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Geboren in Berlin und aufgewachsen in Havanna. Das Leben ist oft paradox und es ist immer die Frage aus welchem Winkel man die Dinge betrachtet. Auch die DDR konnte ein Schlaraffenland sein, man musste nur woanders leben wo es noch weitaus weniger gab. Es ist daher fast unmöglich genau zu definieren was es wirklich heißt, es geht einem gut. Wann geht es einem gut? Oder, was braucht man im Leben wirklich damit es einem gut geht? Man kann mit so wenig glücklich sein, nur die wenigsten wissen es, die wenigsten wollen es wahrhaben! Und wenn man auf sein Leben so zurückblickt, dann war es manchmal ganz schön verrückt! Als Dolmetscher bei Fidel Castro oder bei den Honeckers, als Lederhandwerker auf dem Platz der Kathedrale in der Altstadt von Havanna oder als Taxifahrer in Berlin, ein verrücktes Leben durch und durch, aber toll!!!Je mehr Dinge man hat, Dinge, die man denkt zu brauchen, desto mehr Dinge können auch wieder verloren gehen, deren Verlust man dann bedauern würde. Deshalb die Frage: Braucht man wirklich soviel um glücklich zu sein? oder, anders gefragt: Was braucht man um nur glücklich zu sein?
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Seitenzahl: 370
Veröffentlichungsjahr: 2019
Uwe Neudel
Ein Lebenzwischen Welten
Schwer zu glauben aber wahr!
© 2019 Uwe Neudel
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7482-0613-2
Hardcover:
978-3-7482-0614-9
e-Book:
978-3-7482-0615-6
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I. Kapitel
Berlin – Kindheit
Wenn ich so versuche mich an meine Kindheit in Berlin zu erinnern, kommen mir doch erstaunlich viele gelebte Momente in dem Sinn.
Wir lebten damals in Berlin, im Veterinärmedizinischen Institut, genau in Berlin-Mitte. Wenn ich sage, wir, so muss ich es erklären, ihr kennt uns ja noch nicht.
Also, wir, das sind meine Schwester, meine Mutter und ich.
Ich bin der Uwe, geboren am 10. Mai 1956.
Mai ist ein sehr guter Monat um zu Welt zu kommen. Eigentlich fast so der beste Monat des Jahres. Tut mir ja Leid für all die, die nicht im Mai zur Welt gekommen sind. Aber alle können wir ja nicht im Mai erscheinen.
Aber überlegt doch selber, Mai, die Natur erwacht, alles wird grün, fängt an zu blühen, die Vögel beginnen mit dem Nesterbau, alles kreischt, tschilpt und zwitschert.
Die Sonne scheint schon wieder länger, Tage werden langsam wärmer, nicht umsonst sagt man auch, der Wonnemonat Mai. Und in diesem Monat kommt ein Kind zur Welt!!
Was für eine tolle Umrahmung für dieses Wunder!!
Für uns Kinder auch praktisch, der Geburtstag liegt ein halbes Jahr nach Weihnachten, es ist also nicht die Frage, kriegt man es zu Weihnachten oder zum Geburtstag, nein, Geburtstag ist Geburtstag und Weihnachten ist Weihnachten.
Also, Mai ist der beste Monat im Jahr um geboren zu werden!
Unser Vater war Tierarzt und arbeitete am Veterinärmedizinischen Institut in Berlin. Verbunden mit dieser Arbeitsstelle konnten wir auch damals in einer dortigen Dienstwohnungwohnen.
Mein Vater, oder vielmehr wir alle, hatten großes Glück, es war damals, Ende der fünfziger Jahre, noch nicht so einfach in Berlin eine Wohnung zu bekommen. Für meine Eltern und mich war es damals die dritte Wohnung nach meiner Geburt.
Zwei Jahr später wurde meine Schwester geboren, nun waren wir zur viert.
Während einer Autofahrt 1959 verunglückte mein Vater leider tödlich. Er war mit Kollegen dienstlich unterwegs, irgendwo sollten sie ein Pferd operieren.
Das Leben ist oft ungerecht und grausam.
Ich habe fast keine Erinnerungen an meinen Vater.
Ich war damals noch keine vier Jahre alt.
Weil es eine Dienstfahrt war, also eine Fahrt im Auftrag des Institutes, durften wir im Institut in der Dienstwohnung wohnen bleiben.
Die Wohnung war im 2. Stock, man kam unten rein, es war ein großes Treppenhaus, jedenfalls kam es uns groß vor, die Treppe führte immer an der Wand lang, wie eine Wendeltreppe. Unten waren Türen von denen man in die Stallbereiche konnte, man stieg weiter und kam an ein großes Fenster, dann stieg man weiter und erreichte den ersten Stock, eine Tür führte dort zu Bürobereichen des Institutes, wir sind da nie reingegangen.
Das Treppenhaus war für uns immer Klasse um Papierflugzeuge herunterfliegen zu lassen.
Werner Neudel, mein Vater
Man stieg die Treppe weiter, kam wieder einem großen Fenster vorbei und stand vor einer Glasfront mit einer Tür. Es war alles Milchglas, man konnte nicht durchsehen.
Nachdem Öffnen dieser Tür betrat man einen großen Flur. So wie ich mich erinnere war dieser Flur mit Sicherheit ungefähr vier Meter breit und acht Meter lang.
Jeweils an beiden Stirnseiten dieses Flures gab es dann zwei Wohnungen. Es lebten auf dieser Etage vier Familien. Auf der rechten Seite, rechts, lag unsere Wohnung.
Es war eine kleine Wohnung, eigentlich nur 2 Zimmer, man kam rein in einem Flur, rechts ging dann eine Tür in ein Zimmer, das war unser Kinderzimmer. Es war auch gleichzeitig Bügelzimmer und es standen dort auch die Schränke mit der Wäsche.
Am Ende vom Flur gab es noch ein Zimmer, das war das Wohnzimmer und gleichzeitig Schlafzimmer für meine Mutter. Später, als meine Mutter sich endlich einen Fernseher kaufen konnte, die Dinger waren damals noch sehr teuer und für eine alleinstehende Mutter von zwei Kindern fast unbezahlbar, stand der auch in diesem Raum.
Wir durften dann ab und zu Kindersendungen dort sehen, hauptsächlich aber das Sandmännchen, mit Pittiplatsch und Schnatterinchen, Moppi, der Herr Fuchs und Frau Elster, mit immer neuen Abenteuern und Geschichten.
Das Wohnzimmer wurde durch den Fernseher und ein paar senkrechte Bambusrohre geteilt, vorne war die Couch, Sessel und der Fernseher, hinter dem Fernseher war der Raumteiler durch die Bambusstangen, dahinter standen ein runder Tisch und ein Schrank, so eine Art Vertiko.
