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Maria Safrata

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Beschreibung

Maja ist gerade 17 geworden, als sie die grausame Geschichte ihrer Oma erfährt. "Wie konnte Oma diesen Betrüger nur heiraten? War sie so dumm oder so blind?", fragt Maja fassungslos. "Du denkst immer, alles besser zu wissen, aber das Leben spielt anders. Es gibt Phänomene zwischen Mann und Frau, die man nicht versteht und die unerklärlich bleiben", sagt ihre Mutter nachdenklich. Maja schüttelt den Kopf: "Mir kann so etwas nicht passieren. Ich schaue genau, wem ich mein Vertrauen schenke!" Doch das Leben zwischen Traum und Wirklichkeit kann ein hartes sein ... Trotz anfänglicher Abneigung verfällt Maja dem Charme des ambitionierten Kommunisten Miroslav und wird im Handumdrehen schwanger. Nach einem rebellischen Parteiausstieg gerät seine Karriere ins Stocken. Die Flucht in den Westen scheint die Lösung seiner Probleme zu sein. Maja verwirft ihre eigenen Pläne und flüchtet mit Miroslav und ihrer Tochter aus der Tschechoslowakei nach Österreich. Sie pachtet das erstbeste Gasthaus, das sie bekommen können, und gemeinsam führen sie es zum Lieblingslokal der ganzen Umgebung. Weitere Betriebe folgen. Miroslavs Ideen wirken ansteckend. Er ist die treibende Kraft, während Maja für die Struktur sorgt. Geschäftlich sind sie ein Traumpaar. Im Wohlstand verliert Miroslav zunehmend den Bezug zur Realität, lebt nach seinen eigenen Gesetzen. Maja klammert sich an die schönen Momente und sucht die Fehler bei sich selbst - bis Miroslavs Verhalten sie zur Handlung zwingt. Sie lässt sich scheiden. Doch trotz Trennung ist der Albtraum noch nicht zu Ende.

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Seitenzahl: 736

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für meine Tochter Lucie

Der Mensch

lebt mit den Erfahrungen der Eltern.

Es ist eine unendliche Reihe

in die Vergangenheit

und in die Zukunft.

Prof. DDr. Johannes Huber

Vorwort

1919

Maaamaaa! Der Stiefvater ist wieder betrunken! Er hat sich Hedi ins Zimmer geholt. Jetzt stöhnt er so schrecklich und Hedi schreit … Bitte, hilf ihr! Du siehst doch alles da oben im Himmel … mit unserem Vater. Hast du ihn dort getroffen, oder? Eigentlich … war Vater als Soldat im Krieg ein guter oder ein böser Mensch? Die siebenjährige Elisabeth kriecht zu ihrem kleinen Bruder ins Bett und versteckt sich unter seiner Decke. Er schläft friedlich, wimmert nur leise, wenn sie sich an seinen warmen Körper schmiegt.

Warum hilft uns niemand? Einmal hatte er sich die Henriette geholt, der Stiefvater. Da bin ich zur Stiefmutter hinunter ins Geschäft … Die Goschen soll ich halten, hat sie gesagt. Dann hat sie meinen Zeigefinger in kochendes Wasser gehalten …

Elisabeth steckt sich den Stummel an ihrer rechten Hand in den Mund. „Hüte dich, das irgendwo zu erzählen! Sonst ist der nächste Finger dran“, hat sie gesagt, die böse Hexe …

Die Tür vom Nebenzimmer fällt ins Schloss. Es ist wieder still im Haus. Elisabeth schiebt vorsichtig ihren Kopf unter der Decke hervor, lauscht… Im dunklen Eck gegenüber erahnt sie ihre Mutter, blutig, am Boden liegend. So wie damals … Dieses Bild verfolgt sie immer wieder. Sie kriecht aus dem Bett. Leise öffnet sie die Tür zum Nebenzimmer. Hedi liegt zusammengerollt auf dem großen Holztisch und wimmert. Sie blutet … will gar nicht aufstehen. Elisabeth deckt sie zu und legt sich daneben.

Am nächsten Tag hat Hedi Fieber und kann nicht in die Schule gehen… dann noch einen Tag und noch einen.

