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Der Autor war Berufsoffizier in Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr. Seine Aufzeichnungen über die ersten 40 Jahre seines Lebens reichen vom Wilhelminischen Kaiserreich bis zur Kapitulation Deutschlands im II. Weltkrieg. Das Buch ist ein Zeitzeugnis mit unterschiedlichen Aspekten. Historisch ist es ein Lesebuch gelebter deutscher Geschichte aus schwierigster Zeit. Soziologisch skizziert der Autor am Beispiel der Eltern und Großeltern die Gesellschaft des vergangenen 20. Jahrhunderts und ihren Untergang in Krieg und Inflation. Seine gymnasiale Schul- und soldatische Ausbildung werden kritisch beleuchtet, ebenso die Haltung der Reichswehr im damaligen politischen Zeitgeschehen. Es wird deutlich, dass der Weg des Dritten Reichs in einen Krieg zwangsläufig und frühzeitig erkennbar war. Sehr bald war es dem Autor bewusst, in die Vorbereitung des II. Weltkriegs aktiv eingebunden zu sein. Seinen Einsatz in Frankreich, Russland und auf dem Balkan schildert er ausschnittweise und anekdotenhaft, wobei nicht die Kriegs- oder Divisionsgeschichte, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht.
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Seitenzahl: 731
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vorwort des Verfassers
1. Band Kaleidoskop einer Jugend(Die ersten 19 Jahre)
Vorspiel in zwei Bildern
Kind aus gutbürgerlichem Haus
Krieg 1914 – 1918
Ende der „Guten Alten Zeit“
Vom Wanderfähnlein zum Wandervogel
Gymnasium
2. Band Mit der Unerbittlichkeit einer antiken Tragödie(Die nächsten 21 Jahre)
I. Teil Mit dem Kaiserreich im Rückspiegel
Rekrut in Landshut
Fahnenjunker in München
Infanterieschule in Ohrdruf und Dresden
Leutnant in Landshut
II. Teil Auf der Rollbahn zum Krieg
Im Augsburger Bataillon
Verlobung
München – Nachrichtenabteilung
Eheschließung
Politisches Umfeld
Chef einer Fernsprechkompanie
Berlin – Kriegsakademie
Transportkommandant in Mainz
Zeitraffer 1939/1945
3. Band Miniaturen eines Krieges
Weg ohne Umkehr
Im Westen nichts Neues
Siegreiche Armeen – chaotische Etappe
Dem Ostfeldzug voraus
Vor und nach einem Blitzkrieg
Angriff
Abwehr
Agonie
Anmerkungen
zu Band 1
zu Band 2
zu Band 3
Anhang 1
Rundbrief vom 13.02.1924
Nachwort des Herausgebers
Informationen über den Verfasser
Ich will keine Memoiren schreiben, sondern mein ganz persönliches Erleben aufzeichnen, will darstellen, wie es einem Sandkorn erging, das samt einer großen Sandwolke vom Sturm hin und her geblasen wurde und doch die Richtung nicht ganz aus dem Sinn verlor.
Am 7. Juli 1905 erschien ich auf der Bühne unserer Welt. Meine Eltern gehörten dem Besitzbürgertum an: sie hatten durchaus den Drang nach Bildung, in ihrer Zeit aber nicht die notwendigen Voraussetzungen dazu. So bekam ich von ihrer Seite nur wenig Anregungen und kaum Korrekturen. Die höhere Schule vermittelte mir ein schmales Spektrum überalterten Wissens und mehr Idealismus, als für die Berufswahl nützlich war.
Meine Entscheidung für den Offizierberuf entsprang der Augenblickssituation eines Gymnasiasten, der meinte, im Militär das Ordnungsprinzip gefunden zu haben, die dem Chaos der politischen Wirren seiner Zeit Herr werden würde. Die Entscheidung war eine Eselei. Sie hat meine Erwartungen enttäuscht, mir aber das Überleben ermöglicht und ein angenehmes Alter gesichert, freilich keine echte Befriedigung gebracht. Die Ausbildung zum Offizier war ebenso hart wie naiv; es gelang ihr auch später nicht, mich zum Fachsimpel zu machen. Ich bin kein schlechter Soldat gewesen, aber in jedem Betracht nur ein halber, manchmal noch ein bisserl weniger.
Im Nachhinein erscheinen mir meine Aufzeichnungen als Anekdotensammlung, die sich besser läse, wenn ich das Talent Münchhausens hätte.
Januar 1986
Josef Selmayr
8. August 1977: Großvater fährt seine achtjährige Enkelin zum Flughafen München-Riem – mit einem Wagen der unteren Mittelklasse über den gut besetzten Mittleren Ring in München. Das Mädchen soll mit der Kursmaschine 408 der Lufthansa nach New York fliegen – zurück zu seinen Eltern in den USA, nachdem es einige Ferienwochen bei den Großeltern in Deutschland verbracht hat.
Man parkt, verständigte sich mit dem Parkwächter und marschiert durch sich automatisch öffnende Flügeltüren in den Abflugtrakt. Erst eine langgestreckte, dann eine quergestreckte, jeweils recht große hell erleuchtete Halle nimmt hier die Reisenden auf. Menschenschlangen und -schlänglein gruppieren sich vor Schaltern, hinter denen adrett uniformierte junge Damen amtieren. Sie verhandeln mit den Passagieren, die ihre Flugkarten gelöst haben – wegen des Platzes im Flugzeug, ob vorne oder hinten, ob Raucher oder Nichtraucher, und schließlich wegen des Gepäcks. Häufig drücken sie auf kleine Knöpfchen ihres Pults und wissen dann immer gleich, ob die Wünsche ihrer Kundschaft erfüllbar sind. Manche Schalter sind auch unbesetzt. Es kommt eben darauf an, welche Fluggesellschaft gerade eine ihre Maschinen abfertigt
Da, wo Großvater und seine Enkeltochter sich bedienen lassen müssen, ist heute nicht viel los. Unschwer ist zu erkennen, dass es sich bei den Menschen vor diesem Schalter zumeist um Amerikaner handelt. Einige gut gewachsene Frauen in seltsam modischer Aufmachung, auch eine kleine Gruppe ältlicher Touristen, dazwischen ein paar Unauffällige, wahrscheinlich deutsche Geschäftsreisende. Anders dort, wo es in den Nahen Osten geht und dies durch zusätzliche arabische Schriftzeichen über dem Schalter sinnfällig gemacht ist. Gastarbeiter fliegen nach Ankara mit Frau und Kindern in die Heimat zurück und mit allem, was sie in Deutschland an Hausrat und Wertgegenständen erworben haben. Harte Gesichter, gedrungene Gestalten, schlafende Säuglinge, altmodische Gewandung und bunt schillernde Gepäckstücke – ein bisschen Bazar vor einer ganz auf Moderne und Zweckmäßigkeit angelegten Kulisse.
Leuchtzeichen an der Stirnwand melden jedem die Startbereitschaft seines Flugzeugs. Man sitzt davor und wartet ab. Flug 408 hat diesmal Verspätung. Zeit genug, noch eine Bratwurst zusammen zu essen. Plötzlich geht dann aber alles recht schnell, ein Küsschen an der Sperre und das Enkelkind ist fort. Großvater geht wieder auf die Straße, geht das gesamte Flughafengebäude entlang zu einer offenen Terrasse, die einen Blick aufs Rollfeld erlaubt. In ca. 500 m Entfernung rollt ein Riesenvogel vorbei, wird schneller und schneller und bäumt sich plötzlich zum Steilflug empor. Der Wind bläst die Triebwerksgeräusche in die entgegengesetzte Richtung. So hört man fast nichts und bald sieht man auch nichts mehr von einem geflügelten Metallgehäuse, in dem die Enkelin und etwa 300 weiteren Menschlein innerhalb der nächsten 6 – 7 Stunden den Nordatlantik überquert haben werden.
65 Jahre früher: Der achtjährige Enkel begleitet seinen Großvater zum Bahnhof der Stadt Straubing. Sie gehen zu Fuß von der Steinergasse durch die wesentlich breitere und in diesem Augenblick sehr sonnige Bahnhofstraße, bis diese einen sanften Knick macht. In seiner roten Backsteinpracht steht dahinter der Bahnhof. Die Fahrkarte steckt bereits in der Westentasche; also geht man mit gewichtigen Schritten, ohne den Herrn Bahnhofsvorsteher hinter seinem Schiebefensterchen eines Blickes zu würdigen, vorne ins Haus hinein und hinten wieder heraus. Die zwei stehen dann am Perron, jenem Freiraum für Reisende und Neugierige, den eine Sperre von den eigentlichen Bahnsteigen trennt. Mühelos ist die gesamte Gleisanlage mit einem Blick zu erfassen. Der Personenzug nach München (über Neufahrn, Landshut, Freising) steht schon da, weil er in Straubing eingesetzt wird. Er steht drüben auf dem dritten Schienenstrang und so bleibt die Durchgangsstrecke frei für die Schnellzüge, die Regensburg mit Passau verbinden, vielleicht gar Köln mit Wien und umgekehrt und im Vorbeirauschen den Ruch der großen, weiten Welt hinterlassen.
Die reichverzierte Bahnhofsuhr – der kleine Junge kann sich nicht satt sehen an den exakten Sprüngen des großen Zeigers – zeigt eine Viertelstunde vor vier. Da kommt auch schon der „Hausl“, der Großvaters gewaltigen Koffer auf zweirädrigem Karren anbringt und der Einfachheit halber gleich zum Gepäckwagen des Münchner Zugs transportiert, eines kleinen Trinkgelds gewiss. Außer einigen Müßiggängern scheint sich wirklich niemand für die Verbindung zur Landeshauptstadt zu interessieren. Die kleine Lokomotive prustet vor sich hin. Ein angerußter Geselle guckt aus dem Führerhaus. Ein anderer Bahnangestellter öffnet jetzt das Gittertürchen und postiert sich erwartungsvoll daneben. Fahr- und Bahnsteigkarte1 werden sorgfältig geprüft und zur Entwertung gelocht. Die behördliche Erlaubnis zur Reise nach München bzw. zum Betreten des Bahnsteigs ist gegeben.
