Ein Stück Deutschland - Corinna Below - E-Book

Ein Stück Deutschland E-Book

Corinna Below

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Beschreibung

"Wir können doch nichts dafür. Deutsch ist und bleibt unsere Muttersprache." In San Miguel, einem Ort nördlich von Buenos Aires, steht das Hogar Adolfo Hirsch, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens. Ungefähr 170 alte Menschen leben hier, inmitten eines großzügigen blühenden Parkgeländes. Alle sind Einwanderer der ersten Generation. Sie sind in Deutschland, Österreich oder Ungarn geboren und ihre Lebensgeschichten sind bis heute eng mit Deutschland verknüpft, mit dem Deutschland der Nazizeit. Wir haben 49 von ihnen besucht, um mehr über ihr Leben zu erfahren. Einige haben wir in ihren Zimmern aufgesucht, andere im Park getroffen oder in der Stadt. Hier erzählen 49 Männer und Frauen von ihrer Emigrationsgeschichte, ihrem Verhältnis zu Argentinien und ob sie je darüber nachgedacht haben, wieder in Deutschland zu leben.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für Feline und Lucius

INHALT

EINLEITUNG

1

ILSE ALTMANN

2

EDITH BRAUN

3

JUAN BREITBART

4

LORE BRIEGER

5

LILO BRUMMER

6

SIEGFRIED BUSTIN

7

ALFRED DANIEL

8

RUTH DEUTSCH

9

BETTY DRESEL

10

MARTHA EHRENFELD

11

ANNELIESE FELDMANN

12

ERWIN FENNER

13

IRMA FRANK

14

VESNA FRANK

15

JUAN FRÄNKEL

16

RUTH GOLDSCHMIDT

17

TRUDE GOLDSCHMIDT

18

MARGARETE GRANAT

19

ILSE GRÜNEWALD

20

HANNA GRÜNWALD

21

ELLEN HAMBURGER

22

EDITH HOROWITZ

23

EUGENIE JOSEPHS

24

DORIS KAUFMANN

25

ILSE KRAMER

26

GORDON KRAUSS

27

HERTA KRETZIG

28

EVA LEWIN

29

LIZZI LOBSTEIN

30

HELGA MARGULIS

31

RUT MARX

32

LORE MAYER

33

ANNELIESE MEYER

34

MARGARETE MUNK

35

EDITH NASSAU

36

HILDE NEUSTADT

37

BÄRBEL OPPENHEIMER

38

CECILIA PASCHKES

39

FREDY ROSENBERG

40

MARION SERRA

41

EDITH SICHEL

42

ILSE SMILG

43

JOSÉ SMILG

44

ELFI STEINITZ

45

RUTH VOGEL

46

EDITH WEINBERG

47

ILSE WEINSTEIN

48

LISEL WOHL

49

INGE WOLF

ZUR AUTORIN UND ZUR ENTSTEHUNG DES BUCHES

EINLEITUNG

Buenos Aires am frühen Montagmorgen. Es ist ungewöhnlich kalt für einen Frühlingstag im November und es ist laut in dieser Stadt. Wie jeden Tag kämpft sich ein kleiner weißer Bus durch die verstopften Straßen. Am Steuer sitzt Mariano. Er ist früh aufgestanden, denn er kommt den weiten Weg aus San Miguel, einer kleinen grünen Stadt nördlich der Hauptstadt. Gegen neun Uhr muss er wieder zurück sein und er rechnet eine Stunde Fahrzeit. Jeden Tag der Woche macht der kleine, drahtige Argentinier eine andere Tour durch die Stadt, egal, wie das Wetter ist, und egal, wie verstopft die Straßen sind.

In San Miguel lebt ein Stück Deutschland. Dieses Stück Deutschland besteht aus Schneckennudeln, einem Gebäck aus der Pfalz. Es besteht aus einem neunarmigen Hanukkaleuchter, der einmal in einem Hamburger Wohnzimmer stand. Es besteht aus einem Deutsch, das etwas veraltet klingt und aus Erinnerungen an die Großeltern in der Lutherstadt Wittenberg oder an eine Schule in Dinslaken, wo nicht alle Lehrerinnen Antisemitinnen waren. In diesem Stück Deutschland werden Topflappen gehäkelt, so wie es schon die Großmutter in München gemacht hat. Hier wird Marmelade nach gutem altem Rezept eingekocht. Pektin wird verwendet, damit sich kein Schimmel bildet. Die Bücher, die hier gelesen werden, sind oft ganz alt und haben vergilbte Seiten. Dieses Stück Deutschland heißt Hogar Adolfo Hirsch und ist das Altenheim der Deutsch sprechenden Jüdinnen und Juden Argentiniens.

