notarzt stellte zwar keine lebensbedrohende Situation fest, doch hatte der Hund meinen Onkel vor größeren Schwierigkeiten bewahrt.

Lassie war der perfekte Familienhund. Wenn Besuch kam, musste man allerdings aufpassen. Sie merkte sofort, wenn Leute keine Tiere mochten. Wir hatten eine Nachbarin, die ab und zu kam, die konnte sie absolut nicht leiden. Sie tat ihr zwar immer recht schön, aber sie durfte sie nicht streicheln oder berühren. Das war die einzige unangenehme Seite von Lassie.

Sie wurde 13 Jahre alt und musste, da sie völlig verkrebst war, eingeschläfert werden. Mein Vater und ich brachten sie in die Universitätstierklinik in der Königinstraße. Damals habe ich meinen Vater zum ersten Mal weinen gesehen, als er mit dem Halsband und der Leine von Lassie aus dem Behandlungszimmer kam. Ich selbst war zu feige, um mit dabei zu sein. Von der Trauer meines Vaters war ich sehr erschüttert.

In der Zeit, als Lassie noch lebte, verbrachte ich ein Jahr als Aupair-Mädchen in der Schweiz. Dort hatte ich drei Kinder zu betreuen. Wir wohnten in Zürich und ich hatte ein kleines ebenerdiges Appartement gegenüber des Nachbarhauses meiner Ersatzfamilie. Abends ab 19:00 Uhr hatte ich frei, ebenso Samstags ab 14:00 Uhr bis Montagmorgen.

Da ich mich nach Arbeitsschluss immer sehr einsam fühlte, kaufte ich mir ein Meerschweinchen. Er war schwarz-weiß, hatte Rosetten und die vorderen Haare fielen ihm ins Gesicht. Er sah aus wie einer der Beatles. Ich nannte ihn Bambi. Ein großer geräumiger Käfig stand neben dem Fenster. Wenn ich mit den Kindern im Garten spielte, konnte er uns sehen, wenn er Männchen machte. Er war sehr schlau. Sobald er uns draußen hörte, pfiff er, da er wusste, dass ich ihn dann holte und er im Garten herumlaufen durfte.

Am Wochenende fuhr ich, wenn schönes Wetter war, mit Bambi im Korb auf den Ürtliberg. Das ist ein Ausflugsziel in der Nähe von Zürich, damals noch nicht so überlaufen wie heute. Dort nahm ich Bambi an die Leine – ich hatte ihm ein Brustgeschirr aus Stoffbändern gemacht. Er lief zwar nicht wie ein Hund nebenher, es machte ihm aber sichtlich Spaß herumzuhüpfen, da und dort etwas zu fressen und dabei zu sein.

Alle zwei Monate fuhr ich am Wochenende nach Hause. Mein ganzes Gepäck bestand aus dem Korb von Bambi und einer Tasche. Damals gab es noch Zollkontrollen und die Zöllner waren jedes Mal sichtlich erstaunt, wenn sie den Korb mit Bambi kontrollierten. Zuhause bei meinen Eltern gab es mit Lassie sonderbarerweise keine Probleme. Sie akzeptierte sofort den kleinen Kerl und er konnte sogar bei ihr schlafen. Neben dem Hundekorb stand der Toilettenbehälter von Bambi, den er auch brav benutzte.

Als meine Zeit in Zürich abgelaufen war und ich wieder nach Hause kam, duldete meine Mutter das Meerschweinchen nicht und ich musste es schweren Herzens abgeben. Ich kannte einen Wärter vom Tierpark Hellabrunn, der die Tiere vom Streichelzoo betreute. Nach vielen Bitten und Erklärungen – dass Bambi sonst eingeschläfert würde – erbarmte er sich und ich durfte Bambi dorthin bringen. (Im Allgemeinen ist es nicht erlaubt, Tiere im Zoo abzugeben, schon alleine aus Krankheitsgründen.) Bambi fühlte sich offensichtlich wohl unter seines Gleichen und hatte keine Probleme mit seinen Artgenossen. Mit meiner Mutter stand ich einige Zeit auf Kriegsfuß wegen ihrer harten, unerbittlichen Entscheidung. Es war aber nichts daran zu ändern.

