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Für jeden Apfel ist eine Birne anders, was sie aber nicht unbedingt schlechter macht. Nur eben anders! Nach diesem Motto versucht der Held des Romans sein schwules Leben erfolgreich zu gestalten. So erlebte er die spießigen 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, genoß die sexuelle Revolution, und verlor auch im Alter und bei schwerer Krankheit nie die Hoffnung. Dieses Buch ist ein echter Mutmacher. Eine Kritik: Dieser Roman ist eine tolle und bewegende Autobiografie. Das Leben eines homosexuellen Mannes sowohl damals in den 50er- und 60er-Jahren, als auch in der heutigen Zeit, ist ein interessantes und berührendes Thema. Es ist sowohl gesellschaftskritisch als auch persönlich, emotional und aufrüttelnd.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Eine Birne unter Äpfeln
Autobiografischer Roman von Hanns Bierner
2013 in Buchform erschienen,
seit 2019 nicht mehr lieferbar
2022 als eBook neu herausgegeben von Jacobus Kamermans, ASPERA AD ASTRA
published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de
Hörbuch 2016 (gesprochen von Matthias Lühn): 61/2 Stunden
Alle Personen und Namen innerhalb dieses autobiografischen Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Trotz intensiver Recherche war es nicht in allen Fällen möglich, die Rechtsinhaber der Bilder ausfindig zu machen. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Prolog zum eBook „Eine Birne unter Äpfeln”
Zum Autor Hanns Bierner
Hanns Bierner zu seinem Buch
Jacobus Kamermans zum neuen eBook
Leser - Rezensionen
Topografische Karte
Vorwort
Wie die Idee kam, alles niederzuschreiben …
Die Zugspitze
Wasser
Leonhard - oder: meine persönliche Hochalm
Leonhard Teil 2 - oder: die Talfahrt
Die Dame mit dem großen Hut
Heiner - sonst keiner!
Heiner Teil 2 - oder: Denkwürdiges im Thermalbad
Interim
Epilog
Vor den Toren Hamburgs - oder Roman
In mir brennt die Neugierde-Teil 1
In mir brennt die Neugierde-Teil 2
In mir brennt die Neugierde- Teil 3
Interim
Erna
Nachtrag
Amsterdam, mon amour!
Amsterdam, mon amour - Teil 2
Sylter Impressionen
Prolog
Sylt
Ado - Teil 1
Ada - Teil 2
Ado - Teil 3 … die Kreise werden kleiner …
Ado - Teil 4 … die zerbrochene Schale
Ich in eigener Sache - per aspera ad astra
Ich ad astra?
Das Leben geht weiter!
EPILOG oder der große Bronzeengel mit der lilafarbenen Flamme der Transformation
Für jeden Apfel ist eine Birne anders was sie aber nicht unbedingt schlechter macht. Nur eben anders! Nach diesem Motto versucht der Held des Romans sein schwules Leben erfolgreich zu gestalten. So erlebte er die spießigen fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, genoss die sexuelle Revolution, und verlor auch im Alter und bei schwerer Krankheit nie die Hoffnung.
Dieser Roman ist eine tolle und bewegende Autobiografie. Das Leben eines homosexuellen Mannes sowohl damals in den 50er und 60er Jahren, als auch in der heutigen Zeit, ist ein interessantes und berührendes Thema. Es ist sowohl gesellschaftskritisch als auch persönlich, emotional und aufrüttelnd.
Hanns Bierner wurde 1946 in Lenggries an der Isar (Tölzerland) geboren und lebte in Augsburg am Lech, eine der ältesten Städte Deutschlands. Er sah sich als authentischer Chronist des bürgerlichen Lebens in Bayern seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und hat seinen Focus besonders auf die Entwicklung der Tolerierung und Anerkennung homosexueller Menschen in dieser Zeit ausgerichtet - und dabei viel Autobiografisches verarbeitet. Hanns Bierner möchte so für mehr Anerkennung für diesen Personenkreis werben und sowohl jüngeren als auch älteren Betroffenen Mut machen.
Die im Juni 2013 erschienene „Eine Birne unter Äpfeln” – Druckauflage ist wegen Verlagskonkurs bereits seit längerer Zeit nicht mehr erhältlich. Doch Hanns Bierners authentischen Mutmacher-Texte werden weiterleben in diesem von Jacobus Kamermans Mitte 2022 neu herausgegebenen eBook mit gleichem Titel und Inhalt - aber neuem Cover. Als echter Mutmacher soll das Buch auf diese Art und Weise zumindest in digitalisierter Form wieder zugänglich werden. Das 2016 vom Matthias Lühn besprochene „Eine Birne unter Äpfeln” – Hörbuch wird noch im Handel geführt.
Für jeden Apfel ist eine Birne „anders” was sie aber nicht unbedingt schlechter macht. Nur eben anders.
