Eine Liebe ohne Grenzen - Katrin Linke - E-Book

Eine Liebe ohne Grenzen E-Book

Katrin Linke

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Beschreibung

Ein Jahr lang bereiten Katrin Linke und Karsten Brensing ihre Flucht aus der DDR vor. Sie trainieren in einem See, joggen sich die Lunge aus dem Leib und fasten, um so lange wie möglich ohne Nahrung auszukommen. Nach und nach machen sie alles zu Geld, was sie besitzen. Am 5. Juli 1989 starten sie ihr One-Way-Ticket in die Freiheit vom Flughafen Leipzig aus und sind sich sicher: Die Welt liegt ihnen zu Füßen. Ihre Reise führt sie quer durch den Ostblock, doch alle Versuche in den Westen zu gelangen, misslingen. Jetzt hilft nur noch eins: Das Paar muss sich trennen. Katrin gelingt die Flucht unter einer VW-Polo-Rückbank. Karsten schwimmt eine Nacht lang von Ungarn nach Jugoslawien durch die Donau. Ob die zwei Liebenden sich wiedersehen, bleibt bis zu diesem Zeitpunkt offen.

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EPUB

Seitenzahl: 392

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungPrologTeil EinsPetroleumlampen für JapanDie Geschichte vom PlüschtelefonCurry ist ein GewürzKüss mich, BruderTeil ZweiZwangsurlaubFluchtgeständnis ohne FluchtDer Ungar schaut doch hinKlopf alles in die TonneTeil DreiAls Rücksitz in den Westen Hessen ist keine Stadt Ein Damenstrumpf ist keine NeoprenhaubeRobinson Crusoe FeelingEpilogChronik der Geschehnisse in Ungarn 1989DanksagungAnmerkungenTafelteil

Über dieses Buch

Ein Jahr lang bereiten Katrin Linke und Karsten Brensing ihre Flucht aus der DDR vor. Sie trainieren in einem See, joggen sich die Lunge aus dem Leib und fasten, um so lange wie möglich ohne Nahrung auszukommen. Nach und nach machen sie alles zu Geld, was sie besitzen. Am 5. Juli 1989 starten sie ihr One-Way-Ticket in die Freiheit vom Flughafen Leipzig aus und sind sich sicher: Die Welt liegt ihnen zu Füßen. Ihre Reise führt sie quer durch den Ostblock, doch alle Versuche in den Westen zu gelangen, misslingen. Jetzt hilft nur noch eins: Das Paar muss sich trennen. Katrin gelingt die Flucht unter einer VW-Polo-Rückbank. Karsten schwimmt eine Nacht lang von Ungarn nach Jugoslawien durch die Donau. Ob die zwei Liebenden sich wiedersehen, bleibt bis zu diesem Zeitpunkt offen.

Über die Autoren

Katrin Linke ist Biologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin für ARD, ZDF und Arte. Karsten Brensing ist promovierter Verhaltensforscher und Autor der Bestsellers DAS MYSTERIUM DER TIERE (Aufbau). Das Paar lebt mit seinen Kindern in Erfurt.

KATRIN LINKE

KARSTEN BRENSING

EINE LIEBE OHNE GRENZEN

Unsere Flucht aus der DDR

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Dieses Buch beruht auf einer wahren Geschichte. Alles ist so beschrieben, wie die Autoren es erinnern. Einige Namen, Orte und Details wurden zum Schutz der Rechte der Personen geändert.

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Wolfgang Seidel

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Collage unter Verwendung von Motiven von FinePic/shutterstock

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7213-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Vitus & Veverin, die ich grenzenlos liebe,& all jene, die sich fürchteten und trotzdem loszogen

Prolog

9. November 2017

»Nein!«, schreie ich, »Nein!«

Aufgeweckt von meiner eigenen Stimme schrecke ich hoch. Die Welt um mich herum ist unscharf, nur langsam dämmert mir, wo ich bin: Zu Hause, auf dem Sofa. Ich schüttele den Kopf, um wach zu werden, merke erst jetzt, dass ich mit der Brille auf der Nase, eingeschlafen bin. Mit einer Ecke meines Pullovers versuche ich etwas Klarheit ins Glas zu wischen und halte die Brille wieder gegen das Licht. Die Welt von draußen dringt zu mir. Sie ist grau und es regnet. Der November halt. Ich versuche den Tagtraum von eben zu rekonstruieren: Es war das Jahr 2049 und ich schaute auf die Bilder des Mauerfalls. Euphorisch schreiende Menschen umarmten sich, mit Tränen des Glücks in den Augen. In meinem Traum war ich 80 Jahre alt und eine alte Frau. Mein Gesicht hatte sich verändert und meine Knochen machten keinen Hehl aus ihrem Alter. Verstörender Traum, genauso surreal wie meine Erinnerung an die wahren Erlebnisse im Sommer 1989.

Gesichter von damals erscheinen vor mir: Heiko, Martin, Annette und Sabine mit dem kleinen Jungen, dunkelbraune wache Augen, so voller Leben und Abenteuerlust.

»Was ist aus euch geworden?«, frage ich mich. »Haben sich eure Wünsche und Träume erfüllt? Habt ihr gefunden, wonach ihr suchtet? Worauf ihr hofftet? Hat sich die Mühe gelohnt?«, flüstere ich vor mich hin und falle ins Grübeln: Wir haben alles stehen und liegen lassen, Familien, Verwandte, Freunde einfach so verlassen, enttäuscht, vielleicht sogar verraten.

»Wiedersehen!«, wispert eine Stimme in mir. Ich lausche tiefer in mich hinein, verharre reglos, kann mich nicht aus der Position lösen, in der ich sitze. »Wiedersehen!«, spuckt mein Mund plötzlich laut heraus.

Schlagartig löst sich die Starre in meinem Körper, und es ist, als würde ein Kokon, in dem ich all die Jahre gesteckt hatte, zerplatzen.

Wie von der Tarantel gestochen springe ich plötzlich vom Sofa, greife im Laufen mein Tablet vom Tisch und setze meine Kopfhörer auf. Die zwei Stufen in die Wohnküche nehme ich auf einmal, klicke dabei auf meiner 80iger Playlist »Sweet dreams are made of these« von den Eurythmics an. Bei »Everybody is looking for something«, fange ich an zu tanzen, erst langsam, dann immer schneller und schließlich hüpfe ich quer durch den Raum. Plötzlich wird mir klar: Ich will nicht alt werden, ohne zu wissen, was aus den Menschen, die uns auf unserer Odyssee begegnet sind, geworden ist. Und ich möchte denen Danke sagen, die uns auf unserem Trip in die Freiheit unterstützt haben.

Deshalb fasse ich heute, am 9. November 2017 auf meinem Sofa den Entschluss, meine, unsere Geschichte aufzuschreiben – soweit es meine Erinnerungen zulassen. Ich hoffe, dass ihr sie findet oder sie euch, dass ihr sie lest, euch darin erkennt und euch bei uns meldet. Wir kennen lediglich eure Vornamen, mussten sie hier aus rechtlichen Gründen zum Schutz eurer Identität ändern. Adressen von euch haben wir nicht, denn wir Flüchtlinge hatten keine.

Ich habe versucht eure Charaktere nachzuzeichnen, so wie Karsten und ich uns an sie erinnern, habe mich bemüht, Sprache und Zeitgeist von damals zu treffen, das, was uns bewegt hat, einzufangen.