Großvater und Enkelsohn überklettern die Gleise und stehen vor den schmutziggrünen Eisenbahnwagen. Es sind kurze Vehikel und doch hat jedes davon sechs Abteile, jedes Abteil seine eigene Tür. Emailschilder zeigen an, ob erster, zweiter oder dritter Güte gefahren werden soll, ob geraucht werden darf oder nicht, ja sogar, dass in einigen Fällen keine männlichen Wesen einsteigen dürfen. Irgendwoher taucht ein Uniformierter auf und hilft beflissen beim Hochklettern. Großvater drückt ihm einen Obolus in die Hand und setzt sich auf eine rot gepolsterte Bank. Der Knabe steht draußen in der Sonne und weiß nichts zu sagen. Er läuft zum „Hausl“ hinüber, weil er mit ihm nachhause gehen soll. Beide empfinden den Pfiff als Erlösung, mit dem der Stationsgewaltige dem Lokführer das Vorsignal gibt. Unverändert das rauhe Schnaufen der Maschine. Erst beim zweiten Pfiff sprüht der Dampf durch die Zylinder, zieht eine Qualmwolke die Reihe der Waggons entlang, fangen die Räder an sich zu drehen, springt der Schaffner aufs Trittbrett des letzten Gefährts. Fauchen und Hämmern zerreißt die Nachmittagsstille. Großvater betrachtet die weiten Getreideflächen beiderseits des Weges, den seine eiserne Kutsche bedächtig zurücklegt.
Unschwer ist zu erraten, dass der Enkel von damals der Großvater von heute ist, dass sich in zwei Menschenaltern sehr viel geändert hat und dass wir über den Selbstverständlichkeiten unserer Gegenwart nicht vergessen sollten, wie es gestern gewesen ist. Das zu zeigen, ist Sinn und Zweck der folgenden Aufzeichnungen.
Also keine Memoiren, sondern eine kleine, soziologische Rückblende, weiter nichts! Auch keine confessiones, denn der Betrachter ist ganz unwichtig. Nur sein Standort ist wichtig, seine Erinnerungs- und seine Verarbeitungsgabe, also eine ganz und gar subjektive Darstellung. Nur der Verfasser hält sie für objektiv.
Es gibt Männer gleichen Alters, die ihre derzeitige gesellschaftliche Einstellung mit der Erklärung rechtfertigen, sie seien im wilhelminischen Deutschland, wenig mehr als ein Dutzend Jährchen nach Bismarcks Entlassung2, geboren, also gewissermaßen als Konservativer vorprogrammiert worden. Ob dies eine ausreichende Entschuldigung dafür ist, die 18er-Revolution3missverstanden, die Weimarer Republik4 verachtet, das Dritte Reich5 begrüßt zu haben und in der Bundesrepublik6 eisern – mit Seitensprüngen nach rechts – CDU/CSU7 zu wählen, sei dahingestellt.
Wichtiger erscheint, dass Heißdampfmaschine, Ottomotor und Elektrizität nicht allzulange vor unserem Jahrgang 05 das Licht der Welt erblickt haben. Somit gerieten wir mitten hinein in das Industriezeitalter, d.h., in eine unser ganzes Leben bestimmende, permanente Revolution, an deren vorläufigem Ende – heute 1977 – der Computer, die Pille und die Kernenergie stehen.
Weniger präzise ausgedrückt: ich bin der Meinung, aus persönlichen Erinnerungen gerade noch einen Zipfel „Mittelalter“ erfassen zu können. So gewaltig unterscheidet sich nämlich mein jetziges, seinem Abschluss zueilendes Leben von jenem, in das ich vor gut 70 Jahren hineingestellt worden war.
Es soll versucht werden, in diesem ersten Band meiner Aufzeichnungen – etliches aus Kindheit und Jugend – zu notieren, was der Nachgeborene kaum mehr für möglich hält. Dennoch: so ist es gewesen.
November 1977
Straubing8 kurz nach 1900 – eine Stadt von dazumal 22.000 Einwohnern einschließlich Garnison und Zuchthaus, Mittelpunkt der Kornkammer Bayerns – hatte fünf Apotheken, von denen die von meinem Vater gepachtete mehr schlecht als recht ging und ihrem Besitzer keine „standesgemäße“ Existenz ermöglichte. Man butterte aus dem Vermögen zu, um die Vorlieben eines Jägers und die Verpflichtungen eines Reserveoffiziers in einem bayerischen Kavallerieregiment finanzieren zu können. Von einer „angesehenen“ Stellung des Vaters als Apotheker in der Gemeinde und Gesellschaft habe ich nichts bemerkt; wahrscheinlich ist er noch zu jung dazu gewesen und außerdem kein Freund von Honoratiorenstammtischen. Häusliche Geselligkeit war sowieso klein geschrieben. Ich kann mich nur an einen einzigen Gästeabend im Elternhaus erinnern, wohl deshalb, weil dabei allerlei auf den Kopf gestellt worden ist. Unter anderem schmückten geliehene Lorbeerbäume den Treppenaufgang und den Weg zum Abtritt. Alles Übrige, was als Geselligkeit einzuordnen wäre, scheint im Gasthaus und im Offizierkasino stattgefunden zu haben. Trotzdem beschäftigten wir eine Köchin und ein Hausmädchen.
Das Haus, Steinergasse 99, war drei Fenster breit und vier Etagen hoch. Wir waren also pausenlos auf der Treppe. Die Hinterfront ging auf einen schachtförmigen, ziemlich quadratischen Hof. Seitlich davon gelangte man innerhalb jeden Stockwerks auf ein Plumpsklo9, dem Tummelplatz zahlloser Fliegen. Das Fallrohr mündete mitten im besagten Hofgeviert in einer Versitzgrube. Wenn diese leer gepumpt werden musste, erschien eine Dampfmaschine vor der Apotheke und es wurde eine infernalisch stinkende Rohrleitung vom Innenhof durch die gesamte Tiefe des Gebäudes via Haustüre gebaut.
Die sehr schmale Steinergasse hatte Kopfsteinpflaster und einen beachtlichen Durchgangsverkehr. Meist waren es Pferdefuhrwerke, gelegentlich aber auch schon ein Auto oder ein Omnibus. Dies bedeutete erheblichen Lärm, der die Eltern aber offenbar weniger gestört hat als – die Schlafzimmer gingen sämtliche nach vorne – das Gegröle betrunkener Chevaulegers10 im Gasthaus „Gambrinus“ schräg gegenüber.
Den Bewohnern der anderen Straßenseite konnte man übrigens bequem in die Zimmer schauen. Nicht exakt zu diesem Zweck, sondern vornehmlich zur Frischluftgewinnung hatte man bei uns vor einem der drei Fensterchen des im dritten Stock gelegenen Wohnzimmers einen „Kinderbalkon“ montiert, ein auf allen Seiten vergittertes Außenbordbrett, eine Art Hochsitz, von dem aus ich die Fallgeschwindigkeit meiner Spucke in ihrem Verhältnis zur Marschgeschwindigkeit der Fußgänger unter mir experimentell ermitteln konnte. Ich versäumte auch selten, meinen Beobachterposten einzunehmen, sobald Marschmusik ertönte, was häufig genug der Fall war, wenn die grün-weißen11 Reiter vom Exerzierplatz quer durch das Städtchen in die Kaserne rückten.
Fast ebenso faszinierend war aber der Stadtturm. Seine graue, weit über die Dächer der Bürgerhäuser ragende Masse war Abschluss der Steinergasse und Grenze meiner Kinderwelt gen Norden. Die riesengroße Turmuhr, die alle Viertelstunde ein geheimnisvolles Zeichen von sich gab, verschaffte mir den ersten Zeitbegriff. Romantische Verklärung besorgte die Tatsache, dass dort oben ein echter Turmwächter hauste, der bei jedem Glockenschlag in alle vier Winde zu schauen hatte, ob ein Brand oder anderes Unheil die Stadt bedrohe, und der seine Wachsamkeit allen Bürgern dadurch bewies, dass er die automatische Zeitansage jedes Mal manuell wiederholte. In jenen Jahren saß da hoch zu unseren Häuptern ein Schuster. Was er zum Leben und zum Arbeiten brauchte, wurde ihm per Korb mittels eines kleinen Aufzugs – außenbords natürlich – zugeschickt. Einige Male durfte ich ihn besuchen und in seinem Krähennest bewundern.
Es gab noch etwas, was den Knaben brennend interessierte, wenn er auf seinem Kinderbalkon saß. Es waren die Straßenlaternen, die elektrischen. Drei oder auch vier von ihnen hingen als große Ballons über der Steinergasse, etwa in der Höhe der zweiten Stockwerke an den Fassaden der Häuser rechts und links verankert. Täglich am Vormittag kam ein Mann, der eine nach der anderen bis zu sich auf den Erdboden herunter kurbelte, ein bisschen putzte – es waren nämlich „Bogenlampen“12, deren Kohlestifte sich laufend verbrauchten und nachgestellt werden mussten – und schnell wieder in ihre luftige Höhe zurückbeförderte.
