Einer hängt für alle! - U.H. Wilken - E-Book

Einer hängt für alle! E-Book

U. H. Wilken

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Beschreibung

U. H. Wilken war einer der ganz großen Autoren, die den Western prägten und entscheidend zum Erfolg dieses Genres beitrugen. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. U. H. Wilken ist zugleich einer der bestinformierten Autoren und kennt sich genau in der Historie des Wilden Westens aus. Was er schreibt, lässt sich hautnah belegen. Ein Meister seines Fachs, der mit Leidenschaft und Herzblut die großen Geschichten nachzeichnet, die sich in der Gründerzeit ereigneten. Grauenvoll ist diese Nacht in San Cuero. Schemenhaft ziehen sich Rojas mörderische Yaqui-Indianer lautlos in das Dunkel zwischen den Häusern zurück. Dumpf beginnt es zu dröhnen. Viele Hufe trommeln näher. Eine große Horde tobt über den Hügelrücken hinweg, schwärmt aus. Reiter unter riesigen rauchgeschwärzten Sombreros fallen über die kleine Stadt her. Allen voraus El Loco. Bleichgesichtig. Mit flatternden blonden Haaren. Heftig schlägt der lange Staubmantel. Wiehernd rast der Rappe die Straße hinauf. In kalten blauen Augen ist Mordlust. Herrschsüchtig wie einst Cortez bewegt er die Hand, scheucht seine Bandoleros in alle Richtungen. Sie wüten in den Häusern. Sie töten, rauben und plündern. Werfen lodernde Fackeln auf die Dächer, legen überall Feuer. Die Schreie der Einwohner gellen durch die Nacht. Auch dann noch, als El Loco mit seiner Horde und den Yaquis verschwindet. Aufgewirbelter Staub treibt in den Sternenhimmel empor. Wieder einmal lässt El Loco Tod und Tränen zurück.

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2022

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U.H. Wilken – 5 –Einer hängt für alle!

U.H. Wilken

Grauenvoll ist diese Nacht in San Cuero.

Schemenhaft ziehen sich Rojas mörderische Yaqui-Indianer lautlos in das Dunkel zwischen den Häusern zurück.

Dumpf beginnt es zu dröhnen. Viele Hufe trommeln näher. Eine große Horde tobt über den Hügelrücken hinweg, schwärmt aus.

Reiter unter riesigen rauchgeschwärzten Sombreros fallen über die kleine Stadt her.

Allen voraus El Loco. Bleichgesichtig. Mit flatternden blonden Haaren.

Heftig schlägt der lange Staubmantel. Wiehernd rast der Rappe die Straße hinauf.

In kalten blauen Augen ist Mordlust. Herrschsüchtig wie einst Cortez bewegt er die Hand, scheucht seine Bandoleros in alle Richtungen.

Sie wüten in den Häusern. Sie töten, rauben und plündern. Werfen lodernde Fackeln auf die Dächer, legen überall Feuer.

Die Schreie der Einwohner gellen durch die Nacht.

Auch dann noch, als El Loco mit seiner Horde und den Yaquis verschwindet. Aufgewirbelter Staub treibt in den Sternenhimmel empor.

Wieder einmal lässt El Loco Tod und Tränen zurück.

Es ist so gut wie unmöglich, ihn zu fassen. Und doch wird es versucht. Es gilt, El Locos Vertrauen zu gewinnen!

Seltsame Dinge geschehen. Im fernen Steinbruch von Yuma wird ein Mann ganz überraschend freigelassen. Rick Hudson, Sprengexperte, darf das Zuchthaus verlassen.

In einer anderen Stadt wird von Unbekannten ein dicker Mann aus der Zelle geholt. Josie Siddle. Ebenfalls ein Spezialist für Sprengladungen. Die Befreier sprengen zu seinem Empfang gleich die ganze Wand des Zellentrakts weg.

In Laredo wird der Henker von einem Fremden des gleichen Handwerks abgelöst. In einem Fort, nicht weit vom Rio Grande entfernt, überrascht der Commander seine Kavallerie mit einer jäh ausgebrochenen Liebe zu Federvieh. Die Besatzung quält sich Tag für Tag Hühnereier runter.

