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Maarten van Buuren legt mit ›Ein Raum für die Seele. Leben und Werk von Jean-Michel Frank‹ die erste (bebilderte) Biographie des großen Künstlers und Möbeldesigners Jean-Michel Frank vor. Mit seinem Stil der radikalen Einfachheit war Jean-Michel Frank seiner Zeit absolut voraus. Er war einer der bekanntesten und international bedeutendsten Möbeldesigner des Artdeco; Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld gehören zu seinen Verehrern und Sammlern seiner Werke. Zu seinen Klienten, für die er bis ins kleinste Detail abgestimmte Interieurs entwarf, zählten sehr bald illustre Berühmtheiten wie Nancy Cunard und Nelson Rockefeller. Er war befreundet mit Jean Cocteau, den Brüdern Giacometti, Pablo Picasso und Man Ray. Doch das rauschende Künstlerleben Jean-Michel Franks wurde immer wieder durchbrochen von tragischen Schicksalsschlägen in seiner Familie, zu der auch Anne Frank gehörte. 1940, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, musste er emigrieren und ließ sich in New York nieder, wo er sich 1941 das Leben nahm. Die Biographie eines großen Künstlers, der an den Geschehnissen der Zeit zerbrach.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2016
Maarten van Buuren
Leben und Werk von Jean-Michel Frank
Mit seinem Stil der radikalen Einfachheit war er seiner Zeit absolut voraus. Jean-Michel Frank war einer der bekanntesten und international bedeutendsten Möbeldesigner des Artdeco; Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld gehören zu seinen Verehrern und Sammlern seiner Werke. Zu seinen Klienten, für die er bis ins kleinste Detail abgestimmte Interieurs entwarf, zählten illustre Berühmtheiten. Er war befreundet mit Jean Cocteau den Brüdern Giacometti, Picasso und Man Ray. Doch das rauschende Künstlerleben Jean-Michel Franks wurde immer wieder durchbrochen von tragischen Schicksalsschlägen in seiner Familie. 1940, auf dem Höhepunkt seines Schaffens musste er emmigrieren und ließ sich in New York nieder, wo er sich 1941 das Leben nahm. Die Biographie eines großen Künstlers, der an den Geschehnissen der Zeit zerbrach.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Maarten van Buuren, Jahrgang 1948, ist Professor für französische Literatur in Utrecht und Autor zahlreicher Bücher. Für das vorliegende Buch hat er über viele Jahre in französischen, deutschen und amerikanischen Archiven recherchiert.
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Dieses Buch wurde mit freundlicher Unterstützung der Dutch Foundation for Literature herausgegeben.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die niederländische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
»Een ruimte voor de ziel. Opkomst en ondergang van Jean-Michel Frank (1895–1941)«
im Verlag Lemniscaat, Rotterdam
© 2013 Maarten van Buuren
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: buxdesign, München
Coverabbildung: (c) Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403552-9
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Vorwort
Lebendig gehäutet
Teil I Vorgeschichte
1 Coulissier in Paris
2 Einbürgerung – Ausbürgerung
3 Soldat Georges-Ottmar Frank
4 Leutnant Oscar Frank
Teil II Nach dem Krieg
5 Drei Freunde bei einem Boxkampf
6 Jean Cocteau als Retter in der Not
7 Urlaub mit Mireille Havet
Teil III Roaring Twenties
8 Ein Raum für die Seele
9 Das Appartement von Nancy Cunard
10 Marie Laure de Noailles und Jean Cocteau: eine Idylle
11 Der Umbau von Bischoffsheim
12 Jean-Michel Franks Zusammenbruch
13 Rekonvaleszenz im Haus von Francis Poulenc
Teil IV Dreißiger Jahre
14 Der Skandal um L’Âge d’or
15 Ein Weltbild ohne Zukunft
16 Direktor von Chanaux & Cie
17 Der Besuch von Alice Frank
18 The Great Days of His Wrath
Teil V 1940–1941
19 Der drôle de guerre
20 Jean-Michel Frank und Salvador Dalí
21 Villa Born in Buenos Aires
22 Eugenia Errázuriz, the queen of clean
23 Das Appartement von Nelson Rockefeller
24 Jean-Michel Frank und Piet Mondrian
25 »I am too ill«
Epilog Eine arische Nase
Anhang Stammbaum der Familie Frank
Stammbaum
Fakten und Fiktion
Personen
Archive
Studien
Während eines Aufenthaltes in New York Anfang 1941 beendete Jean-Michel sein Leben. Er war gerade 46 Jahre alt geworden. Jean-Michel Frank war ein Cousin von Otto Frank, Anne Franks Vater. Die Schicksale der Pariser und der Frankfurter Zweige der Familie Frank zeigen auffällige Ähnlichkeiten in Bezug auf Verfolgung und Vernichtung.
Jean-Michel Frank befand sich in New York, um die Einrichtung des Appartements von Nelson Rockefeller im Rockefeller Centre zu vollenden. Es war die Krönung seines Status als bekanntester Innenarchitekt der damaligen Zeit.
Jean-Michel begann seine Karriere Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Paris. Die erste Wohnung, die er einrichtete, war die des Schriftstellers Pierre Drieu la Rochelle. Danach folgten Aufträge von Künstlern, Politikern und Industriellen. Innerhalb weniger Jahre festigte sich seine Reputation als exklusivster, elegantester und kompromisslosester Designer. Aufträge nahm er nur dann an, wenn man ihm freie Hand ließ.
Seine Inneneinrichtungen zeichnen sich durch weitgehende Schlichtheit aus, die von den Auftraggebern mit der Kahlheit einer Klosterzelle assoziiert wurde. Diese Kahlheit stand in umgekehrtem Verhältnis zum Preis. Nur die Allerreichsten konnten sich eine Inneneinrichtung von Jean-Michel Frank leisten.
Das Einrichten bestand hauptsächlich darin, dass Jean-Michel Frank die Appartements oder Häuser, die ihm anvertraut wurden, leerte. Er riss alle Zwischenwände, Verkleidungen, Schränke, Böden und Stuckarbeiten heraus, entfernte alle Möbel und sogar die vorhandenen elektrischen Leitungen. Anschließend ließ er auf den Wänden eine einfache Stuckschicht aus weißem Kalk anbringen. Den Boden ließ er nur intakt, wenn der ursprüngliche jahrhundertealte Parkettboden noch vorhanden war. Dieser Parkettboden wurde mit Sandstrahl bearbeitet. Anschließend brachte er Vertäfelungen an und stellte einige von ihm entworfene Möbel und Lampen auf. Die Wände ließ er kahl; er verbot ausdrücklich, auch nur ein Gemälde oder Porträt aufzuhängen. Die Kombination dieser sparsamen Elemente schuf eine traumhafte Atmosphäre.
