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»Einer wollte da nicht bleiben« ist die Autobiografie eines 1926 geborenen Oberschlesiers, den die Zeitläufte in den Krieg, in amerikanische Kriegsgefangenschaft und, zurück in Deutschland, nach Hessen verschlugen, wo er seine spätere Ehefrau kennenlernte. Mit ihr zusammen durchlief er in seiner Wahlheimat einen beachtlichen beruflichen und persönlichen Werdegang. Zu den bedrückendsten und schockierendsten Passagen im Buch gehört die Schilderung der Ardennenoffensive im Januar und Februar 1945, als für Deutschland bereits alles verloren war und dennoch auf beiden Seiten der Front tausende blutjunger Männer in eine sinnlose Schlacht und in den Tod geschickt wurden.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2020
Einleitung
Einige Chroniken zu für uns interessanten Ortschaften
Lebensläufe
Familienkurzchronik
1. Kapitel: Einer wollte da nicht bleiben
2. Kapitel: Eine kam doch nicht hin
3. Kapitel: Unser gemeinsames Leben
Nachtrag aus dem Jahr 2006
Interludium des Herausgebers
Aus dem Erfahrungsschatz eines Betagten
Zusammenleben
Religion
Gesundheit
Krankheit, Trauer
Sonstiges
Fragen und Antworten
Nachbetrachtungen
Nachtrag vom Januar/Februar 2017
Email an den Herausgeber
Die Historie unserer Familie habe ich niedergeschrieben, um unseren Kindern und Enkelkindern aufzuzeigen, wie Ruth und ich es geschafft haben, die schwierige und entbehrungsreiche Jugendzeit zu bewältigen. Zugleich habe ich die weitere Entwicklung unserer Familie hier schriftlich festgehalten. Es gibt wohl nicht mehr viele Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben – und zum Glück hatten wir seitdem keine kriegerischen Handlungen mehr.
Den Titel ‚Einer wollte da nicht bleiben‘ wählte ich mit Bedacht, denn durch den Entschluss, nicht in den USA zu bleiben, kam ich mit Ruth zusammen und wir gründeten eine Familie, auf die wir stolz sein können.
Das erste Kapitel befasst sich mit meiner Vergangenheit bis 1947, also bis zu dem Zeitpunkt, als sich unsere Wege kreuzten.
Das zweite mit Ruth, ebenfalls bis 1947.
Das dritte mit unserem gemeinsamen Lebensweg.
Vorangestellt habe ich eine Beschreibung der Ortschaften, in denen wir auf diesen Wegen gewohnt haben. Welch’ ein Zufall: Hersfeld, später Bad Hersfeld war für uns beide der dritte Wohnort; Ruth kam aus dem Westen und ich aus dem Osten. Ferner seien unsere kurzgefassten Lebensläufe vorangestellt.
Leonhardt Maniura im Juni 20051)
1) Viele der in diesem Bericht als noch lebend geschilderten Geschwister, Schwägerinnen und Schwager weilen nunmehr, 15 Jahre später, auch nicht mehr unter uns. Als einzige darf ich Liesel, die ältere meiner beiden jüngeren Schwestern, außer mich selbst dazuzählen. Meine Frau Ruth verschied am 26. 5. 2006.
Schomberg: Nach dem Tatareneinfall erfolgte in Oberschlesien, insbesondere im Beuthener Land, eine lebhafte Kolonisierung, der auch Schomberg seine Entstehung verdankte (1241). Es wird davon ausgegangen, dass Schomberg zeitgleich mit Beuthen gegründet wurde (1254). Eine erste urkundliche Erwähnung erfolgte 1289. In dieser Urkunde vom 9. 1. 1289 wird festgehalten, dass ein Fridericus de Schonenburch Zeuge bei dem bedeutenden Ereignis war, als Kasimir, Herzog von Oppeln und Herr in Beuthen, sein Land König Wenzel von Böhmen anträgt. 1526 fiel Böhmen mit Schlesien an Österreich. Im Jahre 1740, zu Beginn der Schlesischen Kriege zwischen Preußen und Österreich, kam Schlesien und damit auch Schomberg zu Preußen. Im Jahre 1895 hatte Schomberg 2523 Einwohner und 23 in Schombergmühle. Vom 1. Weltkrieg bekam Schomberg nicht viel mit, obwohl die russische Grenze bei Deutsch-Piekar gar nicht weit weg war. Der Ort litt sehr unter den drei polnischen Aufständen 1919, 1920 und 1921. Seit 1919 gehörte Schomberg zur neu geschaffenen preußischen Provinz Oberschlesien. Am 15. 7. 1922 verlor Schomberg durch die Grenzziehung zu Polen Schombergmühle. Im Jahre 1926 wuchs die Einwohnerzahl auf 7900, vor allem dank des Baus neuer Wohnhäuser durch die Hohenzollerngrube. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Schomberg mit Granaten beschossen. Im Laufe dieses Krieges eroberten sowjetische Truppen am 28. 1. 1945 Schomberg und die Industriegemeinde kam unter polnische Verwaltung und nach Abschluss des deutschpolnischen Grenzvertrags am 14. 11. 1990 zu Polen. Zunächst hieß der Ort Szombierki, dann Chruszczow und seit 1985 heißt er wieder Szombierki. Die Eingemeindung nach Beuthen, polnisch Bytom, erfolgte am 17. 2. 1951. Im Jahre 1985 zählte Schomberg infolge Neubauten im Norden und Süden rund 50.000 Einwohner.
Elmshagen liegt im Landkreis Kassel und ist die älteste Ortschaft der Umgebung. Der Ort wurde 1334 erstmals erwähnt. Damals hieß es Elwineshagin. In einer Urkunde von 1348 heißt es, dass Hedwig Jude aus Niedenstein ihre Besitzungen ‚Im Gericht Elbinshain am Gozenberg und Steinberg‘ an die von Dalwigks abgab. Seit dieser Zeit ist also Elmshagen eng mit der Geschichte derer von Dalwigk verbunden und gehörte damit auch zum Gericht Schauenburg. 1459 stellten die von Dalwigks das Gericht Schauenburg unter den Schutz des hessischen Landgrafen Ludwig II.; Elmshagen wurde hessisch, nachden es vorher unter dem Einfluss des Mainzer Erzbistums gestanden hatte. Auch Elmshagen hatte im Dreißigjährigen Krieg viel zu leiden. 1707 wurden die ältesten Katasterpläne aufgenommen, die noch heute in ihren Grundzügen gültig sind. Während der napoleonischen Besatzungszeit, als das Königreich Westfalen mit seiner Hauptstadt Kassel existierte bzw. nach den Befreiungskriegen häuften sich in Elmshagen die Wechsel der Haus- und Grundstückseigentümer. In den deutsch-französischen Krieg 1870/71 mussten auch Elmshagener ziehen. 1895 zählte Elmshagen nur 242 Einwohner. Auch nach der Eröffnung der Naumburger Kleinbahn 1904 war das Dorf schlecht zu erreichen. Um zu ihr zu gelangen, war ein 20minütiger Fußmarsch über Feld- und Waldwege nach Breitenbach nötig. Ein bedeutender Schritt war 1972 der Zusammenschluss zur Großgemeinde Schauenburg. Durch Neubauten hat Elmshagen nun über 400 Einwohner und ist staatlich anerkannter Ferienort.
