Eines Hundes Portrait - Adrian W. Fröhlich - E-Book

Eines Hundes Portrait E-Book

Adrian W. Fröhlich

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Beschreibung

Geschichten zwischen Gut und Böse. Sie entstanden, novellistisch nacherzählt, in den neunziger Jahren als Szenarien. Das meiste von dem, wovon wir uns eine Theorie erhoffen, lässt sich in Wirklichkeit nur inszenieren. Indem wir uns das Szenario am Ende selbst erzählen, haben wir mehr als eine Theorie, wir haben den Knochen, der sich partout nicht vom Fleisch trennen lassen will. Zu dieser Besonderheit gesellt sich eine weitere, dass nämlich der Gegenstand unserer Neugier ebenso sehr das Ereignis selbst, als auch dessen logische, philosophische oder psychologische Analyse ist. Szenarien in novellistischer Ausgestaltung fordern ihrem Rezipienten einiges ab. Sie sind voller Expression, und sie sind rasant. Sie sind mehr als vielschichtig. Sie sind totalitär.

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War es möglich, dass ich bisher drei gesehen hatte, wo schon immer vier gewesen waren?

Dann sagte der König zu mir: „Ich habe gehört, dass sich Hunde zu Tode grämen können, wenn ihr Herr sie verlässt. Mein Hund mag mich, jedenfalls sieht es so aus. Meinen Sie, er würde sich zu Tode grämen, wenn ich fortginge?“ Ich sagte, das sei sehr wahrscheinlich. Nach einer kurzen Weile fragte er: „Sie malen, nicht wahr?“ - „Nein.“ - „Aber Sie sollten malen lernen und dann einen Hund portraitieren, nachdem dessen Herr fortgegangen ist.“

Dame Edith Sitwell, Mein exzentrisches Leben

INHALT

GLÜCK

UNGLÜCK

MAULER

MAHLSTROEM

RAHEL

RAMON

ENNIO

GLÜCK

Capri, das war das Felseneiland, das er damals im Regen besuchte. Grau und neblig war es gewesen, überhaupt nicht schön. Er war hinaufgestiegen ins Dorfzentrum und hatte eine Pizza gegessen. Vor seinem inneren Auge hatte er sie Revue passieren lassen, deren Namen ihm einfielen, wenn er an Capri dachte: Tiberius, Gorki, Lenin, Rilke, Scheffel, Weber, Neruda, Munthe, die Krupps. Von den meisten wusste er nur, dass sie da gewesen waren. Später entschloss er sich doch noch, nach Ana Capri hinaufzufahren, um Munthes Villa zu sehen. Schade, dass das Wetter nicht mitspielte. Die Villa erwies sich als erstaunlich verwinkelt, irgendwie fehlte ihr das Großzügige, das überraschte ihn. Doch gab es auch eine Pergola, und von da musste an glücklicheren Tagen der Blick wunderbar hinausgehen, hinüber nach Neapel und zum Vesuv, wie er sich das vorstellte. Auch die Kapelle des Heiligen Michael, vorne überm Abgrund - er wusste nicht so recht. Er schrieb es dem Wetter zu. Auf der Piazzetta war die Beiz dann auch nicht gerade das, was er gesucht hatte. Teuer und von der Qualität her, na ja. Abzocken schien hier Trumpf zu sein. Er verstand es, denn irgendwer hatte ihm beigebracht, solche Dinge zu verstehen. Er wanderte zu Fuß nach Capri hinunter. Winkte den Taxis freundlich durch den Regen zu. Kein Zweifel, der Verrückte will zu Fuß gehen.

Gerade noch erwischt er das letzte Boot nach Sorrent. Sozusagen mit einem Spagat bringt er sich an Bord. Kurz darauf geht die Kotzerei los. Das Boot stampft, die Wogen schäumen, und Sorrent ist weit. Neben ihm erbrechen die Leute im Akkord. Er starrt an die Küste, gibt seinem Blick einen Halt, das hilft. Nicht immer gelingt es den Leuten, die Reling noch rechtzeitig zu erreichen.

Capri im Sturm! Hinter ihm ragen wilde Felsen aus dem schäumenden Meer, dort oben hatte einst Tiberius seinen Palast.

Als das Boot in Sorrent ankommt, nimmt der Regen orkanartige Ausmaße an. Wie aufgescheuchte Hühner rennen die Fahrgäste unter ihren Schirmen und wehenden Pelerinen auf die wartenden Taxis zu. Er sieht sie wegfahren, schön eines nach dem anderen. Bis auf die Knochen nass, wandert er zur Stadt hinauf. Es war unmöglich, noch nasser zu werden, also beeilte er sich nicht.

Die Hoteldiener kümmerten sich eifrig um die eintrudelnden Gäste und halfen, die vielen tropfnassen Regenschirme und Überwürfe von den Wassermassen zu befreien, die an ihnen zu haften schienen. Der Direktor verteilte Handtücher. Auch unser Mann profitierte von dieser humanitären Geste und war dankbar. Rührend kümmerte sich männiglich um die Damenwelt, man hätte meinen können, eine Tragödie von nicht geringen Ausmaßen sei im Gang. Fehlte bloß noch, dass das Hotelpersonal mit Küssen nachgeholfen hätte und mit zärtlichen Umarmungen.

Er amüsierte sich. Er liebte diese Szenen erhabener Lächerlichkeit, die professionelle Fürsorge mit dem entschieden veralteten Touch der Courtoisie von einst. Und dazwischen die nicht ganz so selbstlosen Handreichungen, die verstohlenen und wie zufälligen Berührungen, die kurz aufglühenden Blicke.

Er geht auf sein Zimmer, wirft die Kleider von sich und tritt auf das Balkönchen hinaus. Nackt genießt er den warmen Regenguss in vollen Zügen über dem Abgrund des Golfs von Neapel. Irgendetwas ließ ihn dann nach rechts blicken. Auf dem Nachbarbalkon steht eine junge Frau, ebenso nackt wie er. Seine Drehung nach ihr provozierte bei ihr eine zu ihm hin. Für eine Sekunde stehen sie sich splitternackt gegenüber. Sie beißt sich auf die Unterlippe und verschwindet. Natürlich würde sie nicht wiederkehren, nie im Leben!

Nun, er hatte sich getäuscht, da stand sie wieder, eingewickelt in ein schneeweißes Frotteetuch und ruft ihm zu: Ist es nicht wunderschön? Märchenhaft! erwidert er. Herrlich! schwärmt sie und schnappt nach den prasselnden Tropfen. Waren Sie auch auf Capri? will er wissen. Sie etwa auch? ruft sie erstaunt. Dabei war er noch immer genauso splitternackt wie vorher, aber sie schien es nicht mehr zu bemerken.

Drei Monate später waren sie verheiratet, und nach vier Jahren hatten sie drei Kinder, einen Hund und zwei Katzen. Und immer, wenn sie gemeinsam unter der Dusche standen, erinnerten sie sich an den Regen in Sorrent und küssten sich vor Glück.

UNGLÜCK

Sie füttert im Stall die Tiere, drei junge, prächtige Hereford Bullen, vier gierige schmale Katzen und zwei junge, rotbraune Islandpferde, ein scheues Fohlen und ein keckes Füllen. Wo es kann, beginnt es zu knabbern.

Der Stall wirkt riesengroß. Er ist hundert Jahre alt, ein luftiges Fachwerkgebäude mit einem acht Meter hohen First, gedeckt mit Reet. Daneben der Neubau, noch größer, mit einem mächtigen freien Raum in der Mitte.

Sie weiß, was zu tun ist. Die Tiere müssen Wasser trinken. Zu diesem Zweck holt sie aus einer Nebenkammer das Ende eines langen Schlauches und füllt nacheinander die Wassertonnen auf, die bei den Tieren stehen. Dann holt sie Kraftfuttergranulat, pflanzlicher Herkunft, wie ihr Viggo versichert hatte, da sie es genau wissen wollte, und schüttet den Bullen einen ganzen Eimer davon in den Trog, den Pferden einen knappen halben. Schließlich trägt sie mit ihren bloßen Händen das Heu von einem der riesigen Ballen, die in der Nähe des Scheunentores auf dem Boden stehen zu den Stieren und vermischt es mit dem Granulat. Den Pferden reicht sie es, indem sie es auf die Brücke eines alten Leiterwagens legt.