Wandverkleidungen, Möbelstoffe, Vorhänge und Teppichböden ließ er entweder aus unvorstellbar prunkvollen Stoffen (Pergament, Taftseide oder Galuchat, dem Leder aus der Haut eines Sandhais) herstellen, oder sie waren von einer extremen Schlichtheit. Für Vasen, Lampen und Spiegelrahmen benutzte er am liebsten Gips. Die meisten Wände ließ er mit einem einfachen Material verputzen. Eine seiner aufsehenerregenden Neuerungen war, dass er Tische und Schränke mit Intarsien aus Stroh ausstattete; für manche Fauteuils oder Sofas benutzte er Stoffe, die normalerweise für die Herstellung von Staubtüchern benutzt wurden. Die Pariser Hautevolee maulte, dass sie ein Vermögen hinblättern musste, um sich von Frank »auf Stroh« setzen zu lassen.
Jean-Michel Frank war umgeben von Freunden, die er am Janson de Sailly, einem exquisiten Gymnasium im 16. Arrondissement, kennengelernt hatte, dem oben erwähnten Schriftsteller und späteren Vorreiter des Faschismus Pierre Drieu la Rochelle, dem Schriftsteller und Herausgeber Léon Pierre-Quint, dem surrealistischen Schriftsteller und Dichter René Crevel und dem Maler Christian Bérard. Später schlossen sich ihnen der Schriftsteller, Maler, Dramatiker und Universalgenie Jean Cocteau und die Komponisten Francis Poulenc und Georges Auric an – um den Kreis der intimen Freunde zu beschränken, die Jean-Michel Frank sein ganzes Leben lang treu geblieben sind.
Mitte der zwanziger Jahre kam er in Kontakt mit dem Ehepaar Gräfin Marie Laure und Graf Charles de Noailles. Marie Laures Mädchenname war Bischoffsheim. Sie war die Tochter von Maurice Bischoffsheim, einem Bankier deutscher Abstammung. Maurice Bischoffsheim verstarb 1904 im Alter von achtundzwanzig Jahren. Er hinterließ der damals noch keine zwei Jahre alten Marie Laure ein unermessliches Vermögen.
Marie Laures Großmutter mütterlicherseits hieß Laure de Sade und war die Urenkelin von Marquis de Sade. Am Ende des 19. Jahrhunderts betrieb Laure Marie den exklusivsten aufsehenerregendsten Salon in Paris. Proust durfte sie ab und zu besuchen. Er verewigte Laure de Sade als eine der Protagonisten in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit unter dem Namen Herzogin von Guermantes.
Marie Laure Bischoffsheim war im Besitz des Manuskriptes von Die 120 Tage von Sodom, dem äußerst anstößigen Roman, den Marquis de Sade 1785 während seiner Gefangenschaft in der Bastille geschrieben hatte. Sie verwahrte dieses Manuskript, sagte man, in einem ledernen, phallusförmigen Futteral. 1923 heiratete Marie Laure Charles de Noailles, Mitglied einer illustren und jahrhundertealten Adelsfamilie.
Das junge Ehepaar hatte sich zum Ziel gesetzt, einen Salon zu gründen, der den Salon von Marie Laures Großmutter noch übertrumpfen sollte. Dieses Ziel wollten sie erreichen, indem sie eine Gruppe ultramoderner – heute würde man sagen, zeitgenössischer – Künstler an sich banden. Diese Künstler – Poulenc, Satie, Auric, Cocteau, Dalí, Picasso, Mallet-Stevens – stellten im Auftrag des Grafenpaares Kunstwerke her, die einen radikalen Bruch mit der traditionellen Kunst bedeuteten.
Auch Jean-Michel Frank gehörte zu dieser Gruppe. 1925 erhielt er den Auftrag, das obere Stockwerk von Bischoffsheim, dem Haus der Noailles an der Place des États-Unis, neu einzurichten. Dieses Interieur wurde in nationalen und internationalen Kunstzeitschriften ausführlich besprochen. Für Jean-Michel Frank bedeutete es den internationalen Durchbruch.
1930 bekam Jean-Michel das Angebot, die künstlerische Leitung des Unternehmens Adolphe Chanaux zu übernehmen, eine Werkstätte für exklusive Möbel, er wurde Direktor und Geschäftspartner. Von diesem Tag an änderte sich der Stil seiner Entwürfe und seine Lebensweise. Er versammelte eine Gruppe von Künstlern um sich: Alberto und Diego Giacometti, Salvador Dalí, Paul Rodocanachi, Emilio Terry und Christian Bérard, die in seinem Auftrag Lampen, Vasen, Stühle, Tische, Wandschirme entwarfen. Er ließ diese Gegenstände, von denen bis dahin immer nur Unikate hergestellt wurden, in Serie produzieren. Die Lampen und Vasen von Alberto Giacometti und die Stühle und Tische von Paul Rodocanachi und Jean-Michel Frank wurden ein weltweiter Erfolg. Manche Modelle wurden auch noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg produziert.
Das Leben Jean-Michel Franks änderte sich unter dem Einfluss seiner neuen Verantwortung als Direktor einer Werkstätte, in der anfänglich fünfunddreißig und später mindestens fünfzig Arbeitnehmer ihr tägliches Brot verdienten. Er wurde ernsthafter, verlor sich nicht länger in lebensgefährlichen Experimenten mit Drogen. Sein Leben bekam buchstäblich mehr Farbe, weil er unter dem Einfluss von Christian Bérard anfing, Entwürfe mit fröhlichen Farben für die Bezüge eines Sofas oder Taburetts, für den Stoffentwurf eines Vorhangs oder eines Teppichs zu benutzen. Die Inneneinrichtungen der zwanziger Jahre waren dagegen einfach und schlicht.
