Ein schöner Tag zum Sterben - Heike Groos - E-Book

Ein schöner Tag zum Sterben E-Book

Heike Groos

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Beschreibung

Ein Knall zerreißt die flirrende Luft auf der Jalalabad Road in Kabul. Dann Stille. Für vier junge deutsche Männer wird der Weg zurück in die Heimat zur Todesfalle. Heike Groos, Bundeswehrärztin in Afghanistan, ist eine der ersten, die die verletzten Soldaten am Ort des Selbstmordanschlags versortgen. Wie Groos sind sie im Glauben an den humanitären Charakter ihres Einsatzes an den Hindukusch gekommen. Doch was die Soldaten, was die Ärzte erwartet, ist die erbarmungslose Realität eines Krieges. Wohin mit dem Schrecken, der Angst, dem Hass, den Bildern, die auch bleiben, wenn man der Hölle längst entkommen ist?

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Heike Groos

Ein schöner Tag zum Sterben

Als Bundeswehrärztin in Afghanistan

Autobiographie/Memoir

 

 

Über dieses Buch

 

 

»Ich habe vergessen zu weinen, dort in diesen gewaltigen Bergen des Hindukusch. Und dann habe ich vergessen, wie man weint.«

 

Heike Groos, Oberstabsärztin in Kabul, Feyzabad und Kunduz im Auslandseinsatz für die Bundeswehr als Angehörige der ISAF-Truppen

 

Ein Knall zerreißt die flirrende Luft auf der Jalalabad Road in Kabul. Dann Stille. Für vier junge deutsche Männer wird der Weg zurück in die Heimat zur Todesfalle. Heike Groos, Bundeswehrärztin in Afghanistan, ist eine der ersten, die die verletzten Soldaten am Ort des Selbstmordanschlags versorgt. Wie Groos sind sie im Glauben an den humanitären Charakter ihres Einsatzes an den Hindukusch gekommen. Doch was die Soldaten, was die Ärzte erwartet, ist die erbarhmungslose Realität eines Krieges. Wohin mit dem Schrecken, der Angst, dem Hass, den Bildern, die auch bleiben, wenn man der Hölle längst entkommen ist?

 

 

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Impressum

 

 

Covergestaltung: bürosüd°, München

Coverabbildung: Ahmad Masood/Reuters/CORBIS und Jörg Steinmetz

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2009

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-400147-0

 

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Inhalt

Namen im Buch wurden [...]

Fürchte dich nicht vor [...]

Prolog

1 Kabul, 7.Juni 2003

2 Neuseeland, Februar 2008

3 Kabul, Juni 2003

4 Kabul, 2002

5 Kabul, 2003

6 Kabul, 2003

7 Deutschland, 2003

8 Deutschland, 2004

9 Deutschland, 2005

10 Deutschland, 2007

11 Neuseeland, Juni 2008

12 Neuseeland, Juni 2008

13 Neuseeland, September 2008

Nachwort

Für meine Kinder

Auslandseinsätze der Bundeswehr

Ums Leben gekommen oder verwundet in Afghanistan

[Kapitel]

Namen im Buch wurden geändert.

Fürchte dich nicht vor deinen Feinden – schlimmstenfalls können sie dich töten. Fürchte dich nicht vor deinen Freunden – schlimmstenfalls können sie dich verraten. Fürchte dich vor den Gleichgültigen – denn nur mit ihrer stillschweigenden Zustimmung gibt es Mord und Verrat auf der ganzen Welt.

unbekannt

Prolog

Die Kinder kamen strahlend von der Bushaltestelle zurück. »Mama, die Schule fällt aus!«

»Warum?«, fragte ich. »Woher wisst ihr das?«

»Der Bus ist nicht gekommen, und die Straße ist gesperrt. Die anderen Kinder sind auch wieder nach Hause gegangen!«

Also wurde erstens nichts aus meinem friedlichen Vormittag, zweitens wollte ich wissen, warum die Straße gesperrt war und wie lange das noch dauern würde, und drittens musste ich herausfinden, ob es einen anderen Weg in die Stadt gab.

Ich zog mich also an und ging auf die Straße. Dort stand ein netter Verkehrspolizist und erklärte jedem, der in die gesperrte Straße einfahren wollte, wie man über einen Umweg von fünfundvierzig Kilometer dennoch in die Stadt kommt. Bei den schmalen kurvigen Straßen hier ist das eine Fahrt von zwei Stunden. Das machte keinen Sinn. Bis wir in der Schule ankämen, wäre die Hälfte des Unterrichts sowieso vorbei.

Neugierig fragte ich nach dem Grund für die Straßensperrung. Der Polizist gab mir freundlich eine lange Erklärung, die ich aufgrund der mir noch fremden und ungewohnten Sprache nur teilweise nachvollziehen konnte. Jedenfalls nahm ich an, ich hätte ihn nicht richtig verstanden, als ich hörte, bewaffnete Streitkräfte hätten die Straße gesperrt und würden einen Zugriff auf ein Haus planen. Wie lange das noch dauern würde, könne er nicht sagen. Ich dachte, meine Phantasie spiele mir einen Streich. Schließlich war ich nicht mehr im Einsatz, und dies war ein friedliches Land. Hier konnte es keine Attentäter geben, und das Militär, so nahm ich an, beschäftigte sich mit Übungen im Busch.

Ich fragte unsere Nachbarin, ob ihre Kinder auch zu Hause bleiben würden, und sie sagte, ja, auch ihr sei der Umweg zu weit. Ich fragte weiter, ob sie wisse, was passiert sei. Sie sagte, sie denke, es sei ein Verkehrsunfall gewesen. Nun erzählte auch mein ältester Sohn, er habe gehört, dass ein Auto in ein Haus gefahren sei. Ich war beruhigt. Ich musste unbedingt die Sprache besser lernen!

Als ich gegen Mittag den Fernseher einschaltete, um die Nachrichten zu sehen, stellte sich heraus, dass ich die Sprache gut genug beherrschte. Ein Großteil der Nachrichten beschäftigte sich mit den dramatischen Ereignissen in unserem kleinen Ort. In einem Haus in der Nachbarschaft habe sich ein bewaffneter Mann verschanzt und mit einem Chemieanschlag gedroht. Das Haus sei von Militär umstellt, die Soldaten hätten bereits Tränengas eingesetzt und zwei Schüsse abgegeben, der Mann habe sich aber noch nicht gestellt. Sobald es Neuigkeiten gäbe, würde sie sich wieder melden, sagte die Reporterin. Ich schaltete den Fernseher aus. Ist es denn zu fassen? Ist es überall auf der Welt das Gleiche? Kann man denn nirgendwo in Ruhe und Frieden leben?

Meine Nachbarin kam zu Besuch. Auch sie war entsetzt. Gewalt und Terror, das war etwas Fremdes in dieser kleinen idyllischen Welt. Sie hatte davon gehört, kannte es aus den Nachrichten, aber nie zuvor hatte es sie persönlich betroffen.

