Ein Porträt meines Vaters - George W Bush - E-Book

Ein Porträt meines Vaters E-Book

George W Bush

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Beschreibung

Ein Stück amerikanische Geschichte: Das Leben des einen Präsidenten, betrachtet durch die Augen eines anderen Beide waren sie Präsident der USA: George H.W. Bush und sein Sohn George W. Bush. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr hat nun George W. Bush über den Vater geschrieben: eine intime, aufrichtige und erhellende Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. Das Leben des George Herbert Walker Bush ist eine großartige amerikanische Story. Wegen des Angriffs auf Pearl Harbor und gegen den Wunsch seines Vaters verschob er seinen Studienantritt und flog stattdessen Torpedobomber im Zweiten Weltkrieg. Nachdem er zahlreiche Kampfeinsätze im Pazifik überlebt hatte, kehrte er nach Hause zurück, um Barbara Pierce zu ehelichen - eine Frau, die im Verlauf der nächsten Jahrzehnte sowohl ihren Mann als auch ihren Sohn ungemein beeinflussen sollte. Dank seiner militärischen Auszeichnungen und seines Yale-Abschlusses wäre George H.W. Bush ein überaus gefragter Mann an der Wall Street gewesen. Aber ihn lockte das Abenteuer, und gemeinsam mit seiner jungen Familie zog er in den Westen von Texas. Der Autor George W. Bush erinnert sich an seine Kindheit im texanischen Midland und nimmt genau unter der Lupe, wie sein Vater dort neue persönliche Beziehungen aufbaute, seinen Instinkten folgte und sich immer wieder auf Risiken einließ - in der Wirtschaft wie in der Politik. Bush Senior baute in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht nur ein erfolgreiches Ölunternehmen auf, er kam auch innerhalb der Republikanischen Partei zu großem Einfluss. Mit großer Sachkenntnis beschreibt nun sein Sohn die bemerkenswerte wie ereignisreiche politische Laufbahn des George H.W. Bush. Auf die schmerzlichen Niederlagen bei den texanischen Senatswahlen in den Jahren 1964 und 1970 folgte das Engagement als Diplomat und CIA-Direktor, bevor Bush senior acht Jahre lang als Ronald Reagans Vize agierte und schließlich 1988 selbst zur Wahl zum Präsidenten der USA antrat. Während seiner vier bedeutsamen Jahre im Oval Office führte er die Nation zu einem friedlichen Ende des Kalten Krieges, leitete die Befreiung von Panama und Kuwait in die Wege und legte mit seinem wirtschaftlichen Entscheidungen den Grundstein zu einem neuerlichen Aufschwung. Die Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen 1992 war eine herbe Enttäuschung, doch er überwand seinen Schmerz: Sein damaliger Rivale, Bill Clinton, sollte später sogar sein Freund werden. Ein Porträt meines Vaters ist mehr als nur eine gewöhnliche Biografie geworden. Es gewährt auch einen Einblick in die Lehren, die der Sohn aus der Beobachtung seines Vaters zog - eines Mannes, den er bewundert und verehrt. Er erörtert den Einfluss seines Vaters auf seinen eigenen politischen Weg und erzählt, wie ihn dessen ruhige und emotional ausgewogene Unterstützung durch schwierige Zeiten geleitete. George H.W. Bush ist einer der bedeutendsten amerikanischen Politiker des 20. Jahrhunderts und ist mittlerweile ein hoch angesehener Elder Statesman. Dieses Buch ist eine spannende Hommage an einen inspirierenden Vater und großartigen Amerikaner. - die ultimative Insider-Geschichte über eine der einflussreichsten Familien Amerikas - unverzichtbare Lektüre vor der US-Präsidentschaftswahl 2016

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Aus dem amerikanischen Englischen übersetzt

von Paul Fleischmann

IMPRESSUM

Der Autor: George W. Bush

Deutsche Erstausgabe 2015

Amerikanische Originalausgabe mit dem Titel

„41 – A Portrait Of My Father“

ISBN: 978-0-553-44778-1

© 2014 by George W. Bush

by Crown Publishers, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Random House LLC, a Penguin Random House Company, New York.

Coverfoto: © White House photograph by Eric Draper / Courtesy George W. Bush Presidential Library and Museum

Ölbild Seite 2 © Präsident George W. Bush

Foto des Ölbildes auf Seite 2 © Grant Miller

Lektorat/Korrektorat: Dr. Matthias Auer

Übersetzung: Paul Fleischmann

Layout und Satz: Thomas Auer, www.buchsatz.com

© 2015 by KOCH International GmbH, A-6604 Höfen

ISBN 978-3-85445-486-1

Auch als Hardcover erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-485-4

Hinweis für den Leser:

Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, digitale Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden. Der Autor hat sich mit größter Sorgfalt darum bemüht, nur zutreffende Informationen in dieses Buch aufzunehmen. Es kann jedoch keinerlei Gewähr dafür übernommen werden, dass die Informationen in diesem Buch vollständig, wirksam und zutreffend sind. Der Verlag und der Autor übernehmen weder die Garantie noch die juristische Verantwortung oder irgendeine Haftung für Schäden jeglicher Art, die durch den Gebrauch von in diesem Buch enthaltenen Informationen verursacht werden können. Alle durch dieses Buch berührten Urheberrechte, sonstigen Schutzrechte und in diesem Buch erwähnten oder in Bezug genommenen Rechte hinsichtlich Eigennamen oder der Bezeichnung von Produkten und handelnden Personen stehen deren jeweiligen Inhabern zu.

WIDMUNG

In Liebe, für Mutter und Dad

INHALT

Anmerkung des Autors

Anfänge

Krieg

Bildstrecke 1

Westwärts

Der Kandidat

Der Mann im Haus

Diplomat

Vize

Im Handumdrehen

Bildstrecke 2

Der Weg ins Weiße Haus

Nummer 41

Das härteste Jahr

Das Leben danach

Bildstrecke 3

Danksagungen

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ANMERKUNG DES AUTORS

EIN PAAR MONATE, nachdem wir aus dem Weißen Haus ausgezogen waren, luden Laura und ich Tim Lawson mit seiner Frau Dorie McCullough Lawson auf unsere Ranch im texanischen Crawford ein. Ich hatte Tim, der ein echter Künstler und kein Amateur wie ich ist, damit beauftragt, einige Ansichten von den von uns so geliebten Landstrichen zu malen.

Während Tim also die einheimischen Präriegräser und Eichen beobachtete, unterhielten Dorie und ich mich über ihren Vater, David McCullough, den angesehenen Historiker und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Biografen von John Adams. Ich erzählte ihr, dass es eines der Highlights meiner Präsidentschaft gewesen sei, ihn kennenzulernen.

Nachdem sie mich bezüglich seines Wohlbefindens sowie seiner nächsten Projekte auf den neuesten Stand gebracht hatte, sagte Dorie: »Sie sollten wissen, dass es mein Vater bei seinen Studien zu John Adams wirklich sehr bedauerte, dass es keine ernsthaften Berichte und Darstellungen seitens seines Sohnes John Quincy Adams gab.«

Natürlich wusste sie über die Verbindung zwischen mir und John Quincy Bescheid: Wir sind die einzigen Präsidentensöhne, die selbst als Präsidenten amtierten. »Im Interesse der Geschichtsschreibung«, meinte Dorie, »sollten Sie ein Buch über Ihren Vater schreiben.«

Zu jener Zeit arbeitete ich gerade an Memoiren zu meiner eigenen Präsidentschaft. Aber Dories Idee bereitete den Boden, auf dem schließlich dieses Buch wachsen sollte.

Ich vermute, dass es in Zukunft viele Bücher geben wird, die sich mit George Herbert Walker Bush – dem Mann und seiner Präsidentschaft – auseinandersetzen. Einige davon werden sich der Materie objektiv nähern. Das tut dieses hier nicht. Mein Buch ist eine Hommage – ein persönliches Porträt des außergewöhnlichen Mannes, den ich meinen Vater nennen darf.

Ich behaupte nicht, jeden Aspekt seines Lebens oder seiner Jahre im öffentlichen Dienst abzudecken. Ich hoffe aber, demonstrieren zu können, warum George H.W. Bush ein großer Präsident war und ein sogar noch besserer Vater ist.

Es war ein großes Vergnügen, dieses Buch zu schreiben. Ich hoffe, es ist ein ebensolches Vergnügen, es zu lesen.

ANFÄNGE

IM SPÄTEN MAI 2014 erhielt ich einen Anruf von Jean Becker, der langjährigen Stabschefin meines Vaters. Sie kam sofort auf den Punkt.

