Ein Platz in der Kälte Deutschlands - Dora Bonicelli - E-Book

Ein Platz in der Kälte Deutschlands E-Book

Dora Bonicelli

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Beschreibung

Das Buch von Dora Bonacelli besticht vor allem durch seine sinnhafte Erzählweise, die mit Natürlichkeit und klarem Ausdruck das schildert, was sie in ihrem Dasein beobachtet und gelernt hat, ob aus eigener gelebter Erfahrung oder aus Erzählungen von Freunden, manchmal interessant, lustig oder nachdenklich stimmend. Dora Bonacelli hält die bewegende Geschichte ihres Lebens in Brasilien und ihren Neuanfang in Deutschland in Episoden fest, um dem Leser zu zeigen, dass die Widrigkeiten des Lebens überwunden werden können. Es heißt, dass jeder Mensch ein Kind, einen Baum und ein Buch hinterlassen sollte. Dora Bonacelli kommt dem nach, obwohl im fortgeschrittenen Alter geschrieben, wird es uns zum Nachdenken und zur Vermittlung von Lebenserfahrungen dienen.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dora Bonacelli

Ein Platz in der Kälte Deutschlands

Ein Platz in der Kälte Deutschlands

© 2021 Dora Bonacelli

1. Auflage

Autor: Dora Bonacelli

Umschlaggestaltung, Illustration: Daniela Magnani-Hüller

Korrektorat: tredition GmbH, Hamburg

Lektorat: Mentorium GmbH, Berlin

Übersetzung: Tom Hiltensberger, Norbert Hüller

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-24580-8 (Paperback)

978-3-347-24581-5 (Hardcover)

978-3-347-24582-2 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

1  Ein guter Grund zu schreiben

2  Der Ablehnungskomplex

3  Ohne Vorurteile

4  Die Supermodernen

5  Die erste Odyssee

6  Unterwegs

7  Die zweite Odyssee

8  Meine Anabela wie Zimt und Nelken

9  Meine Aufs und Abs

10  Die Rückkehr der nicht ganz so verlorenen Tochter

11  Hochzeit, Bigamie und Flitterwochen

12  Terroristinnen

13  Hundesitterin

14  Los Mädchen, beeil dich!

15  Der Besuch der Rivalin

16  Die Firma

17  Endlich volljährig und die Bayern

18  Frustvoll

19  Die Reise, die funktionierte

20  Was ist eine gute Beziehung?

21  Psychologie in Theorie und Praxis

22  Das Werk und die Autorin

23  Motorradreise nach Portugal

24  Die besonderen Freunde

25  Eine gute Reise nach Brasilien

26  Die Krise

27  Wer bin ich?

28  Das Hin und Her

29  Brief an Clara

30  Wörter

31  Luft ablassen

32  An die Brasilianer und den Frieden

33  Meine Schülerin

34  Der Gitarrist

35  Abschiedsbrief

36  Ein Wesen von einem anderen Planeten

37  Olgas Geschichte

38  Die besondere Puppe

39  Das neue Spielzeug: ein Auto

40  Die komische Katze

41  Meine deutsche Mutter

42  Dein Glück versus mein Glück

43  Die Reise nach Japan

44  Die Maschinen meiner Zeit

45  Handy-Panik

46  Der Scharlatan

47    Der Übersetzer Amor – sag „Ja“ und lächle

48  Dr. Eisenbart

49  Die gute Lage

50  Griechenland ist einen Schritt von der Hölle entfernt

51  Die Retterin

52  Die Rückkehr zu den Ursprüngen

53  Die Neurosen der Deutschen

54  Die brasilianische Bank und die deutsche Bank

55  Happy End

1  Ein guter Grund zu schreiben

Ich bin kein Jorge Amado und möchte auch keine Kopie von Machado de Assis sein. Ich würde gerne so schreiben wie diese und andere wundervolle Schriftsteller, die ich gelesen und in die ich mich verliebt habe.

Als Jugendliche las ich die großen Schriftsteller Carlos Drummond de Andrade, Fernando Pessoa, Fernando Sabino, Rubem Braga, Vinícius de Moraes usw. Wenn ich einen vergessen habe, so seht es mir bitte nach, meine Meister, denn von euch gibt es viele, und ihr alle seid fantastisch.