Ich kenne es, nicht nur aus den Nachrichten, und es hat mich persönlich betroffen. Aber das war in einem früheren Leben, und ich dachte, es liege weit hinter mir. Hier habe ich es nicht erwartet. Fast empfinde ich es als persönliche Beleidigung. Ich bin hierhergekommen, um Ruhe und Frieden zu finden. Von früher sind noch so viele Bilder von Elend und Leid in meinem Kopf …

Ich lege meine Tagebuchaufzeichnungen, die ich vor gut einem halben Jahr geschrieben habe, zur Seite. Der Himmel ist ein wenig verhangen, und es ist ein ganz normaler und unscheinbarer Tag. Ich sitze auf meiner Terrasse und sehe aufs Meer hinaus, das heute auch nichts Besonderes zu bieten hat, keine intensive blaue oder grüne, nicht einmal graue Farbe aufweist, nur einfach Wasser ist, das leise auf den Strand plätschert, nicht wild und schäumend wie manchmal, aber auch nicht glatt und spiegelnd und romantisch wie an anderen Tagen. Ich sehe hinaus aufs Meer, rauche eine Zigarette und denke nach, was ich gemeint hatte mit diesen Bildern von Elend und Leid und darüber, warum ich an dieser Stelle nicht weitergeschrieben hatte. Ich denke zurück an die Zeit, die ich »früher« genannt hatte.

Wie stolz ich damals war, als ich das Studium geschafft hatte, mit zwei kleinen Kindern, auch zu jener Zeit in meinem Leben allein, ohne Mann. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Vielleicht war das ja auch gut so, vielleicht hätte ich mich sonst vor lauter Angst gar nicht bewegen können. Man wächst mit den Anforderungen, jede Mutter und jeder Vater weiß das und auch jeder Arzt. Ich bin alles in einer Person und lernte Dinge, von denen ich nicht erwartet hatte, dass ich sie je beherrschen würde.

Eigentlich wollte ich Gynäkologin werden, aber ich gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen und fand keine Stelle. Mein Examen war nicht gerade das beste, ich war froh, dass ich überhaupt bestanden hatte. Eine Doktorarbeit hatte ich zwar angefangen, aber dann, statt sie zu beenden, mein zweites Kind bekommen. So nahm ich die erste und einzige Stelle an, die mir angeboten wurde. Es war eine Assistenzarztstelle für Anästhesie, und dass sie in einem Bundeswehrkrankenhaus war, machte für mich keinen Unterschied. Es lag in meiner Heimatstadt, und ich konnte die Kinder vorher zur Kindertagesstätte bringen. Von Auslandseinsätzen war damals noch keine Rede. Die Bundeswehr war dort in den zivilen Rettungsdienst integriert, ich wurde dafür ausgebildet und ging völlig in dieser Arbeit auf. Dass ich dadurch, ganz nebenbei, Soldat geworden war, hatte ich kaum bemerkt. Ich fuhr Notarztwagen für die Bundeswehr, später für das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter-Unfall-Hilfe, die Malteser, den Arbeiter-Samariter-Bund, war Notärztin bei Motocross- und Kickbox-Veranstaltungen, machte Rettungsflüge mit Hubschraubern, Learjets und Rückholtransporte für die Lufthansa.

Mein privates Leben wurde durch zwei weitere Kinder bereichert, doch auch ihr Vater blieb nicht. Ich wollte meine Kinder sehen und an ihrem Alltag teilhaben, also arbeitete ich am Wochenende, wenn sie bei ihrer Oma sein konnten, und nachts, wenn sie schliefen.

Nachts, wenn es dunkel ist und kalt. Wenn die Menschen am deutlichsten merken, dass sie allein sind und von innen heraus frieren. Wenn sie verzweifelt sind, kein Licht in der Dunkelheit sehen im wahrsten Sinne des Wortes. Dann wollen sie nicht mehr leben, legen sich einen Strick um den Hals, springen aus dem vierten Stock, werfen sich vor einen Schnellzug. Nachts, wenn sie müde und abgearbeitet sind, dann streiten sie sich mit ihrem Lebensgefährten oder Geschäftspartner und greifen auch mal zum Messer oder zur Pistole. Nachts entdecken sie, dass sie betrogen werden, betäuben ihre Frustration mit Alkohol und Tabletten. Ungefähr um zwei Uhr morgens haben Menschen auch ihren biologischen Tiefpunkt, wachen auf mit Brustschmerzen und bekommen einen Herzinfarkt. Nachts setzen die Wehen ein, oder die Fruchtblase platzt. Nachts wollen sie nach Hause, auch wenn sie betrunken sind und nicht mehr fahren können, und landen im Straßengraben. Ihnen zu helfen, sie zu retten und am Leben zu erhalten, bis sie im Krankenhaus angekommen waren, das war mein Job als Notärztin, und die Bilder, die ich dabei gesehen hatte, prägten sich tief in mein Gedächtnis ein.

Die vielen schmutzigen, nach Mottenkugeln, kaltem Rauch und billigem Alkohol stinkenden Wohnungen, verwahrloste Alte, vernachlässigte Kinder, misshandelte Frauen, Junkies auf schmutzigen Bahnhofstoiletten. Übelriechende Leichen, die erst nach Tagen gefunden wurden, junge Menschen, alkoholisiert mit Motorrädern oder in kleinen alten Autos aus dünnem Blech verunglückt, querschnittsgelähmt, beinamputiert. Die Verzweifelten, die keine Hoffnung mehr sahen, die mit einem Seil um den Hals von der Zimmerdecke oder dem Ast eines Baumes abgeschnitten werden mussten, mit kalten, starren Gliedmaßen und weißen, verzerrten Gesichtern, die nicht einmal im Tod Frieden gefunden hatten.

All die Schwerkranken, denen ich nicht mehr hatte helfen können, Babys, die morgens tot im Bett lagen, Kinder unter Chemotherapie, die mich mit großen Augen aus ihren haarlosen Köpfen heraus vertrauensvoll anschauten. Wie viele Hinterbliebene habe ich getröstet, an wie vielen Sterbebetten Hände gehalten. So viele Bilder von Schmerz und Trauer, hervorgerufen durch Krankheit, Gewalt und Gleichgültigkeit. Und immer wieder, endgültig und unabwendbar, der Tod. Eine zwanzigjährige Tätigkeit als Notärztin hinterließ mir diese Erinnerungen.

Dann begannen die Auslandseinsätze in Afghanistan. In Bosnien und im Kosovo bin ich nie gewesen, auch nicht in Somalia oder in Kambodscha. Aber nach dem 11.September 2001, da haben sie sich an mich erinnert. In meiner Naivität und weil ich dachte, ich hätte schon alles erlebt, mich könnte nichts mehr erschüttern, ging ich hin.

Ich werde oft gefragt, warum ich mich nach Afghanistan schicken ließ, hatte ich denn nichts Besseres zu tun als alleinerziehende Mutter? Die Antwort ist einfach. Es war mein Job. Es war mein Beruf. Und mittlerweile hatte ich ein fünftes Kind bekommen und einen Mann gefunden, der in meinem Leben zu bleiben schien. Er würde sich um die Kinder kümmern, wenn ich weg war. Außerdem müssen meine Kinder essen und wohnen und zur Schule gehen, sie wollen ein Fahrrad und neue Fußballschuhe und ins Kino, und ich war nicht nur Ärztin, ich war Soldat. Ja, Soldat. Als ich bei der Bundeswehr anfing, gab es den Begriff Soldatin nicht, und man erklärte uns, dass wir als Berufsangabe nun »Soldat« zu schreiben hatten. Den Begriff »Oberstabsärztin« gibt es immer noch nicht, unvorstellbar, man sagte etwa Hauptfeldwebelin oder Unteroffizierin oder gar Hauptmännin. Es heißt »Frau Oberstabsarzt« und »Frau Hauptfeldwebel«. Wobei die Tatsache, dass man eine Frau ist oder sogar Mutter, unbedeutend war, irrelevant, abgespalten wurde, nicht gebraucht wurde. Man benötigte nur den Teil von mir, der Arzt war, wollte die jahrelange Erfahrung als Notarzt. Zusätzlich hatte man mir andere Fähigkeiten beigebracht, schießen, funken, ein GPS-Gerät bedienen, man hatte mich anders angezogen, meinen Körper trainiert, mich härter gemacht, durchgeimpft und mir beigebracht, nicht auf Bitten zu reagieren, sondern Befehlen anderer zu gehorchen. Ich war ein Soldat geworden, mittlerweile hatte ich das kapiert und verinnerlicht. Und ich war bereit, meinen Beitrag zu leisten. Die Bundeswehr gab mir Arbeit und soziale Sicherheit, sie verlangte dafür etwas, und ich wollte es geben.

