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Hans Räuschel beschreibt in seinen Memoiren >>Eine Jugend in Schlesien<< detailliert das Leben zwischen den beiden großen Weltkriegen mit allen Widrigkeiten. Es ist von harter Arbeit und kalten Wintern, von Genügsamkeit und Fleiß die Rede. Er setzt sich mit der aufkommenden Politik der 30'er Jahre auseinander und schreibt vom nahenden Ende des Krieges und der Gefangenschaft.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Hans Räuschel
Im Gedenken an Hans Räuschel
(*14.05.1916 in Landeshut/Schlesien; †28.10.2009 in Göttingen)
Inhalt
55 Jahre danach
Der Vater
Die Mutter
Die Schule
Franz Jonczyk, der Gärtner
Hubert
Der CVJM
Das Ende der Kindheit
Meine Lehrzeit
Meine politische Entwicklung
Die Judenfrage
Die unruhigen Jahre
Im Reichs-Arbeitsdienst
Auf der Motorsportschule
Bei der Wehrmacht
Meine innere Entwicklung
Tagebuch
Schlußbemerkung
Nachtrag
Vorwort
D
ie folgenden Zeilen habe ich für meine Kinder geschrieben, damit nicht alles, was mich an meine Jugend erinnert, mit meinem Tode plötzlich der Vergessenheit anheimfällt.
Das Geschriebene soll auch als ein Stückchen Zeitgeschichte gesehen werden, denn es hat sich in der Zwischenzeit so ungeheuer viel, sowohl auf technischem als auch auf gesellschaftlichem Gebiet verändert. Jeder Mensch wird, vor allen Dingen in der Jugend, von seiner Zeit geprägt, und so wird man mich hoffentlich am Ende dieses Büchleins vielleicht etwas milder beurteilen und mir die eine oder andere, heute nicht mehr zeitgemäße Ansicht verzeihen.
Weihnachten 1987
Hans Räusche1
geboren am 14.05.1916
in Landeshut/Schlesien
55 Jahre danach
I
m Jahre 1985 stand ich zum dritten Mal nach der Vertreibung, diesmal mit meiner Frau und den beiden jüngeren Kindern Sabine und Michael vor dem Haus und dem Grundstück Wallstraße 20 in Landeshut, wo ich meine Kindheit verlebt habe.
War sie glücklich, diese Kindheit? Ich glaube, fast jede Kindheit ist relativ glücklich, es sei denn, man hätte kein gutes Zuhause und keine gute Mutter gehabt, wie ich sie hatte. Ja, ich hatte beides, eine unvergleichliche Mutter, die uns Kindern im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein gemütliches Heim und eine Familie gegeben hat. Unser Zuhause war nach heutigen Maßstäben äußerst bescheiden. Wir bewohnten eine sogenannte Dienstwohnung, an die ein Pferdestall angegliedert war, und die Eltern mußten die darin untergebrachten zwei Pferde füttern und versorgen. Außerdem existierte noch eine Ziege, die ebenfalls den Dienstherren gehörte, und für die das Futter auf dem Herd unserer Wohnung zubereitet werden mußte. Lustig war es, wenn "unsere" Ziege Junge geworfen hatte, und wenn die Zicklein dann zu unser aller Vergnügen in der Küche und im Stall herumsprangen. Leider dauerte der Spaß immer nicht lange, denn sie wurden regelmäßig bald von irgendjemandem abgeholt.
Aber ich greife den Dingen voraus. Ich stand also vor diesem Grundstück und traute mich nicht so recht, etwas näher zu gehen oder gar einen Blick in den angrenzenden Park zu werfen, mit dem mich so viele Erinnerungen verbanden. Es dauerte aber nicht lange, da kam ein Bewohner unseres Hauses und redete uns in deutscher Sprache an. Er hatte es uns angesehen, daß wir aus Westdeutschland waren und sagte, daß wir gern näher kommen dürften. Zögernd betrat ich den Boden meiner Kindheit. Das Grundstück war früher durch ein großes, schmiedeeisernes Tor zur Straße hin abgeschlossen. Jetzt fehlten die Torflügel, und es standen nur noch die Pfeiler. Rechts befand sich das Haus, in dem wir und die Gärtnerfamilie Jonczyk gewohnt hatten, und das Gebäude an der linken Seite beherbergte die Handweberei. Hier lieferten die Handweber, die ringsum auf den Dörfern wohnten, ihre in Heimarbeit gefertigten Waren ab. Für mich verband dieses Gebäude eine sehr schlimme Erinnerung.