Nach meiner Zeit in Zürich entschloss ich mich den Beruf als Kinderpflegerin aufzugeben. Einerseits wollte ich in keinen Privathaushalt mehr gehen, andererseits waren die Verdienstmöglichkeiten sehr gering. So gab ich dem Drängen meiner Eltern nach, besuchte Kurse und schulte auf Kontoristin um. Ich bekam eine Stelle als Fakturistin in einer Tochtergesellschaft der Farbwerke Höchst, genau am Marienplatz in München. Die Büros waren super und auch mit den Kollegen kam ich sehr gut aus.

Nach einiger Zeit wurde ich in die Fernschreibstelle versetzt, da dort eine Kollegin ausgefallen war. Diese Arbeit machte mir mehr Spaß und war auch vielseitiger und interessanter. Eine meiner Kolleginnen hatte eine Freundin, die beim Polizeipräsidium angestellt war. Diese besuchte uns des Öfteren, da sie Schichtdienst und sehr oft frei hatte. Eines Tages fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte, auch zur Polizei zu gehen, da man auch dort Fernschreiberinnen suche. Meine Kollegin wollte nicht, da sie verheiratet war und Schichtdienst für sie nicht infrage kam. Für mich hatte das allerdings schon seinen Reiz und so stellte ich mich bei der zuständigen Dienststelle vor. Der Dienststellenleiter hörte sich meine Bewerbung an und klärte mich über den Schichtdienst auf: morgens von 9:00 bis 19:00 Uhr, am nächsten Tag von 19:00 bis 9:00 Uhr, dann zwei Tage frei. Feiertage gab es natürlich nicht. Ich brauchte gar nicht lange zu überlegen – das war meine Arbeit. Nach der Kündigungszeit – mein ehemaliger Arbeitgeber war etwas sauer – fing ich im Polizeipräsidium in München in der Fernschreibstelle an.

Zu Anfang war es schon eine schwierige Umstellung. Wir waren zu dritt in einer Schicht und die Schichtführerinnen waren alle etwas ältere Damen, führten ein sehr strenges Regiment (manche waren sogar im Krieg in Italien als Fernschreiberin tätig gewesen). Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich aber an ihre Art und Weise und es gefiel mir sehr gut. Ich hatte viel Freizeit und mit den Kolleginnen und Kollegen in meinem Alter verstand ich mich bestens.

Nachdem uns Lassie verlassen hatte, wollte ich natürlich wieder einen Hund. Da ich mit meinen Eltern in Urlaub fahren wollte, entschlossen wir uns, nach dem Urlaub einen Hund aus dem Tierheim zu holen.

In der Mittagspause ging ich meist durch die Fußgängerzone und machte einen Schaufensterbummel. Eines Tages musste ich auf dem Viktualienmarkt Besorgungen machen und kam notgedrungen an einer Tierhandlung vorbei, um die ich sonst immer einen Bogen machte. Das Geschäft war mir schon immer ein Dorn im Auge gewesen, da dort junge Hunde angeboten wurden. Vor dem Schaufenster war eine Menschenmenge und jeder redete mit jedem. Kinder bearbeiteten ihre Eltern, Frauen ihre Männer. Der Grund: Im Fenster saßen acht junge Hunde der verschiedensten Rassen. In einer Ecke saß ganz apathisch ein kleiner Boxer, auf dem anscheinend das ganze Leid dieser Erde lastete. Er sah erbarmungswürdig aus. Anscheinend wurden ihm vor Kurzem die Ohren kupiert, denn die Pflaster waren noch sehr neu (Gott sei Dank, darf man diese Quälerei in unserem Land heute nicht mehr durchführen). Ich blieb eine Weile stehen und sah mir die Menschen an. Es war normal, dass alle von den jungen Hunden begeistert waren. Im Grunde betrachteten trachteten die meisten sie als Spielzeug. So werden die Menschen manipuliert, indem sie gar nicht wissen, was mit einem Hund auf sie zukommt. Mir tat der kleine Boxer leid – und wieder hatte die Zur-Schaustellung Erfolg. Ich ging in den Laden und sagte, dass ich den Boxer kaufen wolle, ihn aber nicht sofort mitnehmen könnte. Im Büro angekommen rief ich meine Eltern an und teilte ihnen mein Vorhaben mit. Da sie nicht so begeistert waren, ich den Hund aber unbedingt haben wollte, trafen wir einen Kompromiss: Ich fuhr nicht mit in den Urlaub, durfte aber den Hund kaufen. Am nächsten Tag holten wir ihn gemeinsam ab. Es war eine Hündin und etwa drei Monate alt. Da sie angeblich reinrassig war, bekamen wir einen Stammbaum, Impfpass, und Ohrensalbe mit dem Hinweis, die Pflaster in zehn Tagen zu entfernen. Wir bezahlten 350,- DM und fuhren auf dem schnellsten Weg nach Hause.