Der Tisch wurde eigentlich nur zum Kaffeetrinken genutzt, wenn Besuch da war oder an den Geburtstagen. Auch der Weihnachtsbaum wurde in diesem Bereich aufgestellt.
Normalerweise aber fand unser Leben in der Küche statt.
Jeder Raum wurde mit einem Kohleofen beheizt. Heute würde jedermann diese Wohnung als unzumutbar für eine Familie mit zwei Kindern betrachten, damals, Ende der fünfziger Jahre, war man froh so etwas gefunden zu haben.
Ein Umstand kam noch dazu um diese Wohnung als unzumutbar einzustufen, Küche und Bad lagen nämlich außerhalb der Wohnung, um in die Küche zu gehen musste man aus der Woh-nung, in den Etagenflur, gleich links war dann die Küchentür, um ins Bad zu gehen musste man schräg über den Etagenflur zur anderen Seite laufen. Unser Nachbar hatte wenigstens die Küche in der Wohnung, das Bad aber lag auch auf dem Etagenflur, neben den unseren. Erst Jahre später wurde dies auf Anregung unseres Nachbarn verändert, es wurde eine Holzwand quer über den Hausflur gezogen, ca. 2,0 m in den Hausflur rein, dadurch war unsere Wohnungsflur entsprechend länger und demzufolge die Küchentür noch in der Wohnung, unser Nachbar konnte nun auch auf seine Toilette benutzen, ohne aus seiner Wohnung gehen zu müssen. Unser Baderaum, mit Toilette und Badewanne, aber lag immer noch auf der anderen Seite des Hausflurs. Für uns Kinder war das nicht so problematisch, man lief auch mal in Unterhosen über den Flur, für meine Mutter muss das schlimmer gewesen sein, man wacht nachts auf, muss auf die Toilette, muss sich erst anziehen, aus der Wohnung gehen um auf die Toilette zu können oder mal schnell in die Küche zu gehen um etwas aus dem Kühlschrank zu holen. Wichtig dabei war den Wohnungsschlüssel nicht zu vergessen.
Aber Ende der 50. Jahre war das alles noch nicht wie heute.
Und es war auch toll, jedenfalls für mich als Junge.
Von unserem Küchenfenster aus konnten wir auf den Reitplatz sehen, dieser war umrandet von Kastanienbäumen und umsäumt mit einem Geländer aus Rohr. Das Geländer diente zum Festmachen der Pferde, für uns war es ideal zum Rumturnen. Der Verlauf des Geländers war oval, der Reitplatz selber aber war rund, am rechten Ende waren noch einige kleine viereckige Koppelboxen, manchmal waren Tiere drin, Pferde oder Kühe.
Auf der einen Ecke des Reitplatzes, gegenüber vom großen Eingang des OP-Gebäudes und direkt unter unserem Küchenfenster, befand sich eine Rampe für das Abladen der Tiere aus den Lkws, wir konnten aus dem Fenster immer ganz genau sehen was für Tiere ankamen, für uns, also für meine Schwester und mich, war das hochinteressant.
Manchmal brachte man auch ganz exotische Tiere aus Tierparks oder vielleicht auch aus Zirkussen, jedenfalls erinnere ich mich an Giraffen, Zebras und Affen, einmal brachte man sogar einen Löwen. Der war natürlich in einem Käfig und wurde nicht so frei rumgeführt.
Manchmal konnten wir uns für die Vorbereitungen in den OP schleichen, der große OP Tisch wurde senkrecht gestellt, und die Tiere, zum Beispiel die Pferde, wurden sediert, dann wurden sie an den Tisch herangeführt und festgeschnallt, wenn sie dann schon fast einge-schlafen waren, wurde der Tisch wieder zurück gekippt und die Tiere lagen dann schön auf den Tisch. Die Türen wurden dann zu gemacht und wir sahen nichts mehr. Erst wenn sie wieder rauskamen, leicht torkelnd noch, sah man sie wieder. Meisten wurden sie dann in den Stall geführt, manchmal wurden sie aber auch auf die Koppelboxen gebracht, gleich neben dem Reitplatz vor unserem Haus.
Neben den großen Eingang zum OP-Bereich war rechts an der Mauer ein kleiner überbauter Vorsprung mit einer seitlichen Öffnung. Man konnte reinklettern, es ging nach unten. Man musste aufpassen um nicht auszurutschen. Unten waren dann lange Gänge mit verschiedenen seitlichen Kammern. Wir fanden auch einen Lichtschalter und der funktionierte. Es wurde Licht und wir konnten die Kammern untersuchen. Sie waren aber leider leer. Nur in einer standen zwei Feldbetten mit Fellen ausgelegt. Wir folgten den Gang, irgendwann kam eine stabile Tür. Wir öffneten die Tür und standen plötzlich in unsern Hauskeller. Der Gang ging noch weiter, er verlief unter dem gesamten Gebäudekomplex. Später erfuhren wir dass dies die Luftschutzkeller aus dem 2. Weltkrieg waren. Wir sind mehrere Male durch den Eingang neben dem OP-Gebäude eingestiegen, irgendwann hatte es wohl jemand gemerkt, jedenfalls wurde der Eingang später zugemauert.
Gleich gegenüber unserem Haus, hinter dem Reitplatz, lag die Schmiede. Es war eine richtige Schmiede, mit großer Esse, in der das Eisen heiß gemacht wurde, große Ambosse, auf denen mit Riesenhämmern das Eisen geformt wurde mit denen die Pferde beschlagen wurden, eine Schmiede wie man sie aus den Büchern kennt. Oft habe ich dort zugesehen, wie so ein Klumpen weißglühendes Eisen so lange geschlagen wurde bis es Form annahm.
Rechts neben der Schmiede begannen wieder die Verwaltungsgebäude, am Ende waren die großen Vorlesungsräume für die Studenten.
Man muss es sich so vorstellen, unser Gebäude bildete eigentlich einen großen Halbkreis. Vor unsere Haustür ein breiter Bürgersteig, links ging das Gebäude weiter, es kam noch ein Treppenaufgang zu Büroräumen, dann machte das Gebäude einen 90° Grad Knick, es kam die große Einfahrt für den OP-Saal, dann, ca. 15 m weiter, kam die Hausecke, die Straße ging dort weiter zum anderen Ausgang des Institutes, Ausgang Chausseestraße.
Rechts neben unserer Haustür war die Tür zu den Kellerräumen, dann kam nach ca. 12 m die große Eingangstür zu den Ställen, ca. 12 m weiter kam wieder ein Treppenaufgang zu Dienstwoh-nungen und daneben der Eingang zum Keller. Ungefähr 12 m weiter war das Gebäude zu Ende.
Abb.: Martin IboldAktuelle Ansicht unseres damaligen Gebäudes
Es standen dort noch einige Holzunterstände für Strohballen und ähnliches, dann begann schon die Mauer des Institutsgeländes.