Im Winter war es in Schlesien oft sehr kalt, und der Raum, in dem die Handweber ihre Arbeit ablieferten, wurde mittels eines großen Kanonenofens tüchtig geheizt. Was lag also näher, als daß ich öfter hineinging, um mich aufzuwärmen? Eines Tages hatte ich lange im Schnee gespielt, und meine Hose war total durchnässt. Ich ging also, wie gewohnt, in meine Wärmehalle und stellte mich mit dem Rücken an den Ofen. Bereits nach kurzer Zeit verbreitete sich im Raum ein brenzliger Geruch, der zu meinem Schrecken von meiner guten Bleyle-Schulhose ausging. Sie war nicht mehr zu reparieren, und ich habe damit meiner Mutter sicher große Sorgen bereitet.
Im rechten Winkel an die Handweberei schloss sich die Wohnung von Bankdirektor Jetzig und weiter die Remise mit den Kutschfahrzeugen an. Auf der vierten Seite, dem Tor gegenübergelegen, breitete sich ein parkähnlicher Garten aus, in dessen vorderem Teil die Villa der Familie Frahne stand. All diese Gebäude umschlossen einen größeren Hof, der für mich automatisch zum Spielplatz wurde.
Nach Vaters Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg bekam er eine Stellung als Kutscher bei den Frahnes, und die Mutter versorgte die Ziege und später die Kühe, nachdem die Pferde abgeschafft waren. Zur herrschaftlichen Familie gehörte Dr. Frahne, Generaldirektor der Schlesischen Textilwerke Methner & Frahne, die 1927 ihr 75-jähriges Jubiläum feierten, sowie die gnädige Frau (Mutter sprach sie mit "ne Frau" an), die im Haus und insbesondere in der Küche ein strenges Regiment führte. Außerdem war da noch der Sohn Hans Frahne, der aber in Breslau studierte und selten in Erscheinung trat und Tochter Sigrid, die etwa im Alter meiner Schwester Gretel war. Der Herr Doktor stand ganz eindeutig unter dem Pantoffel und war mir eigentlich ganz sympathisch. Als ich ihm einmal auf dem Hof begegnete und vergaß, meine Mütze zu ziehen, sagte er nur ganz freundlich: "Na, du hast wohl Spatzen unter der Mütze?" Das war aber nicht sehr böse gemeint. Mit der gnädigen Frau dagegen bin ich nicht so gut gefahren. Auf jeden Fall hatten alle, die mit ihr in Berührung kamen, heillosen Respekt. Man sah sie lieber gehen als kommen. Andererseits war sie stets dabei, wenn im Stall ein Kalb geboren wurde und hat auch notfalls mit zugepackt. Ich mußte täglich, wenn die Mutter die Kühe gemolken hatte, die Milch in der herrschaftlichen Küche abliefern. Das tat ich ganz gern, denn in der Küche waren die Köchin und das Stubenmädchen beschäftigt, die mich ganz gern mochten und mir ab und zu mal ein Ei oder einen Apfel zusteckten. Allerdings durfte die gnädige Frau davon nichts merken. Hier muß ich gestehen, daß ich mich mit meinen sieben oder acht Jahren auch in anderer Weise zu diesen Mädchen hingezogen fühlte. Wenn die gnädige Frau verreist war, habe ich den beiden nicht selten Märchen aus meinen Büchern vorgelesen, während sie ihre Arbeit verrichteten. Oft habe ich mich so lange in der Küche herumgedrückt, bis ich nach Hause geschickt wurde.