So ging ich. Und ich merkte schnell, ich hatte mich geirrt, als ich gedacht hatte, ich kannte schon alles an Elend und Leid, das einem menschlichen Wesen zustoßen kann. Ich sah Bilder, die ich zu kennen glaubte, wenn auch nur aus dem Fernsehen. Bilder, von denen ich nicht erwartet hatte, dass sie mich erschüttern könnten. Minenunglücke, Bombenanschläge, noch mehr Tod, noch viel mehr Gewalt. Zerfetzte Körper, leere Augen.

Nur, es war anders. Am Bildschirm gesehen, hatten sie keinen Abdruck in meinem Kopf hinterlassen. Da gewesen, dabei gewesen zu sein ließ es real für mich werden. Es betraf mich persönlich und hinterließ Erinnerungen. Erinnerungen bei Tag, Träume bei Nacht.

Ich habe die Bundeswehr verlassen, ich habe sogar das Land verlassen. Ein ruhiges, friedliches Land habe ich mir ausgesucht, um darin zu leben: Neuseeland – weit, weit weg. Eigentlich nicht, um zu flüchten oder davonzulaufen. Eher, um mich zu verkriechen. Weit weg von all den Bildern, irgendwohin, wo mich nichts an sie erinnert und wo ich ganz vorsichtig mal einen Blick zurück riskieren kann.

Meine Erinnerungen haben mich hierher begleitet. Dass sie das tun würden, war zu erwarten. Sie sind ein Teil von mir. Nur, dass ich gedacht, geglaubt, gehofft hatte, aus der Entfernung würden sie irgendwie anders aussehen. Ich hatte erwartet, es wäre weiter weg. Aber das ist nicht so. Manches ist verschwommen, manches jedoch so klar und deutlich, als wäre es gestern gewesen. Manches rührt mich in der Erinnerung, manches freut und wärmt mich noch nachträglich, und manches schmerzt. Auch noch genauso, als wäre es gestern gewesen.

Vielleicht habe ich sie zu schnell weggepackt, meine Erinnerungen. Aber das musste ich ja, es war ja keine Zeit, sie gebührend zu würdigen und zu verarbeiten, es musste ja immer weitergehen. Jetzt verlangen sie danach, zu ihrem Recht zu kommen. Sie lassen mich nicht in Ruhe, sie wollen endlich wahrgenommen und sortiert werden, wollen eingeordnet werden, eingefügt in das Bild meines Lebens. Das Bild meines Lebens, das ich mir vorstelle als großes, buntes Ölgemälde, eingefasst von einem schweren, goldenen, verschnörkelten Rahmen. Wie die überdimensionalen Gemälde von Rubens, die im Louvre in Paris hängen, die so viele Geschichten erzählen, dass man sie tagelang betrachten kann und immer noch nicht alles gesehen hat.

Auf diesem Bild ist mein ganzes Leben aufgezeichnet. Ich schaukele auf dem Kinderspielplatz, so hoch ich nur kann, und anschließend gibt es bei der Nachbarin Eis für alle Kinder, und meine Mutter schimpft, weil ich zu spät nach Hause komme und sie nicht wusste, wo ich war. Da sind meine Verwandten, meine Großmutter in ihrem Haus am Berg mit dem riesengroßen Garten, und ich pflücke Himbeeren in den kleinen grünen Eimer, den sie mir gegeben hat. Da sind meine Kinder, Männer, Freunde und auch meine Hunde zu sehen, und wie ich im Garten Gemüse ziehe und mit meiner Freundin an ihrem Küchentisch Kaffee trinke und wir den ganzen Dorftratsch durchgehen. Mein ganzes Leben eben, ein ganz normales Leben, und man sieht auf dem Bild, wie ich arbeite und esse und schlafe, und man sieht auch, wie ich lache und manchmal auch weine. Wie wir alle eben.

Aber da gibt es ein zweites Bild, einen zweiten Rahmen, dunkler irgendwie und einfacher gearbeitet, ein Bild, das mehr Grautöne und dunkle Farben enthält, aber auch Sonnenstrahlen und Licht und Wärme und Leben und Geschichten. Afghanische Geschichten. Und ich springe zwischen den Bildern hin und her, lebe mal in diesem, mal in jenem und versuche, sie übereinanderzuschieben, sie in Kongruenz zu bringen.

Noch gelingt es mir nicht, noch passen sie nicht übereinander, der Rahmen meines jetzigen Lebens und der afghanische. Auch damals haben sie es nicht getan. Die Rahmen meines Lebens in Deutschland und dieses anderen Lebens in Afghanistan standen nebeneinander, und ich beobachtete mich dabei, wie ich mal in diesem, mal in jenem lebte. Wie ich mal die verantwortungsvolle Mutter war, die Unkraut im Garten zupfte und anständiges Essen auf den Tisch brachte, und mal der Soldat im Kampfanzug, der ständig ein Gewehr trug, keine körperlichen und auch sonst keine Schmerzen kannte und das Unkraut im Garten nicht mal bemerkt hätte, einfach mit dem Panzer drübergefahren wäre.

Ich habe mir ein neues Leben eingerichtet. Meine zwei ältesten Söhne, beschäftigt mit ihrem Studium und ihrer Ausbildung, sind zunächst einmal in Deutschland geblieben. Die jüngsten Söhne und meine Tochter haben mich begleitet. Wir haben ein Haus am Strand gemietet, ein kleines nur, und meine Jungs müssen sich ein Zimmer teilen, das sind sie aus Deutschland von unserem großen Bauernhof nicht gewöhnt. Aber es ist ihnen egal, sie hängen ohnehin zusammen wie Pech und Schwefel. Sie gehen zur Schule, weil sie müssen, und nach der Schule gehen sie in der Brandung surfen, und ihre schönen weichen Haare, der eine blond, der andere rot, die sie hier haben wachsen lassen, weil es cooler ist, werden heller und heller und ihre Haut dunkler, gebräunt von der Sonne. Die Sprache war für die Kinder kein Problem, sie haben schnell Freundschaften geschlossen, und nach vier Wochen konnte ich sie kaum verstehen, wenn sie all die anderen Jungen mitbrachten und im Garten mit ihnen Fußball spielten und unentwegt redeten und lachten.

Meine Tochter tat sich etwas schwerer. Aber auch sie fand Freundinnen, und als ich sah, wie schön sie in ihrem Kleid am Tag ihres Schulabschlussballs war, schlank und strahlend und braungebrannt, mit einem der attraktivsten Jungen der Schule als Begleiter, um den sie ihre Mitschülerinnen glühend beneideten, da wusste ich, dass auch sie es geschafft hatte. Und ich war sehr dankbar.