Ich dachte daran, einen von ihnen zu heiraten. Mein Traum …

Tatsächlich habe ich zweimal geheiratet: Meine erste Ehe ging ich mit einem Piloten ein. Die Hochzeit geschah aus einer dieser fulminanten Leidenschaften heraus, die sich genauso schnell verziehen wie Rauch. Ehe ich mich versah, bemerkte ich, dass wir überhaupt nicht zueinanderpassten, aber es blieb etwas sehr Wichtiges: unsere Tochter Ana.

Bei meiner zweiten Hochzeit habe ich einen Deutschen geheiratet. Sein superuninteressantes Leben verwandelte ich in ein Superaufregendes, genau wie das Formel-I-Rennen von Monte Carlo, voller scharfer Kurven und malerischer Landschaften.

Das Leben mit einer Frau aus Rio ist nicht leicht für ihn. Obendrein haben wir unsere Tochter Clara, eine temperamentvolle Halbbrasilianerin. Nun, mein Leben war immer voller Höhen und Tiefen. Die Höhen waren so hoch, dass ich manchmal Angst hatte, von dort oben herunterzufallen, und die Tiefen waren so tief, dass ich ganz in die Hocke gehen musste, um durchzukommen. Ich glaube, ich habe einen guten Grund, zu schreiben und über all das zu sprechen, was mir passiert ist. Über mich kann man tratschen, so viel man will, ich bin genau wie die berühmte Schauspielerin aus der brasilianischen Seifenoper. Egal, ob gut oder schlecht: Hauptsache, ihr sprecht über mich. Ich bin mir sicher, dass meine Familie beim Lesen dieses Buches eine Menge Spaß haben wird und hofft, dass endlich das Geld sprudelt, welches ich in Deutschland verdient habe. Apropos Geld: Es kommen auch Leute im Buch vor, die denken, ja, die sich sicher sind, dass mein Name DB, also „Deutsche Bank“, lautet, da er auch mit „D“ beginnt, und die gern ein paar „DM“ abhätten, aber das wird wohl nichts, da die Deutsche Mark ja schon lange passé ist. Jetzt gibt es nur noch den Euro.

Derzeit bin ich Teil des Arbeitslosenheeres in Deutschland, und vorher war ich nur eine einfache Postangestellte. Ich habe immer zu der Sorte Kriegerinnen gehört, die kämpfen. Und weil wir gerade vom Euro sprechen: Er hat für uns alle, die wir hier in Europa leben, alles viel teurer gemacht. Früher hat man für ein Produkt 1,99 DM bezahlt; jetzt zahlt man für das gleiche Produkt 1,99 Euro – und das, obwohl eine Mark die Hälfte von einem Euro wert war!

Doch zurück zum Thema Familie. Da ich dachte, dass eine kleine Pause uns guttun würde, wagte ich die Flucht nach Deutschland. Ich wollte einige Kilometer und eine sehr seltsame und komplexe Sprache zwischen uns stellen. Zwar löste ich damit das Problem, verkomplizierte es gleichzeitig jedoch auch. Aber eins nach dem anderen.

Ich habe versucht, jedes Kapitel so zu gestalten, dass es auch allein lesbar ist: Der Leser muss also nicht von Anfang bis Ende lesen, sondern kann stöbern und die Kapitel auswählen, die ihm zusagen. Ich hatte ursprünglich den Titel EIN PLATZ IN DER SONNE im Sinn, aber hier in Deutschland dauert der Sommer gerade einmal drei Monate und der Winter mehr als sechs. Daher hielt ich es für das Beste, den Titel zu EIN PLATZ IN DER KÄLTE DEUTSCHLANDS abzuändern, was der klimatischen Situation wesentlich besser entspricht.

2  Der Ablehnungskomplex

Jeder wird von einer Mutter geboren, aber ich glaube, ich wurde von einem Brutapparat geboren.

Meine Mutter sagte einmal zu mir: „Du warst ein Unfall, ein Loch im Kondom.“

Ich weiß gar nicht, wie ich aus so einem winzigen Loch hätte herausschlüpfen sollen!

Tatsächlich sah sie mich immer als eine Art Gegenspieler oder als einen Stein im Schuh an. Sie meinte auch: „Ich habe immer wieder versucht, dich loszuwerden, aber du hattest schon immer deinen Dickkopf und bist dringeblieben, es ging einfach nicht. Die nach dir habe ich alle wegmachen lassen.“

Ich denke, das ist einer der Gründe dafür, warum ich so wahnsinnig stur bin: Ich klebte wie eine Zecke an ihr, und sie musste neun Monate mit mir in ihrem Bauch ausharren. Eines schönen Tages erblickte ich dann das Licht der Welt.