Katrin Linke

Teil Eins

26. Juli 1989, Szombathely, Ungarn

»Rein, da!« Der Blick seiner tiefbraunen Augen, aus denen ich nichts lesen kann, wechselt nur für eine Zehntelsekunde von meinem Gesicht auf die Pistole im Halfter an seinem Gürtel, und ich verstehe: Widerstand ist zwecklos. Seine leichte Kopfbewegung in Richtung der offenen Tür, aus der mir grelles Licht entgegenschlägt, ist gar nicht mehr nötig, meine Beine setzen sich wie von selbst in Bewegung, und ich stolpere vorwärts. Im Türrahmen angekommen, kneife ich instinktiv die Augen zusammen. Als seine Hand mit festem Griff auf meiner rechten Schulter landet, reiße ich sie wieder auf. Die Hand auf meiner Schulter schiebt mich mit Nachdruck weiter. Dann löst sich der Griff. Ohne ein weiteres Wort fällt die eiserne Tür hinter mir ins Schloss, und ich bin allein. Mein Herz rast, treibt das Blut in meinen Adern zu einem reißenden Strom an, der Puls dröhnt in meinen Ohren.

Bleib ruhig!, befehle ich mir. Mein Körper gehorcht, wenn auch widerwillig. Langsam dringt das Knistern einer Leuchtröhre von der Decke zu mir durch, und meine Augen gewöhnen sich an die Helligkeit. Der Raum um mich herum ist klein, schätzungsweise neun Quadratmeter. Kahle Wände in vergilbtem Weiß, außer einem Stuhl und einem Tisch mit weißer Sprelacartbeschichtung1 ist er leer. Ich setze mich, starre auf den Tisch. Wie von selbst tasten meine Finger das graue Gummi der Schutzkante ab, das sich wie ein Ring um die Tischplatte schlingt. Ich kenne diese Art von Tisch, hatte zwölf Jahre Schule an ihnen verbracht.

Meine Hände zittern. Mit hektischen Blicken scanne ich die Oberfläche des Tisches. Nichts. Keine Kratzspuren, keine Ritzereien, kein Hinweis auf meine Vorgänger. Vermutlich haben sie nicht sehr viel Zeit hier verbracht, reime ich mir zusammen und resümiere: Könnte gut sein, aber auch schlecht. Meine Finger finden eine Stelle, an der das Gummi der Schutzkante durchtrennt ist, ich beginne fahrig daran herumzupuhlen. Schließlich gibt das Gummi nach, löst sich aus der Rille, in der es steckt. Ich fahre sie mit meinen Fingernägeln entlang, beuge mich hinab, um hineinzuspähen. Auch hier Leere. Erst jetzt spüre ich, dass meine Zunge förmlich an meinem Gaumen klebt. Ich ziehe die Halsmuskeln zusammen, versuche meinen Speicheldrüsen etwas Flüssigkeit abzuringen, löse damit die Zunge, verteile die Spucke in meinem ausgetrockneten Mund, lasse das Rinnsal schließlich den Rachen hinunterlaufen. Meine Augen brennen, ich bin erschöpft.

Einen Augenblick ausruhen, denke ich, schiebe meine Fußrücken hinter die Stuhlbeine und ziehe mich an den Tisch heran. Ich nehme die Brille ab und lege sie vor mich auf die weiße Tischplatte. Das grelle Licht wird sofort diffus, entspannt meine Augen, entrückt mich auf angenehme Weise meiner Umgebung. Ohne die fokussierende Schärfe meiner »sechseinhalb Dioptrien beidseits« bin ich blind wie ein Maulwurf, wie ein schielender noch dazu. Ich reibe mir die kleinen Dellen, die die schweren Gläser rechts und links auf meinem Nasenrücken hinterlassen haben, fokussiere das Gestell vor mir auf dem Tisch, muss es aber sofort wieder einem undeutlichen Glitzern überlassen, weil meine Augen die Schärfe nicht länger halten können und wieder abdriften. Ich gönne meinen Gedanken selbiges.

Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen: die kleinen runden Fassungen für die Gläser, die winzigen Pünktchen, die sich auf den Bügeln so kunstvoll aneinanderreihten, die Mini-Schrauben, mit denen man die Bügel verlängern konnte. Im Vergleich zu dem, was ich bisher auf meiner Nase sitzen hatte, war diese Brille das Paradies.

Ich schloss die Augen, beschwor die Bilder des Schaufensters des kleinen Antikladens herauf. Neben Ohrringen und Silberketten, aus denen rote, grüne oder blaue Steine aus verschnörkelten Amuletten blitzten, lagen auf rotem Samt Operngläser, Brillenkneifer und –gestelle, die meisten davon in schwarz angelaufenem Silber. Nur das eine in Gold. Du gehörst zu mir, hatte ich gedacht, als sich das Gestell in dem muffigen Trödelladen an meine Nase schmiegte, quasi mit ihr verschmolz. Der Preis war horrend gewesen, und bis ich das Geld zusammen hatte, brauchte es ein paar Wochen, in denen ich meiner neuen Freundin täglich einen Besuch abstattete, immer in der Angst, dass sie nicht mehr da sein könnte. Doch tagtäglich lag sie da, schien sich wohlig auf dem roten Samt zu räkeln und zu sagen: »Keine Sorge, wir gehören zusammen!« Schließlich waren wir beide glücklich in meinen Händen vereint gewesen. Mein Optiker hatte zwar ein wenig die Nase gerümpft, dann aber doch Gläser in das Gestell eingebaut, dessen handwerkliche Qualität bewundert.

»Wir gehören zusammen!«, meine Lippen formen gerade den Gedanken, da katapultiert mich das Geräusch von scharrendem Metall aus meinen Träumereien in die Gegenwart zurück. Schnell greife ich nach der Brille, setze sie an ihren Platz zurück. Hoffentlich erkennt niemand deinen Wert, denn ohne dich bin ich verloren, werde ich verrückt!, schießt es mir durch den Kopf. Ohne meine Sehhilfe würde ich innerhalb kürzester Zeit durchdrehen, da bin ich mir sicher. Ich blicke in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, und schaue in ein Augenpaar, das mich anstarrt. Es sind andere Augen als die des Mannes, der mich in die Zelle gesperrt hatte, sie halten mich irgendwie gefangen, ich kann mich ihnen nicht entziehen. Mein Herz beginnt erneut zu rasen, und ein Foto blitzt in meinem Kopf auf. Es ist nur ein Passfoto, aber es hat sich in mein Hirn eingebrannt: leere Augen, ihr Blick auf unendlich gerichtet, Haare kurz rasiert, die Haut übersät mit schorfigen Flecken. Würde ich genauso aussehen, wenn sie mit mir fertig waren? Oder schlimmer? Panik kriecht in mir empor.

Petroleumlampen für Japan

Juli 1988, Erfurt, DDR – Reichartstr. 22

Mein Klingeln hatte er nicht gehört, seine Mutter hatte mir schließlich die mit Holzimitattapete beklebte Haustür geöffnet. Ich wusste nicht genau warum, aber ich hatte auf der Treppe bis zum ersten Stock, wo seine Mutter mich im Hausflur mit den Worten: »Sag ihm, er soll die Musik leiser machen«, begrüßte, immer zwei Stufen auf einmal genommen.