„Der Doktor kommt mir nicht ins Haus, der ist zu teuer für die Missgeburt“, meint die Stiefmutter und wickelt Hedi in kalt getränkte Fetzen ein.

Elisabeth

Elisabeth, geboren 1912, als vierte Tochter im deutschsprachigen Eckendorf, nahe Troppau, der Hauptstadt Mährisch-Schlesiens.

Während ihrer Kindheit tobte der Erste Weltkrieg. Der Familienvater kehrte, wie Abertausende andere Männer, nicht mehr aus dem Krieg zurück. Sein letztes Kind, einen Sohn, hat er nie zu Gesicht bekommen. Die Mutter hatte nicht nur die fünf Kinder zu versorgen, sie war auch tagein, tagaus im eigenen Greißler-Laden voll im Einsatz. Die Familie lebte einfach und bescheiden, aber ohne Hunger zu leiden.

Die ständigen Herausforderungen und die alleinige Verantwortung für die Familie setzten Elisabeths Mutter stark unter Druck. Deshalb gab sie schließlich den Bemühungen eines deutschen Kaufmanns nach und war in Windeseile erneut verheiratet.

Jeden Sonntagvormittag besuchten die Geschwister den Gottesdienst. Einmal, als sie nach der Kirche in den Laden zurückkehrten, fanden sie ihre Mutter am Boden in einer Blutlache liegend vor, direkt hinter der offenen Kassa. Sie war tot. Erstochen.

Die fünf Waisen kamen in die Obhut des deutschen Stiefvaters und erstaunlich bald schon reiste seine Geliebte aus Wien an. Der Alltag der Kinder wurde beherrscht von Demütigungen, Schlägen und Entbehrungen. Für lobende Worte, eine Umarmung oder Zärtlichkeit war kein Platz im Haus. Das Essen mussten sich die Kinder erst verdienen.

Mit knapp 14 Jahren eine Dienststelle anzunehmen war für Elisabeth die einzige Möglichkeit, diesem Martyrium zu entkommen. Durch eine glückliche Fügung wurde sie in der Familie eines Kurarztes in Gräfenberg aufgenommen, die ihr eine Ausbildung zur Säuglingsschwester ermöglichte, um sie später als Kindermädchen der Familie zu beschäftigen.

Ab September 1938 gehörte das Freiwaldau-Gebiet, in dem sie nunmehr lebte, zum Sudetenland. Um der Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik während des Zweiten Weltkriegs zu entkommen, heiratete Elisabeth einen tschechischen Bürger, den Friseur-Barbier Lev Kozak, geboren 1914 in Wallachisch Meseritsch, dem damaligen Moravia. Seine Mutter teilte sich mit ihren fünf Kindern ein einziges Zimmer. Für mehr Wohnraum reichte das Geld nicht. An seinen Vater, der Opfer einer Typhusepidemie wurde, konnte er sich kaum erinnern. Trotz der Armut, oder vielleicht deswegen, entwickelte sich der zarte, schüchterne Junge zu einem optimistischen, weltoffenen und ehrlichen Mann.

Elisabeth (1933)

„Ich will der Kozak nicht“, wehrte sich Elisabeth in gebrochenem Tschechisch gegen die Vermählung mit dem um zwei Jahre jüngeren Mann, der das Leben mit spielerischer Leichtigkeit betrachtete und dessen Motto war: „Es wird schon wieder.“ Für sie war er kein Märchenprinz, der sie auf einem weißen Pferd aus dem Alltag in die Traumwelt holen und zu einer feinen Dame verwandeln konnte …

Obwohl: hilfsbereit, zuvorkommend und höflich war er schon … und ihre feinen Haare konnte er wie kein anderer zu einer schönen Frisur formen.