Für jeden Apfel ist eine Birne anders, was sie aber nicht unbedingt schlechter macht. Nur eben anders! Nach diesem Motto versucht der Held des Romans sein schwules Leben erfolgreich zu gestalten. So erlebte er die spießigen fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, genoss die sexuelle Revolution, und verlor auch im Alter und bei schwerer Krankheit nie die Hoffnung. Dieser Roman ist nicht nur eine tolle und bewegende Autobiografie, sondern auch ein echter Mutmachen: Das Leben eines homosexuellen Mannes sowohl damals in den 50er und 60er Jahren, als auch in der heutigen Zeit, ist ein interessantes und berührendes Thema. Es ist sowohl gesellschaftskritisch als auch persönlich, emotional und aufrüttelnd.
Ich dachte, es gibt doch mehr Menschen, die homosexuell sind und ihren Weg im Leben gehen müssen. Ich hatte keine einfaches Leben, aber ich habe es gemeistert. Und wenn ich so zurück blicke, bin ich sehr froh, dass ich mich einfach verwirklichen konnte. Verbogen habe ich mich nie. Nachdem mein erstes Buch auf dem Markt erschienen war, ist mein Leben nicht still gestanden. Es ging weiter, Höhen und Tiefen blieben nicht aus. Lustiges und Trauriges, wie das Leben so spielt. Der Erstling wurde ein großer Erfolg. Er ist jetzt auch als Hörbuch erschienen und wird von dem Ausnahme-Sprecher Matthias Lühn unvorstellbar lebendig gesprochen.Ich aber habe mich nach vielen sehr positiven Rezensionen und Reaktionen dazu durchgerungen, auch meine Geschichte im Alter wieder niederzuschreiben. Ich denke, der zweite Teil ist genau so lustig - und auch traurig, wie der erste: „Life is life!”
Dazu ist es jedoch nicht mehr gekommen: Hanns Bierner verstarb Mitte 2017 gänzlich unerwartet an nächtliches Herzversagen. Dieses eBook als (digitalisierter) Nachfolger seines zwar noch immer im Internet geführten aber nicht mehr erhältlichen 2013-Taschenbuchs ist seitens seines Freundes und Herausgebers Jacobus Kamermans als stille Hommage an einen besonderen Menschen gedacht.
PER ASPERA AD ASTRA
peakload 22. Juni 2013
ein tolles und anrührendes Buch
Dieses Buch hat mich wirklich berührt. Etwa im selben Alter wie der Autor finde ich mich in faszinierender Weise mit meinen Erfahrungen wieder. Als roter Faden zieht sich durch das Buch die plastische, manchmal dralle, immer anrührende Liebesgeschichte des Autors mit seinem Lebensgefährten,bis zu dessen Tod. Die Episoden, die sich um dies Beziehungsgeschichte ranken, schildern meist die fröhlichen und komischen, aber auch die ernsten Seiten des schwulen Lebens von der bleiernen Adenauer-Zeit bis zur heutigen relativen Freizügigkeit für schwule Menschen.
So können dem Leser zwischen Kichern und herzhaftem Lachen auch mal die Tränen in die Augen treten.- Ein Buch für ältere Schwule, die sich wiedererkennen können;- Ein Buch für junge Schwule, die etwas über die Siege und Niederlagen ihrer älteren Brüder und Schwestern erfahren wollen;- Ein Buch für Nicht-Schwule, die die Situation der Homosexuellen, ihre Ängste, ihre Freuden verstehen wollen.- Ein richtiger Mutmacher. - Beide Daumen nach oben
Schöneberger 22. Juni 2019
beeindruckend, berührend und humorvoll
Eins vorweg: Meine Rezension bezieht sich auf das Hörbuch, das mir kürzlich auf angenehmste Weise einen 11-Stunden-Flug verkürzt hat - und das nicht zuletzt auf Grund der exzellenten Vortragsweise des Sprechers Matthias Lühn. Gleich zu Anfang ein ganz großes Kompliment dafür!Das Buch selber liest bzw. hört sich sehr flüssig und unterhaltsam. Im Hörbuch erklingen nach jedem Kapitel ein paar Takte "Kann denn Liebe Sünde sein?" von Zarah Leander (geschrieben bekanntlich übrigens von dem schwulen Schlagertexter Bruno Balz, der in der NS-Zeit wegen seiner Homosexualität mehrfach inhaftiert war).Die Einspielung dieses Liedes hat seinen Sinn. In der Zeit, in der Bierner sein Coming Out erlebte, Mitte der 60er, standen Schwule noch mit einem Bein im Knast. Gesellschaftlich-politische Unterstützung gab es keine. Sprüche wie "Unter Adolf hat man sowas wie dich vergast, und das war auch richtig so" waren an der Tagesordnung. Schwule Außenminister, Bürgermeister oder Fußballer gab es noch nicht, und auch keine Schwulen Überfalltelefone.
Wer im Park oder auf einer "Klappe" zusammengeknüppelt wurde, traute sich nicht zur Polizei. Und wenn doch, bekam er zu hören: "Selbst schuld. Was müssen Sie sich da auch Nachts rumtreiben?!"