Möglicherweise liegt mein stark ausgeprägter Ablehnungskomplex darin begründet. Mein Vater sagte einmal zu mir: „Du bist die Tochter des Nachbarn.“

Auch heute noch, wenn ich mich im Spiegel betrachte, suche ich nach Ähnlichkeiten mit fast allen Nachbarn, die wir hatten, und das waren so einige (wir sind nämlich so oft umgezogen wie ein Wanderzirkus). Leider sehe ich meiner Mutter sehr ähnlich und schaue deshalb nur ungern in den Spiegel. Sie sieht das jedoch anders und denkt, dass ich das Gesicht meines Vaters habe: „Ich hasse es, wenn du mich mit dem Gesicht deines Vaters ansiehst!“

Was soll ich machen? Ich habe eben nur dieses eine Gesicht. Wenn ich den Mut und das Geld hätte, würde ich zu einem Schönheitschirurgen gehen und mich ein wenig aufhübschen lassen. Der würde dann mein Gesicht umgestalten, die Pausbäckchen entfernen und obendrein eine wohlgeformte Schädelkontur formen.

Zu meinem Vater hatte ich Kontakt, bis ich sieben Jahre alt war. Nach der Scheidung war der Kontakt auf Sonntagnachmittage und Schulferien beschränkt. Als er seine neue Familie gründete, sprach er ein ernstes Wort mit mir: „Jetzt habe ich eine neue Frau und zwei Kinder, du bist nicht Teil dieser Familie, du bist einfach die Cousine meiner Frau.“

Das fand ich seltsam. Ich hatte gar nicht gewusst, dass seine neue Frau meine Verwandte war! Schließlich hatten wir ja auch unterschiedliche Nachnamen! Ich hieß Bonacelli und sie hieß Santos! War ich etwa eine uneheliche oder missratene Verwandte?

Wenn ich von meiner Stiefmutter spreche, denke ich automatisch an die Frage, die sie mir immerzu stellt: „Ist das auch gute Qualität? Ich kaufe alles nur, wenn es erstklassig ist, Schrott kommt mir nicht ins Haus!“

Bei ihr ist grundsätzlich alles besser als bei anderen. Wenn man mich fragt, hat sie einen gehörigen Minimalkomplex (auch genannt einen Minderwertigkeitskomplex). Ich hoffe, dass sie eines Tages diesen Komplex ablegen wird, wenn sie mit mir spricht.

Sie telefoniert gerne wöchentlich meinem Bruder Pedro in der Weltgeschichte hinterher (schau her, mein Kleiner, jetzt kommst du schon das zweite Mal in einem Buch vor, damit wirst du bestimmt berühmter als mit deiner Musik), in US-Amerika oder Europa, wo immer er sich gerade auch aufhält. Wenn mein Vater mich anruft (also dreimal im Jahr: an meinem Geburtstag, an dem von Clara und an Weihnachten), pflegt sie immerzu zu sagen: „Beeil dich, das ist ein Ferngespräch!“ Genau wie die Stiefmutter in Aschenputtel verspricht sie meiner Tochter laufend irgendetwas und löst es dann nicht ein. Was soll das?

Meine Mutter ist sehr nett zu mir. Ein Beispiel: Ich wurde insgesamt viermal aus ihrem Haus geworfen. Das erste Mal kam es dazu, als ich fünfzehn war, also packte ich meine Koffer und zog zu meiner Großmutter mütterlicherseits.

Beim zweiten Rauswurf war ich zwanzig Jahre alt, zog zu den Eltern meines damaligen Freundes und heiratete ihn! Beim dritten Mal lebten ich und Ana in der zweiten Wohnung meiner Mutter, und sie gab mir einen Monat Zeit, um auszuziehen, weil sie die Wohmung vermieten wollte, um Geld zu verdienen. Zu dieser Zeit war ich arbeitslos, ließ mich scheiden und machte meinen Abschluss an der Universität. Der Unterhalt, den ich von meinem Ex-Mann bekam, war gerade so ausreichend, dass Ana und ich überleben konnten. Sie hingegen hatte zwei Häuser. Meine Großmutter gab mir Kraft und half mir bei der Suche nach einer Zweizimmerwohnung. Als ich ging, ließ ich meiner Mutter als Bezahlung für ein paar Möbel und die Waschmaschine, die ich ihr weggenommen hatte, meinen gesamten Schmuck da, um wenigstens ein bisschen die Wogen zu glätten.