In südwestlicher Richtung, rund 1600 Meter Luftlinie von Elmshagen entfernt, erheben sich in 461 Metern Höhe die Reste der Burg Falkenstein.
Homburg an der Saar: Schwarzenacker kann als ehemaliger römischer Siedlungsplatz durch Chroniken des Klosters Wörschweiler belegt werden. Schon im frühen Mittelalter (1172) entstand auf dem Schlossberg die Hohenburg, die Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert zur Festung Vauban ausbauen ließ. Im 18. Jahrhundert wurden die Anlagen geschleift. Im Innern birgt der Schlossberg ein großes Labyrinth aus Buntsandsteinhöhlen. Der Homburger Ortsteil Schwarzenacker hat ein Römerhaus und ein Freilichtmuseum als Sehenswürdigkeiten zu bieten.
Homburg selbst erhielt im Jahre 1331 das Stadtrecht und wurde im 17. Jahrhundert französisch; dabei wurde die Stadt zur Festung ausgebaut. Im 18. Jahrhundert wurde es Wittelsbacher Residenz und 1815 kam Homburg zur Pfalz. 1920 gehörte die Stadt zum Saargebiet. Homburg war 1918 bis 1935 aus dem Deutschen Reich und 1946 bis 1955 aus der Bundesrepublik Deutschland ausgegliedert. Homburg zählt heute rund 42.000 Einwohner.
Lauterecken: Die Stadt hat ihren Namen nach der Lauter oder Waldlauter, die ihrem Namen nach damals offenbar sauber war. Sie entspringt am Nordrand des Pfälzer Walds südöstlich von Kaiserslautern und mündet nach nur 35 Kilometern in den Glan. An dieser Stelle entstand Lauterecken, und zwar schon in der Zeit der Burgengründungen. Sie wird 1224 in einem Reichsspruch erstmalig als ‚Lutereck‘ erwähnt. Das Burgendorf gehörte einst zum Nahegau, in dem ab 950 die Emichonen als Untergrafen mit der Verwaltung betraut waren. Mit dem allmählichen Schwinden der Reichsgewalt gelangten sie in den erblichen Besitz ihrer Herrschaften. Durch Teilung wurde das bedeutende Grafengeschlecht in mehrere Linien gespalten, von denen sich die Veldenzer in der Westpfalz gegen älteren kirchlichen Anspruch durchsetzen konnten. Die jüngere Linie der Veldenzer wurde zu Territorialherren in diesem Raum. Nach der unter Rudolf von Habsburg einsetzenden Periode der Stadtrechtsverleihungen im Reichsland wurden bald darauf auch Territorialorte bei Burgen in die alten Stadtrechtsfamilien eingereiht. Im Zug dieser Maßnahme erhielt auch Lauterecken zwischen 1343 und 1350 das Stadtrecht. Nach dem Aussterben des Lauterecker Grafengeschlechts fiel das Amt 1733 an den Kurfürsten von der Pfalz, der es schon seit 1697 besetzt hielt. Das Oberamt Lauterecken blieb bis 1797 unter dem einflussreichen kurpfälzischen Fürstengeschlecht, bis es dann unter französischer Herrschaft als Kantonsstadt in das Departement Donnersberg eingereiht wurde. Nach der Absetzung Napoleons gelangte der Kanton Lauterecken unter bayerische Verwaltung und wurde 1818 im Landeskommissariat Kusel dem Königreich Bayern einverleibt. Lauterecken hat rund 3000 Einwohner.
Allgemeines zur Pfalz: Durch den Frieden von Lunėville 1801 und dem Reichsdeputations-Hauptschluss 1803 gelangten die linksrheinischen Gebiete der Pfalz an Frankreich. Seit 1816 bildete sie einen bayerischen Regierungsbezirk; er wurde 1918 bis 1930 von den Franzosen besetzt, die dort 1923/24 Bestrebungen, sich vom Reich loszulösen und eine eigene pfälzische Republik zu gründen, stark unterstützten. Durch den Versailler Vertrag kam 1919 der westliche Teil des Regierungsbezirks Pfalz bis 1946 zum Saarland.
Bad Hersfeld: Im Jahre 736 gründete der Bonifatius-Schüler Sturm eine Einsiedelei und Lullus, der Nachfolger von Bonifatius auf dem Mainzer Bischofsstuhl, 769 das Kloster Hersfeld, die spätere Reichsabtei. Mit dem Bau der gewaltigen Basilika wurde 831 begonnen. Es handelte sich um den größten Kirchenbau nördlich des Mains, was die Bedeutung des Stiftes Hersfeld bezeugte. Im Katharinenturm neben der Stiftskirche hängt Deutschlands älteste datierbare Glocke aus der Zeit von 1036 bis 1059. Die Gebäude der Abtei sowie die Stiftskirche fielen den Wirren des siebenjährigen Krieges 1761 zum Opfer. Während dieses Krieges wechselte die Stadt nicht weniger als fünf Mal den Besitzer, bis die Franzosen endlich der militärischen Gewalt der verbündeten Preußen und Hessen wichen.
Aus einer kleinen Marktsiedlung vor den Toren des Klosters erwuchs im 11. und 12. Jahrhundert die Stadt Hersfeld. Nach langen Streitigkeiten zwischen Bürgerschaft und Stift wurde die Stadt im Westfälischen Frieden 1648 endgültig hessisch und als Reichslehen den Landgrafen von Hessen-Kassel zugesprochen. Es dauerte fast 100 Jahre, ehe die Zahl der Bürger die Grenze von 3000 endlich wieder überschritt.
Interessant auch für Oberschlesier zu lesen: ‚Am Christsonnabend des Jahres 1806 ist eine Kompanie vom ersten italienischen Infanterieregiment in Hersfeld unter Trommelschlag eingerückt. Sie soll eine Nacht hierbleiben und dann nach Kassel und weiter zur Armee in Polen abgehen.‘ 1807 drohte der Stadt abermals der Untergang, als Kaiser Napoleon nach einem Streit befahl, das aufsässige Hersfeld zur Strafe zu plündern und an allen vier Ecken anzuzünden. Es war der Mannesmut des badischen Oberstleutnants Lingg, der den Befehl zunichte machte. Mit stillschweigender Duldung seiner französischen Vorgesetzten führte er die kaiserliche Anordnung wörtlich aus und gab dabei lediglich vier einzeln stehende Häuser der Vernichtung preis. Die Befreiungskriege kamen und das Königreich Westfalen, zu dem Hersfeld seit 1807 gehört hatte, löste sich auf und Kurhessen, das als Landgrafschaft diesen Namen seit 1803 führte, entstand wieder. 1821 verschwand nach durchgreifender Verwaltungsreform das Fürstentum Hersfeld. Es gab nun den Kreis Hersfeld im kurhessischen Einheitsstaat. Diese neue Einteilung überdauerte den Untergang des Kurstaates 1866 und die beiden Weltkriege. Im Jahre 1949 bekam Hersfeld den Zusatz Bad und heißt seitdem Bad Hersfeld. Mit den im Jahr 1972 vorgenommenen Eingemeindungen zählt es nun gut 28.000 Einwohner.