Montagmorgen: Panamericana, Ecke Ugarte. Vesna Frank guckt auf ihre Armbanduhr. Ungeduldig ist sie nicht. Es ist acht Uhr, da kommt der weiße Bus um die Ecke. Mariano ist pünktlich, wie immer. „Buenos días, Señora Frank!“, ruft er ihr aus dem geöffneten Fenster entgegen. Sie freut sich, ihn zu sehen. Er steigt aus, um ihr in den Wagen zu helfen. Im Innern wird sie von drei Freundinnen strahlend begrüßt. „Buenos días, Vesna. Guten Morgen! Wie geht es dir?“ Die Damen, die Mariano nach San Miguel bringen wird, sprechen Deutsch miteinander. Meistens. Er versteht kein Deutsch, aber das macht ihm nichts. Er hat Verständnis, schließlich sind sie aus Deutschland. Nun ja, Vesna Frank ist Kroatin, aber das ist auch weit weg. „Bueno, wir werden las chicas del lunes genannt“, sagt Hex Munk, „Montagsmädchen.“ Hex heißt sie, weil sie einst an einer Heilbronner Grundschule die Hexe in einer Hänsel und Gretel-Aufführung spielte, damals, bevor sie 1937 aus Deutschland fliehen musste. Fast 70 Jahre später ist sie auf dem Papier immer noch Deutsche, im Herzen Argentinierin und eine der vielen ehrenamtlichen Helferinnen im Altenheim. „Sonntags heißen sie Damen. Die sind was Besseres“, sie lacht, „aber dafür sind wir viel lustiger.“ Ihre Augen leuchten und die anderen stimmen ihr zu: „Wir behaupten immer, wir sind die netteste Gruppe.“

In einem irrsinnigen Tempo rast Mariano über die Panamericana. Die Autobahn frisst sich ihren Weg hinaus in die dünner besiedelten Gegenden der Provinz. Vereinzelt sind Gauchos zu sehen, die ihre Pferde auf dem spärlichen Grünstreifen am Rande der lauten Straße grasen lassen. Und immer wieder Slums. „Argentinien hat sich nicht zum Guten entwickelt“, meint Vesna Frank. Seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes in den 1990er Jahren wächst die Armut und illegale Siedlungen schießen wie Pilze aus dem Boden.

Angekommen im Hogar Adolfo Hirsch, gehen die Montagsmädchen über einen langen Weg auf den Haupteingang zu. Den Weg säumen Büsche, die jetzt im Frühling in voller Blüte stehen. Der Kiesel knirscht unter ihren Schuhen. In hebräischer Schrift steht Willkommen über der Tür geschrieben: Baruch Habáh.

Gegründet wurde das Heim durch die Asociación Filantrópica Israelita (AFI), dem Jüdischen Hilfsverein, im Oktober des Jahres 1940 für die älteren Deutsch sprechenden jüdischen Immigrantinnen und Immigranten aus Europa. Im Laufe der Jahre kamen weitere Gebäude dazu, die Anlage wuchs. Immer war das Hogar Adolfo Hirsch eine angesehene Adresse, bekannt über die Landesgrenzen hinaus.

Auf dem großzügig angelegten Gelände mit penibel gepflegtem Park und Swimmingpool leben ungefähr 170 alte Menschen. Sie alle haben ihre Wurzeln in Deutschland oder Österreich. Wurzeln, die in den 30er-Jahren gekappt wurden. Sie flohen als Kinder, Jugendliche oder Erwachsene vor den Nazis. Argentinien bot für sie die einzige Chance, zu entkommen. Meist verließen sie ihre Heimat über den Hamburger Hafen. Nach wochenlanger Fahrt im Hafen von Buenos Aires angekommen, warteten damals die Mitglieder des Jüdischen Hilfsvereins, um sie zu begrüßen. Sie halfen bei den Einreiseformalitäten und sorgten dafür, dass die, die keine Familie in Argentinien hatten, vorläufig eine Bleibe und Arbeit fanden. Viele Deutsch sprechende Jüdinnen und Juden sind sofort nach ihrer Ankunft Mitglied des Vereins geworden und fühlen sich bis heute der AFI eng verbunden. Viele leisten ehrenamtliche Arbeit. So wie die chicas del lunes.

Hex Munk, Vesna Frank und die anderen schlendern durch die Empfangshalle. Hier sitzt Ilse Grünewald im Rollstuhl und wartet, dass der Speisesaal geöffnet wird. Gleich gibt es Frühstück. Auch die Freundinnen Anneliese Feldmann und Hilde Neustadt warten lieber hier als in ihren Zimmern. „Weil hier was los ist“, sagt Hilde Neustadt und freut sich über den Besuch aus der Stadt. Die chicas del lunes bleiben stehen und halten hier und da schon mal ein kleines Schwätzchen. Dann gehen die Montagsmädchen durch die hell beleuchteten Gänge bis zu dem Zimmer für die freiwilligen Helferinnen. Hier tauschen sie ihre Jacken gegen rosa Kittel und schwirren aus. Manche von ihnen kochen mit den Bewohnerinnen Marmelade ein, eine führt den Kiosk, andere topfen mit den alten Menschen Blumen um. Sie gehen mit Einzelnen im Park spazieren und reden über die Vergangenheit oder über das, was heute ansteht. Eine der Ehrenamtlichen leitet eine Theatergruppe. Alle haben eine Liste von Namen in der Kitteltasche. „Das sind die Leute, die ansonsten gar keinen oder nur wenig Besuch bekommen“, sagt Hex Munk. Sie und die anderen machen sich an die Arbeit. Bis zum Abend werden sie sich kaum ausruhen.