Ich bin etwas schuldig geblieben, das ist keine Frage, und ich bezahle, sobald ich kann! Das ist mein Motto.

Beim letzten Rauswurf war ich vierunddreißig Jahre alt und musste versprechen, dass ich niemals wiederkommen würde.

Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. Ich bin schließlich kein Politiker, der vor den Wahlen große Versprechen macht und sich dann gemütlich zurücklehnt.

Als ich mit einer Kollegin über dieses und andere Probleme sprach, sagte sie zu mir: „Ständig bemühst du dich um deine Familie, obwohl die nie für dich da ist!“

Meine Antwort: „Meine Liebe, denen laufe ich schon lange nicht mehr hinterher. Das ist ein für alle Mal vorbei, und ich habe beschlossen, mein Leben zu leben und mich nicht mehr in ihres einzumischen.“

Sie können gerne mit mir kommunizieren, aber wenn sie umziehen, hinterlassen sie mir weder die neue Adresse noch eine Telefonnummer. Manchmal muss ich Detektivin spielen und über das Internet herausfinden, wo ihr neues Versteck ist. Was soll ich machen? Leider verfüge ich nicht über einen Abschluss der okkulten Wissenschaften. Ich habe auch keine Kristallkugel parat, und außerdem denke ich, dass der brasilianische Komiker Chacrinha ganz richtiglag, als er sang: „Wer nicht kommuniziert, wird nicht erfolgreich sein.“

Wenn sie mich anrufen, rufe ich an, wenn sie mir schreiben, schreibe ich. Ich mache mir keine Sorgen mehr um diese Leute, die offensichtlich kein Interesse an mir haben. Nicht umsonst sagt man in Brasilien: „jeder Affe auf seinem Ast, oder jeder für sich und Gott für alle!“

Am schlimmsten ist es an Geburtstagen oder anderen besonderen Tagen: Weihnachten, Neujahr, Muttertag usw. Sie rufen immer zu früh, zu spät oder gar nicht an. Haben sie etwa einen anderen Kalender als ich?

Meine Mutter ruft immer erst eine Woche oder einige Tage nach meinem Geburtstag an. Ob sie überhaupt weiß, an welchem Tag ich geboren wurde? Oder hat mein Vater, weil er den 1. Januar für ein schönes Datum befand, den Beamten belogen, als er mich eintragen ließ?

Einmal schrieb ich meiner Mutter: „Ich schicke dir deine Geburtstagskarte deshalb zu spät, weil ich im Urlaub in Italien war.“

Interessant ist, dass sie daran nichts Seltsames fand. Hat sie meine Absicht dahinter verstanden?

3  Ohne Vorurteile

Ich hege keinerlei Vorurteile über Herkunft oder Religion. Für mich sind alle Menschen gleich, egal welche Hautfarbe sie haben, hell oder dunkel.

Für mich spielt es auch keine Rolle, ob sie katholischen, protestantischen, muslimischen oder buddhistischen Glaubens sind oder an Voodoo oder irgendeine andere Religion glauben.

Ich bin ein Mädchen von der Copacabana. In meiner Kindheit war der Strand sehr sauber. Zu unseren Füßen schwammen Fische im Wasser und wir jagten Tatuí (ein Krebs, der wegen der Umweltverschmutzung heute kaum noch vorkommt). Ich kam im Alter von fünf Jahren an und ging wieder mit dreizehn.

Ich lernte Gott und die Welt kennen und lebte in Siqueira Campos. Meine Eltern waren sehr beschäftigt und hatten nicht viel Zeit für mich, sodass ich mehrere Kindermädchen hatte, die wie Ersatzmütter für mich waren: Ich hatte schwarze, braune, weiße, freundliche, wundervolle Mütter, die sich gut um mich gekümmert haben. Als sie am Wochenende nach Hause gingen, heulte ich Rotz und Wasser, und meine Mutter fragte mich: „Willst du mitgehen?“

„Ja.“

So lernte ich die Viertel Mangueira, Caxias, Raíz da Serra, Nova Iguaçu, São Gonçalo, Baixada Fluminense und so weiter kennen. Es war einfach prima! Ihre Familien behandelten mich wie eine Prinzessin, und ich war glücklich.