Ein schönes Ereignis ist das traditionelle Lullusfest, das in der Woche gefeiert wird, in die der 16. Oktober fällt. Dabei wird auf dem Marktplatz das Lullusfeuer angezündet und bewacht, damit die Fuldaer es nicht heimlich nach Fulda holen. Denn Lullus war wie oben geschildert nebst Sturmius Schüler von Bonifatius und beide bauten Hersfeld nach dem Vorbild von Fulda mit den gleichen Flurbezeichnungen wie Frauenberg und Petersberg auf. Das Feuer darf also in keinem Jahr vorzeitig verlöschen. Während des Kriegs deckte man es sogar ab, damit es bei Luftangriffen nicht geortet werden konnte.
Nachdem der Turm der evangelischen Stadtkirche abgebrannt war, wurde er nur ‚klein‘ wieder aufgebaut. Auf diesen Kirchturm geht der Sage nach die Bezeichnung ‚Mückenstürmer‘ zurück. Als einmal ein großer Mückenschwarm am Kirchturm war, dachten die Hersfelder, es wäre ein Feuer ausgebrochen und riefen nach der Feuerwehr.
Ein besonderes Wahrzeichen von Bad Hersfeld ist neben der bereits erwähnten berühmten Stiftsruine, in der nunmehr jährlich Festspiele stattfinden, das Rathaus.
Vor dem Rathaus steht der Lullusbrunnen mit seinen Erinnerungen an die Entstehungszeit der Stadt.
Frankfurt am Main: Ursprünglich ein Römerkastell, wurde es in nachrömischer Zeit eine fränkische Pfalz. 794 wurde erstmals ein Franconofurd erwähnt, zweifellos unser heutiges Frankfurt am Main. Seit etwa der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts bildete sich mehr und mehr der Stadtcharakter der Siedlung heraus. Im Jahre 1372 erlangte Frankfurt die Reichsunmittelbarkeit. Durch die Goldene Bulle 1562 wurde die Stadt Ort der Wahl und Krönung deutscher Könige und Kaiser. Im Jahre 1536 trat Frankfurt dem Schmalkaldischen Bund bei. Im Jahre 1806 gab Napoleon die Stadt an den Fürstprimas des Rheinbundes, Theodor von Dalberg und schuf 1810 das Großherzogtum Frankfurt. In den Jahren 1815 bis 1866 war die Stadt Sitz der Versammlung des Deutschen Bundes. 1848/49 tagte die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche. Die Reform der Bundesverfassung erfolgte 1863 durch den Frankfurter Fürstentag. Nach dem Deutschen Krieg kam Frankfurt durch Annexion an Preußen und im Jahre 1945 zum neu geschaffenen Land Hessen. Die Einwohnerzahl der bedeutendsten Stadt Hessens beträgt ungefähr 630.000.
Wiesbaden: Die Anwesenheit von Menschen auf diesem Gebiet ist bis in die Zeiten der Eiszeitjäger nachgewiesen. Bei der vorgeschichtlichen Besiedlung gab es zwei Kulturen: Die Bandkeramiker und die Schnurkeramiker. Nach und nach kam es zu einem Besiedlungswettkampf verschiedener Stämme. Im Jahr 72 v. Chr. zogen die Sueben ein und verdrängten die Ubier. Aus Niederhessen rückten die Chatten ein und aus den zurückbleibenden Chatten bildete sich der Stamm der Mattiaker. Nach ihnen erhielt das spätere Wiesbaden von den Römern seinen ersten, auf die heißen Quellen bezogenen Namen ‚Aquis Mattiacis‘. Den Römern folgten Alemannen und Franken. Die Franken badeten außerhalb der Siedlung in Wiesenbädern im Sauerland, daher wohl der Name Wisibada. Von 16 kleinen Badehäusern und einem Spitalbad berichtete erstmals eine Chronik aus dem Jahre 1338.
Fränkische Herrscher errichteten in der Nähe des heutigen Stadtschlosses einen königlichen Wirtschaftshof, der nach und nach zu einer Burg ausgebaut wurde. Sie war bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts im Besitz der fränkischen Könige. Das Gebiet wurde dann unter die Nassauer und Eppsteiner Grafen und die geistlichen Mainzer Herren aufgeteilt. Bei den Fehden zwischen ihnen wurde die Stadt wiederholt zerstört. Später war sie Reichsstadt. Zwischen 1816 und 1866 war Wiesbaden Hauptstadt des Herzogtums Nassau. Danach kam die Stadt zu Preußen und nach dem Zweiten Weltkrieg zu Hessen. Wiesbaden wurde zur Landeshauptstadt und zählt heute 274.000 Einwohner.
Ruth Kunz, verheiratete Maniura: Am 7. 4. 1932 Aufnahme in die Volkshauptschule Lauterecken. Der letzte Eintrag im Zeugnis stammt von der 8. Klasse, 1. Halbjahr 1939. Danach Besuch der Südschule Hersfeld. Abgangszeugnis vom 19. 3. 1940. Ein Jahr Landdienst im Hof Steinhauer in Lauterecken mit begleitendem Besuch der Ländlichen Berufsschule vom 1. 4. 1939 (?) bis 29. 3. 1941. Anschließend wieder in Hersfeld. Besuch der Städtischen Handelsschule Hersfeld bis 16. 3. 1943. Am 1. 4. 1943 Beginn der Berufstätigkeit beim Arbeitsamt Hersfeld, und zwar als Kriegsaushilfsangestellte in der Vergütungsgruppe X. Zum 1. 4. 1944 Eingruppierung in Vergütungsgruppe IX. Beendigung des Arbeitsverhältnisses am 5. 5. 1945. In der Zeit vom 1. 8. 1945 bis 31. 6. 1947 in Büromöbel-Fabrik Hartmann Baumgardt, Hersfeld, beschäftigt. Am 26. 6. 1947 beginn der Beschäftigung als Angestellte bei der Landesversicherungsanstalt Hessen, K.B.-Abteilung bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Hersfeld in Vergütungsgruppe IX. Ihre Tätigkeit war die einer Chefsekretärin. Die höhere Einstufung in Vergütungsgruppe XIII erfolgte am 1. 7. 1948. Am 24. 12. 1949 Verlobung mit Leonhardt Maniura und am 23. 12. 1950 Heirat. Am 30. 6. 1951 wurde das Beschäftigungsverhältnis gelöst und am 10. 9. 1951 der erste Sohn Wolfgang geboren. Der zweite Sohn Norbert kam am 14. 6. 1954 zur Welt. Hauptberuf seither Hausfrau und Mutter und seit 1. 9. 1990 Rentnerin.