Die Straße vor unserem Gebäude machte dort einen Bogen nach links, nach weiteren 30 Metern erreichte man eines der Zugangstore zum Institutsgelände. Es war das Tor zur Außenwelt, nämlich zur Phillipstraße.
Meistens war dieses Tor geschlossen, die Anwohner im Institut hatten ja Schlüssel, die Studenten und andere kamen durch die anderen beiden Haupteingänge. Es gab einen Eingang in der Hannoverschen Straße und einen Eingang in der Reinhardstraße. Unser Eingang war ja eigentlich auch kein Haupteingang.
Die Straße vor unserem Haus machte dann wieder einen Bogen und verzweigte sich. Eine Straße ging über eine Brücke recht ab, die andere Straße umrundete weiter den Reitplatz bis zur Schmiede.
Der Reitplatz war ja fast rund, dann kamen noch kleine umzäunte Gehege, man kann sagen dass die Straße einen großen ovalen Freiraum umschloss.
Straße vor unserem Haus
Wenn ich erzählte, dass eine Straße über eine Brücke ging, muss ich etwas erklären. Durch das damalige Veterinärmedizinische Institut floss nämlich die Panke, oder was von diesem Fluss noch übrig ist. Ein Fluss den heute kaum jemand kennt, der aber unter anderem Namensgeber für einen ganzen Stadtteil wurde, nämlich für Berlin-Pankow, ein Fluss der nach zahlreichen Eingriffen überhaupt nicht mehr als Fluss zu erkennen ist. Also, dieser „Fluss“ floss durch unser Institut, es gab diverse Brücken im Institut um ihn zu überqueren.
Für uns Kinder war dieser Verlauf der Panke natürlich ein idealer Spielplatz, auf der einen Seite kletterte man die Böschung runter, auf der anderen Seite musste man wieder raufklettern, man konnte oft Wege abkürzen wenn man das „Tal der Panke“ durchkletterte. Auch im Winter machte es riesigen Spaß an den Hängen mit den Schlitten runterzurutschen.
Ich habe mir, jetzt viele Jahre später, mal unsere Spielplätze angesehen, ich war doch sehr erstaunt wie groß ich alles erinnerte und wie klein ich es dann sah.
Für uns Kinder war es ein Riesengaudi.
Und es gab noch einen anderen Vorteil der Panke. Richtig haben wir dies natürlich erst Jahre später, als wir schon zur Schule gingen, festgestellt. Um in die Schule zu gehen, verließen wir das Institut durch eben dieses Tor am Reitplatz, überquerten die Straße, also die Philippstraße, gingen rechts bis zur nächsten Ecke, es war die Hannoversche Straße, bogen wieder rechts ab und dann, nach circa 30 m war der Eingang zur Schule. Erst kam eine Holzbaracke, der Kinderhort, dann kam ein Schulplatz, an dem auch die Panke vorbei floss, dann kam noch ein Durchgang durch ein Gebäude und dann kam unser Schulhof.
Und was war unser Geheimnis?
Wir konnten, ohne aus der Schule gehen zu müssen, die Böschung zur Panke runterklettern, bis zu den Tunnel unter der Straße marschieren, den Tunnel durchlaufen und dann auf der anderen Seite schon in unserem Institut sein. Ruck-Zuck! Und wir hatten uns den ganzen Weg gespart.
Der Tunnel war zwar auf beiden Seiten mit einem Eisengitter gesperrt, wir Knirpse aber passten durch. Damit konnte man natürlich angeben, kein anderes Kind konnte auf so abenteuerlicher Weise nach Hause gehen.
Ich glaube, wir haben diesen Weg nur ein paar Mal benutzt, man machte sich ja dabei dreckig, gerade beim Hindurchzwängen durch die Absperrgitter, der Ärger zuhause war dann groß, aber gerade der Umstand, man könnte ja wenn man wollte, allein dieser Umstand erregte großen Neid unter den Mitschülern.
Einmal fanden wir auch beim Graben in der Panke ein Stück Metall, so eine Art verrostetes Rohr, es erschien uns gleich sehr verdächtig, man wurde in der Schule ja ständig gewarnt, nichts anfassen, es läge noch sehr viel aus dem Krieg herum, man sollte doch immer die Polizei rufen. Das taten wir dann auch, wir riefen gleich die Polizei, wir hätten Munition gefunden!
Die Polizei kam auch sofort, mit Funkwagen, und ließe sich das Fundstück zeigen, ich wollte es rausziehen, sie riefen gleich laut los, - NICHT BERÜHREN -, es könnte ja etwas passieren. Genau weiß ich nicht mehr wie es weiterging, wir sollten den Platz verlassen und die beiden Polizisten haben dann etwas gemacht und in den Kofferraum von dem Streifenwagen verwahrt, dann haben sie uns noch sehr gelobt, wir sollen auch in Zukunft nie etwas Verdächtiges anfassen sondern gleich die Polizei rufen. Wir hätten das sehr gut gemacht. So im Nachhinein glaube ich, es war nur eine Geschosshülse, sonst hätte die Polizei sicher noch weiter abgesperrt, damals aber waren wir riesig stolz so großartig reagiert zu haben.
Einschulung meiner Schwester 1964, ich als Jungpionier
Und es wurde ja damals noch genug gefunden.
Genau neben diesem Tor zu unserem Gelände, aus dem ich nach rechts ging, um in die Schule zu gehen, war links eine große Ruine, es war eine zerstörte Kirche, und zwar war es die Philippus-Apostel-Kirche, wie ich später erfahren sollte, wir mussten immer vorbeigehen wenn wir zum Bäcker gingen oder wenn wir das gesammelte Altpapier wegbrachten.
Jedenfalls war die Ruine hochinteressant, wir trauten uns kaum rein, manchmal waren wir aber doch drin, sahen die hohen Wände und die hohlen Fenster, schon die Idee wie die Fliegerbomben fielen und das Gebäude trafen, ließ uns zusammenzucken.
Der Krieg muss etwas Schreckliches gewesen sein!
Wir Kinder suchten ständig nach Möglichkeit unsere Finanzen aufzubessern, Altpapier und alte Flaschen oder Gläser waren da eine gute Einnahmequelle um das Taschengeld aufzustocken. Ich kann mich noch erinnern, der Händler war in einem Keller und wir mussten eine steile Treppe runtergehen, unten war dann ein Tresen, die Flaschen wurden gezählt und das Papier gewogen. Und wir bekamen unser Geld! Bar auf die Hand gezählt! Gleich daneben war der Bäcker, ich glaube der Laden hieß Bäckerei Gunsch. Wir kauften uns dann meistens eine Zuckerschnecke oder Pfannkuchen. Lecker.
Eingang der zerbombten Philippus-Apostel-Kirche
Wenn man die Straße weiterging, kamen dann irgendwann noch ein Konsum und ein Fischladen.