Tief innen jedoch rührte mich eine leise Wehmut an, und ich erkannte, dass es die Erinnerung war an ihren Tanzstundenabschlussball in Deutschland, den ich nicht hatte miterleben können, weil ich im Einsatz in Afghanistan gewesen war. Jetzt schenkte mir das Leben eine zweite Chance, und die Flut der Fotos, die ich von meiner Tochter an diesem Tag machte, schwemmte die alte Traurigkeit und Enttäuschung darüber hinweg.

Wir hatten es geschafft. Es war nicht leicht gewesen, hier anzukommen in diesem fremden Land, nach einer tagelangen Reise einzutreffen in einem fremden Haus, in dem man vergessen hatte, den Heißwasserboiler anzustellen, so dass wir nicht duschen konnten, nachts und ohne etwas zu essen im Haus. Kalt, frierend, hungrig und erschöpft hatte ich einige Tränen nicht unterdrücken können. Meine Kinder hatten mich liebevoll umarmt, meine fast erwachsene Tochter hatte eine Zigarette für mich gedreht und gesagt: »Mama, jetzt rauchst du erst mal eine, dann geht es dir schon besser. Jetzt ist nicht der Moment, um mit dem Rauchen aufzuhören.« Das hatte ich nämlich gedacht. Ich hatte gehofft, wenn ich den langen Flug überstehen konnte, ohne zu rauchen, konnte ich es auch ganz lassen. Zögernd nickten die beiden jüngeren Buben, die passionierte Sportler sind und auch Nichtraucher bleiben wollen, wenn sie groß sind.

In dieser Situation schien es ihnen wohl das kleinere Übel zu sein, dass die Mama rauchte, als dass sie weinte. Jetzt, wo man sie brauchte, weil man ja am liebsten selbst geweint hätte vor lauter Heimweh und Angst vor all dem Neuen und Schwierigen, über das man am liebsten gar nicht nachdenken wollte. Und ja nicht weinen, weil man ja ein Mann war. Oder werden wollte. Besser, die Mama rauchte, als dass sie weinte.

Rauchen, das tut sie nun, nach gut einem Jahr, immer noch, sehr zum Missfallen der Söhne. Ansonsten ist das Leben besser geworden, es ist stabil geworden. Wir haben ein Haus, ein Auto, ein Bankkonto, Telefon, Surfbretter, Freunde, sogar, zur großen Freude der Jungs, einen Motorroller und einen Flachbildfernseher.

Weinen, das tut die Mama nicht mehr. Das tut sie eigentlich nie. Nur die kleinen Traurigkeiten, eine kleine Wehmut, die überkommt mich ab und an und mahnt mich daran, dass alle Erinnerungen noch unangesehen, unangefühlt sind, und ich denke, dass das Leben mir nicht nur eine zweite Chance gibt, meine Tochter in einem Ballkleid zu sehen.

So sitze ich jetzt auf der Terrasse meines kleinen Strandhauses, blicke aufs Meer hinaus, genieße die Wärme der Sonne, die eben herausgekommen ist, und sehe, wie sie die Wellen zum Glänzen bringt. Ich fühle mich sicher hier, und in dieser Sicherheit könnte ich mich vielleicht endlich getrauen, die Gedanken zurückwandern zu lassen und einmal richtig hinzusehen, die Bilder in meinem Kopf genauer zu betrachten. Jetzt, da ich weiß, dass dieser Tag, obwohl er, von außen betrachtet, unscheinbar, ganz normal und unbedeutend, in Wirklichkeit ein guter, ein schöner Tag ist, wie jeder Tag.

1Kabul, 7.Juni 2003

Ich kletterte aus der Hintertür des Panzers. Die Luke hatte ich auf Befehl schließen müssen und so nichts von dem sehen können, was sich draußen abspielte oder wohin wir eigentlich gefahren waren. Wir waren mit dem Funkspruch »Blaulicht Charly, Blaulicht Charly«, der bei der Bundeswehr immer einen medizinischen Notfall ankündigt, am frühen Morgen wegen eines Busunglücks mit über zwanzig Verletzten alarmiert worden und mit sechs oder sieben Rettungspanzern ausgerückt. Keine ungewöhnliche Situation. Busse waren ein öffentliches und sehr beliebtes Verkehrsmittel, wurden jedoch hoffnungslos überladen. Selbst auf dem Dach saßen gewöhnlich Passagiere. Bei der rasanten Fahrweise und auf den schlechten Straßen kam es häufig zu Unfällen, und im Rahmen humanitärer Hilfe wurden wir regelmäßig zur medizinischen Unterstützung ausgesandt. An diesem Tag wurde ich als sogenannter Leitender Notarzt mitgeschickt. Das war Routine, wenn mehr als fünf Verletzte zu erwarten waren.

Es würde meine Aufgabe sein, mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen, festzustellen, um wie viele Verletzte und welche Art von Verletzungen es sich handelte, und alle Informationen an die Leitstelle im Lager zu geben, damit im Feldlazarett die notwendigen Vorbereitungen getroffen werden konnten. Ich würde die Patienten »sortieren« und entscheiden müssen, wer am dringlichsten behandelt und transportiert werden musste. Triage heißt das im medizinischen Sprachgebrauch, und es stellt sicher, dass die, die am dringendsten Hilfe benötigen, diese auch als Erste bekommen.

Als ich ausstieg, sah ich, dass wir gar nicht weit von unserem Lager entfernt waren. Ich stand in Kabul auf der Jalalabad Road, der großen Straße, die von unserem Camp in die Innenstadt und auf der anderen Seite in Richtung Pakistan führte. Die Straße war breit an dieser Stelle, wenig besiedelt, links von uns war ein großes Feld, dahinter eine Tankstelle. Mein Blick fiel als Erstes auf eine Aluminiumdecke, die mit der Goldseite nach oben den Körper eines Menschen einschließlich des Kopfes bedeckte. Er war ganz offensichtlich tot. Ein breites Rinnsal von Blut kam unter der Decke hervor, lief auf die Straße, sammelte sich etwas weiter in einem Schlagloch zu einer Pfütze und vermischte sich mit dem Staub der Straße. Die dünne Rettungsdecke hatte nicht gereicht, ihn vollständig zu bedecken. Die Hände lugten heraus, beide waren verbrannt, blutig und schwarz. Auch die Füße sahen unter der Decke hervor. Bekleidet mit unseren Kampfstiefeln, mit unserer Tropenhose. Ein deutscher Kampfanzug.

»Seit wann tragen die Afghanen unsere Uniform?«, fragte ich mich. Dann hob ich den Blick, ließ meine Augen im Halbkreis schweifen. Ich suchte nach dem verunglückten Bus, zu dem wir ausgeschickt worden waren. Ich entdeckte ihn, links von mir im Feld, mit den Rädern tief in die weiche Erde eingegraben. Er war unverkennbar oliv. Mit deutschen Kennzeichen. Das war einer unserer Busse!

Er war ein Wrack, total verbeult, alle Fensterscheiben waren kaputt, Blut lief in Streifen an der Karosserie herunter. Ich sah mich um und erkannte, dass alle Verwundeten, die hier lagen oder hektisch umherliefen, deutsche Soldaten waren. Mir stockte der Atem, ich spürte einen Stich in der Brust. Wir waren in der Annahme ausgerückt, zu einem afghanischen Busunglück zu fahren, bei dem es wie immer einige Verletzte und ein großes Chaos geben würde. Was ich hier vor Augen hatte, war ein Szenario ganz anderer Art, und ich weigerte mich zunächst, es zu glauben. Das konnte doch nicht wahr sein. Aber es war Realität.