Leonhardt Maniura: Vom 2. 5. 1933 bis 29. 3. 1941 Katholische Volksschule I in Schomberg und vom 17. 4. 1941 bis 27. 3. 1943 Städtische Handelsschule Beuthen (Oberschlesien). Berufsbeginn am 1. 4. 1943 als Verwaltungslehrling beim Versorgungsamt Gleiwitz mit Ernennung zum Regierungsinspektor-Anwärter ab 1. 1. 1944. Reichsarbeitsdienst vom 28. 8. 1943 bis Ende November 1943 und Luftwaffe vom 17. 12. 1943 bis 14. 1. 1945 mit anschließender Kriegsgefangenschaft bis 6. 4. 1946. Vom 15. 4. 1946 bis 14. 2. 1947 beim Versorgungsamt Kassel sowie bei der Orthopädischen Versorgungsstelle Kassel beschäftigt, zunächst erneut als Verwaltungslehrling und ab 1. 8. 1945 wieder als Regierungsinspektor-Anwärter. Innerhalb der Versorgungsverwaltung am 15. 2. 1947 nach Hersfeld/Bad Hersfeld und am 21. 5. 1951 nach Frankfurt am Main versetzt. Am 10. 7. 1953 zum Regierungsinspektor ernannt. Am 1. 4. 1956 zum Ministerium Kriegsopferreferat in Wiesbaden versetzt und am 20. 8. 1957 zum Regierungsoberinspektor befördert. Weitere Beförderungen: Am 9. 5. 1963 zum Regierungsamtmann, am 10. 7.1968 zum Amtsrat, am 14. 5. 1970 zum Oberamtsrat, am 14. 4. 1983 zum Regierungsrat und am 2. 4. 1984 zum Regierungsoberrat. Am 30. 4. 1987 in den Ruhestand versetzt. Vom 12. 11. 1990 bis 28. 2. 1991 reaktiviert und als kommissarischer Leiter des neuen Versorgungsamtes Suhl eingesetzt.
Die Vorfahren väterlicherseits mit Namen Maniura wie auch die Vorfahren mütterlicherseits mit Namen Kroczek stammen aus Preußen, Provinz Schlesien/Oberschlesien. Es gibt verschiedene Abstammungstheorien:
Onkel Paul Maniura sagte mir, dass er in Boronow gelesen habe, dass sich ein Mann aus der Schwäbischen Jura dort als Köhler niedergelassen habe; er sei mit Napoleon hierher verschlagen worden. Für dort ansässige Polen war er dann der Mann aus der Jura.
Cousin Bernhard Maniura hatte eine andere Version: Als er vor dem Kriege zur Marine kam, musste er einen Stammbaum nachweisen. Er kam bei der Ahnensuche auf Italiener aus der Florenzer Gegend (siehe auch Chronik von Bad Hersfeld). In Italien soll es heute noch den Namen Maniura geben.
Ich selbst habe beim Pfarramt in Sodow bei Lublinitz im Jahre 1999 festgestellt, dass es dort den Namen Maniura schon in der vor-napoleonischen Zeit gab.
Väterlicherseits kommen die Urgroßeltern aus Czischowa, Deutsch-Piekar und Philippsdorf, das zur Kirchengemeinde Randsdorf/Wieschowa gehörte, die Generation davor aus Boronow, Sonczow und Deutsch-Piekar. Die Urgroßeltern Johann und Carola M. heirateten in Sodow; mein Urgroßvater starb in Koschentin.
Mütterlicherseits kommen die Urgroßeltern aus Woiska (Kirchengemeinde Kirschen/Wischnitz), Langendorf und Blaschowitz (Kirchengemeinde Kirschen/Wischnitz), die Generation davor aus Woiska, Koppinitz/Adelenhof (Kirchengemeinde Lubie/Hohenlieben) und Lubie/Hohenlieben.
Zu diesem Titel beflügelte mich Georg Gärtners Buch ‚Einer blieb da – Als deutscher Kriegsgefangener auf der Flucht vor dem FBI‘. Er blieb also in den USA, während ich 1945/46 nicht in den USA bleiben, sondern zurück nach Deutschland in eine sehr ungewisse Zukunft wollte. Als Untertitel könnte ich auch nehmen: Ein Verwaltungslehrling bringt es zum Amtsleiter. Ich beginne am Anfang.
Geboren wurde ich am 17. Dezember 1926 in Schomberg im Kreis Beuthen (Oberschlesien). Bei der Taufe am 23. Dezember 1926 in der römisch-katholischen Pfarrkirche ‚Herz-Jesu‘ in Schomberg erhielt ich die Vornamen Leonhardt Franz – Franz wohl deshalb, weil die Tante Fränzi Matysiok, geb. Kroczek, meine Taufpatin war. Bei meiner Geburt wog ich noch nicht einmal fünf Pfund. Frau Anna Smak aus Schomberg, Dorfangerstraße 4 war meine Hebamme. Die Geburtsstunde blieb unbekannt. Sicher ist, dass sie im Laufe des Vormittags geschah. Großmutter meinte, ich sähe hässlich aus, sodass mich meine Mutter gar nicht anschauen wollte. Dann sah sie doch hin und erkannte, dass ich ein schöner Bub war. Zunächst wohnten wir Vier – Vater, Mutter, Bruder Alfred und ich – parterre in der Wilhelmstraße 11 bei der verwitweten Großmutter Johanna Kroczek. Die Wohnungsnot war infolge der Teilung Oberschlesiens 1922 sehr groß. Unsere Nachbarorte Orzegow und Godullahütte waren damals polnisch geworden.
1927/28 zogen wir in die erste eigene Wohnung in der Verbindungsstraße 4 in den ersten Stock, deren Küchenfenster in den Hinterhof wies. Meine Eltern mussten für sie eine Kaution von 500 Reichsmark bezahlen. Hier wurde am 2. 2. 1929 mein Bruder Reinhold geboren. In jenem Februar war es so kalt, dass das Wasser im Waschbecken gefror.
Die Familie wurde immer größer. Daher suchten meine Eltern eine geräumigere Wohnung. Der Umzug in die Wilhelmstraße 19 folgte 1929/30, wiederum ins Parterre.
Inzwischen besuchte ich den Kindergarten auf der Beuthener Straße. Er lag in der Nähe der Kirche und des Klosters, in dem auch Räume für Veranstaltungen aller Art eingerichtet waren. In diesen Räumen spielten wir Kindertheater. Unter anderem wirkte ich in der Vogelhochzeit mit. Das ‚Brautpaar‘ verkörperten Klara Dyllich und Bernd Bialas. So schön wie im Theater waren wir sonst nicht eingekleidet. Ein andermal spielte ich den Sausewind: Die Fenster zu, die Türen zu, der Sausewind geht um, hu, hu! Er rüttelt am Fenster, an Tür und an Tor und fegt in den Ecken und träumet davor….