Wer sich in schwule Bars traute, war zwar sicher vor Überfällen, ging aber das Risiko ein, beim Betreten oder Verlassen gesehen zu werden. Und im Gegensatz zu Parks oder öffentlichen Toiletten konnte man sich bei Kneipen auch nicht rausreden, man sei da zufällig reingeraten. An die damals übliche Kontaktaufnahme ("Der Herr da drüben will wissen, was du trinken willst") kann ich mich auch noch gut erinnern. Das einzige, was uns Schwule damals über die gesellschaftliche Diskriminierung tröstete, waren die Lieder "unserer" Lieblinge wie Zarah Leander, Hildegard Knef oder Marlene Dietrich. Ihre Texte konnten wir mitsingen und taten das auch ausgiebig.
Sie erzählten nicht nur von ewiger Liebe zu schönen Kerlen, von denen wir alle träumten. Unsere Diven machten damals auch mehr oder weniger als einzige (!) öffentlich keinen Hehl aus ihrer Sympathie für uns Homos. Dafür waren wir ihnen unendlich dankbar, und Liedzeilen wie "Liebe kann nicht Sünde sein, und wenn sie es wär, dann wär's mir egal, lieber will ich sündigen mal als ohne Liebe sein" mussten als ganz persönliches und intimes Glaubensbekenntnis herhalten - so ungefähr das einzige, was einen damals aufbaute.
Bierners Buch ist eine Hommage an diese vergangene Epoche. Für mich, der ich gerade mal elf Jahre jünger bin als er, ist es eine schöne Reminiszenz an meine Jugend - obwohl dieses Jahrzehnt Altersdifferenz einen gewaltigen Unterschied macht - nämlich den vor und nach Stonewall. Als ich Mitte der 70er als damals 20-Jähriger die Schwulenszene unsicher machte, gab es "den" Paragrafen zwar noch, er galt aber für Erwachsene schon nicht mehr. Wir konnten schon straffrei und (fast) ohne Angst miteinander ins Bett gehen.
Sehr berührend schildert der Autor, wie er nach fast vierzig Jahren den Tod seiner großen Liebe Ado verkraften musste, wie er es trotzdem schaffte irgendwie weiterzuleben, wie er selbst ins Krankenhaus musste und Dank seiner Verwandten und Freunde über die Runden kam. Das ist ehrlich und beeindruckend, und man muss beim Lesen nicht nur schmunzeln, sondern zuweilen auch heftig schlucken.Ein sehr gelungenes Buch, das man vor allem jüngeren Leuten ans Herz legen möchte - aber beileibe nicht nur denen.
Leseprinzessin 18. November 2013
Unterhaltsame Autobiographie und wichtiges Zeitzeugnis über Homosexualität in Deutschland: "Geschichten aus meinem Leben. Keine richtigen Memoiren. Bloß so kleine Häppchen, so wie Sushi!". Hanns Bierner verspricht mit dem Untertitel seines autobiographischen Romans "Eine Birne unter Äpfeln" "bunte Episoden aus einem langen, bewegten schwulen Leben", was ihm auf unterhaltsame, ehrliche und berührende Weise gelingt.
In kurzen, nicht immer zusammenhängenden Kapiteln erzählt er von seiner Kindheit und Jugend in den prüden 50igern und 60igern, ersten Schwärmereien und Entdeckungen der eigenen Sexualität im Gegensatz zur gesellschaftlich vorgegebenen Rolle, dem Suchen nach der großen Liebe und einer vertrauenvollen Partnerschaft, der sexuellen Revolution und dem offiziellen Schritt des Outings. Höhe-, Tief- und Wendepunkte im Leben werden authentisch beschrieben, lassen jederzeit Charme, Humor und Hoffnung erkennen.
Der autobiographische Roman ist Zeitzeugnis und Mutmacher in einem: Zeitzeugnis über das Leben homosexueller Menschen und deren Wahrnehmung in den letzten Jahrzehnten, Mutmacher für das Ausleben der eigenen Gefühle und eigener Lebensentwürfe für homo- und heterosexuelle Menschen sowie für ein Umdenken iMn Gesellschaft und Politik.
Johanna Kamermans 28. Mai 2016
Wunderbare Zeitreise durch eine gelebte, schwule Vergangenheit
Der Autor Hanns Bierner hat mit diesem berührenden Buch gezeigt wieviel Mut und Duchhaltevermögen es gebraucht hat, sich in den schwierigen, überaus homophoben Jahren der deutschen Vergangenheit einen allseits anerkannten Platz in der Gesellschaft zu finden. Er tut das mittels vieler sehr einfühlsam erzählter Erlebnisse als offen lebender, schwuler Mann in vergangenen Jahrzehnten des gesellschaftlichen Widerstandes und spricht durch seine offenherzige Erzählweise ganz sicher auch die vielen schwulen Männer an, die mit ihm gleichfalls allmählich in die Jahre gekommen sind. Und ganz sicher über ähnlich schöne aber manchmal auch weniger schöne Erfahrungen verfügen dürften.
Deshalb lieber Hanns Bierner: "Hut ab für dieses Ihr wunderbare Buch" und ich werde sicherlich mal zu einer Ihrer Lesungen kommen. Aufmerksam auf diese schöne Zeitdokument bin übrigens geworden durch die Tatsache, dass es jetzt seit Mitte 2016 auch noch ein Hörbuch gibt, das überall (u.a. bei Audible.de) mühelos als Audio-Bestand gedownloaded werden kann. Höffentlich werde wir im Balde noch etwas mehr von diesem einfühlsamen Erzähler hören.