Wir sind da oft rein und haben uns in dem Bassin die lebendigen Karpfen angesehen, oder wir sind in den Konsum und haben irgendwas gekauft, Bonbons oder so, jedenfalls haben wir stolz unser sauer selbstverdientes Geld ausgegeben. Schließlich hatten wir das Papier und die Flaschen ja fleißig und höchstpersönlich bei all unseren Nachbarn eingesammelt.
Ich kann mich heute, mehr als fünfzig Jahre später, nicht mehr an die genauen Straßenverläufe erinnern, jedenfalls erinnere ich mich noch, dass irgendwo die Charité kam, dann kam irgendwann der Robert Koch Platz und wenn man dann weiterging, erreichte man das Naturkundemuseum, und das war wirklich ein Anziehungspunkt für uns.
Ich weiß nicht mehr wie wir rein kamen, Geld hatten wir ja meistens keins. Ich glaube mich zu erinnern das ich dem Pförtner etwas erzählte das ich in der Schule in meiner Klasse verantwortlich wäre für die Wandzeitung, oder das wir bestimmte Aufsätze schreiben sollten und wir uns informieren wollten, so im Nachhinein stelle ich fest das ich schon immer gut Geschichten erzählen konnte, jedenfalls aber waren wir, meine Schwester und ich oder auch unsere Freunde, oft im Museum und bestaunten die Dinosaurier, gleich in der großen Eingangshalle standen die riesigen Skelette der Saurier, die Hälse bis zur Decke, für uns Knirpse eine sehr beeindruckende Kulisse.
Auch die anderen Säle des Museums, mit ausgestopften Bären, Säbelzahntiger, Riesenfische, Riesenmuscheln, Flugechsen, hochinteressant, stundenlang konnte man dort herumlaufen.
Ich staune bis heute das man uns damals so einfach dort rumlaufen lassen hat, das auch das Aufsichtspersonal so ganz gelassen reagierte, wahrscheinlich gab unser Auftreten keinen Anlass zu Beschwerde.
Gut erzogen eben, meiner Mutter sei Dank!
Danach sind wir dann wieder nach Hause. Es gab damals, Anfangs der sechziger Jahre ja noch nicht so eine Verkehrsdichte wie heutzutage, es war für Kinder viel ungefährlicher als heute in der Stadt rumzulaufen, über die Straßen zu gehen.
Das andere, was wir damals auch nicht so mitbekamen und wirklich erst jetzt, Jahre später, wenn ich mir es auf dem Stadtplan so ansehe, so richtig bemerke, ist das wir eigentlich lediglich 400-500 m von der damaligen Sektorengrenze entfernt rumspielten, ohne das es uns bewusst war, ohne das es uns interessierte. Wie sagt man doch so schön, was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß, wirklich wie wahr!!
Wir lebten zwar in Berlin, bekamen aber vom Leben in der Großstadt nicht allzu viel mit.
In unserem abgeschlossenen Gelände lebten wir völlig isoliert von der Stadt, eigentlich wie auf dem Land. Eine Bekannte meiner Mutter arbeitete dort als Medizinassistentin und hatte ein Pferd.
Auch wir durften damals auf den Reitplatz auf diesem Pferd reiten, manchmal ein paar Runden drehen. Ich kann mich noch entsinnen das das Pferd Tarantella hieß.
Pferdekoppeln neben dem Reitplatz und ein Pferdewagen
Es war wirklich einmalig, mitten in einer Großstadt, nach dem Krieg, konnten wir Kinder richtig auf echten Pferden reiten.
Wenn man bei unserem Haus aus der Haustür rausging, nach links, vorbei an den OP-Eingang der Großtierklinik, und bis zur Ecke ging, dann über die Straße und an dem Fakultätsgebäude vorbei, kam eine kleine Straße rechts, dort stand ein zweistöckiges Gebäude mit einen Giebelturm, dort wohnten 2 Jungs in unserem Alter, Berndchen und Franki, das waren unsere Spielkameraden.
In dem Gebäude waren auch Ställe untergebracht, gegenüber war eine große Wiese mit zwei runden Goldfischbecken, dahinter war unser Spielplatz.
Auf der Wiese standen am Straßenrand zwei Birkenbäume, wir konnten darauf klettern und so mit unseren Freunden am Fenster des Giebelturmes kommunizieren, manchmal hatten die beiden Hausarrest, ich kletterte dann auf den Baum und wir konnten gut quatschen.
Ging man die Straße weiter kam man wieder an eine kleine Brücke über der Panke, rechts runter ging es in Richtung Ausgang Phillipstraße, links zum Spielplatz und zur Wäscherei, geradeaus ging es zu den Vorlesungssälen der Medizin studenten.
Das Gebäude der Vorlesesäle hatten links und rechts jeweils ein rechteckiges Goldfischbecken, auf beiden Seiten des Beckens gab es wasserspeiende Seelöwen. Für uns Kinder war es immer ein toller Spaß auf den Seelöwen zu sitzen und mit den Fingerden Wasserstrahl aus dem Löwenmaul so zu drücken, das der Strahl gezielt den Gegenüber einnässte..
So manche Schlacht wurde so geschlagen.
Ein anderer Plan von uns Kindern war es auf den Wiesen Gänseblümchen zu pflücken und kleine Sträuße zu binden, diese wurden dann an die Studenten verkauft.
Ich muss gestehen, manchmal plünderten wir auch die angelegten Blumenrabatten, der Ärger mit dem Gärtner war groß wenn man uns erwischte. Wir nahmen aber die Gefahr in Kauf, besserten wir doch so unser Taschengeld auf.
Wenn wir die Straße weiter runter gingen, kamen wir zuerst an ein Straßendreieck, dann ging die Straße rechts runter zum Ausgang Reinhardtstraße, auf der rechten Seite waren noch Institutsgebäude und einige Wohnhäuser, es gab dort wohl auch Gärten, links zog sich eine lange Mauer hin, wir sind manchmal raufgeklettert, dahinter waren lauter flache Dächer, es sah aus wie ein Depot.
Kam man an der Reinhardtstraße raus, ging es links zur Friedrichstraße, damals standen da noch viele Ruinen, rechts ging es zum Friedrichstadtpalast. Anfang der sechziger stand er noch in der Reinhardtstraße. Er ist ja später dort abgerissen und in der Friedrichstraße neu aufgebaut worden.
Wichtig für uns Kinder damals aber war eine Eisdiele auf der anderen Straßenseite der Reinhardtstraße, wir leisteten uns dort oft, je nach finanzieller Lage, eine oder zwei Kugeln Eis.
In unserem Institut hatten wir ja, wie schon erwähnt, einen Spielplatz, der war schräg gegenüber von wo Berndchen und Franki wohnten, es gab dort Wippen, Schaukeln, eine Reckstange, auch ein Sandkasten war da, alles aber nicht so interessant wie das was verboten war, nämlich in den Ställen rumzustöbern oder den Verlauf der Panke zu erkunden.