In der Weite des Fachwerkbaus flirren die Schwalben. Ein Zwitschern überall. Das Heu duftet, die Luft in der Halle ist warm. Es riecht anders, als in unseren engen, niederen Ställen, wo es eigentlich bloß stinkt. Hier dringt der Sommer in den Stall, das Licht funkelt in den Löchern im Dach.

Dann steigt sie mit einer Schale voll Milch, Wasser und mit dänischem Roggenbrot, vermischt mit Essensresten vom Vortag über eine Leiter auf den Heuboden hinauf zu den Katzen. Sie fallen wie ausgehungerte Löwen über das Fressen her. Würgend fauchen und knurren sie einander an. In einer Ecke im Stroh liegen drei neugeborene Kätzchen.

Sie liebt die Tiere über alles. Sie hätte alles gegeben und alles getan, um es ihnen rechtzumachen. Wenn sie auf die Tiere blickte, bekamen ihre Augen einen samtenen Glanz und wurde ihr Gemüt weich und lieb. Als sich vor ein paar Tagen die Möglichkeit abzeichnete, dass sie sie füttern darf, hatte sie sofort ja gesagt und sich, anstellig, wie sie ist, alles im Detail zeigen lassen. Sie wollte es genau so machen, wie es Viggo immer machte. Sie waren zusammen herumgegangen, sie hatte ihm zugeschaut, und er hatte ihr das Nötige erklärt. Der alte Bauer hatte Vertrauen zu ihr.

Die drei Bullen standen im Stall, weil sie auf die Tierausstellung vorbereitet wurden. Große, starke, hornlose Tiere, Polled Hereford. Schnurgerade Rücken über satten und muskulösen Leibern, schöne, breite Köpfe mit weißen Stirnkrausen und riesigen, starrenden Augen. Ruhig standen sie auf dem Stroh. Sie hatte mit Genugtuung festgestellt, dass es in diesem Land keine Kuhglocken gab. Dass die Tiere dieser unbegreiflichen Folter hier nicht unterworfen waren, erfüllte sie mit Dankbarkeit.

Am nächsten Morgen, in aller Herrgottsfrühe, als sie vors Haus tritt, wird sie gerade noch Zeuge, wie ein großer Lastwagen einen der Bullen fortbringt.

Wohin der mit dem Tier fahre, wollte sie wissen, aber sie wusste es bereits. Viggo, der seine Tiere noch weit mehr liebte als sie, wusste auch, dass er es ihr nicht zu sagen brauchte. Schließlich sagte er es doch, und seine Stimme hatte einen singenden Ton, wie immer, wenn er bewegt war. Ja - er geht zum Schlachter.

Sie könnte losheulen, aber sie heult nicht.

Ja, sagt sie und blickt in die Weite der leeren Landschaft.

Ja, sagt auch Viggo und blickt in die Ferne.

Es war klar, dass nur der schönste der drei Bullen auf der Ausstellung die Chance hatte, als Zuchtbulle verkauft zu werden. Beim zweitschönsten wollte es sich der Bauer selbst noch nicht eingestehen, dass er auch ihn würde zum Schlachter bringen müssen, und so behielt er ihn noch. Er wollte es mit ihm in Skjern versuchen, auf der kleineren der beiden Ausstellungen, auf die er die Tiere vorbereitete.

Sie ging hinüber ans Meer und spazierte durch die verlorene Szenerie. Immer wieder schluckte sie. Nun war der junge Bulle tot. Gestern, als er fraß, friedlich neben seinen beiden Brüdern am Trog, hatte noch alles nach Ewigkeit ausgesehen. Sie hatte die drei betrachtet wie ein kostbares Gut, als Geschenk der Natur. Es war ihr erlaubt gewesen, die göttlichen Stiere zu füttern.

Sie weinte. Ausweglos war alles.

MAULER

Die Agentur

Was damals begann, war rätselhaft.

Ein Lippenwulst, der die nach vorne stürmenden Pferdezähne überhaupt nicht im Griff hat. Brüste, die sich einen Dreck drum scheren, wo sie gerade herumliegen. Um wirbelt von rot getöntem Haar, das erschreckend verwohnte Gesicht, ein Arrangement aus hängendem Fleisch, gekrönt von einer Hornbrille mit Flaschenböden. Dana Seuch war vom ersten Moment an eine Zumutung.

Oh, und wie sie schwitzt!

Der ockerfarbene, geschmacklose Rock, hochgerutscht, entbirgt zwei aggressiv-fette Beine kaum zu bestimmenden Gebrauchtheitsgrades. Der weisse Rollkragen öffnet sich trichterartig um ein Etagenkinn.

Die Frau muss, schwer zu sagen, um die Fünfzig sein.

Neben der wissenden Intelligenz ihres Blicks geht von der ganzen Gestalt eine schwüle Animalität aus, die infantil-exhibitionistische Tendenzen in mir weckt. Dana ist mir vom ersten Moment an eine grässliche, verzweifelt erotische Tatsache. Ich konnte ihr in der Folge nie gegenübersitzen, ohne mir Schweinereien vorzustellen. Ich war absolut sicher, sie wusste von ihrer Ausstrahlung, ja geradezu Ausdünstung auf mich und genoss sie.

An Dana Seuch würde ich nicht vorbeikommen. Das war mir sofort klar. Von der ersten Sekunde an lag ihr Fleisch mitten auf meinem Weg, wo der auch durchging und wohin er auch führen mochte.

Dass ich mich bei ihr vorstellte, schien sie erst gar nicht zu berühren. Sie las in Unterlagen, die sie übers Knie gezogen hatte, und musterte mich ab und zu wie beiläufig, um sich zu vergewissern, dass meine Benommenheit wuchs.

Zwischen uns befand sich ein niedriges, zerkratztes Plastiktischchen. Ich trank Wasser aus einem Glas, das sie mir zugeschoben hatte. Es war ihres.

Ich wollte Mauler treffen, Tony Mauler, meinen Stiefvater. Und nun saß ich vor dieser Antithese.

Der Tempel, in den ich hineingeraten war, war mir von Anfang an unangenehm. Aussen heruntergekommenes, niedriges Haus vor der imposantesten Skyline der Welt, innen Mausoleum aus Mahagoni, Marmor und Gold.

Ich konnte mir Tony hier nicht vorstellen. Der joviale, quirlige Winzling! Der rundschädlige Glatzkopf mit seiner gedrungenen, breitschultrigen Gestalt und den Fußballerbeinen. In seiner abgewetzten, braunschwarzen Bomberjacke. Ein erwachsenes Kind, das beim Lachen noch richtig gluckst und bisweilen in schlampig artikulierter Manier einfach so daher plappert. Der Gassenganove, der den Tag in Bars vertrödelt und an Straßenecken verbotene Deals macht.

Als ich (sehr kurz) beruflich mit ihm zu tun hatte, war er Rechtsanwalt. Vor ein paar Jahren, in Europa, stieg er in die Werbebranche um, in der seine besten Freunde tätig waren. Wegen seines Talents und dieser genialen Dreistigkeit, dass allen garantiert die Spucke wegbleibt, wenn er erst mal loslegt.

Sie wollen also bei uns arbeiten, Vadim? fragte Dana beim Herumrascheln in ihren Papieren, die ihr ständig von den Beinen auf den Boden fielen. Es sah aus, als rupfe sie ein Huhn.

So ist’s abgemacht, gebe ich trocken zur Antwort.

Abgemacht mit wem? Mit Tony? Die Flaschenböden in ihrer mächtigen Brille reflektierten die untergehende Sonne.

Mit Tony Mauler.

Von diesem Moment an deckte sie mich mit einem Dauerlächeln ein. Die Front ihrer fliehenden Zähne glänzte speichelfeucht. Die Farbe spielte ins Uringelbe.

Darf ich fragen, was Sie von ihm wollen?

Ihre Herablassung trifft. Tony ist immerhin mein Stiefvater - und Freund.

Er meinte, sage ich wohl etwas zu leise, ich solle rüberkommen. Er brauche mich. Wir werden sehen, schloss ich und hüstelte.

