Einfach mal ja sagen - Margrit Irgang - E-Book

Einfach mal ja sagen E-Book

Margrit Irgang

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Beschreibung

«Man sucht mit zwanzig, mit dreißig weiß man, was man will, sagt Mama.» Hier erzählt eine Frau, der es umgekehrt ergeht und die es sich trotz Mama, trotz gerunzelter Brauen in sämtlichen Freundesgesichtern leistet, mit dreißig die achtbare, maßvoll kreative Karriere als Werbetexterin hochzuklappen und noch einmal suchen zu gehen; vor allem, zur eigenen Rundum-Unlust ja zu sagen – auszusteigen oder daneben zu steigen. Erst einmal reist sie ab: nach Griechenland, wo die Vernünftigen aus der Heimat ihr komisch-vernünftige Besuche abstatten. Aber letztlich spielt sich die Reise nicht auf der Landkarte ab ... Margrit Irgang zeigt uns, daß die Suche nach sich selbst nicht wie ein langes Klagelied verlaufen muß.

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EPUB

Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Margrit Irgang

Einfach mal ja sagen

Eine Geschichte

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

«Man sucht mit zwanzig, mit dreißig weiß man, was man will, sagt Mama.» Hier erzählt eine Frau, der es umgekehrt ergeht und die es sich trotz Mama, trotz gerunzelter Brauen in sämtlichen Freundesgesichtern leistet, mit dreißig die achtbare, maßvoll kreative Karriere als Werbetexterin hochzuklappen und noch einmal suchen zu gehen; vor allem, zur eigenen Rundum-Unlust ja zu sagen – auszusteigen oder daneben zu steigen. Erst einmal reist sie ab: nach Griechenland, wo die Vernünftigen aus der Heimat ihr komisch-vernünftige Besuche abstatten. Aber letztlich spielt sich die Reise nicht auf der Landkarte ab ... Margrit Irgang zeigt uns, daß die Suche nach sich selbst nicht wie ein langes Klagelied verlaufen muß.

Über Margrit Irgang

Margrit Irgang, 1948 in Bad Kissingen geboren, studierte Graphik-Design und arbeitete u.a. als Puppenmacherin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte und veröffentlichte mehrere Bücher über das Leben im Geiste des Zen.

Inhaltsübersicht

Für meine MutterKonsequent sein. Sich ...Es ist halb ...Ich werde so ...Nicht denken bitte ...Vielleicht wird es ...Daß es so ...

Für meine Mutter

Konsequent sein. Sich einmal der Möglichkeit aussetzen, eine andere zu werden, diesem Konjunktiv einer Möglichkeit.

Es ist halb neun, ich bin die Letzte, mich beißen die Hunde. Ich bin seit Wochen jeden Abend die Erste, die geht, und jeden Morgen die Letzte, die kommt, und das fällt auf, denn ich muß klingeln.

In der Tür steht Dieter, unser Kleiner, fünfundzwanzig und frisch von der Schule. Eigentlich haben wir solche nicht gerne, sie suchen Lösungen für Probleme, die wir längst unter den Tisch gekehrt haben. Aber Dieter lernt schnell. Die Frage des Zuspätkommens hat er gleich begriffen: wer länger arbeitet, hat mehr zu sagen. Also sagt er: Ich hätte dich gerne gefragt, aber du warst nicht da! denn er hat meine Schlagzeile geändert. Die dritte in vier Wochen.

Ich könnte auf den Tisch hauen und laut werden, das würde er begreifen. Ich könnte von sieben bis sieben Uhr arbeiten und ihm über die Schulter sehen, das erwartet er. Es gibt Verhaltensmuster für solche Fälle, ich passe in keines. Ich schließe die Tür hinter mir.