Bronson und Cayuse werden steckbrieflich gesucht.

El Loco, »der Wahnsinnige«, und Amigo Oscar, sein Vertreter, morden weiter. Das Land schreit unter blutigem Terror.

*

Das bedeutet nichts Gutes!

Fremde sind in Las Ruinas!

Sie gehen umher. Überall rasseln Radsporen an staubigen Stiefeln. Auf Straße, Plaza und Höfen. Im Schatten der Ruinen und Adobehütten. Hinter steingeschichteten hüfthohen Mauern.

Schweigsame Gringos.

Ihr Anblick lähmt, verbreitet Furcht unter den wenigen Einwohnern. Geisterhafte Stille lastet über der Ortschaft. Nur das Gerassel ist zu hören. Wie von gereizten Klapperschlangen.

Angst nistet sich in den Hütten ein. Niemand wagt sich hinaus. Alle beobachten durch staubblindes Fensterglas und schmutziges Ölpapier die Fremden.

Das sind Americanos. Männer von irgendwoher. – Schwerbewaffnet. Sie halten Gewehre bereit. Winchesters. Nur einer, fast einsneunzig groß, trägt geschultert ein Gewehr unbekannten Fabrikats.

Dieser große Gringo bleibt vor der Cantina stehen, kaut auf einem erkalteten Zigarillostummel.

Bronson!

Ein anderer geht auf ihn zu. Langsam. Schlendernd. Mit gleitenden Bewegungen. Wie eine Raubkatze. Ein schlanker Mann mit rabenschwarzem Haar und indianischen Gesichtszügen.

Cayuse!

Beide wechseln ein paar Worte. Niemand versteht, was sie sich zu sagen haben.

Auch nicht Catana.

Barfuß steht die frühreife junge Mexikanerin an der Tür der Cantina. Die rassige Schöne spitzt die Ohren. Enttäuscht schüttelt sie den verlausten Kopf, weicht zurück in das halbdunkle Innere der Cantina.

»Ich versteh’ nichts«, raunt sie dem Besitzer zu. »Verdammte Gringos! Hol sie der Teufel.«

Glutrot steht die Sonne über der Sierra. Über den schroffen Bergzügen verwehen allmählich die Hitzeschleier. Amberfarben kriecht die Dämmerung durch die Niederungen.

Vor Stunden kamen die Gringos nach Las Ruinas. Zogen auf ausgeruhten Pferden mehrere unbeladene Maultiere hinter sich her. Jetzt stehen alle Vierbeiner hinter der einsturzverdächtigen Kathedrale. Im langen Schattenfeld des alten Gemäuers, wo sie kaum zu entdecken sind.

Staub weht über die Hütten und Ruinen.

Die Türflügel der Cantina knarren. Bronson und Cayuse kommen herein, lassen Hitze und Staub hinter sich. Kurz heben sie sich vor der roten Sonne ab. Langsam bewegen sie sich in das kühle Halbdunkel hinein. Ihre Schritte hallen im riesigen Schankraum. An der steinernen langen Theke verstummt das Sporengerassel.

Nur das Mädchen Catana und der Besitzer harren aus, wittern beide ein Geschäft. Und beide nähern sich den Gringos. Catana vor der Theke, der Mexikaner dahinter.

Cayuse spürt die Hände des glutäugigen Mädchens am Arm. Catana blickt ihn freimütig an. Sie lockt, lehnt sich an ihn, reizt. Stumm verneint er. Da versucht sie es bei Bronson. Sie reicht ihm gerade bis zur Schulter, gibt sich anschmiegsam wie eine Katze, streichelt seinen Handrücken, schnurrt: »Hast du Lust? Ich tu alles für dich, Amigo mio.«

Er kratzt sich den Nacken, nimmt mit der Linken den Zigarillo aus dem Mundwinkel, lässt den zerkauten Stummel zwischen ihre Brüste fallen.