Überall lagen tote und schwerverletzte deutsche Soldaten, blutüberströmt und voller Dreck. Die Straße war übersät mit zertrümmerten und verbrannten Autoteilen, Glassplittern, Gummifetzen von geplatzten Autoreifen und unidentifizierbaren verbeulten und verbrannten Metallstücken. Die Rucksäcke, die die Soldaten bei sich getragen hatten, waren aufgeplatzt, und die persönlichen Dinge, die sie enthielten, hatten sich über die Straße verteilt. Da war ein Gewimmel von Menschen. Eine Unmenge von Soldaten aller Nationen. Rettungssanitäter, Ärzte, Feuerwehrleute, Sicherungskräfte und Leichtverletzte liefen und rannten durcheinander, und jeden Moment trafen mehr ein. Krankenwagen, Feuerwehrautos, Jeeps und Lastwagen fuhren vor und gaben ihre Besatzung ab, um von dem Chaos aufgesogen zu werden.

Plötzlich und unvermittelt wurden zu den Bildern, die ich sah, Geräusche und Gerüche in mein Bewusstsein eingeblendet. Ein unbeschreiblicher Lärm drang an meine Ohren. Die aufgeregt rufenden Stimmen der Helfer, das Schreien und Stöhnen der vielen Verletzten, die Motorgeräusche der Rettungsfahrzeuge, das Dröhnen der Hubschrauberrotoren über uns. Die Hitze des trockenen Tages brannte auf meiner Haut und in meiner Lunge. Ich spürte den in Kabul allgegenwärtigen Staub in meinem Gesicht, er legte sich wie eine Wolke auf meine Unterarme. Ich roch meinen eigenen Schweiß unter der Splitterschutzweste und den üblen Gestank des Nachkriegskabul ohne Kanalisation, und es roch nach Blut.

Was ich fühlte, kann ich nicht beschreiben. Ich glaube, eigentlich gar nichts. Die Wahrnehmung all dieser Eindrücke hatte nur einige Sekunden in Anspruch genommen. Lange Jahre und über fünfzehntausend Einsätze als Notärztin in Deutschland hatten mich darauf trainiert, zunächst, sofort und zügig, der Situation Genüge zu tun und alles Denken, Fühlen und Bewerten der Ereignisse auf später zu verschieben. Man muss tun, was getan werden muss, muss sich an einstudierten und trainierten Abläufen festhalten und Emotionen auf später verschieben. Man muss professionell sein.

Ich hatte mich bereits in Bewegung gesetzt, um in dem Durcheinander nach meinem Kollegen zu suchen, dem ersten Arzt, der an der Unglücksstelle eingetroffen war. »Hast du dir schon einen Überblick verschafft, eine Triage durchgeführt?«, fragte ich.

Er sah mich hilflos und auch ein wenig schuldbewusst an. »Nein«, sagte er, »ich kann das nicht. Ich muss mich erst um diesen Jungen kümmern.« Wie um Entschuldigung bittend, wiederholte er: »Ich kann das nicht!«

Ich folgte seinem Blick und verstand ihn. Vor uns lag ein junger Mann, vielleicht neunzehn Jahre alt. Eines seiner Beine war zertrümmert, hing nur noch an ein paar Muskeln, blutüberströmt, verbrannt, schwarz. Mit kalkweißem Gesicht, zu schwach, um zu schreien, zu tief im Schock, um Schmerzen zu empfinden, sah er mit leeren Augen zum Himmel.

Ich riss mich los, ich durfte mich jetzt nicht in der Behandlung Einzelner verlieren, konnte ihn getrost den versierten Händen meines Kollegen überlassen. Ich musste meine Aufgabe übernehmen. Ich nahm einen Feldwebel mit und versuchte, einen Überblick über die Lage zu bekommen und über Funk an die Rettungsleitstelle im Camp durchzugeben. Wir richteten Sammelplätze ein, und die Schwerverletzten wurden geborgen.

Es war ein unvorstellbares Durcheinander, und eine Schätzung der Anzahl der Verletzten unmöglich. Die, die noch laufen konnten, ließen sich nicht davon abhalten, nach ihren Kameraden zu suchen, und wollten helfen, blieben nicht auf ihren Sammelplätzen. Ich nahm einen Filzstift und schrieb auf eine unverletzte Stelle ihrer Haut eine Zahl, nummerierte die Verletzten durch – nicht dass es leicht gewesen wäre, unverletzte Haut zu finden.

Noch wussten wir nicht, was genau passiert war. Es konnte kein gewöhnlicher Verkehrsunfall gewesen sein, es musste irgendeine Explosion gegeben haben, die Verletzungen zeigten es. Die Splitterschutzwesten hatten Brust und Bauch einigermaßen geschützt, aber die Gesichter waren nicht nur voller Schnittwunden durch das zersplitterte Glas der Fensterscheiben, sondern schwarz, und auch Arme und Beine waren verbrannt, verstümmelt, amputiert.

Niemand, der in dem Bus gesessen hatte, war unverletzt geblieben. Ein paar Leichtverletzte hatten den Schauplatz bereits verlassen, waren von wohlmeinenden Ersthelfern mitgenommen worden, wohin, ließ sich zunächst nicht feststellen. Die Schwerverletzten wurden auf Tragen gelegt, die Wunden abgedeckt und verbunden, mit Infusionen der Kreislauf stabilisiert, und der Schwere ihrer Verletzungen nach wurden sie mit Rettungsfahrzeugen oder Hubschraubern in die drei zur Verfügung stehenden Militärkrankenhäuser abtransportiert.

Zwei Soldaten hatten so schwere Verletzungen erlitten, dass jede Hilfe aussichtslos war. Bei einem anderen hatte ein Kollege noch Hoffnung. Noch immer reanimierte er ihn, führte mit einem Team von Rettungssanitätern Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Ich ging zu ihnen und sah, dass es sinnlos war. Der Junge war tot, hatte schwerste Kopfverletzungen und auch in seinem Körper schien kein Knochen mehr heil zu sein. Die Helfer wollten das nicht einsehen, sie kämpften um ihn. »Komm schon«, sagten sie immer wieder, während sie auf seine Brust drückten und mit einem Beatmungsbeutel Luft über einen Plastikschlauch in seine Lungen pressten. Der Kollege hörte mich gar nicht. »Komm schon, bleib bei uns, gib nicht auf«, sagte er beschwörend immer wieder zu dem toten Soldaten, und zu seinen Sanitätern sagte er: »Weitermachen«, und spritzte noch einmal Adrenalin in die Vene. Ich verließ sie. Alle Schwerverletzten waren versorgt und abtransportiert worden, ich brauchte dieses Team nicht mehr.

Ich ging hinüber zum Sammelplatz der Leichtverletzten. Sie warteten auf die Rückkehr der Krankenwagen, um selbst ins Lazarett gebracht zu werden. Sie saßen zusammen auf einer kleinen Mauer. Ihre Kleider waren mit Blut bespritzt, schmutzig und zerrissen, um ihre Hände und Köpfe waren dicke weiße Verbände gewickelt worden. Bis hierher hatte es keine Rolle gespielt, dass wir die Verletzten kannten, mit ihnen noch am Tag zuvor zusammengesessen hatten, ihnen kameradschaftlich verbunden waren. Es war egal. Es waren Patienten, die versorgt werden mussten, da war keine Zeit für Sentimentalitäten.