Im selben Jahr 1930 verursachte Marie Laure de Noailles einen Skandal wegen der Vorführung des Films L’Âge d’or, der in ihrem und ihres Mannes Auftrag von Luis Buñuel und Salvador Dalí gemacht worden war. Der Schluss des Films bestand aus einer bildhaften Umsetzung des Schlusses von Die 120 Tage von Sodom, dem pornographischen Roman von Marie Laures Ururgroßvater. Die Vorführung führte zu heftigen Protesten von rechtsextremen Gruppierungen. Sie beschimpften das rote jüdische Pack und bezeichneten Marie Laure als dessen wichtige Vertreterin.
Dieser Skandal markierte den Beginn des politischen Konflikts zwischen Links und Rechts, der Frankreich im Laufe der dreißiger Jahre in zunehmendem Maße spalten sollte. Als Folge des Skandals wurden Marie Laure und Charles de Noailles vom Adel verstoßen. Marie Laure fasste die Ächtung als Herausforderung auf und schloss sich den Linksextremen an. Sie fing an, die spanischen Kommunisten ostentativ zu unterstützen, unter anderem durch Waffenschmuggel. Das brachte ihr den Spitznamen ›Die rote Gräfin‹ ein. Charles de Noailles zog sich in sein Landhaus in Südfrankreich zurück und brach jeden Kontakt mit Marie Laure ab.
Marie Laure de Noailles und Jean-Michel Frank gehörten zu jenen, die in den dreißiger Jahren von den Rechten wegen ihrer jüdischen Identität und ihrer Verbindungen zu linksradikalen Künstlern, und von den Linken wegen ihrer Verbindungen zum Adel und den Superreichen geächtet wurden.
1935 eröffnete Jean-Michel Frank unter seinem eigenen Namen ein Geschäft in der eleganten Rue du Faubourg Saint-Honoré. Die Fotos, die es von diesem Geschäft noch gibt, bieten von außen Einblick in den Verkaufsraum, in dem die Deckenleuchten, Wandlampen, Stehlampen und Tischlampen von Giacometti ein weiches Licht auf Stühle, Tische, Lampen, Vasen und Wandschirme von Salvador Dalí, Jean-Michel Frank, Christian Bérard und Emilio Terry werfen. Jean-Michel Franks Name prangt in großen Buchstaben stolz über den strengen schwarzen Holzrahmen der Schaufenster.
Dieses Geschäft war das front-office für die Werkstatt in der Rue de Montauban, wo die Möbel hergestellt wurden, und für die vielen Wohnhäuser, in denen an der Inneneinrichtung gearbeitet wurde. Jean-Michel Frank stand ab 1935 allein an der Spitze eines umfangreichen Betriebes, der exklusive Möbel, Vasen und Lampen über Vertreter vor Ort in die ganze Welt exportierte.
Im April 1940 verließ Jean-Michel Paris, und nach der Invasion der deutschen Truppen am 10. Mai 1940 reiste er in den Süden. Durch Vermittlung des portugiesischen Konsuls in Bordeaux, Aristides de Sousa Mendes, konnte er sich ein Visum für Portugal beschaffen. In Lissabon fand er ein Schiff, das ihn nach Buenos Aires brachte. Dort vollendete er einen großen Auftrag für den Nahrungsmittelmagnaten Jorge Born, einen unermesslich mächtigen und reichen Mann, der Ländereien in der Größe Belgiens besaß, dem Land, aus dem seine Vorfahren stammten.
Das Geschäft an der Rue du Faubourg Saint-Honoré 140.
In Argentinien erhielt Jean-Michel über Freunde und Mitarbeiter viele Aufträge. Im Dezember 1940 reiste er von Argentinien nach New York, um die Einrichtung des Appartements von Nelson Rockefeller zu vollenden. Auch in New York bekam er ständig neue Aufträge, und er wurde eingeladen, an der School of Fine and Applied Arts Vorlesungen zu halten.
Jean-Michel Franks Selbstmord Anfang März 1941 löste Bestürzung aus. War er denn nicht rechtzeitig dem nahenden Faschismus entkommen? War er denn nicht in Argentinien und den Vereinigten Staaten von unzähligen Bewunderern willkommen geheißen worden? Hatte er denn nicht alles erreicht, wovon er geträumt hatte?
Seine intimen Freunde waren weniger erstaunt. Marie Laure de Noailles meinte, dass die exklusiven Designs ihres Freundes Versuche waren, sein unheilbares mal de vivre zu verbergen. Jean Cocteau schrieb ein In Memoriam, in dem er sagte, Jean-Michel Frank »ist aus einem Zeitalter gesprungen, das er unbewohnbar fand«.
Warum war das Zeitalter für einen Designer, der es geschafft hatte, dem modernen Wohnen seinen Stempel aufzudrücken, so unbewohnbar geworden?
Im Sommer 1932 reiste Jean-Michel Frank nach Amsterdam, kurz bevor Otto Frank dort eintraf, um sein Geschäft zu gründen und Vorbereitungen für die Ankunft seiner Frau Edith und seiner Töchter Margot und Anne zu treffen.
Am 9. August 1932 schickte Jean-Michel von Amsterdam aus eine Karte an Alberto Giacometti. Er habe Delft und Den Haag besucht, schrieb er, sei danach nach Amsterdam weitergereist und habe gerade vor, das Rijksmuseum zu besuchen, fürchte aber, wegen der Sommerhitze und seines »geschwächten touristischen Bewusstseins« einige Säle zu übersehen.
Jean-Michel schickte oft Karten und Briefe an seine Freunde, wenn er im Urlaub war. Ansichtskarten bieten allerdings wenig Raum für Herzensergüsse. Jean-Michel notierte auf dieser Karte an Alberto Giacometti einige Abmachungen, die er in Paris getroffen hatte (er erwähnte nebenbei einen Auftrag von Couturier Lucien Lelong) und beendete seinen Bericht mit der Zusicherung, dass er den Freund sofort nach seiner Rückkehr besuchen würde, vorausgesetzt, dieser befinde sich nicht selbst im Urlaub.
Die Abbildung auf dieser Karte ist allerdings außergewöhnlich. Normalerweise verwendete Jean-Michel Ansichtskarten wie jeder andere auch: die Ansicht des Hotels oder der Stadt, in der er sich gerade befand (»Grüße aus …«), oder die Aufnahme eines Boulevards mit Aussicht auf das Meer, wenn er die Sommermonate an der französischer Südküste oder an italienischen Stränden verbrachte. Die Ansichtskarte vom 9. August weicht von diesem üblichen Muster ab. Sie zeigt ein Gemälde aus dem 15. Jahrhundert, das laut Anmerkung am Rand im Stadtmuseum von Brügge hängt.