Ich hatte zu allen Nachbarn ein gutes Verhältnis. Im dritten Stock lebte eine jüdische Frau, mit deren Enkelin Raquel ich mich sehr gut verstand. Wir spielten oft zusammen, und einmal gingen wir gemeinsam zum Sommercamp der Synagoge. Dort produzierten wir damals mehrere Kunstwerke und sangen in der Kirche. Soweit ich weiß, war ich katholisch. Am meisten mochte ich die Pausen, denn dann gab es immer leckere Kekse mit farbenfroher Götterspeise.

Manchmal besuchte ich die Nachbarin im zwölften Stock. Sie war Libanesin, und ich spielte mit ihren Töchtern Soraia und Vanda und mit ihrem Sohn Murat. Ich liebte die Kibbehs und Sfihas, die Fatma kochte.

Ich wohnte bei Amélia, die wie eine Großmutter für mich war. Sie half mir bei den Hausaufgaben und bot mir immer die köstlichen Dinge an, die sie zubereitete. Ihre Tochter Maria Clara nahm mich mit zu allen Partys und Hochzeiten, zu denen sie ging.

Mit der Peruanerin im sechsten Stock lernte ich, „Español“ zu parlieren (Spanisch).

Allerdings verbot mein Vater mir umgehend, zu Hause so zu sprechen, und verpasste mir eine Ohrfeige, nur weil ich einmal „Pica“ sagte, was auf Portugiesisch – anders als im Spanischen – „Penis“ bedeutet.

Ich lernte Marília Pera kennen. Sie lebte eine Weile in meinem Haus, zusammen mit Agildo Ribeiro, mit dem sie damals verheiratet war. Der spielte immer den Clown, wenn ich im vierten Stock in den Fahrstuhl stieg.

Im Hochhaus rechts von uns lebte eine Freundin namens Sara. Ihre Familie war nett, und wenn sie an den Strand gingen, riefen sie zu meinem Fenster hoch und fragten, ob ich mitkommen wollte. Ich habe sogar einmal mit ihnen auf einem Bauernhof Urlaub gemacht.

Und im Hochhaus links neben unserem hatte ich noch eine Freundin, Ivone. Sie war die Nichte der Köchin, die in einer schicken Wohnung, die die gesamte Etage zur Avenida Atlântica hin belegte, arbeitete. Wir gingen zusammen in die öffentliche Schule und sangen und sprangen, mal auf die weißen, dann wieder auf die schwarzen Stellen auf dem Muster der Copacabana-Promenade. Wir sahen, wie die Sonne wunderschön rotorange aufging und allmählich gelblich wurde.

Auf dem Rückweg von der Schule spielten wir Streiche. Zum Beispiel liefen wir sämtliche Garagen in der Avenida Atlântica oder Nossa Senhora de Copacabana rauf und runter. Die Hausmeister waren dementsprechend nicht gut auf uns zu sprechen.

Manchmal warfen wir unsere Schulranzen von der Promenade aus in den Sand und sprangen hinunter, um sie zurückzuholen. Wir kamen mit Sand verdreckt oder pitschnass nach Hause. Es gab Tage, an denen wir zwei echte Engel waren und nur die Schaufenster betrachteten.

Márcia war eine weitere, sehr arme Freundin. Sie hatte einen Bruder und lebte mit ihren Eltern in einer Wohnung zwei Häuser weiter. Bei ihr konnten wir spielen, bei mir war das verboten, mein Vater ließ uns nicht, obwohl wir viel mehr Platz hatten. Ich hatte große Angst vor ihrem Hund, weil er mich einmal gebissen hatte. Márcias Mutter war unheimlich nett.