»Tu was gegen deine Läuse, Muchacha. Dann kannst du wiederkommen.«

»Maldito sea!« flucht sie, greift unter die weit geöffnete Bluse, holt den Stummel hervor und wirft ihn Bronson ins Gesicht. »Da! Friss ihn!«

Wütend läuft sie nach hinten, verschwindet hinter einem billigen Glasperlenvorhang.

Bronson lächelt, lauscht dem Klingeln der Glasperlen und langt zum Glas. Cayuse reibt sich erst einmal die Kopfhaut, bevor er nach seinem Glas greift.

»Worauf?« fragt er.

»Auf dass sie umfallen wie die Fliegen.«

Draußen ertönt ein kurzer scharfer Pfiff. Jemand kommt polternd über den ausgedörrten Gehsteig heran, stößt die Türflügel auf.

»Sie kommen!« keucht er. »In ner halben Stunde sind sie hier!«

»Na, also«, brummt Bronson, zieht die Marlin vom Tresen und geht hinaus. »Komm, Cayuse. Taubenschießen.«

Cayuse grinst den Cantina-Besitzer an, nimmt seine Winchester und sagt im Hinausgehen: »Ist er nicht ein netter Kerl, dieser Bronson? Er freut sich immer wie ein kleiner Hühnerdieb, wenn er ein paar Hombres umlegen kann.«

Knarrend schlagen die Türflügel, pendeln quietschend aus. Catana kommt durch den Glasperlenvorhang. Lautlos läuft sie zur Theke.

»Ich hab’ es gehört, Jefe«, flüstert sie. »Die Gringos wollen Tauben schießen – aber hier gibt es keine!«

»Hast du dir die Namen gemerkt, Catana? Bronson und Cayuse! Die darfst du nicht vergessen. Die Gringos reden nicht von richtigen Tauben. Sie meinen die taubenblauen Uniformen der Soldaten! Hier kommt ein Transport durch, das weiß ich – und den wollen sie abfangen!«

»Dios mio!«

*

Sie kommen im Schein der Abendröte.

Kavallerie in taubenblauen Uniformen.

Im klirrenden Trab rücken sie näher. Unter den Rädern eines schwerbeladenen Planwagens zerplatzen Steine. Feiner Staub wallt auf, treibt in dünnen Schwaden vom Weg.

In Las Ruinas herrscht völlige Stille. So ist das ferne Klirren und Klappern schon eine Viertelstunde vor Eintreffen der Kavallerie zu hören.

Bronson und Cayuse gehen durch die Ortschaft. Zum letzten Mal machen sie die Runde. Reden mit den Männern, die zu zweit im Hinterhalt liegen.

Alles ist für den Feuerüberfall vorbereitet.

»Jetzt brauchen wir nur noch Musik«, sagt Bronson, blickt die leere Straße hinauf und runzelt die Stirn. »In so einem Drecksnest ist doch nicht alles tot. Das nehmen sie uns nie ab. Musik muss her.«

»Ich frag’ die Muchacha. Du bekommst bei ihr keinen Stich mehr. Hast sie vergrellt. Mit deinem Stummel.«

»Unterlaß diese Anspielungen, sonst fängst du dir eine.«

»Wenn es doch stimmt?« Cayuse grinst. »Wenn du sie umarmen solltest, mein lieber Bronson, dann wird sie sofort an deinen Stummel denken. Bei der Kleinen hast du keine Chance. Ausgespielt. Ausgestummelt.«

Cayuse macht, dass er aus der Reichweite von Bronsons Faust kommt. Bronson scheint arg verschnupft zu sein.

»Verschwinde, sonst hau’ ich dich zur Abwechslung mal grün und blau, du Rothaut. »

»Mannomann!« Cayuse entfernt sich bereits. »Darf man denn gar nichts mehr sagen? Kaum redet man von deinem Stummel, da bist du gleich verstimmt wie ’ne alte Geige.«

Als er die Cantina betritt, kommt der Besitzer gerade vom Hof. Das verlauste hübsche Mädchen sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf der Theke und schlürft Pulque. Trotzig blickt es Cayuse entgegen. Als es merkt, dass Bronson nicht hinterherkommt, lächelt es.

