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Fritzi G. Roeder ist eine professionelle Magierin. Nach 25 Jahren in ihrem Wunschberuf erzählt sie schwungvoll, intensiv und nah an ihren Gefühlen von skurrilen Erlebnissen bei ihrer Ausbildung und ihren Auftritten. Sehr ehrlich und humorvoll gibt sie Einblicke in ihre Selbstzweifel und ihr Lampenfieber.
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Seitenzahl: 508
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gerda Roeder, Münchnerin, Übersetzer- und Dolmetscherdiplom Englisch, Auslandsaufenthalte in England, Frankreich und den USA, 20 Jahre PR- und Werbeassistentin; Theaterstück: Monolog einer Wiener Hausbesorgerin, Aufführungen im Theater der Pasinger Fabrik, München, dargestellt von der Autorin (Regisseur Hiro Uchiyama, Paris); 25 Jahre ausgeübter Beruf als Zauberkünstlerin;
Um Namensverwechslungen zu vermeiden, nennt sie sich jetzt Fritzi G. Roeder.
Für meine Großmutter Marie und Fritzl
»Realität ist eine Illusion, aber eine sehr hartnäckige.«
(Albert Einstein zugeschrieben)
Inhalt
Vorwort
1 Magisches Nürnberg
Melusine
Spiridione Musty
Hauptversammlung
Fred Kaps
Nacht der Magier
2 Kindheit und frühe Jugend
Zauberkönig
Magie ist Veränderung
Klavierunterricht
Zauberer als Patient
Aufsitzer
Magische Zahlen
Besuch im Morgengrauen
3 Mitglied im Zauberclub
Erste Frau im Männerclub
Gemeinsam zum Kongress
Feuertaufe in Hengersberg
Eckhards Geburtstag
Im Hinterhalt
4 Katharsis und Verwandlung
Traumfigur Lady Charleston
Generalprobe
Tanz mit der Boa
Weckruf
Wendepunkt
Beruf Zauberkünstlerin
Zauberkongress in London
5 Erste Aufträge als Clownin Fritzi
Die Gerda ist noch in der Maske
Im noblen Harlaching
In der Pizzeria
Ring im Kelch
Berchtesgaden
Im Frauengefängnis
Geschenk für den Clown
Ein ausfallender Kasperl
Blind Date
Firmung
Weißclown im Schneegestöber
Dürfen Zauberer lügen?
6 Vom Glück, ein Clown zu sein
Im Fliegenpilz
Auf nach Prato
Villa Rucellai
Auf dem Markt von Prato
Abschiedsfest
7 Originelle Aufträge und seltsame Begebenheiten
Der Watzmann ruft
Im Schurkenviertel
Maskenkurs
Heikle Aufträge
Einweihungsfeier bei Neureichen
Wildwasserkanuten
Fernbedienung
Hochzeit in Ingolstadt
Beim Urologen
Doppelt gebucht
Zwei für einen
Kamele
Beim Alten Wirt
Schlösschen am Ammersee
Die soziale Einrichtung
Auftrag im Apfelbaum
Gipfelstürmer
Für den Klempner 50 Euro
Exotik für den Zahnarzt
Zaungast in Kleinhadern
Das Bierfilzl
Das Lächeln einer Sommernacht
8 Aberglaube – magisches Denken – Zaubersprüche
Der Berber
Aberglaube heute
Symbole und Schutzzeichen
Merseburger Zaubersprüche
Du machen Hokuspokus
Streng katholisch
Hafen von Bombay
9 Von Hexen und Gespenstern
Hexe von Schongau
Hexenkinder
Der verflixte Fotoapparat
Magisches Kännchen
Walter schwebt
Schlossgespenst
10 Weitere Aufträge und seltsame Begebenheiten
Beim Käfer
Zaubern vor Zauberern
Magie im Dunkeln
Freiwillige Feuerwehr in Hohenschäftlarn
Zaubern im Zoo
Luftpost
Herr Würfel
Crash-Autos
Einfach fliegen
Der Insoweit
Der Schulfreund
Petras Geburtstag
Vorsicht – schwer erziehbare Kinder
Kleingartenanlage
Beim Orthopäden
Geburtstag unter dem Akanthus
Wann kommt die Gulaschkanone
Polizei-Stopp
Schlüsselerlebnis
Runder Geburtstag
11 Zauberkongresse
Kongresse „the magic hands“ in Böblingen
Zauberkongress in Lausanne
Zauberbörse in Sindelfingen
Zauberkongresse in St. Pölten und in Baden bei Wien
FISM Weltkongress in Wien 1958
Mit Zauberern zum Heurigen
Gala im Ronacher
12 Meister der Unordnung
Gespenst im Wohnzimmer?
Ankunft am Flughafen Charles de Gaulle
Musée du Quai Branly
Christoph Schlingensief
Schamanen-Treff
Der Knödelschütze
Musée de la Magie
13 Venezia Serenissima
Erster Besuch
Carnivale di Venezia
Karnevalverein
Fasching versus Carnivale
Palazzi!
Zaubern im Caffè Florian
San Marco am Aschermittwoch
Im Zauberkabinett
Marie-Louise und Casanova
14 Rückschau auf mein Leben
Abenddämmerung
Der Sturm
Schreibseminar
Realität ist eine Illusion
Die ganze Welt ist Bühne
Dank an alle
von Jürgen vom Scheidt
Tusch! Meine Damen und Herren, hier werden keine Tricks verraten, hier werden keine Geheimnisse gelüftet. Aber wir erfahren etwas viel Interessanteres: Ein Rätsel wird gelöst – nämlich, wie man Zauberer wird, oder in diesem Fall:
Tusch! Eine Zauberin! Tusch!
Es ist eine richtige Heldenreise, die sich da vor unseren Leseraugen abspielt. Die Autorin durchlebt und durchleidet sie im Verlauf ihrer Entwicklung, mit Zweifeln, unerwarteten Wendungen und natürlich auch mit jeder Menge Triumphen, wenn die Kunststücke und ihr Humor beim Publikum ankommen und es begeistert applaudiert.
Sie nimmt uns mit bei dieser Reise aus einer vertrauten Oberwelt ins Wunderland der Magie, wo man nie so recht weiß, was als Nächstes geschehen wird, und schon gar nicht, wie dieser Trick und jener Gag zustande kommt. Wie macht sie das bloß?, denken wir immer wieder – aber sie verrät es uns nicht.
Wir Leser lernen eine wirklich zauberhafte Welt der Illusion kennen, die Fritzi in vielen kleinen Szenen meisterhaft skizziert – eine große Magierin nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Welt der deutschen Sprache. Das ist aber nicht nur unterhaltsam so dahingetupft, das erzählt auch, im Hintergrund zu ahnen, die Geschichte einer Verwandlung über viele Jahre, von der Anfängerin in diesem Metier der Zauberkunst bis zur Perfektion, die man sich am besten live gönnen sollte in einer ihrer Vorführungen, die aber nicht in großen Sälen stattfinden, sondern stets nur im intimen kleinen Kreis bei einer Hochzeit, dem Jubiläum einer Firma, einem Kindergeburtstag oder dem Geburtstag eines Siebzigjährigen, welche Ehre dem Schreiber dieses Vorworts gegönnt war.
In einem aktuellen Abenteurerfilm, einem Remake der Glorreichen Sieben im Jahr 2016, verwendet ein Westernheld einen Kartentrick, um in tödlicher Bedrohung einen Gegner zu verwirren, ihm die Waffe zu entreißen und so sein eigenes Leben zu retten. Solche Kartentricks hat wohl jeder Zauberer im Repertoire, auch Gerda Roeder, genannt Fritzi (ich hab’s mit eigenen Augen gesehen und nicht kapiert, wie sie es macht). Sie sind wohl jedem Leser schon einmal begegnet, haben ihn verwundert die Augen reiben lassen. Betrügerische Kartenspieler leben davon, das sprichwörtliche ‚Ass aus dem Ärmel zu tricksen‘, wenn sie endlich das ganze Geld auf dem Pokertisch einsacken wollen (zuletzt gesehen im Film Havanna mit Robert Redford).
Nun, bei Gerda Roeder, wie bei jeder anständigen Zauberin, geht es zwar ähnlich verblüffend zu – aber wir werden nicht betrogen, sondern ganz im Gegenteil reich beschenkt durch die Vorführung. Während wir Leser in diesem Buch bei der abenteuerlichen Reise in die Unterwelt der Magie mitfiebern, wird uns nicht nur mancher Trick anschaulich vorgeführt – ohne sein Geheimnis zu enthüllen –, wir lernen auch die Menschen kennen, die da jeweils im Publikum sitzen und sich verzaubern lassen, ob sie es wollen oder nicht. Immer neue Situationen lernen wir kennen, in die die Künstlerin hineingestellt wird – manchmal ohne genau zu wissen, was ihr bevorsteht und welche absurden Verhältnisse sie zu meistern hat:
Da sind altkluge Kinder, die ‚auch zaubern‘ wollen, entlarvungswütige Skeptiker, die den Trick zu durchschauen glauben, oder Unzufriedene, die einfach nur stören wollen. Am Ende der Vorstellung sind sie wohl alle buchstäblich verzaubert und klatschen begeistert Beifall (wie oben gesagt: selbst erlebt).
„Was es alles gibt!“, sagen aber nicht nur ihre Besucher in den Vorstellungen – das wird auch vermutlich die Leserin und der Leser ihres Buches am Ende der Lektüre sagen, so wie es mir ergangen ist, der nun diese Empfehlung schließen möchte, denn was kann man eine Autorin noch mehr loben als … Halt: Da ist noch etwas. Ich verrate nun doch ein kleines Geheimnis, nämlich über die Entstehung dieses autobiographischen Buches, das zugleich eine amüsante Dokumentation über die vielen Facetten der Zauberei ist und stets herrlich unterhaltsam.
