Ein Leben in progress - Hans Ulrich Obrist - E-Book

Ein Leben in progress E-Book

Hans Ulrich Obrist

0,0

Beschreibung

»There is only one good thing about a small town. You know that you want to get out.« Diese Songzeile von Lou Reed könnte über den frühen Jahre von Hans Ulrich Obrist stehen. Aufgewachsen im Schweizer Provinzstädtchen Weinfelden am Bodensee, wurden für den jungen Obrist ausländische Zeitungen vom Bahnhofskiosk, Bücher, Filme, aber vor allem die Begegnungen mit alter und zeitgenössischer Kunst zu Fluchtmöglichkeiten aus einem Milieu, das ihm schon früh viel zu klein war. Und viel zu langsam. Ein schwerer Unfall im Alter von sechs Jahren brachte die Erkenntnis, dass keine Zeit zu verlieren sei. Und so saugte Obrist alles auf und machte sich auf den Weg. Paris, Wien und Rom waren seine Sehnsuchtsorte und die ersten Destinationen seiner persönlichen Grand Tour durch Europa, die den Teenager mit Nachtzügen zu Künstlerlegenden wie Fischli / Weiss, Etel Adnan oder Gerhard Richter führten. »Eine Begegnung kann ein Leben verändern, sie kann fünf Jahre an der Uni ersetzten, wie ein Kurzschluss.« Über die Kurzschluss-Begegnungen mit Menschen, die ihm zu Mentor*innen wurden, darunter Édouard Glissant, erzählt Hans Ulrich Obrist in »Ein Leben in progress« und lässt gleichzeitig zum ersten Mal einen sehr persönlichen Blick auf sein Leben zu, von der ersten Ausstellung in der Küche seiner Studentenwohnung in Sankt Gallen (mit 29 Besucher*innen) bis zum viel umworbenen und erfolgreichen Kurator und Gesprächspartner unzähliger Künstler*innen aus der ganzen Welt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hans Ulrich Obrist

Ein Leben in progress

Aus dem Französischen von Thomas Stauder

Kampa

(…) sein eigenes Leben, nicht wie einen konventionellen Lebenslauf, sondern wie ein Aufflimmern von Umständen und Persönlichkeiten.

 

Roland Barthes, Marcel Proust. Mélanges

Eine Kindheit im Grenzgebiet. Der Unfall

Mai 1968. In diesem Monat wurde ich geboren. In einem derart symbolträchtigen Monat auf die Welt zu kommen, ist eine erste Wegmarke meines Lebens, vielleicht sogar ein Zeichen.

Meine Eltern lebten in Weinfelden im schweizerischen Thurgau, aber meine ersten Tage verbrachte ich auf der Entbindungsstation in Zürich. Von dort ging es zurück nach Weinfelden, einer »small town« mit 8000 Einwohnern, nur wenige Kilometer vom Bodensee entfernt. Viele Einwohner arbeiteten in den größeren Städten im Umland. Es gab kein Gymnasium und eigentlich nicht viel in kultureller Hinsicht. Sehr früh entstand der Wunsch nach einer Reise, wenigstens einer kleinen. Weinfelden lag ganz in der Nähe von Kreuzlingen und vor allem von Konstanz. Und das alles am Bodensee, wo die Schweiz, Deutschland und Österreich aufeinandertreffen: Man kann dort schwimmend von einem Land ins andere gelangen oder, noch einfacher, die Grenzen mit dem Auto oder dem Zug überqueren. Diese Grenzüberschreitung war für mich von Kindheit an eine tägliche Praxis: Meine Eltern kauften Eier oder Gemüse gern in Deutschland, weil sie dort weniger kosteten; ich fand bald heraus, dass es auf der anderen Seite größere Buchhandlungen gab, und auch wenn man ins Kino gehen wollte, musste man die Grenze überqueren. Im Thurgau gab es wenig Kinos, während in Konstanz experimentelle Programme für Studenten geboten wurden (dort entdeckte ich beispielsweise die Filme von Tarkowski).

Die Referenzstadt war für mich also Konstanz, und auch ein wenig St. Gallen, die im Osten der Schweiz gelegene Universitätsstadt mit ihrer berühmten Klosterbibliothek. In die haben mich meine Eltern mitgenommen, als ich sechs oder sieben Jahre alt war, und obwohl das ein Zufall war, wurde es für mich zu einem unvergesslichen Erlebnis, das mich zum Lesen gebracht und sogar eine Art Buchbesessenheit ausgelöst hat. Neben der Bibliothek hing ein Plan des Klosters, das abgebrannt und im Rokoko-Stil wieder aufgebaut worden war. Dennoch beherbergte die Bibliothek noch Manuskripte aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Ich kehrte mehrmals dorthin zurück, zunächst mit meinen Eltern und später allein. Man konnte einen Termin vereinbaren und dann die sehr seltenen Bücher konsultieren, sie betrachten, ihre Seiten mit weißen Handschuhen umblättern, sie berühren. Für mich war das wie eine magische Reise in die Vergangenheit, aus dem Jahr 1975 zurück ins 11. Jahrhundert. Ebenso interessant war die seltsame räumliche Erfahrung, die ich in diesem Rokokosaal mit seinen Vitrinen machte: Um ihn betreten zu dürfen, musste man Pantoffeln oder Filzsohlen tragen. Die Bibliothek von St. Gallen ist mir als erstes Museum in Erinnerung geblieben, als eine Begegnung mit der Vergangenheit. Ein Schlüsselerlebnis.