Gerard David, Das Urteil des Cambyses, Diptychon von 1498.
Es handelt sich um Das Urteil des Cambyses, ein Gemälde von Gerard David. Das Bild bezieht sich auf eine Geschichte von Herodot, in der erzählt wird, wie König Cambyses einen korrupten Richter zur Häutung bei lebendigem Leibe verurteilt. Gerard David stellt diese Geschichte so dar, als spiele sie im Brügge des späten Mittelalters. Das Gemälde ist Teil eines Diptychons. Auf der linken Tafel wird der noch sitzende Richter, erkennbar an seiner scharlachroten Richterrobe, von einem Brüsseler Schultheiß in Anwesenheit des Königs Cambyses, gekleidet in einen Hermelinmantel und mit Krone und Zepter, festgenommen.
Auf der rechten Tafel, die auf der Karte von Jean-Michel Frank abgebildet ist, liegt der verurteilte Richter ausgestreckt auf einem Tisch, nackt bis auf ein kleines Lendentuch, in einer Haltung, die den Henkern Raum lässt, das Urteil zu vollstrecken. Sie sind zu viert; drei von ihnen haben angefangen, die Haut des linken Beines und des linken und des rechten Arms fachgerecht abzuziehen. Der vierte Henker beugt sich vom Kopf des Tisches aus über den Brustkorb, von dem er die Haut etwa zwanzig Zentimeter aufgeschnitten und die Ränder aufgeklappt hat wie die Seiten eines Buches. Man würde erwarten, dass der vierte Henker mit dem rechten Bein angefangen hätte, doch der Maler hat dieses symmetrische Vorgehen vermieden, um dem Betrachter den Blick auf die untere Hälfte des Körpers nicht zu verdecken.
Hinter dem Tisch mit dem verurteilten Richter, den vier Henkern und dem Assistenten, der mit einem Seil den linken Arm des Verurteilten strafft, damit Henker Nummer zwei seine Arbeit machen kann, ohne durch unerwartete Bewegungen des Opfers daran gehindert zu werden, steht König Cambyses, umringt von den Schöffen aus Brügge. Keiner von ihnen betrachtet die Vollstreckung des Urteils.
Der Blick des Königs schweift in die Ferne, einige Schöffen blicken zu Boden, andere schauen sich gegenseitig an, während sie noch mal bestätigen, wie unverzeihlich der Richter gehandelt hat, wie unerbittlich und streng, aber auch, wie gerecht die Strafe war, die der König ihm auferlegt hat. Auch die Henker schauen den Verurteilten nicht an, das heißt nicht dessen Gesicht; sie konzentrieren sich auf den rechteckigen Dezimeter Haut, an der sie arbeiten, und geben offensichtlich ihr Bestes, um die Haut unversehrt und in einem Stück von dem Unglücklichen abzuziehen. Sie schneiden auch nicht tiefer, als unbedingt notwendig ist: Es fließt kein Blut.
Das ist vielleicht erstaunlich für uns, die wir diese Hinrichtung betrachten, aber nicht für die Henker, die dem korrupten Richter fachgerecht die Haut abziehen, wie ein Jäger einem Kaninchen die Haut abziehen mag. Sie wissen, dass ein nicht zu tiefer langer Schnitt reicht, um die Hand zwischen Haut und Fleisch zu schieben und die Haut hochzuziehen, dann benötigt man kein Messer mehr, sondern zieht die Haut von Bein oder Arm ab wie einen Strumpf oder einen Ärmel. Der erste Henker hat auf diese Weise die Haut des linken Beins gelöst und ist nun dabei, die Haut vom Fuß zu lösen, während er sein Messer zwischen die Zähne geklemmt hat. Er hat gerade die Ferse freigelegt und wird, nachdem er um die Nägel herum einen kleinen Schnitt gemacht hat, um das Lösen zu vereinfachen, die Haut vorsichtig über die Zehen ziehen.
Der verurteilte Richter zeigt keinerlei Emotion, ebenso wenig wie die übrigen Anwesenden. Er ist blass, schaut mit zusammengebissenen Zähnen starr nach oben, die Lippen zu einer Grimasse verzerrt, die als Einzige etwas von dem unsagbaren Leid zeigt, das er erfährt.
Unter dem Tisch liegt die scharlachrote Amtsrobe, die der Richter ablegen musste; ein Teil des weißen Futters öffnet sich. Der Maler hat den Mantel absichtlich so drapiert, dass die Übereinstimmung zwischen dem Mantel unter dem Tisch und der abgezogenen Haut darüber erkennbar wird. Haut und Robe haben die gleiche Farbe, nur in umgekehrter Reihenfolge: weiß außen, rot innen. Der Maler wollte zweifellos die symbolische Bedeutung der abgelegten richterlichen Würde betonen, oder besser: die Tatsache, dass der Richter durch das Verspielen seiner richterlichen Würde auch sein Leben verspielt hat.
Im Hintergrund spielt sich eine Szene ab, die scheinbar nichts mit der Hinrichtung im Vordergrund zu tun hat. Eine Gruppe Männer, offensichtlich jene Schöffen, die auch im Vordergrund abgebildet sind, stehen um einen Sessel herum, der unter einen Baldachin gestellt wurde. Ein Mann in einem scharlachroten Mantel steht neben dem Sessel: Es handelt sich offenbar um den Nachfolger des Richters, der im Vordergrund getötet wird. Die Männer im Hintergrund scheinen die Szene im Vordergrund nicht bewusst wahrzunehmen. Es ist ein Zukunftsbild.
König Cambyses befahl, dass die abgezogene Haut des Richters über den Sessel des Richters gehängt werden solle, um den Nachfolger zu ermahnen, sich nicht ebenfalls der Korruption schuldig zu machen. Und in der Tat: Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die weiße Haut des korrupten Richters wie eine Hemdhose über die Rückenlehne des Richtersessels drapiert ist. Das ist der Grund, warum die Henker so aufmerksam ihre Arbeit verrichten: Die Haut soll in einem Stück gelöst werden, um zukünftigen Richtern als abschreckendes Beispiel zu dienen.