»Ihr Vater will an seinem 90. Geburtstag einen Fallschirmsprung machen. Was halten Sie davon?«

Ungefähr 18 Monate zuvor hatte sich Jean bezüglich der Vorkehrungen für die Bestattung meines Vaters bei mir gemeldet. Er hatte wegen einer Lungenentzündung fast einen Monat im Krankenhaus verbracht, und viele befürchteten bereits, dass dieser gute Mann bald das Zeitliche segnen würde. Er konnte nicht mehr gehen und ermüdete sehr schnell. Bei meinen Telefonaten mit ihm jammerte Dad nie. Selbstmitleid ist kein Bestandteil von George Bushs DNA. Und nun hoffte er, einen weiteren Fallschirmsprung in Angriff nehmen zu können – den achten seines Lebens, darunter auch jener, den er aus einem Torpedobomber heraus unternahm, als er von japanischen Flugabwehrstellungen im Jahr 1944 über dem Pazifik getroffen worden war.

»Bist du dir sicher, dass er das machen will?«, fragte ich

»Absolut«, meinte sie.

»Was sagen denn die Ärzte?«

»Manche erlauben es, andere sind dagegen.«

»Und was ist mit Mutter?«

»Sie hat Bedenken. Sie weiß, dass er es tun will. Allerdings befürchtet sie, dass ihn der Sprung überanstrengen könnte und er danach nicht mehr fit genug ist, die Geburtstagsfeier zu genießen, die sie für ihn an diesem Abend geplant hat.«

Nach einer Denkpause sagte ich: »Ich glaube, er sollte es tun.«

»Warum?«

»Weil es ihm das Gefühl geben wird, jünger zu sein.«

In Wahrheit zählte meine Meinung jedoch nicht viel. Nachdem er bereits an seinem 85. Geburtstag gesprungen war, verkündete mein Dad, auch an seinem 90. Geburtstag springen zu wollen. Und George H.W. Bush steht zu seinem Wort.

Ein paar Wochen später trafen Laura und ich zu den Geburtstagsfeierlichkeiten in Kennebunkport, Maine, ein. Die Planung des Sprungs war bereits abgeschlossen, die Feier arrangiert, und auch Mutter schien mittlerweile überzeugt.

Am Nachmittag vor dem Sprung saß ich neben Dad auf der Veranda seines geliebten Walker’s Point, dem Bush-Anwesen, das sich auf einer in den Atlantik hineinreichenden Felszunge befindet. Ich hatte eine Meeresansicht gemalt und trug mit Ölfarbe befleckte Cargohosen. Ein paar friedvolle Minuten lang starrten wir beide schweigend auf den Ozean hinaus.

»Worüber denkst du nach, Dad?«, fragte ich.

»Es ist einfach nur so schön«, sagte er, ohne dabei seinen Blick von der See abzuwenden. Es schien, als hätte er damit alles gesagt, was er hatte sagen wollen.

Still saßen wir ein paar weitere Minuten so da. Dachte er etwa über den Sprung nach? Sein Leben? Gottes Gnade? Ich wollte ihn nicht unterbrechen.

Dann sprach er: »Gibt es denn diese Hosen auch in Sauber?«

Ich lachte, etwas, das ich mein ganzes Leben lang mit meinem Vater getan habe. Diese Bemerkung war typisch. Weder der Sprung noch sein Leben bereiteten ihm Sorgen. Er ruhte in sich selbst und ließ andere an seiner Freude teilhaben.

Der Morgen des Geburtstags am 12. Juni war kühl und grau. Es wehte eine leichte Brise mit vielleicht 25 Stundenkilometern. Zuerst befürchteten wir, dass die Wolken eventuell eine Änderung der Logistik erzwingen würden. Glücklicherweise entschieden die erfahrenen Fallschirmjäger der All Veteran Group, die den Sprung koordinierten, dann aber, dass die Sicht in Ordnung sei. Die Mission blieb auf Schiene.

Die Crew ließ den Helikopter, einen Bell 429, an. Er stand auf dem saftig grünen Rasen vor dem einstöckigen Holzhaus, das meinem Dad auf Walker’s Point als Bürogebäude diente. Mein Vater trug einen maßgeschneiderten schwarzen Sprunganzug, den ein Aufnäher mit der Aufschrift »41@90« zierte. Vor dem Abflug umfasste sein Programm noch die Einholung der Wetterfreigabe, eine Kontrolle seines Gurts sowie ein Interview mit meiner Tochter Jenna, einer Korrespondentin der TV-Show TODAY. Sogar angesichts seines unmittelbar bevorstehenden Sprungs nahm er sich gerne die Zeit, um seine Enkelin zu unterstützen.

»Was wünschst du dir für deinen 90. Geburtstag?«, fragte Jenna ihn ganz direkt.

»Dass alle meine Enkelkinder glücklich sind«, antwortete er. »Ich hoffe, dass ihr Leben genauso wie meines seit 90 Jahren ist – voller Freude.«

Allerdings fügte er noch einen weiteren Wunsch hinzu, nämlich den, »dass sich der Fallschirm öffnen möge«.

Sowohl seine Familie als auch seine Freunde versammelten sich um die Landezone, den Rasen der Kirche meiner Eltern, St. Ann’s, wo Dad bereits fünf Jahre zuvor gelandet war. Außerdem hatten seine Eltern hier vor 93 Jahren geheiratet. Meine Mutter drückte es auf die ihr eigene Art wie folgt aus: Falls er den Sprung nicht überleben sollte, habe er es wenigstens nicht weit zu seiner Grabstätte.

Ungefähr um 10 Uhr 45 kam eines der Mitglieder des Sprungteams auf mich zu.

»Mr. President«, sagte er, »Ihr Vater ist in der Luft.«

Ein paar Minuten später konnten wir einen kleinen Punkt in der Luft erkennen. Es war der Hubschrauber, der sich in zwei Kilometer Höhe befand. Nachdem er einen Kreis über der Kirche geflogen war, konnten wir erkennen, wie sich einige Fallschirme öffneten. Zwei gehörten den Springern, die damit betraut waren, den Sprung meines Dads auf Video festzuhalten. Ein weiterer war in Rot, Weiß und Blau gehalten und trug Dad sowie das Springer-Ass Mike Elliott, der schon zum dritten Mal mit ihm sprang und insgesamt bereits auf 10.227 Sprünge zurückblicken konnte. Unter dem Jubel der Menge näherte sich das Sprungtandem dem Boden.

»Die sind aber wild unterwegs«, sagte mein Bruder Marvin leicht besorgt.

Er hatte Recht. Der Wind hatte den Fallschirm vom Kurs abgebracht, aber Mike korrigierte die Richtung während des finalen Sinkflugs. Dad plumpste zu Boden, rutschte ein paar Meter über die Erde und fiel schließlich vornüber aufs Gesicht.

Die Menge hielt den Atem an. Hatte er sich etwa wehgetan? Niemand bewegte sich, bis ihn die Bodencrew aufhob und ihn in seinen Rollstuhl setzte. Die Enkelkinder stimmten im Chor »Happy Birthday« an, um ihre Besorgnis zu überspielen.

Schließlich teilte sich vor ihm das Meer aus Uniformen, und George H.W. Bush lächelte.

Mutter und ich gingen auf Dad zu. Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss. Darauf schüttelte ich ihm die Hand und umarmte ihn.

»Wie hat es sich angefühlt?«, fragte ich.

»Kalt«, meinte er.

»Ich bin jedenfalls stolz auf dich, Dad«, sagte ich. »Das war ein toller Sprung.«

Er deutete auf seinen Partner. »Mike hat die ganze Arbeit gemacht«, erwiderte er.

Dieser Moment war beispielhaft für den Charakter von George Bush: Er war immer wagemutig und couragiert, strebte stets nach neuen Abenteuern und Herausforderungen. Er war aber auch stets bescheiden und teilte gerne die Anerkennung mit anderen. Er lenkte die Aufmerksamkeit von sich weg und weigerte sich, mit seinen Leistungen zu prahlen. Und am meisten ging er in seiner Familie und seinem Glauben auf. Nichts machte ihn glücklicher, als an einem Ort, den er mit so vielen schönen Erinnerungen verband, von seiner Ehefrau, seinen Kindern und Enkeln umgeben zu sein.

Nach dem Sprung kehrte Dad zurück nach Walker’s Point, um zu essen, ein Nickerchen zu machen und sich danach auf die abendliche Geburtstagsfeier mit 250 Familienmitgliedern, Freunden und Vertretern seiner ehemaligen Regierungsmannschaft vorzubereiten. Zum Mittagessen belohnte er sich selbst mit einer Bloody Mary. Dann rief ihn sein Freund Arnold Schwarzenegger an, der Filmstar und ehemalige Gouverneur von Kalifornien.

»Alles Gute zum Geburtstag«, wünschte Arnold, »für den härtesten Neunzigjährigen, den ich kenne!«

Ich stimmte mit Arnolds Einschätzung überein. George H.W. Bush hat für viele Menschen in vielerlei Hinsicht ein gutes Beispiel abgegeben. Er ist entschlossen, sein Leben voll auszuschöpfen – bis zum Schluss.