Und dann war da noch Zürich. Meine Eltern fuhren am Samstag oft zum Einkaufen hin, weil sie meinten, dort gäbe es das beste Fleisch und den besten Käse. Meine Mutter beklagte sich, in Weinfelden fände man nichts Gutes oder Schönes; deshalb waren meine Eltern immer auf der Suche nach Geschäften, die hochwertige Waren anboten.

Damals hatte ich eine Begegnung mit einem sehr eigentümlichen Menschen, der meine Vorstellungswelt entscheidend geprägt hat: ein Blumenhändler, der zwischen den vielen Geschäften in der Bahnhofstrasse einen Kiosk betrieb. Dort verkaufte er Blumen und außerdem kleine Zeichnungen für 5 oder 10 Franken. In der Schweiz gibt es die Tradition der Art brut (Adolf Wölfli, Aloïse Corbaz), die mich seit jeher fasziniert hat. Und der Straßenhändler war tatsächlich einer dieser ungeschliffenen Künstler, ein Vagabund, der Bauernhöfe abklapperte. Er war ein Andy Warhol der Art brut, er nahm alles auf, was er hörte: Geräusche, Gespräche und Tierstimmen (ihm verdanke ich vielleicht die Idee der Tonaufnahmen). Die meiste Zeit seines Lebens konnte er natürlich nicht von seiner Kunst leben. Er malte und zeichnete immer Kühe, und das zweite Atelier, das ich später als Jugendlicher besuchte, war seins. In den 1980er-Jahren wurde er allmählich bekannt; er stellte Geräte für die Zeremonie des Almabtriebs her, eine Art Kühe-Kino. Dazu fertigte er eine 50 Meter lange Banderole aus lauter kleinen, aneinandergeklebten Zeichnungen an, die er von einem Kasten aus in Bewegung setzen konnte, in einer Art von Low-Tech-Filmvorführung. Ja, das ist ein Bild aus meiner Kindheit, dieser Mann, der Blumen und Zeichnungen verkaufte; zweifellos ein prägendes, für mich bedeutsames Bild. Ich habe mich damals nicht mit ihm unterhalten, aber er wurde ein Teil meiner Welt, löste eine Vorahnung in mir aus, obwohl ich ihn immer nur im Vorbeigehen sah.

Eine andere Reise, an die ich mich gut erinnere, ist die nach Friedrichshafen, das ich zusammen mit meinen Eltern mehrmals besucht habe. Friedrichshafen war für mich insofern wichtig, als es dort das Zeppelin-Museum gab, wo ich etwas über die Geschichte der Luftreisen erfuhr. Um dorthin zu gelangen, überquerten wir mit dem Schiff von Kreuzlingen aus den großen Grenzsee. Der Zeppelin war ein Traum mit schlechtem Ausgang, da er leider abgestürzt war; Friedrichshafen war seine Geburtsstätte. Das Museum hatte eine große Sammlung zur Luftfahrt, zu der natürlich auch die Entwicklung des Zeppelins gehörte; man konnte die Passagiergondeln sehen, die in der Luft schwebten. Ich war damals noch nie geflogen, aber mir wurde bewusst, dass man sehr weite Reisen unternehmen konnte. Ich war sieben oder acht Jahre alt war, als ich die Ausstellung zu sehen bekam; das war für mich ein weiterer prägender Moment. Das ist mir jetzt klar geworden, obwohl ich nie zuvor jemandem von diesem Erlebnis erzählt habe.

Im Dreiländereck hatte man es im Alltag ständig mit Grenzen zu tun. Man musste jeden Tag seinen Ausweis bei sich haben, wenn man zur Schule ging oder anderswohin, denn man wusste nie, ob es nicht nötig sein würde, die Grenze zu überqueren. Zollkontrollen kamen mir banal vor, die Grenze erschien mir durchlässig; ich hatte überhaupt keine Angst vor den Zöllnern, ganz im Gegenteil fand ich es immer aufregend, die Grenze zu überschreiten. Sie stellte kein Hindernis dar, kein Vergleich zum heutigen Brexit …

Was mich wirklich interessierte, das waren die Städte und die Menschen. Ich war getrieben von dem Wunsch zu lernen; ich wollte nicht schlafen, um keine Zeit zu verlieren. Die Stadt war für mich ein Ort des Wissens: Hier konnte man etwas dazulernen, etwas entdecken, vor allem in Konstanz mit seinen Buchhandlungen und Kinos oder in St. Gallen mit seiner Bibliothek. Außerdem hatte ich keine Geschwister, ich war Einzelkind, verspürte deshalb den Drang, Kontakte herzustellen, Verbindungen zu knüpfen und Leute zu treffen.