Gehen wir zur ersten Tafel des Diptychons zurück, zur Szene, in der der Richter vom Schultheiß festgenommen wird, dann sehen wir auch hier im Hintergrund eine Szene, die von der Szene im Vordergrund losgelöst ist, denn sie spielt sich nicht im selben Moment ab. Wir sehen einen Mann in der Türöffnung seines Hauses stehen. An der Farbe seines Mantels können wir sehen, dass es der Richter ist. Eine Person in einem dunklen Wams flüstert ihm etwas ins Ohr und steckt ihm etwas zu. Wir erwischen den Richter in dem Moment, in dem er Bestechungsgelder annimmt. Die Szene links im Hintergrund auf der ersten Tafel korrespondiert mit der Szene rechts im Hintergrund auf der zweiten Tafel. Die erste Hintergrundszene spielt sich in der Vergangenheit ab: Sie ist der Anlass zur Festnahme, die auf der ersten Tafel in den Vordergrund platziert wurde. Die zweite Hintergrundszene spielt sich in der Zukunft ab und leitet über zur Hinrichtung, die sich im Vordergrund der zweiten Tafel abspielt.
Gerard David hat die Geschichte des Herodot in vier Szenen zusammengefasst, die sich wie ein Comic von links nach rechts lesen lassen. So wie in einem Comic manche dramatischen Szenen speziell hervorgehoben werden, so hebt auch Gerard David die beiden mittleren Momente der Geschichte zu dramatischen Vordergrundszenen hervor und platziert die Annahme der Bestechungsgelder und das Aufhängen der abgezogenen Haut als Nebenszenen zu beiden Seiten der dramatisch vergrößerten Schlüsselszenen.
Warum wählte Jean-Michel Frank ausgerechnet diese Ansichtskarte? Ich nehme an, weil er sich im verurteilten Richter wiedererkannte. Nicht, dass Jean-Michel etwas Unzulässiges getan hätte, eine Ordnungswidrigkeit oder ein Verbrechen begangen hätte, das er in einer dunklen Ecke seines Gedächtnisses weggesteckt hätte, so wie die Bestechungsszene des Richters weggesteckt ist im Hintergrund der ersten Tafel. Wenn es nur so wäre, denn dann hätte er die Schuldgefühle, die ihn bedrückten, erklären können, während diese Schuld nun durch die einfache Tatsache verursacht zu sein schien, dass er existierte, so wie auch K., die Hauptperson in Der Prozess von Franz Kafka, schuldig ist an der Tatsache, dass er existiert. K.s verzweifelte Versuche, sich zu verteidigen, sind zum Misslingen verdammt. Am Ende von Der Prozess wird er von Männern in langen Mänteln festgenommen, so wie der korrupte Richter vom Schultheiß von Brügge festgenommen wird.
Jean-Michel Frank wurde von einer namenlosen Schuld ohne Vergehen niedergedrückt. Er muss sich im Richter wiedererkannt haben, der ohne Protest seine Hinrichtung aus demselben Grund erduldet, aus dem K. seinen Prozess und die Hinrichtung erduldet, nämlich weil er Jude war. Jean-Michel muss bemerkt haben, dass die Henker auf dem Gemälde von Gerard David ihre Arbeit mit derselben emotionslosen Fachkompetenz verrichten, wie sie im Alltag einem Hasen oder Kaninchen die Haut abziehen würden. Die Schöffen sind aus beruflichen Gründen anwesend und haben den gleichen ernsten Gesichtsausdruck und den gleichen, in die Ferne starrenden Blick, als würden sie eine Proklamation anhören, die von einem Herold verlesen wird, nachdem ein Trompeter jedermanns Aufmerksamkeit für eine wichtige Mitteilung des Königs erbeten hat. Der König selbst, wie an den Zeichen seiner Würde zu erkennen ist, Hermelinmantel, Krone und Zepter, setzt lediglich das Gesetz um, an das er genau wie alle anderen gebunden ist.
Jean-Michel muss in den Henkern, den Schöffen und dem König die emotionslosen Instrumente des Schicksals erkannt haben. Und ich nehme an, dass dieses Schicksal, diese Erbschuld des Jüdischseins, in beiden Fällen, bei Frank und bei Kafka, erschwert wurde durch ihre Familienumstände. Kafkas Minderwertigkeitskomplex, der ihm bei seiner Geburt als Jude mitgegeben worden war, wurde durch einen autoritären Vater noch verstärkt, dessen erdrückende Anwesenheit den Existenzraum eines Sohns verkleinerte, der auch ohne Vater schon größte Mühe gehabt hätte, einen Fuß auf den Boden zu bekommen.
Jean-Michel Frank hat nie das Trauma überwunden, dass seine beiden älteren, begabteren Brüder innerhalb von anderthalb Monaten im Ersten Weltkrieg umgekommen waren, während er selbst verschont blieb, weil er zu schwächlich war, um an die Front geschickt zu werden; dass sein Vater daraufhin Selbstmord beging und seine Mutter in einer Einrichtung landete. Diese Schuld, Überlebender zu sein, wurde der bestehenden Erbschuld des Jüdischseins hinzugefügt.
Es gibt eine frappierende äußere Ähnlichkeit zwischen Franz Kafka und Jean-Michel Frank: Beide haben die ausgezehrten Gesichter und die großen schwarzen Augen von Menschen mit einem schmerzvoll vergrößerten Bewusstsein, der unerträglichen Überempfindlichkeit des lebendig Gehäuteten.
Jean-Michel Frank war der Spross einer Bankiersfamilie. Sein Großvater Zacharias hatte als Bankier im deutschen Landau, nicht weit von der französischen Grenze, Karriere gemacht. Sein Onkel Michael war von Landau nach Frankfurt gezogen, wo er das Bankgeschäft Michael Frank gegründet hatte, spezialisiert im internationalen Devisenhandel. Jean-Michels Vater Léon war 1879 nach Paris gezogen, wo er anfing, als Coulissier mit Auslandsaktien und Devisen an der Pariser Börse zu handeln.
Nun, nicht direkt an der Pariser Börse – besser gesagt, in den Kulissen der Pariser Börse, denn dort wurden die Auslandsaktien und Devisen gehandelt, die auf dem Börsenparkett, dem parquet, nicht gehandelt werden durften. Kulisse und parquet müssen hier wörtlich genommen werden. Den Coulissiers war es nicht erlaubt, direkt an der Börse des Palais Brogniart, dem majestätischen Börsengebäude an der Place de la Bourse, zu handeln. Sie mussten heimlich in den Kulissen ihren Handel treiben, das heißt in Cafés in der Nähe des Börsengebäudes oder abends, während eines Spaziergangs, der den Eindruck eines unschuldigen Abendspaziergangs erwecken sollte, denn die Coulissiers wurden von der Polizei beobachtet.