Die herrschaftliche Küche wurde überwiegend aus dem eigenen Garten versorgt, der sich unmittelbar an das Wohnhaus anschloss. Gewächshäuser, Frühbeete, Beerensträucher, Obstbäume, Hühner und Gänse lieferten alles, was für den täglichen Bedarf notwendig war. In einem der Gewächshäuser wurden nur Topfblumen, in einem anderen Rosen gezogen, und zwar gelbe Sorten, die wir als Teerosen bezeichneten. Selbstverständlich gab es auch mehrere Bienenstöcke, und ich habe oft zugesehen, wie der Honig geschleudert wurde. Der Hausgärtner, dessen Freund ich war, gab mir manchmal von der Bienenscheiße, wie er sich ausdrückte, zu kosten. Damit waren Wabenstücke mit Honig gemeint.
Die Milch, die ich jeden Tag in der Küche ablieferte, wurde immer gleich in die Zentrifuge geschüttet und daraus Sahne oder Butter gewonnen. Die übrigbleibende Magermilch bekamen dann wieder die Kühe oder Kälber.
Über Tochter Sigrid ist eigentlich nur zu sagen, daß sie mir immer wie eine Prinzessin vorkam, die ich heimlich liebte. Leider ist sie in ihrem Leben nicht glücklich geworden.
Ich ertappe mich dabei, daß mich die Erinnerung wie ein Rausch gepackt hat und muß mich zwingen, der Reihe nach zu erzählen. Von meinen ersten zwei Reisen nach Schlesien wußte ich, daß die Gebäude in Landeshut ausnahmslos in einem bedauernswerten Zustand waren, und da machte auch das Herrschaftsgebäude der Familie Frahne keine Ausnahme. Aber der Zustand des von mir so geliebten Parks, der sich von der Wallstraße bis zur Töpferei Flaschel in der Schömberger Straße hinzog, machte einen geradezu fürchterlichen Eindruck. Einige der wunderschönen Eichen-, Ahorn- und Buchenbäume standen noch, aber alles andere war eine undurchdringliche Wildnis. Da, wo früher die Gewächshäuser standen, hatte man ein Kinderkarussell errichtet, und wo sich früher mit Buchsbaum eingefasste Kieswege zwischen Buschreihen und gepflegten Rasenflächen hinzogen, verlief ein Trampelpfad, der sich irgendwo im Gestrüpp verlor. Da, wo ich mir mit Freunden im Herbst Laubhütten gebaut hatte, standen Kaninchenställe, die den neuen Herren gehörten. Lange habe ich gestanden und versucht, meiner Niedergeschlagenheit und Betroffenheit Herr zu werden, und es stiegen in mir, 55 Jahre danach, Erinnerungen auf, die ich hier wiederzugeben versuche.
Der Vater 1919, Gustav Reinhold Räuschel (*23.09.1877; †1922)
Der Vater
A
ls ich geboren wurde, war der 1. Weltkrieg noch lange nicht zu Ende, und Vater war als Soldat in Frankreich. Die Menschen in der Heimat hungerten, und Mutter hatte große Mühe, ihre vier Kinder durchzubringen. Reinhold, der älteste von uns Kindern, ging als zwölfjähriger Junge täglich nach der Schule zum Bauern arbeiten (Schikor in der Trautenauer Straße) und hatte dadurch genug zu essen. Gretel und Fritz beeilten sich immer, von der Schule schnell nach Hause zu kommen.
Sie hofften, daß der vor einiger Zeit angekommene Familienzuwachs von seinem Brei etwas übriggelassen habe. Als der Vater Ende 1918 nach Hause kam, war das für die ganze Familie sicherlich eine große Freude, aber die vier Jahre Krieg und Entbehrungen hatten Spuren hinterlassen. Auch bestand ja weiterhin große Lebensmittelknappheit, und der Versailler Vertrag sollte Deutschland für alle Zeiten arm und schwach halten, damit es nie wieder als Konkurrent für die Siegermächte auftreten konnte. Das war dann auch der Grund dafür, daß sich Deutschland wirtschaftlich nicht erholte und die Ursache für die Inflation, die 1923 ihren Höhepunkt erreichte.