Aha, Sie kennen sich gut? Dann zweifle ich nicht daran, dass Sie grosse Fähigkeiten haben, Mr. Vadim. Tony nimmt nur die Allerbesten.

Ich lächle sie frontal an.

Wenn Sie so gut sind, Mr. Vadim, könnten Sie auch für mich arbeiten. Was könnte es denn sein? Hm? Machen Sie einen Vorschlag! Wer sind Sie?

Ich war bestürzt. Ich wollte keineswegs für jemand anderen arbeiten als für Tony. Doch dann höre ich mich etwas sagen, das mich bereits während ich es ausspreche, zutiefst beschämt.

Ich kenne Sie zu wenig, Mam, um Ihnen frei heraus das vorschlagen zu dürfen, was Sie von mir wohl am meisten gebrauchen könnten.

O God! flüsterte sie. Was für ein dreister Kerl! Sagen Sie, sind Sie etwa mit Tony verwandt?

Wann kommt er denn? fragte ich.

Mein Gott, was denkt sich ein Junge wie Sie, wenn er sowas sagt? Oder haben Sie gar nicht gemerkt, was Sie gerade gesagt haben?

Ihr Hals war feuerrot.

Ich denke es ist besser, wenn Sie jetzt einen Stock höher in Tonys Büro gehen, die 301. Sonst riskieren Sie, dass ich Sie beim Wort nehme und Ihnen befehle, Ihre unverschämte Andeutung auf der Stelle wahrzumachen. Sollten Sie tatsächlich künftig für uns arbeiten, werden Sie sehr bald feststellen, dass ich niemals scherze. Ich habe absolut keinen Humor.

Dann werde ich jetzt wohl besser gehen, erwiderte ich und erhob mich. Mrs. Seuch blieb inmitten ihrer Papiere sitzen.

Vadim! rief sie mir nach, Vadim?

Das Büro 301 war leer. In seiner Mitte befand sich ein Tisch, darauf ruhte ein altes Bakelit-Telefon. Sonst war da nichts. Nicht einmal ein Stuhl.

Aussen über dem Fenster hingen kaputte Sonnenstoren und wippten auf und ab.

Wirklich Tonys Büro? Es sah eher aus, als könnte es das meine werden. Auf dem Tisch lag Staub, ich zeichnete unwillkürlich mit dem Zeigefinger einen Kreis hinein.

In einer Ecke dann doch ein winziges Brünnchen. Zum Händewaschen? Aber keine Seife, kein Handtuch.

Es fehlen der Computer, der Korpus für die Akten und der Bürosessel. Und auf den Tisch gehörte eine Schreibunterlage, eine Schachtel für die Stifte und eine drehbare Adresskartei. Und Telefonbücher, zerfleddert, aber aktuell. Und neben dem Tisch sollte man einen Korb finden, der von einer grauen Maus, die unscheinbare Bewegungen ausführt und dünn herauflächelt, täglich zweimal geleert wird. Doch wo kein Papier ist, da ist auch kein Korb.

Draussen der Fluss und die Schiffe und ein fallender Abend. Gleißendes Licht in den Fassaden der Wolkenkratzer, Licht einer verquollenen Sonne.

Das Zimmer riecht abgestanden.

Mrs. Seuch taucht wieder auf, diesmal vor dem inneren Auge. Im Geist fasse ich sie an und lasse sie wieder los. Dieses Gefühl, von etwas Abscheulichem angezogen zu werden wie von einem Magneten, gedemütigt zu werden von einer kranken, brennenden Lust, die mit dem Wunsch zu überleben im Clinch liegt.

Der jetzt den Raum betritt, stellt sich mir als Klau vor. Verblüffend jung und schneidig. Ein ebenmäßiges, schönes Gesicht mit seraphischem Lächeln. Unverblümt tritt er auf mich zu, gibt mir die Hand (unauffälliger Druck) und begrüßt mich, als habe gerade er mich schon lange erwartet.

Hi! Du suchst Tony? Er ist auf dem Dach und spielt Trompete. Tony, der verrückte Kerl. Und wie geht es dir?

Tony spielt Trompete?

Du wirst es gleich hören! Hat er nicht im Opernhausorchester gespielt? Tony, der Alleskönner! Und wer bist du?

Das hatte mich vor ein paar Minuten bereits Dana Seuch gefragt. Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht. So wie die hier das fragen, gibt es darauf keine Antwort. Sagtest du Opernhausorchester?

Ein Virtuose, erwiderte Klau, unberührt von meinem Spott.

Und da stand er schliesslich, auf der nackten, schmutzigen Dachterrasse der Agentur, die Trompete schräg nach oben gereckt, und blies in Richtung auf die Skyline. Die versinkende Sonne badete seinen breiten, kurzen Rücken in öligem Ocker, das Metall des Instruments blitzte. Tony blies etwas, das dem Radetzkymarsch glich, ihn aber nicht sein konnte. Mit Inbrunst. Einsam stand er da, in der Kulisse, und versuchte mit aller Macht, sie umzublasen.

Tony Mauler! rief ich überwältigt.

Vadim! brüllt er und strahlt wie ein Schuljunge, der auf dem Pausenplatz ein Tor geschossen hat. Vadim, mein Sohn! Willkommen vor den Mauern von Jericho!

Ich gehe mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Bevor ich ihn erreiche, fängt er jedoch wieder an zu blasen und dreht sich dabei im Kreis.

Deine Mauern werden fallen, Old Jericho, denn hier steht Josh Mauler! Vadim! Ich habe Trompete gelernt!

Und wie, erwidere ich anerkennend. Im Opernhausorchester?

Vadim, schön, dass du hier bist. Du weißt gar nicht, in was für eine Situation du hineingerätst. Du hast soeben das ungewöhnlichste Haus in der ganzen City betreten und stehst vor einem ziemlich abgehobenen Kerl, vor einem Gründer. Tony Josh Mauler wird schon bald zum Religionsstifter!

Wie bitte? Sagt Bakunin Religion?

Wir beginnen diesmal ganz, ganz neu. Du stehst vor dem Mann, der die genialste Idee haben wird, die einer in diesem gottverdammten Zeitalter haben kann. Willkommen in der Schmiede der Zukunft, mein Sohn! Mein Eisen ist flüssig. Die Zukunft der Menschheit beginnt morgen in diesem Laden.

Tony, hast du sie noch alle?

Und wie! Vadim, ich muss dich aufklären. Du bist der Einzige, der mich verstehen kann, denn du bist mein Sohn. Na ja, Stiefsohn, aber wen interessiert’s. Norman Klau ist zwar ein intelligenter Bursche, aber er lebt auf einem anderen Planeten. Und die schreckliche Dana, so fruchtbar ihre Fantasie auch sein mag, so wenig findet sie, was nur du und ich finden können: the Message.

Die Botschaft? Welche Botschaft, Tony?

Nach einer sehr ungemütlichen Nacht in einem sehr heissen Zimmer in sehr großer Höhe über dem Mutterboden, in der ich meine Ankunft in New York unablässig verdammte, machte ich mich sehr früh am Morgen in Richtung Agentur auf den sehr langen Weg dorthin.

Mahagoni, Marmor und Gold hatten mich wieder.

Das Mädchen hinter dem Empfangstresen schickte mich auf Büro 301. Dieses war ebenso leer wie tags zuvor und noch etwas staubiger. Die Wahrscheinlichkeit stieg, dass es mein Büro werden würde. Doch ich hatte mich getäuscht, es war Tonys Büro.

Tony stand am Fenster, als ich eintrat. Sieben Uhr in der Früh. Er betrachtete gerade den Fluss und die Schiffe.

Das Büro der Zukunft, klärte er mich auf, ist leer. Es verfügt über keine Sitzgelegenheiten. Sitzen ist out. Im Sitzen kann man nicht denken. Das Büro der Zukunft ist Raum. Aber da ist auch ein Tisch. Allerdings nicht zum Brauchen. Er ist bloss Symbol. Er versinnbildlicht die Tragfähigkeit dessen, was du durch Denken in den Raum stellst.

Als er sieht, dass ich auf das Telefon schiele, meint er, es wäre zwar angeschlossen, aber niemand kenne die Nummer.

Die Telefongesellschaft, werfe ich ein, kennt sie.