»Mach ich«, hatte ich mit einem höflichen Kopfnicken erwidert, kurz mein Tempo etwas gedrosselt und noch ein »Guten Tag« hinten drangehängt, bevor ich an ihr vorbei ins Obergeschoss flitzte. Warum kribbelte mein Körper jedes Mal wie Brausepulver und ließ meine Beine regelrecht hüpfen, wenn ich zu ihm ging? Oben vor seiner Wohnungstür angekommen, erkannte ich schnell, dass das, was die Ruhe seiner Mutter störte, von Bronski Beat, seiner Lieblingsband, kam, und ich erkannte auch sofort den Titel: »I feel love, love …«. Mir wurde heiß. Dachte er vielleicht gerade an mich? Meine Hüften verselbstständigten sich, fingen den Rhythmus ein. Ich drehte den Schlüssel, der immer im kupferfarbenen Schloss der vergilbten Wohnungstür mit dem milchigen Glaseinsatz und ihren altrosa Gardinen steckte, nach links und trat leicht mit dem rechten Fuß gegen das Holz. Die Tür schwang langsam auf, gab den dunklen Korridor etwa einen halben Meter frei, dann wurde ihr verzogener Rahmen von braungestrichenen Dielen gestoppt. Ich hastete über die malträtierten Holzbretter der lauter werdenden Musik entgegen. Die Dielen knarrten, doch als ich nach zwei weiteren Schritten auf den ausgebleichten Teppichläufer trat, klang das Geräusch gedämpfter. Die Hand schon an der schwarzen Türklinke zu seinem Zimmer, hielt ich kurz inne. »Komm runter!«, ermahnte ich mich, ließ das kühle Metall auf meine Handfläche wirken. Er sollte auf gar keinen Fall merken, wie aufgeregt ich war. Ich atmete tief ein, musterte im schummerigen Licht den Korridor, den großen alten Holzschrank an der Wand hinter der Eingangstür, die Tür zum Badezimmer, in dessen Badewanne er die schwarzhaarige Manuela vernascht hatte, daneben eine schmale Tür, wo sich die separate Toilette befand. Bis auf den Gedanken an meine Nebenbuhlerin mochte ich alles an dieser Wohnung: die Küchenmöbel aus den zwanziger Jahren mit ihren weißen Porzellanschubfächern für Gewürze und den gläsernen für Zucker und Mehl, den Holztisch mit den zwei verzogenen Schubladen, die immer halb offen standen, weil sie nicht mehr zugingen, der Mischmasch aus verziertem Silber- und nüchternem Alu-Besteck darin, das schräge, schmutzige Dachfenster darüber. Die Tür zur winzigen Kleiderkammer daneben stand offen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals, damit ich einen Blick hinein erhaschen konnte, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Falls er mich trotz der lauten Musik bereits gehört hatte, sollte er nicht denken, dass ich bei ihm herumschnüffelte. Mein Blick streifte über seine ausgetretenen Puma-Turnschuhe, mehrere Jeans, Hemden, Shirts, Jacken. Keines der Kleidungsstücke musste sich einsam fühlen, denn egal ob benutzt oder nicht, alles lag in einem Knäuel vereint. Der Cocktail aus staubig, alt und schmuddelig, der in seiner Wohnung und dem gesamten Haus schwebte, faszinierte mich irgendwie. Er war so ganz anders als bei mir zu Hause, wo täglich gestaubsaugt wurde, wo die Fransen am Teppich gekämmt nebeneinanderlagen.

»I feel love« drang es lauter an meine Ohren, dann das Lachen einer unbekannten Stimme. Ich zuckte zusammen, überlegte kurz, ob ich wieder gehen sollte. Doch die Neugier siegte, und ich drückte die Klinke, noch bevor ich den Entschluss zu bleiben endgültig gefasst hatte. Zögernd setzte ich meinen Fuß über die Türschwelle, jemand Unsichtbares schien den Rest von mir hinterherzuschieben. Meine Augen brauchten sich nicht umzugewöhnen, die Vorhänge seines Zimmers waren zugezogen. Sie waren, genau wie Sofa, Hochbett und Tisch, ebenfalls blau. Alles hier war blau, und die beiden Typen auf dem Bett schienen es auch zu sein: Er wedelte mit irgendwas Blauem in seiner Hand herum, warf den Kopf in den Nacken, so dass das Grübchen in seinem Kinn, dessen Delle ich am liebsten pausenlos mit meinem Zeigefinger nachfahren würde, es mich aber nie traute, in Richtung Decke zeigte. Sein langes blondes Pony, das er passend zur Musik im Popperlook2 mit Zuckerwasser gestylt hatte, fing einen Sonnenstrahl, der es durch einen Spalt zwischen den Gardinen geschafft hatte, ein. Können Engel cool sein?, schwirrte es mir durch den Kopf, doch von dort kam keine Rückmeldung, die Antwort kam aus meinem Bauch. Mechanisch bewegten sich meine Beine die paar Schritte bis zum Bett, die beiden Jungs darauf bemerkten mich nicht. »Sweet dreams are made of this«, wechselte die Musik. »Everybody is looking for something«, grölten zwei schiefe Stimmen. Ich musterte den Unbekannten, der zur Musik mitwippte: kohlschwarzes, kurzes Haar, eine dunkle Hornbrille auf einer flachen Nase, dahinter mandelförmige Augen. »Ein Asiate! Was will der denn hier?« Die Bemerkung war mir wohl laut herausgerutscht, denn die beiden Jungs hielten abrupt inne. Ich spürte sofort den Blick seiner grünen Augen, die mich aus dem Dämmerlicht anfunkelten, und mein Herz begann zu rasen, ob nun wegen ihm oder weil mir meine etwas uncharmante Bemerkung peinlich war, verschwamm im Gefühlsbrei.

»Makoto«, sagte er und nickte in Richtung des Asiaten. »Makoto, Katrin«, nickte er in meine Richtung zurück, machte eine kurze Pause und fügte erklärend hinzu: »Eine Bekannte.« Damit schien die Sache für ihn erledigt. Mein Magen hatte sich bei seinen Worten zusammengezogen und ich hätte mich am liebsten auf dem Absatz umgedreht. Doch sein Blick hielt mich gefangen. »Die Bekannte«, sagte er gedehnt und zwinkerte mich schelmisch an.

»Ah«, hauchte der Asiate und kam sich verbeugend und mit breitem Lächeln auf mich zu.

Oje, dachte ich und verdrehte die Augen; ich bemerkte es zwar, aber es war bereits zu spät, um es zu unterdrücken. »Karsten mir erzählt, du mit ihm wollen, also ihr zusammen.« Makoto suchte nach Worten. »Mein Deutsch nicht so gut«, entschuldigte er sich immer noch grinsend.

Sweet Dreams, die »süßen Träume« der Eurythmics wurden abrupt alptraumhaft laut, und ich zuckte zusammen. »Pst!«, Karsten hatte den Zeigefinger seiner rechten Hand auf seine Lippen gelegt, fuchtelte mit dem blauen Ding in seiner linken herum. »Was?«, schrie ich. Er nickte mich mit weiten Augen nachdrücklich an, schaute dann auf seine linke Hand. »Ich versteh nur Bahnhof«, schrie ich nochmals, diesmal lauter, heftete aber meinen Blick an das Ding in seiner Hand, erriet schließlich die Geste und rutschte näher. Auch Makoto schien die Zeichensprache verstanden zu haben und hockte sich neben mich. »Makoto wird uns helfen«, flüsterte Karsten und schaute von seiner Hand zu dem Asiaten.

»Was?«, brüllte nun Makoto.