Viele der voluntarias kommen schon seit einer halben Ewigkeit nach San Miguel. Vesna Frank ist erst seit zehn Jahren dabei. Ehrensache. Dieses Heim hat mit jeder Einzelnen sehr viel zu tun, sagen sie. Hier kreuzen sich ihre Lebenswege. Hier verbindet sie die gemeinsame Sprache und Kultur. Hier begegnet man einem Stück Deutschland – das es bald so nicht mehr geben wird.

„Es ist nicht mehr wie früher“, sagt Hex Munk und die anderen stimmen ihr zu. Früher seien die Menschen hierhergezogen, um einen schönen Lebensabend zu verbringen. Jetzt seien sie, die voluntarias, weit über 60 und leben immer noch in der Stadt. „Wir sind heute irgendwie anders als die Alten früher“, sagt die 88-Jährige mit diesem ihr eigenen Lachen in den Augen. Die anderen erzählen, dass das Hogar Adolfo Hirsch früher wenig von einem Heim gehabt habe. „Heute sind viele Heimbewohner schlecht dran. Die meisten sind stark hilfsbedürftig“, sagt Vesna Frank. Doch damit kein falscher Eindruck entsteht, fügt sie noch hinzu: „Es ist aber immer noch das beste Heim in ganz Südamerika!“ Und das einzige, das nach deutschen Standards geführt wird, sagen sie. Der großzügige Park, der Pool, die Bibliothek, davon schwärmen sie alle. Und die gute Betreuung!, heißt es immer wieder. Der liebevolle Umgang im Haus sei einzigartig. Es gibt eine Synagoge, es finden Lesungen und Konzerte statt und manchmal bringt Mariano eine Gruppe Bewohnerinnen und Bewohner mit seinem weißen Bus in die Hauptstadt. „Das kommt aber nicht mehr so oft vor“, sagt Vesna Frank. Sie guckt wehmütig. „Die Leute sind nicht gut dran. Ständig stirbt jemand.“ Sorge macht sich breit, dass es dieses Heim vielleicht irgendwann nicht mehr geben wird. Alle hängen an diesem Ort. Das Hogar Adolfo Hirsch ist so etwas wie eine Heimat. Ein Stück Deutschland eben.

ILSE ALTMANN

„Ich hatte scheinbar eine ganze Auswahl an Männern.“

Sie sitzt in ihrem Rollstuhl in Zimmer Nummer 117 und lächelt schelmisch. „Ich bin grad’ die Jüngste“, sagt sie. Ilse Altmann ist immer zu Scherzen aufgelegt. Sie nimmt weder die Vergangenheit noch die Gegenwart besonders wichtig, geschweige denn genau. Ihr langes Leben ist sehr turbulent und aufregend verlaufen. Würde sie sich an alles bis ins Detail erinnern und es ernst nehmen, wer weiß, vielleicht wäre sie dann nicht so gut aufgelegt.

Ilse Altmann kommt mit dem Namen Ilse Margarete Zirker am 14. Oktober 1910 in Berlin zur Welt. Sie buchstabiert: „Z-I-R-K-E-R.“ Sie lebt von da an im Norden der Stadt, „am Gesundbrunnen. Bis zur Auswanderung, bis 1938.“ Wie ihre Kindheit und Jugend war? Sie erinnert sich nicht so genau daran. Gut, nimmt sie an. Sie studiert Zahnmedizin an der Berliner Universität. „Ich habe alle Examen mit Eins bestanden. Ich hatte alles erfüllt“, sagt sie, „bis auf die arische Abstammung.“ Als sie ihr Studium beendet, sind die Nationalsozialisten längst an der Macht. Sie arbeitet fortan bei einem etablierten jüdischen Zahnarzt als Assistentin, bis auch er seine Kassenzulassung verliert. Ilse Altmann erzählt, dass die Patienten, allesamt Arbeiter, trotzdem gekommen seien und meist auch „eine Kleinigkeit gezahlt“ hätten. Kurz darauf wandert ihr Chef aus „und ist auch sofort gestorben am nächsten Tag“. Was erzählt sie da? „Ja, das war sehr traurig“, sagt sie und fährt fort, ohne viele Worte zu machen. „Dann habe ich noch eine Weile heimlich mitgearbeitet und dann wurde die Praxis aufgelöst.“ Alltag in Nazideutschland.