Bei der Entstehung dieses Werkes durfte ich von Anfang an ganz nah dabei sein. Die Leichtigkeit und Heiterkeit vieler Episoden beweist mal wieder, was der hintersinnige Karl Valentin einst anmerkte: „Kunst ist schön – macht aber viel Arbeit.“ Umso leichter wird Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, die Lektüre dieses Buches fallen, die Sie nun endlich beginnen sollten. Hut ab vor dieser Zauberin im doppelten Wortsinn, auf der Bühne und auch in Buchform. Also Vorhang auf:
Kleiner Lichtkegel auf die Mitte der Bühne. Fritzi kommt aus der Maske. Sie hat sich verkleidet und verwandelt. Sie schiebt ihr Zauberwägelchen mit den Utensilien herein – Tusch!
Und los geht das Lesevergnügen.
Jürgen vom Scheidt (ein Verzauberter)
Kennengelernt habe ich sie auf einem Zauberkongress in Nürnberg 1956. Sie liegt auf einer schwarzen Samtdecke; ihr zierlicher Körper windet sich genüsslich auf der weichen Unterlage wie eine kleine Schlange. Ihr einziger Schmuck ist ein weißes Perlchen am Ende ihres Körpers.
Melusine ist ein rotes Seilchen, das ganz bescheiden, ohne viel Aufhebens von sich zu machen, einfach so daliegt zwischen vielen anderen Zauberartikeln auf einem der Ausstellertische der magischen Messe. Zehn Händler zeigen ihr umfangreiches Angebot: Kunststücke mit Riesenkarten, Münzen, bunte Tücher in allen Größen und Farben sowie übergroße, in sich verkettete Ringe, die sich magisch wieder voneinander lösen. Ferner lassen unzählige weitere Wunder aus dem Bereich der Salon- und Bühnenmagie 700 Zaubererherzen aus 16 Ländern höherschlagen.
Gleich in der Kongresshalle werden die Teilnehmer herzlich begrüßt. Die Kongresstasche enthält die Programme der Veranstaltungen mit den Eintrittskarten und ein kleines Zaubergeschenk. Das hübsche Design des Namensschilds zeigt das Wappen der Stadt Nürnberg mit der schwungvollen Aufschrift „Zauberkongress“ in Gold, darüber ein schwebender Zauberstab. Die Tageszeitungen berichten über die magischen Tage in Nürnberg, auch dass Passanten die Zauberer mit Namensschildern ansprechen dürfen und sich ein Zauberkunststück vorführen lassen können.
Viele Zauberer, so auch Herr Friedrichsen und ich besuchen sogleich die Händlermesse. Jeder will der Erste sein, der die neuesten Tricks, die sogenannten Renner von Berufsmagiern oder gar den Erfindern der magischen Neuheiten vorgeführt bekommt. Bei Gefallen werden diese Kostbarkeiten gekauft und erst danach werden die Geheimnisse verraten. Im Saal herrscht eine fröhliche Stimmung, lauter lachende Gesichter; die meisten Besucher kennen sich seit Jahren und freuen sich über ein Wiedersehen und einen ausgiebigen Erfahrungsaustausch. Eine solche Atmosphäre gibt es wohl nur auf einem Zauberkongress, auf dem sich unterschiedlichste Menschen aus vielen Berufen treffen, um sich drei Tage lang ihrem Lieblingshobby, der Magie, zu widmen. Zauberer sind humorvoll, verspielt und haben eine kindliche Freude an neuen Tricks, die sie verblüffen, die sie neugierig auf die Lösung machen und die sie nach kurzem Einüben gleich selbst vorführen wollen. Eine mit Männerwünschen vertraute Dame sagte mir einmal: „Wenn sie spielen, sind sie gesund.“ Es liegt nahe, dass Ehefrauen die ersten Zuschauer und Kritiker bei der Generalprobe eines neuen Tricks sind. „Hast’ was g’seng’?“, ist die erste, etwas befangene Frage; wenn aber dann die beruhigende Antwort der Ehefrau, die in langen Jahren einen geschulten Blick entwickelt hat, lautet, dass wirklich nichts geblitzt hat, kennt die Freude eines Zauberers keine Grenzen. Dann erweitert er sein Publikum und führt diesen Trick, der vielleicht zurzeit sein Lieblingstrick ist, bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor. Das hat mir ein sehr humorvoller Zauberer erzählt. Seine Frau neben ihm lacht zustimmend.
Als Teenager bin ich zum ersten Mal auf einem magischen Kongress und halte mich dicht an Herrn Friedrichsen, um ihn nicht im Gedränge zu verlieren. Er ist ein älterer Herr mit einem weißen Menjou-Bärtchen, ein langjähriger Hobbyzauberer aus dem Ortszirkel München.
Als mich Herr Friedrichsen daher anrief, ob ich zu diesem Kongress im Spätsommer 1956 mitkommen wolle, stimmte ich sofort zu. Das Timing war wie von Zauberhand arrangiert. Eine tolle Gelegenheit, wieder mit meinem Lieblingshobby in Kontakt zu kommen und neue Kunststücke zu lernen. Mein Begleiter kennt sehr viele Zauberkollegen und natürlich alle Zauberer an den Messeständen. Er lässt sich verschiedene Neuheiten vorführen und kauft einige ihm unbekannte Tricks. So bekomme auch ich viele erstaunliche Kunststücke vorgeführt. An Wunder grenzt für mich alles, ob es jetzt ein komplizierter Kartentrick ist oder wie eine geschlossene Sicherheitsnadel ein Taschentuch durchdringen kann, ich flippe aus vor Freude. Ich glaube, mein Begleiter freut sich über die Begeisterung dieser unerfahrenen Elevin.
Mich hat es wieder an den Stand gezogen, an dem ich das Seilchen gesehen habe. Ein junger Franzose führt mir bereitwillig vor, wie es meinen Armreif durchdringen kann. Ich traue meinen Augen nicht, ich bin ganz nahe dran und habe nichts bemerkt. Das möchte ich unbedingt haben.
„Wie heißt das Kunststück?“, frage ich den jungen Mann.
„Sie heißt Melusine“, sagt er und lächelt.
Er führt es mir ganz langsam vor, dann probiere ich es, nach ein paarmal kann ich es auch, er lobt mich und schenkt mir einen kleinen schwarzen Beutel aus Samt. „Viel Freude mit der Melusine“, sagt er in seinem charmanten französischen Akzent. Ausprobiert habe ich die Kunst der Melusine in der Damentoilette bei dem Enkel der Toilettenfrau. Es klappt, der Enkel ist begeistert, und dank der Melusine darf ich die nächsten Tage diese Einrichtung gratis benutzen. Das ist sozusagen meine erste Gage.
Bei der Begrüßung der Teilnehmer und deren Gattinnen gibt der Präsident des Magischen Zirkels eine kurze historische Einführung über Nürnberg, die gerade für Magier viel bedeutet, denn in dieser Stadt haben schon in früheren Jahrhunderten Menschen gelebt, die sich mehr oder weniger mit der magischen Kunst befasst haben. Nicht zuletzt ist diese Stadt auch durch die Nürnberger Zauberkästen bekannt. Das kann ich später in der MAGIE, der Zeitschrift des Magischen Zirkels von Deutschland, lesen. Dort wird auch meine Aufnahme in den Magischen Zirkel, vielleicht als eine der jüngsten Frauen der damaligen Zeit, bekannt gegeben, was mich mit stolzer Freude erfüllt.
Im Lessingtheater findet die offizielle Begrüßung der Kongressteilnehmer statt. Die Präsidenten der magischen Ortszirkel sowie die Präsidenten der Clubs aus dem Ausland überreichen ihre Geschenke mit launigen Ansprachen an den Nürnberger Präsidenten. Es bleibt dann noch Zeit für einen Stadtbummel durch die Innenstadt, die im Krieg schwer zerstört wurde. Erstaunlich ist, wie in den elf Jahren der Nachkriegszeit historische Gebäude wieder aufgebaut werden konnten und dass vor allem der charakteristische Rotsandstein der Stadt wieder sein ursprüngliches Gepräge gegeben hat.