Stefan Sabo 14. September 2016
Eine grandiose und bewegende Lebensgeschichte, die mich emotional bewegt und gleichzeitig sehr fasziniert hat. Ich habe viel gelacht, teils auch geweint weil es doch so einige schöne Parallelen zu meinem Leben gibt. Vielen Dank, das Sie mit diesem Buch den Lesern näher bringen, dass wir männerliebenden Männer auch nur Menschen mit viel Gefühl und Bedürfnissen sind, wie jeder andere Mensch auf dieser Welt auch. Vielen Dank
Leser-Zitat:„Dieser Roman ist eine tolle und bewegende Autobiografie. Das Leben eines homosexuellen Mannes sowohl damals in den 50er und 60er Jahren als auch in der heutigen Zeit, ist ein interessantes und berührendes Thema. Es ist sowohl gesellschaftskritisch als auch persönlich, emotional und aufrüttelnd.“
„Durch das Raue zu den Sternen“
Leibspruch von Hanns Bierner
Kunstobjekt “PER ASPERA AD ASTRA“/StephanRuchArt
Per aspera ad astra, wörtlich „durch das Raue zu den Sternen“, ist eine lateinische Redewendung. Sie bedeutet: „Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen“ oder „Durch Mühsal gelangt man zu den Sternen“.
Diese Redewendung hat ihren Ursprung bei Seneca. Sie stammt aus seiner Tragödie “Hercules furens” (“Der wildgewordene Herkules”). Dort heißt es: „Non est ad astra mollis e terris”: „Es ist kein weicher (= bequemer) Weg von der Erde zu den Sternen“.
Doppelherme Seneca in Antikensammlung Berlin
Lucius Annaeus Seneca, genannt Seneca der Jüngere, war ein römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker und als Stoiker einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Seine Reden, die ihn bekannt gemacht hatten, sind verloren. Er stammte aus dem spanischen Cordoba
Geneigte Leserin, geneigter Leser, seit ich Bücher lese, frage ich mich immer wieder: wozu braucht ein Buch ein Vorwort? Man will doch gleich mitten rein in die Story. „Keine graue Theorie, bitte!"
Nun, wo ich selber ein paar Kurzgeschichten zum Besten geben will, merke ich: Ohne Vorwort geht gar nichts. Darum stürzen wir uns einfach mal rein:
Jede Menge Fragen: Wer bin ich, warum schreibe ich diese Geschichten überhaupt auf - und für wen? Was will ich überhaupt damit sagen - oder gar bewirken? Fragen über Fragen.
Jetzt bin ich selber auf die Antworten gespannt.
Also, wer bin ich? Ich bin ein älterer Herr, Mitte Sechzig, (zu) groß gewachsen und ein Leben lang etwas übergewichtig, nicht unattraktiv, charmant und freundlich, mit einer lieben aber konservativen Familie und einem beglückenden Freundeskreis gesegnet, meist lustig und unterhalte mich besonders gerne mit Frauen jeden Alters.
Seit vor über drei Jahren mein Lebenspartner gestorben ist, bin ich Witwer (worauf ich gesteigerten Wert lege - und nicht „Junggeselle") - und ich bin schwul.
Wenn hier gleich jemand schlucken muss und denkt: der alte Depp sollte sein abartiges Geschlechtsleben doch nicht so aus dem Fenster halten … Wenn man so ist, dann behält man das unter der Decke. Notfalls kann man ja mal ganz guten Freunden andeuten, dass man sich dem eigenen Geschlecht zugeneigt fühlt. - So ein Leser oder eine Leserin sollte das Büchlein gleich wieder aus der Hand legen. Es könnte ein zartes Gemüt verletzen.
Denn ich habe ein sehr erfülltes leben hinter mir. Mich hat meine geschlechtliche Orientierung dieses Leben lang verfolgt. So gut wie nie ein Gedanke, der nicht gleich durch diesen Fakt relativiert worden wäre. Ich habe oft sehr darunter gelitten, aber manchmal auch unendlich großes Glück erlebt. Viele kleine Glücksmomente so wieso.
Ich bin auch ein Zeitzeuge des schwulen Lebens und der schwulen Befindlichkeiten in den letzten sechs Jahrzehnten. Hineingeboren in ein unerträgliches Klima von Verlogenheit. Bigotterie, sexueller Unterdrückung, und offenem Schwulenhass habe ich glücklicherweise im laufe der Jahrzehnte eine offenere Gesellschaft heranwachsen sehen dürfen. Und wir, mein Lebenspartner und ich haben viel dafür getan, dass man Menschen mit gleichgeschlechtlicher Veranlagung zumindest im Familien- Freundes- und Bekanntenkreis eigentlich voll akzeptiert. Darauf waren wir auch immer unendlich stolz.
Aber was heißt das? „Man toleriert uns …" Das - Pardon - ist mir immer noch deutlich zu wenig!