Jetzt, da mich einer von ihnen ansprach, kam der Stich in meiner Brust wieder. Der Stich, den ich anfangs kurz verspürt hatte, als ich den ersten Toten in unserer Uniform gesehen hatte. Dies waren keine Fremden wie in all den andern Notarzteinsätzen zuvor in meinem Leben. Es waren meine Kameraden, meine Freunde, Angehörige meiner eigenen kleinen Welt, meiner Militärfamilie. Die Uniform hatte das von Anfang an symbolisiert und mir dieses bedrückende Gefühl vermittelt, das mich nun zu übermannen drohte und mir Tränen in die Augen trieb, so dass mir die Stimme versagte, als ich ihm antworten wollte.

»Markus«, sagte ich nur. Mit seinen zugeschwollenen Augen, dem ganzen Gesicht voller Schnittwunden, der weißen Mullbinde um den Kopf hatte ich ihn zunächst gar nicht erkannt. Er war ein stattlicher Mann, der gerne lachte und für jeden immer das richtige Wort fand. Oft hatte er meinen kleinen Alltagsgeschichten und Kümmernissen gelauscht und mich immer wieder mit seiner Lebensfreude angesteckt. Gestern war er noch mein Freund gewesen, und wir hatten zusammen Abschied gefeiert. Heute war er mein Patient. Und heute würde er nicht, wie geplant, nach Hause fliegen. Aber er lebte. Wenn ich auch nach einem Blick auf die Verletzungen in seinem Gesicht wusste, dass er nie mehr so aussehen würde wie früher. Ich setzte mich für einen Augenblick neben ihn auf die Mauer. »Wie geht es dir?«

»Ich glaube gut«, sagte er zögernd und sah sich um, blieb mit dem Blick an der goldenen Rettungsdecke und dem Toten darunter hängen. Ja, verglichen mit ihm ging es ihm gut.

»Ich weiß nicht genau«, dann brach auch ihm die Stimme. Er sah mich hilflos an, blickte wieder um sich, auf das Trümmerfeld um uns, sah wieder mich an. Seine Augen wollten weinen, aber er konnte nicht. Auch ich hätte gern geweint. Aber ich durfte nicht. Ich drückte nur hilflos und wortlos seine Hand. Er hielt sie fest und sagte: »Das hätte ich gestern Abend nicht gedacht, dass ich deine Hand so bald schon wieder drücken würde.« Gestern Abend, das schien Lichtjahre entfernt zu sein.

»Was ist eigentlich passiert?«, fragte er mich einen Moment später.

»Ich weiß es noch nicht genau«, antwortete ich. »Was hast du gesehen?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe gerade nach meiner Kamera in meinem Rucksack gesucht. Dann war da plötzlich ein Riesenknall und ein Feuerball, es wurde heiß und hell, und Splitter flogen in mein Gesicht. Mein Kamerad auf dem Sitz neben mir bewegte sich nicht mehr und gab mir keine Antwort. Das Nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich hier auf dieser Mauer sitze, und jemand wickelt einen Verband um meinen Kopf. Die Kameraden haben etwas von einer Bombe erzählt, aber das kann doch nicht sein. Wir wollten doch nur nach Hause.« Und er verstummte wieder.

Ich konnte nicht weiter mit ihm reden, die Rettungsleitstelle meldete sich über Funk und wollte wissen, mit wie vielen Patienten genau noch zu rechnen war. Also lief ich noch einmal die ganze Einsatzstelle ab. Auf der Rückbank eines offenen Jeeps fand ich Paul. Er schien nicht verletzt zu sein, aber er sah mich nicht, nahm mich überhaupt nicht wahr, seine Augen starrten ins Leere. Er war schlank und durchtrainiert, nicht sehr groß, aber nun schien er zerbrechlich, fast durchsichtig zu sein. Ich kletterte auf den Sitz neben ihn und berührte ihn leise und vorsichtig an der Schulter, bemüht, ihn nicht zu erschrecken. Sein Blick fokussierte, er drehte langsam den Kopf und sah mich an.

»Weißt du«, sagte er und wusste nicht, wie weiter, suchte nach Worten.

»Weißt du, es war schrecklich.« Er sprach nicht weiter, verlor den Blick wieder, starrte auf die Straße.

»Ja«, sagte ich nur. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte sagen sollen.

»Ich bin als Begleitfahrzeug direkt hinter dem Bus gefahren und habe alles gesehen. Der Bus ist einfach in die Luft geflogen und im Feld gelandet. Ich wollte helfen, aber sie haben alle so geschrien und geblutet, und ich hatte doch nur meine zwei Verbandspäckchen. Es kam mir so lange vor, bis ihr endlich angekommen seid.«

Er zögerte, dann wiederholte er hilflos: »Es hat so lange gedauert.«

»Ja«, sagte ich wieder nur.

Dann meldete sich mein Verstand.

»Paulchen«, sagte ich vorsichtig, »wollen wir später noch mal darüber reden? Du solltest jetzt sehen, dass du ins Lager kommst. Hier kannst du nicht bleiben.« Er wollte eigentlich nicht, aber er ließ es zu, dass ich ihn sachte zu den anderen führte, zu den letzten Leichtverletzten, die noch vor Ort waren. Hinüber zu Markus, der ihn wortlos bei der Hand nahm, ihn zu sich hinunter auf die Mauer zog und ihm den Arm um die Schultern legte.

Nach knapp einer Stunde hatten alle Verletzten die Unglücksstelle im Krankenwagen oder mit dem Hubschrauber verlassen. Ich blieb zurück. Drei Soldaten hatten nicht überlebt. Auch bei dem dritten hatte der Kollege irgendwann seine Bemühungen aufgegeben und war ins Lager zurückgekehrt. Die Leichen hatten mit den Rettungsfahrzeugen nicht transportiert werden können und warteten jetzt auf einen Lastwagen mit Leichenbergesäcken. Ich wollte sie nicht allein lassen. Barbara, eine Notärztin, hatte mir angeboten, bei mir zu bleiben. »Ich komm schon klar«, antwortete ich. »Fahr du zurück und ruh dich aus!«

»Nein, lass mich bitte bleiben«, bat sie. »Du solltest nicht alleine hier sein, und im Lager werden genug Ärzte sein, um die Patienten zu versorgen.« So blieb sie bei mir, und ich war dankbar dafür.

Außer ganz wenigen Sicherheitskräften war niemand mehr hier. Sie waren auf der anderen Seite der Straße und maßen irgendetwas aus. Was, wusste ich nicht, es war mir auch egal. Sie sollten mich in Ruhe lassen. Mich, Babsi und die Toten. Und ruhig war es jetzt. Die Straße war gesperrt. Keine Autos fuhren. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Wir hatten die drei Toten nebeneinander an den Straßenrand gelegt, sie zugedeckt und uns daneben auf unsere Helme gesetzt. Auch die Splitterschutzwesten hatten wir ausgezogen. Wir wussten, wir hätten das nicht tun sollen, aber es interessierte uns nicht. Uns war heiß, die Sonne brannte gnadenlos auf uns herab, wir waren erschöpft, nicht nur körperlich. Ich hatte die Weste zuerst abgelegt.

»Es ist mir jetzt egal«, sagte ich. »Mir ist heiß, ich kann nicht mehr, ich zieh das blöde Ding jetzt aus. Was soll denn noch passieren?«

»Ja«, antwortete sie, sah mich nachdenklich an und wiederholte: »Was soll uns noch passieren?«

Wir hatten das Schlimmste erlebt. Wir hatten sie sterben gesehen, schreien gehört, ihre Wunden gefühlt, ihr Blut und ihren Angstschweiß gerochen. Jetzt saßen wir neben unseren toten Kameraden. Allein. Damit sie nicht allein waren. Nicht allein in ihrem Tod, der in unseren Augen so sinnlos war, so überflüssig. Und sie waren so jung. Alle drei jünger als wir beide. Fast fühlten wir uns schuldig, noch am Leben zu sein, und dachten darüber nach, was wir gerade gesagt hatten. Ja. Was könnte uns noch Schlimmeres passieren? Gar nichts.

