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Er war der erste Nichtskandinavier, der auf dem Holmenkollen siegte, holte Weltmeister-Titel, Olympiagold, gewann dreimal die Vierschanzentournee. Über ein halbes Jahrzehnt bestimmte Helmut Recknagel das Niveau des Skispringens, war einer der ersten großen Sport-Stars nach dem Krieg. Seinem Auftreten, mit dem er Augenmaß und Charakter bewies, zollte man in beiden deutschen Staaten Respekt. Mit allem, was er tat, bewies er Haltung. Auf der Schanze wie im Leben. "Was der große Jongleur Rastelli mit Helmut Recknagel zu tun hat, welche Rolle Ziegenmilch in seinem Leben spielte und warum er mit sechzig Jahren seinen wohl mutigsten Sprung gewagt hat - all das ist in seiner Autobiografie nachzulesen." Märkische Oderzeitung
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2012
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ISBN eBook 978-3-360-50003-8
ISBN Print 978-3-360-02146-5
© 2012 (2007) Verlag Das Neue Berlin, Berlin
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
unter Verwendung eines Motivs von picture-alliance/dpa
Fotoquelle: Archiv Recknagel
Mitarbeit: Bernhard Büchel, Timo Järviö (Helsinki), Reinhild Kemper (Jena), Rolf-Arne Odiin (Oslo), Thomas Prenzel (Chemnitz), Kurt Reich (Oberstdorf), Klaus Taglauer (Garmisch-Partenkirchen), Manfred Witter, Hans-Jürgen Zeume
Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH
Neue Grünstraße 18, 10179 Berlin
Die Bücher des Verlages Das Neue Berlin
erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.
www.das-neue-berlin.de
Helmut Recknagel
Erinnerungen
dass meine »Erinnerungen« erschienen, damals, pünktlich zu meinem 70. Geburtstag. Jetzt steht erneut ein runder Geburtstag vor der Tür, und der Verlag – offensichtlich zufrieden mit dem Verkauf des Buches – fragte: Wie sieht es aus mit einer neuen Ausgabe? Und, wie in solchen Fällen üblich: Was muss an Neuem rein in das Buch? Was muss verändert werden?
Über beide Fragen habe ich nachgedacht. Mein Leben als Rentner, der ich bin – und so ganz doch wieder nicht –, ist nicht arm an Ereignissen, aber sind sie so berichtenswert? Schnell ist gesagt, was nachzutragen wäre: Dass ich mich aus dem Geschäftsleben, unserem Sanitätshaus, zurückgezogen habe, auch wenn ich oft vorbeischaue und mich freue, wenn mein Rat gefragt ist. Dass ich am 20. Mai 2011 in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen wurde. Dass ich vom Sport nicht lassen kann, sei es, dass ich mich mit Gymnastik und Radfahren fit halte oder Sport- und Jubiläumsveranstaltungen besuche. Dass meine Frau und ich es genießen, die Enkelkinder heranwachsen zu sehen. Dass die Welt nicht einfacher geworden ist und jeden Tag neu bedacht sein will.
Vielleicht, so überlegte ich, füge ich ein paar Worte hinzu über die für mich neue, eben mit dem Erscheinen meines Buches möglich gewordene Tätigkeit als »Vorleser«, denn ich war unterwegs zwischen Kap Arkona, Haseltal und Fichtelberg. Ich traf auf Leute, die hören wollten, wie das war am Holmenkollen und in Squaw Valley, mit den Anfängen im Mattenspringen und mit dem Sport überhaupt, und wie so einer lebt nach dem Ende seiner Karriere und dem Untergang des Landes, für das er einst die Erfolge holte. Es blieb selten beim Vorlesen. Wir kamen ins Gespräch, keinesfalls nur, um uns an schönen Erinnerungen zu wärmen. Wir redeten uns die Köpfe heiß über das, was die kleinen und großen Dinge des Alltags ausmacht und die Menschen oftmals sorgenvoll umtreibt. Für mich waren es bewegende Begegnungen.
Aber dann sagte ich mir: Das kann und werde ich auch weiterhin tun, solange sportbegeisterte Menschen mich hören und wache Zeitgenossen mit mir reden wollen. Ich gehe zu ihnen mit meinem Buch, in dem ich – und das zur zweiten Frage – außer einigen aktualisierten Fakten nichts zu verändern hatte. Das ist schließlich eine Frage der Haltung!
Januar 2012
Helmut Recknagel
Das sollte mein erstes Wort in meiner Autobiografie sein. Nicht nur um die Leser aufs Glatteis zu führen und sie fragen zu lassen: Was hat der Skispringer Recknagel mit dem Jongleur Rastelli gemeinsam? Mal von dem Initial abgesehen.