Die Macht der Gewohnheit und die noch größere Macht der beiderseitigen Interessen brachten abends in der Nähe der Börse oft Kunden, Coulissiers und Spekulanten zusammen, die nicht länger die Köpfe zusammensteckten, wie es früher üblich gewesen war, sondern in kleinen Grüppchen auf den Boulevards und den überdachten Ladenpassagen spazieren gingen, die auch bei anderen Abendspaziergängern beliebt waren. Sie sprachen sich an, entfernten sich voneinander und kamen wieder zusammen, je nach Verlauf ihrer Transaktionen, die sie abwickelten, indem sie sich Zahlen ins Ohr flüsterten, sich diese einige Zeit merkten und erst danach in ihre Notizbücher schrieben. Dieses Vorgehen wurde eigentlich nur bemerkt, wenn sich im Parlament ein politischer Zwischenfall ereignete, der die Kurse beeinflusste, oder dies in den Abendzeitungen signalisiert wurde.
So heißt es in einem Bericht des Börsenkommissars an den Präfekten der Pariser Polizei am 3. August 1847.
1853 wurde den Coulissiers erlaubt, das Börsenareal zu betreten. Sie durften ihren Handel zwar nicht im Börsengebäude selbst treiben, denn das blieb für die Börsenmakler reserviert, doch man erlaubte ihnen, sich in den Säulengalerien aufzuhalten, die das Gebäude an allen Seiten umgaben. Hier versammelten sich die Coulissiers bei jedem Wetter, unterteilt in verschiedene Gruppen: In der einen Galerie wurden Termingeschäfte abgewickelt, in der anderen mit Auslandsaktien und Devisen gehandelt, und in einer weiteren fand der Zinshandel statt. Offiziell waren alle diese Handelsformen verboten, aber sie wurden geflissentlich übersehen, weil sie eine natürliche und notwendige Ergänzung zum offiziellen Börsenhandel darstellten.
Die offiziell erlaubten Transaktionen waren einer kleinen Anzahl akkreditierter Börsenmakler vorbehalten. Diese Makler, sechzig an der Zahl, waren in der Compagnie des agents de change vereinigt. Sie hatten das Monopol des Börsenparketts und wurden wegen dieses Vorrechts kurz le parquet genannt.
Die Börsenmakler mussten die französische Staatsbürgerschaft besitzen, wurden vom Minister ernannt und hatten den Status des officier ministériel. Der Umfang der von ihnen dominierten Finanzgeschäfte war enorm. 1880 wurden an der Börse Transaktionen im Wert vom Fünffachen des Bruttonationalprodukts abgeschlossen.
Der Kulissenhandel spielte sich im Schatten dieses Parketts ab. Offiziell war der Kulissenhandel nicht erlaubt, man übersah ihn einfach. Coulissiers waren hauptsächlich Ausländer, größtenteils Deutsche jüdischer Abstammung. Léon Frank schloss sich dieser Gruppe an, die sich in Beruf, Abstammung und Ethnie von den alteingesessenen Franzosen unterschied. Die Existenz als Coulissier spielte sich in berufsmäßiger, sozialer, legaler und räumlicher Hinsicht am Rande ab.
Doch in finanzieller Hinsicht war diese Existenz keineswegs marginal. Die Kulisse erlebte in der Zeit von 1871 bis 1913 eine beispiellose Blüte. Es war die Zeit, in der sich viele deutsch-jüdische Finanzfachleute in Paris ansiedelten, die Zeit, in der auch Léon Frank als Coulissier Karriere machte. Sein Erfolg beruhte auch auf der Verbindung mit der Bank seines Bruders Michael in Frankfurt, die mit englischen und amerikanischen Banken verbunden war, mit denen er Handel trieb.
Die Blüte der Kulisse hatte mehrere Ursachen. Frankreich musste nach dem Debakel des französisch-deutschen Krieges von 1870–1871 Deutschland hohe Reparationszahlungen leisten. Außerdem nahmen die Ausgaben des französischen Staates nach 1871 explosionsartig zu, verursacht durch alle möglichen großen staatlichen Projekte wie der Ausbreitung des staatlichen Eisenbahnnetzes. Der Staat musste in kurzer Zeit viel Geld einnehmen, und das war nur möglich mit Hilfe der Coulissiers, denn nur diese beschäftigten sich mit finanziellen Transaktionen (Terminhandel, Devisenhandel, Sparanlagen), die offiziell verboten waren, die aber die großen Mengen flüssigen Geldes generierten, die für die Staatstransaktionen notwendig waren.
Durch die Zunahme des Terminhandels und des Handels mit Auslandsaktien und Devisen entwickelte sich Paris am Ende des 19. Jahrhunderts zum größten Finanzzentrum der Welt nach London. Der Handel mit Auslandsaktien und Devisen stieg von zehn Milliarden Francs im Jahr 1870 bis auf dreiundvierzig Milliarden im Jahr 1913.
Im Kampf zwischen Parkett und Kulisse geriet das Parkett immer mehr in Bedrängnis. Das Règlement d’administration publique von 1890, dem sowohl Parkett wie auch Kulisse unterworfen wurden, schien das Parkett auf den ersten Blick durch ein strengeres Regelwerk zu bevorteilen. Doch in der Praxis stieg der Umfang des Kulissenhandels auf Kosten des Parketts sprunghaft an. Das Règlement von 1890 unterwarf die Transaktionen der Kulisse zwar strengen Regeln, aber es bedeutete auch, dass die Kulissentransaktionen, die bis dahin illegal waren, nun legalisiert wurden. Andererseits blieb die Bestimmung in Kraft, dass Kulissentransaktionen auf dem Börsenparkett nicht erlaubt waren, was wiederum bedeutete, dass Börsenmakler sich nicht mit dem lukrativen Kulissenhandel beschäftigen durften.
In ihrem Zorn über das, was sie als Vorzugsbehandlung und unfaire Konkurrenz betrachteten, entfachten die Börsenmakler eine Pressekampagne gegen die unliebsame Konkurrenz. Sie wiesen auf die ausländische Herkunft der Coulissiers und ihrer Auftraggeber hin und beschuldigten sie, den französischen Nationalinteressen Schaden zuzufügen.
