Ein Tor zum Meer - Khaled Alesmael - E-Book

Ein Tor zum Meer E-Book

Khaled Alesmael

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Beschreibung

Es beginnt mit einem Geständnis. Dem aus Syrien nach Schweden geflüchteten Journalisten und Autor Khaled Alesmael wird ein anonymer Brief zugespielt. Das Schreiben ist auf Arabisch verfasst und stammt von einem schwulen Mann aus Damaskus. Er erzählt von einem Vorfall in Syrien: einem Autounfall, der auf tragische Weise mit der Homosexualität des Absenders zusammenhängt – und der mit einem Todesfall endet. Für Alesmael ist der Bericht wie ein Weckruf. Er nimmt ihn zum Anlass, die Schicksale schwuler Männer aus der arabischen Welt, die ihm im Laufe der Jahre erzählt wurden, zu sammeln, aufzuarbeiten und mit der Welt zu teilen – und damit denjenigen eine Stimme zu geben, die sonst keine haben. Nachdem Khaled Alesmael im Roman Selamlik seine eigenen Fluchterfahrungen verarbeitete, lässt er in dieser Geschichtensammlung zehn queere Menschen zu Wort kommen, die Ähnliches erlebt haben wie er selbst. Basierend auf Gesprächen und Korrespondenzen mit Geflüchteten aus verschiedenen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens erzählt er von Biografien, die die physische und psychische Gewalt verdeutlichen, denen schwule Männer im arabischen Raum ausgesetzt sind. Die Protagonisten erzählen von Scheinehen, sexuellem Missbrauch, Polizeigewalt und Tötungen in ihren Heimatländern, aber auch vom Ringen um eine neue Identität im Exil. Der multi-perspektivische Ansatz setzt sich in unterschiedlichen Textformen fort. Neben Prosa-Passagen bindet Alesmael Chat-Verläufe, Briefe und klassische Interview-Sequenzen in die Geschichten ein. Die Motivation des Projekts erklärt er im Epilog in Anlehnung an Martin Luther King so: »Die Homosexuellen an einem Ort sind verantwortlich für die Befreiung der Homosexuellen an jedem anderen.«

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2022

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EIN TOR ZUM MEER

KHALED ALESMAEL

EIN TOR ZUM MEER

Briefe von arabischen Homosexuellen

Aus dem Arabischen von Christine Battermann

1. Auflage

© 2022 Albino Verlag

Salzgeber Buchverlage GmbH

Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin

[email protected]

Aus dem Arabischen von Christine Battermann

Umschlaggestaltung und Satz: Robert Schulze

Umschlagabbildung: Munir Abdallah (munirabdallah.com)

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-344-9

Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:

www.albino-verlag.de

INHALT

Baradas Briefe

Abduls Bekenntnisse

Sphinx

Briefe von Semiramis an Tariq

Fadi

Saif

Othello

Safadi

Matar

Eine Stofftasche mit dem Aufdruck Damaskus

Epilog

BARADAS BRIEFE

Ein weißer Umschlag schob sich durch den Briefschlitz meiner Wohnungstür, trudelte durch die Luft, berührte nach kurzem Senkrechtfall mit einem Ende den Boden, hüpfte wieder hoch und schloss noch einen kurzen Salto an, bevor er endgültig liegen blieb.

Er kam mir vor wie eine Jasminblüte auf dem Gehsteig.

Wie gebannt hatte ich, nackt bis auf meine Socken, vis-à-vis der Tür auf dem Sofa gesessen. In meiner Tasse war noch ein Schluck kalter Kaffee. Sollte ich aufstehen und mir eine neue Kanne machen? Lieber behielt ich den Briefschlitz im Auge, vielleicht kam ja ein Brief herein. Und tatsächlich, ich wurde nicht enttäuscht.

Ich rannte sofort hin, hob ihn auf, setzte mich, den Rücken an die Tür gelehnt, damit auf den Boden und suchte auf der Rückseite nach dem Absender. Aber außer meiner vollständigen Göteborger Adresse, handschriftlich in blauer Tinte, stand nichts auf dem Umschlag. Die Marke verwies auf Deutschland. Der Brief fühlte sich ein wenig hart an, als enthielte er eine Postkarte. Ich brauchte ihn nicht aufzuschlitzen, er ging schon von alleine auf, der Absender hatte die Gummierung nur flüchtig angeleckt. Als ich ihn mit der Öffnung nach unten hielt, fiel mein Porträt heraus, ein postkartengroßer Computerausdruck in Schwarzweiß. Genau das Foto, das ich für die Umschlagklappe meines Romans Selamlik ausgesucht hatte. Daran festgetackert war die herausgerissene Seite eines Schreibhefts, die in arabischer Sprache mit derselben blauen Tinte beschrieben war.