WALKER’S POINT, die Kulisse, vor welcher sich der Geburtstagssprung meines Vaters abspielte, ist ein passender Ort, um mit der Geschichte von George Herbert Walker Bush zu beginnen. Die idyllischen elf Morgen umfassen eine zerklüftete Landzunge, die sich von der Südostküste Maines in der Nähe von Kennebunkport in den Atlantischen Ozean erstreckt. Der Großvater meines Vaters, sein Namenspatron George Herbert Walker, hatte das Grundstück um die Jahrhundertwende erstanden. G.H. Walker, den seine Familie und Freunde Bert riefen, nahm in jeder Lebenslage leidenschaftlich an Wettbewerben teil. In seinen jungen Jahren spielte er wettkampfmäßig Polo und hielt außerdem sogar kurzfristig in Missouri den Titel des Schwergewichtsmeisters im Boxen. Später war er dann ein ausgezeichneter Golfer, der daran beteiligt war, den Walker Cup, ein Golfturnier zwischen amerikanischen und britischen Amateuren, ins Leben zu rufen.

Bert Walkers kompetitiver Charakter übertrug sich auch aufs Geschäftsleben, wo er sich einen Ruf als tatkräftiger Unternehmer erwarb. Im Alter von 25 gründete er seine eigene Investmentfirma in seiner Heimatstadt St. Louis. Nach ein paar erfolgreichen Jahren begab er sich dann auf eine größere Bühne, New York City. Dort verbündete er sich mit einem weiteren geschickten Investor namens William Averell Harriman und wurde zum Präsidenten von W.A. Harriman & Company ernannt. Bert Walker scheute sich nicht, Geld zu riskieren, und schon gar nicht, es auszugeben. Er besaß eine Yacht, mehrere Rolls Royce sowie Immobilien an der ganzen Ostküste – darunter eben auch Walker’s Point, das sich als einzige davon noch immer im Familienbesitz befindet.

Als Vater zeichnete Bert Walker erzieherische Strenge gegenüber seinen Söhnen aus. Sein Jüngster – er hieß Lou – kreuzte einst betrunken zu einem Turnier für gemischtes Doppel im Tennisclub von Kennebunkport auf. Die ganze Familie hatte sich für diese Veranstaltung versammelt. Als Bert Walker, der mit Krawatte um den Hals am Spielfeldrand stand, die Verfehlung seines Sohnes auffiel, zerrte er ihn vom Platz. Wieder zurück auf Walker’s Point ließ er Lou in seinem Büro antreten. Bert Walker machte ihm klar, dass sein Benehmen das Ansehen der Familie befleckt habe. Dann sprach er die Strafe aus: Er durfte nicht wie vorgesehen für das nächste Semester an die Universität von Yale zurückkehren, sondern wurde dazu verdonnert, ein Jahr in den Kohleminen von Pennsylvania zu schuften. Betrunken zum Tennis zu erscheinen, war unhöflich und respektlos – und ein solches Fehlverhalten wurde nicht geduldet.

Ganz im Gegensatz dazu, wie er seine Söhne behandelte, überschüttete Bert Walker seine beiden Töchter hingegen mit Zuneigung. Seiner jüngeren Tochter Dorothy, die 1901 in Kennebunkport zur Welt kam, begegnete er besonders warmherzig. Und im Gegenzug vergötterte Dorothy Walker ihren Vater. Irgendwie gelang es ihr, einerseits ein paar seiner besten Eigenschaften zu erben und andererseits mit Blick auf sich selbst seine rauen Ecken und Kanten ein wenig abzuschleifen. Später sollte sie diese Qualitäten ihrerseits an ihren Sohn George Herbert Walker Bush weitergeben.

Wie schon ihr Vater hatte auch meine Großmutter einen unstillbaren Appetit auf Wettbewerb. Meine Mutter bezeichnete sie einmal als »kompetitivste lebende Person«. Dies war ein Titel, den sie sich bei allen erdenklichen Wettkämpfen – vom Tennis bis zum Flohhüpfen – redlich verdient hatte. So forderte sie einmal eine Freundin heraus, von Walker’s Point bis zum Kennebunk River Club, der fast zwei Kilometer entfernt lag, zu schwimmen. Da sie dachte, sie würde bloß scherzen, gab die Freundin nach ein paar hundert Metern auf. Meine Großmutter legte jedoch im eisigen Wasser des Atlantiks die volle Distanz zurück. Ihre legendärste Heldentat war allerdings die Teilnahme an einem innerfamiliären Softball-Spiel, als sie bereits im neunten Monat schwanger war. Sie schlug dabei einen Homerun und verkündete, nachdem sie die Homebase überquert hatte, dass die Wehen eingesetzt hätten.

Meine Großmutter hatte indes ihre Begeisterung zum Zeitpunkt des Triumphs unter Kontrolle, blieb stets demütig und verlangte von ihren Kindern, es ihr gleichzutun. Sie erwartete, dass man als Sieger würdevoll war, sich als Verlierer sportlich verhielt und sich immer Mühe gab, jederzeit sein Bestes zu geben. Sie wies ihre Kinder an, ihre persönlichen Leistungen herunterzuspielen und die Anerkennung für selbige mit anderen zu teilen. Ihre oberste Regel war dabei, dass man niemals angeben dürfe. Wie sie die Dinge sah, war Arroganz gänzlich unattraktiv und etwas, das jemand, der über Selbstvertrauen verfügte, nicht nötig hatte. »Niemand mag einen Prahlhans«, pflegte sie zu sagen.

Als mein Vater noch ein Kind in Greenwich, Connecticut, war, erkundigte sich meine Großmutter bei ihm, wie eines seiner Baseballspiele verlaufen sei.

»Es war toll«, antwortete er. »Ich habe einen Homerun gemacht.«

»Das ist schön, George«, erwiderte sie.

Dann aber fühlte sie ihm auf den Zahn »Aber wie hat sich das Team geschlagen?«

Ein anderes Mal erklärte mein Dad ihr, dass er ein Tennismatch verloren habe, weil er nicht zu seinem Spiel habe finden können.

»Du hast doch noch gar kein Spiel«, schalt sie ihn. »Wenn du dir mehr Mühe gibst, dann entwickelst du vielleicht eines.«

Die Lektionen meiner Großmutter in puncto Demut blieben meinem Vater sein ganzes Leben im Bewusstsein. Während des Präsidentschaftswahlkampfes im Jahr 1988 begleitete ich ihn in den National Press Club in Washington D.C. Er war dort, um sein Wissen in Bezug auf Weltpolitik zu teilen beziehungsweise Fragen aus dem Publikum zu beantworten. George Bush kannte die politischen Sachverhalte in- und auswendig. Sein Umgang mit Fragen bezüglich der Beziehungen zur Sowjetunion und Mittelamerika glich einem Parforce-Ritt.

Zum Abschluss erkundigte sich der Moderator dann noch unbeschwert bei meinem Vater, warum er denn eine rote Krawatte umgebunden habe.

Diese Frage erwischte ihn auf dem falschen Fuß. Von meinem Stuhl aus, der neben dem Rednerpult stand, konnte ich ihn dabei beobachten, wie er um eine Antwort rang. Ich versuchte einzusagen: »Weil ich Bratensaft auf meine blaue gespritzt habe.«

Er griff den selbstironischen Spruch auf, und der ganze Saal explodierte vor Lachen. Doch dann ruinierte er den Moment, indem er hinzufügte: »Dafür hat man einen Sohn.«

Das war typisch für meinen Vater. Mir wäre es egal gewesen, nicht als Urheber der Pointe genannt zu werden, schließlich wollte ich ja nur, dass er gut dastand. Aber George Bush war einfach zu bescheiden, um das so stehenzulassen …

Dorothy Walker Bush war eine tiefgläubige Frau. Sie las ihren Kindern jeden Morgen während des Frühstücks Bibelverse vor. Eine ihrer Lieblingsstellen war aus dem Buch der Sprüche, 27,2: »Ein anderer rühme dich, und nicht dein eigener Mund.« Von der Familie erwartete sie, dass sie jeden Sonntag zur Kirche ging – üblicherweise entweder in die Christ Church in Greenwich oder St. Ann’s in Kennebunkport.