Hüpfte ich, des Schauens müde, in die Stube zurück, umfing mich ein niedriges Gemach. Ein schwarzes Ledersofa stand an der Längswand und ein rechteckiger Tisch mit weißer Ahornplatte davor. Dort pflegte die – lange Zeit nur dreiköpfige – Familie ihr Mittagessen einzunehmen. Einer der Dienstboten schleppte es die steile, schmale Kurventreppe empor, Suppe, Fleisch und Gemüse. Zur Sommerzeit trank Papa dazu eine Schorle, dessen Bestandteile er vor unseren Augen ineinander goss. Hansi, unser Kanarienvogel, durfte bei solcher Gelegenheit seinen goldenen Käfig verlassen und setzte sich nicht selten auf männliche Schultern; vor Mamas gewaltigem Haarschopf hatte er nämlich Angst. Vermutlich war auch der obligate Jagdhund zugegen, erst der langhaariger Ralph, später der kurzhaarige Rino. Ich weiß es aber nicht mehr genau, weil ich damals noch keine Abneigung gegen „Haustiere“ hatte, mich also auch nicht ärgerte. Mein einziger Ärger war die Brotsuppe13, die jeden Samstag aufgetischt wurde und ziemlich säuerlich schmeckte. Auf diese Art entledigte sich eine gute Hausfrau der im Laufe der Woche angefallenen Brotreste, ohne etwas zu vergeuden.
Einzufügen bleibt hier, dass Pepi, so nannte man mich liebevoll, im Allgemeinen mit Mehlspeisen aufgezogen wurde, und dass dabei vornehmlich geschälter Reis Verwendung fand. Sicher ist die Werbung für Kolonialwaren damals auf hohen Touren gelaufen und nicht weniger verlogen gewesen als heute. Die Folge hiervon dürften meine miserablen Zähne gewesen sein und meine sehr frühzeitige Bekanntschaft mit dem Zahnarzt Ofenloch. Doch hierüber später.
Verweilen wir noch ein wenig im Wohnzimmer. Von der sonstigen Einrichtung habe ich keine Ahnung mehr. Es kann ohnehin nicht viel gewesen sein, handelte es sich doch wirklich nur um ein zweifenstriges Stübchen, das zudem überaus niedrig war. Wenn Mama dort die große Wäsche bügelte, mit einem Kohlebügeleisen14 natürlich, weil Gas zu teuer gewesen wäre, entstand eine beklemmende Luft und Enge. Angenehmere Erinnerungen habe ich an die gelegentliche Inbetriebnahme der „Laterna magica“15. So einfach war das aber gar nicht. Da gab es erstmal eine Petroleumfunzel, die so in ein Gehäuse aus Schwarzblech geschoben werden musste, dass der Glaszylinder in einer Art Schornstein Platz fand. In der Regel russte das Ding eine Zeitlang, nämlich bis man mittels Schraube die optimale Dochtgröße hergestellt hatte. Ein sanfter Schein ruhte dann auf dem Betttuch, das in die Türfüllung an der Gegenwand gespannt war.
Zur Projektion kamen bunte Figuren, die auf längliche Glasplatten gemalt waren und im Durchschieben ein ganzes Märchen ergaben. Höhepunkt der Vorstellung war für mich immer wieder das Bild einer hohen Eisenbahnbrücke, über die ein ganzer Zug fahren konnte, wenn Mama eine eingepasste zweite Glasscheibe – eben diejenige mit einem frei schwebenden Zug darauf – durch den Projektor schob, ohne die erste herauszunehmen. Um das erregende Schauspiel wiederholen zu können – denn mit einer einzigen Betrachtung war ich nicht zufriedenzustellen – musste die gute Eisenbahn allerdings den Rückwärtsgang einlegen, was wegen der gleichgebliebenen Rauchfahne nicht ganz realistisch wirkte.
Freilich gab es zu jener Zeit auch schon Laternae magicae, mit denen man richtige Filme vorführen konnte. Meines Wissens waren es recht kurze Szenen, die auf einem endlosen Band untergebracht gewesen sind und – bediente man eine Kurbel – eine tanzende Figur hervorbrachten oder einen marschierenden Soldaten. Ob eines solchen Instrumentariums drückte ich mir die Nase am Schaufenster unseres Spielwarenladens platt, ohne es je zu bekommen oder auch nur in Aktion zu sehen. Den gleichen Effekt, bewegliche Bilder nämlich, erzielte übrigens ein Gerät, das noch aus der Kinderstube meiner Mutter und ihrer Geschwister stammte und mir von Tante Annie, der älteren Schwester von Mutter, zugänglich gemacht wurde, wenn ich die Sommerferien bei den Großeltern Betz in der Händelstraße in München-Bogenhausen verbringen durfte. Darüber wird es ein besonderes Kapitel geben. Vorweggenommen sei, dass es sich bei jenem Gerät um einen Blechzylinder von ca. 30 cm Durchmesser und 20 cm Höhe gehandelt hat, den man, da er auf einem kleinen Ständer aufgespießt war, in rotierende Bewegung bringen konnte. In der oberen Hälfte hatte er regelmäßige Schlitze, die sich bei schnellem Drehen in einen brauchbaren Durchguck verwandelten. Nun brauchte man inseitig die untere Hälfte nur mit einem dazu passenden Bilderbogen auszufüllen, auf den eine Figur, zum Beispiel ein sägender Handwerker x-mal, aber in einer immer anderen Phase seiner Tätigkeit gezeichnet war: und schon hatte man ein Heimkino!
Nach dieser Abschweifung zurück ins Wohnzimmer in der Straubinger Steinergasse. Es hatte einen Kanonenofen, der zur Winterzeit eine herrliche Hitze ausstrahlte und dann auch die Möglichkeit bot, Äpfel oder Kastanien zu braten. Alsdann gab es da noch zwei Türen. Die eine führte dem Ledersofa gegenüber in ein noch kleineres Nebengelass, dem das dritte und letzte Fenster jenes Stockwerks Licht und Luft gab. Es führte den Namen „Fremdenzimmer“ und enthielt zwei Betten, einen Kleiderschrank und einen Waschtisch. Dort nächtigten die Besucher aus der engeren Familie; andere gab es nämlich nie. Ob belegt oder nicht, gehörte es insofern auch mir, weil nämlich im Türrahmen meine Turnringe baumelten und Kinder ja gern ihre Langeweile mittels einiger Bauchaufschwünge vertreiben und sich ein bisschen schaukeln lassen, ehe ihnen etwas Neues einfällt.
Die zweite Tür schließlich, von der bereits die Rede war, führte auf einen kurzen schmalen Gang, von dem aus es nun links in das Badezimmer ging, rechts in die „Mädchenkammer“, wiederum links die Treppe hinunter zum zweiten Stockwerk und geradeaus auf einen überdachten, die gesamte Rückwand des Hauses einnehmenden Balkon.
Klettern wir also jetzt die sich um eine Säule windenden Stufen der Treppe hinunter in den zweiten Stock, dann stehen wir auf einem dem oberen sehr ähnlichen Gang. Vielleicht ist er ein wenig höher und heller gewesen. Und behalten wir den Grundriss des dritten Stocks im Gedächtnis, dann haben wir auch schon die Raumeinteilung des zweiten. Nach vorne lagen Eltern- und Kinderschlafzimmer, zur Seite Küche und Speisekammer. Der Balkon hieß „Küchenbalkon“, unterschied sich allerdings wenig von seinem höheren Bruder, es sei denn dadurch, dass er gleichzeitig die Brücke zur Toilette darstellte.
Nochmals soll’s die Treppe hinunter gehen in den ersten Stock und den Gang entlang zur Straßenseite. Ja, da lag er, der „Salon“, einem Speisezimmer nicht unähnlich, seiner Doppelfunktion gerecht werdend durch ein gewaltiges Plüschsofa, dessen Rückenlehne im schönsten Jugendstil gerahmt war, so dass man wie in einer Nische saß. Ob jemals Besucher dorthin komplimentiert wurden, weiß ich nicht. Immerhin erinnere ich mich, dass Papa und Mama jeden Sonntag zwischen 11 und 12 Uhr eines Klingelzeichens gewärtig sein mussten, dass das Hausmädchen – entsprechend angezogen – zur Türe eilen und sagen sollte, die Herrschaften seien leider verreist oder Ähnliches. Bereit stand auch eine flache kupferne Schale, an deren Rand ein ebenfalls kupferner Engel balancierte und eine ebenfalls kupferner Visitenkarte schwenkte als unzweideutige Aufforderung an den Besucher, die seinige darauf zu legen
Ansonsten blieb die ganze Herrlichkeit monatelang unbenutzt, leer, immer nach Bohnerwachs und Mottenpulver riechend, das einzige Zimmer des Hauses, das mit seinen drei Fenstern als geräumig angesprochen werden konnte! Um ganz korrekt zu berichten: am Heiligen Abend feierten wir dort drinnen die Bescherung. Solange ich noch ans Christkind geglaubt habe – und dies tat ich verhältnismäßig lange –, blieb mir der Raum geheimnisumwittert. Etliche Tage vor dem Fest war er bereits abgesperrt. Heimlich schlich ich mich dann wohl auch zum Schlüsselloch, ohne je etwas zu erspähen. War’s dann endlich so weit, wurde ich im oberen Stockwerk festgehalten, bis eine Handglocke mit silbernem Ton erklang. Einmal – ich sehe es noch wie heute – war ich so rasch die zwei Treppen hinuntergeeilt, dass ich Papa noch beim Verlassen der im Glanz des Lichterbaums erstrahlenden guten Stube erwischte. Ich konnte mir das damals nicht recht erklären.
War dies gewissermaßen „Tempelbezirk“, so wurden die übrigen Gemächer dieses ersten Stocks bereits geschäftlich genutzt und umso lebhafter frequentiert. Im Raum unter der Küche befand sich Vaters Schreibstube, darin auch ein Bett für den Nachtdienst unserer Apotheke. Und auf dem Korridor gegenüber, also unter der Speise, die „Spezialitätenkammer“. Dort lagerten die fabrikmäßig hergestellten und nur über den Ladentisch zu verkaufenden Medikamente. Sie gab es in rasch zunehmendem Maße. Noch freilich bestand die hauptsächliche Tätigkeit des Apothekers im „Rezeptieren“, d.h., dem Zusammenmixen der Heilmittel nach Vorschrift des Arztes. Diese Arbeit und das Abfertigen der Kunden erfolgte im Erdgeschoss.