Ich seufzte enttäuscht. Nach einem offiziellen Schreiben der Einwanderungsbehörde sah das ja nicht aus. Offenbar hatte man über meinen Einbürgerungsantrag, den ich vor vier Monaten eingereicht hatte, noch nicht entschieden. Ich zog meine Socken aus, ließ sie neben dem Umschlag auf dem Boden liegen und nahm Brief und Bild mit zum Sofa. Das Foto legte ich neben meine Kaffeetasse und faltete den Brief auseinander.

Lieber Khaled,

ich wusste nicht, ob ich dir eine E-Mail von einem Fake-Konto schicken sollte oder einen handschriftlichen Brief in einem richtigen Umschlag.

Wie du siehst, habe ich mich für die zweite Option entschieden. Ich fragte mich auch, was für eine Marke ich daraufkleben sollte. Also brachte ich den Brief zur Post und fragte die Angestellten ganz naiv, ob sie eine Marke aus Damaskus hätten. Allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass einer von ihnen den Witz kapierte. Sie lächelten mich nur an und baten mich in aller Freundlichkeit zu gehen. Verzeih mir also, wenn man der Briefmarke nicht ansieht, woher der Absender kommt.

Ich schreibe dir nicht, Khaled, um angesichts des einsamen Daseins, das wir beide fristen, meine Trauer und Hoffnung mit dir zu teilen. Und auch nicht, weil ich wie du nächtelang durch den tobenden Krieg gerannt bin und wir nun Seite an Seite in einem fremden Land im Grabe liegen. Der Grund, warum ich dir heute schreibe, ist, dass du dich nicht gefürchtet hast, Grenzen zu überschreiten. Damit meine ich nicht geografische Grenzen, sondern deine eigenen. Ich schreibe dir, weil ich es leid bin, der eisigen Finsternis, meinen Erinnerungen und den einstürzenden Bergwerken der Jahre weiterhin hilflos ausgesetzt zu sein. Ich schreibe dir, weil ich mich aus den Trümmern erheben will.

Keine Angst, dies wird kein Liebesbrief. Es ist ein Dankesbrief. Ich danke dir!

Danke, dass du, ohne mich zu kennen, einen Teil meiner Lebensgeschichte aufgeschrieben hast! Danke, dass du die Worte aufs Papier gebracht hast, die in meinem tiefsten Innern verschlossen liegen! Danke dafür, dass du Selamlik verfasst hast, das erste Buch, das ich nach meinem Studienabschluss gelesen habe! Übrigens habe ich, auch wenn die geheime Seite meines Lebens in Selamlik bereits enthalten ist, meine Geschichte noch ergänzt und den Protagonisten Barada genannt, nach dem Fluss, der durch Damaskus fließt. Welch eine Ironie des Schicksals, dass ich mir, um ein Buch zu lesen, das von mir handelt, erst die Mühe machen musste, eine neue Sprache zu lernen! Um meine eigene Lebensgeschichte lesen und verstehen zu können, musste ich erst einmal regelmäßig in die deutsche Sprachschule gehen. Ich verpasste keine einzige Stunde und nahm zusätzlich noch Google und meine Lehrerin zu Hilfe, um mir klarzumachen, wer ich bin. Auch du hast ja deinen Roman über die Homosexualität in Syrien in einer Sprache veröffentlicht, die du im Exil gelernt hast … Hast du in der Fremdsprache besser erkannt, wer du bist?

Als ich Selamlik las, schüttelte ich Stürme und Regenschauer von mir ab und hüllte mich stattdessen in Sonnenschein. Und mit der Zeit wollte ich den Himmel aus der Nähe sehen und lernen, aus eigener Kraft zu fliegen. Durch die Dinge, die in Selamlik erzählt werden, erschien mir mein Leben in Damaskus plötzlich wie das eines Menschen, der mit der Nase direkt vor dem Spiegel steht und deshalb nur seinen kondensierten Atem sieht. Selamlik aber packte mich am Kragen und zog mich vom Spiegel weg, sodass ich mein ganzes Ich sehen konnte: Körper, Geist und Seele.