Er bleibt an der Theke stehen, wirft einen schnellen Blick auf ihre schmalen und gebräunten Knie und sieht dann etwas verlegen zur Seite.

»Ich such’ einen Hombre, der Gitarre spielt.«

Catana drückt den weiten Rock zwischen die Beine und beugt sich so tief zu ihm hin, dass er glattweg ihren Bauchnabel sehen kann – wenn er möchte. Aber ihm reicht es schon, die festen kleinen Brüste zu sehen. Und er bemüht sich, indianisch zu denken: Brüste sind zum Stillen da. Und nachdem er den Kloß im Hals endlich runtergeschluckt hat, wiederholt er seine Worte.

Catana tippt daraufhin an ihren Busen und sagt: »Einen Burschen brauchst du nicht zu suchen. Ich kann Gitarre spielen. Was soll’s sein?«

»Du?«

»Ja – ich.« Sie lächelt weich und sinnlich. »Du heißt Cayuse. Ich hab’s gehört. Ich heiße Catana.« Sie gleitet von der Theke, bleibt dicht vor ihm stehen, blickt treuherzig zu ihm auf. »Soll ich das Lied von Madre und Padre spielen? Es ist schön. Es erzählt von der Liebe zwischen Mutter und Vater. Wie sie sich auch im Alter noch lieben.«

Cayuse schluckt, überlegt und schüttelt dann den Kopf.

»Das ist wohl doch nicht das passende Lied, Catana. Hier werden gleich viele Hombres in die Ewigen Jagdgründe abzittern. Spiel lieber das Lied vom Tod.«

»O no!« sagt sie energisch. »No, no! Dann wittern die Soldaten eine Falle! Das Lied würde sie warnen!«

»Dann spiel irgendwas anderes, Catana. Hauptsache, es ist schön. Vielleicht ein Wiegenlied?«

»Ja, ein Wiegenlied für die Soldados!« Catana strahlt. »Sie werden einschlafen! Für immer, nicht wahr?«

»Wer hat dir von den Soldaten erzählt, Catana?«

»Ich, Señor.« Der Besitzer kommt hinter der Theke näher. »Vor ein paar Tagen waren drei Fremde in Las Ruinas. Kundschafter. Sie tranken viel, redeten dann auch viel. Aber der Transport sollte doch erst übermorgen kommen?« Er grinst. Sein volles Gesicht wird noch feister. »In diesem Land haben auch die Kakteen Ohren, Señor! Nichts bleibt verborgen.«

Cayuse nickt nur, geht dann hinaus.

Catana läuft nach hinten, holt eine Gitarre und setzt sich nahe der Schwingtür zu Boden.

Gitarrenklänge wehen den näherkommenden Soldaten entgegen.

»Na, also!« sagt der Captain lächelnd.

Vor und hinter dem Wagen reiten sie in Doppelreihe. Sechs Pferde liegen im Brustblattgeschirr, ziehen den schweren Wagen nach Las Ruinas hinauf. Wild und zerklüftet ist das Land ringsum. Die Sonne sackt weg.

Die Kavallerie kommt mit der Dämmerung an den Rand der Ortschaft. Der Captain lässt halten, schickt dann zwei Reiter voraus.

Langsam ziehen diese beiden Reiter die Straße hinauf. Vorbei an dunklen Adobehütten und grau verschwommenen Höfen.

Nirgendwo zeigt sich ein Einwohner.

Die Gitarre erklingt.

Dumpf schlagen die Hufe, wecken schwache Echos zwischen den grauen Ruinen und schmutzigen Behausungen.

Bronson steht neben der Cantina. In der wagenbreiten Einfahrt ist es fast schon Nacht. Gelassen beobachtet er die beiden Reiter, fingert aus der Brusttasche einen Zigarillo, steckt ihn in den Mundwinkel. Hinter vorgehaltenen Händen raucht er ihn an. Schwach erhellt die Flamme sein raues Gesicht. Dann nimmt er sein Marlingewehr von der Hauswand, bewegt sich nach vorn und blickt den Reitern nach.

Drüben lehnt Cayuse an einer Hütte. Bronson sieht ihn nicht, weiß aber, dass er dort ist.