Obwohl Religion eine zentrale Rolle in ihrem Leben einnahm, brachten sie ihre Überzeugungen nie dazu, über andere streng zu richten. Ihr Glaube war fest und unnachgiebig und erlaubte es ihr, in überschwänglichem Maße Liebe zu schenken. Wenn ich an sie denke, kommen mir die Worte engelsgleich und selig in den Sinn. Eine meiner liebsten Erinnerungen ist, wie wir sie und meinen Großvater in Greenwich besuchten, als ich noch klein war. Sie kitzelte meinen Rücken, wenn wir uns vor dem Schlafengehen niederknieten, um ein Gebet aufzusagen: »Müde bin ich, geh zur Ruh …«

Meine Großmutter brachte meinem Vater eine spezielle Form der Liebe entgegen. So berichtete mir einst sein Bruder Jonathan: »Mom liebte uns alle, aber deinen Vater liebte sie noch mehr.« Und er fuhr fort: »Das Erstaunliche daran ist, dass ihm dafür niemand grollte. Wir liebten ihn ja auch.« Es sagt viel über meine Großmutter und meinen Vater aus, dass die Familie so dachte. Als Dorothy im Alter von 91 Jahren verstarb, nannte sie Dad »das Licht der Familie … die Kerze, um die sich alle Motten scharten«. Von allen Einflüssen in seinem Leben trug niemand mehr dazu bei, seinen Charakter zu formen, als seine Mutter.

IM HERBST DES JAHRES 1919, kurz nachdem sie ihren 18. Geburtstag gefeiert hatte, lernte Dorothy Walker in ihrer Heimatstadt St. Louis Prescott Bush kennen. Er maß 1 Meter 93 und wog 90 kg, ohne dabei auch nur ansatzweise fettleibig zu sein. Er hatte rabenschwarze Haare, eine tiefe Baritonstimme und ein großes, breites Lächeln. Prescott Bush war zum Haus meiner Großmutter gekommen, weil er ihre ältere Schwester Nancy, die er unlängst in einem lokalen Geselligkeitsverein kennengelernt hatte, besuchen wollte. Als er Dottie Walker sah, wie sie nach einem nachmittäglichen Tennismatch den Raum betrat, war er hin und weg. Bald schon beruhte das Gefühl auf Gegenseitigkeit.

So wie Dorothy Walker war auch Prescott Bush im Mittleren Westen aufgewachsen. Sein Vater, S.P. Bush, betrieb in Columbus im Bundesstaat Ohio einen Fertigungsbetrieb namens Buckeye Steel. Als begeisterter Sportsmann half S.P. dabei, eine lokale Baseballliga zu organisieren, stand als Assistenztrainer beim Football-Team von Ohio State in Diensten und war außerdem noch Mitbegründer des Scioto Country Club, der über einen von Donald Ross entworfenen Golfplatz verfügte, auf dem Bobby Jones 1926 die U.S. Open gewann und ein junger Jack Nicklaus, der es später noch weit bringen sollte, zu spielen lernte.

Nachdem er seine Kindheit in Columbus verbracht hatte, verschlug es Prescott Bush an die Ostküste, konkret nach Rhode Island, wo er die Internatsschule St. George’s besuchte. Er war ein exzellenter Schüler und so wie schon sein Vater ein ausgezeichneter Athlet. Seine besten Sportarten waren Baseball und Golf. Auch wenn er jetzt vielleicht nicht unbedingt als ein Jack Nicklaus durchging, so war mein Großvater dennoch wohl der beste Golfer, der in unserer Familie je das Eisen schwang. Er war fast Zeit seines Lebens ein sogenannter Scratch-Golfer, trat bei den U.S. Senior Open an und vollendete mehr als nur einmal eine Runde mit weniger Schlägen als er zum entsprechenden Zeitpunkt Lebensjahre auf dem Buckel hatte.

Das College besuchte Prescott in Yale. Es war sein eigener Großvater James Smith Bush gewesen, der am Anfang dieser Familientradition stand. Der herausragende First Baseman seines Baseballteams war außerdem als Golfer so gefragt, dass er vom Golf-Team regelmäßig für die schwersten Begegnungen aufgestellt wurde. An manchen Tagen drosch er vormittags Bälle über den Golfplatz und nachmittags über die Baseballanlage. Außerdem hatte er auch eine großartige Stimme. Er sang im Yale Glee Club und bei den Whiffenpoofs. Obwohl wir einige von Prescotts Qualitäten vererbt bekamen, ließ das Gesangstalent beim männlichen Teil des Familienastes meines Vaters leider immer mehr nach …

1916, kurz bevor er sein Abschlussjahr antrat, gehörte mein Großvater zu einer Handvoll von Yale-Studenten, die sich freiwillig zum aktiven Dienst bei der Nationalgarde Connecticuts meldeten. Als die USA schließlich in den Ersten Weltkrieg eintraten, setzte Lieutenant Bush als Offizier der Feldartillerie nach Frankreich über, wo er zehn Wochen unter dem Kommando von General John »Black Jack« Pershing an der Front verbrachte. Nach der Kapitulation Deutschlands diente er noch als Besatzungssoldat, bevor er letztlich im Rang eines Captains nach Hause zurückkehren durfte. Seine Entscheidung, sich freiwillig zu melden, sollte bei meinem Vater im Übrigen einen tiefen Eindruck hinterlassen und dazu führen, dass er selbst eine Generation später den gleichen Entschluss fasste.

Nach dem Krieg nahm Prescott Bush eine Stelle als stellvertretender Leiter bei Simmons Hardware in St. Louis an, wo ihm auch schon bald Dorothy Walker über den Weg laufen sollte. Sie heirateten schließlich 1921 in der St. Ann’s-Kapelle in Kennebunkport. (Ich glaube aber kaum, dass sie sich damals den Fallschirmsprung, der 93 Jahre später stattfinden sollte, hätten vorstellen können.) Als Geschenk ließ Bert Walker dem jungen Ehepaar einen Bungalow auf Walker’s Point errichten. Das Haus steht heute noch und wird mittlerweile von meiner Schwester Dorothy bewohnt, die nach unserer Großmutter benannt ist.

In den ersten Jahren ihrer Ehe waren meine Großeltern stets auf Achse. Prescott Bush nahm geschäftliche Herausforderungen in St. Louis und Kingsport, Tennessee, sowie Columbus, Ohio, an. Schließlich akzeptierte er eine leitende Stelle bei einer in der Gummiverarbeitung tätigen Firma namens Stedman Products in South Braintree im Bundesstaat Massachusetts. Meine Großeltern fanden ein Haus in Milton, und zwar just in der Adams Street, die nach jener politisch engagierten Familie benannt war, aus der einst die US-Präsidenten John und John Quincy Adams hervorgegangen waren. Ebendort erblickte am 12. Juni 1924 George Herbert Walker Bush das Licht der Welt.

Es sollte aber nicht allzu lange dauern, bis Prescott Bush erneut seine Zelte abbrechen musste. 1925 erhielt er eine Anstellung bei der U.S. Rubber Company in New York City, weshalb er mit seiner Familie nach Greenwich, Connecticut, ungefähr 50 Kilometer nordöstlich von Manhattan gelegen, übersiedelte. Greenwich war die Stadt, in der mein Vater heranwachsen und meine Großeltern den Rest ihres Lebens verbringen würden.

EINE DER LEKTIONEN, die mein Vater und ich von Prescott Bush lernten, war die, wie wichtig es war, Freundschaften zu schließen und zu erhalten. Während seiner Zeit in Yale hatte Prescott Bush sich mit Roland Harriman, der Bunny gerufen wurde, angefreundet. (Ich konnte nie ganz begreifen, wie ein Mann den Spitznamen »Bunny« erhalten konnte.) Kurz nach der Ankunft meines Großvaters in New York schlug Bunny vor, dass er sich ihm anschließen könne und ihm ins Investmenthaus W. A. Harriman folgen solle. Diese Firma hatte sein älterer Bruder Averell gegründet, und Bert Walker war ihr Präsident. Mein Großvater nahm das Angebot an. Das Vertrauen in Bunny überwog jegliche Zweifel, die er vielleicht angesichts der Vorstellung gehabt haben mag, für seinen Schwiegervater zu arbeiten. So öffnete eine gut gehegte Freundschaft meinem Großvater die Tür zu einer letztlich 30 Jahre andauernden Karriere im Investmentbanking. Schließlich wurde er zu einem der geschäftsführenden Teilhaber der Firma, die in weiterer Folge mit Brown Brothers fusionierte, fortan unter dem Namen Brown Brothers Harriman tätig war und eine der angesehensten und erfolgreichsten Firmen der Wall Street werden sollte. Außerdem agierte sie parteiübergreifend. Averell Harriman, ein Demokrat, wurde später Gouverneur des Staates New York und gehörte zu den wichtigsten Köpfen in den Regierungsmannschaften der demokratischen Präsidenten Roosevelt und Truman. Prescott Bush, sein Sohn und seine Enkelsöhne hingegen sollten der Republikanischen Partei aktiv die Treue halten.