Abgesehen von den äußeren Umständen, die der verlorene Krieg mit sich gebracht hatte, ging es bei uns zu Hause immer recht bescheiden zu. Das betraf sowohl das Essen, als auch die Bekleidung. Die Mutter versuchte in den ersten Jahren nach dem Krieg die Haushaltskasse durch Heimarbeit etwas aufzubessern. Sie säumte u.a. für eine Landeshuter Firma Geschirrtücher, und ich habe oft, während sie an der Nähmaschine arbeitete, auf ihrem Schoß gesessen. Wiederholt sprach sie von ihren Eltern und Geschwistern und berichtete, daß nur ihr Vater das Recht hatte, ausreichend Butter zu essen. Damit die Kinder nicht sahen, wieviel er aß, schmierte er sich die Butter "hinter den Daumen". Alle anderen mußten sehr sparsam damit umgehen. Aus denselben Gründen wurde oft Leinöl oder auch einfach nur Salz zu Kartoffeln gegessen. Diese überaus sparsame Lebensweise war notwendig, damit wenigstens eines der zahlreichen Kinder das Lehrerseminar in Breslau besuchen konnte.
Aus den Erzählungen der Mutter weiß ich, daß sie den Vater sehr geliebt hat und daß ihr die ersten Jahre ihrer Ehe wie das Paradies auf Erden vorgekommen sind. Sie hat uns Kindern auch oft erzählt, wie es vor sich ging, wenn der Vater mit seinem Wochenlohn nach Hause kam. Zuerst wurde das Geld für den Lebensunterhalt beiseitegelegt, über das die Mutter genau Rechenschaft ablegte. Wenn sie in einer Woche mal gut gewirtschaftet hatte und ein paar Pfennige übrig geblieben waren, hat sie diese dem Vater wieder zurückgegeben.
Weiterhin wurde in jeder Woche ein bestimmter Betrag gespart. Diese angesammelten Sparbeträge wurden, wenn sie die erforderliche Summe erreicht hatten, bei der Bank in ein Goldstück umgetauscht und in einem Schränkchen aufbewahrt, zu dem nur der Vater den Schlüssel besaß. Mutter berichtete, daß es für den Vater die größte Freude war, wenn er abends sein Schränkchen aufschließen konnte, um seine Goldstücke zu zählen. Wieviele es zum Schluß gewesen sind, weiß ich nicht, aber es ist für damalige Verhältnisse sicher sehr viel Geld gewesen. Dieses Gold hat Mutter dann im ersten Weltkrieg als Kriegsanleihe gezeichnet und natürlich nie mehr etwas davon gesehen. Wenn bei der Aufteilung des Wochenlohnes noch etwas übrigblieb, konnte der Rest dann zur Anschaffung von Kleidung und ähnlichen Dingen verwendet werden.
Als kleines Kind hatte ich, nach Mutters Aussagen, einen wunderschönen, blonden Lockenkopf. Was den Vater daran gestört hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er mir diese Lockenpracht eines Tages kurzerhand abgeschnitten, aber nicht ohne sich vorher genau zu vergewissern, daß Mutter in der Stadt zum Einkaufen war. Die Reaktion der Mutter auf diese Nacht- und Nebelaktion muß fürchterlich gewesen sein, denn die beiden haben anschließend tagelang nicht miteinander gesprochen.