Die Coulissiers verteidigten sich dem französischen Staat gegenüber mit dem Argument, dass Paris dank ihrer internationalen Finanztransaktionen der zweitwichtigste Finanzmarkt der Welt geworden war, und dass der französische Zinssatz dank dieser starken internationalen Position seit 1870 auf einem stabilen und günstigen Niveau geblieben war.
Die Coulissiers bekamen recht. Mit dem Finanzgesetz von 1893 wurde die Position der Coulissiers noch weiter gestärkt. In den Jahren 1893 bis 1898 ging ein Anteil von mehr als sechzig Prozent der nationalen Finanztransaktionen auf Rechnung der Kulisse; auf die offizielle Pariser Börse, das Parkett, entfielen nicht mehr als fünfunddreißig Prozent. In diesen Jahren muss Léon Frank das Vermögen angesammelt haben, das es ihm ermöglichte, sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus seinem Kulissengeschäft zurückzuziehen und von seinem Kapital zu leben.
1898 endeten die fetten Jahre der Kulisse. Anlass war die Aktienkrise in den südafrikanischen Goldminen im Jahr 1895. Die Kulisse hatte unter dieser Krise ernsthaft zu leiden, denn ganz besonders der Handel in Goldminenaktien war eine der risikoreichsten Auslandsanlagen, die eine Spezialität der Kulisse waren. Das Parkett blieb unbeteiligt, weil es nicht mit diesen Anleihen handeln durfte. Die Börsenmakler benutzten die Krise, um eine neue Kampagne zu starten, mit dem Ziel, das Gesetz von 1893 wieder abzuschaffen. Sie entfesselten einen Sturm des Fremdenhasses und des Antisemitismus.
Das war kein neues Phänomen. Im Laufe der Zeit hatte das Parkett öfters mit denselben Argumenten Angriffe auf die Kulisse unternommen. Die Coulissiers wurden beschuldigt, das sauer verdiente Ersparte des französischen kleinen Mannes heimlich ins Ausland zu schleusen. Am 23. Februar 1892 beschuldigte Finanzminister Pierre Emmanuel Tirard die Coulissiers in einer Rede vor der Volksvertretung mit folgenden Worten:
Nein, der Reichtum eines Landes entsteht nicht als Folge von Spekulationen, sondern durch die Arbeit seiner Einwohner: vom Intellektuellen, der diesen Reichtum durch seinen Geist und seine Erfindungen vermehrt, bis hin zum niedrigsten Arbeiter, der es durch die Arbeit seiner Hände tut.
Mir wird gesagt, dass Frankreich seinen Reichtum, um den es beneidet wird, den mehr oder weniger glücklichen Spekulationen, der Unterstützung, die gewisse Vermittler den Staatsanleihen gegeben haben, oder dem Erfolg bestimmter Finanztransaktionen zu verdanken hat. Meine Antwort ist: nein! Diese Situation ist vor allem der französischen Arbeitskraft zu verdanken, seiner ehrlichen, hart arbeitenden, sparsamen, einfachen Bevölkerung, deren stille Tugenden sich in eine fortwährende Neigung zum Sparen umsetzen, ein Spargeld, das dem Vaterland immer zur Verfügung steht.
Im selben Chambre des Députés rief der Abgeordnete Antoine Jourde 1894 zu Folgendem auf:
Mitglieder der Volksvertretung! Sie würden nie einem ausländischen Offizier den Zugang zu einer unserer Festungen oder einem unserer Waffenlager erlauben. Warum erlauben Sie denn, dass ausländische Spekulanten in die Festung eindringen, die Pariser Börse heißt?
Die Kampagne von 1898 hatte mehr Erfolg als die vorangegangenen Kampagnen. Das Finanzgesetz von 1893 wurde zurückgenommen, und die Folge war, dass das Parkett den Anteil des Finanzmarktes zurückgewann, der in den Jahren davor verlorengegangen war. Während der Jahre 1898 bis 1907 eroberte das Parkett sechzig Prozent des Finanzmarktes zurück, genau den Prozentsatz, den es vorher besessen hatte. In diesem Zeitraum sank der Umfang des Kulissenhandels auf fünfunddreißig Prozent.
Diese fünfunddreißig Prozent standen aber immer noch für ein enormes finanzielles Volumen. Die Kontroverse zwischen den beiden Parteien hielt an und wurde mit den gleichen Maßnahmen und Argumenten ausgefochten, die in den vorangegangenen Jahren zu einem Stereotyp geworden waren: Das Parkett brüstete sich damit, die Interessen der französischen Sparer und die Nationalinteressen Frankreichs gegen die Angriffe von deutsch-jüdischen Spekulanten zu verteidigen.
Léon Frank, umgeben von seinen drei Söhnen: Oscar (links), Georges-Ottmar und Jean-Michel (rechts), etwa 1903. Léon Frank trägt einen dunklen Mantel und einen hohen Seidenhut, Oscar die Uniformmütze eines Unteroffiziers mit einer Kokarde in der französischen Trikolore. Die Hand des Vaters Léon liegt auf der Schulter von Georges-Ottmar, der trotz seines jugendlichen Alters – er kann nicht älter als etwa sechzehn sein – einen dunklen Anzug und eine Melone trägt. Jean-Michel reicht seinem Bruder kaum bis zur Schulter, gegen Oscar wirkt er sehr klein. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, er wäre ein Mädchen. Das liegt, abgesehen von seiner zarten Gestalt, an dem feingezeichneten Gesicht und den vollen, dunkel gelockten Haaren, die durch einen Hut mit breitem Rand, der einen eigenartigen Kontrast zu den männlich würdevollen Hüten seiner Brüder und seines Vaters bildet, betont werden. Foto Anne Frank Stichting Amsterdam/AFF Basel.
In den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende wurde seitens der Börsenmakler das Gerücht geschürt, dass die Kulisse aus Ausländern bestand, in der Mehrheit deutschen Juden, die sich zu einem Komplott zusammengetan hatten, um die französische Wirtschaft zu unterminieren und den französischen Staat zu destabilisieren. Wie wir oben gesehen haben, war das Gegenteil der Fall. Gerade die Kulisse war es, die dafür gesorgt hatte, dass Paris sich zu einem der wichtigsten Finanzzentren der Welt entwickelt hatte. Diese Position hatte ihrerseits für Stabilität im französischen Finanzsystem gesorgt, nachdem dieses wegen des französisch-deutschen Krieges von 1870 ernsthaft aus dem Gleichgewicht geraten war. Der ehemalige Minister Léon Say versuchte, die Gemüter zu beruhigen, indem er erklärte, dass der Erfolg der französischen Staatsanleihen und die Finanzierung der grands travaux in hohem Maße den ausländischen Banken und ausländischen Börsenmaklern zu verdanken waren, insbesondere den deutsch-jüdischen Kulissenhändlern. Aber es half nichts. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden diese vernünftigen Erwägungen durch eine Kombination von Verdächtigungen, Ausländerhass und Antisemitismus überschwemmt und weggewischt.