Meine Mutter war Grundschullehrerin, mein Vater Rechnungsprüfer in einem Bauunternehmen. Wir wohnten in einer gutbürgerlichen Wohnung, typisch für die Schweizer Mittelschicht. Meine Großmütter waren beide tot, aber der Vater meiner Mutter lebte noch. Er war schon sehr alt, über 80, und ich fand es immer großartig, ihn zu treffen, denn er war im Laufe seines Lebens viel gereist. Als junger Mann war er plötzlich nach Madeira verschwunden und hatte ein Jahr lang nichts von sich hören lassen. Er besaß das Gen der Reiselust, ein Virus, das ich eindeutig von ihm geerbt habe. Er sammelte Briefmarken verschiedener Länder, was mich damals sehr beeindruckte, da sie eine Art von Archiv bildeten. Er zeigte mir auch seine Fotoalben. Er war die lebende Verkörperung der Möglichkeit, die Schweiz zu verlassen – nicht einfach nur, um jenseits der Grenze einen Kaffee zu trinken oder deutsche Zeitungen zu kaufen, sondern um dem Land vielleicht für immer Lebewohl zu sagen. Natürlich hatte ihn seine Familie gedrängt zurückzukommen, und nach seiner Rückkehr in die Schweiz hatte er geheiratet. Das war das vorgegebene Muster: ein Beruf, eine Frau, Kinder, eine Familie.

 

Als ich knapp sechs Jahre alt war, ereignete sich der Unfall, der für mich eine Art Zäsur darstellte: Beim Überqueren einer Straße wurde ich von einem zu schnell fahrenden Auto erfasst. Schwer verletzt wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert; damals kam ich dem Tod sehr nahe. Ich glaube, dass der mehrwöchige Krankenhausaufenthalt in mir ein Gefühl der Dringlichkeit erzeugt hat. Ich schwebte buchstäblich zwischen Leben und Tod und konnte mich nicht mehr bewegen. In dieser Lage hatte ich den für ein Kind ungewöhnlichen Gedanken, dass jeder Tag mein letzter sein konnte. Meine Mutter sagte mir immer, ich hätte mich dadurch grundlegend verändert. Das Gefühl, an der Schwelle des Todes zu stehen, lernen die meisten Menschen erst sehr viel später kennen – vielleicht sogar zu spät. Damals war ungewiss, ob sich mein Zustand bessern, ob ich überleben würde. Nach dieser Erfahrung war ich mein Leben lang – auch noch kürzlich in der 2020 zusammen mit Maja Hoffmann für die LUMA-Stiftung in Arles organisierten Ausstellung »It’s Urgent!« – besessen von einem Gedanken: Keine Zeit verlieren.

Wenn man monatelang bewegungsunfähig ist und anschließend lange Zeit keinen Sport treiben kann, muss man sich anderweitig beschäftigen; in meinem Fall haben der Unfall und seine Folgen mein Interesse an Büchern noch weiter verstärkt. In so einer Situation denkt man lange darüber nach, was man mit seinem Leben anfangen will, welche Ziele man hat. Aber das Entscheidende war, dem Tod ins Auge zu blicken. Das erzeugt ein Gefühl der Dringlichkeit. Wenn jeder Tag der letzte sein kann, ist es unerlässlich, die eigenen Aktivitäten zu vervielfachen, solange noch Zeit ist.

Die Schweiz bietet den großen Vorteil, dass man recht früh die Möglichkeit hat, Fremdsprachen zu erlernen. Die Idee der Mehrsprachigkeit, von der Édouard Glissant spricht, ist Teil des Schulsystems. Mit meiner Geburtssprache als Grundlage, dem dialektalen Schweizerdeutsch, zu dem das Hochdeutsche als kindliche Umgangssprache hinzugekommen war, begann ich also in der Schule mit Französisch und Italienisch. Ich habe auch Englisch gelernt, dann Spanisch; ab dem Alter von acht oder neun Jahren betrachtete ich die Schule als Vorbereitung auf einen Auslandsaufenthalt. Sobald sich die Gelegenheit bot, eine Sprache zu erlernen, habe ich sie genutzt. Auf diese Weise habe ich in der Mittelstufe auch noch Russisch gelernt. Meine Eltern bat ich, Lehrer zu suchen, die mir Privatunterricht geben konnten; ich wollte noch mehr Sprachen lernen, um mich auf die Reisen ins Ausland vorzubereiten. Meine Mutter als Grundschullehrerin unterstützte mich natürlich bei allem, was mit dem Lernen zu tun hatte, und sie fand tatsächlich einen Kollegen, der Spanisch sprach, eine Sprache, die im Lehrplan meiner Schule nicht vorgesehen war.

Lernen, entdecken. Ängste. Weggehen

Als Einzelkind in einer Kleinstadt fühlt man sich schnell sehr einsam. Die Schule bietet in diesem Fall die Möglichkeit, andere Kinder zu treffen. Dennoch fand ich es in der Schule immer ein bisschen langweilig, obwohl ich gern unter Menschen war. Es lag wohl daran, dass meine größten Interessen – Sprachen und Literatur – unter den Kindern in meinem Alter nicht sehr verbreitet waren, weshalb es für mich naheliegend und ganz natürlich war, mir ältere Freunde zu suchen (noch mehr sollte ich dies dann ab der Oberstufe praktizieren). Ich erinnere mich, dass ich im Unterricht immer Fragen gestellt habe. Zu Hause tat ich das auch. Nach einer Weile waren meine Eltern so erschöpft, dass sie Urlaub brauchten, und manchmal ließen sie mich bei der Schwester meiner Mutter zurück, die dann ihrerseits nach zwei Wochen urlaubsreif war … Ich wollte nicht schlafen und nervte die Erwachsenen mit meinen ständigen Fragen. Dahinter stand das Bedürfnis, alles wissen zu wollen. Im Grunde nahm ich bereits als Kind im Alter zwischen sieben und zehn Jahren die von Flaubert dargestellte Haltung von Bouvard und Pécuchet an.