Ein ganz spezifischer, angenehmer, doch nicht zu definierender Geruch beherrschte eine Apotheke der Jahrhundertwende. Heute ist das anders, es riecht in einer Apotheke nicht anders als in jedem anderen Geschäft der gehobenen Klasse, ausgenommen Tabak- oder Kaffeeläden. Damals kam der Geruch von den vielen Pulvern und Salben und Kräutern und Essenzen, die wohlgeordnet und exakt beschriftet hinter und beiderseits der Theke in Regalen, die vom Fußboden bis zur Decke reichten, herumstanden oder in Schubfächern oder verschließbaren Schränkchen aufbewahrt waren. Auf dem Verkaufstisch aber funkelten zwei Wagen in ihrer Messingpracht, die kleinere davon sogar unter einem Glassturz mit kleinen Plättchen als Gewichten daneben, die weniger als ein Gramm schwer waren.
Mutters Bemühen, dem Söhnchen gewaltigen Respekt vor Vaters Tätigkeit einzuflössen, war durchaus erfolgreich, wahrscheinlich weil es aus einem Herzen kam, das nicht nur voller Liebe, sondern auch voller Bewunderung gegenüber einem akademischen Beruf gewesen ist, so schmal die wissenschaftliche Basis auch gewesen sein mochte, die man damals mit sechs Jahren Oberschule und ein paar Universitätssemestern erreichen konnte. Auf die zusätzliche Heroisierung des Ehegatten aufgrund seiner Reserveoffiziereigenschaft wird später eingegangen werden. Die Atmosphäre war leider dazu angetan, Abstand zwischen mir und Papa zu schaffen, statt ungekünstelter Zuneigung.
Betreten wir also die Veitsapotheke meines Vaters mit einem Rezept des Dr. med. Zeitler in der Hand. Es soll Leute gegeben haben, die dies auch ohne Rezept taten, stattdessen mit einem Lumpenverband um einen Finger. Darunter eiterte eine Wunde, die bislang „volksmedizinisch“ mit Taubenmist behandelt worden war. Manchmal war bereits der ganze Arm blau angelaufen und eine Blutvergiftung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr aufzuhalten. In der Tat konnte nur wenigen wirklich Kranken damals geholfen werden. Deshalb ging das Geschäft auch herzlich schlecht. Gleichwohl traf der Kunde zumeist nicht den Chef, sondern den Herrn Provisor. Papa beschäftigte stets ein bis zwei solcher Anlernlinge, zuletzt Herrn Seidenbusch, den mein kleines Brüderchen, nachdem es einmal da war (1911), in starker Vereinfachung „Scheißebusch“ titulierte.
Schon wieder bin ich abgeschweift und wollte doch eigentlich den Apothekenbetrieb schildern. Die von den Ärzten vorgeschriebene Medizin war in den seltensten Fällen griffbereit. Sie musste hergestellt werden, was bis zu 24 Stunden dauern konnte, dann nämlich, wenn die Ingredienzien erst zu Pillen gedreht oder Tabletten gemünzt werden mussten. Dies geschah in den Abendstunden. Schneller ging es mit Pülverchen, die gemischt und dann in kleinen Briefchen verpackt zu werden pflegten, oder mit Tröpfchen, die in ein weißes oder gar grünes Fläschchen gefüllt, sorgfältig verkorkt, mit hübschem Buntpapier überdacht, plissiert und schließlich mit blau-weißem Schnürchen zugebunden wurden. Jeweils eine Prozedur, die den zappeligsten Patienten zur Verzweiflung und schließlicher Resignation bringen konnte.
Außer Hilfesuchenden betraten sämtliche Familienangehörige das Haus in der Steinergasse durchs Geschäft. Wenn keine Bedienung im Laden war, rief man „bleiben!“, womit jeglicher Diensthabende, der in der Tiefe des Hauses sich aufhalten mochte, wusste, dass er nicht nach vorne zu eilen brauche. Soweit ich der Ankömmling war und etwa gerade die Schule hinter mich gebracht hatte, marschierte ich links an der Theke vorbei und erreichte über zwei Stufen ein Zwischengemach kleinsten Ausmaßes, das „Jourzimmer“, nämlich den Bereitschaftsraum der Apotheker, den sie auch für kleinere Schreibarbeiten, schwierigere Pillendreherei und zum Zeitunglesen benutzten; in dem sich aber auch nach offiziellem Geschäftsschluss die kleine Familie versammelte, um das Abendbrot einzunehmen, ohne dem Oberhaupt die Möglichkeit zu nehmen, späte Kundschaft zu versorgen. Selten genug erfolgte solche Störung mittels Nachtglocke.
Meist verzehrten wir in Ruhe die Überbleibsel des Mittagmahls. Anschließend beschäftigte ich mich mit Zeichenstift und Pauspapier, während Mama handarbeitete und Papa mit primitiven Geräten jene Perlen, Zäpfchen und Tabletten herstellte, die er am nächsten Tag zu benötigen glaubte. Ein gelegentlicher Blick auf solches Tun verschaffte mir das erste Verständnis eines halbmechanischen Produktionsverfahrens. Nur gestaunt und nichts verstanden habe ich, wenn das Mikroskop oder ein besonders komplizierter Apparat auf den Tisch gestellt wurde, mit dem Urin betrachtet und irgendwie beurteilt werden konnte. Manchmal, wenn Papa sehr abgelenkt war, schlich ich mich auch nach vorne, zog die bodennächsten Schubladen heraus und betrachtete oder berührte sogar die dort versammelten Kleinstbehälter mit den grellbunten Kunststoffdeckelchen, die so schön waren, dass ein kleiner Junge davon träumen konnte.
Alles dies ist aber langweilig gewesen im Vergleich mit jenen Gelegenheiten, wo Papa neue Schilder für seine Vorräte malte. Alsdann holte er irgendwoher einen Malkasten besonderer Art, den sogenannten Pospisil-Apparat, genannt nach seinem tschechischen Erfinder16. Ein hübscheres Spielzeug ließ sich kaum denken. Da waren eine Reihe von Buchstabenschablonen, ein stumpfer, harter Pinsel und ein schwarzes sowie rotes Farbtöpfchen. Es gab auch Matrizen, die es gestatteten, das Umfeld anzumalen und die Buchstaben weiß zu lassen. Und mehrere Arten von Umrandung waren möglich! Ich konnte stundenlang zuschauen, wie schwierige Buchstaben aus mehreren Teilen zusammengesetzt und schließlich zu kaum aussprechbaren Worten zusammengefügt wurden, um gleich darauf eingezäunt, ausgeschnitten, fixiert und aufgeklebt zu werden. Angemerkt sei, dass die Negativschrift benutzt wurde, wenn es sich um giftiges Material handelte.
So aufregend und überzeugend die Handfertigkeit meines Vaters auch gewesen sein mochte, konkreter und meinem Alter angemessener erschien mir die Tätigkeit des „Hausls“, eines jungen Burschen, der für niedere Dienste vorgesehen und so schlecht bezahlt war, dass er eigentlich klauen musste, was er auch getan hat. Beispielsweise machte er unter einem großen Kessel im Labor, gleich hinter dem Jourzimmer, gelegentlich ein großes Feuer; der alsbald entstehende Dampf wurde aufgefangen, über ein dickes Kupferrohr in einen Zwillingskessel geleitet und so lange durch Kühlschlangen gejagt, bis er in Form von Wassertropfen unten wieder zum Vorschein kam. Aqua destillata17 im do-it-youself-Verfahren! Kinderaugen sahen es als Hexenküche. Und dann erst der Keller! Gleich hinter dem Labor ging’s über eine Falltüre in die Tiefe. Da standen dann, durch eine kümmerliche Glühbirne dem Dunkel entrissen, Kisten, Fässer und Glasballons. Vom hochprozentigen Alkohol bis zum maiglöckchengrünen Sprudel war alles da. Der Hausl steckte wohl mal ein Schläuchlein in eins der Gefässe und zapfte hellenischen Wein, genannt Samos, in Flaschen ab. Dann roch der ganze Keller, den man ansonsten nur als Loch bezeichnen konnte, wie ein Märchenschloss. Trotzdem interessierte ich mich ausschließlich für die rote, gelbe und grüne Flüssigkeit, die ortsüblich „Kracherl“genannt wurde, weil es knallte, wenn einer den Patentverschluss aufdrückte. Geschmeckt hat es übertrieben süß. Die Apotheke führte damals solche Limonaden-Getränke, wie sie ja auch Bärendreck18 verkaufte.
Zur Sommerzeit kamen laufend Weiber an die Tür und verkauften frisch gepflückte Kamillenblüten körbeweise. Der Hausl wog das Angebot und zahlte. Dann durfte ich ihn begleiten, wenn er die betäubend duftende Ware im Handkarren ein paar hundert Meter weit zu einem alten Patrizierhaus fuhr, dessen riesigen Speicher Papa angemietet hatte. Der Dielenboden war bereits mit Zeitungen belegt, wenn nicht, durfte ich es tun. Die noch feuchte Kamille wurde ausgebreitet und solange der brütenden Sommerhitze unter dem Ziegeldach ausgesetzt, bis sie staubtrocken war und als Tee in kleine Tütchen abgefüllt werden konnte.
Das war aber alles nichts gegen die Himbeerernte. Man muss sich bloß vorstellen, dass uns zentnerweise die rote Frucht ins Haus gebracht wurde, dass wir sie mit einer Handpresse versaftet und mit Massen von Zucker versetzt zu Syrup verkocht haben. „Wir“ heißt in diesem Fall der Hausl, die Köchin und meine Mutter. Ob außer destilliertem Wasser, Tee und Himbeersaft noch andere Artikel in Eigenfabrikation erstellt wurden, weiß ich nicht, vermute es aber und möchte damit feststellen, dass eine Apotheke jener Zeit eine Produktionsstätte gewesen ist, etwas durchaus originelles, Wissenschaft, Handwerk und Handel Vereinigendes.