Aus dieser Notlösung wurde bald Liebe. Als Krönung der Beziehung kam im Oktober 1941 die erste Tochter Jana zur Welt, dreizehn Monate später Leonka. Sie wuchsen wie Zwillinge auf. Fast gleich groß, immer gleich angezogen, jedoch verschieden im Charakter. Jana war ernst, während Leonka sofort alle Herzen eroberte. Mit sechs Jahren bekam Leonka Lähmungs- und Atembeschwerden als Folge einer Tuberkulose-Impfung. Monatelang dauerte der Kampf um ihr Leben, den sie schließlich verlor. Der Tod des Kindes riss bei der Mutter die alten Wunden des Verlassenseins von Neuem auf. Elisabeth fiel in eine Depression, wollte am liebsten sterben. Die verschriebenen Tabletten linderten zwar die Symptome, jedoch nicht die Ursache. Ihre Zufriedenheit und ihr Frohsinn kehrten auch nach der Geburt der nächsten Tochter Maja nicht zurück und ebenso wenig, als der ersehnte Sohn Lev Petr geboren wurde.

Mit der Erziehung ihrer drei Kinder war sie überfordert und ließ diese oft ihre Verdrossenheit spüren. Besonders, wenn der Vater nicht zu Hause war, kippte ihre Stimmung nicht selten und es folgten sinnlose Wutausbrüche begleitet von Prügeln.

Von Zeit zu Zeit flüchtete sie sich in die Hypochondrie, in der sie für sich die Möglichkeit entdeckte, gepflegt und gehegt zu werden und im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen.

Elisabeth konnte nicht anders und war stets bemüht, ihr Bestes zu geben. Es stand nicht in ihrer Macht, eine Liebe weiterzugeben, die sie selbst nie erfahren hatte.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1.Teil

Jugendjahre in der CSSR (1950–1973)

2. Teil

Die Begegnung (1973–1979)

3. Teil

Die Flucht (1979–1981)

4. Teil

Der Erfolg (1981–1987)

5. Teil

Der Anfang vom Ende (1987)

6. Teil

Das Ende (1987–1988)

Nachwort

1.Teil

Jugendjahre in der CSSR

1950

„Einer Schwangerschaft steht nichts im Wege, Frau Kozakova. Sie können sich anziehen!“ Der behandelnde Arzt geht zu seinem Schreibtisch zurück.

„Sie sind, rein gynäkologisch betrachtet, jung genug für noch ein Baby und völlig gesund.“

„Ich will aber keine Kinder mehr. Ich habe schon zwei gehabt“, wehrt sich die Patientin ganz leise, räuspert sich, starrt in eine Ecke.

Das Schwarz der Kleidung unterstreicht die Blässe ihres Gesichts, mit zusammengepressten Lippen und dunklen Ringen unter den hellblauen, ausdruckslosen Augen. Tränen bahnen sich still zwischen den Trauerfalten ihren Weg, tropfen auf die schwarze Kostümjacke, funkeln kurz in der Sonne auf, bevor sie im Stoff versickern.

Nach dem Tod der zweitgeborenen Tochter fühlt sich Elisabeth, als ob ihr jemand den Boden unter ihren Füßen weggezogen hätte. Stark abgemagert gleitet sie fast schwerelos durch die Gegenwart, ohne Halt und ohne Ziel. Der Kummer raubt ihr die Energie, reißt sie in die Tiefe einer Depression, hinterlässt Spuren. Der Anschein ist irreführend, sie sieht deutlich älter aus als 38 Jahre.

„Ich kann nicht mehr … und ich will nicht mehr leben. Wozu eigentlich?“

„Das wissen Sie nicht? Die Auflösung liegt auf der Hand … Sie haben doch eine Tochter und Ihren Mann! Die leiden genauso wie Sie … sie sind ein Teil Ihres Lebens … und Kinder sind Gottes Segen. Wieder ein Kind zu bekommen könnte Ihre Lebensfreude zurückbringen … Ihre erste Tochter würde sich bestimmt über eine Schwester oder vielleicht einen Bruder freuen.“

Elisabeth senkt die Augenlider, zieht tief die Luft durch die Nase, hält inne. Ein Hoffnungsschimmer erhellt ihre Gesichtszüge.

„Dieses Rezept lösen Sie in der Apotheke ein. Es hebt ein wenig Ihre Lust am Leben. Wir sehen uns in drei Monaten wieder. Also, Kopf hoch und auf Wiedersehen!“

1951

Es ist ein gesundes Mädchen! Hören Sie mich?“, der Arzt tätschelt die Wangen der Patientin.