So habe ich auf meine alten Tage beschlossen, mich aus meinem in Jahrzehnten mit viel Geschick und Feingefühl aufgebauten, bequemen und wohnlichen Schneckenhaus heraus zu wagen, um mit meinen teils lustigen, teils traurigen, manchmal auch etwas (homo-)erotischen kleinen Geschichten zu zeigen, dass Schwule eigentlich ganz genau so sind wie Du und ich. Ich möchte das allen Heteros zeigen, die meinen, sie müssten sich über uns erheben. Aber gerade auch den jungen Schwulen und Lesben, denen heute immer noch eingeredet wird, welche Sünde auf ihnen lastet und wie minderwertig sie im Vergleich zu dem „normalen" Jungen oder Mädchen von nebenan sind, den Rücken stärken. „Normal" zu sein ist weder ein Verdienst noch eine besonders hervorzuhebende persönliche. Eigenschaft.
Für jeden Apfel ist eine Birne „nicht normal"!
Ich stehe hier in Bonn-Kessenich in einem bürgerlichen Wohnviertel und betrachte die zweistöckigen, gepflegten und renovierten Wohngebäude.
Die Häuser sind fast so alt wie ich, wohl sechzig Jahre und haben sich sehr gut gehalten. Eingebettet in gepflegten Rasen und Ziersträucher. Nur da, wo früher ein Sandkasten war, wurde ein großes Beet gepflanzt. Die hölzerne Umrandung ist aber noch erhalten.
Hier habe ich einen Teil meiner Kindheit verbracht. Ein groß gewachsener hübscher Junge mit dichten blonden Haaren, sieben Jahre jung, wohlerzogen und wohlbehütet, aus gutbürgerlichem Hause, ein guter Schüler, aber mit einem Handicap: ein echter Bayer, mitten unter Bonnern. Ein Außenseiter. Und er spürt es mit schmerzendem Unbehagen: Ich bin auch sonst etwas anders. Wie soll ich mein Leben meistern??
Heute, nach etwa sechzig Jahren stehe ich also wieder da. Und wenn ich so zurück blicke: Ja! Ich habe es geschafft. Ich bin nicht zerbrochen, ich blicke auf ein erfülltes Leben zurück, habe gut und bürgerlich gelebt, habe mir „die Hörner abgestoßen" und habe über fast vier Jahrzehnte eine sehr glückliche Zweierbeziehung gelebt. Nur der Tod konnte sie beenden - wenn überhaupt.
Bin aber auch durchs Fegefeuer gegangen, habe mein fürchterliches Knäuel an „Karma", das mir in die Wiege gelegt wurde, entwirrt - und das ohne daran zu Scheitern.
Nur eins habe ich nie getan: Ich habe mich nicht verbiegen lassen. Und darauf bin ich heute so unendlich stolz.
Wie fing das eigentlich alles an? Ich versuche mich zu erinnern …
Do YOU KNOW WHAT LIFE IS?
TO LOVE SOMEBODY!
Wer kennt ihn nicht diesen alten Schmachtfetzen; vor Jahrzehnten gesungen von Nina Simone, einer dunkelhäutigen, sehr erotischen Sängerin?
Do you know, what life is? To love somebody - the way I love you! Aha, das Leben lernt nur kennen, wer weiß, was Liebe ist …
Der Rest ist einfach eine wunderschöne Ballade über die bittersüße Liebe zwischen Mann und Frau. Aber so weit bin ich dem englischen Text gar nicht gefolgt. Mir reichten die ersten Zeilen, die Musik und Simones erotische Stimme.
Anscheinend habe ich dieses Lied als ganz junger Mensch zu oft gehört und zu sehr verinnerlicht. So suchte auch ich ein Leben lang nach der Liebe. Ich habe sie auch gefunden. Nicht nur einmal.
Und wenn das Ziel meiner Wünsche Frauen gewesen wären, deren Nähe ich suchte, hätte man höchst anerkennend in meiner bayerischen Heimat gesagt: „A Hundling war er scho!"
Ich war der lang erwartete Stammhalter meiner Familie. Meine ältere Schwester hatte schon einen festen Platz in der Familienhierarchie eingenommen und war fast elf Jahre der Augapfel meines Vaters gewesen. Aber als der Zweite Weltkrieg und die Kriegsgefangenschaft meines Vaters zu Ende gingen, bekam die nicht sonderlich glückliche Ehe meiner Eltern einen ungeahnten Aufschwung. Hurra, wir leben noch!
Die Ehe besserte sich nicht dauerhaft, aber die Frucht einer hoffentlich glücklichen Nacht erfreute neun Monate später die stolzen Eltern sehr. In eine gute deutsche Familie gehörte halt ein „Stammhalter", der Name und Bestand der Familie weiterführte.
Für meine Schwester musste dieses Ereignis die größte Katastrophe ihres jungen Lebens gewesen sein. Ohne eigenes Zutun wurde das gehätschelte Einzelkind plötzlich zurückgestuft. Sie hat mir das wahrscheinlich auch nie wirklich verziehen. Im tiefsten Inneren herrschte lebenslanger Groll, Missgunst und Neid. Natürlich versuchte sie meistens, das nicht zu zeigen. Aber jeder, der sie näher kannte, merkte bald, dass sie das mir und ihrer Mutter nie hatte verzeihen können. Ich schreibe das, weil ich versuche, Gründe zu finden, warum dieser Neid mich unterschwellig ein Leben lang verfolgt hat. Ich möchte verzeihen und vergessen. Es ist nicht leicht.