Eine technische Randbedingung, grinst er. Der Staub, der hier fingerdick liegt, ist der Fußabdruck der Zeit. Wie du siehst, gibt es in diesem Büro kein Kunstlicht. Wenn es dunkel wird, wird es dunkel. Das Denken steht mit der Sonne auf und geht mit ihr unter. Die Nacht gehört den Trieben und den Dieben. Die Nacht ist Bedrohung und Gewalt.

Und Schlaf, meinte ich nicht unbescheiden.

Dass man in der Nacht schläft, ist ein blödes, überkommenes Vorurteil. Die Nacht ist eine Zeit höchster Wachsamkeit. Stell dir vor: in grauer Urzeit! Die Nacht war tödlich für den, der nicht wachte. Nutze die Nacht dazu, ganz Ohr, ganz Auge, ganz Aufnahme zu sein. Oder sei gewalttätig in der Nacht, stiehl etwas oder dringe irgendwo ein. Verstehst du? Die Nacht gehört dem Tier im Menschen.

Und du brauchst keinen Computer, kein Handy, nichts, um deine Arbeit zu verrichten, Tony?

Alle Arbeit, Vadim, die ich verrichte, findet hier drin statt. Er tippt an seine Schläfe. Was nicht jederzeit hier drin rekonstruiert werden kann, existiert nicht. Tagsüber alles ständig im Geist präsent zu haben, das ist die ultimative Herausforderung. Am Morgen fährst du den Geist hoch, stellst all die Dinge in ihn hinein, an denen du während des Tages arbeiten willst und lässt niemals etwas wieder herausfallen, bis die Nacht den Laden schliesst. Wenn es draussen zu dämmern anfängt, beginnst du die Dinge, die in deinem Geist herumschwirren, zweckmäßig zu verstauen, damit du sie am nächsten Tag wiederfindest. Findest du während des Tages eine Lösung, kommst du zu uns und trägst sie uns vor, damit wir sie mittragen. Dabei wirst du die Erfahrung machen, dass der Geist niemals überlaufen kann, denn egal, wie viel du am Tag in ihn hineinstellst, im Gespräch wird es stets auf dasselbe, bequeme Mass reduziert, am Ende wird immer nur genau die richtige Idee übrigbleiben und das Falsche wird verschwunden sein. Du bleibst frei von Gerümpel und Unfertigem, die der Vergangenheit unserer überfüllten, verblasenen, hochtechnisierten Büros angehören, in denen wir bloss ramponierte Chips waren. Dein Bewusstsein wird hier eine Klarheit erreichen, die du ihm nicht mehr zugetraut hast. Nichts kann dich mehr besiegen, denn deine Ideen, deine Bilder setzen sich überall durch.

Mann, seufze ich verwirrt, du willst mir doch nicht weismachen, dass ihr das hier alle so macht?

Die Büros meiner Kolleginnen und Kollegen sehen genauso aus wie meines.

Aber unten ist doch alles voll Mahagoni, Marmor und Gold! Sieht aus wie in einer Bank!

Wir sind eine Bank, Vadim! Eine Ideen- und Samenbank.

Und der Kunde dringt nie bis in eines dieser Büros vor?

Der Kunde ist gut beraten, Panzerschränke Panzerschränke sein zu lassen und nicht überall seine gottverdammte, verpopelte Nase reinzustecken. Unser Sicherheitskonzept garantiert, dass kein Kunde jemals eines unserer Büros betreten wird. Man kommt hier schlicht nicht rein, wenn man keiner von uns ist.

Ich meine, man hat mich ja auch ohne weiteres in diesen Raum gewiesen.

Unser Personal ist geschult. Es sieht, wer Ideen hat und wer nicht. Kunden haben nie irgendwelche Ideen. Sie sind dicht. Gerade wenn sie mit ihren Konzepten kommen, wirst du darin nie irgendetwas finden, das einer Idee gleicht. Der Kunde hat hier nichts zu sagen, er hat nur sich selbst zu sein. Den ganzen Rest erledigen wir.

Irgendwie, Tony, habe ich dich schon als Junge immer für genial gehalten. Und seit ich dich gestern Trompete spielen hörte, weiss ich, dass du immer noch das durchgeknallte Arschloch bist, das ich so liebe. Und weißt du was? Du hast ja so recht!

Arschlöcher, Vadim, haben immer recht. Das ist das esoterische Geheimnis des Arschlochs. Darum wird es gehasst, verachtet, missachtet und doch von jedem gebraucht. Auch du, Vadim, bist und hast ein Arschloch.

Wie bitte?

Vadim, flüsterte er, und streckt seinen Arm nach oben, als wolle er mich an der Schulter packen, Vadim, was wollen wir mehr? Du stehst in der besten Agentur der Welt. Hier stinkts nach Erfolg. Was du bei mir damals, drüben, erlebt hast, das musst du vergessen. War alles ein Riesenscheissfehler.

Aber wie bist du denn draufgekommen? Bist du selbst draufgekommen, Tony?

Dana! Dana, fing er an zu schwärmen, ist nicht nur eine durch und durch junge, sondern auch eine bildschöne Frau. Und sie ist nicht nur gescheit, sie ist abgründig fantasiebegabt.

Er sah mir an, dass ich ihm nicht ganz folgen mochte.

Ja, die alte Vettel, die dich total bezirzt hat, Vadim. Sie ist eine Offenbarung. Wenn du je Gelegenheit hast, Dana zu erleben, so genieße es. Ich gönne es jedem, vor allem den Jüngeren. Sie ist die ultimative Schlange. Die kann mit dir machen, was sie will. Dana hat mir die Augen geöffnet.

Geöffnet wofür?

Sie hat alles aus meinem Büro rausgeworfen. Was übrig blieb, ist das hier. Dann ist sie vor mich hingetreten und hat gesagt: Tony, jetzt stell dir mal vor, das wäre dein Büro und müsste es bis ans Ende deiner Tage bleiben, und da ist kein Kunde, niemand, der dich hier jemals aufsucht. Du bist drauf und dran, lebendig zu verstauben.

Und dann hat’s bei dir Klick gemacht?

Weißt du, was das hier ist? Das Grab. Und weißt du, was ich bin, in meinem Grab? Die Leiche. Aber will ich denn verrecken? In meinem eigenen Körper, in diesem Raum, in diesem Gefängnis? Hier gibt es nichts einzurichten. Kein Feng-Shui, keine Designermöbel, keine Kunstwerke an den Wänden, keine Kaffeemaschine, kein TV. Das ist der Sarg, Mann, und ich liege heute schon voll drin. Aber nun fängt alles an. Jetzt musst du nämlich wieder das Kind werden, das du gewesen bist. Denken, Fühlen, Träumen, sofort sagen, sofort reagieren, sofort alles. Da gibt’s keine Ablage, kein Archiv, keine Festplatte, keine Werkzeuge. Nur du. Alles flutscht durch den Geist, schwirrt davon, versurft im Beliebigen. Als alter Sack schaffst du es nicht, etwas vor das innere Auge zu zerren und dort festzuhalten, um es zu sezieren. Vadim, es steht verdammt schlecht um dich, wenn du es nicht schaffst. Du gierst nach einem Bildschirm, der dir was zeigt. Aber da ist keiner. Du willst was lesen, aber da ist nichts zum Lesen. Da ist nur die Optik deines Geistes mit ihrem ramponierten Gewinde. Verdammt, Vadim, deine Optik ist bereits im Eimer! Doch nach einem halben Tag fängt sie wieder an zu funktionieren. Du beginnst, vor deinem inneren Auge einen Gedanken scharf einzustellen, und es gelingt dir, das Bild für eine Minute zu halten. Da ist plötzlich dieses Nadelöhr, durch das hindurch das ganze Riesenkamel geht. Du wirst nach scharf eingestellten, inneren Bildern süchtig. Sie gleißen wie Sonnen, während der Bildschirm nur eine Funzel ist. Ein Bildschirm zeigt überhaupt nichts. Er steht der Sicht bloss im Weg.

Ich verstehe, sagte ich zögernd.

Ich wiederhole: du stehst in der besten Agentur der Welt.

Aber sie heisst wie eine Krankheit: Mauler, Klau & Seuch!