Sie hört ihn, aber die Stimme kommt von weit, weit her. Weiße schemenhafte Gestalten stehen um sie herum. Hm, ich wollte doch endlich einen Jungen haben, denkt sie enttäuscht. Elisabeth sammelt all ihre Kräfte und will etwas sagen, aber es kommt nichts heraus. Sie kann sich nicht bewegen, sich nicht artikulieren, ist wie im eigenen Körper gefangen. Zwölf Stunden Wehen haben ihr die ganze Lebensenergie geraubt. Die Ärzte versuchen sie mit stärkenden Infusionen am Leben zu erhalten. Die Hebamme begleitet die ersten Lebensminuten des Neugeborenen. Das schreiende „Etwas“ ist 51 cm lang und 3,60 kg schwer. Es hat in Jesenik in der Tschechoslowakei am 7. Dezember 1951 um 21.30 Uhr das Licht der Welt erblickt.

Am nächsten Tag liegt die Mutter noch immer wie leblos da. Das Thermometer zeigt 41 Grad Fieber an. Ihre Brüste sind voll Milch. Rund um die Brustwarzen bilden sich auslaufende dunkelrote Kreise. Eine starke Entzündung, die Operation ist unausweichlich. Nach der Narkose bleibt sie tagelang im Wachkoma. Das Kind verträgt keinen Milchersatz und nimmt ab.

Acht Tage später rät der diensthabende Arzt dem Vater: „Ich sehe keine Chance mehr, Herr Kozak. Ich kann Ihnen nur empfehlen, das Mädchen in der Kapelle des Krankenhauses taufen zu lassen, damit es zumindest einen Namen hat, bevor es stirbt.“

„Welche ist meine Schwester, Vati?“, die zehnjährige Jana steht Hand in Hand mit ihrem Vater hinter einer Glaswand. Sie schauen sich die Babys an, die fest eingeschnürt wie Raupen in einer Reihe nebeneinander liegen. Manche schlafen friedlich, andere weinen. Die Krankenschwester hebt eines hoch und zeigt es her.

„Die ist aber klein. Wann dürfen wir sie mit nach Hause nehmen, Vati?“ „Ich weiß es leider nicht. Zuerst muss deine Mami gesund werden.“

Die Säuglingsschwester streckt den Kopf hinter der Türe hervor: „Herr Kozak, warten Sie bitte draußen, ich muss etwas mit Ihnen besprechen!“ Sie kennt die Familie gut und weiß, wie wichtig es für sie war, noch ein Kind zu bekommen. „Ich habe diese Woche Frühdienst und möchte Ihnen gerne helfen. Lassen Sie bitte Reis mit Karotten mehrere Stunden lang sieden und bringen Sie das abgestandene Wasser vor 6 Uhr in der Früh zu mir. Vielleicht verträgt es die Kleine. Es wäre eine Möglichkeit.

Jana, Mutter und Maja (1952)

Wollen wir es gemeinsam versuchen?“

„Um diese Zeit muss ich schon in der Arbeit sein. Könnte ich vielleicht …“

„Ich mach es, Vati! Ich bin schon groß genug“, meldet sich Jana zu Wort.

Am nächsten Morgen und auch an den folgenden Tagen stapft sie durch den zeitweise hüfthohen Schnee ins Krankenhaus. In der kalten dunklen Hauskapelle wird das Kind auf den Namen Maria Antoaneta getauft. Maria, die Heilige, Antoaneta nach der anwesenden Patentante. Sie wurde in eine Familie geboren, die gerade viel Leid erfahren hatte, und sie sollte diesen Menschen wieder Glück bescheren …

Bald danach legt die kleine Maria an Gewicht zu. Die Mutter öffnet ihre blauen Augen und zeigt erste Regungen. Sie entscheidet sich doch für ein Leben mit dem Baby, mit „Maja“. Auch wenn es kein Bub geworden ist.