„Ich habe alle Examen mit Eins bestanden. Ich hatte alles erfüllt, bis auf die arische Abstammung.“

Sie sagt, sie habe keine Erinnerungen an den Nationalsozialismus, „weil wir Gott sei Dank persönlich nicht betroffen waren. Mein Mann ist natürlich nachts auch über die Felder gegangen, um nicht geholt zu werden im Morgengrauen.“ So etwas sagt sie einfach so dahin. Ja, Angst hätten sie gehabt, dass sie geholt werden im November 1938. Ob das der Altmann war? Oder der andere, ihr erster Mann? Sie weiß es nicht mehr so genau. Hier purzeln ihre Erinnerungen durcheinander. Wann sie geheiratet hat? „Ja, das möchte ich auch wissen“, sagt sie und schmunzelt wieder. Doch dann scheint sie sich wieder zu entsinnen. „Altmann.“ Sie macht eine kurze Pause. „Und zwar habe ich den Altmann kennengelernt, da bin ich ins Jüdische Krankenhaus gegangen, um Krankenhilfe zu lernen, denn in England wurden Krankenschwestern gebraucht.“ Dorthin wollte sie auswandern. Der Mann, den sie eigentlich hatte heiraten wollen, war ein anderer. „Der ist vor mir ausgewandert. Wir hatten nicht genug Geld für beide Fahrten. Ich musste also zu Hause bleiben.“ Auf der Überfahrt in die USA lernt er einen Deutsch-Amerikaner kennen, der ihm später eine Verwandte vorstellt, „ein sehr schönes Mädchen“, sagt sie. Die habe sehr viel Geld gehabt, „und da hat mein Mann natürlich das Mädchen geheiratet und ich saß zuhaus’.“ Alles nicht so wild. Aus heutiger Sicht. Sie lacht. „Ich konnte nicht hin und nicht her.“ Zu diesem Zeitpunkt muss sie sich dazu entschlossen haben, allein nach England zu gehen. Doch dann läuft ihr eben dieser Altmann über den Weg. Wegen seiner kranken Mutter will ihr neuer Verlobter das Land nicht verlassen. Als seine Mutter stirbt, macht sich das junge Paar auf nach Südamerika.

Zu diesem Zeitpunkt muss sie sich dazu entschlossen haben, allein nach England zu gehen.

Ilses Mutter müssen sie zurücklassen. „Die ist umgekommen. Als ich sie rausholen konnte, das heißt, als ich eine Einreiseerlaubnis für meine Mutter hatte, kam sie nicht mehr raus.“ Sie erzählt und erzählt, aber über ihre Gefühle redet sie nicht. Ihre Geschichte hat keinen Platz für Emotionen. Ilse Altmann verliert viele Verwandte durch die Shoa. Ihr Bruder kann sich nach England retten, andere fliehen nach China „und in die merkwürdigsten Gegenden. Manche sind von da aus in die Staaten gekommen.“ Sie schafft es zusammen mit ihrem Mann zunächst bis nach Bolivien. Aber sie weiß nicht mehr genau, ob es tatsächlich der Altmann war, mit dem sie ausgewandert ist. „Nein, der hieß nicht Altmann. Wie hieß der?“ Sie ist ratlos, dabei hat sie aber die ganze Zeit dieses Schmunzeln im Gesicht. Dann sagt sie: „Ich hatte scheinbar eine ganze Auswahl an Männern.“

Aber der, mit dem sie nach Bolivien geht, ist der Altmann, der Mann, den sie offensichtlich geheiratet hat. In Berlin, sagt sie. Und da haben sie auch noch eine Weile miteinander gelebt, bevor sie ausgewandert sind. Sie erinnert sich, dass sie mit einem Schiff der Hamburg Süd das Land verlassen haben, und beim Erzählen kommt ihr eine „nette Sache“ in den Sinn. „Um das Gepäck aufs Schiff zu bringen, mussten wir es schon am Tag vorher abgeben bei einem Mann, der sehr nett war. Mein Mann zieht seine Geldtasche raus und sagt: „Das ist das Einzige, was ich noch habe“, und reicht ihm das rüber, und da sagt der: „Seien Sie mal nicht päpstlicher als der Papst. Das stecken Sie mal wieder weg.“ Und dann wollten wir eine Tasse Kaffee trinken. Mein Mann zog die Geldtasche raus und da war ein Tausenmarkschein drin. Den hatte er vergessen. Wenn der Mann das nun gesehen hätte, diese tausend Mark, wär’ für uns alles aus gewesen.“

Wochen später kommen sie in Chile an und nehmen von dort aus den Zug nach Bolivien, denn Bolivien ist das einzige Land, das ihnen die Einreise gewährt.