Mein Kindermädchen Amélia war eine wundervolle Person mit einer fantastischen Hautfarbe von geröstetem Kaffee, Zähnen aus Perlmutt und einem Herz aus Gold. Ich nannte sie Arcanjica (eine Kombination aus dem portugiesischen Wort für Erzengel, Arcanjo, weil sie ein echter Engel war, und meiner Lieblingssüßspeise, Canjica, die sie immer für mich kochte). Manchmal besuchten wir ihre Freundin, die über dem Roxy-Kino arbeitete. Es war eine gute Strecke zu Fuß von Siqueira Campos bis Miguel de Lemos. Diese Familie war steinreich. Ich spielte mit deren Kindern im Wohnzimmer mit den teuersten Spielsachen, die ich je gesehen hatte: Puppenhäuser, Bleisoldaten, Porzellanpuppen mit Glasaugen, einem Schaukelpferd und vielem anderen mehr. Danach wurden immer wunderbare Leckereien aufgetischt: Butterkekse, Kuchen, feines Gebäck, Schokolade oder Tee, und ich genoss den Reis mit schwarzen Bohnen, Maniok und Bananen, den ich bei Arcanjica in der Favela (Armenviertel) bekam.

Als Teenagerin traf ich manchmal den Sänger Paulo Cezar, der im zehnten Stock wohnte. Zu dieser Zeit war er zwar noch kein berühmter Sänger, aber er sang bereits sein Lied „A Brisa“. Neben Miltinho hörte ich den ganzen Tag Bossa-Nova.

Vor unserem Haus befand sich der Plattenladen „Barroso“.

Auf der linken Seite war ein Laden, in dem die Strandbesucher eisgekühlten Matetee kaufen konnten. Die Verkäufer gaben mir immer ein Glas zum Probieren.

Auf der anderen Seite gab es einen Nachtclub, den ich nicht betreten durfte. Eines Morgens gelang es mir aber immerhin, einen Blick ins Innere zu erhaschen.

Ich lernte eine besonders tolle Freundin kennen. Sie sprach Spanisch, weil ihre Familie aus Argentinien kam. Ihre Eltern arbeiteten im Hotel an der Avenida Atlântica, das sich im gleichen Wohnblock wie mein Haus befand. Dank ihr konnte ich mein Spanisch verbessern, das ich mit der Peruanerin gelernt hatte. Wir fuhren tagein, tagaus mit dem Fahrrad um den Block. Meine jüngste Tante hatte mir ein schönes rotes Fahrrad geschenkt. Besser gesagt, sie hatte es mir vererbt, weil es ihr zu klein geworden war.

Ich fuhr jeden Tag zum Spielen zum Serzedelo Correia Platz.

Immer dabei war meine Hündin Bolota.

Zwei Hündinnen, die ich am Strand gefunden hatte, brachte ich mit nach Hause. Meine Mutter hatte sie daraufhin zu meiner Großmutter gebracht, aber ich durfte sie besuchen, Gott sei Dank!

Bei uns wohnten immer wieder verschiedene Leute: zuerst ein Mädchen aus dem Süden. Sie hatte einen VW-Käfer und fuhr mich damit herum.

Die zweite Bewohnerin bei uns war eine Deutsche: Sabine aus Hamburg. Von ihr habe ich gelernt, Zucchini mit Vinaigrette zuzubereiten. Sie ließ mich auch stets die deutschen Gerichte probieren, die sie kochte. Ihr Freund hieß Herbert, arbeitete für eine deutsche Fluggesellschaft und war ein wirklich netter Kerl. Er half mir bei den Schulaufgaben und band mir sogar meine Bücher und Hefte ein.

Bettina Müller vergötterte ich regelrecht. Sie war die dritte, die bei uns wohnte. Sie kam aus der Schweiz und arbeitete in einem Hotel. Ich brachte ihr Portugiesisch bei, und jeden Nachmittag, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, gingen wir gemeinsam an den Strand, badeten oder machten einen Spaziergang. Häufig machte sie mir Geschenke. Sie erzählte von der Schweiz und zeigte mir Bilder von Ländern, die ich mir damals nicht vorstellen konnte, die ich heute aber kenne. Einmal schenkte sie mir zu Ostern einen Schokoladenhasen von Kopenhagen (ein hervorragendes brasilianisches Schokoladengeschäft). Ich aß ihn ratzeputz auf und gab niemandem etwas davon ab. Bettina lebte fast zwei Jahre lang bei uns. Schade, dass sie uns irgendwann verlassen musste. Ich begleitete sie zum Hafen, und sie fuhr mit dem Schiff nach Europa zurück. Für eine Weile schrieben wir uns noch, aber irgendwann verloren wir den Kontakt.