Ich weiß nicht, warum, aber in der Nacht, in der ich beschloss, dir diesen Brief zu schreiben, habe ich von meinem Vater geträumt. Wir liefen durch eine menschenleere Straße, jeder auf einer Seite. Ich war vollkommen nackt, und mein Vater trug eine dicke, weit fallende schwarze Jacke. Als ich zu ihm hinwollte, stürzte ich in pechschwarze Finsternis. Erschrocken wachte ich auf. Ich war schweißgebadet, als hätte ich in den Taschen und Ärmeln seiner Jacke geschlafen.

Ich kam im selben Jahr in Deutschland an, in dem auch du nach Europa kamst, Khaled, aber ich bin in der Fremde noch immer nicht heimisch geworden. Zugleich will ich nicht in mein Land zurück. Nachdem ich schon meine Heimat verloren habe, möchte ich nicht auch noch meine Freiheit verlieren. Im Exil bin ich zu einer tränenschweren Wolke geworden, die es nicht wagt, auf einen Boden zu weinen, der nicht einmal bemerkt, dass sie existiert.

Ich möchte, dass du über mich schreibst. Wenn ich dir noch mehr Briefe schicken soll, mach das Foto, das ich dir ausgedruckt und zugeschickt habe, zu deinem Profilbild auf Facebook! Das ist dann das Zeichen für mich, dass du meinen Brief bekommen hast und noch mehr von mir lesen möchtest. Ich weiß, es ist nicht gerecht, wenn du Briefe bekommst, auf die du nicht antworten kannst. Aber vertrau mir, ich werde jedes Wort, das du in diesem Brief gelesen hast, erläutern. In Selamlik hießt du Furat, nach dem arabischen Wort für Euphrat, und ich werde in meiner Geschichte nach dem Fluss heißen, der in Damaskus entspringt und es durchfließt: Barada. Vielleicht wird dann auch einer der Damaszener in Deutschland meine Geschichte lesen und durch sie erfahren, dass der Fluss Barada in seinem Volk als Fremder lebte und sein Bett ihm jeden Tag enger wurde, bis er schließlich floh.

Barada

Ich faltete den Brief nicht wieder zusammen, sondern legte ihn auf das Porträt von mir, das Barada mir geschickt hatte. Zufälligerweise bedeckte das Blatt jedoch nicht meine Augen, die mich weiter fragend anstarrten.

Obwohl die Sonne schien, herrschte draußen schneidende Kälte. Sie ließ die Luft knistern und alle Vibes noch erregender werden. In dem kleinen Café Doppio bestellte ich einen Take-away-Kaffee mit Milch und legte meine bloßen Handflächen um den Becher, um ein bisschen Wärme zu tanken. Handschuhe kann ich nicht ertragen (die Vorstellung, meinen Tastsinn zu verlieren, macht mir Angst).

Ich warf einen Blick auf mein Handy-Display: ein Uhr mittags, ein Freitag im Oktober 2021. Trotz der Kälte schlenderte ich noch ein wenig umher und ließ mich von meinen Füßen zum Fähranleger Stenpiren tragen, wo ich mich neben meinen Kaffeebecher auf eine Holzbank in die Sonne setzte.

Die kostenfreie Fähre lief ein, ich erkannte sie an der grünen Flagge. Sie würde mich an das gegenüberliegende Ufer und danach wieder zurückbringen, bis dahin hätte ich meinen bereits abgekühlten Kaffee ausgetrunken. Erneut zog ich mein Handy aus der Tasche. Die Kälte hatte den Akku plattgemacht, das Display war erloschen. Mir blieb nichts weiter übrig, als nach Hause zurückzukehren, mein Handy aufzuladen, mir einen neuen Kaffee zu machen und mein Facebook-Profilbild auszuwechseln.

Lieber Khaled,

danke für das Zeichen, danke dafür, dass du den Weg frei gemacht hast! Ich bin ein kleiner, furchtsamer Fluss, nicht tief genug, dass man in mir schwimmen könnte, und meine Strömung ist so wild wie das Flattern eines erschrockenen Herzens. Nie hätte ich mich getraut, Damaskus zu verlassen, um wie andere Flüsse ins Meer zu fließen. Mein Vater hat mir alle religiösen Bräuche beigebracht, aber nicht das Schwimmen. Ich entschied mich also zu bleiben, wo ich geboren war. Aber alles hat seine Zeit, das gilt auch für Flüsse. Als Soldatenstiefel über mein Herz trampelten und gemeine Typen mir in den Mund spuckten, änderte ich meinen Lauf, brach meine Beziehung zu der Quelle ab, die mir meinen Namen verliehen hatte, und ging. Ging fort wie eine barfüßige Witwe, die nach dem Tod ihres geliebten Mannes den Verstand verloren hat und deren Tränen mit der Zeit versiegen, rannte über fremde Erde und musste das Salz des Meeres schlucken. Im Spiegel sehe ich aus wie ein Dreißigjähriger, aber mein Gedächtnis ist so alt wie das eines Flusses, in dessen Wasser sich die Gesichter der Einwohner, die Vögel und der Himmel über der Stadt gespiegelt haben. Nie werde ich die Beziehung zu den Wolken an diesem Himmel vergessen, wie wir miteinander flirteten und uns liebten, bis sie ihren warmen Segen in mich ergossen.