Der noch fehlende Funke war der aufsehenerregende Prozess gegen Alfred Dreyfus, den französisch-jüdischen Offizier, der Ende 1894 fälschlich der Spionage für Deutschland beschuldigt und zur Verbannung auf die Teufelsinsel verurteilt wurde. Der Prozess gegen Dreyfus hatte zur Folge, dass der latent vorhandene Judenhass sich öffentlich in den Kreisen manifestierte, die am meisten davon profitierten, das heißt in der Finanzwelt.
Devisenhändler, ausländischer Abstammung und Jude. Man füge dieser Dreierreihe das Element Deutsch hinzu, und schon entsteht eine Mischung, gegen die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kein Kraut gewachsen war. Léon Frank entsprach allen vier Kriterien. Das Schicksal wandte sich gegen ihn und traf ihn und seine Familie mit verheerender Kraft.
Léon Frank besaß offiziell die deutsche Staatsbürgerschaft. Er war in Landau (Rheinland-Pfalz) geboren und hatte einen deutschen Pass. Aber er fühlte sich eher französisch-deutsch, und seit er nach Paris gezogen war, ganz als Franzose. Er konnte diesen Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft legitimieren. In Artikel 10 des französischen Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es kraft eines Gesetzes aus dem Jahr 1851, dass jedes Individuum mit einem französischen Vater, der diese Nationalität umständehalber verloren hat, Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft erheben kann. Nun, Léons Vater Zacharias Frank war 1811 in Niederhochstadt (Landau) als französischer Untertan geboren worden, weil die Pfalz damals französisches Hoheitsgebiet war. Zacharias hatte die französische Staatsbürgerschaft verloren, als die Pfalz 1816 Bayern zugewiesen und 1831 Teil des Deutschen Bundes geworden war.
Léon meinte, es wäre genug, sich auf Artikel 10 des Bürgerlichen Gesetzbuches zu berufen. Die Behörden baten ihn, seinen Anspruch mit seiner Geburtsurkunde und der seines Vaters zu belegen. Léon beantragte Kopien beider Dokumente und gab sie bei den Behörden ab. Danach forderten ihn die Behörden auf, auch noch die Geburtsurkunde seines Großvaters vorzulegen, doch es gelang Léon nicht, auch dieses Dokument ausfindig zu machen. Die Behörden erklärten daraufhin, dass sein Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft unzureichend belegt sei, man betrachte ihn als deutschen Staatsbürger. Wenn er als Fremder Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft erheben wolle, müsse er einen Einbürgerungsantrag stellen. Léon tat dies am 16. November 1914.
In seinem Antrag, formuliert von einem Referendar des Justizministeriums, erklärte Léon, Rentier zu sein und aus »Landau, Bayerisches Rheinland« zu stammen. Weiterhin erklärte er, mit einer Amerikanerin verheiratet und Vater von drei Söhnen zu sein, die alle drei die französische Staatsbürgerschaft bekommen hatten.
Warum er nicht eher einen Antrag auf Einbürgerung gestellt hatte, begründete Léon damit, dass er davon ausgegangen sei, sich auf Artikel 10 des Bürgerlichen Gesetzbuches berufen zu können, da er im Ausland als Sohn eines Franzosen geboren worden sei, der diese Staatsbürgerschaft verloren habe. Sein Vater sei am 8. April 1811 in Niederhochstadt (Niederrhein) geboren worden; in seiner Geburtsurkunde sei ausdrücklich erwähnt, dass sein Vater, also der Großvater des Antragstellers, zu diesem Datum in der erwähnten Gemeinde gewohnt habe, dennoch habe es sich trotz ausgiebiger Suche als unmöglich erwiesen, herauszufinden, wo dieser Großvater geboren worden war.
In seinem Einbürgerungsantrag erklärte Léon Frank weiter, dass sein ältester Sohn Oscar, Anwalt beim Berufungsgericht und ehemaliger Sekretär der Anwaltsbruderschaft, gerade seinen Militärdienst ableiste, und dass sein zweiter Sohn verschiedene Male den Aufforderungen zum Militärdienst Folge geleistet habe, aber ausgemustert worden sei, und dass sein dritter Sohn Jean-Michel demnächst zum Militärdienst eingezogen werden solle. Schließlich erklärte er, schon seit fünfunddreißig Jahren in Frankreich wohnhaft zu sein, keine Beziehung zu seinem Geburtsland zu unterhalten und Frankreich als Vaterland zu betrachten. Er bat den Justizminister ehrerbietig, seinen Antrag wohlwollend zu beurteilen, und erklärte, seine Ehefrau Nanette schließe sich dieser Bitte an.
Offenbar war Artikel 10 des Bürgerlichen Gesetzbuches nicht so einfach, wie Léon gemeint hatte. Es genügte nicht, seine eigene Geburtsurkunde vorzulegen, aus der hervorging, dass sein Vater 1811 in Niederhochstadt geboren worden war. Er musste auch noch nachweisen, dass sein Großvater in dieser Stadt geboren worden war. Möglicherweise wurde diese letzte Forderung von der Erwägung geleitet, dass es theoretisch möglich war, dass Léons Großvater aus einer anderen deutschen Gegend oder aus einem anderen Land stammte und sich erst im Laufe seines Lebens in Niederhochstadt angesiedelt hatte. Das könnte bedeuten, dass sein Sohn Zacharias, auch wenn er auf französischem Hoheitsgebiet geboren wurde, nicht automatisch Franzose sein musste, denn wenn sein Vater zum Beispiel ein Bayerischer Immigrant war, könnte auch sein Sohn Zacharias die Bayerische Staatsbürgerschaft haben. Es klingt wie eine Schikane, die nur dazu diente, Léons Anspruch auf Artikel 10 des Bürgerlichen Gesetzbuches zu verhindern.