„Die Hauptsache war ja, dass wir draußen waren. Auf unsere Gefühle nahm kein Mensch Rücksicht.“

Ein befreundeter Gynäkologe vom Jüdischen Hospital in Berlin, der mit seiner Familie auch nach Bolivien ausgewandert war, macht Ilse und ihrem Mann den Vorschlag, gemeinsam nach Sucre zu gehen, da er dort eine Stellung antreten sollte. In Sucre schlagen sie sich durch, verkaufen „Wurst, Käse und so weiter“, alles, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen. Mit der Zeit lernen sie die Sprache und es geht besser und besser. Doch dann bekommt ihr Mann „eine sehr schwere Brustentzündung und wir hatten gar kein Geld, um Medikamente zu kaufen“. Ein jüdischer Apotheker, ein Wiener, hilft ihnen. „Wir konnten nicht viel machen, aber er ist durchgekommen.“ Dann beschließen sie, aufs Land zu gehen. Dort leben sie „fast wie im Urwald“ in einer jüdischen Siedlung. Auf die Frage, wie sie sich dort gefühlt hat, sagt sie lakonisch: „Darauf kam’s ja gar nicht an. Die Hauptsache war ja, dass wir draußen waren. Auf unsere Gefühle nahm kein Mensch Rücksicht.“ Alles sei ihr fremd gewesen, alles anders. Ihr Mann arbeitet in der Siedlung im Büro und sie arbeitet am Vormittag als Zahnärztin und assistiert am Nachmittag dem Arzt. Auch die Indigenen versorgen sie medizinisch. Jeden Tag, so erzählt sie, „standen die schon alle Schlange und wollten Medikamente haben. Die kamen immer mit Streichholzschachteln und da wurden ihnen dann ein paar Pillchen reingelegt.“

Das Leben in Bolivien ist zu fremd für Ilse Altmann. Die Toilette ist ein Loch unter freiem Himmel. „Es war nichts weiter drum herum als Bäume. Primitiv.“ Und dann sagt sie nicht ohne ein wenig Stolz: „Ich sag immer, ich bin richtig ausgewandert. Das war schon etwas Besonderes.“ Doch das Leben im Wald scheint dem jungen Paar ohne Perspektive. Sie wollen nach Argentinien. Bis an die Grenze gehen sie zu Fuß. Ilse ist im ersten Monat schwanger. Drei Tage und drei Nächte sind sie im Urwald unterwegs. Mit dem Zug geht es dann weiter nach Argentinien. „Wir hatten zwar Geld, hatten aber nicht gewagt, es umzuwechseln“, aus Angst, entdeckt zu werden. Drei weitere Tage reisen sie im Zug, ohne etwas zu essen oder zu trinken zu haben. „Wir sind bald verhungert“, erinnert sie sich, „und dann kam der Steward mit einem großen Tablett mit Kaffee und Brötchen drauf. Also, so habe ich in meinem Leben nicht gegessen.“ Ihre Augen strahlen.

„Aber sie haben uns genommen, und wir haben lange Zeit bei Ihnen gewohnt.“

Weil sie durch die lange Reise verwahrlost aussehen, müssen die Pensionsbesitzer in Buenos Aires erst einmal beraten, ob sie ein Zimmer an die jungen Deutschen vermieten wollen oder nicht. „Wir kamen ja aus dem Zug, vollkommen verdreckt und verhungert. Aber sie haben uns genommen und wir haben lange Zeit bei ihnen gewohnt.“ Doch mit der frisch geborenen Tochter ziehen sie in eine eigene Wohnung und richten sich in ihrer neuen Heimat ein. Hier fühlt sich Ilse Altmann nicht mehr fremd. Argentinien sei „ganz europäisch“, sagt sie. Als Zahnärztin arbeitet sie nicht mehr. Sie kümmert sich von nun an um die Tochter, während ihr Mann arbeitet. „Wir haben uns vollkommen eingelebt.“

Irgendwann stirbt ihr Mann. Und sie lebt allein. In Palermo, einem Stadtteil von Buenos Aires, hat sie bis heute eine Wohnung, der sie sehr nachtrauert, seitdem sie im Hogar Adolfo Hirsch wohnen muss, weil sie nicht mehr laufen kann. Dort lebt ihr Lebensgefährte, Oberholzer. Auch er ist deutscher Jude.