Ein Wort zu meiner Eltern. Mein Vater Josef Maniura war am 2. 3. 1899 in Roßberg, das später nach Beuthen eingemeindet wurde, und meine Mutter am 28. 8. 1899 ebendort geboren. Mein Vater verunglückte am 16. 4. 1940 in der Schomberger Hohenzollerngrube tödlich. Diese Grube war auch das Schicksal meiner beiden Großväter Joseph Maniura (* 8. 1. 1864, † 21. 1. 1913) und Caspar Kroczek (* 6. 1. 1874, † 9. 9. 1911). Meine Mutter Marie Maniura, geb. Kroczek, starb am 3. 1. 1997 in Beuthen. Ihre letzten Lebensjahre hatte sie bei ihrer jüngsten Tochter Anni zugebracht, die als ihr einziges Kind in Polen geblieben war. Sie kam in Vaters Grab auf dem Schomberger Friedhof. Es ist wohl der einzige Grabstein in Schomberg mit deutscher Inschrift. Die Grabsteine bzw. Grabkreuze meiner beiden Großväter waren Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre abmontiert worden. Ihre Gräber waren aufgelöst worden, um neuen Platz zu machen.
Die Maniuras und Kroczeks verzogen im Jahre 1911 von Roßberg nach Schomberg in von der Hohenzollerngrube gebaute Werkswohnungen. Familie Kroczek zog nach dem Tod des Vaters in das Privathaus Bonczek in der Wilhelmstraße 11.
Nach der sorglosen Zeit im von Nonnen geleiteten katholischen Kindergarten kam ich am 2. 5. 1933 in die katholische Volksschule I in Schomberg. Am 19. 4.1936 ging ich zur ersten Heiligen Kommunion; praktischerweise hatte ich zu diesem Anlass einen Matrosenanzug bekommen, den ich weiterhin tragen konnte. Am 28. 4. 1937 folgte die Firmung, für die ich aus zwei Namen einen aussuchen durfte: Johannes oder August. Ich entschied mich für August.
Bis einschließlich der 6. Klasse war Johannes Wieczorke, der den deutschen Namen Wenndorff angenommen hatte, unser Klassenlehrer. Danach übernahm Rektor Bernhard Lubojanski (deutsch Liebenhoff) diese Rolle. Vom 10. 1. bis 31. 3. 1939 weilte ich zur Erholung im Haus ‚Schwedenschanze‘ in Neustadt (Oberschlesien). Gern denke ich daran, dass mein Vater mich während dieser Erholungszeit einmal besuchte und dies bei einer beachtlichen Entfernung von Schomberg aus. In Neustadt hatten wir zwar auch Unterricht, aber unser Schomberger Lehrer brachte der 6. Klasse gerade die Bruchrechnung bei, die ich in Neustadt nicht mitbekam. Ich musste sie mir später mühsam selbst beibringen.
1938/39 war ich also in der 6. Klasse und der Lehrer Wenndorff hatte viel zu tun, weil er während dieser Zeit die beiden Parallelklassen mit insgesamt rund 60 Schülern zusammen unterrichten musste.
Den Kriegsausbruch erlebten wir noch in der Wilhelmstraße 19. Am 1. 9. 1939 wurde Schomberg von Godullahütte und Hubertushütte aus mit ca. 100 Granaten beschossen, wobei auch unsere Schule getroffen wurde. Wir bekamen an diesem und am nächsten Tag schulfrei, weil Danzig von deutschen Truppen eingenommen worden war. Was ein Glück, denn eine Granate traf an diesem Vormittag gegen 10 Uhr auch unser Klassenzimmer. Der Tag des Kriegsbeginns wurde auf diese Weise zu meinem zweiten Geburtstag. Wir verbrachten zwei oder drei Nächte im Keller. In Schomberg gab es dabei einen Toten und einige Verletzte. Mein älterer Bruder Alfred bekam davon nichts mit, weil er in Runkel an der Lahn zum Landdienst eingezogen war. Als er zum Weihnachtsurlaub 1939 nach Hause kam, konnten wir ihm nicht genug über diese Tage erzählen, denn er hatte ja – wie wir Buben meinten – ein ‚Abenteuer‘ verpasst. Als 12jähriger Junge hatte ich nicht im Traum daran gedacht, diesen Krieg als Soldat und Kriegsgefangener zu beenden.
Während der Schulzeit war ich sowohl in der katholischen Jugend als auch im Jungvolk bzw. in der Hitlerjugend. In der Kirche war ich zeitweise ‚Vorbeter‘, wobei mir Kaplan Burtzig richtiges Hochdeutsch beibrachte. Oberschlesier neigen dazu, ö als e, ä als e und ü als i auszusprechen. Mit Pfarrer Drzyzga, der dieses Amt bis 1937 innehatte, und Augustin, der diesem folgte, hatte ich wenig zu tun.
Dass ich wie fast alle anderen Kinder im Jungvolk war, gefiel meinem Vater gar nicht. Hier interessierte mich später vor allem der Fanfaren- und Spielmannszug, in dem ich als Trommler mitmachte, das Segelfliegen und das Morsen. In einer schulischen Arbeitsgruppe unter Anleitung der Lehrer Bernhard Mende und Adolf Schwerdtner bauten wir im Dachgeschoß des Schulgebäudes Flugmodelle und Heißluftballons. Die Lehrer hatten vor dem Krieg deutsche Familiennamen angenommen. Wenndorff und Liebenhoff hatte ich bereits erwähnt. Adolf Schwerdtner hatte vorher Schablitzki geheißen.
Im kirchlichen Bereich half ich als Schüler in der Borromäusbücherei im Dachgeschoss des Vereinshauses. Ich führte die Ausleihkartei unter Aufsicht von Mieze Klossek. Sie gab mir aus dem Versteck im Dachboden als Anerkennung das Buch ‚Im Gluthauch der Sahara‘, ein Buch über die Fremdenlegion. In diesem Versteck waren noch weitere Bücher. Man wollte nicht, dass sie infolge der im dritten Reich vorgenommenen ‚Bücherverbrennungen‘ verloren gingen. Beim Synagogenbrand in der sogenannten Reichskristallnacht am 9. 11. 1938 wurde auch die Beuthener Synagoge angezündet. Wir sahen sie brennen und alle Leute waren sehr still und wunderten sich, dass die Feuerwehr nicht eingriff. Mein Vater hatte bei der Machtübernahme 1933 schon eine Vorahnung gehabt, als er sagte, dass es bei uns nun so kommen werde wie in Russland, nur von rechts. Während des dritten Reichs wurden in unseren Klassenzimmern die Kreuze durch Hitlerbilder ersetzt. Die Judenverfolgung machte sich auch in Beuthen bemerkbar, wie der erwähnte Synagogenbrand zeigte. Juden mussten einen Judenstern tragen und ihre Geschäfte wurden boykottiert. Einige waren als ambulante Händler tätig und verkauften auch uns Textilien auf Abzahlung. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter die wohl letzte Rate bei einer Judenfamilie, die am Beuthener Ring wohnte, bezahlte und wie sich die Familie, die gerade beim Essen war – sie hatten Mützen auf dem Kopf –, wunderte, noch Geld zu bekommen, wo doch nun niemand mehr mit ihnen zu tun haben wollte. Ihre Namensschilder im Flur waren mit Teer verschmiert.