Als Kind war ich ein sogenannter Wonneproppen, gehätschelt und verwöhnt von meinen Eltern und meiner großen Schwester, auf die ich immer besonders stolz war. Es hätte alles so schön sein können. Wenn ich nur nicht im Vorschulalter plötzlich entdeckt hätte, dass mir das Ballett-Tutu meiner großen Schwester auch recht gut stand. Die Familie amüsierte sich köstlich - und die Angelegenheit war schnell vergessen. Aber irgendwie merkte ich, dass meine Interessen anders waren, als die meiner Spielkameraden.
Eines Tages saß ich mit meinen Eltern in einem schattigen Biergarten in Augsburg, als eine junge Größe des deutschen Fußballs mit Manager und Gefolge an einem der anderen Tische Platz nahm.
„Mein Gott, das ist doch der Helmut Haller", rief verzückt mein Vater. „Da gehst du jetzt hin und lässt dir ein Autogramm geben!"
„Nein, ich traue mich nicht!", jammerte ich. Aber meine Eltern drangen beide in mich. Der gute Sohn stand auf, ging zu dem Tisch mit den vielen Männern, hielt dem bestaussehenden einen Bierdeckel hin und bat um ein Autogramm.
Betretenes Schweigen. Dann meinte einer der Männer: „Du willst wohl eins von Helmut Haller."
Alles lachte. Und ich bekam von einem blonden Milchgesicht sogar ein unterschriebenes Foto. Ich ging ganz stolz zurück an den Tisch meiner Eltern.
Aber irgendwie war mein Vater trotzdem nicht zufrieden. „Dein Sohn!", sagte Papa streng zu Mama.
Kann es sein, dass mich mein Papa von da ab nicht mehr so richtig liebte? Als ich dann auch noch ein Lied von Zarah Leander parodierte und in der Familienrunde zum Besten gab, machte das die Sache nicht besser.
„Schau, Papi, was der Junge alles kann!", sagte süßlich meine Mama zu Papa. Erst viel später erkannte ich, dass das kein nettes Kompliment für mich, sondern eine schallende Ohrfeige für meinen Papa war. Mama rächte sich gerne mit solch kleinen Spitzen für eine völlig verkorkste Ehe und ein unerfülltes Ehe-Leben.
Papa zog sich von seinem offensichtlich missratenen Sohn immer mehr zurück. Meine Schwester sprang in die Bresche, kannte viele Fußballer namentlich und vertrat von Kindesbeinen an eine strickt rechte politische Gesinnung, was Papa mächtig imponierte. Sie wettete auch mal um ein Fußballergebnis mit ihm und eroberte sich so bei Papa ihren angestammten Platz in der ersten Reihe wieder zurück. Ich war einfach zu stolz, um mich „anzubiedern". Auch damals schon! Ich versuchte es stattdessen mit Liebe, die aber immer mehr zurückgewiesen wurde.
Mama hingehen arrangierte sich besser mit der möglichen Andersartigkeit ihres Sohnes. In einem alten Chanson heißt es: „Mütter, lieber einen schwulen Sohn als ein altes Wollkleid im Winter." Viel leicht trifft diese bittere Weisheit die Sache ziemlich genau. Gerade für Mütter hat so ein Sohn durchaus auch seine Vorteile.
Ich selber wusste eigentlich gar nicht, was mit mir los war. Warum hatte ich die Liebe meines Vaters verloren? Was hatte ich Schlimmes getan? Wen sollte ich denn nur danach fragen? Vielleicht Oma? Mit dieser wundervollen, kreuzbraven, aber auch völlig lebensfremden Frau machte ich öfter mal ausgiebige Spaziergänge.
„Oma, ich muss dich mal was fragen …" Oma hörte sich meine Geschichte, meine Bedenken, meine Klagen ausgiebig an. Sie unterbrach mich nie - und es sprudelte aus mir heraus. Als ich endlich alles haarklein losgeworden war, versuchte sie, mich liebevoll zu trösten. Aber bald war mir klar, dass sie einfach überhaupt nichts verstanden hatte. Also war ich wieder ganz alleine mit meinen Problemen. Warum hatte sich Papa von mir abgewandt? Warum war ich mir auch bei meiner Mama nicht mehr so sicher, dass sie mich einfach nur meinethalben liebte? Auch bei meiner Schwester wusste ich nicht so recht, woran ich war.
Aber, was konnte ich entgegenhalten? Wie konnte ich sie wieder ganz zurückerobern? Klar, noch mehr Liebe, noch mehr Zuneigung, noch mehr Gefälligkeiten, noch mehr Anpassung, noch mehr kleine Geschenke. So musste es funktionieren.