Den Verlauf der Panke konnten wir bis runter zur Reinhardstraße verfolgen, dort begann unter der Straße ein Rohr, wir sind da nie reingeklettert, das war selbst uns echt zu gefährlich.
Irgendwann, so ungefähr 1963, tauchte in unserer Wohnung ein fremder Mann auf, mit dunklem gewelltem Haar und einen dünnen Schnurbart. Deutsch sprach er nur gebrochen, meine Mutter unterhielt sich mit ihm meistens auf Englisch. Wir wussten nicht so richtig was mit ihm anzufangen. Irgendwie kam er mir bekannt vor, plötzlich fiel es mir ein. Unten, vor dem OP-Saal, auf der Bank dort, da hatte ich ihn schon gesehen, beim Rauchen. Ich fragte meine Mutter und sie bestätigte es mir. Es wäre ein kubanischer Tierarzt, der dort arbeiten würde. Auf unseren Hausflur, gegenüber, wohnte ein Ehepaar, Erich und Christel, Erich war ja auch Tierarzt, beide Männer sah ich öfters beisammen, unten, in der Klinik.
Wir fragten auch unsere Mutter, wir wollten ja ein bisschen mehr wissen, so richtig wollte sie nicht mit der Sprache raus, wahrscheinlich war ihr das selber noch nicht ganz geheuer. Nachdem einige Wochen vergangen waren, zog dieser Tierarzt bei uns ein. Für uns Kinder war es eigentlich ein ganz lustiger Typ, er konnte sogar kochen und machte ein Haufen Spaß mit uns. Ich erinnere mich noch dass er uns öfters Spiegeleier machte, superlecker. Pfanne auf den Herd, Schmalz rein, heiß werden lassen, dann die Eier aufschlagen und ganz elegant von oben Eigelb und Eiweiß in die Pfanne flutschen lassen. Dann wurde die Pfanne genommen, gedreht und gewendet, so dass das Ei nicht anpappte sondern hin und her rutschte, wenn das Eiweiß fest war, das Eigelb noch schön weich, wurde das ganze schön aus der Pfanne auf den Teller bugsiert, Super!! Eine Prise Salz drauf, etwas Pfeffer noch, Leute, Phänomenal! Und dabei wurde ständig gelacht und Spaß gemacht.
Eines Tages eröffnete unsere Mutter uns, dass sie diesen Mann heiraten wolle, dass sie ihn liebe und das auch er uns liebe. Und sie wolle nach Kuba reisen, mit uns natürlich.
Was wir davon halten würden?
Wir Kinder dachten eigentlich gar nicht weit voraus, es war ebenso und es war eigentlich ganz gut so. Wir hatten keinen Vater, unser Vati war tot, Domingo war ein Lustiger Typ, was war Kuba, das kannten wir nicht.
Für uns waren dies natürlich Informationen, die konnten wir gar nicht so schnell verarbeiten, ja, wir konnten ja die damit verbundene Tragweite gar nicht so richtig abschätzen. Wir wussten ja noch nicht mal so richtig wo Kuba war, wir würden alles verlassen, die Freunde, die Schule, das Gewohnte, auch die Verwandten, einfach alles. Für mich, als Jungen, stand in erster Linie die Perspektive eines wirklichen Abenteuers, fremde Welten, fremde Sprachen, ein ganz anderer Kontinent, einfach toll.
Für meine Schwester war es schwieriger, sie sah nicht in erster Linie das Abenteuer sondern vielmehr den Umstand alles zurücklassen zu müssen, die gewohnte Welt, die heimische Umgebung.
Und meine Mutter war verliebt und voller Elan, sie organisierte alles, Kisten für den Umzug, Koffer für die Reise, Abschied von Freunden, was nehme ich mit, was lass ich da, was gebe ich wem.
Ich glaube, so richtig hat sie damals gar nicht verstanden was in uns Kindern so vorging.
Ich kann mich noch erinnern wie vor unserem Hausaufgang die Holzkisten standen, mir kamen sie damals riesig vor, sie waren schon über einem Meter hoch.
Meine Mutter tat sie packen, auch ein riesiger Aufwand, von dem wir Kinder kaum was mitbekamen. Alles musste ja die Treppen runtergeschleppt werden, und dann so verpackt werden, dass es eine Seereise überstehen konnte.
Irgendwann sind die Kisten dann auch abgeholt worden.
Aber so schnell wie man sich das vorstellte ging es dann doch nicht. Die ganzen Behördengänge mussten absolviert werden, dann kam ein Ausreisevisum, dann wurde es wieder zurückgezogen, dann wieder erteilt. Auch das Einreisevisum nach Kuba dauerte und dauerte. Das ganze dauerte ca. ein Jahr, unsere Kisten eingelagert im Hafen in Rostock, wir in der Wohnung sehr spartanisch, wir dachten ja wir würden ausreisen, alles war in den Kisten, dann hat es aber fast noch ein Jahr gedauert.
Die Wege der Behörden sind manchmal lang. Und manchmal nicht nachvollziehbar. Es war ja nicht nur die Ausreise aus der DDR, es war auch die Einreise in Kuba.
Praktisch ein Jahr lang haben wir aus Koffern gelebt, oder besser gesagt, überlebt. Manchmal war meine Mutter nahe dem Zusammenbruch, irgendwie ging es dann doch weiter. Sie war ja ganz alleine, mit zwei kleinen Kindern. Man muss sagen, sie hat wirklich ganz schön gekämpft!
Endlich, so Ende Mai 65 waren dann die Papiere da, Ausreisepapiere, Einreisepapiere, Schiffspapiere, Gesundheitspapiere, und was noch alles gebraucht wurde. Meine Mutter konnte uns vermelden, wir würden mit dem Schiff in der nächsten Woche losfahren, der Name des Schiffes wäre die Käthe Niederkirchner.
So langsam wurde es also wirklich Ernst!
Wir packten, oder besser gesagt, meine Mutter, packte die letzten Koffer, dann ging es los.
Ich verabschiedete mich von meinen Freunden, so richtig bewusst aber war mir es damals noch immer nicht. Diese Endgültigkeit, dieser Schnitt mit dem Jetzt, das war uns Kindern damals mit Sicherheit nicht gegenwärtig.
Von meinen Verwandten hatte ich mich ja schon in den Wochen davor verabschiedet, wir waren in Schwerin und auch in Auerbach, Omas, Opas, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen, allen wünschten uns das Beste.
Ich weiß nicht mehr wie wir nach Rostock kamen, jedenfalls aber waren wir plötzlich da. Ich glaube aber wir fuhren von Berlin noch einmal über Schwerin, schliefen nochmal einmal bei den Großeltern, dann ging es nach Rostock. Auf das Schiff.