Prescott Bush lehrte seine Kinder, dass der Maßstab für ein sinnvolles Leben nicht das Geld, sondern der Charakter sei. Er betonte, dass finanzieller Erfolg stets die Verpflichtung mit sich bringe, der Gesellschaft und der Nation, die ihn ermöglicht hatte, zu dienen. Er war ein früher Wortführer und fleißiger Spendensammler für die USO, eine Organisation, die unser Militär sowie unsere Veteraninnen und Veteranen unterstützt. Außerdem betätigte er sich als Funktionär in der United States Golf Association, bevor er schlussendlich sogar ihr Präsident wurde – eine Position, die sein Schwiegervater Bert Walker zuvor ebenfalls schon bekleidet hatte. Zudem war er auch noch ein engagierter Unterstützer des United Negro College Fund. Zwei Jahrzehnte lang fungierte er ferner als Moderator der Greenwich Representative Town Meetings. Dabei handelte es sich um eine Tätigkeit, der er ehrenamtlich nachging und die überaus zeitintensiv war. Während seine Freunde zu Dinner-Partys gingen oder Karten spielten, hing er am Telefon und versuchte Hausbesitzer zu überzeugen, doch Nutzungsrechte für den Merritt Parkway, einen wichtigen Highway, der Connecticut mit New York verbindet, zur Verfügung zu stellen. Seine engagierte Art, anderen zu dienen, war einer der wichtigsten Werte, die Prescott Bush seinen Kindern vermitteln konnte – und später sollte mein Vater dies dann auch an mich und meine Geschwister weitergeben.

Prescott Bush lebte nach dem Credo, dass man sein Wort, wenn man es jemandem gab, auch halten musste: 1963 ließ sich Nelson Rockefeller von seiner Frau scheiden und heiratete eine ehemalige Wahlhelferin, die wiederum ihren Ehemann und ihre beiden gemeinsamen Kinder verlassen hatte. Obwohl er und Rockefeller Parteifreunde waren, verurteilte ihn mein Großvater in einer Rede an einer Mädchenschule in Greenwich, die im Time-Magazine als »eine der schärfsten öffentlichen Brandreden der jüngeren Vergangenheit« beschrieben wurde. Mein Großvater stellte die Frage, ob das Land nun schon so weit verkommen sei, »dass der Gouverneur eines großartigen Staates – jemand, der eventuell sogar nach einer Nominierung als Präsident der Vereinigten Staaten strebt – seine brave Ehefrau, die Mutter seiner erwachsenen Kinder, im Stich lassen und sich von ihr scheiden lassen kann und dann eine junge Mutter von vier Jugendlichen dazu überredet, ihren Ehemann sowie ihre vier Kinder zu verlassen, um den Gouverneur zu heiraten«. Offensichtlich scheute Prescott Bush nicht davor zurück, seinen Überzeugungen Ausdruck zu verleihen. Ich kann mir nur ausmalen, was er sagen würde, wenn er sehen könnte, wie es um unsere heutige Gesellschaft bestellt ist …

Obwohl mein Großvater in puncto Moral strenge Ansichten vertrat, hatte er auch eine heitere Seite. Er sang liebend gerne, und einige seiner glücklichsten Momente verlebte er beim Singen mit der Familie oder bei den Proben mit den Gesangsquartetten, die er zusammenstellte. Er lachte laut und freute sich über einen guten Witz – vorausgesetzt, die Pointe war jugendfrei. Mehr als nur einmal stürmte er aus dem Zimmer, wenn jemand eine Zote zum Besten gab. 1959 wurde mein Großvater als »Präsidentschaftskandidat« des Alfalfa Clubs, einer fixen Größe im gesellschaftlichen Leben Washingtons, aufgestellt. Mit seiner Dankesrede eroberte er das Publikum im Sturm.

»Von meinem Stab verlange ich das gleiche Pflichtbewusstsein, das ich selbst an den Tag lege«, verkündete er. »Und tatsächlich braucht keiner meiner Leute mehr als 80 Schläge [beim Golf]. Um die stolze Tradition eines Thomas Jefferson fortzusetzen, versuchen wir uns nach dem Grundsatz zu richten: Die beste Regierung ist die, welche am wenigsten regiert.« Als er die Opfer ansprach, die meine Großmutter für ihren Umzug nach Washington hatte bringen müssen, paraphrasierte er Nathan Hale: »Ich bereue nur, dass ich bloß eine Frau habe, die ich für mein Land geben kann.« Viele Jahre später sollten sowohl mein Vater als auch ich und mein Bruder Jeb als Präsidentschaftskandidaten des Alfalfa Clubs in seine Fußstapfen treten.

Dad machte seinen Vater zu seinem Idol. In vielerlei Hinsicht gestaltete er sein eigenes Leben nach dem Vorbild Prescott Bushs: Auch er meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst, zeichnete sich als Geschäftsmann aus und diente in weiterer Folge seinen Mitbürgern. Ich erinnere mich an den Stolz im Gesicht meines Vaters, wenn er seinen Freunden erzählte, dass sein Vater Senator gewesen sei. Ich gehe davon aus, dass er sich, unmittelbar nachdem er 1989 bei seiner Einführung in das Amt des Präsidenten den Eid ablegte, gewünscht hätte, diesen Moment mit seinem Vater teilen zu können. Daher war es umso erfreulicher für mich, meinen Dad bei meinen eigenen Vereidigungen 2001 und 2005 umarmen zu dürfen.

ALS KLEINER JUNGE liebte es mein Dad, mit seinem älteren Bruder Pres (Prescott Bush Jr., benannt nach meinem Großvater) zu teilen. Jedes Mal, wenn er ein Geschenk oder ein neues Spielzeug bekam, rannte mein Vater zu Pres, bot es ihm an und sagte: »Nimm die Hälfte.« Als er ein neues Fahrrad bekam, wollte er Pres die Hälfte überlassen, indem er diesen in eines der Pedale treten ließ. Mein Großvater fing deshalb sogar an, ihn »Nimm die Hälfte« zu nennen.

Prescott und Dorothy Bush bestanden auf einer rigorosen Schulausbildung für ihre Kinder. Dad verbrachte die ersten acht Jahre seiner Schullaufbahn an der Greenwich Country Day School, einer Privatschule, die von ortsansässigen Familien gegründet worden war. Seine frühesten Erinnerungen an die Schule stehen in starkem Kontrast zu meinen eigenen. An der Greenwich Country Day School wurden viele der Kinder am Morgen mit dem Auto, hinter dessen Steuer der Chauffeur der jeweiligen Familie saß, abgeliefert. An der Sam Houston Elementary im texanischen Midland hingegen gingen die meisten Kinder zu Fuß oder fuhren mit ihren Fahrrädern.

Die Highschool, die Prescott und Dorothy Bush für ihre beiden ältesten Söhne aussuchten, war die Phillips Academy in Andover, Massachusetts. Meine Großeltern entschieden sich für diese Schule wegen ihres exzellenten akademischen Rufs und da es ihnen ein Anliegen war, dass ihre Söhne auch Jungs aus anderen Teilen des Landes kennenlernten.

Andover stellte sich als wertvolle Erfahrung heraus, genauso wie auch für mich, als ich eine Generation später dort zur Schule ging. Sowohl mein Vater als auch ich profitierten von der Disziplin und der akademischen Herausforderung. Auch machten wir wichtige Erfahrungen abseits des Klassenzimmers. Als Teenager, die zum ersten Mal auf sich selbst gestellt waren, lernten wir, unabhängig zu sein, hart zu arbeiten und Freundschaften zu schließen.

In Andover zeigte mein Dad seine ihm ureigenen Führungsqualitäten. Seine Mitschüler fühlten sich von ihm angezogen und wollten ihm folgen. Seine Teamkameraden wählten ihn zum Kapitän der Baseball- und Fußballmannschaften sowie zum Spielertrainer des Basketballteams. Er überwachte die Spendensammlungen der Schulkapelle und wurde in seinem Abschlussjahr zum Schülervertreter gewählt.

Obwohl mein Vater auf dem Campus ein großes Tier war, ließ er sich seinen Ruf nicht zu Kopf steigen: Eines Tages wurde ein jüngerer Schüler namens Bruce Gelb von ein paar älteren Jungs schikaniert, möglicherweise sogar, weil er einer der wenigen jüdischen Schüler an der Schule war. Als mein Dad das mitbekam, befahl er ihnen, damit aufzuhören. Sie gehorchten ihm. George Bush ging seines Weges und dachte nicht weiter darüber nach. Bruce Gelb allerdings schon. Er erinnerte sich immer daran, dass einer der beliebtesten Jungs auf dem Campus gegenüber seinem Leid nicht die Augen verschlossen hatte. Er wurde später ein lebenslanger engagierter Unterstützer meines Vaters – und mein Vater berief ihn in einige wichtige Regierungsämter. So machte er ihn etwa zum amerikanischen Botschafter in Belgien und zum Direktor der United States Information Agency.