Langsam und mit einer deutlichen Pause nach jedem Wort wiederholte Karsten: »Du wirst uns helfen.«

»Warum du so leise? Ich nix hören!« Makoto wirkte verzweifelt. Karsten rückte näher an ihn heran, berührte mit den Lippen Makotos Ohr und flüsterte: »Zu gefährlich.« Instinktiv verstand ich, was er sagte, mein ganzer Körper war mit einem Schlag hellwach, so als wenn jemand mit einer Spritze Adrenalin in mein Herz gestoßen hätte. Er wird uns helfen, hier rauszukommen, jubelte ich innerlich. Vielleicht muss ich doch nicht schwimmen.

Ich wusste, dass es nicht einfach werden würde, vielleicht sogar gefährlich. Viele hatte das, was wir vorhatten, bereits das Leben gekostet. Die Angst, ebenfalls zu sterben, ließ ich gar nicht erst an mich heran. Mit dem Gedanken ans Schwimmen gelang mir das nicht: Glitschige Arme griffen aus der Dunkelheit nach mir, berührten mich am Bauch, ich verhedderte mich, wurde in die Tiefe gezogen. Reflexartig zog ich meinen Bauch ein. Ich war eine ausgezeichnete Schwimmerin, da war ich mir sicher, aber die Geschichten über Kinder, die sich in den Schlingpflanzen des Baggersees verfangen hatten und jämmerlich ertrunken waren, hatten sich in meinem Kopf tief eingenistet. Auch wenn ich mittlerweile wusste, dass es sich lediglich um Algen handelte, die bis an die Wasseroberfläche wuchsen, nützte es nichts, die Angst verfolgte mich seit frühsten Kindertagen. Trotzdem stieg ich seit Monaten mehrmals pro Woche nachts mit Karsten in diesen Gruselsee, zog mit Flossen, Tauchermaske, Schnorchel und einem schwarzen Strumpf über dem Kopf meine Runden, jedes Mal eine mehr. Die Kinder schrien immer wieder vom Grund zu mir herauf, flehten um Rettung. Vor Karsten gab ich mich lässig: »Los, noch eine, oder machst du schon schlapp?«, hatte ich ihn oft geneckt, doch in Wahrheit hatte ich beinahe panische Angst. Der Baggersee war gruselig, doch was würde mich erst erwarten, wenn es wirklich dazu käme, wir wirklich schwimmen müssten? Die Maske schützte meine Augen vor Wasser, aber meine Brille passte nicht darunter. Und ohne die war ich zwar nicht blind, aber ich fühlte mich hilflos, verletzbar, unsicher, ohne sie verschwamm die Welt vor meinen Augen, schaltete mein Hirn irgendwie ab. Doch ich musste wach sein, wenn es soweit wäre.

Ich fokussierte meinen Blick, Makoto grinste immer noch breit. Oder schon wieder? Meine anfängliche Euphorie war mit einem Schlag wie weggeblasen. Woher kam der Typ überhaupt? Konnte man ihm vertrauen? Ich schaute Karsten an. Er wirkte entspannt, hatte das blaue Ding, das er eben noch in der Hand hatte, geöffnet, reichte es nun dem Asiaten und rutschte nah an mich heran: »Du musst dir schnellstens einen Reisepass besorgen. Makoto wird uns Visa reinkopieren.« Bei den letzten Worten hatten seine Lippen mein Ohr berührt. Ein kribbeliger Schauer wanderte meinen Nacken hinab, glitt zwischen meinen Schulterblättern hindurch, meine Augen stellten wie von selbst auf ferne Welten in unendlichen Weiten, und eine Gänsehaut ergoss sich wellenartig über meinen Rücken. »Hallo? Jemand zuhause?« Karsten schien bemerkt zu haben, dass ich nur halb bei der Sache war, schob sein Gesicht vor meins. Ich zuckte zurück. Sofort erlangte ich die Kontrolle über meine Augen wieder und blickte Karsten in seine.

»Klar doch, kopieren!«, überspielte ich die Tatsache, dass ich dank seiner Berührung nur die Hälfte verstanden hatte. Um meine Entgleisung zu vertuschen, provozierte ich »Was willst du in Süßsauerland? Stäbchen schnitzen?«

»Makoto ist kein Chinese, er isst auch keine Pekinesen, sondern Algen und Fische, denn er kommt aus Japan«, belehrte Karsten mich.

»Japaner, sind das nicht die, die deine Lieblingstiere abschlachten und essen?«, gab ich etwas schnippisch zurück. Es brachte mich auf die Palme, wenn er die Schlaumeiernummer abzog. Er rückte ein Stück von mir weg, und ich bereute sofort meine Bemerkung, fiel aber fast zeitgleich in Trotzmodus und dachte: »Dann eben nicht, mir doch egal.« Augenblicklich funktionierte mein Gehirn wieder. Ein Japaner … Vielleicht würde er sich ja als nützlich erweisen, dachte ich und beschloss, nett zu ihm zu sein.

»Du Reisepass mit Visum?« Makoto schaute Karsten fragend an. Ich sah, wie Karsten große, fragende Augen machte, sein Hirn war mit einer Antwort offensichtlich überfordert. »Wenn wir das hätten, säßen wir nicht hier!«, polterte es aus mir heraus.

»Wenn, dann unten bei meinen Eltern.« Irgendwas schien bei Karsten eingerastet zu sein, er sprang vom Bett und verschwand über die knarrend ächzenden Korridordielen.

Während ich noch mit mir selbst wegen meiner etwas brüsken Entgegnung haderte, griff Makoto nach einer der herumliegenden Kassetten und las: »Angelo Branduardi.« Er schaute mich lächelnd an: »Gut?« Ich liebte Angelo Branduardi, es war »unsere« Musik, Karsten und ich hörten die Kassette hoch und runter, sie leierte bereits. Doch ich zuckte mit den Schultern: »Geht so. Ein Italiener.« Ich fühlte mich unsicher. Bestimmt hörte er in Japan ganz tolle Bands, ging in Live-Konzerte von den Eurythmics oder von Supertramp. Unsere Leierkassette war sicher nichts für ihn. »Darf ich?«, fragte Makoto. Ich nickte, und er tauschte die Eurythmics gegen den Italiener aus. Eine Weile saßen wir uns schweigend gegenüber, ließen uns von der Musik davontragen. Doch in mir brodelte die Neugier: »Woher kennst du Karsten? Und wie kommst du hierher?«

»Über Tante. Schreibt mit Freundin meiner Mutter. Hat eingeladen mich zu kommen. Gut, weil jetzt ich kann helfen euch!«, Makoto grinste mich offen an.

»Sorry, hat ein bisschen gedauert, aber hier ist er.« Karsten winkte mit einem grünen Reisepass und sprang aufs Bett. »Schwein gehabt!«, sagte er fröhlich. »Meine Tante hatte Silberhochzeit, und da haben sie meinen Vater rausgelassen.« Er schlug das Reisedokument auf und blätterte darin herum. »Das ich brauche!«, Makoto nahm Karsten den Pass aus der Hand, hielt ihn sich knapp vor die Nase und studierte die Seite.