Es gibt etwas, das heißt Teamarbeit, und sie fanden es dufte. Weil sie mehr Freiheit haben, freute ich mich, und dann nahmen sie sich die Freiheit, mir den Job zu nehmen. Eine Gruppenleiterin, die Schwächen zeigt, leitet nicht mehr. Man erwartet, daß sie Perfektion vermittelt, in jeder Minute, und ich bin eine schlechte Schauspielerin. Wenn ich sage: Das weiß ich nicht!, findet sich immer einer, der tut, als ob er es wüßte. Darum geht es, nicht um das Wissen, und mein Fehler ist, daß ich dabei nicht mitbieten kann.

Trotzdem habe ich es weit gebracht, für eine Frau. Du kannst zufrieden sein, sagen die Freunde. Mit Neunundzwanzig habe ich die Grenzen meiner Möglichkeiten erreicht. Da ist der Mixquirl, der sich in drei Teile zerlegen läßt, mit einem Handgriff, ich sage: der Trick mit dem Knick, praktisch und schick!, denn dafür werde ich bezahlt, und gar nicht schlecht. Oder diese Art von Schränken mit aufgeklebten Kunststoffleisten im altdeutschen Stil, was jeden Kunsthistoriker in tiefe Ratlosigkeit stürzt, ich sage: ein zeitlos schönes Stück, an dem Sie lange Freude haben, und stehe neben mir und sehe mir beim Schreiben zu. Und bitte im Text keine Fragewörter. Feststellungen, Positiva, keine Verneinung.

Aber keiner kann pausenlos positiv sein. Der Chef hat gemeint, sagt Nikolaus, du solltest diesen Text aggressiver fassen. Was hat der Nikolaus mit Text zu tun, wo er doch keinen Satz ohne Rechtschreibfehler zustande bringt, muß er auch nicht, dafür kann er zeichnen, da macht Nikolaus in seinem Gesicht alles rund, Augen, Mund und Nasenlöcher und sagt: Ich dachte, ich sollte ihn fragen, ob ihm der Text nicht zu langweilig ist.

Wenn ich Nikolaus ganz fest ansehe, wird er vom Halsansatz her langsam rot. Wenn ich ihm in dem genau richtigen Tonfall, gemischt aus Ruhe, Strenge und Sachverstand, eine Anweisung gebe, führt er sie aus. Man kann mit Nikolaus arbeiten, aber man darf unter keinen Umständen so unaufmerksam sein, wie ich das in letzter Zeit bin. Immer am Ball bleiben ist seine Lieblingsphrase. Leider ist der Vorrat an Bällen begrenzt, es scheint sogar nur einen zu geben, und weil auch Nikolaus an dem einen dranbleiben will, tritt er allen auf die Füße, drängelt sich vor, stößt den anderen zur Seite und haut ihm gelegentlich einen über. Ich sage zu Nikolaus: Kümmere dich um deinen eigenen Kram! und im Grunde ist es genau das, was er die ganze Zeit tut.

Was erwartet man jetzt von mir? Man erwartet ein kreatives Problembewußtsein. Wie konkretisiere ich Aufgaben? Wie motiviere ich meine Mitarbeiter? Fragen sind lebensnotwendig, ohne Fragen keine Antwort. Wie sieht der Hauptbahnhof aus am Dienstag um neun, fahren die Leute zur Arbeit, in Urlaub, oder stehen sie einfach auf und nehmen den nächsten Zug, um nach der Sonne zu sehen; hier liegt sie über mäusefarbenen Dächern, eine vorsichtig schnuppernde Februarsonne, aber immerhin Sonne. Fragen ohne Fragezeichen nennt man rhetorisch, und ich werde keine Gelegenheit haben, den Hauptbahnhof kennenzulernen, an einem Dienstag um neun.

Um neun Uhr klopft man an die letzte Tür auf der linken Seite am Ende des Ganges, die einzige ohne Milchglasscheibe. Drinnen stehen alle Fenster offen, das ist gut für die Abhärtung. Er ist sechsunddreißig und trägt Jeans, nennt uns meine Jungs, mich eingeschlossen, und spendiert zum Kaffee Hefehörnchen. Das ist schön, man denkt an Fröhlichkeit und Freiheit. Da sitzt er vor mir, schräg auf seiner Schreibtischplatte, und sagt, lebhaft mit den Armen wedelnd: Sie müssen sich durchsetzen, auf den Tisch hauen, Ellenbogen, hart bleiben!