Nach einigen gemeinsamen Überlegungen nannten wir sie Tinka. Tinka war nach wie vor ein Häufchen Unglück. Sie wurde zwar ruhiger und man merkte, dass sie froh war, aus dem Trubel weg zu sein, doch bei der kleinsten Gelegenheit fing sie an zu zittern. Sie war eigentlich ein sehr freundlicher und liebenswerter Hund. Damit sie stubenrein wurde, gingen wir sehr viel mit ihr Gassi, was ihr immer Vergnügen bereitete, denn sobald man die Leine nahm, kam Leben in sie und ihr Stummelschwänzchen bewegte sich.

Durch die verpflasterten Ohren hatten wir gar nicht bemerkt, dass mit ihrem Gebiss etwas nicht stimmte. Trotz mehrmaliger Fütterung am Tag nahm sie fast nicht zu und wurde auch nicht viel größer. Das Futter landete mehr am Hinterteil als im Maul. Sie entwickelte sich zu einem extremen Vorbeißer und hatte etwas Ähnlichkeit mit Dracula. Als wir einen Tierarzt hinzuzogen, stellte er fest, dass sie fast nicht lebensfähig war. Durch die extreme Fehlstellung der Zähne konnte sie nicht genügend Futter aufnehmen (Boxer sind meist Vorbeißer, bedingt durch ihre platte Schnauze, aber in vorliegendem Falle war dies schon ein gravierender Fehler, zumal mit zunehmendem Alter die Verformung noch stärker wurde.) Der Züchter hatte dies bestimmt bemerkt und den Hund trotzdem verkauft. Als wir in der Tierhandlung den Fehler des Hundes beanstandeten, wollten sie den Hund wieder zurücknehmen. Dies wollten wir dem Hund aber unter keinen Umständen antun. Auf Rat eines weiteren Tierarztes ließen wir Tinka schweren Herzens einschläfern. Wir haben nie wieder einen Hund in einer Tierhandlung gekauft.

Nun hatten wir wieder keinen Hund.

Gute Bekannte von uns hatten einen Boxer, das absolute Ideal von einem Boxer. Es war eine Hündin und ihr Name war Kitty. Kitty war ein sehr großer, rehbrauner Boxer mit schwarzer Maske und einer wunderbaren ebenmäßigen Figur. Ich kannte Kitty schon als Baby, da in dem Bürohaus, wo ihr Herrchen Hausmeister war, meine erste Arbeitsstelle war. In unserer hundelosen Zeit lieh ich mir Kitty immer mal aus. Die Besitzer waren sehr froh darüber, da sie nicht immer die Zeit hatten, sich um den Hund zu kümmern. Sie bewohnten eine sehr schöne Dachterrassenwohnung direkt über dem Marienplatz. So schön die Wohnung auch war, für Kitty war sie nicht geeignet – im Sommer sehr heiß und im Winter sehr rutschig. Kitty war die Woche über bei uns und am Wochenende bei ihren Besitzern. Sie schien es zu genießen. Ich hatte Schichtdienst und viel Freizeit, ansonsten waren meine Eltern für sie da.

So schön und lieb Kitty war, genauso dumm und tollpatschig war sie. Ich habe nie wieder einen so dummen Hund getroffen – sie möge es mir verzeihen. Trotz aller Mühe konnte man ihr keinen Gehorsam anerziehen. Sie kam nur, wenn sie sich ausgetobt hatte, dann wollte sie aber nicht mehr weitergehen und legte sich einfach hin. Das Schlimmste aber war ihre Seiberei: Ohne Handtuch konnte man mit ihr nicht außer Haus gehen. Sie schüttelte sich einmal und alles war voller Speichel. (Deswegen ekeln sich auch manche Menschen vor Boxern.) Wenn sie sich freute, musste man sich an die Wand stellen, denn vor lauter Liebe sprang sie einen voll an, und wer nicht standfest war, fiel um.