Schließlich wurde mir bewusst, dass ich kein Kind war, das gerne spielte. Was ich wollte, war lernen. Ich trieb ein wenig Sport, fuhr Ski, spielte Tennis und liebte Schach, aber ansonsten spielte ich nicht mit anderen Kindern. Und meine größte Sorge war, dass ich nicht genug Zeit haben würde, um alle Bücher zu lesen.

Da meine Großeltern bis auf meinen Großvater schon verstorben waren, nahmen mich meine Eltern hin und wieder zu einer Dame mit, mit der sie befreundet waren, die aber viel älter war als sie. Sie wurde eine Art Ersatz-Großmutter für mich, und das Besondere an ihr war, dass sie Chagall gekannt hatte. Sie besaß Briefe von ihm und Bücher mit handschriftlichen Widmungen, dazu auch viele andere Kunstbücher, und ich weiß noch genau, dass ich sie mir mit acht oder neun Jahren oftmals – beinahe ohne Unterlass – angeschaut habe. Für mich war es sehr beeindruckend, diese Bücher mit den Widmungen von Marc Chagall zu sehen, die in einer Vitrine aufbewahrt wurden, und wahrscheinlich entwickelte sich daraus mein Interesse an handschriftlichen Zeugnissen: Jedes Mal, wenn ich einen Autor oder Künstler treffe, bitte ich ihn, einen Satz für meinen Instagram-Account zu schreiben; mittlerweile habe ich Tausende davon in meinem Archiv. Die Einzigartigkeit einer jeden Handschrift hat mich schon immer fasziniert. Eine der wichtigen Neigungen in meinem Leben nahm also ihren Ausgang bei dieser alten Ersatz-Großmutter mit ihren Chagall-Büchern.

Das ist in der Tat das Mysterium der menschlichen Existenz: Wo konstruiert man seine Identität? Wie gestaltet sich das Schicksal eines jeden? Bei mir gab es den Unfall mit der anschließenden Verzweiflung; außerdem war ich ein Einzelkind in einer langweiligen Kleinstadt. Der Unfall und seine Folgen verschärften meine Isolation, und es kann sein, dass dieses Trauma mich zur Kunst gebracht hat, die für mich die größte Form der Hoffnung und der Öffnung darstellt. Die Bücher von Chagall waren in dieser Situation für mich wie ein Portal, durch das ich in eine andere Welt treten konnte. Wir besuchten das Fraumünster in Zürich, in dem Chagall mehrere Fenster gestaltet hatte, viele Jahre vor den Fenstern von Sigmar Polke im Grossmünster. Das hat mir bewusst gemacht, dass man einen Künstler persönlich treffen kann, dass Künstler lebende Zeitgenossen sein können, und mit etwa zehn oder zwölf Jahren habe ich auch verstanden, dass es unter diesen Zeitgenossen einige Persönlichkeiten von historischer Bedeutung gibt, die dabei sind, sich einen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern, und dass man sie nicht nur kennenlernen, sondern sogar mit ihnen zusammenarbeiten kann. Für mich war das eine echte Epiphanie.

Meine Eltern hatten fast gar keine Kunstwerke in ihrer Wohnung, aber ich erinnere mich, dass es immerhin eine Lithographie von Cuno Amiet gab – er fertigte viele davon an, sodass sie nicht allzu teuer waren –, die gerahmt war und über dem Schreibtisch meines Vaters hing. Dieses Bild sah ich mir oft an und war sehr beeindruckt. (Cuno Amiet ist ein Maler, den es wiederzuentdecken gilt; seine Art, sich mit den Gemälden von van Gogh auseinanderzusetzen, ist faszinierend.)

Bei uns zu Hause gab es eine Bibliothek, aber ohne Kunstbücher. Es befanden sich darin Werke von Autoren, die ich damals lesen konnte: Friedrich Dürrenmatt, Charles Ferdinand Ramuz, Max Frisch und auch eine Novelle von Jeremias Gotthelf aus dem Jahr 1842, Die schwarze Spinne. Es handelt sich um eine Art Parabel über Gut und Böse, mit einem christlich-humanistischen Hintergrund; es ist ein sehr konservatives Buch, das mich als Kind aber stark beeindruckt hat. Die Geschichte spielt in einem Schweizer Dorf, das mich an meinen Heimatort erinnerte; ich las ich sie mindestens drei Mal.

Ich bekam ein wenig Taschengeld, das vollständig in den Kauf von Büchern floss (ich wollte zu Hause meine eigene St. Galler Bibliothek haben!).