1955

Wutausbrüche, Stimmungsschwankungen, ausfallende Regelblutung … Das ist sicher das Klimakterium. Schließlich bin ich schon 42 Jahre alt, denkt die Mutter und holt sich nicht gleich eine Meinung des Arztes ein. Einige Wochen später ist es zu spät, um ihre Fehldiagnose zu korrigieren …

Am 30. Mai 1955 kommt ihr „Klimakterium“ – ein gesunder Bub – auf die Welt. Das ist der einzige Trost nach der Entbindung des ungewollten Kindes. Die Mutter lässt den Namen Lev Petr in die Geburtsurkunde eintragen.

„Haben wir uns schon so lange nicht gesehen?“ Majas Patentante, die selbst drei Kinder hat, beäugt überrascht das Baby im Kinderwagen.

„Nein, nein. Für mich war die Schwangerschaft zuerst auch ein Schreck, aber jetzt bin ich froh, dass Petr da ist. Ich habe mir immer einen Sohn gewünscht.“ Elisabeths Mundwinkel zeigen dabei nach unten, ihre Aussage wirkt nicht sehr überzeugend.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, fragt achtsam die Frau, die schon einmal ihr gutes Herz erwies, damals, bei Majas Taufe.

„Nicht nötig, ich muss das alleine meistern.“

„Sie sind doch verheiratet und nicht allein!?“

„Verheiratet, ja. Aber mein Mann ist viel unterwegs und kaum zu Hause.“

„Ich hätte eine Idee. Mein Gatte übernimmt demnächst als leitender Direktor die Schule am Rathausplatz und sucht einen zuverlässigen Schulwart. Der Verdienst ist nicht sehr hoch, aber eine große sonnige Wohnung wird zur Verfügung gestellt. Wäre das nichts für Sie? Ich könnte vielleicht bei meinem Mann ein gutes Wort für Sie einlegen.“

„Das klingt vielversprechend, eine größere Wohnung wäre schon fein…

Ich danke Ihnen für die Information.“ Ihr Gesichtsausdruck hellt sich auf, die Augen frohlocken.

Der Vater erkundigt sich in der Schule, besichtigt neugierig die Wohnung. Die Arbeitsstelle bedeutet für ihn persönlich eher einen gesellschaftlichen Abstieg. Als Versicherungsvertreter verdient er besser und der stete Kontakt mit Menschen erfüllt ihn. Aber er muss oft mit seinem Motorrad in die Direktion nach Brünn fahren und die Straße über den Bergpass ist nicht gerade ungefährlich.

Kurz vor Weihnachten 1955 zieht die fünfköpfige Familie in das Schulareal um.

1956

Die Oma kommt heute das erste Mal zu Besuch, Vater holt sie vom Zug ab. Maja hat sie noch nie gesehen. Jetzt sitzt sie neugierig wartend auf dem breiten Fensterbrett hinter der Glasscheibe und beobachtet das bunte Treiben auf dem Schulhof. Wie sieht sie aus? Ist sie nett, wie die Oma von Rotkäppchen, oder ist sie eine böse Hexe, wie die von Hänsel und Gretel? Sicher kommt sie nur meinen kleinen Bruder anschauen, wie alle anderen auch, überlegt sie.

Auf der anderen Seite des Hofs erscheint Majas Vater. An einer Hand trägt er einen kleinen Koffer, neben ihm her wackelt eine kleine pummelige Frau im schwarzen, knapp über die Knie reichenden Trachtenkleid, mit hochgeschnürten Schuhen und einem schwarzen Hut auf dem Kopf. Maja rutscht vom Fensterbrett herunter, reißt die Eingangstür auf und läuft durch das Stiegenhaus den beiden entgegen.

„Herr Kozak, haben Sie eine Minute für mich?“, ein Lehrer verwickelt Majas Vater in ein Gespräch. Maja bleibt vor der fremden Frau stehen, neigt ihren Kopf zur Seite, das Kinn fest am Brustkorb, die Zunge zwischen den Lippen, ihre Augen rollen hin und her. Die Frau schaut sie freundlich an und bückt sich zu ihr hinunter.

„Du bist sicher die Maja. Vor mir musst du keine Angst haben, ich bin deine Oma.“ Sie dreht sich zur Seite und hebt einen Rockzipfel, dann einen zweiten und dritten, und zieht aus der großen Tasche am Unterrock ein Lakritzbonbon heraus. Maja starrt ihren grauen Zopf an, der unter dem Hut heraushängt und ihr bis zur Taille reicht.