Ich besuche noch auf einen Sprung die magische Messe – ich kenne mich ja jetzt schon ganz gut aus – und kaufe mir Seile und Kartenspiele, und wenn ich mein Abzeichen des Magischen Zirkels vorzeige, werden mir auch Kunststücke auf den Messeständen vorgeführt. Dann ein schnelles Abendessen, umziehen und ich bin bereit für die erste Abendvorstellung. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt und ein angeregtes Stimmengewirr zeigt die Spannung im Publikum an. Der Vorhang hebt sich und eine Reihe von bekannten Zauberkünstlern präsentiert ihre erstaunliche Kunst: Manipulationen mit Bällchen, Zigaretten, Münzen; Seilen, die zerschnitten werden, sich wieder zusammenfügen; eine Karte steigt aus dem Kartenspiel, es ist die vom Zuschauer gezogene. Eine Dame aus Paris führt elegant und mit sprachlichem Charme Tücherroutinen und das Erscheinen von riesigen Blumenbouquets vor, um nur einige Darbietungen zu nennen. Ich lehne mich in meinem Sessel zurück und genieße die Illusionen. Plötzlich flüstert mir Herr Friedrichsen ganz aufgeregt ins Ohr: „Jetzt kommt Spiridione Musty, passen Sie gut auf!“
Ein kleiner Mann in schwarzem Smoking, sehr hohem Zylinder und weißen Gamaschen um die etwas klobigen Schuhe geknöpft steht auf der Bühne. Tosender Applaus setzt ein, denn die meisten Zuschauer kennen diesen originellen Zauberkünstler seit langem. Musty lächelt. Er ist ein berühmter italienischer Zauberer, der seit langem in Nürnberg lebt. Schon wie er so gelassen ins Publikum schaut, hat er die Sympathie von allen; ich spüre förmlich seine komödiantische Ausstrahlung, wie er ein paar Karten aufnimmt und mit seinem singenden italienischen Akzent, den er liebevoll pflegt, erklärt: „Ich zeige Ihnen ein mathematisches Experiment.“ Er zählt ein paar Karten vor, dann wirft er drei Karten zu Boden, zählt wieder die restlichen Karten, es ist die gleiche Anzahl wie vorhin. Seine verzweifelte Mimik ist ganz subtil. Musty glaubt, einen Fehler gemacht zu haben, sagt noch mal: „Ich zeige Ihnen ein mathematisches Experiment“, wiederholt den Zählvorgang, lässt wieder drei Karten auf den Boden fallen und wieder ist die Anzahl der verbleibenden Karten in der Hand die gleiche wie vorhin. Er macht das noch zweimal, wird immer verwirrter und gibt schließlich auf. Resigniert legt er die Karten beiseite. „Ich zeige Ihnen etwas anderes!“ Ich werde dieses Kunststück nie wieder in solch vollendeter Komik vorgeführt bekommen. Auch wie er hin und wieder verlegen in die Kulissen schaut, weil ihm jemand von dort etwas zuflüstert: Es ist sein Westenzipfel, der nach oben steht, den er beschämt herunterzieht und der immer wieder nach oben schnellt. Vor allem sein nicht funktionierender Daumen, den er ja fürs Zaubern braucht, löst Lachstürme aus. Musty schraubt ihn mit so täuschend echten Bewegungen ab, dann wird er durchgeblasen, durchgeölt und wieder angeschraubt. Wir alle sind hingerissen. Er zeigt noch ein blaues Seilchen, an das ein Tuch geknotet ist, und hält ein weißes Seilchen daneben. Wie von selbst wandert das Tuch an das weiße Seilchen. Wieder ein donnernder Applaus. Bescheiden verneigt sich Musty. Mit Standing Ovations bedankt sich ein entzücktes Publikum vor diesem begnadeten Künstler.
Auf einer anschließenden Feier wird Spiridione Musty der Ring des Magischen Zirkels verliehen.
Als neues Mitglied soll ich auch an der Hauptversammlung teilnehmen. Es geht um den Geschäftsbericht des letzten Jahres, da ist wohl nichts Magisches zu erwarten. An langen Tischen sitzen lauter Zauberer, ich als fast einzige Frau dazwischen. Mitten in einem Vortrag zieht plötzlich ein Mann an unserem Tisch langsam ein gelbes Döschen aus der Tasche und legt es vor sich auf den Tisch. 20 interessierte Männeraugen um ihn herum verfolgen seine Handlung – der Vortrag ist nicht aufregend, da kommt eine kleine Zaubereinlage sehr gelegen.
Der Besitzer des Döschens öffnet es langsam, sichtbar für alle. Die vorgestreckten Hälse der Männer werden immer länger und starren unverwandt auf das Döschen, um sich keine Handbewegung entgehen zu lassen. Der Mann entnimmt dem Döschen ein winziges Etwas, hält es zwischen Zeigefinger und Daumen und steckt es langsam in den Mund. Angespannte Blicke von allen Seiten folgen dieser Handlung. Daraufhin greift er behutsam und für alle Zuschauer sichtbar nach dem Glas mit Wasser, führt es zum Mund, und mit einem kräftigen Schluck lässt er das winzige Etwas verschwinden. Daraufhin verschließt er sorgfältig das Döschen und steckt es in seine Anzugstasche.
Die zehn Männer lehnen sich enttäuscht zurück, lassen sich aber durch einen gleichgültigen Gesichtsausdruck nichts anmerken und tun so, als hätten sie schon immer den Ausführungen des Redners aufmerksam gelauscht, dessen Vortrag gerade zu Ende geht. Es folgt ein mäßiger Applaus, dem sich die Männer anschließen. Ich bin fasziniert von dieser Beobachtung; das ergäbe eine einzigartige Filminszenierung, am treffendsten verkörpert mit einem Könner wie Spiridione Musty.
Es ist der dritte und letzte Tag dieses zauberhaften Kongresses. Am Vormittag ist ein Seminar mit Fred Kaps angesagt. Er ist Holländer und mehrfacher Weltmeister, klärt mich mein Münchner Zauberer auf. „Wir müssen rechtzeitig dort sein, um einen guten Platz zu bekommen.“
Ein junger Mann, groß, schlank, begrüßt uns mit einem charmanten jungenhaften Lächeln und einem leichten holländischen Akzent. Er schenkt sich ein Glas Wasser aus einer Karaffe ein, gibt das Glas in die andere Hand, trinkt einen Schluck und erzählt eine heitere Geschichte; dann gibt er das Glas wieder zurück in die andere Hand, stellt es auf das bereitstehende Tischchen, zeigt beiläufig beide Handinnenflächen leer vor; spielerisch wechselt das Glas mehrmals von Hand zu Hand.
Lächelnd fragt der Zauberer, was wir Zuschauer gesehen haben.
„Sie haben sich Wasser aus der Karaffe in ein Glas eingeschenkt, daraus getrunken und dann das Glas mehrmals von einer Hand in die andere Hand wandern lassen“, sagt eine Dame neben mir in der ersten Reihe.
„Stimmt“, sagt Fred Kaps mit charmantem Lächeln. „Haben Sie auch die Münze gesehen?“
„Welche Münze?“, fragt die Zuschauerin verblüfft.
Der Zauberer zeigt eine Münze in seiner Hand.
„Diese Münze ist die ganze Zeit von einer Hand in die andere gewandert.“ Ein ungläubiges Lachen der Zuschauer.
„Aber Sie haben doch beide Hände leer gezeigt“, sagt jemand.
Wir alle nicken bestätigend.
Fred Kaps führt uns daraufhin langsam und für alle sichtbar vor, wie er die Münze jeweils in die andere Hand wandern ließ. Da konnten wir noch so aufmerksam beobachten, wir haben nichts gesehen. Das ist seine große unnachahmliche Kunst, auch in leer vorgezeigten Händen keine Münze zu entdecken. Das Sichtbare unsichtbar zu machen, das ist große Zauberkunst.
„Das können Sie selbst auch machen“, sagt er. „Es ist eine gute Übung fürs Zaubern!“ Und er fügt hinzu: „Vielleicht sehen wir uns heute Abend!“
Nach einem sehr großzügig arrangierten Festbankett begeben wir uns zur Galavorstellung ins Opernhaus.
Diese letzte Vorstellung ist der Höhepunkt des Kongresses, der in einem sehr festlichen Rahmen stattfindet. Unter den vielen großartigen Darbietungen sticht Professor Alberto Sitta, Präsident des Magischen Zirkels von Italien, mit seinen erstaunlichen Manipulationen mit Zigaretten und Bällen hervor. Am Schluss verspeist er Unmengen von Watte, stößt zwischendurch Rauchwolken aus seinem Mund hervor und zeigt als Abschluss einen unendlich langen, fein gesponnenen Faden, den er aus dem Mund zwischen den beiden senkrecht gehaltenen Daumen hin und her bewegt, bis er zu einem ansehnlichen Strang geworden ist. Ein frenetischer Applaus setzt ein.
Ich fiebere dem Auftritt von Fred Kaps entgegen. Endlich hat der lang erwartete Künstler seinen Auftritt. Elegant und liebenswürdig manipuliert er mit spielerischer Leichtigkeit mit einem Kartenspiel in der einen Hand, während in der anderen Hand Zigaretten, Stöcke und andere Gegenstände wie von selbst erscheinen und auf ein unwilliges Stirnrunzeln des Magiers hin wieder verschwinden. Er ist nicht nur ein genialer Zauberkünstler, sondern auch ein brillanter Schauspieler. Hinreißend ist sein komödiantisches Erstaunen, wenn scheinbar unvorhersehbare Dinge passieren. Der Zuschauer folgt fasziniert seinem Mienenspiel, ohne auf seine Hände zu achten.
Legendär ist die absurde Szene mit einem Salzstreuer am Ende seiner Darbietung geworden. Fred Kaps lässt aus einem Salzstreuer Salz in seine Faust rieseln. Der Salzstreuer verschwindet, und aus der Faust rieselt ein Salzstrom. Die Kapelle setzt nach einiger Zeit zum Schlussakkord an, das Salz rieselt weiter. Unter seiner verlegenen Miene zur Kapelle spielt die Musik weiter. Er versucht, den Salzstrom mit einem Fuß wegzukehren, dann in das Sakko zu leiten, vergeblich. Er schaut auf die Uhr, das Salz rieselt weiter und die Kapelle setzt erneut zum Schlussakkord an. Sichtliche Erleichterung bei Fred Kaps.
Aber der Salzstrom nimmt kein Ende; er schüttet das Salz in die andere Hand, das Salz rieselt von dort unaufhörlich weiter. Ein verzweifelter Blick zum Dirigenten, doch bitte noch weiterzuspielen. Der Dirigent setzt, schon etwas ungeduldig geworden, zu einem weiteren Schlussakkord an, aber kein Ende des rieselnden Salzes in Sicht. Schließlich, nach langer Zeit – wir Zuschauer können es einfach nicht fassen, woher dieser endlose weiße Salzstrom kommt – ertönt der Schlussakkord und der Salzstrom versiegt.
Fred Kaps wischt sich den Schweiß von der Stirn. Eine grandiose Glanzleistung von Zauberkunst, Humor und Timing, leicht und liebenswürdig dargebracht von einer unerreichten Zauberlegende. Darauf folgen ein donnernder Applaus und Standing Ovations.