Eine gute Erinnerung habe ich an unseren Harmonikaklub. Mit zehn Jahren waren wir schon dabei. Die Eltern kauften uns zwei Harmonikas, und zwar für meinen älteren Bruder Alfred und für mich – und das auf Abzahlungsbasis. Wir waren in der älteren Spielgruppe. Später kamen meine jüngeren Geschwister Reinhold und Elisabeth in die jüngere Spielgruppe samt ‚unseren‘ Harmonikas.
Mein Cousin Adolf Jonderko spielte ebenfalls in dieser Gruppe. Sein Vater war Kassierer im ‚1. Handharmonika-Club Schomberg 1937‘ und mein Vater Schriftführer. Erster Vorsitzender war Karl Lauer. Unsere Dirigenten waren Wilhelm Hunn aus dem Schwabenland und Adolf Schulz aus dem Nachbarort Bobrek.
Bevor ich meinen weiteren Lebenslauf erzähle, einige Anmerkungen zur nächsten Verwandtschaft.
Meine Großmutter Maria Maniura war eine geborene Mainka, wurde am 25. 1. 1870 in Deutsch-Piekar im Kreis Beuthen (Oberschlesien) geboren und starb am 25. 4. 1945 nach Einmarsch der Sowjettruppen und Enteignung ihres Hauses in Reigersfeld. Meine Tante Elisabeth Maniura, geborene Sobotta, erzählte mir nach dem Krieg, dass Oma einen Herzanfall erlitten hatte, als sie vom nahe liegenden Wald aus an einem Baum gelehnt zu ihrem enteigneten Haus hinüberschaute. In diesem Haus wohnte auch ihr am 18. 7.1907 geborener Sohn Vinzent mit seiner Familie. Wenn wir in Reigersfeld waren, hieß es immer, Onkel Vinzent ist im ‚Urlaub‘. Erst nach dem Krieg erfuhren wir, dass er vom 21. 1. 1937 bis 20. 4. 1939 im KZ Buchenwald inhaftiert war.
Meine Großmutter Johanna Kroczek, geb. Mucha am 27. 12. 1877 in Woiska (Kreis Gleiwitz) starb am 31. 3. 1941 in Schomberg in ihrer Wohnung in der Wilhelmstr. 11.
Zu meinen Geschwistern. Alfred als ältestes Maniura-Kind wurde am 3. 5. 1925 geboren und wohnt in Brühl-Badorf, Wingertsberg 1. Reinhold, geboren am 2. 2. 1929, lebt nach einem Schlaganfall im Pflegeheim der Johanna-Kirchner-Stiftung in Frankfurt am Main, Gutleutstraße. Elisabeth, genannt Liesel wurde am 19. 11. 1930 geboren und wohnt in Wiesbaden-Klarenthal, Otto-Wels-Str. 70. Nach ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Hubert heißt sie Koczar. Anna (Anni), geboren am 24. 7. 1939, ist mit Reinhold Drzensla verheiratet. Beide wohnen in Oberschlesien: Tworóg-Połomia, ulica Pyskowicka 14. Der Ort liegt im Kreis Tarnowitz, nachdem er zunächst Tost-Gleiwitz zugeordnet war.
Am 19. 6. 2005 rief meine Schwägerin Marianne an und sagte, dass Alfred gestern an seiner Krebserkrankung gestorben sei. Dann kurze Zeit später die weitere Schicksalsnachricht: Reinhold starb am 6. 7. 2005 an den Schlaganfall-Folgen. Alfred ist in Brühl-Badorf beerdigt, Reinhold in Frankfurt (Main)-Höchst.
Das letzte große Geschwistertreffen hatte am 28. 8. 1999 stattgefunden. An diesem Tag hatten wir Maniuras uns im Kohlheck-Forum zur Erinnerung an Mamas 100. Geburtstag getroffen. 54 von 62 direkten ‚Maniura-Nachkommen‘ – also von Marie und Josef Maniura – hatten sich eingefunden. Unser Enkel Thorsten befand sich damals in Großbritannien.
Über unsere Familie später mehr, und zwar im 3. Kapitel. Nun weiter mit mir, zunächst über meine Volksschulzeit.
Damals konnte man noch in den Höfen spielen. Heute sind sie meist bepflanzt oder mit Garagen zugebaut. Unsere Eltern führten über ihre Finanzen ein Buch. Vater hatte vor, ein Haus zu bauen und ein Auto zu kaufen. Dafür kam im Hinblick auf die Familie nur ein großes in Frage. Zu diesem Zweck wurde das vom Finanzamt gezahlte Kindergeld gespart. Gespart wurde auch beim Haare schneiden. Wir bekamen dazu die neue Frisur vom Onkel Norbert Meisner verpasst. Die Eltern taten sehr viel für uns: Ferien in Stanitz und Hubertsgrund, und das nicht etwa bei Verwandten, sondern in – so würden wir heute sagen – einer Ferienwohnung. Es gab aber auch schöne Ferien bei Großmutter in Reigersfeld, wo Vater, Alfred und ich per Fahrrad hinfuhren, während die anderen per Eisenbahn nachkamen. Sie kauften uns – wie schon erwähnt – Handharmonikas. In der Familie waren ein bis zwei Fahrräder vorhanden, worauf auch wir übten. Wir gingen ins Kino nach Beuthen, aber auch nach Bobrek, ferner ins Beuthener Stadttheater. Alfred und ich sahen dabei u. a.: Zar und Zimmermann, der Vogelhändler, Rumpelstilzchen, Madam Butterfly, der Bettelstudent; später genoss ich zusammen mit meinem Cousin Adolf Jonderko im Königshütter Theater Aida. Viel Zeit vertrieben wir in der Schomberger Fasanerie, in die wir manchmal unsere Harmonikas mitnahmen. Zusammen mit meinem Nachbarbub Berthold Fabritzek war ich oft in einer Beuthener Leihbücherei in der Tarnowitzer Straße und lieh dort vor allem Western aus. Was in dieser Zeit für heutiges Verständnis eigenartig war: Gegrüßt wurde nicht mit „Guten Morgen“, sondern mit „Heil Hitler“. Gartenarbeiten lernten wir nicht nur im Garten der Familie Meisner, sondern vorher schon im Schulgarten.