Eines Tages sprachen uns die Besitzer von Kitty an, warum wir uns nicht selbst wieder einen Boxer aus dem Zwinger von Kitty holten. Da die ganze Familie – einschließlich meiner Mutter – Boxerfans geworden waren, fuhren wir nach Mühldorf zu besagter Züchterin. Kitty war mit dabei, da sich die beiden Hunde ja vertragen mussten. Was wir dort vorfanden, übertraf unsere schlimmsten Vorstellungen: Das ganze Anwesen war eingezäunt und überall liefen Hunde umher – es herrschte absolutes Chaos. Überall lagen leere Futterdosen, Kot, altes Brot, Knochen, Plastiktüten … Die Züchterin, eine alte Frau, war mit der ganzen Hundemeute völlig überfordert. Sie sagte uns, dass sie eigentlich nicht mehr züchten wolle, aber nicht wüsste, wohin mit den vielen Hunden. Ab und zu verkaufe sie zwar einen Hund, aber die meisten Leute ergriffen die Flucht, wenn sie den Saustall sahen. Die Boxer waren durch die unkontrollierte Inzucht auch teilweise degeneriert. In der ganzen Meute war kein Hund wie Kitty. Wir entschieden uns für eine kleine verängstigte Hündin, die nicht zum Züchten geeignet und auch schon etwas älter war. Über unsere Entscheidung waren wir sehr froh, so hatten wir doch wenigstens einem schwachen Geschöpf den weiteren Kampf um das tägliche Brot erspart.

Unser neuer Hausgenosse hieß Sissy und beide Hunde vertrugen sich sehr gut. Kitty war zwar die Dominantere, aber Sissy war froh, sich nur mit einer Rivalin auseinandersetzen zu müssen. Sissy hatte eigentlich nichts von einem Boxer. Sie blieb bis zu ihrem Lebensende ein Sensibelchen, sehr ängstlich, aber liebenswert.

Kitty war aber weiterhin die Woche über bei uns, am Wochenende bei ihrem Herrn. Die beiden Hunde waren ein Herz und eine Seele. Des Öfteren kam es auch vor, dass Kitty gar nicht zu ihrer Familie wollte, wenn sie merkte, dass es nach Hause ging.

Wir hatten mit beiden Hunden eine schöne Zeit. Obwohl es große Hunde waren und die meisten Menschen ihnen anfänglich etwas ängstlich entgegentraten, gab es nie Probleme mit ihnen. Sie waren anderen Hunden gegenüber völlig neutral, ebenso mit Kindern und Katzen. Kinder waren sie zwar nicht gewöhnt, aber jedes Kind konnte sie streicheln. Durch Sissys ruhige Art wurde Kitty auch etwas disziplinierter und beide Hunde waren sehr manierlich und folgsam. Das einzig Unangenehme war nach wie vor Kittys Seiberei, an die wir uns aber im Laufe der Jahre gewöhnt hatten. Sissy hatte diesbezüglich kein Problem, da sie keinen so ausgeprägten Kopf hatte.

Ich war nun älter, wollte selbstständig werden und von zu Hause weg. Meine Jugendliebe – der Sohn des Bauern, bei dem ich als Kind immer im Stall war – nahm mich mit meiner Liebe nicht ernst, zudem konnte er nicht verstehen, dass ich als Stadtmensch aufs Land wollte. Wir hatten immer schon ein freundschaftliches Verhältnis. Ich besuchte ihn öfter und wir führten auch entsprechende Gespräche, blieben aber immer nur gute Freunde. Bei ihm war es genau umgekehrt: Er war in seinem Herzen kein Bauer und sein Wunsch war es, in der Stadt zu leben. Zudem war er 15 Jahre älter als ich, und seine Eltern gaben mir – obwohl sie mich mochten – wegen meiner Jugend auch keine Chance. Schweren Herzens gab ich meine Träume Bäuerin zu werden auf. Bis heute besuche ich ihn noch ein- bis zweimal im Jahr und wir haben viel Spaß zusammen, wenn wir von früheren Zeiten sprechen. Im Nachhinein bezweifle ich schon, ob ich diesen Beruf wirklich so perfekt erlernt hätte. Mit Tierliebe allein kann man diese schwere und anstrengende Arbeit nicht schaffen.