„Magst du Lakritze?“

Die Kleine nickt stumm, ihre Zunge leckt dabei über die Lippen. Langsam lösen sich ihre hinter dem Rücken versteckten Hände, sie greift nach dem Bonbon. Im selben Augenblick kommt der Vater zurück.

„Wie ich sehe, habt ihr euch schon angefreundet. Na, wie sagt man?“

Anstatt Danke zu sagen sucht die Kleine seine freie Hand, schmiegt sich an ihn.

„Maja konnte am Abend gar nicht einschlafen, so hat sie sich auf dich gefreut – und jetzt bringt sie kein Wort über die Lippen. Aber warte, Mutter, wenn sie erst mal auftaut … Sie muss alles wissen und redet wie ein Wasserfall.“

„Vati“, kichert die Kleine und schüttelt ihren Kopf. „Warum sagst du Mutter? Sie ist doch die Oma!“

„Deine Oma ist zugleich auch meine Mutter.“

Maja schnappt nach Luft, schaut verwirrt von einem zum anderen, steckt den Zeigefinger in den Mund, löst sich von Vaters Hand und läuft rufend zurück in die Wohnung: „Mutti, die Oma ist schon da!“

Am Sonntag spaziert die ganze Familie in den Kurort hinauf. Maja hält sich an Petrs Kinderwagen an, den Jana vor sich herschiebt. Vater und Mutter stützen die Oma unter den Achseln. Der Weg führt bergauf, die alte Dame ist kurzatmig und muss oft eine Pause machen. Auf der Kolonnade suchen sie sich einen freien Platz auf einer Bank, die zwischen den Blumenbeeten vor dem Konzertpavillon steht, und lauschen der schönen Musik. Am nächsten Tag reist die Oma wieder ab.

Einige Monate darauf stellt der Briefträger einen schwarzumrandeten Brief zu. Die Eltern reden leise in der Küche. Maja steht in der offenen Tür.

„Komm her, Maja! Ich und du, also wir zwei fahren mit dem Zug eine Tante in Südmähren besuchen. Und wenn du brav bist, dann schlafen wir dort ein, zwei Nächte. Was sagst du dazu?“

„Jana fährt auch mit?“, fragt die Kleine.

„Jana muss in die Schule gehen und Mutti bleibt mit Petr zu Hause.“ Maja dreht sich um, huscht davon. Ein paar Minuten später erscheint sie mit einem kleinen Koffer, in den sie einen Pyjama, Unterwäsche und eine weiße Strumpfhose eingepackt hat.

„Mama, soll ich das Kleid oder die lange Hose anziehen?“

Die Menschen begrüßen sich mit gedämpften Stimmen und gesenktem Blick, schütteln einander die Hände, umarmen sich, klopfen sich Mut machend auf die Schulter, murmeln etwas. Alle sind schwarz angezogen und steuern dieselbe Tür an. Maja klammert sich an Vaters Hand. Gemeinsam betreten sie einen kühlen stillen Raum. In einer Lichtsäule, die sich durch ein kleines vergittertes Fenster drängt, tanzen aufgewirbelte Staubflocken. Vater nimmt sofort den Hut ab. Maja greift verwirrt nach ihrem Barett.

„Ist schon gut, du musst es nicht abnehmen“, sagt Vater leise.

Er führt sie mit gesenktem Kopf in die Mitte des Raumes zu einer Holztruhe, bekreuzigt sich halb kniend. Danach hebt er Maja hoch. Sie schaut in das Sargfensterchen.

„Das ist doch … die Oma!“ Mit beiden Händen deckt sie sich das Gesicht zu.

Er stellt sie wieder auf den Boden, streichelt ihr über die Haare, berührt mit den Fingern zärtlich ihre Wange, zieht sie zu sich.

„Kommt sie uns nicht mehr besuchen, Vati?“

„Nein, die Oma kommt nicht mehr zu uns. Sie kommt in den Himmel und wir wollen sie heute auf dem Weg begleiten.“

Er schluckt hörbar, eine Träne sucht sich ihren Weg zwischen den feinen Falten neben seiner Nase. Maja versteckt ihr Gesicht in seinem Mantel und umarmt seine Hüfte.