DAS INTERNAT LEGTE großen Wert auf sein Motto »Das Ende hängt vom Anfang ab« – und George Bush war mit einem guten Anfang gesegnet. Seine Familie liebte ihn, bot ihm eine hervorragende Schulausbildung und vermittelte ihm gute Charaktereigenschaften. Er schloss viele Freundschaften, beeindruckte seine Lehrer und zeichnete sich im Sport aus. Er hatte bald auch seinen nächsten Schritt vor Augen, denn mein Dad war in Yale angenommen worden, wo er in die Fußstapfen seines Vaters treten würde.

Dann, am 7. Dezember 1941, veränderte sich plötzlich alles. Dad und ein paar seiner Mitschüler überquerten gerade den Schul-Campus nahe der Kapelle, als sie erfuhren, dass die Japaner Pearl Harbor bombardiert hatten. Schon am nächsten Tag formierten sich vor den Rekrutierungsbüros des ganzen Landes lange Warteschlangen voller Freiwilliger.

Jeder Junge im Alter meines Vaters stand vor der gleichen Entscheidung: sich zum Kriegsdienst zu melden oder den vorbestimmten Lebensweg weiter zu verfolgen. Die Ratschläge, die mein Vater erhielt, wiesen alle in dieselbe Richtung. In jenem Jahr hieß der Redner bei der Abschlussfeier in Andover Harry Stimson, Präsident Roosevelts Kriegsminister und ein Absolvent der Internatsschule. Er drängte die Schulabgänger, das College zu besuchen, und versicherte ihnen, dass ihnen auch später noch die Möglichkeit offenstehe, sich zum Militär zu melden. Prescott Bush war absolut der gleichen Meinung. Er empfahl meinem Dad, nach Yale zu gehen und einen Weg zu finden, die Kriegsanstrengungen von dort aus zu unterstützen.

Und es gab noch einen weiteren triftigen Grund für meinen Dad, in der Heimat zu bleiben. Während der Weihnachtsferien in seinem Abschlussjahr hatte er in Greenwich an einer Tanzveranstaltung in einem Country Club teilgenommen. Als er sich gerade mit Freunden unterhielt, stach ihm plötzlich die Schönheit eines Mädchens am anderen Ende des Raums ins Auge. Barbara Pierce war 16. Er selbst war 17. Er hätte sie gerne zum Tanzen aufgefordert, doch gab es da ein Problem: Er konnte keinen Walzer tanzen. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich bloß zu unterhalten. Er fand heraus, dass sie aus Rye im Bundesstaat New York stammte und ein Internat in South Carolina besuchte. Sie verstanden sich auf Anhieb und verabredeten sich für den darauffolgenden Tag bei einer Weihnachtsparty im Apawamis Club in Rye.

An diesem Abend spielte die Band keinen Walzer, und so konnte George H.W. Bush Barbara auf die Tanzfläche bitten. Zwischen ihnen bestand sofort ein Gefühl der Zuneigung, und die beiden wollten in Kontakt bleiben. So trafen sie sich etwa beim Abschlussball der Internatsschule in Andover wieder. An diesem Abend gab er ihr dann zum Abschied einen Gute-Nacht-Kuss. Sie besteht darauf, dass es überhaupt ihr erster war. Keiner von beiden kann sich gut daran erinnern, über was sie sich damals unterhielten, aber sie wissen noch, dass sie sich gegenseitig zum Lachen brachten – und ehe sie sich versahen, verliebten sie sich ineinander.

Ein Thema, das sie allerdings sehr wohl besprachen, war die Entscheidung meines Dads, sich dem Militär anzuschließen. Mein Vater erklärte meiner Mutter, wie sehr ihn die Attacke auf Pearl Harbor empöre. Der Mord an 2.400 unschuldigen Menschen schürte in ihm die gleiche redliche Empörung, wie sie viele Amerikaner – mich eingeschlossen – nach den Terroranschlägen vom 11. September verspürten. Auch empfand er ein Gefühl der Verpflichtung seinem Land gegenüber. Sein Vater hatte schließlich stets betont, dass die Annehmlichkeiten, die sie genießen durften, gekoppelt seien an die Verpflichtung, im Gegenzug auch wieder etwas zurückzugeben. Um die Bibel zu zitieren: »Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden.« George Bush erkannte, dass ihm sehr viel gegeben worden war. Er befand sich in der körperlichen Verfassung, seinen Dienst zu leisten, und verspürte die Verpflichtung, dies auch zu tun. So teilte er meiner Mutter mit, dass er sich als Flieger den Seestreitkräften anzuschließen gedenke.

Bis zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben hatte sich George Bush noch nicht mit vielen schweren Entscheidungen herumschlagen müssen. Auch hatte er noch nie gegen den Willen seines Vaters gehandelt. Aber Dad hatte seinen Beschluss gefasst und war sich ganz sicher. Nach der Abschlusszeremonie an seiner Highschool sah er seinem Vater in die Augen und sagte: »Ich werde mich melden.« Mein Großvater schüttelte ihm die Hand, da er seine Entscheidung respektierte. Von da an konnte mein Dad auf die volle Unterstützung seines Vaters zählen.

George H.W. Bush verpflichtete sich am 12. Juni 1942, seinem 18. Geburtstag. Zwei Monate später begleitete ihn sein Vater zur Penn Station in New York, wo er einen Zug nach North Carolina bestieg, um seine militärische Ausbildung zu beginnen. Als mein Vater da am Bahnsteig stand, umarmte ihn der so strenge wie imposante Prescott Bush. Zum ersten Mal in seinem Leben sah Dad seinen Vater weinen.

KRIEG

JEDER PILOT ERINNERT SICH an seinen ersten Flug. In meinem Fall war das, als ich 1968 in einer Cessna 172 von der Moody Air Force Base in Valdosta, Georgia, abhob. Für meinen Vater fand dieser Moment 1942 in einer offenen Stearman N2S-3 auf der Wold-Chamberlain Naval Air Base in Minneapolis statt. Die Kadetten nannten dieses Flugzeug »die gelbe Gefahr«, weil es gelb angestrichen und es mitunter recht gefährlich war, es zu fliegen. Der andere Spitzname, der diesem Fluggerät anhaftete, lautete »Waschmaschine«, was sich auf die Anzahl der Kadetten bezog, die aus der Pilotenausbildung im Schleudergang »hinausgespült« wurden.

Mein Dad beschrieb seinen ersten Alleinflug als einen der größten Spannungsmomente seines Lebens. Ich weiß genau, was er damit meinte. Es ist ein beglückendes Gefühl, in einem Cockpit zu sitzen, die Startbahn entlang zu beschleunigen und sich schließlich in die Lüfte zu erheben. Das Flugzeug kümmert es nicht, woher du kommst, wo du zur Schule gegangen bist oder wer deine Eltern sind. Alles, was zählt, sind deine Flugkenntnisse und dein Können. Tom Wolfe nannte das den »Stoff, aus dem die Helden sind«.

Im winterlichen Minnesota flog Fähnrich George Bush beinahe jeden Tag unter frostigen Bedingungen. Dort lernte er, sich in der Luft wohlzufühlen und auf Schnee und Eis zu landen – eine wertvolle Fähigkeit, aber keine, die im Südpazifik dann sonderlich gefragt ist.

Piloten sagen, dass man sich größer fühle, nachdem man zu fliegen gelernt habe. Im Falle meines Vaters traf das sogar buchstäblich zu. Als ihm sein kommandierender Offizier im Juni 1943 in Corpus Christi schließlich seine goldenen Flugabzeichen anheftete, war er seit seinem Eintritt in die Streitkräfte um sechs Zentimeter gewachsen und maß nun 1 Meter 88. Er war noch nicht ganz 19 Jahre und somit der jüngste Pilot in der United States Navy.

Nach der Fliegerausbildung bekam Dad noch einen kurzen Urlaub zugestanden, bevor er sich seinen nächsten Befehlen würde widmen müssen. Er verbrachte ihn mit seiner Familie in Maine. Seine Mutter hatte großzügigerweise noch einen besonderen Gast eingeladen: Barbara Pierce, die mittlerweile am Smith College studierte, aber gerade Sommerferien hatte. So waren meine Eltern zwei Wochen lang in Maine absolut unzertrennlich. Als der Urlaub zu Ende ging, fassten sie den Entschluss, sich heimlich zu verloben.