Eine der prägenden Gestalten meiner Kindheit war aus vielerlei Gründen Emma Kunz. Eine Frau, die von einer Form von Spiritualität beseelt war, die Heilerin war und den Ruf hatte, Wunder zu vollbringen. Sie besaß ein Pendel, um nach Quellen zu suchen, und sie entdeckte besondere Kräfte in einem Felsgestein, das sie AION A nannte und das man noch heute in Schweizer Apotheken kaufen kann. Es ist ein Heilmittel, das man auch Pflanzen gibt, damit sie besser wachsen. Der Mann, der später die nach Emma Kunz benannte Stiftung gründete, war ein gelähmtes Kind, das seine Gliedmaßen wieder benutzen konnte, nachdem es von ihr mit diesem Steinpuder geheilt worden war! Als ich Kind war, lebte Emma Kunz schon nicht mehr, aber meine Mutter interessierte sich für AION A, sie kaufte es und verabreichte es mir und ihren Pflanzen. Sie dachte, dass es mir guttun würde, dass es mich stärken würde, vor allem nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Durch den Unfall kam ich also zu AION A und auf Gedanken über Heilung und Kunst. Der Unfall war wahrscheinlich ausschlaggebend dafür, dass ich mich der Kunst zuwandte. Auf der AION A-Schachtel befand sich eine Zeichnung von Emma Kunz, dichte Striche in Form von Kreisen und Kurven, und diese kleine Kreation ließ mich die Verbindung zwischen Kunst und Spiritualität erkennen. Beim Zeichnen dachte Emma Kunz nicht an Kunst, sondern an Heilung; sie zeichnete mit höchster Konzentration und schlief manchmal mehrere Nächte lang nicht, um eine Zeichnung zu vollenden. Einmal steckte sie ihre ganze Energie in eine Zeichnung, um Hitler sterben zu lassen, eine starke Geste. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, fragte ich meine Mutter immer wieder, wer diese Visionärin denn gewesen sei.

 

Als Kind musste ich mir nie Sorgen um Geld machen, denn zu jener Zeit hatte die Mittelschicht in der Schweiz noch keine finanziellen Probleme. Wir hatten genug Geld, um im Sommer in den Urlaub zu fahren, und wohnten in einer schönen kleinen Wohnung, allerdings ohne jeden Luxus. Mein Vater war Rechnungsprüfer, also war alles »under control« … Meine Mutter hingegen hatte ein künstlerischeres Temperament, das sich erst gegen Ende ihres Lebens deutlich zeigte, als sie selbst künstlerisch aktiv wurde. Anfangs war ich umgeben von einer Atmosphäre des Wohlbefindens und der Ruhe, was sich durch meinen Unfall änderte, denn nun herrschte für mich ein Gefühl absoluter Dringlichkeit. Ich empfand es wie einen Weckruf! Seitdem habe ich immer Angst vor Autos gehabt: nicht Angst, im Auto zu sitzen, was etwas anderes ist, sondern Angst vor auf mich zukommenden Autos. Es genügte damals, Autos auf der Straße herumfahren zu sehen, um in mir eine Art von Panik auszulösen.

Eine weitere Angst, die ich in meiner Kindheit hatte, war die vor Aufzügen. Meine Eltern wohnten in einem großen Gebäude, einem turmförmigen Haus mit etwa 20 Stockwerken, was in meinem kleinen Heimatort schon beinahe als Wolkenkratzer galt. Dort sind wir einmal im Fahrstuhl stecken geblieben, und seitdem fürchte ich mich vor Aufzügen: Wenn ich die Wahl habe, nehme ich immer die Treppe, was mir im Übrigen einen anderen Blick auf die Architektur ermöglicht, denn es ist, als ob man hinter die Kulissen eines Gebäudes schauen würde. Ich wurde auch einmal von einem Hund gebissen, auf einem Hügel in der Nähe von Weinfelden, nicht schlimm, aber trotzdem hatte ich dadurch Angst vor Hunden. Genauso ging es mir mit Flugzeugen. Bis zum Alter von ungefähr 25 Jahren dachte ich immmer, das Flugzeug, in dem ich saß, würde abstürzen, und sah vor meinem inneren Auge einen Katastrophenfilm. Das war vielleicht eine Folge meiner Besuche im Zeppelin-Museum, wo man mit Schauergeschichten über das am Boden zerschellende oder explodierende Luftschiff konfrontiert wurde. Diese dramatische Atmosphäre hat mich vermutlich geprägt. Aber seltsamerweise hatte ich keine Angst vor dem Tod, sondern war ganz im Gegenteil davon überzeugt, man müsse nur jeden Tag so leben, als sei er vielleicht der letzte.

Dies ist das erste Mal, dass ich über meine Kindheit schreibe, dass ich mir Mühe gebe, mich an diese Zeit zu erinnern. Und von heute aus gesehen sage ich mir, dass all diese Jahre bis zu meinem 16. Lebensjahr eine Vorbereitung auf den Aufbruch waren: eine ständige Übung, um im richtigen Augenblick bereit zu sein für die Abreise.