Vadim, Werbung ist Krankheit. Und wir haben zufällig den besten Namen dafür. Werbung ist Infektion.

Großartig, klingt aber ein bisschen zu klischiert jüdisch, ich meine, im Zeitalter des grassierenden Antisemitismus: Mauler, Klau & Seuch –-??

Wir sind alle Juden.

Seit wann denn, Tony?

Seit Menschengedenken.

Ich war allein in meinem neuen Büro, der Nr. 305, das genau gleich aussah wie die 301. Es dämmerte mir, dass ich nun jeden Tag zehn bis zwölf Stunden würde herumstehen, oder auf- und abgehen müssen.

Da ist kein Rechner einzuschalten, sind keine Papiere zu ordnen. Nirgendwo ist etwas wegzuräumen. Da ist nur öde Leere und das Telefon, das zu benützen ich mich nicht getraue.

Ich bräuchte dringend einen Kaffee, ein Sandwich, irgendetwas Frisches, das gut schmeckt. Aber da war keine Kaffeemaschine, auf dem ganzen Stockwerk nicht. Alle Räume - ich hatte mich bereits vergewissert - sahen genauso aus wie meiner. Und in jedem stand eine Frau oder ein Mann und tat nichts. Sie alle schienen es gelernt zu haben. Spätestens nach einem Jahr, schätzte ich, würden die meisten von ihnen Krampfadern haben und geschwollene Füße. Ermüdungsbrüche sind nicht ausgeschlossen, zum Beispiel Marschfrakturen vom ewigen im Kreis herumlaufen. Ältere Geherinnen und Geher mussten auch mit der Möglichkeit eines Schenkelhalsbruchs rechnen. Ganz zu schweigen von den Orthostaseproblemen. Stützen sich die Leute hier vielleicht auf das Fensterbrett? Konnte man dort vielleicht absitzen? Nein, ein Versuch zeigte, es war mit zwei Zentimetern für jede Backe ganz einfach zu schmal.

Sadismus pur, wenn man erst einmal erfasst hat, dass das hier ernst gemeint war. Und dann die Zumutung, die Skyline von Manhattan gegenüber zu haben. Ich ging herum, schaute durchs Fenster auf die Türme, betätigte die Rollläden, hinauf und hinunter.

Ein Strich mit dem Finger über die Tischplatte. Da liegt noch kein Staub. Die Zeit hat für mich erst angefangen zu rieseln, will sagen, gegen mich zu rieseln.

Ich fand keine Aufgabe, auf die ich mich hätte werfen können. Bald verließ ich den Raum und machte mich auf die Wanderung durchs Haus. Es stellte sich heraus, dass die beiden oberen Stockwerke aus Büros wie das meine bestanden. In jedem befand sich jemand, der nichts tat. Bei allen stand die Tür zum Flur offen. Ich werde es auch so halten.

Nur das Erdgeschoss war anders. Dort gab es Computer, Papier, Ordner, Kaffeetassen, Vasen, Stühle und Sessel, Zeitungen, Hefte, Bildschirme und Fernseher. Es gibt sogar Hintergrundmusik, und was gerade läuft, klingt nach einem Hopi-Gesang.

Dana Seuch geht des Wegs und würdigt mich keines Blickes, so sehr ich sie auch anlächle. Norman Klau kommt die Treppe herunter, zusammen mit einem jungen Mann, wahrscheinlich auch er ein Schwuler. Sie taten, als würden sie durch mich hindurchsehen. Wäre ich ihnen nicht aus der Bahn getreten, hätte es einen Zusammenstoß gegeben.

Mein Geschlecht hatte begonnen, sich grundlos auf den Weg nach oben zu machen. Die Vollendung seines Aufstiegs wurde lediglich durch die straff gezogene Hose vereitelt. Erschrocken versuchte ich vermittels einiger Handgriffe Schlimmeres zu verhüten. Um mich abzulenken, fing ich an, an ein mathematisches Problem zu denken.

Tony war nicht zu sprechen. Wie ein verlassenes Küken wanderte ich mit hängendem Kopf zurück in mein leeres Büro und fing an, mich zu konzentrieren. Dabei zeigte sich mit brutaler Deutlichkeit, dass Tony recht hatte, meine innere Optik war nicht mehr in der Lage, sich auf etwas scharf einzustellen.

Mir schlug gerade die Stunde null der Meditation.

Allmählich fange ich an zu akzeptieren, dass die Geilheit Ausdruck meiner aufgestauten Energie ist, die sich beim Versuch, kreativ zu sein, unsublimiert bemerkbar macht. Der Ort des geringsten Widerstands ist beim Mann der Penis. So war es ganz natürlich, dass er und nicht der Geist auferstand, der offensichtlich vollkommen aus der Übung war. Die Energie floss nach unten, statt nach oben ins innere, dritte Auge hinauf. Ehe ich mich versah, wälzte ich darüber die schönste Theorie.

Plötzlich war es Nachmittag, und ich machte die Erfahrung, stundenlang gedacht zu haben, ohne es zu wissen.

Dass ich Hunger hatte, ließ sich nicht mehr länger verleugnen. Ich begab mich in die Cafeteria und setzte mich an die Bar. Das Sandwich wanderte ruckfrei durch den Mund, und die Flüssigkeit rann ohne jedes Gurgeln, wie an einem Faden, in den Magen.

Der Kunde

Im Kopf noch das ferne Grollen des abgezogenen Nachtgewitters, die Mutter aller Albträume.

Ich will in die Bar, um mir etwas einzuverleiben, bevor ich meinen Geist aufmache.

Denn heute will ich denken, mein leeres Büro radikal ausfüllen. Ich will mir das beweisen. Mal schauen, ob der alte Müller noch zu mahlen versteht.

Sally vom Empfang hat für jeden einen Mundwinkel voll süßen Lächelns. Man könnte diabetisch werden vom Zuschauen. Sie haucht ihre Worte ganz und gar benommen von ihrer eigenen Sally-keit. Das Gelispel der Lippen ist geheimnismüde wie die Blätter im Herbst. Der Atem läuft Schlittschuh durch den Frauenmund. Man steht da und lauscht ihm nach, als wär’s ein Meisterstück, folgt gierig seinen letzten, leisesten Verseufzungen und Versterbungen im Gedränge all der hellklingenden Elfenphoneme.

Während sie spricht, winkt mich Sally, süßer lächelnd, heran und schiebt mir einen Zettel zu, sichtlich von Mauler, bekritzelt mit seiner großspurigen, zerfallenden Schrift:

Regel Nr. 1:

Geschichte ist Scheisse. Hundekacke, auf der du ausrutschst. No history please!

Aha.

Quäle mich dann durch die Menge gutgekleideter, schwatzender Herren, fast nur Herren, von denen die meisten auf dem Hinterkopf die Kippa tragen.

Ich dringe durch und haste nach hinten an die Café-Bar. Auch sie voll, überall schwatzende, sehr nette, sehr sanfte Herren und ein paar aufgeputzte Krähen, die bedeutend aussehen und gewaltig umschnattert werden. Max reicht mir das Sandwich und schiebt einen lauwarmen Kaffee über das Zinkblech, in Ermangelung eines heissen, denn Max ist hoffnungslos überfordert.

Um genau zu sein: Es ist morgens um halb acht, und draussen ist es schön. Knalliges Blau über einer tosenden Stadt.

Kauend verdaue ich Regel Nr. 1: No history please! Die Botschaft zum Tag? Oder ein Maulerscher Zufall? Mauler und der Zufall?

Dann urplötzlich: eine Schulglocke. Eine richtige Schulglocke! Sie trillert auf Teufel komm raus, und schlagartig ist alles wieder da: Schulhefte, Tafelschwämme, schwitzende Lehrer mit Mundgeruch, Korridore voll abgestandener Luft, Besserwisser, dumme Kühe und grobe Buben.

Die unzähligen Herren und die paar Damen fangen ohne weiteres an, schwatzend einem Schlund entgegen zu wackeln, wie die Pinguine auf die Eiskante zu, und haben offensichtlich keine Assoziationen. Brillen werden über den Kopf ins Licht gehoben und geputzt, Nasen suchen im Schnäuzen Erleichterung. Der Schlund, auf den wir alle zu wackeln, ist das Tor zum Herzstück der Agentur, zur Aula.