Dies ist zwar nicht die MS Käthe Niederkirchner, es ist aber ein Schiff der Baureihe X, also baugleich mit der Niederkirchner.
Das ist die, die Käthe Niederkirchner
II. Kapitel
Die Überfahrt
In Rostock angekommen sammelten wir unsere Koffer und fuhren zum Hafen. Vorne, beim Zoll, wurden die Papiere kontrolliert und auch der Kofferinhalt noch einmal gescheckt. Die großen Umzugskisten waren ja schon vorher an Bord verstaut worden, in irgendeiner Frachtluke waren sie, hoffentlich. Aber es schien alles in Ordnung. Man erklärte meiner Mutter noch etwas, es waren noch einige Papiere auszufüllen, es mussten noch Stempel gesetzt werden, und dies noch und das noch, ich aber wollte nur zum Schiff, Abenteuer!
Wir kamen an das Schiff, es erschien uns riesig. Wir kletterten die Gangway hoch, eine Stewardess hieß uns willkommen und führte uns in unsere Kajüten. Die Kajüten waren gleich auf dem oberen Deck, sie waren nicht groß, unsere Kabine hatte zwei Doppelkojen, oder besser gesagt zwei Doppelstockkojen, zwei schmale Schränke, ein Waschbecken, unter der Luke waren noch zwei Sitzbänke und ein Tisch. Um auf Toilette oder ins Bad zu gehen, musste man auf den Gang, die Räume waren gegenüber unserer Kajüte. Der Gang war wie so ein U. Steuerbord- und Backbordseitig war an Deck jeweils ein Eingang, die Kajüten lagen an der Außenseite des Ganges, an den Innenseite des Gangs waren jeweils links und rechts die Sanitärräume, auf der Bugseite des Ganges ging eine Treppe in die nächste Etage, dort befand sich dann die Offiziersmesse, wo auch wir Passagiere unser Essen einnahmen. Auf der anderen Seite der Messe, zum Bug zeigend, befand sich die Mannschaftsmesse. Aber das sollten wir alles noch kennenlernen. Zuerst mussten wir unsere Sachen in den Kabinen verstauen, meine Mutter musste erst mal zu Ruhe kommen wir wahrscheinlich auch, als Kind sieht man das häufig anders, man ist so aufgeregt, man merkt den Stress gar nicht so, fällt man dann aber ins Bett, schließt man die Augen, so ist man Ruckzuck weg!
Nachdem meine Mutter das Gröbste verstaut hatte und ich lange genug rumgenörgelt hatte damit ich endlich rausdurfte, durfte ich dann endlich auch, ging an Deck und schaute dem den Ladevorgang zu. Riesige Kräne fuhren vor dem Schiff auf der Hafenmole.
Die Kräne hatten vier Stützpunkt, diese Füße fuhren auf Schienen, es war alles so groß, die Lkws konnten zwischen den Kranstützen durchfahren, riesige Paletten, vollbeladen mit großen Kisten, wurden hochgehievt, über dem Schiff positioniert und dann in den riesigen Ladeluken versenkt. In den Ladeluken wurde mit Staplern gearbeitet, die Paletten verteilt, gestapelt und festgezurrt.
Waren die Luken voll oder war nichts mehr zum verladen, so wurden die Stapler aus den Luken gehievt, man schloss die Luken mit lautem Getöse, es waren Stahlschotten die zusammenfuhren, das Ganze bildete dann eine geschlossene Fläche aus Stahlplatten. Das Schiff hatte insgesamt 5 Luken, zwei Achtern und drei vorne, der Aufbau war mittig.
Am nächsten Morgen sollten wir dann auslaufen.
Ich schlief die Nacht kaum, morgen sollte die Reise beginnen, morgen sollte das Abenteuer seinen Anfang nehmen. Ich glaube, meine Schwester schlief auch nicht viel. Falls ich geschlafen hatte, was ich natürlich tat, Kinder schlafen eigentlich immer, einmal war die Nacht zu Ende, ich stand auf, putzte mir die Zähne, zog mich an und ging auf den Gang.
Dann kamen meine Mutter und meine Schwester raus, wir gingen in die Messe um Frühstück zu essen. Wir saßen da und begannen zu frühstücken, da hörten wir draußen das Tuten der Schlepperschiffe, nichts hielt mich mehr am Frühstückstisch, ich stürzte raus, dann die Treppe runter, raus an Deck und ran an die Reling. Es wurden erst die Abschlepptaue auf die Schlepper gezogen, dann wurde der Anker gelichtet und die Gangway hochgeklappt, letztendlich wurden die Taue an der Mole gelöst und eingeholt. Die Schlepptaue straften sich und das Schiff begann sich im Hafenbecken zu bewegen.
Es ging immer schneller, dann kamen wir am Leuchtturm vorbei, wir schwammen auf der Ostsee.
Die Maschine des Schiffes lief schon, es war wie ein dunkles Pochen und Tuckern. Die Leinen zu den Schleppern wurden gelöst, die Schiffssirene heulte dreimal auf, wir drehten leicht in Richtung Westen, es ging los. Der Seegang war eigentlich etwas enttäuschend, das Schiff schaukelte kaum. So kam es mir jedenfalls vor. Ich sollte später noch eines besseren belehrt werden, was schaukeln und Seegang betraf.
Nach einer gewissen Zeit waren wir auf dem Meer, keine Küste mehr zu sehen. Gegen 12:00 Uhr gingen wir hoch um Mittag zu essen, das Essen wurde von einem Steward serviert, es war wie in einem Restaurant, wir saßen an einem runden Tisch für vier Personen, wie in irgendeinem Restaurant in Berlin. Nur, wenn der Blick aus den Fenstern fiel, dann sah man das Meer, und ganz hinten, da begann der Horizont, hinter dem Schiff flogen Möwen, an den Tischen saßen Offiziere in weißen Hemden und schwarzen Schulterklappen, schwarze Schulterklappen mit goldenen Streifen, es war also doch nicht wie in irgendeinen Restaurant in Berlin, nein, wir waren an Bord der „Käthe Niederkirchner“, eines riesigen Frachtschiffes, auf den Weg über das Meer, auf den Weg nach Kuba.
Und wir saßen hier an einem Tisch in der Offiziersmesse. So einfach!
Gegen Abend sah man einige Lichter am Horizont, am nächsten Tag konnte man Backbord Land sehen. Wir näherten uns der Küste und man sagte uns dass dies ein Kanal sei, den wir jetzt durchfahren würden. Wir würden dann die Ostsee verlassen und in die Nordsee kommen. Der Kanal war ziemlich schmal und es gab einige Schleusen. Man sah die Menschen links und rechts, auf den Feldern, auf den Straßen, an den Brücken, es war ganz normal.