Durch Bekannte lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Er lebte in einer schönen kleinen Kreisstadt in der Nähe von München. Da er auch sehr naturverbunden und tierlieb war, heirateten wir bald. Ich wollte unbedingt eine eigene Familie mit mehreren Kindern und vielen Tieren.

Mein Mann brachte einen vierjährigen Buben mit in die Ehe und ich eine zweijährige Tochter. Mit im Hause lebten mein Schwiegervater und Bazi, ein Rauhaardackel.

Im Laufe der Zeit musste ich feststellen, dass nicht alle Menschen so tierlieb waren wie ich. Speziell mein Schwiegervater war ein sehr schwieriger Mensch. Das Wort Tierliebe kannte er nicht. Mit Bazi stand er auf Kriegsfuß. Sobald beide alleine waren, war Kampfstimmung angesagt. Das sah so aus, dass Opa mit dem Stock auf den Hund losging, der ihn wiederum ins Bein oder sonst wo biss. Alles gute Zureden half nichts. Bevor mein Schwiegervater mich rauswarf, musste der Hund weg. Meinen Mann interessierte das alles nicht, da er diesen Zirkus schon gewohnt war. Ich konnte es nicht verstehen, denn der Hund war zu den Kindern und anderen Leuten total brav. Selbst wenn meine Eltern mit Sissy kamen, gab es keine Probleme, nur mein Schwiegervater war ein rotes Tuch für ihn (der Hund wusste schon warum – und ich auch). Nach verschiedenen Diskussionen – die Kinder hingen sehr an dem Hund – siegte wieder einmal der Altersstarrsinn und Bazi musste weg. Er kam zu einem Bauern und durfte dort seine Tage verbringen. Von da an hatte ich ein gestörtes Verhältnis zu meinem Schwiegervater.

Als ich heiratete, hatte ich mir vorgenommen, falls meine Kinder auch so tierlieb würden wie ich, bekämen sie auf jeden Fall einen Hund. Die Kinder trauerten sehr um Bazi und so versprach ihnen mein Mann einen neuen Hund.

Da mein Mann Jäger war, bekamen wir einen Jagdhund. Er hieß Treff und war ein Deutsch Drahthaar. Treff war acht Wochen alt, als er zu uns kam. Wir suchten ihn uns bei einem Züchter aus. Er war richtig nett und sah mehr wie ein kleiner Bär aus. Sein Fell war braun-weiß mit einem kurzen Stummelschwanz. Für Franzi war er der ideale Spielgefährte, sehr tollpatschig, unempfindlich und brav. Ich lehrte Franzi aber auch, dass ein Hund kein Spielzeug sei und genauso Schmerzen verspüre wie sie. Wenn der Hund schläft oder frißt, muss man ihn in Ruhe lassen.

Da ich nicht berufstätig war, passte ich sehr auf, dass mit Treff nicht dasselbe passierte wir mit Bazi. Ich wachte mit Argusaugen über meinen Schwiegervater, dass er weder den Kindern noch dem Hund etwas tat.

Im zweiten Jahr unserer Ehe kam meine Tochter Christine zur Welt und mein Schwiegervater verstarb. Treff hatte sich inzwischen zu einem stämmigen Hund entwickelt und die Tauglichkeitsprüfungen für die Jagd abgelegt. Nun bin ich kein Freund der Jagd, muss aber auch gestehen, dass es auch gute Jäger gibt, die das Wild hegen und nach Möglichkeit nur kranke Tiere schießen. Zu denen gehörte mein Mann.

Treff war ein sehr guter Jagdhund und hatte vor allem eine ausgezeichnete Nase. Hin und wieder, wenn ein Wild angefahren oder angeschossen wurde, kamen Jäger und liehen sich Treff aus. Er war sehr folgsam und ging mit jedem Jäger mit. Bei Jagdhunden ist es üblich, dass man sie bei Bedarf von ihrem Herrn ausleihen kann. Da Treff ein sogenannter Gebrauchshund war, durften wir verschiedene Dinge mit ihm nicht machen. Die Kinder oder ich durften nicht mit ihm spazierengehen. Er musste im Zwinger gehalten werden und durfte nicht verhätschelt werden. Die Kinder konnten zwar mit ihm spielen, aber nur begrenzt, damit er seine Schärfe nicht verlor. Mein Mann nahm ihn nur mit, wenn er auf die Jagd ging. – Zur damaligen Zeit war ich noch eine folgsame und gefügige Ehefrau, darum habe ich das alles mitgemacht, obwohl mir diese Art von Hundehaltung total gegen den Strich ging.