Mit meinem Vater verbinden mich nur wenige Erinnerungen, denn ich war bei seinem Tode noch sehr jung. Geschlagen hat er mich nie, obwohl das in damaliger Zeit nichts Besonderes gewesen wäre. In der Woche spannte er täglich seine Pferde an, um in der Firma seines Brotherrn die Transportgeschäfte auszuführen. Auf diesen Fahrten habe ich ihn ab und zu begleitet, was mir immer großes Vergnügen bereitete. So gab es auf diesen Fahrten eine bestimmte Stelle, an der er anhielt und durch Pfeifen eines bestimmten Signals die Pferde veranlasste, ihre Notdurft zu verrichten. Das klappte auch meistens und hat mich immer sehr verwundert. Sonntags oder auch werktags zwischendurch hatte er den Auftrag, in "Livree" mit dem "Landauer", einem Kutschwagen mit zurückschlagbarem Verdeck, vorzufahren, um die Herrschaften nach Ruhbank zum Zug oder einem anderen Ziel zu bringen. Vorher mußten die Pferde natürlich gestriegelt, die Mähnen gekämmt und das Geschirr geputzt werden.
Dazu gehörte auch das Einschwärzen der Hufe. Solche Ausfahrten dauerten ab zu auch bis in die Nacht, kurz gesagt, er mußte Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Wenn die Herrschaften ein Diner (Festessen) gaben, zu dem Geschäftsfreunde und Bekannte eingeladen waren, mußte der Vater auch als Diener fungieren. Da muß ich daran denken, daß ich bei solchen Gelegenheiten manchmal nachts geweckt wurde, weil der Vater schnell mal zwischendurch nach Hause gekommen war und ein paar Essenreste mitgebracht hatte, die uns vortrefflich schmeckten. Bei einer solchen Gelegenheit habe ich zum ersten Mal richtiges Speiseeis kennengelernt. Welch wunderbarer Genuss war das!
Ein Jahr vor seinem plötzlichen Tode machte Vater noch seinen Kfz-Führerschein, weil sich der Herr Generaldirektor eines der ersten Kraftfahrzeuge in der Stadt zugelegt hatte. Dieses Automobil Marke "Brennabor" war 1921 natürlich eine Sensation und mußte zum Fahren mit einer großen Kurbel "angeworfen" werden, was dem Vater oft große körperliche Anstrengungen verursachte. Die Gangschaltung befand sich außerhalb der Karosserie, und eine große Ballhupe sorgte dafür, daß jeder Fußgänger dem Fahrzeug die nötige Aufmerksamkeit erwies.
1922 kam dann der schreckliche Tag, an dem sich unser Familienleben von einer Stunde zur anderen völlig veränderte. Vater erlag im Alter von 44 Jahren einer Gehirnblutung, und wir alle waren verzweifelt. Die Mutter hatte mir schon oft Märchen vorgelesen, in denen böse Stiefmütter vorkamen, folglich mußte es auch böse Stiefväter geben. Also flehte ich die Mutter noch an Vaters Todestag an: "Muttel, heirate bloß nicht wieder!", was sie ja dann auch nicht getan hat, aber nicht mir zuliebe, wie ich genau weiß, sondern weil sie die eheliche Treue genau nahm. Sie war damals 41 Jahre alt und noch eine attraktive Frau.
Die Mutter 1917, Auguste Martha Räuschel, geb. Tzschentke (*13.05.1881; †22.05.1952) mit Reinhold, Gretel, Fritz, Hans
Die Mutter
D
er Ernährer der Familie war gestorben; aber es waren drei Kinder zu ernähren (Reinhold war aus dem Haus), und eine Lebensversicherung für Vater existierte nicht. Auch eine Altersversorgung gab es nicht, und die Inflation hatte die letzten Ersparnisse aufgezehrt. Mutter mußte gleich am Tage nach der Beerdigung anfangen zu arbeiten. Sie bekam eine Beschäftigung als Leinenlegerin. Da mußten die fertigen Tischdecken und Bettbezüge zusammengelegt und verpackt werden. Die Arbeit begann morgens um 7:30 Uhr und endete abends um 18:00 Uhr. Dazwischen lag eine Mittagspause von 90 Minuten. Damit wir in der Wohnung bleiben konnten, mußte Reinhold die Stelle des Vaters übernehmen. Er war damals 18 Jahre alt. Außerdem mußte die Mutter neben ihrer Arbeit die zwei Kühe füttern und melken, die jetzt im Pferdestall untergebracht waren. Und wenn sie abends müde von der Arbeit kam, begann die Arbeit für die Familie: Essen zubereiten, nähen, flicken, Wäsche waschen, bügeln usw. Vor 24:00 Uhr kam Mutter nie in‘s Bett.