Ich schließe mich den letzten an, die mich freundlich anlächeln, als wollten sie mich dazu aufmuntern mitzukommen und nur ja keine falschen Hemmungen zu haben.

Uff! Was für eine Mahagoni-Marmor-Gold-Offenbarung! Das Zentrum einer obskuren Sekte, der Bunker einer Geheimloge: Kitsch und Nihilismus.

Vorne Mauler, in der Bomberjacke, braunschwarz und abgewetzt. Die Glatze wie Bernstein. Er wankt hinter dem Podium hin und her wie eine Schießbudenfigur, greift da nach einer gereckten Hand, packt dort nach einer andern, grinst, spricht, fühlt sich insgesamt großartig, wie in alten Zeiten radikal. Sitzend dort unten links bereits Dana Seuch, mit einem Gesicht aus Stein, eingehüllt in den jungenhaft hochgestellten Kragen ihres abgewetzten, senfgelben Jacketts, als friere ihr saumäßig. Ihr Blick trifft viel zu früh auf mich, um zufällig zu sein.

So viele Juden aufs Mal, das merke ich, waren noch nie hier. Unsere Leute, stumm wie die Fische an den Seiten des Saals, haben ihre Mäuler ein bisschen zu weit offen. Links hinten bohrt einer in der Nase, es ist Levy, der Kreativste von allen. Er tut so, als überrasche ihn das alles nicht.

Das Pausenläuten endet mit ohrenbetäubender Stille. Die Schläfen fluktuieren noch eine Weile nach.

Vorne betet ein Rabbi, übergangslos, unmittelbar aus dem Läuten heraus. Man versteht nichts, hier und dort wird noch mächtig gemurmelt.

Es geht los!

Mauler, in der Lederjacke, wird vom Rabbi eingeladen, von seinen Fronterfahrungen zu berichten.

Ich erbleiche, als Mauler die Folie auflegt mit der Regel Nr. 1:

Geschichte ist Scheisse. Hundekacke, auf der du aurutschst. No history please!

Ich bin sicher: jetzt geht die Mine hoch! Ducke mich instinktiv und will mich dem Ausgang zuwenden, als einfach – nichts passiert.

Es herrscht interessierte Ruhe. Ich ziehe die Brauen hoch.

Worüber müssen wir denn reden, wenn nicht über Geschichte? fragt Mauler und streicht sich langsam über die Glatze bis hinunter in den Nacken. Ich habe die meisten Ihrer Papiere gelesen, die Sie mir freundlicherweise überlassen haben. Es sind schön gesagte Halbwahrheiten und Lebenstorheiten. Ich habe nicht einen Satz gelesen, der mir gezeigt hätte, dass Sie wissen, worum es geht.

Das Plenum bleibt ruhig. Ein paar Brillen werden zurechtgerückt, Papiere in Aktenmappen zurückgeschoben.

Und jetzt fangen einige gar an zu schmunzeln.

Maulers Laune ist gut. Er hat Witterung aufgenommen.

Ich habe Ihnen versprochen, dass diese Veranstaltung genau fünfzehn Minuten dauern wird und keine Sekunde länger. Ich werde Sie in diesen fünfzehn Minuten vollumfänglich ins Bild setzen. Und danach fangen wir an zu arbeiten. Das erste, was Sie zur Kenntnis nehmen müssen ist, dass Sie hier in der besten Agentur der Welt sind. Klau, der Film!

Übergangslos der Skandal: Vorne auf der Leinwand ein Riesenarsch, gefilmt beim Scheissen. Undeutlich die vielen Pickel zwischen den Backen und der dunkle Wurm, der sich in Richtung Kamera windet. Dann eine Wolke, die nach einem Stück Papier aussieht, danach erneut der Arsch. Er entschwebt, wird rasch kleiner, die Hose kommt ins Bild. Filmende.

Das Wort Tabu stammt aus dem Polynesischen, meint Tony, und da keiner von uns Polynesisch spricht, wissen wir nicht, was es bedeutet. Das ist der Grund, warum wir mehr wissen als unsere Schmutzkonkurrenz auf diesem ganzen verdammten Planeten. Das war übrigens der Arsch von Ferguson, unserem Hauptkonkurrenten, aufgenommen von einem unserer Scouts in Fergusons Privattoilette. Lassen Sie mich zusammenfassen, was Sie gesehen haben: Sie haben ein Produkt gesehen, das keiner will. Sie haben es bedrohlich auf sich zukommen sehen und sind in Deckung gegangen. Man ließ Sie im Unklaren darüber, was dem Produkt folgt, und schliesslich hat man sie mit der Bescherung allein gelassen. Sehen Sie, so arbeitet die Konkurrenz, und das eben ist mieses Marketing.

In meine offene Mundhöhle hätte man ein Boot schieben können. Ich fange langsam an zu verstehen, warum ich hier in der besten Agentur der Welt bin. Weil man hier nicht Polynesisch spricht, sondern seine eigene Muttersprache.

Gregs Kameraposition, sagt Tony, ist-genau-die-Perspektive, aus-der-Ihre-Kunden-Sie-erleben! Mauler dehnte den Satz merklich in die Länge, um ihn so richtig scharf zu machen. Die Default-Perspektive jedes Kunden gegenüber jedem Produkt und jedem Service auf diesem Planeten. Stellen Sie sich vor: Was Sie Ihrem Kunden verkaufen, ist aus seiner Perspektive schlicht und einfach Scheisse. Sie kacken ihm ins Gesicht, lassen ihn dann darüber im Unklaren, was allenfalls noch folgt, und schliesslich, wenn Sie sich erleichtert haben, lassen Sie ihn mit einem Produkt allein, dass er nie und nimmer hat wollen können.

Grummeln überall.

Aha, und jetzt kommt die Immunreaktion des Herstellers. Ich höre sie schon, grinst Tony. Meine Antwort darauf lesen Sie bitte hier:

Regel Nr. 2: Versuche nie, einen Kunden für dein Produkt verantwortlich zu machen.

Der Kunde muss nichts, wissen Sie, meine Damen und Herren, rein - gar – nichts! Auch wenn es sich beim ihm, wie in unserem Fall, in letzter Konsequenz um einen Massenmörder, oder um den Sympathisanten eines solchen handelt, um den Erben des epochalsten Verbrechens der Menschheit, auch dann muss er nichts. Er muss auch nicht freiwillig müssen, quasi über die Moral. Auch wenn der Kunde noch so schuldig ist, Sie werden ihn nicht gewinnen, wenn Sie ihn als Schuldigen behandeln. Wenn er auch nur den Hauch eines Vorwurfs spürt, haben Sie ihn verloren. Er kauft vielleicht einmal, zweimal, mit der linken Hand, widerwillig, weil er nicht ohne Not ein böser Bube sein möchte, aber er wird nie zu einem Ihrer Stammkunden werden.

Die Kundenbeziehung ist eine Treuebeziehung, und die kann nur auf dem Boden absoluter Vorwurfslosigkeit wachsen. Treue ist Ausdruck radikaler Freiheit. Wer in den Boden der Treue Schuld sät, wird Untertanen ernten. Also werden Sie keinen Erfolg auf diesem Weg haben. Sie müssen den Weg der Freiheit gehen, denn Sie sind zur Treue verdammt. Und hier lesen Sie eine kurze Zusammenfassung der Weltgeschichte:

Regel Nr. 3:

Wer schuldig ist, der kann nur geben, was ihm schon genommen wurde. Wer unschuldig ist, gibt, was ihm gehört.

Das Produkt, das wir Ihrem Kunden verkaufen, ist frei von Schuld und Sühne. Im Klartext: Es geht nicht um Wiedergutmachung. Es geht nicht um Genugtuung oder Schadenersatz, wie die Vollidioten meinen, die Sie bisher beraten haben.

Doch werden wir ein bisschen kreativ!

Tony greift zum Stift, packt eine blanke Folie auf den Projektor und zeichnet ein grosses V darauf. Am linken oberen Ende des Buchstabens schreibt er eine 7 hin, am gegenüberliegenden eine 0. Von der Null absteigend die Zahlen 1, 2 und 3, und von der 7 absteigend die Zahlen 6, 5, und 4. Die Spitze des V bleibt leer.