Bis 1941 schrieben wir die deutsche Sütterlinschrift, die 1915 in Preußen eingeführt worden war. Daneben lernten wir die Schönschrift, also die deutsche Schrift mit lateinischen Buchstaben. Dies führte dazu, dass z. B. im Schulentlassungszeugnis der Volksschule I in Schomberg (nicht mehr katholische…) vom 29. 3. 1941 bis auf den Nachnamen und die Ortsbezeichnungen alles in Sütterlin geschrieben wurde. Aber auch danach wurde von älteren Deutschen noch Sütterlin geschrieben, wie die Briefe von Oma Kunz aus Bad Hersfeld zeigten. Auch im schon erwähnten Flugbuch vom 1. 7. 1942. Hier steht mein Name auf dem Umschlag in lateinischen Buchstaben, während im Innern des Buches meine Personalien, auch Nachname und Wohnort in Sütterlin stehen.
Unsere privaten oder von der Schule organisierten Ausflüge und Wanderungen führten immer nach Westen, denn Beuthen war ja seit 1922 sowohl im Norden als auch im Osten und Süden von Polen eingezwängt.
Am 16. 4. 1940 verunglückte mein Vater nach einer Nachtschicht tödlich. Ich erfuhr es vom Lehrer in der Schule, der mich heimschickte. Damals war ich 13 Jahre und vier Monate alt. Am 1. 4. waren wir in eine für uns ziemlich große Wohnung in der Feldstraße 18a umgezogen.
Die Wohnung lag im 1. Stock des Doppelhauses Nr. 18/ 18a im linken Flügel. Hatten wir für die bisherige Wohnung 15 Mark Miete bezahlt, war sie hier auf 21 Mark gestiegen. Es war eine Werkswohnung und als mein Vater kurz nach dem Umzug starb, wurde die Miete rücksichtslos auf über 30 Mark erhöht, weil ja kein Betriebsangehöriger mehr in ihr wohnte. Das bedeutete für meine Mutter eine enorme Belastung.
Zur Wohnsituation noch die Ergänzung, dass mein ältester Bruder oft bei der Großmutter Johanna Kroczek übernachtete. Als er älter war, kam dann ich in den Genuss, bei ihr in einem großen Zimmer allein zu schlafen. So schlief ich auch bei ihr, als mein verstorbener Vater in unserer Wohnung aufgebahrt worden war. Oma sagte danach zur Mama, dass ich in der Nacht viel geweint hätte, was mir eigentlich gar nicht mehr in Erinnerung ist. Ich weiß nur, dass wir Buben am Beerdigungstag, einem Sonntag, im Sommerschacht rumgetollt haben und dies in den neuen Anzügen! Seinerzeit war ich 13 Jahre und vier Monate alt. Wir machten auch Wallfahrten nach Deutsch-Piekar und wenn ich mich nicht irre, auch auf den Annaberg.
Das nur ein Ausschnitt aus unserem seinerzeitigen Leben. Nun komme ich so langsam auf die Zeit nach dem Tod meines Vaters und nach der Entlassung aus der Volksschule. Als mein Vater in der Hohenhzollerngrube tödlich verunglückte, war meine Mutter naturgemäß sehr verzweifelt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Kinder ebenfalls Grubenarbeiter würden, trotz des Transparents an der Grube, wobei ein Junge mit einem glänzenden Zeugnis (alles ‚gut‘) sagte: ‚Jetzt will ich Bergmann werden, das ist der schönste Beruf auf Erden‘. Meine Mutter sah dies anders, wohl auch im Hinblick darauf, dass die beiden Großväter ebenfalls in dieser Grube verunglückt waren. Sie fasste den Entschluss, alle Kinder in weiterführende Schulen zu schicken. Für Alfred kam dies zu spät, er war bereits in der Lehre, allerdings nicht in einer Kohlengrube, sondern als kaufmännischer Lehrling bei der Holzgroßhandlung Hoschek in Beuthen. Ich besuchte ab 17. 4. 1941 die Städtische Handelsschule der Stadt Beuthen (Oberschlesien).
Ostern 1941, kurz Vor Beginn der Handelsschulzeit, war ich in Woischnik (Ostoberschlesien) bei Verwandten von Familie Jonderko gewesen. Die kannte ich schon von früheren Besuchen, die ich mit Tante Stasi und Onkel Bruno Jonderko sowie mit meinem Cousin Adolf mitgemacht hatte, als Woischnik noch über eine polnische Grenze zu erreichen war. Es waren nette Leute und sie hatten einen stattlichen Bauernhof. Sie waren mit einem Pferdefuhrwerk nach dem Tod von Oma Kroczek nach Schomberg gekommen, auf dem sie ihren Haushalt mitführten. Diesem Fuhrwerk schloss ich mich per Fahrrad an und blieb einige schöne Tage in Woischnik, wobei ich zu Ostern beim Kirchgang noch die Rasselgeräusche im Ohr habe, die statt Glocken während der Karzeit die Gläubigen riefen. Meine Mutter war über diesen spontanen ‚Ausflug‘ nicht informiert und erfuhr erst später, wo ich mich aufgehalten hatte.
Von der Zeit in der Handelsschule kann ich allerhand berichten. Es war eine gute Klassengemeinschaft, in der wir uns auf Anhieb verstanden, obwohl wir aus den verschiedensten Orten zusammen gekommen waren. Aus Schomberg stammten lediglich zwei Schüler, Josef Ruscher und ich. Als ich erstmals im Schreibmaschinensaal war, waren alle Schreibmaschinen mit beschrifteten Tastaturen schon belegt, sodass für mich nur eine Maschine ohne Beschriftung übrig blieb. So war ich von Anfang an gezwungen, mich nach der Tastatur-Tafel an der Stirnwand des Klassenzimmers zu richten und nicht versucht, auf die Tastatur zu schauen. Das war für mich insofern ein Vorteil, als ich von vornherein ‚blind‘ schreiben lernte. Dr. Wischhusen fragte mich auch, ob ich Klavier spiele, weil ich so gelenkige Finger hätte. Handharmonika oder diatonisches Akkordeon scheint ein guter Ersatz zu sein. Wir hatten zwar mit der auf der Parallelstraße gebauten Volksschule einen gemeinsamen Schulhof, aber die Pausen verbrachten wir in der Regel im Flur der Handelsschule, wobei wir immer still im Kreis herumgehen mussten. Ernst Kaluza, mit dem ich mich enger anfreundete, und ich unterhielten uns trotzdem durch Morsezeichen, die wir uns in die Hand drückten.
Einen Schulausflug unternahmen wir zum Schloss Neudeck; an weitere kann ich mich nicht erinnern. Dieser Ausflug fand im Sommer 1941 mit Dr. Wischhusen statt.