Ist sie nun Deutsche geblieben, nach allem, was sie erlebt hat? Sie sei in Deutschland gewesen, sagt sie, und das sei alles sehr nett gewesen. Sie kann nichts Negatives berichten. Auch darüber will sie nicht viele Worte machen. Deutschland ist Geschichte. Ist sie dann Argentinierin? Ilse Altmann sieht es so, wie sie ihr ganzes Leben sieht: Die Frage nach der Identität ist ihr nicht wichtig. Sie meint: „Ob Deutsche oder Argentinierin, das ist mir vollkommen egal.“

EDITH BRAUN

„Es war sehr hart. Aber wir waren in Freiheit.“

Edith Braun hat nur wenige Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Auswanderung. „Leider und Gott sei Dank“, sagt sie heute. Leider, weil sie die ganze Geschichte wahrscheinlich besser verstehen könnte, und Gott sei Dank, weil sie sich eigentlich gar nicht erinnern möchte. Sie sagt, es ist, als seien die Erinnerungen weggeschwommen. Sie ist sich sicher, dass das psychische Ursachen hat. Nur vereinzelte traurige Erinnerungen sind ihr geblieben. So zum Beispiel, dass ihre beste Freundin eines Tages nicht mehr mit ihr spielen durfte. Oder dass sie und ihr zwei Jahre älterer Bruder Hans in der Schule und auf dem Sportplatz sehr „belästigt“ wurden, wie sie es nennt. Was sich hinter diesem Wort verbirgt? Sie kann und will nicht ins Detail gehen. Es muss aber schlimm und andauernd gewesen sein, denn die Eltern beschließen vor allem deswegen, auszuwandern.

Heute weiß sie, dass es für ihre Eltern ein schwerer Abschied war.

Als Edith Rosa Ruth Marx kommt sie am 18. Februar 1926 in Landau in der Pfalz zur Welt. Als die Nazis an die Macht kommen, ist sie noch zu klein, um alles zu verstehen. Die Familie will raus aus Deutschland. Das bekommt sie mit. Ein Onkel, der schon seit 1926 in Argentinien lebt, schickt eine llamada. Auch die Großeltern fordert er an, doch sie wollen Deutschland nicht verlassen. „Wer wird uns was tun?“, haben sie damals gefragt, erinnert sich die 79-jährige Enkelin. Als die Großeltern später flehende Briefe schicken: „Bitte, bitte, holt uns raus!“, da muss der kleinen Edith der Ernst der Situation klar gewesen sein. Bis dahin war die Auswanderung und vor allem die Schiffsreise mit dem Schiff „Lamadrid“, mit dem sie im Dezember 1935 den Hamburger Hafen verlassen, für sie und ihren Bruder eine aventura, ein Abenteuer, wie sie sagt. Heute weiß sie, dass es für ihre Eltern ein schwerer Abschied war.

Auch der Start ins neue Leben ist für Familie Marx nicht leicht. Sie wohnen zunächst beim Onkel. Der verdient gut und unterstützt sie. Doch wollen sie nicht auf Dauer abhängig bleiben. Also fängt der Vater an zu arbeiten. Er versucht sich im Handel mit Kohle, Holz und Wein. Als er von seinem Partner betrogen wird, muss er ganz von vorne anfangen. Die Familie zieht in den Süden des Landes. Für Edith und ihren Bruder Hans heißt das, sie müssen ohne die Eltern nach Buenos Aires gehen, denn nur dort können sie etwas lernen und arbeiten. Für die damals 15-Jährige ist das ein harter Schritt. Sie geht zwar zusammen mit ihrem Bruder, aber von nun an ist sie ohne ihre geliebten Eltern. Sie erzählt, dass sie bis dahin immer ein sehr wildes und ausgelassenes Kind gewesen sei. Nun verschließt sie sich immer mehr.

Edith arbeitet im Kinderheim des Jüdischen Hilfsvereins, erst als Gehilfin und später als Kindergärtnerin. „15 Jahre damals ist nicht 15 Jahre heute“, sagt sie mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck. Auch für die Eltern sei es schwer gewesen, die Kinder gehen zu lassen. „Es war sehr hart, aber wir waren in Freiheit.“ Dass das wichtiger war als alles andere, ist ihr heute klarer denn je.

„15 Jahre damals ist nicht 15 Jahre heute.“

Ihre Großeltern haben sie nicht mehr nachholen können. Stattdessen werden sie in ein französisches Lager deportiert. Nur die Großmutter überlebt. Nach dem Krieg geht sie zu einer ihrer Töchter nach Palästina.

Das Leben geht weiter und auch Edith richtet sich ein. Ihre Eltern fehlen ihr, aber sie ist auch froh, dass sie Arbeit hat. Sechs Jahre bleibt sie als Kindergärtnerin dem Hilfsverein treu. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, kümmert sie sich nicht mehr um die Kleinen. Stattdessen verbringt sie als voluntaria jede Woche einen Tag „im besten Altenheim von ganz Buenos Aires“, wie sie sagt. Sie hat viel Freude an ihrer Arbeit. Und hier spricht sie vor allem Deutsch. Ihre Freundinnen sind deutsche Jüdinnen, sie heiratete einen deutschen Juden, doch Deutsche ist sie deshalb nicht. „Ich war zwar auch wieder in Deutschland und ich war begeistert, aber trotzdem. Hier ist mein Leben.“ Sie fühlt sich heute als Argentinierin. Ihr Verhältnis zu Deutschland ist trotzdem sehr gut, sagt sie. Ihre alte Heimatstadt besucht sie drei Mal und lernt sehr nette Menschen kennen, wie sie sagt. Sie trifft sich sogar mit ihren alten Klassenkameradinnen, doch: „Ich habe mich an niemanden erinnert. Nur meine damalige beste Freundin habe ich wiedererkannt. Es war sehr aufregend und sehr emotional“, erinnert sie sich an diese Begegnung.