Wie genau ich nach Europa gekommen bin, werde ich nicht näher beschreiben, es kam dem, was man in den Nachrichten sieht, sehr nah. Auch von meiner Vergangenheit werde ich vieles nicht ansprechen, etwa den gutaussehenden Mann im Studentenwohnheim, dessen Herz ich geflutet habe, oder wie bärtige Männer sich in den Kabinen der alten Damaszener Hammams an meinem Körper erfreuten, der so frisch und saftig war wie eine Traube. Auch davon, wie ich mich im Sommer im vollen Bus an die Männer geschmiegt habe und ihnen die ganze Fahrt lang erlaubte, ihr erigiertes Glied an meinen Hintern zu pressen, möchte ich lieber schweigen. Nur eins werde ich erzählen, und zwar, wie der Mann meiner Schwester meinen Körper in eine Einzelzelle geworfen und dort zu Tode gequält hat. Und von meiner Seele, die heute zwischen lauter Fremden schwebt und weder auf Erden noch im Himmel eine Ruhestätte findet.

Ich wurde in eine religiöse Familie hineingeboren, in der alles und jedes mit religiösen Bräuchen verknüpft war, sogar die Schlafposition im Bett. Vor dem Schlafengehen sprachen wir ein spezielles Gebet, und wenn wir erwachten, dankten wir Gott dafür, dass er uns wieder zum Leben erweckt hatte, nachdem er uns hatte sterben lassen. Ins Badezimmer gingen wir nur mit dem linken Fuß zuerst und heraus mit dem rechten. Wir glaubten, dass der Mensch schwach ist gegenüber seinen Gelüsten und der Teufel nah – so nah, dass wir mehr als einmal pro Stunde bei Gott «Zuflucht vor dem verfluchten Teufel» suchten. Traf uns ein Unglück, ergaben wir uns darein und dankten Gott, denn ein Unglück war eine göttliche Prüfung, der nur die Gläubigen unterzogen wurden. So war es bei uns zu Hause üblich, das war unser Lebensstil, und zwar nicht etwa, weil meine Mutter an der Universität Damaskus Islamisches Recht studiert hatte, sondern wegen meines Vaters, der wollte, dass wir in einem gottgefälligen Umfeld groß wurden. Mein Vater tut mir so leid!

Ich bin der einzige Sohn und habe eine einzige Schwester, die im Gegensatz zu mir sehr dünn ist. Ihren Namen werde ich für die Geschichte nicht ändern und sie erst recht nicht nach einem Fluss benennen, denn sie mochte Verstellung noch nie, und sie hasst Wasser. Meine Schwester heiratete an meinem fünfzehnten Geburtstag und zog damit am selben Abend ins Haus ihres Ehemanns, an dem ich in mein sechzehntes Lebensjahr einzog. Als ich sie am nächsten Tag in ihrem eigenen Haushalt besuchte, fand ich dort meinen Geliebten. Halbnackt lag er auf dem Bett, auf der weißen Tagesdecke aus Satin, die meine Mutter als Hochzeitsgeschenk genäht und mit einer Spitzenbordüre eingefasst hatte.

Meine Schwester drückte die Schlafzimmertür ins Schloss, aber der Anblick der kräftigen, geraden Schultern, der breiten, haarlosen goldenen Brust, der braunen Brustwarzen und der muskulösen Unterarme ihres Mannes hatte sich mir schon tief eingeprägt. Ich schloss die Augen und schluckte langsam, wie um den Geschmack eines fetten, appetitlichen Bissens im Gedächtnis abzuspeichern. Nie zuvor hatte ich einen fremden Mann mit nacktem Oberkörper auf dem Bett liegen sehen, noch dazu einen so virilen. Mein Vater zog nicht einmal seine dicken Socken aus, obwohl Männer gemäß der Scharia ihre Unterschenkel bis zum Knie entblößen dürfen und nur die Oberschenkel bedeckt halten müssen.