Am Ortseingang wartet aufgesessen die US-Kavallerie. In Zugstärke. Unter dem Kommando eines Captains.

Cayuse blickt über die Straße, sieht die Glut von Bronsons Zigarillo an der Ecke der Cantina aufleuchten. Bronson genießt – und das zu den Klängen der Gitarre.

Catana spielt gut. Die Klänge des Wiegenlieds folgen den Soldaten, die durch Las Ruinas reiten. Sogar am Ortsausgang sind sie noch zu hören. Dort wenden die beiden Reiter. Langsam kommen sie zurück. Auf klappernden Hufen nähern sie sich der »Placita«. Einst tanzten dort im Fackelschein spanische Soldados mit einheimischen Muchachas. Jetzt ist die Plaza verödet. Zwischen Gestein wachsen Disteln.

Aber wenn der Planwagen darüber hinwegrollt, dann bricht ringsum die Hölle aus, schlägt die Falle zu, gibt es eine Mordsschießerei.

Bronson weiß, wie heikel diese Sache ist. Ein verdammt heißes Eisen. Alles muss blitzschnell gehen. Keiner darf zum Nachdenken kommen. Dazu zählt er auch die paar Einwohner von Las Ruinas. Besonders Catana und ihren dicken Jefe, den Cantina-Besitzer.

Wie ein graues Leichentuch liegt die Dämmerung über Las Ruinas. Schemenhaft reiten die beiden Kundschafter an Bronson und Cayuse vorbei. Vor der Cantina verhalten sie. Das Mädchen rutscht von der Tür weg, spielt weiter.

Die Männer in den ausgeblichenen und verwaschenen Uniformen lachen auf, machen Anstalten, abzusitzen.

Catana erhebt sich, steht barfuß im Dunkel.

»Spiel weiter!« zischt ihr Jefe zu, holt eine Schrotflinte unter der Theke hervor, legt den Prügel auf den Tresen. »Tote tun dir nichts!«

»Si, Don Tomasino«, haucht Catana, streichelt weiter die Saiten.

Die beiden Soldaten geben ihren Pferden leicht die Sporen, reiten weiter. Das Hufgeklapper entfernt sich zum Planwagen hin.

»Da siehst du es, Muchacha«, knurrt der Mexikaner. »Warum hast du überhaupt Angst, hä? Die Gringos werden die Soldados abknallen wie Kojoten!«

Catana antwortet nicht.

Über der Sierra zieht fahles Licht herauf. Mondschein fällt auf Las Ruinas. Jetzt wirkt die Ortschaft erst recht wie ausgestorben.

Am Ortseingang befiehlt der Captain den Weitermarsch.

Für den schwerbeladenen Wagen gibt es keinen anderen Weg. Der Conestoga muss durch Las Ruinas hindurch.

Schwer mahlen die Räder durch den Sand. Immer wieder knallt es. Steine platzen, werden zu Staub. Ächzend rollt der Wagen durch Schlaglöcher. Oben auf dem Bock sitzen zwei Mann. Soldaten in Staubmänteln. Der eine lenkt, der andere hält eine Henry bereit.

Bronson beugt sich vor, sieht Kavallerie und Wagen kommen. Gelassen nimmt er den Zigarillo aus dem Mundwinkel, betrachtet ihn, schlägt die Asche vom halbaufgerauchten Tabakstengel, klemmt ihn wieder zwischen die Zähne. Kühl blickt er umher.

Drüben drückt sich Cayuse von der Hauswand ab, gleitet an den Straßenrand, wirft einen Blick auf den Conestoga. Zieht sich zurück, schnallt die Radsporen ab, lässt sie liegen. Mit einem Sprung ist er über die hüfthohe Mauer hinweg, schleicht dahinter entlang, klopft verschiedenen Männern kurz auf Rücken. Alle wissen, was sie zu tun haben. Reglos lauern sie im Hinterhalt. Am Rande der Plaza duckt Cayuse sich hinter einer steinernen Tränke. Ein kurzer Wink nach drüben – und dort hebt jemand kurz die Hand aus der Deckung hervor.

Es ist fast taghell.