Als dieses große Unglück über uns hereinbrach, war ich gerade sechs Jahre alt geworden und ging das erste Jahr zur Schule. Trotz meines geringen Alters hatte ich sofort begriffen, daß das alles für die Mutter ein fast unlösbares Problem bedeutete. Ich ging sofort daran, ihr mit meinen bescheidenen Möglichkeiten zu helfen. Als erstes übernahm ich die Aufgabe, für das nötige Brennmaterial zu sorgen. Es wurde also Holz gesammelt und gehackt. Unserem Haus gegenüber auf der anderen Straßenseite stand das große Büro- und Geschäftshaus der Firma Methner & Frahne, dessen Räume zentral von einem mit Koks gespeisten Kesselfeuer beheizt wurden. Alle paar Stunden wurde der verbrannte Koks herausgefahren und auf eine Halde geschüttet. Hier habe ich jahrelang täglich mit einem Eimer und einer Eisenkrücke gehockt und die noch nicht ganz verbrannten Koksstücke herausgefischt. Oft dauerte es Stunden, bis ich meinen Eimer voll hatte, und da die Schlacke immer noch glühend heiß war, ging das nicht ohne Brandwunden an Händen und Füßen ab, denn ich ging ja im Sommer grundsätzlich barfuß. Schuhe wurden nur in die Schule angezogen.
In den ersten Jahren nach dem Tode des Vaters ging die Mutter fast täglich zum Friedhof. Ich habe sie dabei sehr oft begleitet und dabei erfahren, wie sehr sie gelitten hat. Jahrelang hat sie nicht das Vaterunser beten können, denn die Bitte "Dein Wille geschehe" ging nicht über ihre Lippen. Sie konnte es nicht verstehen, daß Gott einem Menschen so viel schweres Schicksal zumuten könnte.
Im Sommer zog sie mit uns Kindern, in späteren Jahren nur noch mit mir, hinaus in die Wälder, um Himbeeren oder Blaubeeren zu sammeln. Da wurden Eimer oder Milchkannen mitgenommen, in denen auch ein Paket Butterbrote und eine Feldflasche mit Tee oder Kaffee verstaut waren. Wir mußten schon früh aufbrechen, denn der Anmarsch zum Scharlach oder Ziegenrücken dauerte mehrere Stunden, und ich war immer schon müde, bevor die Pflückerei angefangen hatte. Jeder band sich ein Töpfchen vor den Bauch, in das die gepflückten Beeren hineingesammelt wurden. Heimgegangen wurde erst, wenn alle Gefäße voll waren, und ich muß gestehen, daß es mir manchmal schwer wurde, so lange auszuhalten. Manchmal wurden wir auch von einem heftigen Gewitter überrascht und kamen dann spät abends völlig durchnäßt zu Hause an. Noch am selben Abend, aber spätestens am nächsten Tag wurden die Himbeeren gekocht, in ein Tuch geschüttet und anschließend ausgepresst. Die Blaubeeren wurden in Weinflaschen gefüllt, die vorher ausgeschwefelt worden waren und mit Korken und Siegellack verschlossen. Einwecktöpfe und -gläser gab es damals noch nicht.
Wenn ich so zurückdenke und überlege, wieviel die Mutter in diesen Jahren gearbeitet hat, frage ich mich immer wieder, wann diese Frau geschlafen hat. Unvergessen bleibt mir ein Ausspruch der Mutter, den sie häufig gebrauchte. Wenn wir sonntags gegessen hatten und jeder noch ein bisschen am Tisch sitzen und zuhören wollte, was die anderen zu berichten hatten, stand Mutter auf und sagte: "Arbeiten, daß Gott nicht straft."