Ein intelligenter und dazu praktisch veranlagter Mann hätte sich durchaus glücklich fühlen können. Mein Vater tat dies nicht. Sehr frühzeitig bekam ich mit, dass es die Pächtersituation war, die ihn drückte. Vor allem, weil der Pachtschilling unangemessen hoch gewesen sein soll. Es gab Ärger mit dem Verpächter, der sich nach München zurückgezogen hatte. Unentwegt liefen denn auch die Versuche der Eltern, die Großeltern zum Kauf einer eigenen Apotheke zu bewegen. Sie scheiterten, da die Preise eines „Realrechts“ für den Betrieb einer Apotheke19 den zu erwartenden Umsätzen nicht entsprachen. Mehrmals waren die beiden Großväter erschienen und jeweils unverrichteter Dinge wieder abgereist. Im Haus an der Steinergasse blieb der Kummer.
Die Geschäftslage in der Steinergasse war nicht schlecht, freilich lange nicht so gut, wie sie an einem der zwei Marktplätze gewesen wäre. Alle Geschäftsleute warteten auf Landkundschaft, und die erschien in großen Scharen an jedem Wochenende, wenn die Dult beiderseits des Stadtturms aufgebaut war oder das große Volksfest drunten an der Donauwiese, genannt „Hagen“, stattfand. Dass die Straubinger andere Apotheken vorzogen, lag sicherlich auch daran, dass Papa ein „Reingeschmeckter“ war und nie in der Kirche gesehen wurde. Stadt und Land waren zu jener Zeit fest in der Hand der Geistlichkeit, deren subtile Herrschaftsmethode das öffentliche Leben in jene Kanäle zwang, die ihr nützlich erschienen. So wurden die hohen Feiertage und Fronleichnam zu Festen, die die ganze Stadtgemeinde in der Kirche vereinte, eine Nichtbeteiligung übel vermerkt. Aber auch an gewöhnlichen Arbeitstagen sah man Priester und Messbuben im Ornat durch die Straßen eilen, wenn sie zu einem Sterbenden gerufen wurden. Sich vor dem vorbeigetragenen „Herrgott“ in die Knie zu werfen, war den meisten selbstverständlich.
Die wirkungsvollste Disziplinierungsmaßnahme der Kirche dürfte indessen der Beichtzettel gewesen sein, der jährlich einmal, zur Osterzeit nämlich, von allen katholischen Haushaltungen eingefordert wurde, um zu kontrollieren, ob jedermann seine Sünden bekannt hatte. Diese Art Quittung für eine kirchliche Pflichtübung war eigentlich nur im Beichtstuhl zu bekommen, nebenbei jedoch auch ein beliebtes Schwarzhandelsobjekt und um Geld vertrieben durch Leute, die eben mehrmals zur Beichte gehen und sich ein jegliches Mal den kleinen Zettel aushändigen ließen. Inwieweit da auch Provokateure am Werk waren, sei dahingestellt. Meine Eltern jedenfalls besorgten sich das Notwendige jeweils aus der Großstadt München. Es hat ihnen nicht viel geholfen. Auch dass Mama in echter Gläubigkeit jeden Sonntag zum Gottesdienst ging und ihren Knaben frühzeitig dorthin mitnahm, vermochte unsere Seelenhirten und deren Gefolgschaft nicht recht zu überzeugen.
Da war nämlich noch ein anderer Punkt, der den Apotheker Selmayr aus dem unsichtbaren Verbund der Spießer ausschloss: die enge Verbindung mit dem elitären Offizierkorps des 7. Chevaulegers-Regiments. Vater war mit Leib und Seele Reserveoffizier, zeigte sich gerne in Uniform, verkehrte laufend im Kasino, versäumte keine Felddienstübung und erreichte überraschend schnell den Dienstgrad des Oberleutnants. An den Reserveoffizier waren fast ebenso strenge Voraussetzungen geknüpft wie an den aktiven. Die Familie musste dem Bildungs- und/oder Besitzbürgertum zuzurechnen sein. Eine feudale Aura umfing also auch den subalternen Beamten und den kleinen Geschäftsmann, der es geschafft hatte und es sich leisten konnte, auf des Königs Rock silberne Achselstücke zu befestigen.
Es war ein kostspieliges Vergnügen, besonders für einen Kavalleristen; denn die beträchtlichen Anschaffungen mussten aus der Privatschatulle bestritten werden, sogar das Pferd und sein Futter. So war es denn mit Recht ein stolzes Ereignis, wenn Papa gestiefelt und gespornt aus der Haustür trat und vor aller Augen in den Sattel stieg. Mama fand es durchaus angebracht, mich sehr frühzeitig zu wecken und ans offene Fenster zu führen. Sie war halt ganz närrisch mit ihrem Chevauleger und jahraus jahrein emsig bemüht, die Uniformen zu pflegen und peinlich saubere Manschetten, sogenannte Röllchen, bereitzuhalten, wenn große Paraden oder Kasinoveranstaltungen – etwa gar unter Anwesenheit des Regimentsinhabers Prinz Alfons20 – über die Bühne gingen.
Vaters zweite noble Passion galt der Jagd und wurde von Muttern genauso bewundert wie die erste. Häufig hörte ich über Papas Streifzüge in den Bayerischen Wald oder eine Einladung zu fröhlichem Hasenschießen. Am meisten Gesprächsstoff bildeten Auerhahn- und Birkhahnbalz. Man musste schon sehr geschickt und ein sicherer Schütze sein, ein so schönes Tier zu erlegen. Ausgestopft auf einem Ast sitzend und an die Wand des Schreibzimmers gehängt, vermittelte es noch im Tod den Eindruck des Urigen. Nach und nach versammelten sich mehrere solcher Vögel in unserem Haus. Daneben vermehrten sich die auf schwarze Holzbrettchen geschraubten, aus einem bleichen Schädelstück herausragenden Gehörne von Rehböcken, fein säuberlich versehen mit Ort und Datum des Abschusses. Ich habe mir über die Ambivalenz dieser triumphalen Galerie keine Gedanken gemacht, sie vielmehr als festen Bestandteil unserer Lebensform hingenommen. Dabei bin ich nie gewesen, wenn ein Wild getötet wurde. Aber zuschauen durfte ich beim Auseinandernehmen, Reinigen und Ölen der Waffen, vom ersten Augenblick an die Belehrung erhaltend, dass Waffen gefährlich sind und in keinem Fall auf ein menschliches Wesen gerichtet werden dürfen, auch wenn man genau weiß, sie sind nicht geladen.
Nun wird’s aber Zeit, das Reich der Hausfrau abzustecken. Da gehen wir ohne viel Umschweife in die Küche, die wir nach meiner obigen Beschreibung im zweiten Stockwerk zu finden wissen. Dieser, von einem Fensterchen zum Küchenbalkon schwach erhellte Raum wurde von einem ansehnlichen Kochherd beherrscht. Die ganzen Vormittage hindurch brannte ein Feuer in seinem Bauch, das, je nachdem man einige der Kochringe wegnahm, mächtig oder auch weniger hervorzüngelte, bis Topf oder Töpfchen es wieder einschlossen. Ein Brat- und Backrohr gab es auch und schließlich eine große Wanne, in der das im Haushalt benötigte Warmwasser quasi automatisch produziert wurde. Geschmückt war die ganze Herrlichkeit obendrein durch ein breites Kupferband an sämtlichen vier Seiten der Kochplatte und durch dicke Messingknöpfe an Türen und Klappen der Vorderfront. Für Schnellzubereitungen gab es einen Gasherd; gleich daneben und vor dem Fenster stand ein Arbeitstisch, diesem Fenster gegenüber schließlich ein Küchenbuffet; wenn ich nicht irre, war es dunkelrot angestrichen.
In der Küche war immer etwas los und, dass Mutter das Kochen dem Personal überlassen hätte, kann nicht behauptet werden.21 Allerdings verstand man damals unter Küchenarbeit nicht nur die Zubereitung allfälliger Mahlzeiten. Eine tüchtige Hausfrau pflegte damals alles selber herzustellen, was zur Ausstattung eines anspruchsvollen Schmauses gehörte, also die Nudeln, den geriebenen Teig, die Saucen, die Beizen, die Marmeladen und anderes mehr. Es machte Mühe und kostete viel Zeit sowie ein wenig Organisation, damit stets genügend Vorräte da waren und dennoch nichts verderben konnte. Im Übrigen war man aus alter Zeit gewohnt, sich nach den Jahreszeiten zu richten und das auf den Tisch zu bringen, was die Natur gerade hervorbrachte. Gab es aber Eier im Überfluss – die Bötin22 brachte sie ins Haus, 30 Stück für eine Mark – wurden sie eingekalkt, Schwammerl getrocknet und Zwetschgen zu Latwerge23 verarbeitet. Ein bisschen konnte die Natur eben doch schon überlistet werden, wie denn auch das Räuchern von Schinken, das Einsalzen von Fleisch und Kraut durchaus alter Tradition entsprach.
Neu war der Weckapparat24 und keine Bürgersfrau ließ sich nachsagen, ihn nicht zu besitzen und nicht Hunderte von Gläsern mit Eingemachtem in der Vorratskammer stehen zu haben. Für Mama galt es, Spargel, den wir eine Zeitlang in unserem angemieteten Garten selbst ernteten, zu konservieren und natürlich jegliche Art von Wildpret, um einen Fasan essen zu können, ein Rebhuhn oder einen Rehschlegel, auch wenn keine Abschusszeit war. Ausländisches Obst, mit Ausnahme von Apfelsinen und Bananen, war so gut wie unbekannt, das inländische jedoch mehr oder weniger schnell verderblich. Also musste auch hier wieder der Weckapparat in Betrieb genommen werden, für die edleren Gewächse jedenfalls; Fallobst verkochte man, aus Johannisbeeren und Äpfeln entstanden Gelees. Endlich erschienen kistenweise noch ganz besonders haltbare Äpfel und Birnen, die kühl und doch frostfrei in hübschen Gestellen auf Holzwolle gelagert werden konnten. Ein bürgerlicher Haushalt hatte also schon viel Arbeit damit, die verschiedenen Programme ineinander zu schachteln, d.h., preisgünstig einzukaufen und langfristig zu disponieren.