Ich reichte meiner Schwester die Schüssel voll mit Lammfleisch gefüllter Kibbeh, die meine Mutter für die beiden mit Granatapfelsirup angerichtet hatte, die Schüssel Fattusch und die Tüten mit Obst. Dann sagte ich, ich müsste zur Toilette, und flitzte los. Erstmals im Leben betrat ich ein Bad mit dem rechten Fuß zuerst und vergaß auch noch, die Gebetsformel, «Bewahre mich vor der Bosheit und den Bösen!», zu sprechen. Und der Teufel lauerte schon auf mich! Von meiner Lust überwältigt, zog ich mich, so schnell es ging, komplett aus, als wäre ich gerade einem Feuer entkommen und müsste mir die brennenden Kleider vom Leib reißen. Ich presste meinen nackten Körper an die weißgekachelte Wand und empfing sie wie Feuer den Schnee. Als ich mir vorstellte, meine Wange ruhe auf der Brust meines Schwagers, hörte mein Blut auf zu kochen, und die warme Lust ergoss sich über meine weichen, kompakten Schenkel. Ich schlug meinen Kopf gegen die Wand, starb aber nicht, versuchte es noch einmal – nein. Der Teufel hatte mich in seine Gewalt gebracht wie Adam und Eva. Ich war erst fünfzehn und schon aus dem Paradies vertrieben. Was für ein bitteres Leben, welch schwarze Tage! Da onanierte ich im Badezimmer meiner Schwester und erlaubte der Flüssigkeit der verbotenen Lust, über meinen Schenkel zu rinnen.

Ich fand meine Schwester allein auf dem Sofa, den Blick auf die gebratenen Kibbeh-Bällchen in der schiffförmigen Schüssel gerichtet, die Fattusch-Schüssel neben sich abgestellt. Die Salatstücke glitzerten von Olivenöl. Dies war bei uns das traditionelle Mittagessen einer Braut. Am ersten Tag des Ehelebens hat die Brautmutter sie und den Bräutigam zu bekochen. Meine Mutter war an jenem heißen Sommertag extra früh aufgestanden, damit wir in der Schlange beim Metzger die Ersten wären. Tatsächlich konnte sie eine fette Hammelkeule ergattern und bat den Metzger, sie in seiner Wundermaschine zu zerkleinern. Ich sah zu, wie sie in der einen Öffnung der Maschine verschwand und aus der anderen in Form einer Art Paste wieder herauskam, bis sich die dicke Keule in einen Fleischball von der Größe einer Wassermelone verwandelt hatte, die der Metzger uns anschließend in einer Papiertüte über die Theke reichte. Meine Mutter ermahnte mich, sie vorsichtig nach Hause zu tragen. Sie selbst musste noch zum Gemüsehändler, um das beste Obst und Gemüse auszusuchen. Als ich mich auf den Weg machen wollte, schärfte sie mir erneut ein, gut auf die Tüte achtzugeben, schließlich sei das schlachtfrische Fleisch für den Bräutigam bestimmt. Ich nahm die Tüte in den Arm und drückte sie an mich. Der Inhalt war sehr warm und richtig frisch, genau wie mein Schwager sein Fleisch mochte: frisch und halal.

Nun kam er in einem weißen Gewand aus dem Schlafzimmer und setzte sich neben meine Schwester. So hatte ich ihn noch nie gesehen, mir war gar nicht klar gewesen, wie gutaussehend sein bärtiges Gesicht war. Meine Schwester wirkte neben ihm ganz klein und dünn. Ich bemerkte, dass er einen gewaltigen Körper hatte, dazu den Kopf eines bärtigen Stiers und Hinterbacken wie ein Pferd. Er bat meine Schwester, uns Datteln zu bringen, und sie eilte in die Küche. Währenddessen hielt ich den Blick fest auf den persischen Teppich gerichtet. Er war feuerrot und mit goldenen Kreisen übersät, die kleinen Blümchen den Hals zuschnürten. Ich presste meine dicken Schenkel zusammen, streckte die Füße zur Seite und rieb sie über den dichten Teppichflor. «Sitz ordentlich, Junge!», fuhr mir die Stimme meines Schwagers in die Glieder.