Ganz normal eigentlich doch nicht, eigentlich war das ja schon der Westen, ja, das war der Westen, der verbotene Westen.
Wir fuhren durch den Nord-Ostsee Kanal.
Ganz nah, ein Teil Deutschlands den man nur aus dem Fernsehen kannte, es ist wohl so das, noch vor dem Mauerbau, meine Mutter mit uns wohl einige Male „drüben“ gewesen war, erinnern daran konnte ich mich aber nicht. Aber nun war es für uns eigentlich ganz normal. Wir waren jetzt im Westen und wir waren deswegen gar nicht aufgeregt.
Es war ebenso!
Wir fuhren durch die Nordsee, durch den Ärmelkanal vorbei an England, eine ewig lange Küste, dann kam das freie Meer, der riesige atlantischer Ozean.
Vorne war der Horizont, hinten war der Horizont, rechts war der Horizont und links auch, in der Mitte waren wir.
Beindruckend! Tag ein Tag aus, nur das Meer.
Nach zwei bis drei Tagen gab es immer weniger Möwen, es waren kaum Wellen zu erkennen, es waren mehr so langgezogene Dünen über das Meer.
Wir stiegen mal hoch zur Brücke, wir wurden nett empfangen, wir waren ja auch goldige Kinder, man zeigte uns auf der Karte wo wir gerade waren. Überwältigend, so mitten drin auf dem Ozean, ringsherum nur Wasser. Auf der Brücke zeigte uns der diensthabende Offizier das sogenannte Ruder, das sah aus wie ein Steuerrad, befestigt an einer Holzsäule, so etwas 1,20 hoch, genau mittig im Brückenraum, durch die umlaufende Fensterfront konnte man bis zum Horizont sehen, man sah wie der Bug sich hob und wie er wieder versank, wie das Meer nach beiden Seiten gepflügt wurde. links und rechts sah man die Schaumkronen auf den entstandenen Wellen, links und rechts stimmt ja nicht so ganz, wir sprachen ja von einem Schiff, Backbord und Steuerbord musste man richtig sagen. Hinter dem Schiff blieb eine langgezogene schaumgekrönte Spur bis zum Horizont.
An Bord lernten wir Scheffelboard spielen. Es sind immer 2 Spieler, jeder Spieler hat eine Schiebestange mit einen Schiebebrett. Das Brett ist halbkreisförmig eingesägt um einen runden Holzpuck, ca. 15 cm. Durchmesser, gezielt verschieben zu können. Jeder Spieler verfügte über 5 Pucks einer Farbe. Jeder Spieler steht hinter einer Grundlinie, der Gegenspieler steht gegenüber, in ca. 4 m Entfernung, ebenfalls hinter einer Grundlinie. Zwischen beiden Spielern befindet sich aufgemalt auf den Planken ein großes Rechteck. Dieses Rechteck ist durch Quer- und Längslinien in viele Quadrate geteilt. Jedes Quadrat ist mit einer Zahl beschriftet. Ziel eines jeden Spielers ist mit seiner Schiebestange seinen Puck in ein Kästchen mit einer möglichst hohen Zahl zu platzieren und gleichzeitig dabei nach Möglichkeit die Pucks des Gegenübers aus den guten Kästchen heraus zu bugsieren. Am Ende wird gezählt. Das Spiel war besonders interessant bei Seegang, man musste beim Anschieben des Pucks gleich den Einfluss des Seegangs bei der Laufbahn des Puks mit einkalkulieren.
So nach dem vierten oder fünften Tag auf See ertönten morgens plötzlich die Alarmsirenen des Schiffes, wir mussten in die Kabine rennen und unsere Rettungswesten anlegen.
Sammelpunkt war an den Rettungsbooten. Wir stiegen in die Boote und wurden abgelassen. Wir drehten eine Runde um das Schiff, die Boote wurden wieder eingesammelt und wiederhochgehievt.
Inzwischen wussten wir ja schon dass es nur ein Übungsalarm war, wir hatten also keine Angst und konnten das Manöver genießen. Vor allem war es sehr beeindruckend vom Boot aus die Schiffswand hochzugucken, das Schiff war echt riesig.
Nachdem die Boote wieder oben waren konnten wir aussteigen und unsere Westen wieder ablegen, der 2. Offizier wertete die Übung aus und wies uns noch auf einiges hin, wir sollten genau wissen wie wir uns zu verhalten hatten, im Falle eines Falles, wir hörten kaum zu, der Fall erschien uns so unwahrscheinlich das wir gar nicht daran dachten diese Möglichkeit als ernst zu nehmen.
Dass so etwas doch Ernst sein kann erfuhren wir so einige Monate später, die MS Käthe-Niederkirchner ist tatsächlich auf der Rückfahrt von Kuba nach Rostock gesunken.
Am 23.08.65 sank die „Käthe Niederkirchner“ in der Meerenge zwischen dem schottischen Festland und Orkney. Das Pentland Firth gilt wegen seiner extremen Wind- und Strömungsverhältnissen als eines der schwierigsten Seegebiete im Grenzbereich zwischen Nordsee und Nordatlantik. Die Route wurde gewählt weil der Kapitän, auf Anregung seines Politoffiziers, die Route mitten durch die Pentlandinsel festlegte um Reisezeit zu sparen.
Richtiges Kartenmaterial für diese Strecke war damals nicht an Bord, man war für diesen Kurs in keiner Weise vorbereitet, der Steuermann navigierte nach einer „Handskizze“ des Kapitäns.
Gegen 5:00 Uhr morgens ist man dann auf die Klippen aufgelaufen. Zum Glück gab es keine Verluste bei der Mannschaft, der geladenen Zucker aber war im Eimer, besser gesagt, im Meer. Die erhoffte Einsparung durch diese Verkürzung der Route, kam teuer zu stehen. Das Schiff war knapp ein Jahr alt, es war erst im Februar 1964 vom Stapel gelaufen, in Dienst gestellt wurde es Anfang August 1964. Es war erst die zweite große Reise des Schiffes.
Aber soweit waren wir ja noch gar nicht, wir waren gerade durch die Biskaya durch, hatten das erste Unwetter und Sturmtief hinter uns, den ersten richtigen Seekrankheitsanfall, so zu- sagen, überlebt.
Es ist echt ganz blöd, wenn das Schiff hebt, und hebt, und weiter hebt, und dann geht es runter und runter und weiter runter, und das ganze ohne Unterlass. Dabei aber bewegt sich das Schiff auch noch seitwärts. Einen wird dann so übel, es ist eigentlich egal ob das Schiff untergeht oder ob es explodiert, oder wie auch immer, Hauptsache dass Geschaukel soll aufhören.