Ein Kind wie ich wuchs schnell in diesen Rhythmus hinein und teilte den Abscheu der Mutter, Produkte der Konservenindustrie zu kaufen; auch dem Metzger nahm man nur schieres Fleisch ab, ganz selten eine Siedewurst. Der eigene Fleischwolf gehörte zur Küchenausstattung wie das Hackbrett, das Wiegemesser und meinethalben die Kaffeemühle. Es genügte, um aus großen Stücken jedes mögliche Gericht herzustellen. Unter solchen Umständen war natürlich auch das Abendessen eine warme Mahlzeit, bestehend aus den leicht modifizierten Resten des Mittagessens oder einer Mehlspeise. Brot mit Wurst oder Käse zu belegen, fiel uns nicht ein.
Vater trank Bier dazu; es wurde im Maßkrug aus der nahen Gastwirtschaft, dem Röhrlbräu, geholt; durch den Hausl, durch das Zweitmädchen und in späteren Jahren auch mal durch mich. Daher weiß ich die Prozedur und manches Drum und Dran. Ich stellte einfach meinen Deckelkrug auf die Gassenschenke und legte das abgezählte Geld daneben. Der Schenkkellner war stets ein besonders kräftiger junger Mensch. Es war ihm gut zuzuschauen – und dass er einen kleinen Jungen eine gute Weile warten ließ, bis alle Stammgäste des meist überfüllten Lokals ihr Getränk hatten, war ausgemachte Sache – gut zuzuschauen also, wie er vor seinem großen, leicht nach vorne geneigtem Bierfass stand und Krug um Krug unter den goldenen Hahn hielt, den edlen Saft mit Ehrfurcht hinein zischen ließ und gelegentlich den Schaum abstrich – zwischendurch dann noch meinen Krug angelte und ihn flugs füllte. Manchmal freilich hatte ich Pech; dann war das Fass gerade vor mir leergelaufen und musste gegen ein volles ausgewechselt werden. „Neu ozapft wird“ hieß es. Der Kerl packte mit einem Ruck den ganzen Panzen, setzt ihn auf den Boden und rollte ihn weg. Nach längerer Zeit wuchtete er einen anderen heran und auf den Bock. Jetzt wurde oben ein Ventil eingehauen und unten der Zapfhahn, womit das Warten noch lange nicht sein Ende fand; denn das Bier schäumte anfangs ganz fürchterlich und beruhigte sich erst nach und nach. Auf der anderen Seite drängelten die Kellnerinnen.
Die Eltern wussten schon, dass angezapft worden war, wenn Peppi so arg lange wegblieb. Dafür war der Trunk umso frischer. Peppi durfte probieren und fand es gut, das dunkle Bier frisch vom Fass!
Gehen wir nochmal in die Küche zurück. Obwohl Mama überall Hand anlegte, blieb den beiden Dienstboten noch genug zu tun. Das Geschirrspülen und Aufräumen folgte den Essenszeiten wie das Amen dem Vaterunser und musste mit einem Minimum an Warmwasser bewältigt werden. Die Messer vollends wurden mit Sand und Sektpfropfen so kräftig gerieben, dass ihnen die Lust zu rosten gründlich verging. Schikanös gebärdete sich auch der Herd, da er erwartete, dass alle seine glänzenden Teile täglich in frischem Glanz erstrahlen mussten. Auf ein strahlendes Aussehen pochten auch die kupfernen Kasserollen, Pfannen und Kuchenformen, die, einem Schmuckbedürfnis entsprechend, aber auch aus Mangel an Schrankraum, an den Wänden hingen und sich im Küchendunst zu verfärben liebten. Dass unter dem Herd die Tagesportion Holz und Kohlen lagerte, verstand sich anno dazumal von selbst, auch, dass eine der letzten Tätigkeiten des Küchenpersonals jeden Abend gewesen ist, einen Weichholzprügel in Späne zu zerlegen und diese zusammen mit Zeitungspapier in das Ofenloch zu stopfen, um die Glut bis zum nächsten Morgen zu erhalten.
Das Stichwort Brennholz bringt mich darauf, von der Art und Weise zu berichten, wie es ins Haus kam. Papa bestellte natürlich en gros. Also erschien ein Pferdefuhrwerk und entlud meterlange dicke Baumteile vor der Apotheke, einfach so an und auf den Bürgersteig. Gleich darauf kam eine Horde Männer im Drillichanzug, die eine benzingetriebene Kreissäge und eine Spaltmaschine bei sich hatten. Ritsch ratsch wurde der ganze Haufen fachgerecht zerkleinert und ins Haus gebracht. Ich habe stets interessiert zugeschaut und auch gewusst, dass die fleißigen Holzmacher Strafgefangene aus dem Straubinger Zuchthaus gewesen sind, die man mieten konnte.
In der Speisekammer stand ein Eisschrank - auch ein Statussymbol der Jahrhundertwende25. Natürlich handelte es sich nur um ein gut isoliertes Behältnis vom Ausmaß einer Kommode, in das alle paar Tage ein bis zwei Stangen Eis gepackt wurden, Nebenprodukte einer Brauerei; mir ganz und gar unverständlich, wie sie entstehen konnten. Sie wurden mit einem Kastenwagen, der eine deutliche Tropfspur hinterließ, durch die Stadt gefahren und den Abonnenten einzeln in die Speisekammer getragen. Dort im Eisschrank tropften sie weiter, jetzt aber durch einen kleinen Messinghahn in ein untergestelltes Gefäß.
Bedenkt man noch, dass ein Staubsauger so unbekannt gewesen ist, wie eine Mondfähre, die (nicht sehr zahlreich vorhandenen) Teppiche von Zeit zu Zeit über sämtliche Treppen hinweg ins Freie geschafft und tüchtig geklopft werden mussten, erscheint die Beschäftigung zweier Dienstboten in unserer kleinen Familie so abwegig gar nicht mehr. Außerdem gehörten Hausbedienstete zur Struktur der herrschenden Gesellschaftsform. Sie mussten da sein, auch wenn es wenig zu tun gab; denn dass etwa Hausherr oder Hausfrau persönlich die Haustür geöffnet hätten, wenn es klingelte; oder dass e r seine Stiefel selber putzte; oder dass s i e umfangreichere Einkäufe mit eigener Hand nachhause trüge: so etwas war völlig ausgeschlossen26.
Bei uns arbeiteten – soweit mein Kinderverstand es bemerkte – zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere: eine sehr viel jüngere, möchte ich sagen, denn sie war kaum 16 Jahre alt, als wir sie zu uns nahmen. Sie stammte aus einer kinderreichen Familie vom Stadtrand, worüber nie gesprochen wurde. Ihr Vater soll Tagelöhner in einer Ziegelei gewesen sein. Dort soll sich das halbe Kind sein erstes Brot verdient haben. Käthi Altschäffel war das, anstellig und fleißig und dankbar für das, was ihr geboten wurde – nicht viel mehr als Arbeit, aber im Verhältnis zur ihrer bisherigen Kindheit eben ein Paradies. Die Köchin Marie dagegen stammte vom flachen Land und hat später auch aufs Land geheiratet, auf einen Bauernhof sogar. Sie muss damals wohl schon gesetzten Alters gewesen sein und war sehr, sehr ruhig. Ich vertrug mich mit allen beiden, saß manchmal in der Küche bei ihnen, ratschte ein bisschen und holte mir Mehl für einen „Mehlpapp“ oder ein Tröpfchen Wasser für den Malkasten. Aber in ihre Kammer, die doch gleich neben dem Wohnzimmer lag, bin ich nicht gegangen. Diese hatte zwar, wie die Küche auch, ein kleines quadratisches Fenster, das jedoch nur indirektes Licht einließ. Die Kammer war demnach abscheulich dunkel und nie von einem Sonnenstrahl getroffen. Was mir am meisten missfiel, war der Geruch der beiden Frauen, der echte Armeleutegeruch! Dabei fällt mir ein, dass ich nicht zu sagen weiß, ob die Frauen sich jemals gebadet haben. Im Badezimmer der Herrschaft? Sehr unwahrscheinlich! Also doch wohl alle heilige Zeiten einmal ins Volksbad geschickt? Ihrer täglichen Säuberung jedenfalls diente eine Emailschüssel, die zusammen mit einem Emailkrug in einem runden Eisengestell hing.
Ich kann mich an keine harten Worte erinnern, die Vater oder Mutter an Marie oder Käthi gerichtet hätten. Offenbar empfand keine der beiden Parteien, dass da etwas nicht richtig gewesen sein könnte. Die Standesunterschiede waren gottgewollt und kein Thema für verdrießliche Gedanken einerseits oder für Gewissensskrupel andererseits! Die soziale Frage schien nicht zu existieren, im Haus nicht, in der Stadt nicht, im ganzen Land nicht. Um die Ärmsten kümmerte sich die Kirche, die dafür Almosen sammelte. Diese Leute lebten irgendwo in einer elenden Hütte, in Siechenhäusern, Spitälern, Waisenanstalten. Bereits mit seinen Gedanken machte der „in geordneten Verhältnissen“ aufwachsende Knabe einen weiten Bogen darum. Taktvoll schwiegen unsere Hausmädchen über ihre Vergangenheit und über ihre Zukunftserwartungen27.