Als Szenerie meiner Kindheit fand ich die Berge sehr bedrückend. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden sie noch als bedrohlich empfunden, erst in jüngster Vergangenheit verloren sie diese Furcht einflößende Aura und galten nunmehr als idyllisches Ausflugsziel, als Urlaubsort. Ich verspürte ein Unbehagen angesichts der Berge, die mir den Horizont versperrten. Meine Eltern wollten immer ins Engadin, nach Pontresina, was mich erschreckte. Sie wollten ins Gebirge und ich an den Strand … Ich lebte damals am Bodensee mit seinen kaum wahrnehmbaren Grenzen, der in alle Richtungen sehr offen war, und plötzlich befand ich mich in dieser erstickenden, versperrten Umgebung. Deshalb mussten meine Eltern mit mir jedes Jahr während der Ferien in den Bergen einen Ausflug nach Italien machen, zum Beispiel an den Comer See, um mir ein Kontrastprogramm zu bieten. Später fuhren wir ein paar Sommer hintereinander nach Viareggio in der Toskana. Normalerweise reisen die Leute, wenn sie ins Engadin kommen, nicht weiter nach Süden, aber das war die Bedingung, die ich meinen Eltern diktierte, um sie dorthin zu begleiten. (Erst Gerhard Richter ist es viel später gelungen, mich mit dem Engadin zu versöhnen. Als wir in Sils Maria eine kleine Ausstellung seiner Werke organisierten, begann ich diesen Ort zu schätzen, aber da war ich bereits ungefähr 25 Jahre alt …)

Für mein kindliches Gemüt bestand das Territorium der Schweiz also hauptsächlich aus Weinfelden und dem Bodensee, aus Zürich und seinem See, und aus Pontresina.

Gymnasium. Alberto Giacometti. Ludwig Binswanger. Aby Warburg

Mit 13 oder 14 Jahren wechselte ich auf die Sekundarstufe II im Gymnasium in Kreuzlingen, und um dorthin zu gelangen, musste ich den Zug nehmen, eine Fahrt, die etwa 30 Minuten dauerte. Das war der Zeitpunkt, an dem mein Wunsch nach Mehrsprachigkeit immer stärker wurde. Ich wollte mich auf die Abreise aus der Schweiz vorbereiten und kaufte mir am Bahnhofskiosk El País und andere ausländische Zeitungen, mit dem Ziel, mehrere Sprachen zu lernen. Ich nahm mir vor, in die große Stadt zu gehen, nach Paris. Es war für mich die nächstgelegene Hauptstadt eines anderen Landes und für die Schweizer auch die attraktivste Großstadt. Alberto Giacometti war dort gewesen, die Dadaisten ebenso, und Surrealisten wie Meret Oppenheim.

Der erste Ausgangspunkt meiner Flucht waren also die Bahnhofskioske. Dort habe ich auch ein damals beliebtes Kunstmagazin entdeckt, das Pan hieß. Ich fing an, es mir regelmäßig zu kaufen und die Ausgaben zu sammeln. Mein Interesse an der Kunst nahm Gestalt an. Meine Eltern besuchten mit mir das Kunsthaus in Zürich, das die Besonderheit hatte, eine »vertiefte« Sammlung relativ vieler Werken von Giacometti zu besitzen. Meistens haben Museen nur ein oder zwei Werke eines Künstlers im Rahmen einer »breit angelegten« Sammlung, aber die Tiefe ist sehr wichtig, um in die Welt eines Künstlers eintauchen zu können. Die Entdeckung der langen und dünnen Figuren von Giacometti war für mich ein Schlüsselerlebnis. Ich kaufte mir nun noch mehr Zeitschriften über zeitgenössische oder auch ältere Kunst, meistens deutsche.

Am Weg zum Gymnasium in Kreuzlingen stand eine Art Geisterhaus; ich habe mich nie getraut, es zu betreten. Es war verlassen und ein bisschen unheimlich. Aber eines Tages – ich war damals ungefähr 14 oder 15 Jahre alt – fragte ich einen meiner Lehrer, ob er wüsste, was das für ein Haus und was seine Geschichte war. Zufällig kannte er das Gebäude, und zwar sehr gut, denn es war die ehemalige Klinik von Dr. Binswanger. Binswanger war ein Schweizer Psychiater, ein Pionier der existenziellen Psychologie (über den Michel Foucault seine Dissertation verfasste), der beeinflusst war von Jung, aber auch von Husserl und Heidegger. Binswanger hatte diese Klinik, das Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, von 1911 bis 1956 geleitet. Er verfolgte einen anthropologischen Ansatz, und einer der berühmten von ihm analysierten Fälle war der von Ellen West, die an einer Form von Schizophrenie litt, die sich in einem zwanghaften Drang äußerte, Gewicht zu verlieren. Ein anderer seiner Patienten war Aby Warburg. Als Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie in Hamburg hätte er eigentlich das Familiengeschäft weiterführen sollen, aber er erhielt von seinen Eltern die Erlaubnis, sich seiner Leidenschaft für Kunst, Geschichte und Bücher zu widmen. Er überließ folglich die Bank seinen Brüdern und begnügte sich mit regelmäßigen Überweisungen, die es ihm ermöglichten, seine Forschungen zu betreiben und seine einzigartige und heute berühmte Bibliothek aufzubauen. Wir verdanken ihm unter anderem den fabelhaften Mnemosyne-Atlas, bestehend aus etwa 40 schwarzen Glossartafeln, auf denen er Hunderte von Bildern verschiedenster Herkunft (Zeitschriften, Postkarten, Fotografien) aus allen Epochen befestigte, von Werken der Antike bis hin zu zeitgenössischer Kunst, dem »gerade Vergangenen«, wie es Walter Benjamin nannte. All das hat mir mein Lehrer erzählt, als Antwort auf meine etwas beunruhigte Frage. Er erklärte mir den Zusammenhang von Gedächtnis, Astrologie, Mythologie, Archäologie, Migration, Dionysos, den Musen, Dürer usw. Diese von Warburg in Hamburg gegründete Bibliothek, die einige Jahre nach seinem Tod ins Exil nach London transportiert werden musste, um der Zerstörung durch die Nazis zu entgehen, stellte für mich eine Art Traum dar, eine mächtige Wunschvorstellung, eine solche Bibliothek zusammenzustellen! Mein Lehrer berichtete mir an diesem Tag auch, dass Warburg unter psychotischen Anfällen akuter Paranoia litt und länger in der Kreuzlinger Klinik behandelt wurde; dort verfasste er einen Vortrag über die Kultur und die Rituale der Hopi-Indianer, aus dem später das Buch Das Schlangenritual wurde. Diese Forschungen stellte er auch dem Pflegepersonal und den Patienten der Klinik vor, was mich beeindruckte, denn ich sah darin einen Versuch, durch die Präsentation von Heilungsritualen einen Beitrag zur Therapie zu leisten. Das war in meinen Augen eine sehr schöne Geschichte. Ich kaufte mir die wenigen Bücher, die es damals von ihm gab, als Taschenbücher. Sie kamen zu den vielen anderen Büchern, die bereits die Wohnung meiner Eltern bevölkerten (was dramatisch war, denn sie hatten Angst, dass bald kein Platz mehr sein würde). Seitdem hatte ich in meinem Leben immer das Problem, genug Platz für meine Bücher zu finden …