Fortan war mein Leben geprägt von Liebe. Jeder, der gut zu mir war, bekam noch mehr Zuneigung zurück. Es entbrannte ein regelrechter Wettkampf darum, wie ich das Wohlwollen anderer noch toppen könnte. Nur mein Papa nahm den „guten Sohn" zwar zur Kenntnis, blieb aber zurückgezogen.
Viele Jahre später hatte meine heißgeliebte Mama den ehelichen Kampf wohl endgültig verloren und erholte sich von einer Brustkrebserkrankung nicht mehr. Bis zu ihren letzten Tagen nutzte sie aber das offene Ohr ihres mittlerweile ziemlich bekennend schwul lebenden Sohnes, um sich ihren ehelichen Frust herunterzureden. Selbst meine Lebensabschnittsgefährten wurden in diese oft endlosen Tiraden einbezogen. Wie war das denn noch, das Chanson mit dem alten Wollkleid?
Meine Schwester war da wesentlich subtiler - und ließ sich die im engen Kreis zugesagte „Tolerierung" mit vielen kleinen Gefälligkeiten entlohnen. „Schau halt, dass es niemand merkt! Ich selber habe ja nichts gegen solche Menschen, aber die Leute müssen das ja nicht unbedingt mitkriegen."
Meinen Vater beeindruckten weder schulische Leistungen noch berufliche Erfolge. Kleine oder größere Gefälligkeiten wurden zwar entgegengenommen, manches Mal auch regelrecht eingefordert. So habe ich ihn im laufe der Zeit, und vor allem nach dem Tod meiner Mutter über Jahre Sonntagmittag zum Essen bei mir eingeladen. Er genoss es, nach dem Essen mit meinen Lebenspartnern noch ein bisschen über Fußball zu reden oder zu politisieren. Mal mussten wir ein Zimmer streichen, mal Möbel zusammenbauen. Seine häufigen Umzüge, zuletzt in verschiedene Altersheime, führten wir ohne ihn durch; er kam dann später zum Begutachten, denn „ein guter Sohn tut das".
Mal musste ich meinen gesellschaftlichen Einfluss geltend machen, um ihn über Nacht in einem bestimmten Altersheim unterzubringen; über Jahre habe ich seinen Schriftverkehr erledigt. Jeden Freitag machte ich seine Besorgungen und lieferte sie im Heim ab. Später kam Ado, mein neuer und dann Dauerlebensgefährte und unterhielt sich mit ihm fachkundig über Fußball und Politik.
Aber so richtig verdankt war es uns nie. Da glänzte schon eher meine Schwester, die sich aber aus den Niederungen gemeiner Arbeit vornehm zurückhielt.
Als mein Vater hochbetagt im Altersheim seinem nahenden Ende entgegendämmerte, nahm er mich in einem kurzen Anflug von Klarheit am Arm und zog mich zu sich, sodass ich seine geflüsterten Worte deutlich hören konnte: „Wie oft habe ich wohl gebetet, dass du nie geboren worden wärst!"
Der Mensch ist, was er isst. Ja, wenn das immer so einfach wäre. Ich wäre wohl ein riesengroßes Vorratslager von Dallmayr, München, oder von Käfer. Vielleicht wäre ich auch eine überdimensionale belgische Sahne-Butter-Praline.
Aber leider ist das alles gar nicht so einfach. Der Mensch wird auch von all dem geprägt, was er erlebt, durchlebt oder auch durchleidet. Mehr als vom Essen.
Wir schreiben das Jahr 1955. Ich bin gerade neun Jahre alt und lebe als behütetes Kind in einem zwar nicht intakten, aber ausgesprochen liebevollen Elternhaus. Mein Vater muss um seiner dienstlichen Karriere willen alle paar Jahre den Wohnsitz wechseln.
Als ich sieben war, zogen meine Eltern vom bayerischen Regensburg in die damalige Bundeshauptstadt Bonn. Der Bub wurde natürlich mitgenommen und fand sich plötzlich in einer Stadt wieder, wo ihn jeder Erwachsene liebevoll beäugte, wenn er in seinem bayerischen Dialekt etwas sagte. Verstanden hat man ihn meistens nicht.
Mit den Nachbarskindern war es noch viel schlimmer. Die verstanden ihn auch nicht, aber sie wollten deshalb auch nicht mit ihm spielen. Der kleine Bub war traurig. Er verstand ja die anderen Kinder auch nicht, aber er lernte schnell: Anpassen ist angesagt! Wenn du sie erst mal verstehst - und sie dich, dann lassen sie dich auch mitspielen. Such dir einen raus, der dir als Freund zusagen könnte - und dann hör genau hin.
Gesagt - getan. Es dauerte nicht lange und ich hatte tatsächlich einen Freund, der es mir nicht übelnahm, wenn mir mal wieder ein bayerischer Brocken herausrutschte. Der auch verstand, wenn ich ein Brötchen wollte - und noch mal Semmel sagte.
Aber Sprachen lernte ich eigentlich schnell (was ich damals noch gar nicht wusste), und so dauerte es nicht lange, und ich sprach ein waschechtes „Bönsch", also den Dialekt der Bonner Bevölkerung.