Leider wurde Treff nicht alt. Da er im Grunde sehr freiheitsliebend war, büxte er des Öfteren aus. Bei einer dieser Gelegenheiten wurde er von einem Auto überfahren. Für uns alle war es ein sehr schmerzvoller Verlust.

Es dauerte nicht lange, da brachte mein Mann einen neuen Jagdhund mit: Cora, eine junge Drahthaarhündin. Im Gegensatz zu Treff war sie viel graziöser und sehr sensibel.

Als wir Cora bekamen war sie ein junger, verspielter, unbeschwerter Hund. Sie spielte mit den Kindern und war ausgesprochen lieb und unkompliziert. Mein Mann hatte sie aber nicht als Spielgefährte für die Kinder gekauft, sondern wieder als Gebrauchshund für die Jagd. Als sie in das Alter kam, um für die Jagd abgerichtet zu werden, kam sie für drei Monate zu einem Jäger. Wieder zu Hause bei uns, erkannte ich sie fast nicht mehr. Sie war total verschüchtert, ängstlich, sehr folgsam und ausgesprochen liebesbedürftig. Am schlimmsten war ihre Aggressivität gegenüber Fremden und allgemein allem, was sich im Garten bewegte. Sobald sie etwas hörte, war sie in Kampfstimmung. Man musste sie stets unter Kontrolle halten. Zur Familie war sie aber nach wie vor brav und lieb.

Was in den drei Monaten mit dem Hund passiert ist, weiß ich nicht. Meines Erachtens wurde mit Gewalt ihr Wille gebrochen. Die reine Lust zum Töten wurde forciert, denn sie brachte nun alles um, was sie erwischen konnte – und absoluter Gehorsam wurde ihr eingebläut.

Eines Tages lief uns ein kleines Kätzchen zu. Cora schlief und merkte nichts. Da mein Mann katzenlieb war, wollte er es behalten. Auf meinen Hinweis, Cora hätte bestimmt etwas dagegen, meinte er nur, sie mache bestimmt nichts, wenn ich ihr das befehlen würde. Ich hielt das Kätzchen in den Händen und mein Mann holte Cora. Wir saßen auf dem Boden und redeten beruhigend auf Cora ein. Sie schaute ganz interessiert auf das Kätzchen, dann wandte sie den Kopf zur Seite, als wenn sie sagen wollte: Das ist nichts für mich. Wir streichelten beide Tiere und Cora zeigte keinerlei Reaktion. Von ihrer sonstigen Gier, Katzen zu jagen, merkte man nichts. Ich setzte das Kätzchen auf den Boden und es schaute Cora ruhig an. Wir waren ganz happy und dachten, dass wir es geschafft hätten. Ich stand auf – das Kätzchen saß immer noch – da machte Cora einen Satz, packte die Katze, schüttelte sie und brach ihr das Genick. Es dauerte keine zehn Sekunden. Anschließend brachte sie ihrem Herrn die Beute. Wir waren beide so erschrocken, dass wir nicht wussten, was wir machen sollten. Einerseits lernte sie bei ihrer Ausbildung, Katzen zu töten, andererseits war die Lust am Töten stärker als ihr Gehorsam. Das war der erste und letzte Versuch, eine Katze in unser Haus zu bringen.

Ab diesem Tag war unser Garten eine katzenfreie Zone. Sämtliche Katzen in der Nachbarschaft machten einen Bogen um unser Grundstück. Mittlerweile hatte ich durchgesetzt, dass Cora nicht mehr im Zwinger, sondern im Haus gehalten wurde. Wir durften auch mit ihr spazierengehen und die Kinder konnten mit ihr spielen. Wenn Bekannte oder Freunde kamen, die keine Hunde mochten, musste man sehr aufpassen, denn sie war sehr feinfühlig. Sie merkte sofort, was ein Mensch über sie dachte, und reagierte entsprechend. Wegen verschiedener Attacken gegen Bekannte, wurde meinem Mann die Haftpflichtversicherung gekündigt.

Damals flog mein Mann in Urlaub nach Kanada. Während dieser Zeit waren meine Eltern bei uns zu Hause und kümmerten sich um