Lange ließ sich ihre Verlobung allerdings nicht geheim halten. Im Dezember 1943, kurz vor der Indienststellungszeremonie für den Flugzeugträger USS San Jacinto, der meinen Dad zum Kampfeinsatz transportieren sollte, beschlossen meine Eltern, ihre Familien über ihre Heiratsabsichten zu informieren. Zu ihrem großen Erstaunen schien jedoch bereits jeder Bescheid zu wissen. Ihre Liebe zueinander war einfach offensichtlich. Wie mein Vater meiner Mutter schrieb: »Ich liebe dich, mein Schatz, von ganzem Herzen, und zu wissen, dass du mich auch liebst, bedeutet mir alles. Wie oft habe ich schon an die unermessliche Freude gedacht, die uns eines Tages zuteilwerden wird. Wie glücklich sich unsere Kinder schätzen werden, dich zur Mutter zu haben.« (Diese Zeilen stammen aus einem ihrer wenigen noch erhaltenen Briefe aus Kriegszeiten. Die anderen gingen leider während ihrer etlichen Umzüge verloren.) Nach der Einweihungszeremonie für das Kriegsschiff steckte meine Großmutter meinem Dad einen Verlobungsring zu, der mit einem Sternsaphir besetzt war, den ihre Schwester Nancy beigesteuert hatte. Etwas später, noch am selben Tag, überreichte er ihn Barbara. Sie trägt ihn heute noch – obwohl sie gelegentlich vermutet, dass der Stein in Wirklichkeit nur aus Blauglas besteht …

* * *

IM JANUAR 1944, nachdem er ein intensives eineinhalbjähriges Trainingsprogramm durchlaufen hatte, meldete sich Fähnrich Bush schließlich zum Einsatz an Bord der USS San Jacinto.Das Schiff war nach jener Schlacht benannt, in der General Sam Houston den mexikanischen Caudillo Santa Anna bezwingen konnte. Als vage Vorschau auf das Leben, das meinen Dad noch erwartete, wehten auf dem Flugzeugträger sowohl das Sternenbanner als auch die Lone-Star-Flagge des Staates Texas.

Der junge Navy-Pilot schloss sich einer Reihe von Fliegern an, mit denen er gemeinsam das Geschwader VT-51 bilden sollte. Jack Guy kam aus dem ländlichen Georgia und hatte seinen Job als Bankkassierer hinter sich gelassen, um sich der Navy anzuschließen. Lou Grab war im kalifornischen Sacramento aufgewachsen, wo sein Vater eine Tankstelle besaß. Stan Butchart kam aus Spokane im Bundesstaat Washington und hatte schon immer vorgehabt, Pilot zu werden. Die Mitglieder des Geschwaders hatten alle wenig miteinander gemein. Im Internat hatte George Bush gelernt, wie er zu Mitschülern aus verschiedenen Teilen des Landes eine Beziehung aufbauen konnte. Beim Militär konnte er nun lernen, das Gleiche mit Menschen zu tun, die über einen anderen sozialen Hintergrund als er selbst verfügten.

Mein Vater brachte Leute liebend gern zum Lachen. So dachte er sich etwa auch Spitznamen für jeden aus. (Erinnert euch das vielleicht an jemanden?) Stan Butchart wurde »Butch« gerufen. Jack Guy wurde zu »Jackoguy«, was er seiner mittleren Initiale zu verdanken hatte. Auch mein Vater selbst erhielt einen speziellen Namen. Während eines Trainingsmanövers nahe der Küste Marylands flog er sehr niedrig über einen Strand und erspähte einen Zirkus, der unter ihm errichtet wurde. Offenbar hatten die Zirkustiere keine Erfahrung mit Kampffliegern. So versetzte der Flugzeuglärm die Elefanten in Panik, die sich daraufhin losrissen und durch die Stadt trampelten. Von da an riefen Dads Kumpels ihn »Ellie the Elephant«. Er reagierte, indem er anfing, das Trompetengeräusch eines Elefanten zu imitieren, was er im Verlauf des Krieges anscheinend immer weiter verfeinerte. Ich habe ihn das nie machen hören, obwohl es manchmal, als er Vorsitzender des Republican National Committee war, sehr gut gepasst hätte.

Das Flugzeug, mit dem er die Elefantenpanik auslöste, war eine TBF/TBM Avenger – ein Torpedobomber. Die Avenger war die größte einmotorige Maschine, die von einem Flugzeugträger aus zum Einsatz kam. An Bord fanden der Pilot, zwei Besatzungsmitglieder sowie vier über 200 Kilogramm schwere Bomben Platz. Um die Bewaffnung unterbringen zu können, hatte das Flugzeug einen ausgebeulten Bauch, was ihm den liebevollen Spitznamen »schwangerer Truthahn« einbrachte.

Die Avenger war ein schweres Fluggerät und nicht gerade einfach zu manövrieren. Die größte Herausforderung war dabei, den Flieger auf der schmalen, auf und ab schaukelnden Landebahn eines Flugzeugträgers zu landen. Eine ordentliche Landung verlangte Konzentration, Genauigkeit und Teamwork. Ein Pilot musste sich im richtigen Winkel nähern, sich an die Flaggensignale eines Landeoffiziers halten und dann einen der Fanghaken erwischen, damit man nicht am anderen Ende der Landebahn vom Schiff herunterrutschte. Als Präsident war ich selbst einmal als Passagier an Bord einer S-3B Viking bei einer Landung auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln dabei. Ich hatte seit jeher den größten Respekt vor den Piloten, die auf Flugzeugträgern dienten, aber nach dieser Erfahrung verdoppelte sich dieser Respekt sogar noch.

Im Frühling 1944 stach die San Jac mit Kurs auf den Pazifik in See. Mein Vater saß im Cockpit seiner Avenger für seinen ersten Katapultstart vom neuen Flugzeugträger. Wie er seiner Mutter schrieb, war er »äußerst froh darüber, dass die Maschine funktionierte«. Am 20. April war der Flugzeugträger bereits von Norfolk, Virginia, aus durch den Panamakanal und hinaus nach Pearl Harbor im Pazifischen Ozean gefahren. Die Crew sah dort die verbrannten Überreste der USS Utah sowie der Arizona, was den Männern in Erinnerung rief, warum sie sich überhaupt im Krieg befanden – und wer der Feind war, der ihnen schon bald gegenüberstehen würde.

Die Monate nach Pearl Harbor waren betrüblich gewesen, da die japanische Kriegsmaschinerie sich ihren Weg durch den gesamten pazifischen Raum bahnte. Ab dem Frühling 1942 waren überhaupt nur noch Australien und Neuseeland als alliierte Bollwerke übrig. Das Blatt begann sich im Mai dieses Jahres allerdings zu wenden, als amerikanische und australische Seestreitkräfte den Vormarsch der Japaner bei der Schlacht im Korallenmeer einen Dämpfer versetzten. Einen Monat später fuhren die USA schließlich ihren ersten großen Sieg bei der Schlacht um Midway ein. Von da an begann die Navy einen Feldzug von Insel zu Insel, um alle japanisch besetzten Gebiete zu befreien, mit dem ultimativen Ziel vor Augen, letztlich Japan selbst anzugreifen.

Die erste Mission der San Jac bestand darin, die japanischen Stellungen auf Wake Island anzugreifen. Der Einsatz verlief erfolgreich, aber die Gefechte forderten auch erste Opfer. Bei einem Patrouillenflug verschwand Dads Zimmerkumpel und bester Freund auf dem Flugzeugträger, Jim Wykes, vom Radarschirm. Auch Suchmannschaften konnten ihn nicht finden. Er und seine beiden Crewmitglieder wurde vermisst gemeldet, und schon bald war klar, dass sie nicht zurückkehren würden. Mein Vater litt unter dem Verlust seines Freundes. Er verstand, dass der Tod zum Krieg nun einmal dazugehörte, doch dies war eine sehr persönliche Angelegenheit.

Wenige Tage später verfasste er einen von Herzen kommenden Brief an Jims Mutter. »Ich kenne ihren Sohn gut und habe mich lange genug glücklich schätzen dürfen, mich zu seinen engsten Freunden zu zählen«, schrieb er. »Sein liebenswerter Charakter und seine uneingeschränkte Tugendhaftigkeit haben ihm den Respekt und die Freundschaft jedes Offiziers und jedes gemeinen Mannes im Geschwader eingebracht.« Er fuhr fort: »Sie haben einen liebenden Sohn verloren. Und wir einen geliebten Freund.«

Dies war aber nur der erste von vielen solchen Briefen, die mein Vater an die Familien gefallener Kameraden verschickte. Jahrzehnte später sollte er als Präsident erneut ähnliche Briefe schreiben müssen. Ebenso ich selbst. Natürlich kann nichts, was in so einem Brief steht, den Verlust eines lieben Menschen wiedergutmachen. Aber der simple Akt, eine solche Botschaft zu schreiben und damit seine Anteilnahme zu zeigen, kann dabei helfen, den Schmerz einer trauernden Familie zu lindern.