Dann legte er den aufgeschlagenen Pass vor sich hin, kramte in seinem Rucksack und zog in lässiger Geste einen Plastikkasten heraus. Er hielt ihn über den Pass, drückte auf einen Knopf, und es summte leise. Mir blieb der Mund offen stehen, so ein Gerät hatte ich noch nie in echt gesehen. »Videokamera«, erklärte Makoto. »Von Sony. Ich mache Foto von Visa.«

Ich nickte nur. Makoto drückte wieder einen Knopf, dann rauschte es kurz. Ein weiteres Drücken, dann zeigte er mir ein Bild des Stempels, der Karstens Vater berechtigt hatte, die DDR zu verlassen und zur Silberhochzeit seiner Schwester nach Köln zu reisen. Ich rätselte, wie Makoto den Stempel aus der Kamera raus und in Karstens Pass rein bekommen wollte. Karstens Blick verriet mir, dass er etwas Ähnliches dachte, und der wohlige Schauer auf meinem Rücken kehrte zurück. »Ich drucken in Japan aus und kopieren es in Pass.« Makoto schien unsere Fragen zu erraten. Seine Erläuterungen sorgten bei mir für noch mehr Verwirrung, doch Makoto schien es nicht zu bemerken: »Du mir schicken auch deinen Pass, ich machen Visum von Papa rein. Wir uns alle treffen in Sowjetunion und ausreisen nach Japan.« Makoto grinste breit und schien sehr zufrieden.

»Alles klaro auf dem Kilimandscharo!«, bemerkte ich in etwas ironischem Ton und dachte bei mir: Den Reisepass hol ich mir im Konsum an der Ecke. Und wenn wir einmal dabei sind: Was hältst du davon, wenn ich ihn dir bringe, ich wollt schon immer mal nach Japan. Die ganze Situation war einfach zu absurd, und ich schaute Makoto verunsichert mit ungläubigen Augen an. Er lächelte noch immer, für ihn schien die Sache geritzt, ein Kinderspiel. Ich blickte zu Karsten. Seine Stirn hatte sich in Falten gelegt, sein Blick war starr, er schien zu grübeln. »Meine Cousine aus Frankfurt schmuggelt ihn raus«, erklärte er nach einer Weile. »Die kommt jeden Herbst zum Todestag meiner Oma zu Besuch. Das ist ihr heilig.« Euphorisch packte Karsten mich am Arm und drückte zu. »Wenn das klappt, kann sie ihn zu Makoto nach Japan schicken.« Du kannst den Pass genauso beantragen wie ich, das ist jetzt erlaubt, dass jeder DDR-Bürger einen richtigen Reisepass hat, nicht nur die Rentner!« Die Sache schien für ihn geritzt.

Ich entwand Karsten meinen Arm. »Ich hab einen Bruder im Westen, der andere hat grad einen Ausreiseantrag gestellt, mein Cousin hockt wegen versuchter Republikflucht im Knast, und meine Mutter ist mit einem Antragsteller befreundet, schon vergessen?«, sagte ich gereizt. »Die geben mir doch nie so ein Ding.« Meine Stimme wurde leise, und ich zwang mich, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. »Und überhaupt. Wie sollen wir das bezahlen, eine Reise in die Sowjetunion? Außerdem kommt man da auch nicht so leicht rein, ohne Einladung geht da gar nichts.« Schweigen breitete sich aus, das Blau um uns herum wirkte auf einmal düster.

Wir hatten gar nicht bemerkt, dass die Musik geendet hatte und die Kassette im Leerlauf drehte. Die Automatik, die den Knopf normalerweise hochschnippen ließ, war, wie häufig beim Modell »Annett«, kaputt. Genau deshalb hatte ich mir von meinem Jugendweihegeld einen »Babett« gekauft, achthundertundachtzig statt siebenhundertfünfzig Ostmark hingeblättert. Danach war finanziell Ebbe angesagt gewesen, aber ich wollte mit meinen Lieblingssongs einschlafen, und da ich mir ein Zimmer mit meiner Schwester teilte, musste sich der Recorder verlässlich selbst ausschalten, wenn das Band zu Ende war. Gedankenverloren lauschte ich dem Geräusch der Kassette, zu dem sich nun noch ein leises drängelndes Quietschen gesellte. Es klang, als bettelte die Kassette um Erlösung. »Wir müssen alles zu Kohle machen, was geht«, sagte ich mehr zu mir selbst als zu den anderen. Die Tragweite meines Gedanken wurde mir erst langsam bewusst. Der Rekorder war das Einzige, das ich zu Geld machen konnte.

»Words don’t come easy« – wie oft hatte ich das Lied von F. R. David darauf gehört, hatte Stephan, meine erste große Liebe, beschworen, mich endlich wahrzunehmen, wenn ich morgens auf dem Schulweg an seiner Clique, die sich immer an dem Stromhäuschen an meiner Straßenecke traf, vorbeiging. Es würde mir schwerfallen, mich von dem Gerät zu trennen.

Ein kurzes Klacken und dann ein Schnurren. Karsten hatte eine neue Kassette eingelegt. »It’s raining again«, sang Supertramp, das Band hatte direkt am Refrain gestanden. »Ich habe eine Fotoausrüstung, die ist echt gut, mit Dunkelkammer und allem Pipapo. Die Boxen und der Verstärker sind auch ganz gut«, drang Karstens weiche Stimme durch den Regen von Supertramp. »Ich kenn einen Typen, der kauft so was auf und vertickt es weiter.« Karsten verfiel wieder in Flüsterton.

Seit er als sogenannter »Säurespritzer von Erfurt« verhaftet und sein Zimmer von der Polizei durchsucht worden war, hatte er panische Angst, dass er von der Staatssicherheit abgehört wurde. Die Polizei hatte tatsächlich Säuren bei ihm gefunden. Die Chemikalien hatte er für Experimente gekauft, wollte aus Blättern Chlorophyll extrahieren und damit elektrischen Strom erzeugen. Das Klassenbuch des Abendgymnasiums entlastete ihn zum Glück – er konnte nicht der Verrückte gewesen sein, der Frauen im Kaufhaus auf der Rolltreppe mit Säure bespritzte. Karstens größte Angst bei der Hausdurchsuchung war gewesen, dass die Polizei den Tauch-Atemregler, den er illegal besaß, fand. Niemand hatte das Gerät erwähnt. Hatten sie es trotzdem gefunden?

Irgendwie fühlte sich Karsten in letzter Zeit beobachtet. Vielleicht, weil der Säurespritzer noch immer frei herumlief? Oder weil Karsten eine »Ausreiserin«, eine Bezeichnung, mit der er mich wegen meiner Brüder gerne neckte, traf? Vielleicht befürchteten sie auch, dass er den Tauchregler für eine Flucht angeschafft hatte, über die Ostsee in den Westen wollte?

»Ich gesehen tolle Lampen bei euch zu kaufen, so wie Kerze, aber mit Glas. Japaner würden toll finden«, meinte Makoto.

»Lampen, die Japaner brauchen könnten?«, kam es fast zeitgleich von Karsten und mir. Die Vorstellung, dass es bei uns etwas gab, was man in Japan toll finden könnte, schien uns gleichermaßen unglaubwürdig.

»Kommt Flüssigkeit rein und leuchtet«, erklärte Makoto und suchte nach weiteren Worten, um die vermeintlichen Wunderlampen zu beschreiben.

»Petroleumlampen«, errieten wir wie aus einem Munde, schauten uns an und mussten lachen. »Die Dinger gibt’s im Laden für Eimer, Besen und Mausefallen, knapp fünf Mark das Stück«, wusste Karsten.

»Blau oder rot der Herr?« Ich sprang auf und pries verkäuferisch gestikulierend an.