Dies war eine Sternstunde der Zauberkunst. Fred Kaps ist auch für künftige Zaubergenerationen immer noch ein unnachahmliches Vorbild. Wie sagt ein berühmter Dichter so treffend: Die Kunst muss leicht sein – doch ist das Leichte schwer.
Nach der Vorstellung finden sich unermüdliche Teilnehmer noch zum Eckenzauber im Hotel ein, zeigen sich gegenseitig ihre erstandenen Highlights und diskutieren verschiedene Möglichkeiten der Vorführung bis in den frühen Morgen. Dann heißt es, schweren Herzens Abschied zu nehmen von einer Reise in eine andere Welt: in die der Magie und der grenzenlosen Fantasie.
Herr Friedrichsen und ich nehmen noch am gleichen Abend den Zug nach München und treffen im Abteil zwei Zauberehepaare aus dem Münchener Zirkel. Ich werde vorgestellt und bald entwickelt sich eine angeregte Unterhaltung. Der ältere Zauberer mit Schnauzbart will wissen, wie ich als so junge Frau denn zum Zaubern gekommen bin. Ich verstehe das als eine nette Aufforderung, etwas über meine Begeisterung für die Zauberei zu erzählen. Mein zweites Hobby ist, Geschichten aufzuschreiben. Ich nehme das dicke Ringbuch aus meiner Tragtasche, schaue in die Runde, lächle etwas verlegen und sage: „Ich habe gerade angefangen, Geschichten aufzuschreiben.“ Die Reisenden im Abteil schauen mich erstaunt an, besonders der Mann mit Schnauzer: „Sie schreiben Geschichten, das ist interessant. Über was schreiben Sie denn?“
„Ich schreibe über meine Kindheit und jetzt hauptsächlich über das Zaubern“, sage ich. „Darf ich Ihnen was vorlesen?“ Der Mann mit Schnauzbart: „Über Zauberei schreiben Sie? Respekt!“ Seine Frau beugt sich interessiert vor und nickt.
Und so beginne ich meine Geschichte, wie ich zur Zauberei gekommen bin.
„Eines Tages kam ein Herr Moser, genannt ‚der Zauberkönig‘, mit großen Halsschmerzen in die Praxis meines Vaters. Da mein Vater sich sehr für die Zauberei interessierte, besuchte er Herrn Moser – nach dessen Genesung – in seinem Münchner Geschäft für Zaubertricks und Juxartikel. Er ließ sich beraten und kaufte hin und wieder einige Kunststücke, die er mir dann vorführte. Nachdem sein erster Zauberladen 1944 ausgebombt wurde und bald darauf auch sein zweiter, beschloss Herr Moser, seine Artikel in seiner Wohnung anzubieten, die unbeschädigt blieb.
In diese Wohnung nahm mich mein Vater manchmal mit. Ich erinnere mich noch deutlich an eine verwinkelte, dunkle Wohnung mit engen, langen Gängen. Da der Strom im Krieg oft stundenlang abgesperrt wurde, beleuchtete Herr Moser seine Zauberartikel mit langen, weißen Haushaltskerzen.
In einem Zimmer standen ein Tisch und eine Eckbank, voll belegt mit Schachteln, Büchern und obendrauf geheimnisvolle, bunt glitzernde Apparate. Das war sehr aufregend für ein siebenjähriges Kind und ich wollte zu gern in diesen Schätzen herumkramen, aber dieses wunderbare Reich war mir verschlossen. Ich bekam einen Stuhl außer Reich- und Sichtweite dieser magischen Welt, deren Herrscher der Zauberkönig war. Schon der Name ‚König‘ hatte meine Fantasie tanzen lassen. Ein bisschen enttäuscht war ich, als ich ihn kennenlernte. Einen König hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Er war ein großer, hagerer Mann mit einem faltigen Gesicht, kleinen, verschmitzt zugekniffenen Augen und dichtem weißem Haar. Er und mein Vater setzten sich an den Tisch, redeten leise miteinander; kleine Gegenstände wurden aus raschelndem Seidenpapier ausgewickelt, die Männer steckten die Köpfe zusammen, denn der Zauberkönig brachte meinem Vater die Tricks bei, verbesserte ihn hie und da, und dann tuschelten und lachten die beiden Männer wie meine Spielkameraden Walter und Klausi. Leider konnte ich von meinem Stuhl aus dieser Entfernung nichts sehen. ‚Das ist nichts für dich‘, belehrte mich mein Vater, wenn ich leise auf Zehenspitzen näher kam. Diese hohen Geheimnisse wurden nicht jedem preisgegeben. Vielleicht sollte ich auch nicht sehen, dass mein Vater sie noch nicht richtig beherrschte. Um mich zu beschäftigen, schenkte mir der Zauberkönig ein Geduldspiel: ein Kästchen mit vielen Löchern und ebenso vielen Perlen, die alle gleichzeitig in die Löcher gerollt werden mussten. Wie langweilig das war!
Zu Hause führte mir mein Vater dann die erworbenen Tricks vor. Jetzt war er für mich der Zauberkönig, der mir einige einfache Kunststücke erklärte und mit mir einstudierte. Besonders ein Zauberkasten, den ich mit sieben Jahren zu Weihnachten bekam, war mein großer Schatz. Er bestand aus braunem Karton, beklebt mit Glanzpapier, auf dem ein Zylinder und ein Zauberstab abgebildet waren. Im Inneren befanden sich verschiedene Abteilungen: mit einem Zauberstab, einigen Seilen, Holzperlen, einem Kartenspiel und einem kleinen gedrechselten Holzbecher mit einer Kugel. Der Becher wurde mit einem Holzdeckel verschlossen. Nach einer magischen Bewegung entfernte ich den Deckel und die Kugel war verschwunden. Nach einem weiteren Zauberspruch entfernte ich den Deckel und die Kugel war wieder erschienen. Das war mein erklärtes Lieblingskunststück. Die Gegenstände waren aus einfachen Materialien, aber sorgfältig hergestellt. Mein Vater nahm sich viel Zeit, diese Kunststücke mit mir einzustudieren, die ich dann meinen Spielkameraden und später in der Schule vorführen konnte.“
Ich habe einen aufmerksamen Zuhörerkreis, teils weil es sich um die Zauberkunst handelt und jeder vom Zauberkönig zumindest schon gehört hat, teils weil ich so begeistert und detailliert von unserer magischen Kunst schreibe. Geschichten zu erzählen ist sicher ein komödiantisches Erbteil meiner Großmutter, die auch auf einer Laienbühne im Akademischen Gesangsverein als beleibter Wiener Kutscher mit Zylinder Furore machte. Sie sang unter anderem das bekannte Wiener Lied ‚I hob’ zwoa herbe Rapp’n‘, obwohl sie überhaupt nicht singen konnte, auch dies ein Erbe, das auf mich überging.
Vielleicht spielt auch meine Jugend eine Rolle, die in den Zauberern Erinnerungen an eigene Erfahrungen mit ihrem Hobby weckt.
Die ältere Frau fragt mich: „Haben Sie die ganze Zeit über in München gelebt?“ Wahrscheinlich meint sie, ob ich den Krieg in München miterlebt habe.
„Ja, darüber schreibe ich auch“, sage ich und werde ganz rot, weil ich so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt bin. „Wollen Sie wissen, wie wir damals 1947 bei Nacht und Nebel in einem offenen Lastwagen nach München gekommen sind?“
„Nur zu!“, sagt sie. „Das hört sich ja interessant an.“
In diesem Kreis habe ich meine Sicherheit wieder gefunden und so blättere ich die Seite um zum nächsten Kapitel.
„Es war eine ziemlich große Veränderung für mich und meine Familie. Unser Haus aus einem vom Krieg fast unversehrten Vorort Münchens wurde zusammen mit vielen Nachbarhäusern 1947 von den Amerikanern kurzfristig konfisziert, und wir mussten unsere Bleibe verlassen. Es wurde uns untersagt, Möbel mitzunehmen; nur das Nötigste an persönlichen Kleinigkeiten war erlaubt. Durch gute Beziehungen zu Nachbarn gelang es uns, einen Möbelwagen zu organisieren. Diese Nachbarn halfen auch meinem Vater nachts beim Einpacken und dem Verladen einiger Möbel; meine Mutter fiel wegen ihrer Krankheit aus, und ich sollte in Eile meine Spielsachen zusammenpacken. Alles musste möglichst unbemerkt und schnell vonstatten gehen. Es war ein kurzer, wehmütiger Abschied, besonders schwer für meinen Vater, der sich erst 1937 dieses Haus hatte erbauen lassen. Dann fuhren wir nachts langsam ins größtenteils zerbombte München.
Das Haus der Kammerspiele im Schauspielhaus in der Maximilianstraße mit der Hals-Nasen-Ohren-Praxis meines Vaters im 2. Stock stand noch, da aufmerksame Hausbewohner einige Brandbomben rechtzeitig entfernt hatten. Nach dem Krieg wurde ein Teil der Praxis beschlagnahmt, da große Wohnungsnot herrschte. Einer ausgebombten Ärztin war ein Zimmer für ihre Praxis zugewiesen worden, ein anderes behielt mein Vater als seinen Praxisraum. Der Korridor mit dem gusseisernen Öfchen wurde zum Warteraum für beide Praxen; aus Mangel an Heizmaterial wurde es aber selten benutzt. Das geräumige Nordzimmer, früher Wohnzimmer meiner Großeltern mit massiven, voluminösen Möbeln aus der Gründerzeit (von circa 1880), war bereits voll belegt, nahm jedoch noch einen großen Teil unserer Habe aus unserem konfiszierten Haus zusätzlich auf. Außerdem diente es als Schlafstätte für meine Eltern und mich. Der Rest der Möbel wurde in den schmalen Gang gestellt. Ein kleines Zimmer behielt die Sprechstundenhilfe meines Vaters.