1957

M aja steht mit ihrem Vater in einer langen Schlange vor dem Obst- und Gemüse-Laden. Es ist bitterkalt. Heute sind Mandarinen geliefert worden. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass jede Familie nur 1 Kilogramm bekommt.

„Du gehst heute mit Vati, aber trotzdem alleine einkaufen. Du stellst dich ein paar Leute hinter ihm in die Reihe und kaufst auch 1 Kilo Mandarinen. Der kleine Petr braucht viele Vitamine“, entscheidet Mutti, und was Mutter sagt, wird auch gemacht.

Nach einer Stunde, halb durchgefroren, erreicht Maja in der dichten Schlange den Eingang und darf den Rest der Zeit im kühlen, aber nicht eisigen Raum stehen. Mit kleinen Schritten kommt sie dem Verkaufspult näher. Vati ist schon dran … er geht mit einem Bündel hinaus … der Nächste kauft noch ein …

„Sie sind ein Glückspilz, ich geb’ Ihnen die letzten zwei Stücke dazu.

Das war’s für heute! Wann die nächste Lieferung kommt, weiß ich nicht“, verkündet die Verkäuferin lauthals.

Murrend löst sich die Schlange allmählich auf. Nur die, die auch Kartoffeln oder Zwiebeln kaufen wollen, bleiben noch stehen. Maja stellt sich auf die Zehenspitzen und schaut über den Rand des Tresens die Frau an.

„Was willst du haben?“

„1 Kilo Mandarinen, bitte“, sagt Maja und senkt die Fersen ab.

„Es gibt keine mehr. Tut mir leid, Kleine. Warte, war nicht dein Vater gerade hier?“ Maja errötet und läuft schluchzend hinaus.

„Wir haben Pech gehabt. Deswegen musst du nicht weinen“, beruhigt sie Vater, der vor dem Geschäft auf sie gewartet hat, und hüllt ihre durchfrorenen Hände in seine warmen. Gemeinsam gehen sie durch die Stadt zurück nach Hause.

Vor der Fischbude am Markt laden die Fischer riesige Bottiche mit Karpfen ab. Es ist noch nicht abzusehen, wann der Verkauf anfängt, aber schon bildet sich eine lange Schlange.

„Wir bleiben und kaufen ihn gleich heute ein. Voriges Jahr haben wir zwei Tage vor Heiligabend keinen Fisch mehr bekommen“, entscheidet Vater spontan und stellt sich mit Maja ans Ende der Reihe. Die Menschen zappeln und hüpfen, um sich zu wärmen, manche helfen mit, die Theke aufzubauen, stellen zusammen die Waage auf.

„Maja, geh lieber mit den Mandarinen nach Hause, bevor du dich verkühlst. Das hätte uns noch gefehlt, dass du zu Weihnachten krank bist.

Mit Mutti kannst du schon mal kaltes Wasser in die Badewanne einlassen, die Fische müssen noch ein paar Tage schwimmen.“

„Nur ein Kilo? Das hat sich gar nicht gelohnt, dort zu warten“, verzieht Mutti das Gesicht. „Was soll ich? Das Wasser einlassen? Alles muss ich selber machen … Vater hat kein Hirn im Kopf. Eine Woche lang können wir nicht baden und keine Wäsche waschen. So ein Blödsinn!“

Ein regelrechtes Gewitter zieht durch die Wohnräume, als Vater nach Hause kommt.

Den Weihnachtsabend verbringt Maja wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus auf der Infektionsstation und teilt mit sieben Kindern das Zimmer. Bis zum Hals zugedeckt liegt sie im Bett neben dem Fenster, blickt verträumt auf das Schneetreiben im Mondlicht und stellt sich vor, wie schön es gerade zu Hause wäre.

Die ganze Familie sitzt am festlich gedeckten Tisch, in der Luft hängt der Duft nach Weihnachtsgebäck. Alle essen eine Fischsuppe und danach gebackenen Karpfen mit Kartoffel-Gemüsesalat. Der kleine Petr sitzt auf Janas Schoß, kaut andächtig die kleinen Fischhäppchen, die sie sorgfältig von den Gräten befreit und ihm dann in den Mund schiebt.

