Ein Russenjunge und das Heldentum einer Mutter - Dietrich Werner - E-Book

Ein Russenjunge und das Heldentum einer Mutter E-Book

Dietrich Werner

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Beschreibung

Kindheit in den letzten Kriegsjahren, Rückkehr des Vaters aus dem Krieg, Verhaftung durch die Russen, Befreiung des Vaters durch die Mutter, Transport nach Sibirien, Trennung der Eltern, Aufwachsen in der DDR

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Seitenzahl: 32

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dietrich Werner

Ein Russenjunge und das Heldentum einer Mutter

Zeitbetrachtung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein Russenjunge und das Heldentum einer Mutter

Impressum neobooks

Ein Russenjunge und das Heldentum einer Mutter

Am Bund saßen wir zusammen am Ufer des Flusses Huangpu. Die breite Uferpromenade wird gesäumt von Shanghais Wahrzeichen, einer imponierenden Skyline und Bauten aus der Kolonialzeit. Hier pulsiert das Leben des neuen China bis in die Nacht. Aber auch Bettler gehören zu diesem Bild vom neuen China.

Wir haben das einzige Fleckchen Schatten aufgesucht, um der Hitze zu entfliehen. Dem in der Stadt vorherrschenden Smog konnten wir nicht entkommen. Mein Gegenüber war mir schon bei der Fahrt mit dem Bus und dann im „Maglev“, der neuen Magnetschwebebahn, durch sein Zittern aufgefallen. Es war das Parkinson-Syndrom, dass ich von einigen meiner Bekannten her kannte. Er war wie ich den Siebzigern zugehörig. Die Hitze des Tages und der Smog der chinesischen Großstadt haben uns zusammengeführt. 

   Fern der Heimat und vor der Skyline des supermodernen Shanghai erzählte er mir seine Lebens- und Krankengeschichte. Mir war seine Traurigkeit aufgefallen Nach einigem Zögern erklärte er mir, daß er gerade seine Mutter verloren hat. Welche Parallelen dachte ich, auch ich hatte den Verlust meiner Mutter zu beklagen. Allerdings lag das Ereignis schon ein paar Jahre zurück. Dann erzählte ich ihm von den Jahren 1944/45, die ich als Kind von 5 Jahren bei meiner Mutter in der Kreisstadt verbracht hatte.

   Er rezitierte dazu gleichsam als Antwort Gedichte von Kästner. Wir hatten die gleiche Vorliebe für Kästner, der uns beide durch sein Bleiben in Deutschland während der Nazidiktatur beeindruckt hatte. Es war das Land mit den Menschen gewesen, die seine Bücher verbrannt hatten. Da war aber auch das innige Verhältnis von Kästner zu seiner Mutter. Für uns beide waren die Gemeinsamkeiten in dieser Frage nicht zu übersehen. Dazu passten die Verse von Kästner, die er gekonnt rezitierte:

Ich hab von ihm noch ein paar Kinderschuhe,

nun ist er groß und läßt mich so allein.

Ich sitze still und habe keine Ruhe.

Am besten wär’s, die Kinder blieben klein.

   Kästners Mutter mußte von Dresden nach Berlin reisen, um ihren Sohn wiederzusehen, ihm seine Wäsche zu bringen. Es war die Zeit der Bombernächte, im Radio wurden die anfliegenden Bomberverbände angekündigt. Ich erinnere mich an die Stimmen der Nachrichtensprecher im Radio, es lag Bedrohliches darin. Meine Mutter war in dieser Zeit immer bei mir, ihrem kleinen Jungen, den sie über alles liebte.

Mein Gegenüber, den ich gerade kennengelernt hatte, zitierte weiter aus Gedichten von Kästner. Und ich dachte auch wie er mit dem Vers „Gott, hab ich sie lieb“, an meine geliebte Mutter. Mich erstaunte sein gutes Gedächtnis, es hatte durch die schwere Krankheit nicht gelitten. Nur eines ist wesentlich für die Mütter betonte er mit Kästners Worten weiter, „ihr Kind davor zu bewahren, daß es zu früh aus dem Paradies der Kindheit vertrieben wird.“ Kästners Mutter hat das geschafft unter Einsatz aller ihr zur Verfügung stehenden Kräfte.

Mein Vater war an der Ostfront. Durch seine Passion für die Fotografie habe ich Einiges vom damaligen Geschehen mitbekommen. Es waren die zahlreichen Fotos, die in unserer Wohnung herumlagen, wenn mein Vater von der Front zu Hause war. Ich erinnere mich an russische Namen wie Charkow, Krim und Sewastopol und an Fotos von russischen Frauen. Sie sahen in ihren Kleidern nicht hübsch aus, fand ich. Meine Mutter hat die Fotos wohl alle verworfen. Bestimmt wegen der fremden Frauen.

Ich habe die Passion meines Vaters, das Hobby Fotografie später fortgesetzt. Mein Vater hatte eine Leica, die Spitzenkamera der damaligen Zeit. Er hatte immer eine Vorliebe für erlesene „Spielzeuge“. Dazu paßten die Offiziersattribute Säbel und Degen, Pistole und dazugehörige Munition, die während seiner Fronturlaube in der Wohnung herumlagen und meine Aufmerksamkeit erregten. Ich habe oft mit ihnen gespielt.