Ich betrachte meine Ellenbogen. Sie sind zu schwach! ruft er. Wenn Sie beliebt sein wollen, werden Sie Sekretärin, das ist auch ein schöner Beruf. Für den, der die Sekretärin hat, sage ich. Das zeigt ihm, daß ich noch nicht ganz verloren bin, er faßt nach: Sie sind mein bester Mann im Team, aber durchsetzen müssen Sie sich – sonst kriegt ein andrer Ihren Job! Aber wenn ich doch die Beste bin. Reibungsloser Ablauf! ruft er. Unruhe im Personal kann ich nicht brauchen!

Ich habe das System wieder einmal gründlich mißverstanden. Obwohl ich doch seit vierzehn Jahren arbeite, fünftausendeinhundertzehn Tage minus fünfzehn Tage Urlaub pro Jahr und, sagen wir, je drei Krankheitstage, also viertausendachthundertachtundfünfzig Tage. Viertausendachthundertachtundfünfzigmal bin ich aufgestanden, je nach Firmenbrauch um sechs, halb sieben oder sieben, habe zu hastig gefrühstückt und versucht, einen immer zu alten Wagen in Gang zu bringen. Viertausendachthundertachtundfünfzigmal habe ich acht bis zehn Stunden lang etwas gemacht, das mir auf Anraten von klügeren Leuten als Beruf geliefert wurde, den umzutauschen ich nicht die Frechheit besaß. Zahlen dieser Größenordnung verursachen mir Übelkeit. Jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus, ich weiß das aus der Zeitung. Und außerdem sind da Tausende von Büchern, die ich gerne noch lesen will. Gedanken dieser Art gefährden das Gleichgewicht, besonders das der anderen. Wehret den Anfängen! Du hast noch soviel Zeit vor dir! belehren mich Mutter, Tante und Onkel. Woher wissen sie denn das? Als ich Kind war, verlegten sie mir den Spaß in die Zukunft: Wenn du mal größer bist. Jetzt renne ich herum mit einem Sack voller uneingelöster Versprechungen. Da muß man ja mißtrauisch werden mit der Zeit.

Und jetzt wird mir tatsächlich übel, ja, ich kann beschwören, daß mir überhaupt noch nie so übel war. Da hilft vermutlich frische Luft, Sonne auf jeden Fall, ich hole meine Jacke aus dem Schrank und sage, ich sei in einer Stunde zurück.

Gleich vor der Haustür beginnt der Großstadtverkehr, und zwei Querstraßen westlich stehen Apfelbäume am Fluß. Diese Stadt ist immer ein bißchen zu: zu laut, um darin zu wohnen, und zu still, um darin zu leben. Das ist kein Widerspruch, wenn man Würzburg kennt. Eigentlich kann man hier gar nicht leben, und dann tut man es doch.

Wenn man in Würzburg Menschen sehen will, dann geht man ins Café Moll oder auf den Marktplatz. In den Gassen liegen die Leute in den Fenstern, die sich jeden anschauen, der so aussieht, wie sie nicht aussehen, um ihn dann mit ihren Blicken zu verscheuchen. Auf dem Marktplatz trifft man immer Bekannte. Oder es spricht einen jemand an, den man nicht kennt, und dann kennt man ihn. Der Kommunikations-Marktplatz ist so groß wie das, was die Obst- und Gemüsebuden übriglassen, also etwa die Fläche einer Turnhalle. Darauf stehen an die dreißig Eisenstühle und Steintöpfe mit kümmerlichem Gewässer. Aber wenn die Sonne scheint, ist es hier voll, laut und lustig, und das ist mehr, als man erwarten darf. In dieser Stadt.