So waren wir trotz der vielen Nebengeräusche in guter Hut und lernten unser Pensum mit einem gewissen Vergnügen an der Abwechslung. Der Rohrstock war übrigens aus einer Elementarschule nicht wegzudenken, auch nicht aus unserem elitären Institut. Nur selten wurde einer übers Knie gelegt und auf den Po geschlagen. In der Regel blieb es bei den „Tatzen“. Die Faulpelze oder Bösewichte, denen solche Lektion zugedacht war, mussten sich nach dem Unterricht in einer Reihe neben den Katheder stellen, die Hand mit der Fläche nach oben ausstrecken und bekamen dann nacheinander einen oder zwei Hiebe darauf verpasst. Für den Rest des Tages blieb die getroffene Stelle rot und schmerzhaft, womit der Erziehungscharakter der Maßnahme eindeutig bewiesen war. Als im allgemeinen braves und stilles Bübchen traf es mich selten und ich fasste daher die Züchtigung eher ehrenrührig auf und heulte erst, als ich zuhause war. Einmal hatte Papa mir am Vorabend gezeigt, wie man ein „Hirnbatzl“ fertig bringt und ich hatte die neu erworbene Kunst am Hinterkopf meines Vordermanns ausprobiert, der aber gleich mitten während der Unterrichtsstunde aufsprang und „Au“ schrie. Ich sah nicht recht ein, wieso ausgerechnet ich den Unterricht gestört haben sollte.
Bei vorstehender Episode lässt sich leicht feststellen, wie alt der Peppi dabei gewesen sein mochte, sechs Jahre alt oder acht oder dazwischen. Bei allen anderen Kindheitshistörchen soll mir das Alter gleichgültig sein. Erscheint sie mir doch heute wie ein einziger Tag, diese Zeit in Straubing, wie ein Traum, aus dem einzelne Stücke im wachen Bewusstsein hängen geblieben sind, das meiste aber sich in Nichts aufgelöst hat. Einzelne Tropfen, die nach einem großen Regen an der Fensterscheibe abwärts wandern und – sollte die Fensterscheibe gar hoch sein – sich unterwegs zu immer größeren Tropfen vereinen, das sind meine Kindheitserinnerungen. Und meine Fensterscheibe ist ziemlich ausgedehnt, ist in ihrem oberen Teil bereits ganz abgetrocknet; und wenn ich jetzt die dicken Brummer betrachte, die unten ankommen, weiß ich nicht mehr, aus wie viel Rinnsalen sie entstanden sind: Regenwasser, das man wegwischt – Kindheitserinnerungen, die man aufschreibt, als ein Ganzes.
Mama tat ihr Möglichstes, mich an die frische Luft zu bringen; denn ich neigte nicht gerade zu roten Backen. Wenn die Sonne schien, ging sie öfters mit mir zum westlichen Ende der Stadt, hinaus in eine kleine Anlage um eine Wallfahrtskirche, genannt Frauenbründl. Der Name sagt es schon: dort sprudelte eine Quelle, der „Unsere Liebe Frau“, die Gottesmutter nämlich, Heilkraft verliehen haben soll. Der Glaube daran hatte sich etwas verflüchtigt, aber das Wässerlein sprudelte munter weiter; ein paar Bänke ermöglichten, ihm dabei zuzuschauen. Ich hatte ein Schäufelchen dabei und kratzte im Sand, machte ihn nass, köpfte Löwenzahn oder schmiss mit Steinchen. Mama, mit einem hübschen Hut auf dem Kopf, stickte an einer Bordüre, mit der sie die Zwischenfächer Ihres Wäscheschranks schmücken wollte. Sie stickte mit kornblumenblauem Faden auf weißes Leinen Buchstaben hinter Buchstaben. Es entstand ein Spruchband, auf dem zu lesen war: WIE DAS SCHNEEIGE LEIN SOLL DEIN LEBEN UND SCHAFFEN SEIN. Dass es mich stark beeindruckte, ist mit dieser Reminiszenz bewiesen.
Auch für meine körperliche Ertüchtigung geschah das Zeitgemäße. Der Schulplan sah ein bis zwei Turnstunden je Woche vor. Deren wesentlicher Inhalt war das Antreten in Linie zu einem Glied und das Abzählen. Eine ganze Weile gehörte ich zur größeren Hälfte der Klasse, rutschte freilich später immer näher an den linken Flügel. Auch die sich anschließenden Übungen mit und ohne Gerät standen dem preußischen Exerzierreglement bewusst sehr nahe.
Die Eltern schickten mich außerdem zum Eislaufen. Die Schlittschuhe wurden zu jener Zeit an die normalen Stiefelsohlen festgeklammert. Am Eislaufplatz besorgte es – soweit man es nicht höchst eigenhändig zu Stande brachte – ein alter Mann für fünf Pfennige (das waren damals zwei Semmeln!). Angeblich habe ich mich nicht allzu ungeschickt angestellt und recht bald das „Bogenfahren“ gekonnt, so dass mich „alte Damen“ (wohl zwischen 20 und 30 Lenzen stehend) zum Paarlauf ermunterten. Mutter war überaus stolz auf mich. Eines Tages leistete ich mir auch einen anständigen Sturz, der eine Platzwunde über dem linken Auge ergab, die nicht genäht wurde und daher eine bis heute gebliebene Narbe ergab.
Niemand dachte daran, mich im Schwimmen zu unterrichten, weshalb jene Kunst mein ganzes Leben lang meine schwächste Seite geblieben ist. Die Möglichkeiten waren auch wirklich schlecht. Wohl hatte unser Städtchen eine Badeanstalt an der Donau und die Donau sauberes Wasser. An einen einzigen Besuch mit Mama kann ich mich dunkel erinnern. Man mietete eine Kabine, die zusammen mit mehreren anderen auf einem Floß schaukelte und inwendig ein Treppchen hatte, das ins Wasser führte und ein Eintauchen gestattete. Mehr als Scheu vor dem nassen Element war da nicht zu gewinnen!
Später sahen sich die Eltern nach einem anzumietenden Garten um und fanden ihn zunächst in der Gabelsbergerstraße gegenüber der Synagoge. Der Weg dorthin war gewiss nicht weit, doch ziemlich langweilig, wenn man ihn täglich zurücklegen musste. Es handelte sich um eine ungenutzte Wiese inmitten angelegter Gärten, ein echtes Hammergrundstück, dem man nur über einen Korridor zwischen zwei Großvillen beikommen konnte. Viel war da für ein Einzelkind nicht zu machen, deshalb lässt mich mein Gedächtnis im Stich. Es vermerkt nur, dass zu Vaters Freude ein langgestrecktes Beet vorhanden war, aus dem Spargel wuchs, den wir auch „stachen“.
Irgendwann und aus irgendeinem Grund wechselten wir den Garten. Jetzt ging der Marsch in die entgegengesetzte Richtung zur Fraunhoferstraße, was nicht im geringsten amüsanter gewesen ist. Das ansehnliche grüne Rechteck im Umfeld kleinerer Handwerksbetriebe und Behausungen gehörte der Kirche. Zur Straße zu war es abgeschlossen durch ein langgestrecktes barackenähnliches Gebäude, einem Saalbau mit Bühne und großem Zuschauerraum. Hier pflegten Nonnen heranwachsende Mädchen, die wochentags in Geschäften oder Haushalten arbeiteten, sonntags zusammenzuziehen und nutzbringend zu beschäftigen. Dann stand ihnen auch der Garten dahinter zur Verfügung, weshalb wir ihn nur vom Montag bis Freitag benutzen durften.
Gerade die Benutzbarkeit war für mich wiederum ein Problem, denn was sollte ich in dem Garten machen? Zwar war ich inzwischen kein Einzelkind mehr, denn im Kinderwagen lag ein Brüderchen28. Gewiss noch kein Spielgefährte, eher ein Hemmnis, weil es mir auch noch unsere Käthi wegnahm, die zuweilen zum Ballspielen Zeit gehabt hatte. Aber der vor unserem Garten liegende Saalbau hat mir doch eine besondere Unterhaltung gegeben: der Bühnenraum mit seinen Kulissen, seinem Vorhang, seinem Souffleurkasten und vor allem mit seiner Beleuchtungsanlage. Die guten Klosterschwestern hatten entweder keinen Zentralschalter oder sie stellten ihn in ihrem grenzenlosen Gottvertrauen nicht ab. Ich konnte also ungehindert „Beleuchter“ spielen und tat dies mit ehrlicher Begeisterung und wachsendem Verständnis für jede Art szenischer Notwendigkeiten. Dem Sinn des In-Den-Garten-Gehens war damit allerdings nicht entsprochen.
Die Faszination der Technik zeigte sich auch anderweitig. War doch Straubings kleiner Bahnhof für mich jahrelang ein Anziehungspunkt. Nicht nur das bescheidene Betriebsgeschehen fesselte mich; stand da am Perron, wie man den inneren Bahnsteig nannte, doch ein Prägeautomat. Damit konnte man richtige Metallschilder mit erhabener Schrift anfertigen, indem man – nach Einwurf eines Zehnerls – einen großen Zeiger auf eines der rundherum angeschriebenen Lautzeichen stellte und sodann einen Hebel betätigte. Ich hätte zweifellos unser ganzes Haus mit Schildern gespickt, wenn ich gedurft hätte.