Als der Vermieter meiner Mutter schließlich ein Vermögen gab, damit wir die Wohnung frei machten, zogen wir in das Haus meiner Großmutter.

4  Die Supermodernen

Meine Eltern sind hochmodern: Sie haben die sexuelle Revolution der Siebzigerjahre bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren vorweggenommen. Zu dieser Zeit konnten sie bereits als Experten auf diesem Gebiet gelten, und ich durfte ganz nebenbei ihre Sexualtherapeutin spielen. Eine Rolle, der ich wohl kaum gewachsen war, geschweige denn in der Lage dazu, irgendeine Meinung darüber abzugeben.

Meine Mutter berichtete mir detailliert von all ihren Beziehungen. Mein Vater erzählte mir ebenfalls von seinen Liebesbeziehungen, einmal sogar ausführlich von einer seiner Freundinnen. Sie war zwanzig Jahre jünger als er, arbeitete als Lehrerin und hatte zufällig denselben Namen wie meine Mutter. Das deutsche Adjektiv „komisch“ trifft es wohl am besten!

Über meine Intimangelegenheiten habe ich mit meinen Eltern nie gesprochen, diese Dinge bespreche ich nur mit einer oder zwei meiner Freundinnen, denen ich vertraue.

Rein psychologisch gesehen sind meine Eltern wohl ein wenig seltsam. Ich jedenfalls habe meinen Töchtern niemals etwas dahingehend anvertraut. Einmal habe ich versucht, Ana von einer sexuellen Vorliebe meiner Mutter zu erzählen, aber sie glaubte mir nicht und sagte:

„Du spinnst dir ganz schön was zusammen!“

„Liebe Tochter: Spinnen mag ich wohl, aber meinen Elektrakomplex, das Gegenteil des Ödipuskomplexes, habe ich schon vor langer Zeit abgelegt. Ich habe auch keine Ticks, und pervers bin ich auch nicht. Ich stehe auch nicht auf Partnertausch, den meine Mutter in Bezug auf unsere jeweiligen Partner immer wieder mal angeregt hat.“

Ich habe versucht, meine Eltern rein psychologisch einzuordnen, aber es ist recht kompliziert, weil sie ein bisschen von allem haben. Sie sind ein regelrechtes Potpourri. Eine meiner Tanten vertraute mir einmal an, dass meine Mutter bei einem Psychiater gewesen war und dass der Doktor von bestimmten Anomalien gesprochen hatte. Vielleicht hatte der Arzt recht!

Vor langer Zeit hat meine Großmutter mir mal einen Artikel in einer Zeitung gezeigt. Auf der ersten Seite waren meine Eltern abgebildet, auf einem Foto. Daneben stand, dass sie es ganz schön bunt treiben würden.

Einmal fand ich zufällig einige Pornomagazine in der Schublade der Kommode. Im Vergleich zu denen, die an den Kiosken verkauft wurden, waren sie abartig und pervers.

Vielleicht ist das alles erblich bedingt, denn ein Vorfahr meiner Mutter stand immer unter der Treppe und gaffte auf unsere Beine und unseren Po, wenn wir die Treppe zu seinen Haus hinaufgingen. Einmal ertappte ich ihn dabei, wie er mit seiner Hand über eine Büste fuhr, die allerdings nicht aus Bronze bestand, sondern an unserer Hausangestellten befestigt war. Als ich das Teenageralter erreicht hatte, wollte er mich leidenschaftlich abküssen. Ich habe mit meinen Eltern darüber gesprochen, aber sie hielten das anscheinend für normal, denn sie unternahmen nichts.

Tatsächlich hat meine Mutter ihren Freund öfter gewechselt als ihre Unterwäsche, besonders nachdem sie von meinem Vater getrennt lebte, aber wohl auch schon davor. Das Schlimmste für mich war, dass sie mich gezwungen hat, jeden ihrer Freunde mit Wangenküsschen zu begrüßen, obwohl ich sie nicht ausstehen konnte!

Mein Vater ist aber auch nicht von schlechten Eltern. Ich weiß nicht einmal, wie viele Freundinnen er schon hatte: verheiratet, geschieden oder befreundet. Ich weiß ja, dass lateinamerikanische Männer nicht besonders treu sind, aber mal im Ernst: Ist eine neue Frau nicht einfach nur ein neues Problem?