Meine Beine waren wie gelähmt, sie klebten, von einer magnetischen Kraft zusammengehalten, noch fester aneinander. Als meine Schwester mit einem Teller Datteln zurückkam, entspannte sich mein Körper jedoch ein wenig, ich konnte meine Beine wieder bewegen und grinste sie angestrengt an. «Iss eine Dattel!», sagte mein Schwager zu mir, mit derselben tiefen Stimme wie vorhin, diesmal aber freundlicher. Ich nahm mir eine Dattel vom Teller und riskierte es, zu ihm hinzusehen, wie er auf dem Sofa saß, stolz und selbstbewusst zurückgelehnt, die Schenkel gespreizt wie zwei breite, kräftige Baumstämme. Unter seinem Gewand sahen seine hellbraunen Füße hervor, ich konnte kaum den Blick wenden von seinen dicken Zehen mit den gleichmäßig geschnittenen Nägeln. Zu seinem Gesicht und seinen Augen aufzusehen wagte ich nicht. Der höchste Punkt von ihm, der noch in meinem Blickfeld lag, war die Spitze seines dichten Bartes, der im Ausschnitt des weißen Gewands auf seiner Brust lag. Gleich nachdem ich die Dattel gegessen hatte, verließ ich die beiden. So hatte meine Mutter es mir aufgetragen. Sie würden mir einen Teller Datteln anbieten, hatte sie gesagt, ich solle aber nur eine davon essen und dann gehen. Ein Besuch bei Brautleuten dürfe nicht länger als fünfzehn Minuten dauern. Ich trollte mich also zur Tür und floh.

Barada

Nicht zum ersten Mal beendete Barada einen Brief mit dem Wort »floh». Es ließ mein Herz vor Angst und Verunsicherung vibrieren. Ich fürchtete, Barada könne sich mir wieder entziehen und plötzlich aufhören, mir zu schreiben. Seine Adresse kannte ich nicht, und ich wollte auch nicht danach forschen, deshalb war es mir nicht möglich, ihm zu antworten. Ich hatte weder die Energie noch die Geduld für dieses Spiel mit Briefen und Nachrichten. Ohnehin fuhr ich jedes Mal zusammen, wenn ich ein Blatt Papier durch den Türschlitz fallen hörte. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, hob ich die hinter der Tür liegenden Briefe mit einer solchen Hast auf, als würde ich auf der Straße herumliegende Geldscheine einsammeln. Ich durchsuchte sie nach dem sehnlichst erwarteten Schreiben, von dem mein weiteres Schicksal abhing. Inzwischen suchte ich jedoch genauso begierig nach einem dieser faszinierenden Briefe von Barada. Wenn ich keinen fand, machte ich sofort kehrt und ging wieder nach draußen – irgendwohin; genauso enttäuscht, wie ich früher gewesen war, wenn ich bei meiner Oma in Alt-Damaskus an die Tür geklopft hatte und sie nicht zu Hause war. Draußen war es vorzeitig dunkel geworden, dazu noch kälter, und mein Kontostand reichte nur noch für ein Fika im Espresso House. Ein letzter Besuch im Café oder lieber eine Packung Kaffeebohnen? Das war nun die Frage.

Lieber Khaled,

ich werde deine Zeit mit diesem Brief nicht lange in Anspruch nehmen. Ich schreibe dir nämlich aus einem Café, und in der Öffentlichkeit kann ich nicht gut schreiben, weil ich gewohnt bin, das im Schrank zu tun. Ja, im Schrank. Das ist nicht etwa eine Metapher dafür, dass ich mich vor der Gesellschaft nicht zu meiner sexuellen Identität bekannt habe, sondern ich habe dir die letzten Briefe wortwörtlich aus dem Schrank geschrieben, in dem ich bis heute wohnte. Wo ich morgen wohnen werde, weiß ich allerdings nicht.

Als ich meine Aufenthaltsgenehmigung erhielt, habe ich die Flüchtlingsunterkunft sofort verlassen. Sonst hätte ich dort noch lange ausharren müssen und von den gefängnisartigen Gittern Beklemmungen bekommen. Ich rief bei einem jungen Mann an, der mir, bevor er die Unterkunft verließ, seine Telefonnummer auf einen Zettel geschrieben und mich gedrängt hatte, ihn anzurufen, wenn ich eine Bleibe brauchte. Ich zögerte nicht, ihn zu kontaktieren, denn außer ihm kannte ich niemanden in diesem Land. Und tatsächlich erklärte er mir, im Zentrum von Berlin warte ein Zimmer auf mich, einen Job könne ich auch finden, und die Stadt sei sehr, sehr schön. Warum musste ich jemandem glauben, den ich gar nicht kannte? Die Wohnung lag gar nicht im Berliner Zentrum, sondern mehr als 85 Kilometer außerhalb. Und das Zimmer war auch kein richtiges Zimmer, sondern ein Kleiderschrank von der Größe eines Grabes. Wenn ich hineinging, fühlte ich mich immer wie eine Kakerlake, die jederzeit zertrampelt werden kann. Ein Zimmer sollte vier Wände haben, aber wo ich schlafe, gibt es nur einen Vorhang als Tür und hohe Holztüren als Wände, es sieht aus wie ein Sarg und riecht nach alten Schuhen. Jede Nacht fürchte ich, die Decke könnte sich auf mich niedersenken, bis sie meine Nasenspitze berührt. Und für dieses Gefühl zu ersticken bezahle ich jeden Monat 400 Euro. Denn Ersticken ist hier leichter, als auf der Straße zu leben.