Im Café Moll ist alles dunkelbraun außer der Luft, die ist grau. Man kann schreiben, lesen, schauen und zwei Stunden lang vor einem Glas Tee sitzen, vorausgesetzt, man findet einen freien Stuhl. Vormittags treffen sich dort Studenten und Schüler, die die Schule schwänzen, am Nachmittag Studenten, Schüler, Lehrer und das, was sich hier Künstler nennt. Menschen, also. Ich gehe auf den Marktplatz.

Die Füße auf dem Brunnenrand, sitzt mitten auf dem Platz in einem Eisenstuhl der Stefan, das hätte ich mir denken können, und wie erkläre ich mich jetzt? Mir ist übel geworden. Das wundert mich nicht, sagt er, denn er kennt mich seit fünf Jahren, du hast dich wieder mal nicht durchgesetzt! Ich will nicht. Typisch Frau, sagt er. Wahrscheinlich stimmt es. Männer sind da klüger, sie probieren es erst gar nicht mit der Harmonie, denn, sagt Stefan, das geht nicht, das ist noch nie gegangen. Ein Büro ist kein Schlafzimmer. Du bist mehr als sie, das mußt du ihnen zeigen. Alles andere legen sie dir als Schwäche aus. Ich will nicht.

Du brauchst ja nicht als erste draufzuhauen! ruft er. Aber wehren mußt du dich können, zumindest mußt du glaubhaft klarstellen, daß du nicht wehrlos bist, sonst kannst du gleich dein Bündel packen und gehn!

Der hat gut reden, denke ich, studiert seit zwölf Semestern und gibt solche Weisheiten von sich, und recht hat er auch noch. Stefan, der kluge Kopf. Wie kann er denn so lange Betriebswirtschaft studieren und immer noch BAFöG bekommen, wo er doch diesen Job in der Bibliothek und einen Beamten zum Vater hat, während sein Freund das Studium abbrechen mußte, weil das Geld nicht reichte. Dazu grinst der Stefan und schweigt, wer wird denn seine Tricks verraten. Aber einen weiß er für mich, und den erklärt er mir gerne, der ist auch ganz einfach, du brauchst, sagt Stefan, nur deine guten Manieren zu vergessen. Die Technik habe ich von den Babies gelernt. Man stopft ihnen Brei in den Mund und baut auf die Wirksamkeit der Reinlichkeitsdressur. Ein Baby aber schert sich den Teufel um gute Manieren und schickt den Brei umgehend zurück. In der Psychologie nennt man das ein Feedback-Verfahren. Du darfst den Brei nur nicht aus Versehen herunterschlucken. Das ist überhaupt erstmal das Wichtigste: sich das automatische Schlucken abzugewöhnen. Ich sage dir aus Erfahrung, das braucht seine Zeit.

Stefan schwingt die Beine vom Brunnenrand auf einen zweiten Stuhl und birst förmlich aus seiner Haut, die Anatomie entspricht nicht im entferntesten seinen Vorstellungen von raumgreifendem Dasein. So einer wie Stefan findet sich überall zurecht, ein halbes Jahr in Kanada als Holzfäller und drei Monate in Griechenland, wo er Oliven gepflückt hat, Oliven? Ja, wegen des Geldes, du pflückst drei Wochen lang Oliven und lebst zwei Monate davon. Im Hotel? Stefan verwahrt sich, Hotels sind für Touristen. Schlafsack, Zelt, wenn’s sein muß, muß aber nicht, Sterne drüber sind schöner. Tausende, sagt er, verbringen den Sommer da unten. Was tun sie? Leben.

Leben. Durchatmen, ausschlafen, der Hauptbahnhof morgens um neun. Alle Schienen driften nach Süden, der Himmel wird weit, Sand unter den Füßen und Salz auf der Zunge, Durst haben und löschen dürfen. Sommer.

Das gibt es also: Sie wissen, was sie wollen und tun es. Ich wüßte auch, was ich wollte, wenn ich könnte. Ausreden! sagt Stefan, Möglichkeiten langweilen ihn, konkret! ja, konkret sein, Leben ist zum Anfassen, Auswickeln, Indie-Tasche-Stecken. Und tschüß! ich muß in die Vorlesung.