Die Küche, von der ein Teil für einen Bestrahlungsraum abgetrennt wurde, war der große Treffpunkt. Hier fand fast alles statt: Kochen für die Ärztin, deren Assistentin und deren Haushälterin, für die Sprechstundenhilfe meines Vaters, meine Eltern und mich. Die Mahlzeiten fanden dort im Schichtwechsel statt. Gespräche mussten leise geführt werden, denn im abgetrennten Nebenraum saßen die Patienten, was oft zu einer heiteren pantomimischen Unterhaltung zwischen meinem Vater und mir führte. Der Küchentisch war mein Arbeitsplatz, an dem ich meine Schularbeiten erledigte. Im Winter war es immer kalt, denn den Gasherd konnte man wegen des Geruchs nicht durchgehend heizen. Durch Beziehungen erstand mein Vater drei grobe Pelzjacken aus Kaninchenfell, das Fell wurde nach innen getragen, die graue, unansehnliche Kaninchenhaut nach außen gekehrt. Meine Mutter bekam die schönste Jacke mit teilweise neuen Fellstücken, die ich oft bewundernd streichelte.
Tante Emmi besuchte uns manchmal, wie immer sehr elegant, wenn auch einfach gekleidet, aus großbürgerlicher Familie und nach dem Krieg völlig verarmt. Sie war wie ihre Schwester in Wien Künstlerin; beide bezeichnete mein Großvater despektierlich als Malweiber. Tante Emmi wurde von meinem Vater immer mit einer russischen Großfürstin verglichen wegen ihres fast echt aussehenden schwarzen Pelzkäppchens, was ihr sehr schmeichelte. Sie hingegen nannte uns spöttisch die Hasenfamilie.
Abends wurde der Praxisraum meines Vaters zu unserem Wohnzimmer. Aus dem Volksempfänger, dem damaligen kleinen Radio, hörten wir Konzerte, Nachrichten und Übertragungen von Karl Valentin und Weiß Ferdl. Eines Tages kam überraschend der kriegsversehrte Bruder meiner Mutter zu Besuch. Er hatte in Russland einen Schuss in den Rücken und später einen Orden bekommen, den die Soldaten Gefrierfleischorden nannten. Sein linker Arm blieb steif wie auch seine Hand, bis auf Daumen und Zeigefinger, mit denen er eine Gabel oder einen Löffel halten konnte. Er stand plötzlich in unserer Küche, während wir beim Abendessen waren. Meine Mutter, die von diesem Leben überfordert war, sah ihn geistesabwesend an, blickte hilfesuchend zu meinem Vater und sagte: ‚Wann geht er wieder?‘ Ich fand unser Leben ganz unterhaltsam, weil so viel Trubel war.
Nach einem Jahr zog die Ärztin aus; sie hatte sich mit einem hohem Baukostenzuschuss eine zerbombte Wohnung ausbauen lassen. Die Gebäude der Maximilianstraße waren zum Teil noch erhalten, die Oper dagegen völlig ausgebrannt sowie die benachbarten Wohngebäude; uns gegenüber stand nur noch eine Fassade mit leeren Fensterhöhlen, durch die man den Himmel oder andere Trümmer sah. Daneben lag ein hoher Schuttberg mit ausgetretenem Trampelpfad, dahinter gab es noch einen zweiten Schuttberg zu besteigen, und als ich unten ankam, war ich an meiner neuen Schule, St. Anna im Lehel, einer Oberrealschule, wie damals die Mädchengymnasien hießen.
Ein halbes Jahr hatten wir kriegsbedingt keinen Schulunterricht und somit einiges nachzuholen. Ich habe mich nach dem Trennungsschmerz von meinen alten Schulfreunden schnell in die neue Umgebung eingelebt. Im Gymnasium gab es nur Mädchen, keinen Banknachbar Thomas wie in meiner früheren Volksschule, der mir während des Unterrichts zeigte, wie man aus einem karierten, etwas schmuddeligen Taschentuch eine Maus mit zwei kleinen Ohren und Schwänzchen formen und diese auf dem Arm springen lassen konnte. Er hatte mir dieses Kunststück gerade beibringen wollen, als ihn unsere Lehrerin, Fräulein Kammerer, ertappte und auf einen Einzelplatz in die letzte Reihe versetzt hatte. So war mir das Erlernen dieses Zauberkunststücks leider entgangen.
Alle im Abteil lachen. ‚Das kannst du auch, gell!‘, sagt die junge Frau zu ihrem Mann, der nickt geschmeichelt. ‚Das müssen Sie uns zeigen‘, sagt Herr Friedrichsen. ‚In meiner Jugend konnte ich das auch.‘ Die Stimmung steigt. Ich möchte das Kunststück auch können.
Die junge Frau reicht ihrem Mann ein frisch gebügeltes Taschentuch. ‚Da, Axel, mach uns eine Maus.‘ Axel nimmt das Taschentuch, entfaltet es und mit ein paar Handgriffen formt er Korpus, Kopf, Öhrchen und ein langes Schwänzchen. Wir schreien laut vor Entzücken, und als die Maus dann auch noch auf dem Arm hin und her springt, kennt unsere Begeisterung keine Grenzen. Es finden sich auch noch ein paar zerknitterte Taschentücher, so dass wir alle üben können. ‚Nicht so laut!‘, beschwichtigt uns der Schnauzbart, ‚sonst kommt gleich der Schaffner. Jetzt ist aber wieder die junge Zauberin dran mit dem Vorlesen.‘
Ich blättere in meinem Heft und beginne: „30 Jahre später traf ich Thomas auf dem Gelände der Bavaria Filmgesellschaft; er war inzwischen bei der Berufsfeuerwehr, aber er erkannte mich nicht mehr. Ich hingegen erkannte meine früheren Schulfreunde noch nach vielen Jahren an spezifischen Einzelheiten, so wie zum Beispiel Maria anhand ihres Wimmerls neben der Nase.
Meine Banknachbarin in der ersten Klasse Oberrealschule war bereits zwölf, zwei Jahre älter als ich und ziemlich reif, zwar nicht in Bezug auf den zu erarbeitenden Lernstoff, der sie weniger interessierte, dafür zeichnete sie einen Penis ziemlich naturgetreu und schob mir den Zettel hin. Ich wurde feuerrot. Sie lächelte mitleidig und flüsterte: ‚Schäfchen‘. Sie ist aus irgendeinem Grund aus der Schule ausgetreten. Auch sie habe ich später wiedergesehen. Auf einem Studentenball tanzte sie neben mir, noch reifer geworden, und flirtete intensiv mit einem wesentlich älteren Herrn.
Wir hatten hauptsächlich Lehrerinnen und einige alte Lehrer. Sehr beliebt war unsere Musiklehrerin, Frau Karl, sehr bodenständig, sehr bayerisch und humorvoll. Wenn wir alle sangen, ging sie von Schülerin zu Schülerin, um zu hören, wie wir singen. ‚Also die Roederin singt immer einen halben Ton höher als die anderen. Ich könnte das nicht‘, sagte sie. Sie ermunterte mich, doch auf der Weihnachtsfeier in der Aula zu zaubern. ‚Ziehst den Morgenmantel von deiner Mutter an und los geht’s!‘ – Ich lehnte heftig ab, denn erstens hatte meine Mutter einen sehr alten unansehnlich gewordenen Morgenmantel und dann – ich war ja viel zu schüchtern, um vor so vielen Leuten zu zaubern. Dagegen wurde ich oft zu Kindergeburtstagen eingeladen, weil ich etwas zaubern konnte und mit harmlosen Juxartikeln für Unterhaltung sorgte. ‚Du musst unbedingt zu meinem Geburtstag kommen, weil du so lustig bist‘, sagten die Schulfreundinnen. Es war, wie gesagt, eine reine Mädchenschule, Buben wurden erst sehr, sehr viel später zugelassen.
Leider musste Frau Karl vorzeitig aus dem Schuldienst ausscheiden. Ihr Mann kam aus der Kriegsgefangenschaft zurück und laut Gesetz mussten Stellen, die Frauen innehatten, mit den Heimkehrern besetzt werden. Es durfte nur ein Ehepartner, also der Ehemann, eine Stelle haben. Frau Karl war sehr unglücklich, sie war eine leidenschaftliche Musiklehrerin, die sehr an ihren Schülerinnen hing, und auch wir haben sie schmerzlich vermisst.“
Da mich niemand im Abteil unterbricht und ich völlig in Fahrt an meine Kindheitserinnerungen in München bin, nehme ich gleich den Faden wieder auf und berichte von meinen ersten Klavierexperimenten.
„Vielleicht erhoffte sich mein Vater auch eine musikalische Begabung wie sein älterer Bruder Fritz, der ein sehr guter Pianist hätte werden können, aber leider früh tödlich verunglückte. Auch mein Großvater war sehr musikalisch. Er spielte gern auf seiner Ziehharmonika, was er sich selbst beigebracht hatte. Mein Vater selbst war nicht übermäßig musikalisch, aber im Singen und Pfeifen immer noch besser als ich.
Er dachte, ich könnte doch Klavierspielen lernen wie meine Schulfreundinnen Jutta und Ingrid, die schon seit ein paar Jahren ganz gut spielten. Ein schwarzes Klavier, auf dem meine Mutter schon geübt hatte, war vorhanden. Hin und wieder spielte sie darauf; ganz nett für den Hausgebrauch, wie mein Vater sich ausdrückte.