»Ja genau, Petroleumlampen«, freute sich Makoto. »Ihr schicken nach Japan, ich verkaufen und schicke Geld zu Cousine in BRD.« »Und die bringt mir die Kohle nach Berlin«, grinste jetzt Karsten seinerseits zufrieden. Auf meinen fragenden Blick hin fügte er hinzu: »Im kleinen Grenzverkehr. Christiane fährt nach Westberlin. Von dort darf sie im kleinen Grenzverkehr nach Ostberlin. Das geht voll easy!«

26. Juli 1989, Szombathely, Ungarn – Gefängniszelle

Ich bin unsicher, was unerträglicher ist: die Augen des Mannes, der mich durch das Loch in der Zellentür anstarrt, oder der leere Blick von dem Passfoto, der mich seit Monaten in Schach hält. Ich spüre wie mein Herz rast, höre den Puls in meinen Ohren rauschen. Mein Gehirn ignoriert es, setzt gnadenlos die einzelnen Ausrisse des Fotos zusammen wie die Einzelteile eines Puzzles. Dann ist es fertig: Falk, mein Cousin, schaut mich mit trübem, farblosem Blick an. Tränen schießen mir in die Augen. Sie glätten die Haut meines Cousins, sein Blick wird langsam klarer, seine Augen gewinnen an Farbe und werden blau. Bilder unbeschwerter Kindertage schimmern darin: Falk im Schlafanzug an meinem Fußende, fröhlich lachend an der Bettdecke ziehend. »Los, ich will spielen!«, höre ich seine Stimme in mir.

Falk war in den Ferien oft bei uns zu Besuch gewesen. Wir waren fast gleich alt, vertrugen uns prima, spielten gern miteinander, waren fast so unzertrennlich wie Zwillinge gewesen. Die Gedanken an Falk lassen meinen Puls gleichmäßiger werden, und der Mann am Guckloch entschwindet meiner Wahrnehmung. Dankbar lasse ich mich tiefer in meine Erinnerungen sinken: sonntags. Wir spielten das Spiel immer sonntags.

Mit einem vorgetäuschten Schnarchen bekundete ich jedes Mal meine Zustimmung, zog die Beine an, um Falk Platz zu verschaffen. Er verstand das Zeichen, holte Bettdecke und Kissen aus seinem Bett und baute beides routiniert auf, die Decke zusammengerollt am Fußende, sein Kopfkissen direkt vor meinen Fußspitzen. Dann positionierte er sich dazwischen, mit dem Rücken zu mir, das Gesicht Richtung Bettrolle. Er hob die Arme, umfasste mit seinen Händen ein imaginäres Lenkrad: »Brumm, brumm, brumm, quietsch«, machte er und ruckte mit dem Oberkörper nach vorn, so als ob er tatsächlich gebremst hätte. Ich ruckte ein klein wenig mit, kuschelte mich danach noch tiefer in Schlafratz, mein Daunenfederbett.

»Falk«, murmle ich und erschrecke, werde mir meiner Umgebung jäh wieder bewusst. Der Fremde im Guckloch ist wieder da. Ein Rauschen übermannt mich, wird zum Dröhnen. Es erinnert mich an die riesige Mauer eines Stausees, den ich als Kind mit meinen Eltern besucht hatte. Das Wasser war mit lautem Getöse die Mauer runter in den See geknallt, es hatte mir Angst gemacht, und ich hatte mir die Ohren zugehalten. Reflexartig mache ich es wie damals, drücke meine Handballen fest auf die Ohrmuscheln, doch das Dröhnen lässt nicht nach. Ich schaffe es gerade noch, mich mit der linken Hand an der Tischkante festzukrallen und mir mit der rechten erneut die Brille von der Nase zu reißen. Die Welt um mich herum verschwimmt augenblicklich und mit ihr das Auge in der Tür, die gesamte Tür. Sie verschmilzt mit der Wand, hinterlässt lediglich einen Schatten. Automatisch sinkt mein Puls, entspannen sich meine Muskeln. So sehr ich auch unter meiner Fehlsichtigkeit, vor allem dem Schielen, das, wenn ich müde bin, auch die Brille nicht wegkorrigieren kann, leide – manchmal liebe ich meine Augen: Sie machen brennende Kerzen zu filigran funkelnden Feuerbällen, lassen Weihnachtskugeln am Weihnachtsbaum frei schweben oder machen aus einem Baumkuchen mal eben zwei. Je nachdem, mit welchem Auge ich fokussiere, ist mal der eine, mal der andere scharf. Die Illusion, manches doppelt zu besitzen, gefällt mir, fühlt sich gut an.

Dort, wo die Tür ist, klackt es blechern, und der Schatten weicht einem heller werdenden Licht. Nach und nach schält sich die Silhouette eines Mannes heraus. »Mitkommen!« befiehlt er. Ich erkenne ihn wieder, setze schnell die Brille auf. Er bedeutet mir, ihm zu folgen. Das Rauschen kehrt zurück, droht über mir zusammenzuschlagen. Reiß dich zusammen!, fauche ich mich an, wohlwissend, dass ich jetzt der Realität ins Auge blicken muss. Ich folge dem Mann mit wackligen Schritten durch einen schmalen Gang, vorbei an einer Tür, die der meinen gleicht, kann aber keinen Blick durch das Guckloch in den Raum dahinter erhaschen. Ich frage mich, ob Karsten dort drin ist.

Eine Tür wird geöffnet, und ich blicke in den Raum: Ebenfalls hellgelb mit Leuchtstoffröhren an der Decke, mehrere Tische und Stühle wie die meiner Zelle, die Fenster auf Kopfhöhe schwarz vergittert. Draußen dämmert es bereits. Mein Begleiter weist mir einen Stuhl zu. Dann geht er wieder, und ich bleibe allein zurück. Irgendwie bin ich erleichtert, auch wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Ich brauche nicht lange darüber zu brüten. Eine Tür am anderen Ende des Raumes wird geöffnet, und zwei Männer in verschlissenen Anzügen erscheinen, einen davon erkenne ich sofort wieder: hagere Gestalt, schmales Gesicht, die Kante an seinem Haaransatz so exakt gerade, als wäre sie mit dem Lineal gezogen. Ich habe noch immer die Alkoholfahne in der Nase, die mir aus seinem Mund entgegengeschlagen war, als er uns am Bahnhof angesprochen hatte, nach unserem Woher und Wohin fragte. Stinkemund hatte uns beäugt, als ob wir Aussätzige wären, wollte wissen, wie viel Geld wir besaßen. Als wir zögerten, zückte er einen Ausweis, verlangte dann unsere zu sehen. Wir hatten den Grenzpolizisten in Zivil angelogen, ihm erzählt, dass wir uns die Stadt anschauen wollten, eintausendzweihundert Forint dabeihätten3. Das hatte den Beamten stutzig gemacht, und er wollte wissen, ob wir nach Österreich flüchten wollten. Wie aus dem Nichts waren plötzlich noch drei Typen aufgetaucht, hatten uns mitgenommen, uns in diesem Pseudogefängnis getrennt. Schließlich verlangte Stinkemund nach meinem Gepäck, stöberte in meinen Sachen herum. Bei dem Gedanken, dass er gleich meine bereits getragenen Schlüpfer befingern würde, war mir Schamesröte ins Gesicht geschossen. Doch statt Unterwäsche hatte er das hellblaue Buch mit weißen Wölkchen aus meinem Rucksack gezogen, und zum rot war ein Schweißausbruch hinzugekommen: Es war mein Tagebuch, in dem eindeutig steht, was wir vorhaben. Der Grenzpolizist hatte darin herumgeblättert, es zum Glück dabei belassen und das Buch schließlich zurückgesteckt.