Also: Wenn wir in einer Welt der ganzen Zahlen ein Ziel erreichen wollen - Mauler umkreist die 7 -, dann müssen wir im Marketing davon ausgehen, dass der Kunde bei der 0 anfängt - Mauler umkreist die Null. Der Kunde ist ein unschuldiges, hochintelligentes, wachsames Baby, das auf jeden Fall kriegt, was es will, darauf können Sie wetten. Wenn Sie dem Baby einen Schritt entgegenkommen - Mauler tippt auf die 6 -, dann und nur dann kommt Ihnen das Baby ebenfalls einen entgegen (die 1). Die Neurastheniker unter uns würden jetzt sagen, sie hätten ihr Ziel erreicht, das Kind habe getan, was sie von ihm verlangten. Wir anderen aber wissen: es bleibt eine Riesenkluft. Fünf Punkte liegen noch zwischen Ihnen und Ihrem Kunden. 5 Punkte, das sind fünf Millionen Vorurteile gegen Sie. Kommen Sie dem Wicht zwei weitere Schritte entgegen, wird er Ihnen ebenfalls noch einmal zwei Schritte entgegenkommen, darauf können Sie wetten. Die Menge der Vorurteile verringert sich auf 3 Millionen. Sie können noch näher an den Kunden herangehen - und sich von Ihrem Ziel, der Sieben, noch weiter entfernen -, aber, wie Sie sehen, es bleibt immer eine Kluft von mindestens einer Million Vorurteile gegen Sie bestehen.

Auf dem Weg zu Ihrem Kunden verändern sich Produkt, Botschaft und Ziel. Nichts ist gratis. Nur wenn Sie das Produkt ändern, ändert der Kunde seine Position. Das bestgehütete Geheimnis unserer Branche lautet: Niemand kann einem Kunden mehr als ein einziges Mal Scheisse verkaufen.

Und am Schluss werden Sie feststellen, wenn Sie sich nahegekommen sind, dass Ihr wahres Produkt und das Ziel all Ihrer Anstrengungen nicht die Sieben ist, sondern eine 0! Aber nicht jene hier oben, nicht der Ausgangspunkt des Kunden, sondern die 0 hier unten an der Spitze des V. Diese Null erreichen Sie nur, wenn Sie von einer Zahl ausgehen, die durch 2 teilbar ist. Diese Null ist die Kundenbeziehung auf dem Boden der Freiheit. Der Kunde ist an diesem einen gemeinsamen Punkt so frei, dass er Ihnen treu sein kann. Er muss sich nicht aufgeben, wenn er Ihnen etwas abkauft. Darum geht es.

Was für ein geniales Arschloch, denke ich. Dass ich je an deinem Talent gezweifelt habe, Tony!

Doch was ist ein durch 2 teilbares Ziel? Wovon kann man 50% wegnehmen, und es ist immer noch ein Ganzes? Fragt Tony

Jetzt blickt er demonstrativ auf seine Armbanduhr. Wir haben noch zwei Minuten, dann ist die Veranstaltung zu Ende, und Sie sind im Bilde. Dana, möchtest du auch noch etwas sagen?

Dana Seuch macht’s spannend, schweigt, ehe sie sagt:

Wenn ich die Wahl habe zwischen Hass und Liebe, was werde ich wählen? Wenn ich die Wahl habe zwischen Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit, was werde ich wählen? Wenn ich die Wahl habe zwischen Anfang und Ende, was werde ich wählen?

Tony legt während dessen eine weitere leere Folie auf den Projektor und zeichnet ein grosses Herz darauf.

Das ist die Liebe. In ihre Mitte zeichne ich eine Waage. Nur die Liebe schafft Gerechtigkeit. Links unten mache ich einen grossen, roten Punkt. Und die Hundescheisse hat ein Ende. So sieht Ihr Produkt aus. Sie sind die Ersten in der Geschichte, die, glauben Sie mir, sich für dieses Produkt entscheiden. Streuen Sie nur ein wenig Hass darüber, ziehen Sie ein bisschen von der – ach, so menschlichen - Ungerechtigkeit darunter und rühren das Ganze noch mit ein klein wenig ‚Du und nicht ich hast angefangen’ an, und schwupp! gehören Sie auf den Misthaufen der Geschichte. No history please – so lautet die Regel Nr. 1.

Jetzt ist unsere Zeit um, es bleiben dreissig Sekunden. Klau, bitte sehr, die Stange!

Tony entledigt sich seiner Lederjacke (ein Novum) und macht sich bereit für den Limbo. Es gelingt ihm, in zwanzig Sekunden unter der Latte durch zu zuckeln, die Klau von seinem Sitz aus waagrecht über den Boden hält. Dazu aus allen Lautsprechern dröhnend die Inseln der Karibik.

Uns hat’s von den Sitzen gerissen.

Tony schnauft, wischt sich den Schweiß von der Stirne, winkt mit der Hand, und macht den Limbo gleich noch einmal. Dann, praktisch noch im Aufstehen, legt er die letzte Folie auf:

Regel Nr. 4:

Wenn du deines Produkts würdig sein willst, musst du ganz unten durch. Keiner ist zu alt, es zu schaffen.

Tosender Applaus. Und Klau ruft:

Ladies & Gentlemen, Sie haben den grössten Clown der Welt gesehen: Tony Mauler!

Ich höre noch, wie einer zum andern sagt: Liebe bringt Gerechtigkeit. Der andere hebt lachend den Zeigefinger über den Kopf: Das ist das Ende aller Scheisse. Ein Dritter: Believe it or not.

Mauler schüttelt jedem die Hand. Unter der weit geöffneten Lederjacke ein schwarzes T-Shirt mit der goldenen Aufschrift: God was the first lover.

Sich zu mir umdrehend, grinst er: Vadim? Lust auf Fisch? Fünfzehn Minuten, und die Welt ist nicht mehr die gleiche! Und, äh – wenn du eine Idee hast, wie es weitergehen könnte, teile sie mir heute noch mit!

Worum es bei all dem ging, war mir nach wie vor unklar. Ich hatte zwar so meine Befürchtungen. Erst galt es heraus zu finden, was diese Kunden wollten. Dann erst würde ich beurteilen können, was Tony Ihnen angeboten hatte.

Mein Büro war ebenso leer wie immer, auf dem Tisch hatte sich – ich prüfte es, indem ich schräg darüber blickte – bereits eine feine Staubschicht gebildet. Ich senkte die Storen, das Knallblau dieses Morgens war eine Spur zu obszön.

Hirnregen erzeugen!

Es gab zwei Möglichkeiten. Auf und abgehen oder im Kreis herumlaufen. Noch nie waren mir diese beiden banalen Möglichkeiten so bedeutsam vorgekommen wie jetzt.

Nachdem ich etwa eine halbe Stunde auf und ab und im Kreis herumgegangen war, und am Ende komplizierte Figuren abschritt, setzte ich mich mit dem Rücken an die Wand, mit angezogenen Knien, die ich mit den Armen umschlang um festzusitzen. Abwechselnd imaginäre Figuren abschreitend und an die Wand gekauert, verbrachte ich den grössten Teil des Tages. Erst am späten Nachmittag fing ich mit Liegen an, die Füße übereinandergeschlagen, die Hände unter dem Hinterkopf. Ich stellte fest, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie einen vollen Tag mit solchen Beschäftigungen zugebracht hatte. Die Fülle der Objekte, mit denen ich mich während eines Tags normalerweise abmühte, Sessel, Stühle, Diwane, Betten, usw., erdrückte meine Vorstellung. Nicht einmal in Gottes freier Natur, beim Spazieren oder Wandern, war ich ganz ohne Objekte ausgekommen. Rucksack, Taschenmesser, Karte, Schreibzeug, Fotoapparat, Sonnenbrille, Sonnenkrem, ein mitgenommenes Taschenbuch.

Etwa ab Mittag fingen die Beckenkämme und die Knie an zu schmerzen. Ein Tag der Leere ist unglaublich anstrengend, ist fast nicht zu schaffen.