So ging er mit mir gleich nach der Sprechstunde zu Juttas Klavierlehrerin, Frau Marianne Neumeier, mit Künstlernamen Neu, in die Galeriestraße gleich gegenüber meiner Schule am St.-Anna-Platz. Das Haus war ein vom Krieg verschonter stattlicher Altbau, die Wohnung lag im 4. Stock, natürlich ohne Aufzug wie in den allermeisten Häusern Münchens. Es war eine geräumige Künstlerwohnung, ein ehemaliges Maler-Atelier mit einem sehr großen Fenster fast bis zum Boden. Die Klavierlehrerin begrüßte meinen Vater und mich sehr freundlich; sie war mir gleich sympathisch, etwa im Alter meiner Mutter, etwas mollig, mit schwarzen verwilderten Locken, die mein Vater als Künstlermähne bezeichnete.
Ich sah mich im Raum um: In der Mitte des Raumes stand ein schwarzer Flügel, das große Fenster des Ateliers nahm eine Seite ein, eine andere Wand füllte ein umfangreicher Bücherschrank neben einem Kachelofen aus, und dann sah ich an der dritten Wand ein merkwürdiges Gebilde. Es sah aus wie eine aus rohen, unbearbeiteten Brettern gezimmerte Holzhütte mit einer einfachen Holztür und einem Fenster mit Fensterläden, davor eine Holzbank. War das ein Hexenhäusel, in dem eine verwunschene Prinzessin gefangen gehalten wurde und auf einen sie erlösenden Prinz wartete? Ein Geräusch von kräftigen Schritten riss mich aus meinen Gedanken. Ein Märchenprinz? Es war der Mann von Frau Neumeier. Er war der Schöpfer dieses Häuschens innerhalb des großen Ateliers. Des Rätsels Lösung: Die ursprüngliche Wohnung war nicht heizbar, da es für den vorhandenen Kachelofen, so wie wir auch in jedem Zimmer einen solchen hatten, damals kein Brennmaterial gab.
Der Hausherr öffnete die Tür zu der Holzhütte. Das Zimmerchen war sehr klein und niedrig, gerade Platz genug für ein braunes Piano – zwei Tasten waren ziemlich ramponiert – zwei Klavierdrehstühle, einen für die Klavierlehrerin und den anderen für die Schülerin, ein gusseisernes Öfchen, auf dem ein Wasserkessel summte und eine schmale Ablage für Noten. Es war mollig warm, denn hier drinnen wurde geheizt. Eine Deckenlampe erhellte anheimelnd den Raum. ‚Das ist unser Studio‘, sagte Frau Neumeier, schaute mich an und fügte hinzu: ‚Im Sommer sitzen wir draußen.‘ Mit draußen war das Atelier mit dem Flügel gemeint. ‚Jetzt zeige ich Ihnen unser Schlafzimmer‘, sagte Herr Neumeier. Ein paar Schritte um das Häuschen herum sahen wir eine Leiter, steil angelehnt an die Holzwand. ‚Stehen kann man zwar dort oben nicht, aber ein Schlafzimmer ist ja auch nicht zum Stehen gedacht‘, sagte er und schmiegte sich eng an seine Frau. ‚Und vom Klavierzimmer unten ist es immer warm hier oben‘, fügte seine Frau hinzu.
‚Also das kann ich mir nicht vorstellen, eine Hütte im Wohnzimmer, wie soll denn das aussehen?‘, fragt der junge Zauberer. Ich stelle mich in die Mitte des Abteils, das die Größe des damaligen Studios hat und zeige, wo das braune Klavier mit den abgegriffenen Tasten stand und von wo uns das gusseiserne Öfchen wärmte.
‚Hier lernte ich den Ländler von Beethoven spielen‘, erzähle ich. ‚Ich sehe noch deutlich Frau Neumeier vor mir, wie sie mit einem Bleistiftstummel das Geburts- und Todesdatum Beethovens in die Partitur kritzelte: 1770–1827.‘ Die Männer im Abteil sind begeistert, weniger von Beethoven als von einem machbaren Hausprojekt.
Ich lese weiter in meiner Geschichte, wie fasziniert auch mein Vater und ich waren. ‚So ein kleines Zimmer hätte ich allzu gern gehabt, ganz für mich allein. Ich sah geradezu, wie mein Vater überlegte, ob er so ein Modell auch in unserem großen Allzweckzimmer in der Maximilianstraße einbauen könnte. Die Zimmerhöhe von 4,20 m war vorhanden, ein unbeheizter Kachelofen und ein Klavier auch, aber die massiven, ausladenden Möbel aus der Gründerzeit von 1880, die waren das Problem!
Ich nahm Unterricht bei Frau Neu und machte schnell Fortschritte, wie sie bei Anfängern üblich sind, denn das war ein ganz neues, magisches Spielterrain für mich. Zu Hause konnte ich auf Mutters schwarzem Piano üben, aber mit Rücksicht auf die Patienten meines Vaters, die gleich nebenan im Gang saßen, nur nach den Sprechstunden und auch danach nur mit einem Regulator, einem kleinen, die Töne dämpfenden Schieber, zur Schonung von Mitbewohnern und Nachbarn. Nach ein paar Monaten konnte ich den Ländler von Beethoven ganz ordentlich spielen.
Über unserem Klavier hing ein überdimensionales Ölgemälde, das das prächtige Innere der Stiftskirche von Berchtesgaden kurz vor Messebeginn darstellt. Der Blick geht vom Altar aus auf die Kirchenbesucher in ihren kostbaren traditionellen Trachten mit dem alten Schmuck. Links sitzen die Männer, rechts die Frauen, vom Altar aus gesehen. Von den jungen Männern gehen bewundernde, manchmal verschmitzt lächelnde Blicke zu den jungen Frauen, die diese freundlich erwidern. In seiner Detailgenauigkeit und seiner speziellen Atmosphäre muss es ein wertvolles Gemälde des 19. Jahrhunderts gewesen sein, denn ein Antiquitätenhändler versuchte mehrmals, meinen Vater zum Verkauf zu überreden. Er hätte einen Kunden aus dem Hause Wittelsbach, der in dieser Kirche Hochzeit gefeiert hatte und sich sehr für dieses Gemälde interessierte. Direkt neben der Stiftskirche in Berchtesgaden befindet sich das Königliche Schloss der Wittelsbacher, das bis heute deren Sommerresidenz ist.
Ich mochte dieses Bild genauso wie mein Vater, der sich vielleicht dabei an Prinz Ferdinand erinnerte, der mit seinem Vater, meinem Großvater, befreundet war: beide waren Ärzte, beide Laienmusiker, das verbindet. Mein Vater hätte sich zu seinen Lebzeiten nie von diesem Bild getrennt. Die goldene Taschenuhr mit Krönchen und Widmung, die mein Großvater als Geschenk von Prinz Ferdinand erhalten hatte, halte ich hoch in Ehren.
Im Sommer plante Frau Neu ein Schülerkonzert, bei dem ich neben dem Ländler auch noch mit meiner Freundin Ingrid vierhändig ein modernes Stück spielen sollte. Die Angehörigen der Klavierschüler waren eingeladen. Der Ort: das Atelier als Konzertraum.
Durch die Währungsreform von 1948 ging es auch den Neumeiers langsam besser. Aus 100 Reichsmark wurden 10 DM. Über Nacht waren alle Schaufenster mit Textilien, Möbeln und vor allem mit köstlichen Lebensmitteln gefüllt, die wir Kinder noch nie gesehen hatten. Es gab in der Maximilianstraße ein sehr gutes Lebensmittelgeschäft: 100 g Schinken zu DM 0,40 ; für mich nicht so interessant, da ich kein Fleisch und keine Wurst mochte, aber uns gegenüber gab es in der Gelateria Roma italienisches Eis. Als Kriegskind kannte ich nur Wassereis mit künstlichem Aroma. Hier gab es jetzt Schokolade Milcheis und viele andere Sorten. Noch heute erinnere ich mich, wie ich diese Köstlichkeit in einer großen Glasschüssel, die wie eine Blume mit acht Bogen geformt war, mit einem eingeritzten Stern an ihrem Boden, glückselig nach Hause trug.
Um Platz für die Konzertbesucher zu schaffen, wurde das Hexenhäusel abgerissen‘, - ich werde heftig von den Zauberern unterbrochen. Wehlaute ertönen und ein Jammern dringt aus unserem Abteil. Kurz darauf reißt der Schaffner die Tür auf und fragt besorgt, ob alles in Ordnung ist. Herr Friedrichsen winkt ab und als der Schaffner das Abteil verlässt, ist ein unterdrücktes Prusten und Kichern zu hören. So sind sie, die Zauberer: wunderbare und liebenswerte Kindsköpfe. Ich muss auch lachen und genieße jetzt die tolle Stimmung im Abteil. Ich wiederhole schnell den letzten Satz: ‚Um Platz für die Konzertbesucher zu schaffen, wurde das Hexenhäusel abgerissen und anstatt dieses Studios wurden Stühle vor dem Flügel aufgestellt.
Am Tag der Aufführung hatte ich großes Lampenfieber, kam kaum die Treppen hoch und setzte mich still in den Speicher, der als Künstlerzimmer neben Neumeiers Wohnung fungierte. Um mich abzulenken, gab mir Ingrid das zerlesene Exemplar von Mark Twains Huckleberry Finn ihres Bruders zum Lesen. ‚Das ist gut gegen Lampenfieber‘, sagte sie, und so wirkten sich auch die Lausbubengeschichten von Huck Finn und Tom Sawyer, in die ich mich eine Stunde vor Konzertbeginn vertiefte, erheiternd und krampflösend auf mich aus. Dann kam mein Auftritt. Ich steuerte meinen Platz vor dem Flügel an, setzte mich und entdeckte im Publikum meinen Vater. Das gab mir einen gewissen Halt; auch der wohlwollende Applaus und Mark Twains Einfluss lösten meine Anspannung. Den Ländler von Beethoven spielte ich daraufhin auch ganz gut, nur bei dem modernen Stück patzte ich einmal, weil ich Juttas Großmutter im Publikum entdeckte und ihr übermütig zublinzelte. Mein Vater, der sich für mich aus der Praxis losgeeist hatte, starrte übernervös geradeaus; vielleicht hatte er mehr Lampenfieber als ich. Zu meiner Darbietung ließ er kein Wort verlauten.