Aber selbst dieses Grab gehört nicht mir, Khaled, ich habe keinen Vertrag, der mir garantiert, dass ich bleiben darf. Aus einem mir unbekannten Grund hat der Eigentümer der Wohnung mich nun aufgefordert, sie innerhalb von vierzehn Tagen zu verlassen. Heute ist der letzte Tag, und ich habe noch keine Alternative gefunden. Alle Türen wurden mir vor der Nase zugeschlagen. Ich schreibe dir nun, um dir mitzuteilen, dass die Briefe vielleicht eine Weile ausbleiben werden. Wenn ich mich mit dem Schreiben verspäte, bedeutet das aber nicht, dass ich geflohen wäre.

Barada

Was Barada nicht wusste, war, dass ich in meiner Unterkunft mit einer ähnlichen Situation konfrontiert war und dass seine Briefe mich innerhalb der Frist erreicht hatten, die mir die Wohnungseigentümerin gestellt hatte, um auszuziehen. «Drei Monate, geben Sie mir drei Monate, dann suche ich mir eine andere Wohnung!», hatte ich ihr versprochen, als sie mich in aller Freundlichkeit zum Ausziehen aufgefordert hatte. Aber weder Barada noch ich wussten, wohin wir sollten. Nachdem ich seinen letzten Brief gelesen hatte, drängten sich die Geschichten in meinem Kopf, und die Fragen verfingen sich ineinander: Wer wartete nun auf einen Brief? Und wer sollte ihn schreiben? Wer suchte eine Wohnung, und wo sollte ich wohnen? Wo sollten wir wohnen? Wer waren wir, und was geschah hier überhaupt? Alles, woran ich im Moment dachte, war zu rennen – aus meinem Zimmer, aus der Wohnung, aus dem Haus, aus der Welt zu rennen.

Und immer landete ich am Ende in einem Café, fand in einer Ecke einen Tisch mit einer brennenden Kerze und einer nie zur Neige gehenden Tasse Kaffee und ließ mich dort nieder.

Lieber Khaled,

hier schlage ich jetzt das Heft der Nacht auf und fange noch einmal von vorne an. Freiwillig stürze ich mich in die Dunkelheit meiner Geschichte und schreibe dir, in der Hoffnung, mich an einer geeigneten Zeile festklammern zu können und mich so vor dem Fall zu bewahren. Ich habe in einem Schrank gelebt, und jetzt lebe ich auf einem Sofa. Die Dimensionen haben sich nicht sehr stark verändert, aber die gute Nachricht ist, dass das Sofa weder Wände noch eine Decke hat. Und es gibt ein Fenster, das ich mir ausleihe, wenn der Wohnungseigentümer schläft. Lange habe ich geglaubt, meine Albträume rührten daher, dass es in meiner früheren Unterkunft so eng war. Doch offenbar gehören Albträume zu meinen Nächten dazu, egal wo ich schlafe.

Gestern Nacht hatte ich wieder diesen Traum von meinem Schwager, zum tausendundersten Mal nach dem Unfall. Er stand vor einem riesigen belaubten Baum und hob sein Gewand hoch, um seine strammen braunen Beine zu zeigen, sein dickes, aufgerichtetes Glied herauszuholen und Blut an den Baumstamm zu pinkeln. Dickes dunkelrotes Blut pinkelte er. Es schwappte ihm erst über die Füße, dann über die Waden, und schließlich stand es ihm bis zu den Knien. Bevor es seine Oberschenkel erreichte, wachte ich auf, mit einem salzigen Blutgeschmack auf der Zunge – und fragte mich: Habe tatsächlich ich ihn umgebracht?