Der große Enrico Rastelli, dem man nachsagt, er habe gleichzeitig mit zehn Bällen hantiert, obwohl es nie einer sah: Er war mir Vorbild. Und dabei habe ich ihn nie erlebt. Er starb, keine 35 Jahre alt, 1931. Ich kannte nur die Geschichten, die man über ihn erzählte. Er kam aus Samara in Russland, die Eltern waren Luftakrobaten und Italiener. Und er begann als Erster auf der Welt mit Gummibällen zu jonglieren. In New York, so geht die Fama, soll er 1923 den Durchbruch geschafft haben. Die Welt hielt den Atem an und riss den Mund auf. Das Berliner Tageblatt schrieb am 10. März 1927: »Es ist unerhört, wie er – oft mit kindlichem Vergnügen – die Bälle meistert wie kein zweiter, wie sie diesem großen Künstler gehorchen, und wie er graziös und leicht, als ob es ein Kinderspiel wäre, Kunststücke vollbringt, die man bisher nicht für menschenmöglich gehalten hat.«
So kam der Spruch in Umlauf, der auch mein kindliches Ohr traf: Der spielt wie ein Fußball-Rastelli! Damit sollte gesagt sein, dass einer ein besonderes Gefühl für den Ball besaß. Als ich geboren wurde, war Rastelli schon sechs Jahre tot. Es gab keinen Film, kein Fernsehen, nur die Legende. Und diese lebte.
Manchmal, in Momenten mangelnder Bescheidenheit, glaube ich, es gehe mir wie Rastelli. Mehr als vier Jahrzehnte ist es her, dass ich auf Siegerpodesten stand. Und dennoch gibt es Menschen, die mich kennen und erkennen, obgleich sie doch erheblich jünger sind als ich. Sie haben mich nie springen sehen, und, mit Verlaub, im Fernsehen bin ich auch höchst selten zu besichtigen. Und wer nicht dort zu sehen ist, den gibt es nicht mehr. Namen sind Gesichter in bewegten Bildern. Ich finde dort nicht statt. Also sollte ich vergessen sein wie andere auch. Doch nein: Ich bekomme noch immer Autogrammwünsche, oder wenn ich, wie unlängst bei Dreharbeiten in Thüringen geschehen, durch den Wald spaziere, fallen mir wildfremde Menschen um den Hals: »Bist du es wirklich?«
Da beschleicht mich immer dieses Rastelli-Gefühl. Ein Nachhall aus dem Nirvana, aus dem vorigen Jahrhundert.
Ich solle nicht so tun, winken Vertraute ab, wenn ich mich da rüber amüsiere. Ich sei in den 50ern eben das gewesen, was man heute einen Popstar nennt: berühmt, bekannt, angehimmelt und verehrt von Tausenden. Ob ich schon vergessen hätte, wie Ostern 1958 über hunderttausend Menschen kamen, nur um mich springen zu sehen? Karfreitag 25 000 an der Vogtlandschanze in Klingenthal-Mühlleithen und 80 000 am Ostermontag in Oberwiesenthal. Wahnsinn.
Natürlich kann ich das so wenig vergessen wie die Mädchen und die Offiziellen, die immer mit ins Bild drängten, wenn sich die Kameras auf mich richteten. Ich besitze noch die Liebesbriefe und Glückwunschtelegramme, die mich stoßweise erreichten: von Menschen, die mir fremd waren, die aber meine Freude über einen Sieg teilten und mich dies in einfachen Worten wissen ließen. Alles präsent. Stimmt, ich war in des Wortes ursprünglicher Bedeutung populär. Ich kam aus dem einfachen Volke und wähnte mich ihm immer zugehörig, das spürte man wohl. Ich war einer von ihnen, der sich nur dadurch aus der anonymen Masse hervortat, dass er mit Brettern weiter sprang als andere.
Mag sein, kam der Einwurf, so meine man das aber nicht. Ich sei damals einer gewesen, der es an die Spitze geschafft und sich dort ein halbes Dutzend Jahre überzeugend behauptet habe. Ich sei jung gewesen und unangepasst, selbstbewusst und, nun ja, gut aussehend. Mit Charakter und kräftigem Kinn. Im Sport habe Deutschland nach dem Kriege auf der internationalen Bühne am ehesten Anerkennung gefunden. Im fairen Kampf. Mann gegen Mann. Du warst der erste deutsche Nachkriegsheld.
Nana, was ist mit dem »Wunder von Bern«?
Das war eine Mannschaft. Du warst Einzelkämpfer. Ein Held.
Schön und gut, pflege ich an dieser Stelle zu entgegnen. Aber ich kam aus dem Osten, auf meinen Trainingsanzügen standen drei Buchstaben, die nicht überall wohlgelitten waren.
Und wer trug 1960 in Squaw Valley der deutschen Olympia-Mannschaft die Fahne voran? Helmut Recknagel aus Thüringen!