Lange hat sie verdrängt. Heute freut sie sich über den Kontakt zu Landau, ihrer alten Heimat, und vielleicht kommen die Erinnerungen ja wieder. Nach und nach.

JUAN BREITBART

„Aber meine Mutter war klüger.“

„Meine Mutter hat mich zwei Mal geboren.“ Das sagt Juan Breitbart. Im Hogar Adolfo Hirsch spielt der 88-jährige Junggeselle entweder mit sich selbst Schach, liest oder pflegt die Blumen auf seinem Balkon und noch dazu die seiner Zimmernachbarin, denn sie hat nicht so viel Sinn für Pflanzen wie er. Kontakt zu den anderen Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern ist ihm nicht so wichtig. Er ist es gewöhnt, allein zu sein.

Das erste Mal wurde Juan am 25. September 1916 in Berlin-Charlottenburg geboren. Damals nannte man ihn Hans. Ein zweites Mal schenkte ihm seine Mutter das Leben, als sie alles daransetzte, ihren einzigen Sohn aus Deutschland herauszubekommen.

„Was es für eine Mutter bedeutet, den einzigen Sohn wegzuschicken, ohne zu wissen, wann sie ihn wiedersieht, das ist schon allerhand.“

Das zweite Leben des Juan Breitbart begann am 13. September 1938, wenige Tage vor seinem 22. Geburtstag, als er Berlin mit einem Kurszug des Orient-Express Richtung Sofia, Bulgarien verlässt. „Was es für eine Mutter bedeutet, den einzigen Sohn wegzuschicken, ohne zu wissen, wann sie ihn wiedersieht, das ist schon allerhand.“ Wie er sich dabei gefühlt hat, lässt sich nur erahnen. Über seine Gefühle redet er nicht. Aber er erzählt, dass er alles zurückließ, was ihm vertraut war: seine Eltern und seine Heimatstadt. „Doch ich lebte und das war das Wichtigste.“ So empfindet er auch heute noch. Und dass er es rechtzeitig aus Deutschland herausgeschafft hat, hat er ausschließlich seiner Mutter zu verdanken. Der Vater hat im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und ist für seine Tapferkeit ausgezeichnet worden. „Er wollte nie über Auswanderung sprechen, weil er dachte, keiner würde ihm was tun. Aber meine Mutter war klüger.“ Sie organisiert die Flucht ihres Sohnes über Bulgarien und Italien zunächst nach Paris. Wohlhabende Pariser Freunde kommen für die Kosten auf und besorgen ihm später ein Besuchsvisum für Uruguay. 1939 verlässt er Europa. Mit dem Schiff fährt er von Genua nach Montevideo, allein. Allein bleibt er auch die folgenden Jahre, denn er kann seine Eltern nicht zu sich holen. Sie schaffen dennoch die Flucht. Allerdings nach Schanghai. Im Laufe der Zeit kann sich der gelernte Kaufmann Breitbart gut in Montevideo einleben und nennt sich fortan Juan. Er lernt schnell Spanisch und arbeitet sich von Job zu Job. Die Bezahlung wird von Mal zu Mal ein bisschen besser. Und er mag sein neues Zuhause. „Hier habe ich die Freiheit kennengelernt, die es in Deutschland nicht mehr gab: Eines Tages ging ich ins Theater in eine Sonnabendnachmittagvorstellung. Man wusste, dass auch der Präsident mit seiner Familie dort ist. Er hat in einer Loge gesessen. Und nach der Vorstellung kam er die Treppe herunter und die Menschen haben vor ihm den Hut gezogen und dann hat auch er den Hut gezogen. Das war für mich etwas Unvorstellbares. So viel Demokratie!“

Erst 1951 sollte das Warten ein Ende haben.