Ach, dieser Mann! Seit ich ihn halbnackt auf dem Bett hatte liegen sehen, ging er mir nicht einen Augenblick aus dem Kopf. Seine Brust war Eintrittskarte und Eigentumsurkunde für meinen Körper. Seit seiner Heirat mit meiner Schwester waren nicht mehr als drei Monate vergangen, als es passierte. Der dünne Körper meiner Schwester konnte seine riesigen Gelüste nicht befriedigen. Und er selbst konnte seinen Appetit auf meinen dicklichen Körper und meine frischen, feisten warmen Schenkel – genau, wie er sein Fleisch mochte – nicht zügeln. Angesichts meines glatten Jünglingsgesichts und meiner Wangen, die jedes Mal, wenn ich ihn traf, vor Scheu und Verlangen rot wurden, hatte er einfach nicht die Kraft, seine Geilheit im Zaum zu halten.

Die Geschichte fing damit an, dass er das Thema meinem Vater gegenüber anschnitt, während sie bei einem Glas Tee mit Kardamom saßen. Genau wie damals, als er um die Hand meiner Schwester angehalten hatte, um sie rechtmäßig in Besitz zu nehmen. Ich hörte, wie er meinem Vater förmlich erklärte, er mache sich Sorgen um mich, ich sei so ein zarter junger Bursche, so schüchtern, und hätte solch eine schwache Persönlichkeit. Wenn ich nicht über Sex Bescheid wüsste – «den Sex im Islam» –, wäre ich für manche Übeltäter ein gefundenes Fressen.

Ich hörte ihn reden und floh in mein Zimmer wie eine Jungfrau, wenn ihr Schatz um ihre Hand anhält. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass er meinem Vater diesen Vorschlag nur machte, um mit mir allein sein zu können, und dass er mich wollte, genauso wie ich ihn.

Jedes Mal, wenn er mit mir sprach, fühlte ich, wie seine verlangenden Blicke mich verschlangen. Er sah mir nie ins Gesicht, sondern verspeiste mit seinen hungrigen Augen mein Fleisch, Stück für Stück. In letzter Zeit rückte er mir oft regelrecht auf die Pelle, berührte meine Hand und drückte sich an mich, wann immer er Gelegenheit dazu fand.

Meine Schwester und ich tauschten die Plätze. Eines Tages kam sie uns besuchen, um zusammen mit meiner Mutter vierzigmal die Sure Ya Sin zu lesen, die sechsunddreißigste im Koran. Diese Sure wurde in meiner Familie verlesen, wenn ein bestimmter Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Vor einiger Zeit hatten meine Mutter und meine Schwester sie gelesen, damit mein Vater nach seinem Herzinfarkt aus der Intensivstation entlassen würde, und mein Vater hatte diese Gesundheitskrise gut überstanden. Als sie sich einen Bräutigam für meine Schwester wünschten, hatten sie es ebenfalls getan, und mit Erfolg. Und nun trafen sie sich zum Lesen der Sure, weil sie hofften, dass meine Schwester dadurch schwanger würde. Ich dagegen erntete an jenem Tag die Früchte meiner eigenen – geheimen – vierzigmaligen Lesung dieser Sure. Denn statt für die Schule zu lernen, hatte ich heimlich im Koran gelesen, um die Liebe meines Schwagers zu gewinnen. Und schon war ich zu ihm unterwegs. Denn er hatte mich angerufen und, unter dem Vorwand, dass ich ihm helfen sollte, die Regale mit seinen zahlreichen religiösen Büchern aufzuräumen, gebeten, zu ihm zu kommen. Ich war mir jedoch sicher, dass das nur ein Trick war, um mit mir allein sein und über den Sex im Islam reden zu können, wie er es meinem Vater versprochen hatte.

Auf dem Weg hatte ich aus verschiedenen Gründen Herzklopfen. Einer davon war, dass ich zum ersten Mal im Leben gestohlen hatte. In meiner Tasche hatte ich nämlich einen Lippenstift versteckt, den ich meiner Mutter aus ihrer Schublade geklaut hatte. Ich war auf Zehenspitzen in ihr Zimmer geschlichen, hatte hastig die Schublade aufgezogen, den Lippenstift herausgenommen, ihn in meine Tasche gesteckt und war wieder hinausgegangen. Nun bewegte ich mich an den Fäden meiner Fantasien vorwärts und strickte an Bildern von unserem Treffen. Wie würde der Sexunterricht bei ihm aussehen? Wie würde er mir das Küssen beibringen? Ich würde ihm erlauben, seine vollen Lippen auf meinen brennenden Mund zu pressen. Würde er meine Wange auf seiner Brust ruhen lassen? Würde er mich wie seine Zweitfrau behandeln? Wie gerne wäre ich sein halales Fleisch! Wenn er mir die rituelle ghusl-Waschung beibrachte – würde er dann mit seinen schweren Händen meinen nackten Körper abwaschen? Würden wir uns zusammen ausziehen?