Meine Eltern amüsierte das köstlich, weil sie selber viel größere Schwierigkeiten mit dem Erlernen des Dialektes hatten, sich aber in der Welt der Erwachsenen mit Hochdeutsch recht gut zurechtfanden. Im Gegenteil machte meine Mama, eine wunderschöne und unglaublich charmante Dame, in der Bonner Gesellschaft Furore, als sie „nach der Schrift" sprach und gelegentlich einen kleinen bayerischen Akzent einsprenkeln ließ. „Einfach bezaubernd", fanden die Bonner Einheimischen - vor allem die Herren.
Ich dagegen suchte mein Heil in der Anpassung und sprach bald ein besseres „Bönsch" als die Kinder von hier. So hatte ich mir in weniger als einem Jahr durchaus meinen Platz in der Kindergesellschaft erobert, und alle hielten mich für einen von ihnen.
Meinen ersten Freund und Mentor behielt ich natürlich, und wir waren wie Pech und Schwefel. Er war ein richtiger Hau-Drauf und ich ein bisschen sanfter, aber diplomatisch geschickter und ein heller Kopf. Andreas' Eltern hatten eine Metzgerei in Bonn-Kessenich, und wir gingen öfter nach der Schule zu ihm. Dann ging er einfach in den Laden und schnitt uns so viel Wurst ab, wie wir wollten. Mutter und Vater lachten gutmütig, wenn wir uns an den Spezialitäten bedienten. Welch eine Wonne.
Außerdem hatte Andreas einen Rottweiler. Ein beängstigendes Kaliber mit einem furchterregenden Gebiss, der aber zu seiner Familie - und dazu gehörte ich eben auch - wie ein Lamm war. Man durfte einfach alles mit ihm machen, selbst seinen Fressnapf wegnehmen. Ich wollte aber nicht wissen, was er getan hätte, wenn jemand seiner Familie zu nahe gekommen wäre.
Hier fühlte ich mich richtig geborgen. Andreas hatte mich anerkannt und angenommen, als ich noch ein unverständlich stammeln der Bayer gewesen war. Jetzt half ich ihm auch mal bei den Hausaufgaben, ließ ihn, wenn möglich, bei Klassenarbeiten abschreiben, und wenn es mal auf dem Schulhof brenzlig für mich wurde, dann brauchte ich ihn nur zu rufen, und er war für mich da, ohne Wenn und Aber, wie sein Rottweiler. Ich verlebte eine glückliche Zeit und genoss diese Symbiose aus … ja, aus was wohl? Ich fand damals keine Begriffe dafür …
Aber es wäre wohl zu schön gewesen. Mein Vater bekam das kaum auszuschlagende Angebot, eine Stelle bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mit Sitz in Paris anzutreten. Die Nachbarn kriegten sich gar nicht mehr ein, meine wunderschöne Mama platzte fast vor Stolz und Charme. Aber, was macht man denn mit dem Jungen?
Es gab in Paris zwar eine „École internationale", also eine internationale Schule, in der Diplomatenkinder aus aller Herren Länder in Französisch unterrichtet wurden. Man musste sich diese Sprache aber selbst aneignen, so wie ich vor zwei Jahren das „Bönsch". Meine Eltern hatten jedoch ihre Zweifel, ob das wirklich gut wäre für das Kind.
Also beratschlagte der dreiköpfige Familienrat, bis meinem Vater die allerbeste Idee kam: Auch er hatte doch im renommierten Gymnasium Sankt Pongratz in Augsburg bei den frommen Männern das Gymnasium besucht. Zwar extern, weil sich seine Eltern mit sechs Kindern einen Internatsplatz gar nicht hätten leisten können, aber das Internat Sankt Pongratz war ja allgemein bekannt und eine sehr gute Adresse für die Erziehung von Jungen.
Er nahm also Kontakt mit der Schule auf, verwies auf seine eigene Schulausbildung in Sankt Pongratz und natürlich auf seine heraus gehobene berufliche Position.
„Was? Gleich in Paris, bei der EWG beschäftigt? Donnerwetter!" Ja, für solch einen Sprössling musste in einem gehobenen katholischen ehrwürdigen Internat doch ein Plätzchen zu finden sein.
Nun platzte auch Papa fast vor Stolz, Mama verdrückte eine Träne.
„Mein Gott, wir sind in Paris, und das Kind ist in Augsburg im Internat. Das sind ja mindestens tausend Kilometer Entfernung. Aber in den Ferien sind wir ja immer beisammen. Und du kannst uns ja so oft schreiben wie du willst. Vati war ja im gleichen Gymnasium - und du siehst ja, was aus ihm geworden ist."
Der brave Sohn schluckte und nickte. Meine Eltern meinten es ja nur gut mit mir. Und nach Paris, ins Ausland - da verstehen sie mich ja wieder alle nicht. Dann lieber heim nach Bayern. Ja, das muss wohl das Beste sein. Also fuhren wir von Bonn nach Augsburg, in meine bayerische Heimat.
Tschö, meine Bonner Freunde! Tschö, mein Andreas, ich vergesse dich nie. Und deinen Rottweiler. Und Wurst satt, direkt aus dem Metzgerladen unter den gütigen Augen der Metzgersleute.