Es fiel mir auf, dass dies eine Art Prinzip sein könnte. Normalerweise geht nichts ohne Objekte, wir sind die Sklaven des Arsenals. Also, folgerte ich, sind wir ebenso die Sklaven unserer Gedanken, es ist praktisch unmöglich, nichts zu denken, will sagen, zu denken, ohne an etwas zu denken. Wie würde das gehen, im Denken auf dem Fußboden liegen oder herumgehen ohne irgendetwas dabei zu benötigen oder zu berühren? Welcher Fußboden denn? Der Fußboden des Denkens?

Musste ich das herausfinden? Das war wohl der sicherste Weg, diesen Fußboden zu übersehen. Auf keinen Fall durfte ich anfangen zu meditieren.

Ich vermute, dass Maulers Kunden, denen er heute eine Zirkusvorstellung gegeben hatte, Leute sind, die sich Sorgen um ihr Image machen. Offenbar, das schien mir gewisser zu werden, je länger ich darüber nachsann, waren diese Leute im Begriff, ihre Feinde zur Verantwortung zu ziehen. Mauler aber sprach bewusst nicht von Feinden, sondern von Kunden, von den Kunden seiner Kunden. Er wollte zeigen, dass man von einem Feind nichts, von einem Kunden alles haben kann, wenn man es richtig anstellt.

Tony will aus den Antisemiten die Kunden seiner Juden machen, soweit wurde es mir jetzt klar.

Ich konnte mir vorstellen, dass die Kunden Maulers von ihren Kunden Geld wollten, finanzielle Entschädigungen für erlittenes Unrecht. Geld nicht um des Geldes, sondern um der Geste willen. Doch dafür würden sie keine Beziehung kriegen, und das wissen sie. Denn man erteilt ihnen um dieser Geste willen keinen Ablass, schenkt ihnen keine Liebe und bietet ihnen keine Gerechtigkeit. Um der Vergangenheit willen sollen die Kunden blechen, als handle es sich um die Bereinigung eines Zahlungsausstands. Gleichzeitig verlangt man, dass sie in sich gehen, bedauern und trauern. Der Modus der Strafe, unschwer zu erkennen.

Meilenweit davon entfernt Mauler. Nicht um den Handel geht es ihm, sondern um die Beziehung. Nicht auf die Transaktion, von welcher Natur auch immer sie sein mag, sondern auf die Treue verweist er. Sühne in Haft, und sei sie noch so freiwillig, ist gegenüber Treue in Freiheit nichts. Mehr noch als das: Sie ist der Boden für neuen Hass.

Seine Zirkusvorstellung: eine Bergpredigt? Hoffentlich nicht, hoffentlich doch, mit Sicherheit nein, mit Gewissheit ja.

Denken Maulers Kunden vielleicht, dass man das an und für sich Beispiellose mit einem bestimmten, endlichen Betrag aufwiegen könne? Gewiss nicht, der Betrag müsste, wenn schon, unendlich sein. Und aufwiegen sowieso nicht, denn Mord lässt sich nicht wägen. Aber warum denn überhaupt Geld?

Ritual! Indem der Sünder mittels einer Geste (die ihm wehtun muss, damit sie gilt) etwas abzahlt, wo es nichts abzuzahlen gibt, weil die Sünde beispiellos ist, vollzieht er ein Ritual. Der Sünder taucht sein Glas in den Ozean und schöpft und sagt: Dies ist der Ozean, nimm ihn aus meiner Hand! Und so schöpft er bis zum Jüngsten Tag und wird niemals fertig. Er weiss es von Anfang an und tut es doch. Er tut es genau darum.

Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.

Der Abend fällt, es wird dunkel. Ich öffne das Fenster, kurble die Storen in die Höhe. An sich nicht übel, dieses Ritual, denke ich. Aber offensichtlich verkauft man es nicht als ein Ritual. Es wird daher nicht als das verstanden, was es ist. Und daher auch nicht gekauft.

Als käme jetzt eine Idee zu mir hingeflogen.

Bin so happy, dass ich mich auf den Kopf stelle.

Seit über zehn Jahren habe ich nie mehr einen Kopfstand gemacht. Gott, wie bin ich schwach und schwer geworden! Mein Leib presst das Gehirn schier aus der Schale.

Ich knalle unsanft auf den Fußboden. Auch das noch: kein Junge mehr, Vadim, sondern ein alter Sack!

Der Handstand geht besser. Beim Torkeln auf den Händen rieche ich das Linoleum. Börse und Schlüssel platzen neben meinem Gesicht, was mich die Übung abbrechen lässt, auf den Boden. Wunderbar, wie leicht ich plötzlich wieder bin, ein Federbällchen. Ein paar Tanzschritte in Selbstvergessenheit, und schon stehe ich vor Mrs. Seuch.

Hast du Spass mit dir selber, Vadim? schmunzelt sie und bleckt ihr Gebiss.

Oh, ja, vielleicht, und Mühe, erwidere ich. Sie betrachtet mich mit stummem Entzücken, als wäre ich ihr Sohn.

Ist was? frage ich und wische den Staub von den Händen.

Hättest du Lust, mich heute Abend zu besuchen, Vadim?

Heute Abend? Wann denn?

Oh, du machst ja ein Gesicht, als stündest du vor deiner Mutter! Ist es so schlimm? Dann machen wir es doch schlimm. Dann loten wir es doch mal aus, nicht wahr, was dich bedrückt. Komm nicht vor elf Uhr, punkt fünf vor Zwölf, so passt es am besten.

Und was werden wir tun?

Was du willst, Vadim, was du willst, wonach du Lust hast. Sie schweigt, dann grausam: Was dir vollkommen fehlt, Vadim, ist die Freiheit. Du bist ausgesprochen banal. Unerlöst, schwülstig, ein Wichser –

Dana, jetzt gehst du zu weit!

Sally gibt dir die Adresse. Nimm ein Taxi.

Die dumme Frage, die sich der Kunde stellen wird, lautet: Warum will man es jetzt von mir, wenn man es doch immer wieder neu von mir wollen wird?

Wo liegt der Gewinn für den, der gibt? Die halbe Strecke, von welcher Tony sprach, die Strecke hinunter zur Spitze des V. Worin besteht sie? Darin, dass man eine Zeit lang von der Wiederholung der Geste verschont bleibt, wenn man sie noch heute tätigt? Das kann nicht der Gewinn sein. Nicht in den Augen dessen, der gibt, wenn er lauter ist.

Warum spricht Tony überhaupt von Liebe? Was mir jetzt auffällt: Warum sprechen hier ständig alle von der Liebe? Warum Dana, warum Sally, warum Klau? Warum dreht sich hier alles um die Liebe?

Werde die Lösung wohl vertagen müssen.

Tony spielt auf dem Dach Petite Fleur. Wieder glotzt das Millionenheer der Fenster Manhattans unter dem Schild der Nacht auf diesen Wicht mit seiner albernen Trompete.

Wie verkauft man Liebe? Indem man liebt.

Tony, deine Kunden müssen lieben!

Er dreht sich grinsend nach mir um. Was glaubst du, wie lange ich trainieren musste, um diesen verdammten Limbo zu schaffen?

Weiss ich nicht, antworte ich und stütze mich auf das verrostete Geländer.

Sie sind einfach viel zu gescheit, darum haben sie nie richtig trainiert. Es sind Intellektuelle, von Natur aus. Ich habe heute jedem nicht nur die vier Regeln mit auf den Weg gegeben - standesgemäß auf Toilettenpapier -, sondern auch das Jahresabonnement eines Fitness Centers, das dem lieben Klau gehört.

Er bläst wieder. Er bläst wunderschön, und ich, ich hätte ein Helikopter sein mögen, um ihn zu umkreisen, mein geniales Arschloch Tony Mauler.

Manhattan

(Seltsames Zwischenstück, auszubauen.)

Ich hatte Dana am späten Nachmittag nochmals ausdrücklich bestätigt, dass ich sie am Abend, wie abgemacht, besuchen würde. Ich gestehe, dass ich nicht wusste, was ich wirklich wollen sollte. Vermutlich wollte ich mich ganz einfach in Gefahr bringen.

Die Erde hatte gelächelt.

Ja, ich nahm ein Taxi. Es stellte mich direkt vor ihrem Haus ab, ein achtstöckiges Wohngebäude mit prachtvoller Sicht auf den Hudson, gepflegt, etwas bieder.