Kinderwünsche haften ganz spontan und dann ganz, ganz fest, so dass sie noch nach fast 70 Jahren zu spüren sind. So sehe ich immer noch die „Schlaraffentorte“ hinter der Auslage der Konditorei Kröner. Und beim Besuch des Volksfestes: die rauchenden Schlote der neben jeder größeren Attraktion stehenden Dampfmaschinen, die über surrende Treibriemen allerlei in Bewegung setzten, selbstverständlich auch die gewaltige Drehorgel! Vor allen Dingen aber sehe ich mich noch heute zum „Glückshafen“ drängen, wo man um ein paar Pfennige schier alle Herrlichkeiten der Welt gewinnen konnte. Dass auch Nieten dabei waren, zeigte die Unzahl von weggeworfenen Losen rund um die Bude. Alles dies hatte ich mir genau gemerkt. Und als es dann wieder Herbst geworden und ein Besuch der Festwiese bevorstand, ließ ich mir hoch und heilig versprechen, Lose ziehen zu dürfen. Ich hatte mir nämlich ein unfehlbares Rezept ausgedacht, das der mir bereits vermittelten religiösen Erziehung alle Ehre macht. Wie immer ging die Hausgemeinschaft mit Ausnahme des Hausherren am Sonntagvormittag, dem ersehnten Eröffnungssonntag des Volksfestes, zur Heiligen Messe, Käthie diesmal mit mir in die Sankt Veitskirche gleich am Anfang der Steinergasse; dort erzählte ich dem lieben Gott mein heißes Anliegen. Und damit er mich erhörte, ließ ich mir Käthies Gebetbuch geben und las, immer wieder von vorne beginnend, dass „Gebet für Kinderlose“. So inbrünstig wie damals ist es wohl noch nie zum Himmel gesandt worden; von Käthie bestimmt nicht.
Außerdem zeigt die Begebenheit, dass, obwohl ich bereits des Lesens mächtig gewesen, meine Aufklärung noch nicht weit gediehen war. Es musste also schief gehen: auf jedem meiner Lose war ein Kasperl. Der liebe Herrgott mochte schon gewusst haben, warum. Ich kannte ihn so, wie ihn das große Fenster der Stiftskirche, gleich hinter dem Hochaltar, mir zeigte: als gütigen alten Mann mit gewaltigem graumelierten Vollbart und einem roten Tuch um die nach vorne gebeugten Schultern gehängt. Noch lange hat mich dieses Glasgemälde in Bann gehalten und einer vertrauensvollen Zwiesprache die visuelle Grundlage gegeben.
Eines Tages erfasste mich der Zauber der katholischen Liturgie. Besonders die Maiandachten scheinen es mir angetan zu haben. Ich baute mir selber ein Altärchen mit einer porzellanenen Maria als Mittelpunkt, kleinen Kerzenleuchtern, die es zu kaufen gab, sowie allen Blumenvasen, derer ich habhaft werden konnte. Auch eine harmonisch tönende Schelle wusste ich mir zu verschaffen. Mutter musste mich als Priester verkleiden. Alles, was ich bei der Messe abgeguckt und abgehört hatte, wurde getreulich nachvollzogen einschließlich der lateinischen Kurzgesänge. Liebend gerne hätte ich Messdiener gemacht, ließ mir dieserhalb sogar ein Heftlein kaufen, worin sämtliche Wechselreden aufgezeichnet waren, die einer aufsagen musste, der einen die Messe lesenden Pfarrer in genau vorgeschriebenem Ritus unterstützen sollte. Allein ich scheiterte bereits beim Memorieren des Textes in einer mir denn doch völlig ungeläufigen Sprache. Wer weiß, ob mir nicht mehr als das bisschen Latein wider den Strich gegangen wäre. Das Spiel hörte übrigens so plötzlich auf, wie es über mich gekommen war.
Mutter sorgte außerdem für ein Kontrastprogramm, indem sie ihr Söhnchen zur Faschingszeit aufwendig maskierte, nämlich als „Holländer“. Und siehe da, es fand sich auch unter den Straubinger Bürgerstöchtern eine „Holländerin“. Recht viel weiter als zum Fotografen kamen wir beide jedoch nicht; denn kaum hatte ich mich – jetzt wieder solo – mit einer Tonpfeife im Schnabel unter das Maskentreiben gemischt, als mir jemand mit einer Pritsche so unsanft übers Gesicht fuhr, dass Pfeife und außerdem mein hübsches Fellmützchen das Weite suchten. Dieses Erlebnis vermochte ich nicht zu überwinden, weil ich mich ja doch auf den Weg gemacht hatte, um bewundert zu werden. Fortan hielt ich den Fasching für ein ordinäres Spektakel.
Und fortan, wie auch vorher schon, blieb ich hübsch an Mamas Rockschoss. Dann marschierten wir zusammen über die Alte Donaubrücke nach der Sossau oder, nach kurzer Eisenbahnfahrt, auf den Bogenberg. Hier wie dort war die Donau das beherrschende Element in der Landschaft. Ehe sie unser Städtchen erreichte, zog sie etliche Schleifen, was einen dramatischen Akzent ins sonst besinnliche Schauen brachte. Erste Frage des kleinen Jungen: kommt ein Dampfer? Zweite Frage, sobald eine Rauchsäule am Horizont aufstieg: fährt er aufwärts oder abwärts? Wegen der Flusskrümmung war dies nicht ohne weiteres zu erkennen. Das unter keinen Umständen zu versäumende Ereignis war die Durchfahrt des Schiffes unter der Brücke. Dazu legte es nämlich den hohen Schornstein um, so dass der Rauch direkt aus dem Rumpf quoll. Und alle Einzelheiten der Deckaufbauten konnte man erkennen, wenn man sich nur weit genug übers Brückengeländer beugte. Niemals waren es Passagierdampfer, stets Zugschiffe mit Radantrieb, die drei oder mehr Lastkähne hinter sich herzogen, auf denen sich’s die Familien der Schiffer gemütlich machten, soweit flatternde Wäsche auf Gemütlichkeit schließen lässt. Für mich waren es Zeugen der großen weiten Welt, zu der ich noch kein rechtes Verhältnis hatte. Mit unbestimmter Sehnsucht sah ich den rauchspeienden Kolossen nach, bis sie verschwunden waren oder bis Mama mich zum Weitergehen nötigte. Dann warf ich wohl noch einen betrübten Blick hinüber zum Bayerischen Wald, der als sanfte Hügelkette den nordöstlichen Horizont abschloss. Heute weiß ich, dass es Fernweh gewesen ist, was mich da ergriffen und mein ganzes Leben lang nicht losgelassen hat.
Dass die Donau aus Regensburg herangeflossen kam, wusste ich bereits und kannte auch ein klein wenig diese Stadt. Anlass war Mutters Blinddarmentzündung, die zu einer Operation zwang. Ausgeführt hat sie ein Dr. Dörfler in seiner Privatklinik, eben in Regensburg. Man muss wissen, dass es noch gar nicht solange her war, dass man operieren konnte, ohne dass 90 % der Patienten an Wundfieber gestorben sind. So war denn Mutters Blinddarm ein aufwühlendes Familienereignis, das Gottlob ganz normal verlief und nur durch ein Fläschchen weiterlebte, in welchem der entfernte Wurmfortsatz in Spiritus schwimmend zu sehen war. Jedenfalls kam ich auf diese Weise mehrmals nach Regensburg, einmal mit Papa zum Besuch und später mit Mama zwecks Nachuntersuchungen. Niemand hat mich auf den Dom aufmerksam gemacht, niemand auf den Reichstagssaal und niemand auf die Donaubrücke. Dies machte aber gar nichts, weil es später nachgeholt wurde, während mein Regensburgerlebnis nicht nachvollziehbar gewesen wäre. Es handelt sich um die Regensburger Straßenbahn, die immer einen Wagen bereithielt, wenn wir aus dem Bahnhof heraustraten, und dann mit uns davonrasselte. In Straubing hatten wir eben keine Straßenbahn und deshalb war mir Regensburg ausgesprochen wichtig.
Die Interessen der Erwachsenen und der Kinder gehen halt immer stark auseinander. So denke ich an einen Sommeraufenthalt in Mitterfels, einem Örtchen am Einstieg der Eisenbahn in den Bayerischen Wald. Ich muss damals noch reichlich klein gewesen sein und weiß daher gar nichts mehr von unseren Spaziergängen, nicht einmal mehr etwas davon, dass Mutters Schwester samt meinem zwei Jahre älteren Vetter Fritz dabei gewesen ist – ausgewiesen durch ein Foto –. Aber ich weiß, dass unser Gasthof dicht neben dem Bahnhof Mitterfels stand, wo eine beschrankte Straßenkreuzung war, die bimmelte, wenn eine gewaltig schnaubende Lok den täglichen Lokalbahnzug bergauf anschieben musste. Ebenso eisern blieb die Erinnerung an ein „Orchestrion“ in dem kleinen Tanzsaal unseres Quartiers. Etwas Derartiges hatte ich noch nie gesehen. Es war eine Musikmaschine, die die ganze Breitseite des Gebäudes beherrschte – nicht gelogen: vom Fußboden bis zur Decke! Mit einem Zehnerl konnte man sie in Aktion setzen und eine gezähnte Walze genügte, um ein gewaltiges Getöse zu erzeugen, das entweder einem Marsch oder einem Walzer ähnelte. In der Mitte des Monstrums stand eine Figur aus Holz geschnitzt, die mechanisch bewegt wurde, so, als ob sie den Takt schlüge. Es war eine einzige Ungeheuerlichkeit und ein großer Jammer, dass Mama mit den Zehnerln so knauserig war.
Und immer noch ist mein Vorrat an Ausflugserinnerungen nicht erschöpft, wenn es auch nur noch Momentaufnahmen sind. So sehe ich mich mit Vater und Mutter in einem Auto sitzen, das auf schlaglochübersäten Straßen unter Zurücklassung einer gewaltigen Staubwolke nach Sünching hinfährt, gesteuert von einem aus Lörrach stammenden Freund meines Vaters. Mir ist so, als ob noch ein zweiter nobler Herr im Wagen gesessen hätte; sicher ist, dass Mama beide nicht leiden konnte, weil sie einen in ihren Augen aufwendigen bis protzigen Lebensstil pflegten, den sie für uns unpassend hielt. Es blieb auch bei jenem einzigen motorisierten, im Übrigen ganz harmlosen Abenteuer.
Ein andermal finde ich mich im Gleichschritt marschierend unter einer Schar größerer, mir ganz und gar fremder Jungens. Uns voran schritten