Nach zehn Monaten Klavierunterricht betrachtete ich meine musikalischen Ambitionen als beendet. Meine verständnisvollen Eltern bestanden auch nicht auf einem weiteren Unterricht. Nur Frau Neu sagte zu meinem Vater, es wäre schade, dass ich aufhörte; ich würde so gute Fortschritte machen, aber dieses Lob führte ich auf die ausfallende Vergütung von Unterrichtstunden zurück.‘
Die junge Frau des Zauberers lacht: ‚Das war bei unserer Tochter genauso.‘
Ich fahre fort: „Meine Interessen liegen beim Theater, dem Erzählen heiterer Geschichten und dem Vorführen von Zauberkunststücken, zu denen mich mein Vater inspirierte.“
Meine Zuhörer im Abteil sind von meinen Geschichten angetan und so erfahren sie, wie ich Herrn Friedrichsen, den Zauberer, kennenlernte.
„Eines Tages kam ein Herr Friedrichsen in die Praxis meines Vaters. Zu dessen großer Freude war dieser Patient Mitglied in einem Münchner Zauberklub.“ Ich wende mich an Herrn Friedrichsen. „Darf ich das erzählen, wie Sie als Patient zu meinem Vater gekommen sind?“ Der Zug fährt gerade in eine Kurve, rattert und pfeift wie zur Zustimmung zweimal recht herausfordernd.
„Ja, natürlich“, sagt Herr Friedrichsen geschmeichelt.
Und dann sprudle ich los: „Da sagt man oft, Frauen würden sich immer gleich alles erzählen, aber Männer machen das anscheinend auch. Schnell kamen beide auf das Wesentliche, ihr Hobby, zu sprechen.“
Die Zauberer im Abteil schmunzeln und ich lese weiter.
„Herr Friedrichsen lud meinen Vater in den Zauberclub ein und der suchte nervös seine besten Kunststücke aus um im Zauberclub vorzuführen. Unter seinen einfachen Tricks, alle vom Zauberkönig erstanden, war auch ein Kartenkunststück, das in diesem Kreis unbekannt war (es war so einfach, dass ich es auch vorführen konnte), und die Zauberer verblüffte. ‚Da komm’ ich nicht mit‘, sagte ein sympathischer, humorvoller Zauberer, den ich bei den Weihnachtsfeiern des Zirkels kennenlernte.“
Die beiden Zauberer nicken zustimmend; sie können sich gut an meinen Vater erinnern.
„Mein Vater führte an einigen Clubabenden seine Zauberkunststücke vor und wurde bald darauf als Mitglied aufgenommen. Diese Zeit genoss ich sehr. Einmal pro Woche ging mein Vater in den Club. Spät abends kam er heim, schon ungeduldig von mir erwartet, führte mir neue Tricks vor und erzählte amüsante Geschichten aus diesem magischen Kreis.
Als Teenager brannte ich darauf, immer neue Kunststücke zu sehen und einzuüben. Mich interessierte, wie Naturgesetze scheinbar aufgehoben, zerschnittene Seile wieder repariert wurden oder eine von einem Zuschauer ins Spiel gemischte Karte, von mir gefunden wurde, aus dem Spiel sprang oder an einem unmöglichen Ort auftauchte. Manchmal fiel mir auch eine lustige Geschichte zu den Kunststücken ein. Für mich war Zauberei eine geistreiche und heitere Beschäftigung, die meine Fantasie anregte und mich glücklich machte.
Leider starb mein Vater kurz nach seiner Aufnahme in den Zirkel. Ob ich auch in den Zirkel aufgenommen werden könne? Das ging leider nicht, denn der Zauberclub war damals eine reine Männerdomäne.“
Die Zauberer schauen verlegen aus dem Fenster.
„Aber da ich so sehr an der Zauberkunst interessiert war und auch Zaubertricks eifrig einübte, wurde ich auf Herrn Friedrichsens Fürsprache 1956 als Einzelmitglied in den Magischen Zirkel von Deutschland aufgenommen, das heißt, ich darf an Zauberkongressen teilnehmen.“
Die Zauberer sind erleichtert und fangen an zu erzählen, wie sie selbst zur Zauberei gekommen sind. Sie gestehen, dass sie keine Frauen kennen, die zaubern.
„Ich bin auch die einzige in meinem Umfeld mit diesem Hobby, sage ich. Ich trage einiges zur Unterhaltung bei im Freundeskreis und in der Schule. Und in Ruhpolding hat man meinen ersten Preis im Abfahrtslauf unseres Skikurses sogar auf magische Fähigkeiten zurückgeführt.“
Der jüngere Zauberer fragt mich, wie denn mein Vater auf meine Zauberei reagiert habe.
„Das wollte ich Ihnen gerade vorlesen, denn ich habe meinen Paps ziemlich irritiert.“
„Als Teenager beherrschte ich neben einigen einfachen Kartenkunststücken, die mir mein Vater beibrachte, auch einige sogenannte Aufsitzer. Das sind keine Zauberkunststücke, sondern Gags, die der Zuschauer durchschaut und die für Heiterkeit sorgen.“ Die Zaubergemeinde im Abteil nickt beipflichtend.
„Aus Spielfreude testete ich eines Tages einen solchen an meinem Vater. Ich ließ ihn ein Kartenspiel mischen, dann sollte er sich eine Karte aussuchen, diese sich merken und wieder ins Spiel mischen. Ich konnte also seine Karte überhaupt nicht kennen. Mein Vater machte eine skeptische Miene und gab mir das gemischte Kartenspiel zurück, nachdem er sich eine Karte gemerkt hat. Ich gab vor, das Spiel zu durchsuchen, hatte natürlich keine Ahnung von seiner Karte, legte eine x-beliebige Karte unter das Spiel, hob das Spiel hoch, die unterste Karte war mir zugewandt. ‚Ich habe die Karte vor mir. Wie heißt deine Karte?‘, fragte ich meinen Vater.
Normalerweise nennt der Zuschauer seine Karte, der Zauberer schaut sich die Karte an, es ist natürlich nicht die gewählte, und sagt dann: „Stimmt“, und steckt das Kartenpäckchen ein. Der Zuschauer ist zuerst verblüfft, erkennt den Scherz und lacht. Mein Vater, etwas irritiert von meiner Überzeugung, nannte also seine Karte: ‚Herzbube‘, ich schaute meine willkürlich ausgesuchte Karte an und konnte es gar nicht fassen. Es war tatsächlich der Herzbube! So ein Glückstreffer, und das bei meinem Vater, der mir sowieso nichts zutraute. Das war wie ein Lottogewinn. Ein bisschen schauspielern machte mir Spaß, so drehte ich ganz langsam, was die Spannung bei meinem Vater erhöhte, die Hand um und zeigte ihm mit unverhohlenem Triumph das Kartenspiel mit der untersten Karte: Es war der Herzbube! – Hochgradige Verblüffung aufseiten meines Vaters, aber keine Freude. Woher kennt denn die Kleine – ich wurde mit 17 Jahren immer noch die Kleine genannt – so ein Kunststück? Selbst ich kenne das Kunststück gar nicht und sie hat doch alle Kunststücke von mir, dachte er sich wahrscheinlich. ‚Mach das noch mal‘, sagte er kategorisch. Ich war überglücklich und genoss meinen unerwarteten Triumph. ‚Das geht nicht, Paps‘, sagte ich schließlich, ‚das ist einmalig.‘ Ich zierte mich noch ein wenig; schließlich verriet ich ihm, dass es nur ein verdammt seltener Zufall war. Jetzt lachte mein Vater erleichtert. Er hatte mir das Kunststück selbst beigebracht, allerdings nicht mit diesem wahrhaft magischen Effekt. Er kannte es nur als Aufsitzer.“
Alle im Abteil lachen herzlich. Ein bisschen Schadenfreude ist auch dabei. Dann erzählen sie ähnlich heitere Erfahrungen aus ihrem Zauberleben. Ihre Frauen kichern, denn sie sind oft Versuchsobjekte.
Herr Friedrichsen fragt mich, wer mir denn am besten auf dem Kongress gefallen hat. Spontan antworte ich: „Musty und Fred Kaps.“ Da sind wir uns alle einig.
„Da ist noch etwas, was mich fasziniert hat“, sage ich. „Ein Zauberer hat das Magische Quadrat vorgeführt. Ein Zuschauer sollte eine beliebige Zahl nennen, die der Vorführende auf eine Tafel schreibt. In ein bereits vorskizziertes Quadrat mit 16 Feldern schreibt der Magier verschiedene Zahlen, die am Schluss alle in der Quersumme die gleiche Zahl ergeben, sowohl waagrecht als auch senkrecht und auch quer durch das Quadrat. Auch die vier Eckzahlen ergeben die gleiche Summe. Und das blitzschnell. Einfach toll!“, begeistere ich mich.
„Das ist auch ein besonders schönes Kunststück“, meint Herr Friedrichsen. Magische Quadrate wurden schon in arabischen Manuskripten aus der Zeit um 900 nach Christus erwähnt. Zusammen mit anderen orientalischen Kulturgütern wie Schach und Spielkarten sind sie zu uns ins Abendland gekommen. Im Handlexikon der magischen Künste von Hans Biedermann können Sie mehr darüber erfahren, aber natürlich keine Trickerklärung“, sagt er lächelnd.