Obwohl ich noch zu jung war, um die ganze Tragweite von Warburgs Projekt zu verstehen, löste es in mir den Wunsch aus, meinen eigenen Atlas zu erstellen. Auf meinem Schulweg gab es einen Schreibwarenladen, der viele Arten von Ansichtskarten im Angebot hatte; einige davon waren Reproduktionen von Kunstwerken, und ich kaufte mir jede Woche welche, immer mehr. Ich hatte eine Phase, in der ich von Monet besessen war, dann kamen Manet, Berthe Morisot, Goya und so weiter. Nach und nach überredete ich meine Eltern, mit mir alle Museen der Schweiz zu besuchen, eines pro Wochenende (als ich 16 war, fuhr ich dann allein): Lugano für die Thyssen-Sammlung, Luzern, Genf, Lausanne, Basel, wo es zahlreiche Museen gab, Zürich für das Kunsthaus, mit Szeemann, der dort utopische Ausstellungen organisierte, und auch Winterthur für die Reinhart-Sammlung, in einer Villa auf einem Hügel in der Stadt. Es war das erste Mal, dass ich ein als Museum gestaltetes Privathaus besuchte, denn Reinhart hatte seine Sammlung zusammen mit seinem Haus der Eidgenossenschaft geschenkt. Ich sah damals Werke von Daumier, Renoir und vielen anderen Künstlern. Und jedes Mal habe ich die Gelegenheit genutzt, um möglichst viele Postkarten zu erwerben. Meine Sammlung wurde immer größer und umfasste schließlich Tausende. Dann begann ich, private Ausstellungen zu machen, in kleinen Kästen in meinem Zimmer und auf Schautafeln nach dem Vorbild von Aby Warburg. Es waren Holztafeln, wobei ich weder genug Zeit noch genug Geld hatte, um sie mit Stoff zu bespannen, wie es Warburg getan hatte, aber entscheidend war, dass dies meine ersten eigenen Ausstellungen waren. Die Ansichtskarten waren mit Plastilin befestigt, ich konnte sie leicht wieder abnehmen und nach Belieben neu anordnen. Es waren Bilder ab dem 18. Jahrhundert (oder sogar noch aus der Zeit davor) bis hin zu Chagall (der mir dank der persönlichen Beziehung meiner Ersatz-Großmutter zu ihm bekannt war). Am Anfang stellte ich noch Ausstellungsbereiche nach Zeiträumen zusammen, dann ging ich zu eklektischeren Kombinationen über, wobei ich entdeckte, wie man Werke anhand von Bezügen und Einflüssen gruppieren konnte. Ich machte das ungefähr eineinhalb Jahre lang so; meine Eltern verstanden nicht recht, was das sollte, aber sie fanden es gut, dass ich mich für etwas interessierte, wenngleich diese riesige Sammlung von 3000 oder 4000 Karten sie ein wenig erschreckte.