Der andere Typ neben Stinkemund ist mir unbekannt, wirkt irgendwie schmierig. Auf seiner übergroßen Nase thront eine viereckige Nickelbrille, in seiner Rechten hat er einen Aktenordner. Er legt ihn vor mich auf den Tisch, zieht sich einen Stuhl heran, setzt sich und schaut mir ungeniert in die Augen. Ich fokussiere ihn mal mit dem rechten, mal mit dem linken Auge, eine Taktik, die ich bereits in der Schule benutzt hatte, um dem Blickkontakt eines Lehrers standzuhalten: Ich schaute ihn an und doch wieder nicht, seine Macht konnte so nicht bis in mein Innerstes durchdringen, mich allzu sehr verunsichern.

»Ich spreche besser Deutsch als mein Kollege hier«, sagt mein Gegenüber, ohne sich vorzustellen. Betont langsam öffnet er den Ordner. Ich erkenne eine Art Formular. Der Mann dreht den Ordner um und schiebt ihn rüber zu mir. Dabei lässt er mich nicht aus den Augen: »Unterschreiben Sie hier!« Sein Finger zeigt auf eine leere Zeile, tippt darauf. Er scheint Übung darin zu haben, denn er trifft sie blind. Ich befreie meinen Blick von seinem, schaue auf das Blatt Papier: ein paar Zeilen, reingehackt von einer Schreibmaschine, oben rechts ein paar Zahlen. Das Datum von heute, erschließe ich mir; alles andere kann ich nicht entziffern.

Meine Augen rastern die Schrift ab, senden Buchstaben an mein Hirn. Es setzt sie hektisch aneinander, versucht ihren Sinn zu erfassen, scheitert. »Das ist ungarisch«, erklärt mir Nickelbrille. »Da schreiben Sie Ihren Namen hin«, er zeigt auf die oberste Zeile. Dann wandert sein Finger auf die Zeile darunter: »Geburtsort und –datum. In das Feld kommt, warum Sie hier sind.« Sein Finger zeigt auf den breitesten Bereich des Blattes und setzt mich in Kenntnis, welchen Text er dort erwartet: »Sie wollten aus unserem Land nach Österreich flüchten.« Meine Pupillen weiten sich, und ich schlucke trocken. »Ich wollte was?«, frage ich. Meine Angst ist für einen Augenblick wie weggeblasen, so geschockt bin ich, schaue ungläubig zu ihm auf. »Ein Fluchtversuch aus unserem Land«, wiederholt Nickelbrille ruhig, fingert nebenbei einen Kugelschreiber aus seiner Anzugtasche und legt ihn auf das Blatt: »Schreiben Sie!« Meine Gedanken fahren Karussell, ich fühle mich ertappt, überführt. Etwas in mir zieht die Notbremse, lässt mich runterkühlen, so dass ich wieder klar denken kann. Nüchtern zähle ich die Fakten, die er in der Hand hat zusammen: Sie haben uns am Bahnhof eingesackt, gleich nachdem wir aus dem Zug gestiegen waren. Haben wir uns im Zug mit jemandem unterhalten oder haben wir uns über das, was wir vorhatten, unterhalten?, versuche ich mich zu erinnern. Weder noch, bin ich mir hundertprozentig sicher. Er hat nichts gegen mich in der Hand, schlussfolgere ich. Oder doch? Hatte Karsten vielleicht ausgepackt, mich ans Messer geliefert, um seine eigene Haut zu retten? Mein Puls wird wieder schneller. Nein, bestimmt nicht, beruhige ich mich. Wir waren so weit gekommen, nein, ausgeschlossen, das würde er nicht tun. Wirklich nicht? Ich bin verunsichert. Egal, schiebe ich den Gedanken beiseite. Ich würde ihn auf keinen Fall verpfeifen, ich würde niemanden verpfeifen, das hatte ich mir geschworen, komme, was wolle. Ich beschließe, mich dumm zu stellen. »Ich und Flucht, wie kommen Sie dadrauf?«, bemühe ich mich betont lässig zu klingen.

»Warum sind Sie sonst hier in Szombathely?« Sein Blick wird durchdringend.

»War schon überall in Ungarn, wollte mir mal was Neues ansehen«, lüge ich dreist.

»Hier an der Grenze?« Die gedehnte Art, wie er den Satz spricht, macht eindeutig klar, dass er mir nicht glaubt. »Sie füllen das Blatt aus und sind frei«, schiebt er nach.

Die Notbremse schnappt auf, und mein Hirn fährt wieder Karussell. Sollte ich auf das Pferd aufspringen, dass er mir anbot? Aber dann hätte er schwarz auf weiß, das ich abhauen wollte, hätte ein Geständnis, könnte mich für Jahre hinter Gitter bringen.

Und wir hatten es nicht einmal versucht! Wütend verschränke ich die Arme vor der Brust, schaue ihm trotzig ins Gesicht: »Nein!« Er nickt nur, zieht mit dem Zeigefinger den Pappordner zurück und klappt ihn zu. Das scheint das Zeichen für meinen Wärter zu sein, der plötzlich neben mir steht und mich am Arm greift. Er führt mich zurück in den Gang. Als ich an der Zellentür vorbeikomme, hinter der ich Karsten vermute, frage ich mich, ob er unterschreiben wird. Oder hatte er bereits unterschrieben und war auf und davon? Ich fühle mich mutterseelenallein und elend, als die Tür meiner Zelle wieder ins Schloss fällt.

August 1988, Erfurt, DDR – Reichartstraße 22

»Grün oder blau?«, Karsten kniete auf dem Fussboden, in jeder Hand ein lappriges Stück Stoff, um sich herum Unmengen Gänsefedern, zwei lange rote Säcke und eine Nähmaschine.

»Ich freu mich auch, dich zu sehn!«, erwiderte ich, schob mit dem Ellenbogen die Tür zu seinem Zimmer auf, balancierte den Karton, den ich trug, hindurch und hievte das Monstrum neben die anderen an der Wand. Nein danke, ich schaff das schon allein!, dachte ich angesäuert, weil Karsten sich nicht erhoben hatte, um mir zu helfen. Ich warf meine Jeanstasche, die aus dem Oberteil einer alten Jeans bestand und die ich selbst mehr zusammengeflickt als genäht hatte, aufs Sofa.

»Los, los, rein da!«, er zog mich zu sich runter, öffnete den roten Sack, auf dem er saß, rutschte etwas zur Seite und bedeutete mir hineinzukriechen.

»Ich bin voll im Eimer, die Petroleumlampen sind scheiß schwer!«, jammerte ich und pulte mit der Spitze meines rechten Fußes den blauen Lederturnschuh, der mit zwei weißen Streifen verziert war, von meiner linken Hacke. Dann befreite ich den rechten Fuß von seinem Schuh. Ich stellte beide betont sorgfältig neben seine hingeschmissenen, abgeranzten Puma-Turnschuhe.

»Boa, was hältst du dich so lange an sowas auf? Ich will wissen, ob du reinpasst!«, drängelte Karsten und schüttelte die Ecke des Stückes Stoff, das er aufgeklappt hatte.