Während Juan Breitbart sich langsam ein Leben aufbaut, stirbt sein Vater im Flüchtlingslager in Schanghai an einer Seuche. Auch seine Mutter muss von nun an allein auf das Ende des Krieges warten, „ohne Nachricht von mir zu haben. Erst nachdem der Krieg aus war, bekam ich durch das Rote Kreuz Verbindung zu ihr. Natürlich war die Freude groß!“ 1941 war Juan Breitbart nach Argentinien gegangen. Auf ganz normale und reguläre Weise, wie er sagt. Aber erst 1946 kann er seine Mutter "anfordern", wie es heißt. Er kann ihr eine llamada, den Ruf nach Argentinien, schicken. „Aber leider kam dann etwas dazwischen, als sie auf dem Weg von Schanghai nach Argentinien in San Francisco war, denn dort war der nächste argentinische Konsul. Ich bekam ein Schreiben von der Einwanderungsbehörde, dass die llamada meiner Mutter widerrufen sei.“ Der damalige Einwanderungsdirektor, so Juan Breitbart, sei Antisemit gewesen. Und so bleibt seine Mutter fünf weitere Jahre in den USA. Erst 1951 sollte das Warten ein Ende haben. „Da hatten wir uns 13 Jahre nicht gesehen. Und diese Zeit hat sich mir eingegraben. Das können Sie mir glauben.“ Zwölf weitere Jahre leben Sohn und Mutter zusammen, bevor sie stirbt.

Nazideutschland hat Juan Breitbart, den Junggesellen, beraubt. Seine Familie und sein Familienleben hat er durch die Nazidiktatur verloren. „Vielleicht hätte ich ansonsten geheiratet und hätte heute eine eigene Familie.“

LORE BRIEGER

„Bueno, jetzt lacht man darüber, aber es war wirklich ein Drama.“

„Deutsch?“, fragt sie und überlegt kurz. „Ich bin gar nicht deutsch. Ich bin Argentinierin.“ Trotz klingt in ihrer Stimme mit. Aber sie lacht auch und sieht dabei sehr glücklich aus. Dann sagt sie: „Ich spreche deutsch.“ Während sie die Frage nach ihrer nationalen Identität hin und her wiegt, mischt sich ihre Freundin Edith Braun ein. Auch Rut Marx sitzt in der Runde. Alle drei sind seit Langem Freundinnen und voluntarias im Hogar Adolfo Hirsch. Edith Braun sagt: „Aber von der Art her sind wir keine Argentinier. Da sind wir immer noch Deutsche.“ Lore Brieger stimmt zu und ergänzt: „Guck mal, Deutschland als solches hat mir nichts gegeben, aber wenn ich deutsche Musik höre, es muss nicht nur Klassik sein, auch deutsche Volksmusik oder Operetten, das geht mir noch nah, ganz komisch. Das gibt mir noch was.“ Dabei hatte die deutsche Musik nur wenig Zeit, sie zu prägen, denn als sie das Land verlassen muss, ist sie gerade erst 13 Jahre alt.

„Aber von der Art her sind wir keine Argentinier. Da sind wir noch immer Deutsche.“

Als Lore Salmons kommt sie am 13. November 1927 in Neersen am Niederrhein zur Welt. Als Fünfjährige muss sie den Tod ihrer Mutter verkraften. Fast zur gleichen Zeit kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Lore ist noch zu jung um zu verstehen, was das für ihr Leben bedeutet. Drei Jahre später heiratet der Vater ein zweites Mal und 1937 bekommt Lore eine kleine Schwester. Kurze Zeit später muss sie die Volksschule verlassen, weil sie Jüdin ist. Fortan besucht sie die jüdische Integralschule in Mönchengladbach. Lore Brieger sagt, sie könne sich nicht an Repressalien oder Antisemitismus erinnern. Doch was für sie als Kind zur Normalität gehört, drängt die Eltern zum Handeln, denn ihr Vater, ein Viehhändler, sieht keine Zukunft in Deutschland. Mit der Jewish Colonisation Association (ICA) wandert er 1938 nach Argentinien aus. Eine Zeit voller Ungewissheit liegt nun auch vor seiner großen Tochter Lore. Nachdem sie zwei Monate allein bei einer Tante gewohnt hat, folgt sie Stiefmutter und Schwester zu den Großeltern nach Eisleben. „Mein Großvater war Lehrer und Kantor für die kleine jüdische Gemeinde“, sagt sie und erzählt, wie sie am 9. November mit ihrer kleinen Schwester von einem Spaziergang zurückkommt und „auf der Straße ganz schrecklich viele Menschen“ sieht. Sie habe gedacht, es sei Luthers Geburtstag, erzählt sie. Doch dann sieht sie, dass die Nazihorden die Synagoge, die über der Wohnung der Großeltern liegt, kurz und klein geschlagen haben. Sie erlebt, wie die Männer zurückkommen, um auch die Wohnung der Großeltern zu plündern. Sie erinnert sich, dass sie und ihre Schwester geweint haben und dass die Mutter die Plünderer bittet, sie mit den Mädchen aus dem Haus zu lassen. Einer der Männer habe wohl ein Herz gehabt, glaubt sie, „der hat gesagt: ‚Bleiben Sie hier. Wir werden Ihnen nichts tun.‘ Es ist wirklich wahr“, sagt sie. Das Haus ihrer Großeltern sei das einzige jüdische Haus in Eisleben gewesen, das verschont geblieben ist. Doch das ist nur ein kleiner Trost. Lores Großvater