Wir warteten auf den Lastwagen. Er kam nicht. Wir fanden eine Flasche Wasser, die wir schwesterlich teilten. Uns war mittlerweile klar, dass es kein Unglück gewesen war. Die Sicherheitskräfte hatten es uns erzählt, als alle anderen weg waren und wir gefragt hatten. Zunächst hatten wir nur die Patienten und ihre Verletzungen wahrgenommen und zu deren medizinischer Versorgung getan, was getan werden musste. Hatten nicht gedacht, nicht gefühlt, hatten nur funktioniert. Hatten getan, was wir gelernt und worauf wir trainiert worden waren. Tunnelblick nennt man das wohl. Nun aber setzte das Bewusstsein wieder ein und wir wollten wissen, was eigentlich genau passiert war.

Ein einheimischer Selbstmordattentäter hatte mit einem gelben Taxi, die in Kabul zu Hunderten durch die Straßen fuhren, und einer Fünfhundert-Kilo-Bombe an Bord den Bus gerammt und ihn, sich selbst und über zwanzig deutsche Soldaten in die Luft gesprengt. Sie waren, das hatten wir ja gewusst, nach einem sechsmonatigen Einsatz in Kabul auf dem Weg zum Flugplatz, um nach Deutschland zurückzufliegen.

Als wir versuchten, uns die Explosion bildlich vorzustellen, erinnerten wir uns plötzlich auch wieder an den lauten Knall, den wir morgens kurz vor unserer Alarmierung gehört hatten. Wir hatten uns nicht darum gekümmert, es knallte dauernd irgendetwas. Gewehrschüsse, gezielte Sprengungen von alter russischer Munition, Fehlzündungen der schrottreifen einheimischen Fahrzeuge. Je nach Entfernung konnte man es selten identifizieren, und wir konnten nicht zigmal am Tag erschrecken, also hatten wir gelernt, es zu ignorieren. Ab jetzt würde das allerdings wieder schwerer fallen, und in der Erinnerung an den Knall am Morgen liefen uns Schauer über den Rücken. Der Knall wurde lauter und lauter in der Erinnerung, und wir wunderten uns, dass wir morgens noch so gelassen darüber hatten sein können.

Es war kein Unglück, es war ein Anschlag gewesen. Ein Sprengstoffattentat, ein Selbstmordanschlag. Ein Angriff, gegen den man sich nicht hatte wehren können, weil er schon vorbei war, als man ihn wahrnahm, und weil der, den man hätte bekämpfen können, schon tot war, sich freiwillig umgebracht hatte. Der Attentäter war angeblich ein Afghane aus ärmlichen Verhältnissen. Ihm war nun, da er zum Märtyrer geworden war, ein Platz im Paradies, ganz in der Nähe von Allah gewiss. Darüber hinaus, so sagte die Gerüchteküche, sei er mit fünfhundert amerikanischen Dollar entlohnt worden. Wenn das stimmte, würde diese Summe das Überleben seiner gesamten Familie für die nächsten fünf Jahre sichern. Ein Sprengstoffattentat, hatten sie gesagt. Ein feiger Anschlag, wie es unser kommandierender General später in der Trauerfeier ausdrücken würde. Das war es, was allen anderen anscheinend am meisten zu schaffen machte. Die Gewalt, die Hinterlist. Uns war das egal. Als erfahrene Notärzte waren wir dem Tod gegenüber nicht gerade immun, aber doch daran gewöhnt. Und wir fanden ihn eigentlich oft oder immer ungerecht. Egal, ob es ein Herzinfarkt, Schlaganfall, Verkehrsunfall oder plötzlicher Kindstod war. Es war immer Gewalt, höhere Gewalt. Aber es war unser Job, wir hatten uns daran gewöhnt, taten unsere Arbeit, fuhren heim. Es raubte uns nicht den Schlaf. Dies hier war anders. Unsere Patienten in Deutschland hatten wir nicht gekannt, bevor sie sich freiwillig oder als Notfallpatienten in unsere Behandlung begeben hatten. Diese Toten hier gehörten zu uns, waren welche von uns. Menschen, mit denen wir zugegebenermaßen willkürlich zusammengewürfelt worden waren, Angehörige einer Zweckgemeinschaft, die wir aber in Ermangelung unserer eigenen Familie und Freunde als Ersatz akzeptiert und mit denen wir uns in dieser anderen Welt zumindest ebenso verbunden gefühlt hatten wie mit unserer Familie und unseren Freunden in der Heimat. Mit diesen Kameraden hatten wir am Abend zuvor zusammengesessen und Abschied gefeiert. Jetzt lagen sie neben uns und waren tot. Wir bemühten uns, nicht hinzusehen und doch wurden unsere Blicke wie magisch angezogen. Es war die Uniform, die ein unbehagliches Gefühl in uns auslöste. Irgendwie symbolisierte diese Uniform eine Zusammengehörigkeit mit uns, die kaum zu ertragen war. Das war anders als unsere Notarzteinsätze in Deutschland, und wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten.

Wir wussten auch nicht, was wir mit den Erkennungsmarken anfangen sollten. Als wir die Toten nebeneinander an den Straßenrand gelegt und ihre Kleidung ordentlich und glattgezogen hatten, so gut es eben ging, hatten wir vorschriftsmäßig die Hälften der Erkennungsmarken abgebrochen. Jetzt wussten wir nicht, was wir damit machen sollten.

»Haben sie das in der Vorausbildung erklärt?«, fragte ich Babsi.

»Nein«, antwortete sie, und wir saßen schweigend nebeneinander und starrten auf die Straße. Ein Konvoi näherte sich. Es war nicht der erwartete Lastwagen für uns. Es war der kommandierende General der deutschen ISAF-Truppen, der den Unglücksort persönlich in Augenschein nehmen wollte.

»Ich weiß jetzt, was wir damit machen«, sagte ich zu Babsi. »Bin gleich wieder zurück.« Und ich ging hinüber auf die andere Straßenseite zum General, stand stramm, grüßte ihn und sagte: »Herr General, hiermit übergebe ich Ihnen die Erkennungsmarken unserer gefallenen Kameraden.«

Er hatte zunächst erfreut gelächelt, wohl gedacht, ich wollte ihm Ehre erweisen, ihn grüßen, aber während meiner Worte schien ihm das Lächeln auf dem Gesicht einzufrieren. Ich weiß nicht, warum er den Schauplatz persönlich hatte aufsuchen wollen. Später wurde mir erzählt, dass man versucht hatte, es ihm auszureden, dass man es für zu gefährlich gehalten hatte. Er jedoch habe sich nicht davon abbringen lassen. Aber er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass er gezwungen werden würde, so nahe zu kommen. Sein starrer Glaube an die Gerechtigkeit, der diejenigen kennzeichnet, die über den Tod befehlen, ohne je persönlich betroffen zu sein, war ins Wanken geraten. Er starrte mich an, starrte auf die Blechstücke in meiner Hand. Dann griff er zögernd danach, fasste sie an, aber nahm sie nicht an sich. Und ich ließ sie nicht los. So standen wir eine Weile und hielten die Erkennungsmarken fest. Es spielte plötzlich keine Rolle mehr, dass er ein General und amtierender Oberbefehlshaber und ich nur ein kleiner Oberstabsarzt war. Der Tod hatte zugeschlagen, ohne Rücksicht zu nehmen auf Gerechtigkeit oder Spielregeln oder darauf, wer hier die Befehlsgewalt hatte. Der Tod war sehr nah gekommen und hatte uns alle gleich gemacht, General oder nicht.