Dann habe ich etwas Grundlegendes verstanden: Mir war es von Anfang an ein Anliegen, dass Kunst auch außerhalb von Museen sichtbar sein sollte, für jedermann zugänglich, und dass sich niemand ausgeschlossen fühlen sollte. Denn die Museen werden nur von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft besucht, die meisten Menschen betreten niemals ein Museum. Das wusste ich aus eigener Erfahrung: Meine Eltern gingen von sich aus nie ins Museum, denn sie glaubten, das sei nichts für sie. Ich hätte also nie Zugang zur Kunst gefunden, zu dieser Entdeckung, die meinem Leben Sinn verliehen hat, wenn ich nicht eine Erfahrung mit Kunst außerhalb des Museums gemacht hätte. Für mich war das zunächst die Zeichnung von Emma Kunz auf der AION A-Schachtel. Dann eine Zeichnung von Jean Tinguely, der damals als einer der wichtigsten Schweizer Künstler galt, auf einer Keksdose. Ich habe diese Dose andächtig aufbewahrt, um darin meine Postkarten zu verstauen. Und vor allem gab es das Jahrbuch der SBB, der Schweizerischen Bundesbahnen, dessen Umschlag jedes Mal von einem Künstler gestaltet wurde, darunter der 1946 geborene Claude Sandoz, der sich häufig mit dem Thema Orient beschäftigte. Seine Zeichnung faszinierte mich sehr, und ich schaute sie mir jeden Tag an. Als ich 1985 von einer Ausstellung seiner Werke in der Kunsthalle St. Gallen erfuhr, überredete ich meine Eltern, an einem Wochenende dorthin zu fahren. Dort gab es die für ihn typischen Monde und Sonnen, stets in seiner psychedelischen Manier; ich fand das sehr aufregend. Am Ausgang fragte ich eine Museumsangestellte, ob sie mir den Kontakt zu dem Künstler vermitteln könnte, woraufhin sie sich meine Telefonnummer notierte (denn sie konnte mir natürlich nicht so einfach seine Nummer geben). Tatsächlich rief Claude Sandoz mich an, um mir zu sagen, dass er mich sehr gerne bei sich in Luzern empfangen würde. So kam es zu meinem allerersten Besuch in einem Künstleratelier.

Die Zugfahrt zu ihm ganz ohne meine Eltern war für mich ebenfalls eine Premiere; ich war damals 16 Jahre alt. Vor dem Treffen war ich sehr nervös, denn ich hatte nur mein Gedächtnis und ein Notizbuch, kein Aufnahmegerät (das kam erst später). So lernte ich den Arbeitsprozess eines Künstlers kennen, was mich sehr beeindruckte. Bis heute finde ich es faszinierend, einem Künstler in seinem Universum bei der Arbeit zuzusehen. Im Atelier von Claude Sandoz hingen großformatige Zeichnungen mit fließenden Zügen und Figuren in Bewegung, die er auf seinen Reisen angefertigt hatte; er schuf damit eine eigene Welt. Mir gefiel diese Idee des »world making«, des »Weltmachens«. Ich blieb fast drei Stunden, obwohl meine Eltern schon seit meiner Kindheit von mir sagten, ich hätte es immer eilig, und dieses Paradoxon hat mich mein Leben lang begleitet: Ich will immer alles rasch erledigen, aber die Zeit und die Bewegungen stehen still, wenn ich ein Museum besuche (das passiert mir auch, wenn ich mich in Literatur vertiefe). Seitdem wollte ich nach jeder von mir besuchten Ausstellung den Künstler treffen; das wurde für mich zu einer systematischen Praxis. Unter der Woche ging ich zur Schule, aber meine Wochenenden waren nunmehr der fieberhaften Beschäftigung mit der Kunst gewidmet.

Im Alter von 16 bis 17 Jahren besuchte ich auch regelmäßig die Galerie Erker in St. Gallen, die seit den 1950er-Jahren die Kunst des Expressionismus und der Moderne aus einer zeitgenössischen Perspektive zeigte. Ich lernte dort Künstler kennen wie Günther Uecker von der Gruppe ZERO oder den legendären Schriftsteller Eugène Ionesco, der in seinen letzten Lebensjahren eine Reihe von Radierungen und Zeichnungen anfertigte. Erker hatte die Idee, Künstler und Schriftsteller zusammenarbeiten zu lassen; unter den Mitwirkenden war auch Friedrich Dürrenmatt. Ich erinnere mich an eine von der Galerie produzierte Vinyl-Schallplatte mit einem Gespräch zwischen dem Künstler Eduardo Chillida und dem Philosophen Martin Heidegger über Kunst und Raum. Eines Tages sagte mir die Sekretärin an der Rezeption, es gebe noch einen Jugendlichen, der sogar noch jünger war als ich (nämlich erst 15), der die Galerie ständig besuche; sie wollte uns einander vorstellen. Es handelte sich um Iwan Wirth, der später zu einem bekannten Galeristen wurde. Ich war froh, endlich jemanden aus meiner Generation zu treffen, mit dem es mir möglich sein würde, über Kunst und die Künstler zu diskutieren. Und so fingen wir an, uns gemeinsam Ausstellungen anzusehen.

Erste Ateliers. Peter Fischli & David Weiss. H.R. Giger. Alighiero Boetti. Rom. Paris. Christian Boltanski. Annette Messager

Kurz vor meinem ersten Atelierbesuch hatte ich mir eine außergewöhnliche Ausstellung von Fischli & Weiss in Basel angeschaut, in der es um das Thema Gleichgewicht ging: eine Reihe von Fotos von Dingen, die noch nicht in Bewegung waren, die sich noch im Gleichgewicht befanden, das gerade dabei war, zu enden. Im Gymnasium hatten wir Sportunterricht, wir spielten Fußball, und gleich neben der Sporthalle befand sich das einzige öffentliche Telefon der Schule, in das man Münzen einwerfen musste. Die Schüler verwendeten es nur für Notfälle oder um ihre Eltern anzurufen, also sehr selten; ich hingegen nutzte die Pausen, um von dort Künstler anzurufen. Die Zeitschrift Flash Art