Nach dem Einsatz bei Wake Island fuhr die San Jac Richtung Saipan. Mitte Juni geriet der Flugzeugträger dann plötzlich unter Beschuss durch japanische Kampfflieger. Als das Startkatapult die Avenger meines Vaters in die Luft bugsierte, sank schlagartig der Öldruck. Der Motor setzte aus. Die einzige Option war eine Wasserlandung. Fähnrich Bush lenkte das Flugzeug in den Ozean, kam zuerst mit dem Heck auf und schlitterte über die Wasseroberfläche. Er und seine Crew kletterten auf einen der Flügel, bliesen ein Rettungsfloß auf und paddelten vom Flugzeug weg, während unter Wasser die Bomben an Bord der Avenger detonierten. Ein amerikanischer Zerstörer, die C.K. Bronson, fischte sie dann mithilfe eines Ladenetzes aus dem Wasser. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass George Bush auf ein Rettungsfloß angewiesen sein würde.

Fliegen war gefährlich, aber das traf auch auf das Leben auf einem Schiff zu. Eines Nachts befand sich mein Vater gerade im Dienst auf Deck, als sich ein Flugzeug im Landeanflug auf den Flugzeugträger befand. Der Pilot schätzte allerdings die Entfernung falsch ein, verfehlte den Landehaken und donnerte in ein Geschütz. Der Pilot, die Crew sowie einige Unbeteiligte wurden dabei getötet. Dad sah das zuckende Bein des Piloten auf Deck liegen, bevor ein Unteroffizier ein paar Matrosen befahl, sauber zu machen und sich auf weitere Landungen vorzubereiten.

Solche Erfahrungen müssen tiefe Spuren bei einem zwanzigjährigen Jungen hinterlassen haben. Je mehr ich über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erfuhr, desto mehr bewunderte ich George Bush und die vielen anderen seiner Generation, die damals ihrem Land dienten.

VON ALL DEN grauenvollen Tagen, die George H.W. Bush durchleben musste, war indes keiner dramatischer als der 2. September 1944. Die Piloten des Geschwaders waren bereits früh auf und versammelten sich zu einem Briefing bezüglich einer Mission, bei der ein Funkturm auf der stark befestigten Insel Chichi Jima zerstört werden sollte. Die Anlage war der wichtigste Kommunikationsknotenpunkt der Bonin-Inseln, denen eine Schlüsselfunktion bei der Verteidigung des japanischen Reiches zuwuchs.

Mein Vater flog praktisch immer mit denselben beiden Crewmitgliedern, dem Kanonier Leo Nadeau und dem Funker John Delaney. Aber an diesem Tag bat ein Lieutenant Junior Grade namens Ted White darum, als Kanonier mitkommen zu dürfen. White, der Waffenoffizier des Geschwaders und Yale-Absolvent, wollte die Waffensysteme im Einsatz begutachten. Dad warnte ihn, dass womöglich ein heißer Ritt bevorstehe. Erst am Tag zuvor waren sie über Chichi Jima unter schweren Beschuss geraten. White bestand allerdings darauf, mitzukommen, woraufhin mein Vater einlenkte, und auch der Skipper, Lieutenant Don Melvin, gab sein Einverständnis.

Gegen 7 Uhr 15 stiegen vier Avengers von der San Jac auf und flogen in Formation Richtung Chichi Jima, während ihnen Hellcat-Jagdflugzeuge von oben herab Rückendeckung gaben. Das Flugzeug meines Vaters, in dem nun White als Kanonier und Delaney als Funker saßen, sollte als drittes dem Ziel entgegenstürzen. Als sie schließlich in den Sinkflug übergingen, gerieten sie unter Flak-Beschuss seitens der japanischen Stellung. Leuchtspurgeschosse durchschnitten den Himmel, und explodierende Sprengsätze erfüllten die Luft mit schwarzem Rauch. Plötzlich wurde die Avenger durchgerüttelt und taumelte bugwärts. Die Maschine war getroffen worden. Rauch drang ins Cockpit, und ein Feuer breitete sich auf den Flügeln in Richtung der Treibstofftanks aus.

Mein Dad war entschlossen, die Mission durchzuziehen. Er setzte seinen Sturzflug mit 300 Stundenkilometern fort, warf die Bomben ab, traf das Ziel, drehte scharf ab und entfernte sich von der Insel. Er hatte gehofft, neuerlich eine Wasserlandung hinlegen zu können, doch das Flugzeug stand bereits in Flammen und ihm rannte die Zeit davon. Die einzig verbleibende Option war, auszusteigen.

»Wir springen ab!«, rief er seinen Crewmitgliedern über die Sprechanlage zu.

Dann legte er die Maschine leicht in die Kurve, um den Druck auf die Crew-Luke zu verringern. Er nahm an, dass Delaney und White absprangen.

Da ihm nur mehr Sekunden blieben, öffnete er seine Gurte, stieg aus dem Cockpit und zog die Reißleine seines Schirms.

Doch der Sprung verlief nicht nach Plan. Mein Vater erlitt einen Cut am Kopf, und das Heck des Flugzeugs fügte seinem Fallschirm einen Riss zu. Er schlug hart auf dem Wasser auf und ging unter. Als er wieder auftauchte, blutete sein Schädel, und er musste sich übergeben, da er zu viel Meerwasser geschluckt hatte. Außerdem war er mit einer Portugiesischen Galeere – einer Qualle – in Berührung gekommen. Er schwamm blind vor Wut fort von der Insel, die nur wenige Kilometer entfernt lag.

Dann sah er, wie Doug West, einer seiner Kameraden, mit den Flügeln seiner Avenger auf ein Objekt auf der Wasseroberfläche deutete. Es handelte sich um ein gelbes, mit Luft gefülltes Rettungsfloß. Einer der Piloten hatte es abgeworfen, nachdem er mitbekommen hatte, dass eines der anderen Flugzeuge abgestürzt war. Mein Dad kletterte auf das Floß und fing an, seine Hände als Paddel zu benützen. Am Himmel über ihm feuerten die amerikanischen Flugzeuge eine Salve nach der anderen ab, um einen Verband kleiner Boote, mit denen die Japaner den abgeschossenen Piloten gefangen nehmen wollten, von ihrem Plan abzubringen.

Im Verlauf der nächsten drei Stunden paddelte er unter der brütenden Sommersonne gegen die Strömung an und betete darum, gerettet zu werden. Irgendwie gelang es ihm durchzuhalten. Ich werde nie genau wissen, was ihm dabei durch den Kopf ging. Womöglich musste er an die Lektionen, die ihm seine Eltern erteilt hatten, zurückdenken: sich so viel Mühe wie möglich zu geben, niemals aufzugeben und stets daran zu glauben, dass Gott einen Weg finden würde, ihn zu retten.

Erschöpft vom Paddeln erspähte er schließlich einen schwarzen Punkt auf dem Wasser. Zuerst glaubte er, sich ihn nur einzubilden, aber letztlich handelte es sich tatsächlich um ein Periskop. Als Nächstes fürchtete er, dass es sich um ein japanisches U-Boot handeln könnte. Als es sich ihm aber näherte und auftauchte, konnte er das Logo der US-Navy erkennen. Die USS Finback fischte meinen Vater dann ein paar Minuten vor Mittag aus dem Wasser. Zwei Matrosen griffen ihn bei den Armen und zogen ihn vom Rettungsfloß auf ihr Schiff empor. »Willkommen an Bord, Sir«, sagte einer der beiden Männer zu ihm. »Es ist eine Freude, an Bord kommen zu dürfen«, erwiderte er, was selbstverständlich eine massive Untertreibung war.

Es ist eine bemerkenswerte historische Fußnote, dass ein gewisser Fähnrich Bill Edwards die Ankunft meines Vater auf der Finback mit seiner Handkamera von Kodak einfing. Jahrzehnte später sollte ein landesweites Publikum die Aufnahmen, die diesen Morgen im Pazifik wiedergeben, zu Gesicht bekommen: Amerikanische Soldaten retten darauf einem zwanzigjährigen Piloten, der später Präsident der Vereinigten Staaten sowie der Vater eines weiteren werden sollte, das Leben.

IN DEN TAGEN nach dem Abschuss dachte mein Vater ununterbrochen an seine Crewmitglieder Delaney und White. Keiner von beiden war gefunden worden. An Bord der Finback wurde er von Albträumen, in denen er alles noch einmal durchleben musste, heimgesucht. Nachdem er aufgewacht war, fragte er sich stets, ob er nicht mehr für seine Männer hätte tun können. Nur einen Tag nach seiner Rettung schrieb er einen Brief an seine Eltern, in dem er erklärte, dass er sich » so schrecklich verantwortlich für ihr Schicksal« fühle. Schlussendlich sollte er später erfahren, dass Augenzeugen beobachteten, wie eines der beiden Besatzungsmitglieder aus dem Flieger ausgestiegen war, sich aber sein Fallschirm nicht öffnete. Der andere war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch an Bord der Maschine ums Leben gekommen.

Mein Vater schrieb auch an die Familien von Delaney und White. Er übermittelte sein Beileid und brachte zum Ausdruck, dass er gerne in der Lage gewesen wäre, mehr für sie zu tun. Delaneys Schwester