Nun ist es an mir zu lachen. Denn ausgerechnet dieser Umstand brachte gerade etliche Westdeutsche auf die Palme. Einige Blätter schrien Protest, man könne auf keinem Fall dem zweiundzwanzigjährigen Kommunisten aus der Zone ins Stadion folgen, und sie verstummten erst, als ich Gold holte. »Die Olympischen Winterspiele wurden für die Sportler der gesamtdeutschen Mannschaft zu einem völlig unerwarteten Erfolg«, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 1. März 1960 zum Abschluss der Spiele. Zwei der insgesamt vier Titel holten ostdeutsche Sportler, nämlich Helga Haase im Eisschnelllauf über 500 Meter und ich im Spezialsprunglauf. Insofern war auch in dieser Hinsicht Parität hergestellt. »Das deutsche Volk ist stolz auf seine Sportler, die in fairem Wettkampf so große Leistungen vollbracht haben«, telegrafierte Bundespräsident Heinrich Lübke. Und Ernst Lemmer, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, bezeichnete in seinem Glückwunsch den sportlichen Geist und das kameradschaftliche Zusammenstehen des deutschen Teams als »vorbildlich und ermutigend«. Ich erhielt Post aus beiden Deutschländern.
Also war wohl doch etwas dran am Argument meiner Freunde, dass ich – von einigen kalten Kriegern mal abgesehen – in Ost wie West gleichermaßen angenommen wurde, mithin gesamtdeutsch populär war, weshalb ich auch seit 1990 alljährlich nach Baden-Baden eingeladen werde, wenn dort die aktuellen Sportler des Jahres geehrt werden.
Nun gehöre ich zu jenen, die sich auf frühen Lorbeer nichts einbilden. Das ist Vergangenheit. In manchen Blumenläden kann man sich heute grünen Lorbeer zu Kränzen winden lassen. Die Blätter welken sichtbar in wenigen Tagen. Sie werden rostig-braun und brüchig. Man sollte ihnen darum nicht zu nahe kommen. Dann ist die Dekoration dahin.
Das schien mir wie ein Gleichnis, als ich von verschiedenen Seiten gebeten wurde, zu meinem 70. Geburtstag meine Erinnerungen zu Papier zu bringen. Der sportliche Lorbeer, der verwelkte, müsste natürlich im Mittelpunkt stehen, hieß es. Läuft man da nicht Gefahr, die Erinnerung zu beschädigen, indem man sie be schönigt? Und verschiebt man nicht zwangsläufig die Proportionen? Ein Viertel meines Lebens nur habe ich aktiv Sport betrieben, doch vor allem auf diese Jahre richtet sich das Augenmerk. Wer interessiert sich schon für den Alltag eines Tierarztes, der etwa die lebensmittelhygienischen Verhältnisse in Fleischer hand werksbetrieben und in der fleischverarbeitenden Industrie des Kreises Fürs tenwalde kontrollierte oder heute als Betreiber eines Sani täts hauses Patienten versorgt? Wichtig, gewiss, aber uninter es sant.
Und ich höre auch schon die Einlassungen von Weggefährten: Na, hier hast du aber was weggelassen. Und dort erzählst du von einer Sache, die ich ganz anders erlebt habe. Das mag ja sein: Jede Erinnerung ist nicht nur subjektiv, sondern auch trügerisch. Ich berichte über mein Leben, wie ich es wahrgenommen habe.1
Denn in einer Hinsicht habe ich mit Rastelli ganz gewiss nichts gemein. Seine akrobatischen Übungen waren auch Suggestion. Er beherrschte die Tricks, die anderes zeigten, als in Wirklichkeit passierte. Er erzeugte Vorstellungen, die dem Betrachter den Atem raubten. Manches war bewusst auf Illusion angelegt. Ich aber will nicht verführen oder inszenieren. Sondern Sie, den Leser oder die Leserin, in eine Zeit mitnehmen, die einige Zeit zurückliegt. Jeder von uns hat sie anders erlebt, auch wenn wir sie gemeinsam teilten. Das lag nicht nur daran, dass wir an verschiedenen Orten wohnten.
Für die Nachgeborenen ist das abstrakte Geschichte. Und die zu kennen ist ja auch nicht von Nachteil.
Die Historie meines Namens ist besser erforscht als meine Familiengeschichte. Der Vater Oskar wurde 1908 geboren, meine Mutter Anna 1910. Wer vor ihnen kam, liegt weitgehend im Dunkel. Vater wurde mit elf Vollwaise und wuchs bei Verwandten auf. Das ist schon alles, was ich weiß.
Unseren Familiennamen kennt man seit dem 14. Jahrhundert, seit in Schmalkalden und Umgebung Sicheln, Sensen, Nägel, Messer, Löffel und dergleichen hergestellt wurden. Auf den Rechnungen von 1405 finden sich bereits Namen wie Smyd, Leffeler, Sliffer und eben Recknagel, was wohl eine Art Nagelschmied war. Recknagels gab es zwar nur in Südthüringen, aber nicht eben selten. In Steinbach-Hallenberg, wo ich am 20. März 1937 zur Welt kam, lebten allein an die zwanzig Familien mit diesem Namen, ohne dass sie miteinander verwandt gewesen wären. Meine Mutter Anna hieß Recknagel und musste darum nicht einmal ihren Namen ändern, als sie meinen Vater heiratete.
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