„In meiner Familie gibt es auch eine magische Zahl“, sage ich. „Es ist die 17. Mit 17 musste mein Vater 1914 in den Krieg nach Frankreich ziehen, und durch einen glücklichen Zufall ist er in Verdun nur durch einen Streifschuss verletzt worden. Ich war 17, als mein Vater starb und sein älterer Bruder ist mit 17 vor der elterlichen Wohnung tödlich verunglückt. Ich habe in diesem Zusammenhang etwas sehr Geheimnisvolles erlebt, das nie aufgeklärt wurde und das mich bis heute beschäftigt. Wollen Sie es hören?“, frage ich in die Runde. „Ja, gern“, stimmen alle zu. Etwas Geheimnisvolles interessiert Zauberer immer.
„Ich wachte am frühen Morgen auf, es war noch fast dunkel, und hörte, wie jemand Klavier spielte. Neugierig öffnete ich das Fenster. Kalte Luft strömte ins Zimmer. Es hatte geschneit. Jetzt hörte ich das Klavierspiel deutlicher. War es Frau Reichl, die Mutter meiner Spielkameraden Walter und Klausi? So früh am Morgen? Aber ihr Haus gegenüber der Straße lag zu weit weg, um die Melodie so deutlich hören zu können. Außerdem schlug Frau Reichl grob auf das Klavier, genauso wie sie Walter oft schlug; ich hörte ihn manchmal schreien.
Diese Melodie war jedoch anders, sehr zart und heiter. Sie war sehr schön, und trotzdem fühlte ich mich unbehaglich, weil ich ahnte, woher sie kam. Sie kam direkt aus dem Zimmer unter mir, wo unser schwarzes Klavier stand. Trotz der Kälte lehnte ich mich aus dem Fenster, um zu sehen, ob Licht durch die Fensterläden drang. Aber alles war finster. Jemand spielte auswendig im Dunkeln. Wer war es, und wie war er ins Haus gekommen? Ich schloss leise das Fenster und wollte hinüber zum Schlafzimmer meiner Eltern am Ende des Korridors. Aber da war der knarzende Holzboden, das Geräusch hätte man unten hören können; so sperrte ich meine Tür ab und kroch zitternd vor Kälte und Angst unter die Bettdecke.
Irgendwann wachte ich auf und hörte Schritte vor meiner Tür. Es war heller Tag. Ich sah, wie sich die Türklinke ein paarmal langsam auf und ab bewegte, dann immer schneller und energischer. Kein Klavierspiel war mehr zu hören. War er jetzt heraufgekommen? Ich hatte furchtbare Angst. Wieder bewegte sich die Türklinke.
‚Gerda, warum hast du denn abgesperrt?‘, rief meine Mutter streng.
Erleichtert öffnete ich die Türe. ‚Mama, er hat aufgehört‘, sagte ich aufgeregt.
‚Wer hat was aufgehört?‘, fragte meine Mutter.
Ich erzählte ihr die Geschichte und wir beide schlichen vorsichtig über den Holzboden zu meinem Vater.
Meine Mutter packte meinen schlafenden Vater an den Schultern: ‚Hermann, unten ist ein Einbrecher.‘
Und ich: ‚Er hat auf unserem Klavier gespielt.‘
Mein Vater, noch ganz verschlafen, murmelte ungläubig: ‚Was? Ein Einbrecher spielt auf unserem Klavier?‘ Er kicherte. Plötzlich war er hellwach: ‚Was? Ein Einbrecher spielt auf unserem Klavier?‘
Rasch zog er seine Hose über die Pyjamahose, schnappte sich seinen Revolver vom Nachttisch – es war gegen Kriegsende und wir lebten in einer einsamen, unsicheren Gegend – und rannte die Treppe hinunter, meine Mutter und ich hinterher.
Er drückte die Türklinke des Klavierzimmers herunter, die Tür war verschlossen wie alle Zimmer unten im Parterre, die mein Vater jeden Abend abschloss. Aber zu dieser Tür fehlte der Schlüssel.
‚Das ist seltsam‘, sagte er nachdenklich. Er rief den Dorfschlosser an, um einen Ersatzschlüssel zu bestellen. ‚Er kommt in einer halben Stunde. Wir können inzwischen frühstücken‘, sagte mein Vater.
In der Zwischenzeit ging er um das Haus herum. Die Läden der Fenster und der Terrassentüre waren geschlossen, auch gab es keine Fußspuren im Schnee. Als der Schlosser kam, zeigte ihm mein Vater die rätselhaft verschlossene Tür.
Der Schlosser schaute durch das Schlüsselloch und sagte: ‚Herr Doktor, wir brauchen keinen Ersatzschlüssel. Der Schlüssel steckt innen. Gibt es eine zweite Tür zu diesem Zimmer?‘
‚Natürlich nicht‘, schnaubte mein Vater.
‚Das ist seltsam‘, sagte der Mechaniker.
Die Erwachsenen waren ziemlich nervös. Warum nur? Ich fühlte mich gut. Der Klavierspieler hatte aufgehört, es war ein heller Tag und meine Eltern waren bei mir.
‚Papa, wenn der Schlüssel innen steckt, dann muss doch jemand im Zimmer sein, gell?‘, fragte ich und schaute meinen Vater erwartungsvoll an.
Er antwortete nicht.
Ich sah winzige Schweißtropfen auf seiner Stirn. Warum war mein Vater so aufgeregt? Der Schlosser hatte inzwischen Türklinke und Schloss abgeschraubt; die Tür war offen; die beiden Männer gingen hinein, danach meine Mutter und ich als Letzte. Niemand war im Zimmer; Terrassentür und Fenster waren verschlossen, nichts fehlte. Ich schaute zum Klavier, der Klavierdeckel war geschlossen.
Ich war froh, dass es diese Geschichte mit dem Schlüssel gab, sonst hätten meine Eltern wie so oft gesagt: ‚Das Kind hat zu viel Fantasie; sie denkt zu oft an Geister, Hexen und Zauberer.‘
Nachdem der Schlosser gegangen war, setzten wir uns in unsere Bauernstube mit dem Kachelofen, der eine wohlige Wärme ausstrahlte, im Unterschied zu den anderen ungeheizten Zimmern. Während wir stillschweigend unsere Suppe löffelten, sagte mein Vater plötzlich: ‚Ob der Fritzl wohl zurückgekommen ist?‘
Meine Mutter ließ vor Schreck den Löffel in den Suppenteller fallen und starrte meinen Vater an, genau wie ich. Fritzl war der ältere Bruder meines Vaters und ist schon lange tot; das wusste ich. Aber war es möglich, dass ein toter Mann zu uns kam und auf unserem Klavier spielte? Glaubte mein Vater denn an Geister?
Mein Vater schaute mich an und sagte: ‚Fritzl war im Wilhelmsgymnasium und …‘
‚Nein! Nicht diese Geschichte!‘, kreischte meine Mutter. ‚Das Kind ist zu jung.‘
‚Die Gerda ist alt genug‘, sagte mein Vater.
Das fand ich auch. Ich war schließlich schon sechs Jahre alt, und ich wollte jetzt die ganze Geschichte über den Fritzl hören.
Mein Vater fuhr fort: ‚Fritzl war 17 Jahre alt, er hätte damals sein Abitur gemacht. Er spielte hervorragend Klavier und wollte Pianist werden. ‚Wenn Ihr Sohn sein Abitur gemacht hat, soll er zu mir kommen‘, sagte Felix Mottl, der Dirigent des Prinzregententheaters, zu deinem Großvater, ‚und ich werde ihn unter meine Fittiche nehmen.‘ Eines Tages, es war kurz vor Weihnachten, Fritzl hatte es eilig, er musste zur Generalprobe für die Weihnachtsfeier ins Gymnasium. Du kennst doch die Wohnung deiner Großeltern in der Maximilianstrasse.‘
‚Ja!‘ , sagte ich.
‚Fritzl hatte die Wohnung verlassen, eilte auf die vereiste Straße, rutschte aus und fiel mit dem Hinterkopf gegen die Mauerecke, dass er bewusstlos zusammenbrach. Passanten fanden ihn und hoben den leblosen Körper hoch. ‚Wo ist der nächste Arzt?‘, fragte jemand. ‚Da, in diesem Haus‘, sagte ein anderer ,im 2. Stock, Dr. Roeder.‘ So brachten dann zwei Männer meinen Bruder zu deinem Großvater, der nur noch fassungslos seinen toten Sohn im Arm halten konnte.‘ Weinend umarmte ich meinen Vater.“
Es ist ganz still im Abteil, meine Zuhörer sind berührt und schweigen. Ich habe diese Geschichte schon einige Male erzählt, immer wieder bewegt sie mich stark und kommt mir auch unheimlich vor. Und auch jetzt beim Vorlesen versagt mir die Stimme.
Die Abteiltür wird aufgerissen. „Die Fahrkarten, bitte“, ruft der Schaffner. Wir schrecken hoch. Als er unsere Fahrkarten kontrolliert hat und die Abteiltür schließt, kommt wieder Bewegung in unsere kleine Gesellschaft.
Ich hole tief Luft und sage: „Ich danke Ihnen allen, dass Sie mir so lange zugehört haben, und Ihnen“, ich schaue die Frau des Zauberers mit dem Schnauzbart an, deren Mitgefühl ich besonders gespürt habe, „danke ich besonders. Ich habe den großen Wunsch, zaubern zu lernen.“
Sie lächelt mich an: „Tun Sie es und vor allem, schreiben Sie weiter.“
Wir lachen plötzlich alle befreit.
Herr Friedrichsen meldet sich zu Wort: „Da wir uns jetzt schon so gut kennen …“, wieder müssen wir lachen – es klingt freundschaftlich und nach Einverständnis. „Der Zauberkongress in Wien ist 1958, also schon in zwei Jahren. Wollen wir uns da alle wieder treffen?“, fragt er und schaut in die Runde.
Wir nicken zustimmend und tauschen noch schnell unsere Telefonnummern aus, denn der Zug fährt langsam in den Hauptbahnhof München ein.