In der Handelsschule wurde mir weiteres Rüstzeug für das Berufsleben gegeben. Dabei war das Schreibmaschine schreiben und Stenographie wichtig. Dazu gab es beim Abgang aus der Schule am 18. und 19. März 1943 Sonderprüfungen durch die Gauwirtschaftskammer Oberschlesien, und zwar die: Stenotypistenprüfung mit Kurzschrift. 120 Silben in der Minute langten für ausreichend und 150 für gut. 260 Reinanschläge auf der Schreibmaschine wurde ebenfalls mit gut belohnt – seinerzeit gab es noch keine elektrischen Schreibmaschinen.
Mein Abschlusszeugnis trug das Gesamturteil gut wie auch das Entlassungszeugnis der Volksschule 1941. In der Handelsschule kam ich um die mündliche Prüfung drumherum, weil ich gesamthaft eine glatte und keine sogenannte Zwischen-/Halbnote erzielte.
Schulentlassung war am 27. 3. 1943. Bereits vor Schulbeginn 1941 waren wir aus der Wohnung in der Feldstr. 18a in eine kleinere in der Feldstr. 13 umgezogen, weil aus bereits geschilderten Gründen die Miete nach dem Tod meines Vaters sehr aufgeschlagen hatte.
Der Wohnungswechsel vollzog sich am 1. 3. 1941. Wir wohnten in besagtem Haus im 2. Stock zum Hof zu. Vom Flurfenster zur Straße zu konnte man weit nach Süden bis Godullahütte und Orzegow schauen, denn die andere Seite der Feldstraße war nicht bebaut. Dort gab es viele Gärten.
1956 fand sich nach 13 Jahren erstmals die Möglichkeit, meinem Geburtsort Schomberg einen Besuch abzustatten. Im Gegensatz zu den meisten meiner Vertriebenen-Schicksalsgenossen hatte ich auch während der kommunistischen Zeit nie Scheu, immer wieder in meiner Heimat vorbeizuschauen.
Im späteren Leben kamen mir meine geografischen Kenntnisse sehr zugute. Ich musste nämlich ein Referat über die USA halten. Über die dabei erarbeiteten Kenntnisse wunderten sich manche Mitgefangene in Fort Knox, Kentucky. Darüber später mehr.
Fast ein halbes Jahr vor der Entlassung aus der Handelsschule waren wir Schüler zur Berufsfindung beim Arbeitsamt in Beuthen gewesen. Dabei wurde uns gesagt, dass es möglich sei, mit der mittleren Reife den Weg eines Berufsbeamten im gehobenen Dienst zu ergreifen. Uns Fachschülern wurde vorgetragen, dass es hierzu drei Verwaltungen gibt, die Interesse an uns hätten: Finanzverwaltung, Justizverwaltung und Versorgungsverwaltung. Fast alle bewarben sich für die Finanzverwaltung, einige für die Justizverwaltung und lediglich zwei, nämlich Josef Moczko und ich für die Versorgungsverwaltung. Ich dachte mir, dass es besser sei, in eine Verwaltung zu gehen, die nicht so bekannt und damit für fast alle uninteressant war. Meine Wahl war richtig, wie der Aufstieg in diesem Beruf es bestätigte. Für viele war die Wahl auch deshalb leicht, weil sie in Beuthen ausgebildet werden konnten; das Versorgungsamt war jedoch in Gleiwitz. Ich stellte mich für dieses Amt bei dessen Leiter, Regierungsrat Dr. Maximilian Schleiffer, Anfang Dezember 1942 in dessen Gleiwitzer Wohnung in der Schillerstraße vor. Das Interesse am Stammbaum meiner Familie wurde vielleicht dadurch geweckt, dass ich zwingend einen ‚arischen Nachweis‘ einreichen musste. Bereits vor Weihnachten traf die Zusage des Amtes ein. Als ich das erste Mal die Dienststelle in der Keithstraße 7 betrat, war ich von einem weiteren Schild an der Haustür irritiert: ‚Orthopädische Versorgungsstelle Gleiwitz‘, die im selben Gebäude untergebracht war und mich an eine krankenhausähnliche Einrichtung gemahnte. In meinem Tagebuch, das ich Weihnachten 1942 von meiner Mutter geschenkt bekam, habe ich notiert: 15. 1. 1943 (Freitag): Heute früh bekam ich den Bescheid vom Hauptversorgungsamt in Breslau, dass ich mich am 1. April d. J. beim Versorgungsamt Gleiwitz mit meinem Abschlusszeugnis melden solle. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Am 1. 4. 1943 (Donnerstag) notierte ich: Heute ging ich zum ersten Mal zum Dienst zum Versorgungsamt Gleiwitz.
Mein Ausbildungsplan als Verwaltungslehrling sah wie folgt aus: vom 1. 4. bis 31. 5. 1943 bei der Kasse; vom 1. 6. bis 31. 7. 1943 im Verwaltungsabschnitt und ab 1. 8. 1943 im Rentenabschnitt K. Der Abschlusssatz lautete: Für die Ausbildung als Regierungsinspektor-Anwärter ab 1. 1. 1944 wird ein neuer Dienstplan aufgestellt. Während dieser Ausbildungszeit feierte das Amt die Beförderung des Amtsleiters zum Regierungsoberrat. Der Ausbildungsplan konnte nicht voll erfüllt werden, weil ich am 28. 8. 1943 zum Reichsarbeitsdienst einberufen worden war. Um zur Arbeitsstelle zu kommen, musste ich sehr früh aufstehen, mit der Straßenbahn nach Beuthen und von dort aus mit der Eisenbahn nach Gleiwitz fahren. Vom Gleiwitzer Bahnhof aus hatte ich zu guter Letzt einen längeren Fußmarsch zur Keithstraße zu absolvieren. Ich hatte eine Monatskarte für die ‚Verkehrsbetriebe Oberschlesien AG. Gleiwitz‘ mit Passbild.
Wie schon während der Handelsschulzeit mussten auch beim Versorgungsamt Gleiwitz Nachtwachen gestellt werden, um bei Luftangriffen rechtzeitig Hilfe herbeizuholen. Da auch wir Lehrlinge beteiligt wurden, nahm ich ab und zu meine Handharmonika mit, um nachts für Unterhaltung zu sorgen, denn bei diesen Wachen waren wir immer zu zweit.
Gleiwitz lernte ich in dieser Zeit dadurch gut kennen, dass ich als Lehrling vom Amtsleiter für Besorgungen in die Stadt geschickt wurde. So suchte ich einmal eine Gärtnerei auf, um Tomatenstauden für ihn zu kaufen.
Am 1. 7. 1943 meldete ich mich freiwillig zur Luftwaffe. Zum Einen wurde mir dadurch von der Anwärterzeit ein Jahr geschenkt. Zum Anderen lockte sie mich als Segelflieger und Funker ohnehin. Bei Zwangseinberufung im 17. Lebensjahr wäre ich zwangsläufig bei der Infanterie gelandet. Meine frühzeitige freiwillige Meldung sollte sich beim Reichsarbeitsdienst aus einem überraschenden, weiter unten geschilderten Grund als glücklich erweisen.