Zeit ist eine merkwürdige Sache, und manchmal kann man nicht sagen, wie lange ein Moment dauert. Es kam mir sehr lange vor, wie wir da standen und die Erkennungsmarken hielten und die Sonne unbarmherzig auf uns herabbrannte, bis sich der General einen Ruck gab, die Marken an sich nahm, in die Tasche steckte, mir dankte und mich entließ.

Als ich auf die andere Straßenseite zurückkehrte, sagte Babsi: »Das hast du gut gemacht. Schadet gar nichts, wenn die, die das Kommando haben, auch mal sehen, wie sich das anfühlt.«

»Ja«, antwortete ich, »er schien wirklich betroffen zu sein.« Ein klein wenig versöhnte uns das mit dem Schicksal, es gab uns ein winziges Gefühl der Genugtuung.

Der General verschwand, nicht ohne uns versprochen zu haben, sich nach dem Verbleib des Lastwagens zu erkundigen. Mittlerweile hatten wir zwei Stunden gewartet, es sollte eine weitere vergehen, bis er eintraf. Zwei Feldwebel und ein Hauptgefreiter stiegen aus und legten die Leichen in die mitgebrachten schwarzen Säcke. Es gab ein scharfes Geräusch beim Zuziehen der langen Reißverschlüsse. Einer der Feldwebel und der Hauptgefreite kletterten auf die Ladefläche und zogen die Säcke hoch, die der dritte anreichte. Der erste Sack, dann der zweite. Schwarze Säcke, unten grau vom Staub der Straße, oben blutverschmiert. Beim zweiten Sack wurde der Hauptgefreite plötzlich blass. »Weißt du eigentlich, was wir hier tun, was in diesen Säcken drin ist?«, fragte er den Feldwebel.

»Klar weiß ich es.«

»Wie kann man so etwas machen?«, und er fing an zu zittern, atmete heftig, wurde noch bleicher, Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Neunzehn Jahre war er alt. Der Feldwebel schaute hoch, packte ihn an den Armen, schüttelte ihn und, da er nicht aufhörte, verpasste ihm eine heftige Ohrfeige. Der Hauptgefreite erschrak, blickte ihn vorwurfsvoll an, hörte aber auf zu zittern, und die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück.

»Wir reden später«, sagte der Feldwebel, »jetzt lass uns weitermachen, damit wir hier wegkommen.«

Der zweite Feldwebel packte den dritten Sack am Kopfende wie die beiden anderen zuvor. Nur, da war kein Kopf, da waren nur Schultern. Er konnte es nicht wissen, aber der Kopf war durch die Explosion abgerissen worden. Entsetzt ließ er den Sack fallen. Mit einem hässlichen Klatschen landete er auf der Ladefläche. Es gab noch einen vierten Sack. Babsi und ich hatten darin die Leichenteile des Selbstmordattentäters eingepackt. Wir konnten sie ja nicht einfach auf der Straße liegen lassen. Mit zwei Paar Handschuhen und mit abgewandtem Gesicht, angeekelt und Übelkeit bekämpfend, hatten wir sie mit spitzen Fingern aufgesammelt und in einen Sack fallen lassen. Die Feldwebel sagten nur: »Aber … «, sprachen nach einem Blick in unsere Gesichter nicht weiter und warfen den Sack auf die Ladefläche, in die hinterste Ecke, weit weg von den andern. Genau da, in der hintersten Ecke, landete er auch in unserem Kühlcontainer. Der Spieß hatte allerdings nicht nur »aber« gesagt, sondern seinem Temperament entsprechend weit mehr. Er hatte sich jedoch davon überzeugen lassen, dass wir ihn hatten mitbringen müssen und dass wir auch nicht zustimmen würden, seinem ersten Antrieb folgend, den Sack einfach über die Mauer des Lagers oder auf die Müllkippe zu werfen. Dass der Sack relativ unsanft auf dem Boden des Containers landete, konnten wir jedoch nicht verhindern.

Dem Chef des Hauptgefreiten, der geholfen hatte, die Leichensäcke abzuholen, und der nicht zu unserer Kompanie gehörte, ließen wir ausrichten, dieser habe für diesen Tag genug getan und solle vielleicht frei bekommen. Wir haben ihn nie mehr wiedergesehen, nur gehört, dass er zwei Wochen später nach Hause geschickt wurde. Das Aufklatschen des Sackes war wirklich ein hässliches Geräusch gewesen.

Als die Leichen im Kühlcontainer verwahrt waren, streiften Babsi und ich hilflos und fassungslos auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit im Lager umher. Es war ein Gewirr und Chaos von Verletzten, Ärzten, Krankenschwestern, Köchen, die Suppe und Tee anboten, und solchen wie uns, deren eigentliche Arbeit als Notärzte und Sanitäter getan war, die die Patienten den Ärzten des Krankenhauses übergeben hatten und nun zur Hilflosigkeit verdammt waren. Vor dem Feldlazarett stand eine Schlange von Soldaten, bereit, Blut zu spenden. Der Laborarzt hatte alles im Griff, er brauchte uns nicht. Im Truppenarztbereich wurden Wunden leichtverletzter Patienten genäht, und in allen Fluren und Operationssälen des Lazarettes wurden Patienten versorgt und operiert. In ihren grünen Plastikschuhen standen die Operateure in zentimeterhohen Blutlachen. Aber auch hier seien genug Ärzte aller Nationen da, und wir sollten uns ausruhen, ließ man uns wissen. Das Bewusstsein war plötzlich erwacht, dass noch einmal etwas passieren könnte, und dann würden wir mit unseren Rettungspanzern wieder rausfahren müssen.

»Sie haben recht«, sagte ich zu Barbara. »Leg dich hin, du musst dich ausruhen.«

»Ich kann nicht«, antwortete sie, »schau dich doch um, wie kann ich mich ausruhen, hier ruht sich keiner aus, wir müssen doch helfen.«

Und so ließ sie nicht locker und zerrte mich weiter auf der Suche nach jemandem, der uns helfen lassen würde.

Wir fanden uns im Betreuungszelt wieder, in dem Notbetten aufgestellt worden waren und ein Soldat verzweifelt nach einem Kameraden suchte. Er lief rastlos auf und ab und hatte sich nicht beruhigen lassen. Wir standen plötzlich diesem einen Menschen gegenüber, der seinen Freund suchte. Alles andere war auf einmal ausgeblendet. Ich hörte keine anderen Geräusche mehr, sah nichts anderes mehr, außer diesen einen jungen Mann, kaum älter als mein ältester Sohn. Um uns herum war es totenstill, wir waren wie unter einer Glocke, unter die nichts anderes drang, nur wir drei.

»Nach wem suchst du, wer ist dein Freund?«

Er sagte es uns. Babsi und ich sahen uns an, erinnerten uns an die Erkennungsmarken, die wir abgebrochen hatten, an die Namen, die darauf gestanden hatten. Wir legten ihm die Hände auf die Schultern und sagten: »Du brauchst nicht mehr zu suchen.«