Es ist doch Unsinn, zu glauben, dass so ein hübsches junges Ding mit einem schönen Körper besser ist als die treue Freundin und Begleiterin, mit der man schon durch dick und dünn gegangen ist. Aber wenn es dann gut läuft, heißt es: auf Wiedersehen …

Was habt ihr Männer bloß in euren Köpfen … oder auch weiter unten? Im Endeffekt seid ihr die Ausgeschmierten, denn die süße Kleine will euch doch nur an den Geldbeutel!

Ich denke, dasselbe gilt für Frauen. Wechselt frau mit den Männern nicht nur ihre Probleme? Ist das wieder mal so eine brasilianische Neurose? Jetzt wird eifrig durchgewechselt! Alle machen einen auf Hollywoodstar oder Seifenoper-Sternchen. Seid ihr noch bei Sinnen? Wo sind Liebe, Respekt und Rücksichtnahme geblieben, ganz zu schweigen von den Kindern, die für all das nichts können?

Ich verstehe durchaus, wenn sich Paare vor dem dritten Ehejahr wieder scheiden lassen, weil sie nicht miteinander auskommen. Aber was will man denn nun nach zahllosen gemeinsamen Jahren?

Meine Großmutter sagte immer, und das unterschreibe ich zu einhundert Prozent:

„Wer Fleisch will, muss auch am Knochen nagen!“

Mein Vater wollte auch mit zwei Frauen gleichzeitig zusammen sein: mit meiner Mutter und seiner Frau. Es gibt einen wunderschönen Roman von Jorge Amado: „Dona Flor und ihre zwei Ehemänner.“ Vielleicht wollte er die männliche Version der Hauptprotagonistin darstellen. Das gäbe auch ein prima Buch ab, ließe sich verfilmen und würde vermutlich alle Zuschauerrekorde brechen. Irgendwann verlor ich dann die Beherrschung und stritt mich mit ihm. „Sie sollten sich was schämen, Senhor Bonacelli!“

Die hatten es allesamt faustdick hinter den Ohren, aber ich behielt recht! Seine Frau musste ja irgendwann die Nase voll haben von ihrem Casanova – wen wundert’s!

Ich habe von meiner Mutter erfahren, dass mein Vater jetzt, da er alt ist, ständig von seiner geliebten Frau aus seinem Haus geworfen wird und gelegentlich irgendwo in der Innenstadt absteigen muss. Meine Mutter wechselte derweil ihr Mäntelchen, wurde religiös, spirituell, prüde und zur Nonne. Da schau mal einer an! EIN WAHRER ENGEL!!

5  Die erste Odyssee

Hier in Deutschland beantragen viele Ausländer politisches Asyl. Ich beantragte Familienasyl. Mir wurde nämlich sehr übel mitgespielt: Ich war im Klassenzimmer und unterrichtete Musik in der Schule. Man rief mich ans Telefon im Sekretariat mit dem Hinweis, dass es dringend sei. Wenn man in Brasilien so etwas hört, denkt man automatisch als Erstes: „Wer ist gestorben oder wurde ermordet?“ Meine Mutter war am Telefon. Sie sagte: „Ich bin gerade nach Hause gekommen und habe die Freundin deiner Tochter mit ihrem Freund überrascht, wie sie sich auf meiner Couch geküsst haben. Du hast vierundzwanzig Stunden Zeit, um mit deiner Tochter hier auszuziehen.“

Ich dachte: Was habe ich denn getan? Ich bin doch hier in der Schule und nicht zu Hause! Was habe ich damit zu tun? Meine Mutter gab mir nicht einmal die Zeit, darauf zu antworten, sondern fuhr fort: „Das ist alles deine Schuld, und am Ende wird Ana (meine vierzehnjährige Tochter) sich hingeben wie ihre Freundin.“

Ich ging noch mal in mich: Woran soll ich denn schuld sein? Es geht doch um Anas Freundin, nicht um mich? Was soll ich tun? Dem Mädchen einen Keuschheitsgürtel anlegen? Sind wir etwa im Mittelalter?

Und wer hätte gedacht, dass meine Mutter, die ja nicht gerade ein Unschuldslamm war, mir nichts, dir nichts einen auf Puritanerin machte. Ich versuchte, die Situation zu beschwichtigen, aber nach ein paar Tagen teilte meine Mutter mir schließlich mit: „Ana kann bleiben, aber du musst gehen.“