»Und ich will, dass meine Turnschuhe in ein paar Wochen auch noch gut aussehen, hab schließlich lange dafür angestanden. Hat ja nicht jeder eine Tante, die jedes Jahr Puma-Latschen aus dem Westen rüberwachsen lässt«, entgegnete ich störrisch, hockte mich aber bereitwillig hin und schob meine Füße in den Sack. »Was wird das, wenn’s fertig ist, ein Ganzkörperkondom?«

»So was Ähnliches.« Karsten lächelte mich an, und ich hätte ihn am liebsten zu mir herabgezogen, um durch sein Strubbelhaar zu wuscheln, ihn zu küssen, traute mich aber nicht. Wir waren nicht zusammen. Da gab es außer Manuela noch Carola und Sandra, alles tolle Mädchen, mit denen er seine Freundschaft »erweitert« hatte, wie er es nannte, zu gut Deutsch, mit denen er schlief. Ich verbrachte zwar inzwischen die meiste Zeit mit ihm, vermutlich aber nur, weil die anderen unter der Woche zum Studium in Jena oder Leipzig und nur an den Wochenenden verfügbar waren. Vielleicht wollte er auch einfach nur nicht alleine abhauen, wollte für unterwegs und seinen Start im Westen etwas »Frischfleisch« dabeihaben. Über das Selbstbewusstsein, die Tollste von allen zu sein, verfügte ich nicht.

»Brillenschlange! Brillenschlange!«, ich war zu oft damit gehänselt worden. Meine Mutter hatte sich zwar immer redlich bemüht, mir die neuesten Brillengestelle und dünnsten Gläser, die es gab, zu verschaffen. Dafür hatte sie sogar mit dem Optiker geflirtet. Aber es hatte nichts genützt, ich war immer wieder das Opfer von Hänseleien geworden und froh gewesen, dass meine Peiniger der Brillenschlange nicht noch eine »Streberin« zur Seite gesetzt hatten, wegen meiner guten Noten. Schuld daran waren vermutlich meine schnodderige Art, die ich mir instinktiv zugelegt hatte, sowie die Tatsache, dass meine Freundinnen allesamt »Dreier-Kandidaten« gewesen waren und keine »Einser«. Ich musste bis Ende der Zehnten in dem Klassenkollektiv auskommen, erst danach stand das Abi an einer anderen Schule an, vorausgesetzt, ich bekam einen Platz, was mit Eltern, die nicht der Sozialistischen Einheitspartei angehörten, so gut wie ausgeschlossen war.

Die »Brillenschlange« war mir auch über die Mauern meiner Schule gefolgt: Wenn Stephan, der mich schließlich erhört hatte, mich mit seinem Moped von der Schule abholte, hänselten seine Kumpels hinter uns: »Was willst du mit der Brillenschlange?« Zum Glück schienen nicht alle Jungs ein Problem mit Nasenfahrrädern zu haben und ich entschied irgendwann, dass meine »Mitropa-Aschenbecher« mich vor Blödmännern schützten, die Mädchen einfach nur flachlegen wollten. Inzwischen war ich einundzwanzig, die Typen von damals Schnee von gestern, doch an der Schlange würgte ich noch immer.

Karsten mochte meine Brille, fand, dass ich damit schlau aussah, eine Tatsache, die mir schmeichelte. Er war der zweite, mit dem ich Sex hatte. Die Leichtigkeit, mit der er »zur Sache kam«, faszinierte mich. Er war geschmeidig wie eine Katze, seine pantherartigen Augen, mit denen er mich regelrecht zum Liebesspiel herausforderte, machten es mir leicht, meine Scheu zu überwinden. Sex ohne Liebe, das war neu für mich, und ich hatte beschlossen, es zu genießen. Zärtlich in seinen Haaren herumwuscheln, ihn Bambi-like mit Kulleraugen anschmachten? Nein, ich würde mir die Liebe vom Leibe halten, würde nie wieder so leiden. Keiner würde nochmals eine so tiefe Wunde in mein Herz schlagen, wie Stephan es getan hatte, als er nach drei Jahren mit mir Schluss gemacht hatte. Diesen Schmerz wollte ich niemals wieder durchleiden, das hatte ich mir geschworen.

»Grün oder blau?«, wiederholte Karsten seine Frage und winkte mit den beiden Stoffstücken über meiner Nase.

»Sag mir erst, was das wird.«

»Nein. Überraschung!«

Die Sache war entschieden. »Okidoki, dann grün.« Ich gab mich geschlagen.

»Schön, dann können wir jetzt spazieren gehen.« Er reichte mir die Hand und half mir aus dem Sack. Ich verstand sofort, er wollte unbehelligt mit mir über unsere Fluchtpläne reden, danach würden wir unsere Runden im Baggersee ziehen. Ich schlüpfte in meine Turnschuhe, sah meine Tasche auf dem Sofa, beschloss sie liegen zu lassen. Ein guter Grund, später hierher zurückzukommen.

»Wie viele?«, fragte Karsten. Seine Stimme klang leise, obwohl wir draußen waren. Wir gingen über die kleine Brücke mit dem verschnörkelten gusseisernen Geländer, die in den Luisenpark führte. Es hatte bessere Tage erlebt, der Lack war im wahrsten Sinne des Wortes ab. Die Brücke führte über den Flutgraben, ein tiefer Graben, durch den sich die Gera schlängelte und den die Stadtväter einst gezogen hatten, um die Bewohner zu schützen, wenn das Flüsschen durch Tauwetter im Thüringer Wald oder schlimme Unwetter zum wilden Strom heranschwoll und über die Ufer zu treten drohte.

»Fünfzehn«, erwiderte ich. In den letzten Wochen war ich mehrfach in dem Laden für »Eimer, Besen und Mausefallen« in der Innenstadt gewesen, um die Petroleumlampen für Makoto zu erstehen. Bei jedem Besuch hatte ich bewusst nur maximal fünf Lampen gekauft. Ich wollte kein Aufsehen erregen, keine Fragen, keinen Verdacht aufkommen lassen. Heute hatte ich ordentlich zugeschlagen, denn der Besuch von Karstens Cousine Christiane stand kurz bevor: Sie sollte die Lampen mit nach Frankfurt am Main nehmen, wo sie als Krankenschwester arbeitete, und von dort nach Japan zu Makoto schicken. Zwei Pakete hatte ich bereits gepackt, heute das dritte. Ich blieb stehen und schaute Karsten an: »Der Typ im Laden hat irgendwie komisch geguckt, ich glaub er hat mich erkannt.«

Karsten stoppte. »Okay, dann sollten wir eine kleine Pause machen, und das nächste Mal geh ich.«

»Sie haben sowieso keine mehr«, erwiderte ich. »Erst im Frühjahr kommen wieder welche. Die Saison ist rum, meinte der Typ. Hat mich gefragt, wem ich mit all den Lampen heimleuchten wolle?« Ich zog meine Augenbrauen nach oben, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen.

»Und, wem willst du heimleuchten, etwa mir?«, fragte Karsten, und seine Augen leuchteten siegessicher. »Ich hab gesagt, dass ich Besuch aus dem All kriege und denen den Weg leuchten muss«, erwiderte ich genervt.

»Du solltest besser auf bling-bling und girly girly machen und den Typen damit ablenken, statt ihn durch solche Sprüche zum Nachfragen zu animieren. Oder gar zum Nachforschen …«, Karsten war ernst geworden.

Bling-bling und girly girly, das hättest du wohl gern, dachte ich und ging weiter.

»Wie viele sind es insgesamt?«, wollte Karsten wissen.

»Sechzig.«

»Mal fünf Mark pro Stück, macht dreihundert«, rechnete Karsten laut und holte mich ein. »Wenn wir nochmal so viele hinkriegen, wär super!«

»Wenn du lieb bling-bling machst, schneidet er sich vielleicht welche aus den Rippen!« Ich zwinkerte ihn kokett an, sah aber gleichzeitig den Typen aus dem Laden vor mir und wie er mich forschend angesehen hatte. Ich zog die Schultern hoch, und trotz lauer Sommerabendluft, war mir plötzlich kalt.