Und irgendwann hörte es dann ja auch auf, das Meer beruhigte sich und wir hatten uns auch daran gewöhnt keinen festen Boden unter den Füßen zu haben, es war wichtig das inne zu haben, wenn man Mittags Suppe aß oder wenn man sich die Zähne putzte oder sonst, wo auch immer, es war alles in Bewegung, aber nicht plötzlich sondern fließend, wenn was runter fiel oder überschwappte fiel es zwar gerade nach unten, durch die Schaukelbewegung aber war das unten nicht immer auf dergleichen Höhe, an der gleichen Stelle. Das musste man innehaben wenn man einen vollen Löffel Suppe zum Mund führte oder wenn man sich das Glas mit Limo nachschenkte.
Die Zeit wurde uns an Bord nicht lang, einige Tage später kamen wir an den an den Azoren vorbei, genossen den Anblick dieser grünen Inseln. Es war ja das einzige Stück Land auf der ganzen Strecke zwischen England und Kuba. Die Zeit verbrachten wir mit Scheffelboard, wir erkundeten das Schiff, besuchten die Brücke, durften das Schiffsruder anfassen, durften den Funkraum besichtigen, konnten den Deckmatrosen beim Rostklopfen helfen, manchmal durften wir etwas in der Kombüse machen, wir waren ja eigentlich ganz liebe Kinder, manchmal gab es auch in der Messe einen Film, manchmal frischte der Wind etwas auf, das Geschaukel fing wieder an, es hörte dann auch wieder auf, jedenfalls wurde uns nicht langweilig. Und dann endlich, nach ca. 2 Wochen auf unserem Schiff, konnten wir Kuba sehen, eine langer grüner Streifen am Horizont. Ein Streifen der größer wurde und Einzelheiten preisgab. Am späten Nachmittag lagen wir dann vor Havanna. Der 3. Offizier sagte uns dass wir vor Anker gehen werden und erst am nächsten Tag einlaufen können.
Ich stand an der Reling und schaute mir mit dem Fernglas Havanna an. Es gab dort ganz schön viele Hochhäuser, stellte ich fest, am Ufer der Stadt verlief eine Straße, Auto fuhren da lang, wo die Hafeneinfahrt war gab es links so etwas wie eine Burg, so eine Art Festung, das also war Kuba, da also würden wir leben, fand ich toll, eigentlich dachte ich gar nicht mehr an Berlin, eigentlich war ich nur gespannt auf das was kommt. Spät abends sind wir noch einmal an die Reling gegangen und haben uns die Stadt bei Nacht angesehen, überall war alles erleuchtet, die Hochhäuser, die Uferstraßen, die ganze Stadt, hinter uns das Meer, vor uns die beleuchtete Stadt und über uns das Leuchten und Flimmern der Sterne, es war überwältigend. Vorne, links, sah man das Aufleuchten des Leuchtturmes. Das sei die Hafeneinfahrt erklärte uns einer der Offiziere. Der Turm stand auf der vorderen Spitze der Festung, jetzt in der Dämmerung, konnte man nicht allzu viel erkennen, wohl sah man aber ganze Reihen von Schießscharten mit hervorlugendem Kanonenrohre.
Um 21:00 ertönte ein Kanonenschuss. Jedenfalls sagte man mir das sei einer gewesen, jeden Abend um 21:00 Uhr wird ein Kanonenschuss abgegeben, früher war das ein Zeichen für die außen liegenden Schiffe das der Hafen geschlossen wurde, eine schwere Kette wurde quer über die Einfahrt gezogen. Heute wird keine Kette mehr gezogen, die Kanone aber erklingt noch immer.
III. Kapitel Kuba - Ankunft
Wir lagen noch draußen vor Anker, ein kleines Motorschiff kam auf die Steuerbordseite, ich weiß nicht mehr genau ob die Gangway abgelassen wurde oder ob eine Seiltreppe über Bord gelegt wurde, sei es wie es sei, es war der Lotse, der an Bord kam um uns in den Hafen zu bringen.
Die Einfahrt war eigentlich erst einmal wie ein Kanal, ungefähr 200 m breit, auf der linken Seite überragten die hohen Felsen und die mit Kanonen bestückte Festung den Lauf unseres Schiffes, wir konnten richtige vergitterte Fenster erkennen, oben, zwischen den Zinnen sah man bisweilen die Helme der Soldaten. Ganz vorne, noch vor dem Leuchtturm, wehte die kubanische Fahne. Blaue Streifen, ein rotes Dreieck und darin einen Stern. Später, in Kuba, lernte ich wie man die Fahne beschrieb, ein Rubin mit fünf Strahlen, darin ein einsamer Stern.
Auf der rechten Seite sah man eine Breite Straße und die Ufermauer. Auf der Mauer saßen Männer und schauten aufs Meer. Wir dachten jedenfalls sie würden aufs Meer schauen und wunderten uns lediglich dass sie so ruhig da saßen. Später erfuhren wir dass sie eigentlich beim Angeln waren, in Kuba wird zum größten Teil ohne Rute geangelt.
Die Angelsehne ist auf einer Rolle gewickelt, der Köder wird an den Haken befestigt, es gibt noch ein Stück Blei an der Schnur, man nimmt die Schnur ungefähr anderthalb bis zwei Meter hinter dem Blei, lässt die Schnur über den Kopf kreisen, wenn sie dann genug Schwung hat lässt man sie nach vorne fliegen. Die Rolle wird seitlich gehalten und die Schnur wickelt sich im Fluge ab. Der Köder fällt ins Wasser und beginnt zu sinken, man wickelt sich die straffe Schnur um den Zeigefinger und beginnt zu warten. Beißt einer an, zieht man an der Schnur und holt in vorsichtig raus, ansonsten wickelt man langsam die Schnur wieder auf die Rolle, holt den Köder raus, prüft den Zustand und dann gibt es einen neuen Wurf, alles beginnt von vorne. Es ging ja auch nicht so sehr um das Angeln der Fische, obwohl dies natürlich das primordiale Ziel war, aber die ganze Atmosphäre, das Schlagen der Wellen, die Lichter der Stadt, die vorbeifahrenden Autos, der ständig kreisende Lichtstrahl des Leuchtturmes, das alles war Leben. Jahre später wurde an der Hafeneinfahrt nicht mehr so viel gefischt, das Wasser war zu sehr zu mit Öl verschmutzt, es war nicht mehr so prickelnd. Der Rest der Ufermauer aber, von der Hafeneinfahrt bis hin zur Mündung des Flusses Almendares, immer am Ufer der Stadt entlang, eine breite Straße, ein breiter Gehweg und eine breite Mauer, und das waren einige Kilometer, waren und blieben ein Treffpunkt für die Angler und natürlich auch für die Verliebten, die Uferstraße, der so genannte Malecon, war und ist ein Magnet, Treffpunkt vieler Menschen wenn die Sonne untergeht und die Hitze des Tages durch das Wehen der Brise am Ufer langsam in den heranrollenden schaumbedeckten Wellen ihre Abkühlung findet.