Catanas Gitarre verstummt.

In keiner der schäbigen Behausungen brennt Licht. Stockdunkel ist es in allen Hütten. Aber niemand schläft. Alle starren hinaus in das fahle Mondlicht, beobachten Banditen und Soldaten. Auch dem dümmsten Bewohner wird jetzt klar, dass die Banditen den Soldados eine todsichere Falle gestellt haben. Und alle wissen, dass der große Gringo Bronson der Anführer der schweigsamen amerikanischen Bandoleros ist.

Bronson lässt die Kavallerie mit dem Wagen vorbeiziehen. Er hört das Rasseln des Geschirrs, das Keuchen der Pferde und das staubheisere Husten der Soldaten. Staub treibt zu ihm herüber.

Jetzt geht er in die Knie, zieht an einer schwarzen Schnur, hält die Glut des Zigarillo an die Lunte und lässt die Flamme loswandern. Schnell folgt das sprühende Feuer der nun freiliegenden Lunte.

Das alles ist kein Spiel.

Das ist verdammt blutiger Ernst.

Die Zugpferde stampfen jetzt die Disteln auf der Plaza nieder.

Bronson schnippt den Zigarillo weg. Tabakglut rollt auf die Straße.

Schüsse peitschen durch das monotone Gerassel und Hufgeklapper. Blei prasselt gegen den Wagen, durchschlägt die Plane. Schrill wiehernd toben die Pferde im Geschirr. Eisern hält der Kutscher die Zügel fest. Neben ihm sinkt der Beifahrer zusammen. Blut befleckt den hellen Staubmantel.

Beiderseits des Wagens stürzen Soldaten aus den Sätteln. Pferde gehen durch. Schreie gellen.

Mündungsfeuer flammen zwischen Hütten und Ruinen auf. Schüsse krachen ringsum. Kugeln sirren aus dem Hinterhalt hervor.

Die Soldaten schießen zurück, feuern gegen Mauern, in dunkle Fensterlöcher hinein.

Zuckend bäumt sich der Captain auf dem zusammenbrechenden Pferd auf. Die ganze Brust ist blutrot. Er fällt, rollt durch den Staub, erschlafft.

Hinter dem Wagen explodiert eingegrabenes Pulver. Erde und Gestein wirbeln hoch.

Die Wagenpferde rasen über die Plaza. Schüsse drücken den Kutscher gegen die Plane. Er reißt noch an den Zügeln, und der Wagen schwenkt herum und donnert an der Kathedrale vorbei nach hinten. Hoch wirbelt Staub auf, schlägt hinter dem Planwagen zusammen.

Immer wieder brüllen Männer. Fallen von den Pferden, zucken im Staub, erschlaffen zwischen Disteln. Banditen liegen reglos auf den Mauern. Zerfetzt sind die Rücken. Blutüberströmt.

Einigen wenigen Kavalleristen gelingt der Durchbruch. In halsbrecherischem Galopp rasen sie davon.

Schießend rennt Bronson über die Straße. Von drüben kommt Cayuse über die Plaza. Ein Lieutenant stürmt Bronson schießend entgegen. Bronson wirft sich lang hin, drückt ab – und der Offizier fällt auf ein zusammengeschossenes Pferd, bleibt schlaff liegen.

»Zum Wagen!«, brüllt Bronson, winkt.

Cayuse schießt den Corporal nieder, springt über ihn hinweg, folgt Bronson. Mit pulverrauchgeschwärzten Gesichtern hasten verwahrlost aussehende Männer hinterher.

Die Schüsse sind verhallt.

Hinter der Kathedrale wiehern Pferde, brüllen Männer. Dicke Staubschwaden ziehen über Plaza und Straße hinweg, hüllen die überall herumliegenden Toten ein. Klagend wiehern reiterlose Pferde zwischen Hütten und Ruinen.

»Dios mio!« Wie fröstelnd kauert Catana an der Schwingtür. Schaudernd blickt sie hinaus, kann nichts erkennen. Die Staubwand verbirgt sogar die gegenüberliegenden Hütten. »Die Gringos haben die Soldados kaltgemacht, Jefe!«