Tante Hedi und Onkel Alois reisen sicher wieder an, so wie voriges Jahr. Sie bringen für jedes Kind ein Geschenk und für alle einen großen Korb mit duftenden saftigen Äpfeln aus dem eigenen Garten und eine schön dekorierte Nusstorte. Tante Hedi hat keine eigenen Kinder – warum eigentlich? Die Glocke klingelt, das Christkind war da … Vater öffnet die Tür ins Kinderzimmer. Ein wunderschön geschmückter Christbaum ist zu sehen, die Spitze berührt fast die Zimmerdecke der Altbauwohnung. Die Lametta und die farbigen Glaskugeln glitzern im Kerzenlicht. Alle singen gemeinsam Weihnachtslieder … Petrs Augen strahlen sicher am meisten. Schade, dass ich nicht dabei bin.

Der Geruch nach Karbol und Lysol reißt sie aus ihren Gedanken zurück in die Wirklichkeit, in der alles keimfrei ist und keine Besucher erlaubt sind. Am Fensterbrett draußen hört sie einen dumpfen Schlag. Ängstlich zieht sie die Decke über ihr Gesicht. Wer klopft da? Das Zimmer ist im ersten Stock! Das Christkind kommt zu mir … denkt sie.

„Maja, mach auf“, hört sie eine vertraute Stimme.

Vorsichtig schaut sie durch einen Spalt unter der Bettdecke hervor. Hinter dem Fenster lacht Vaters Gesicht sie an. Ganz leise steigt Maja aus dem Bett, schiebt einen Sessel unter das Fenster, öffnet es. Kalte Luft strömt herein.

„Fröhliche Weihnacht von uns allen!“ Vater umarmt sie, küsst sie auf die Stirn, reicht ihr ein Säckchen. „Mach schnell wieder zu, sonst verkühlst du dich“, sagt er und steigt die Leiter hinunter. Durch die Glasscheibe beobachtet sie, wie er die lange Leiter schultert, sich nochmals umdreht und winkt. Dann stapft er durch die verschneite Straße zurück.

Gerade noch rechtzeitig verstaut sie das Geschenk in ihrem Beistelltisch und legt sich ins Bett. Die diensthabende Krankenschwester bekommt nichts mit. Glücklich schläft sie ein.

In der Früh beweist ihr das Säckchen, dass sie die schöne Geschichte nicht geträumt hat. Neugierig schaut sie hinein. Drinnen sind eine Spielzeugschachtel und ein kleines Glas Mandarinenkompott. Wie schön!

Mutti hat an mich gedacht, als sie die Mandarinendose öffnete …

„Aufstehen, Zähne putzen …“, kommt eine Krankenschwester wie ein Wirbelwind herein, zieht die Bettlaken zurecht, eine andere wischt das Bettgestell, die Kästchen und die Stühle mit Desinfektionsmittel ab. Sie staunt nicht schlecht, als sie Majas Schatz entdeckt.

„Wo kommt das her? Das Kompott darfst du auf keinen Fall essen“, sagt sie resolut. Dabei wischt sie weiter, wartet die Antwort nicht ab.

Erst nach dem Frühstück traut sich Maja nochmals hineinzuschauen.

Sie schraubt den Kompottdeckel auf und zieht den Mandarinenduft in die Nase … Du darfst nicht!, hört sie eine Stimme in ihrem Kopf, dreht den Deckel brav zu und stellt das Glas ins Nachtkästchen. In der farbenfrohen Schachtel kommt eine Henne mit einem kleinen Schlüssel zum Aufziehen zum Vorschein. In dem Moment betritt ein Arzt mit zwei Assistenten das Zimmer, geht von Bett zu Bett und macht die Visite. Sie versteckt das Geschenk unter der Decke. Ihre Hände schwitzen.

„Mach deinen Oberkörper frei!“ Sie schiebt das Pyjamaoberteil mit einer Hand hoch. Der Arzt setzt sich auf die Bettkante und hört ihren Brustkorb ab.

„Was versteckst du in deiner Hand?“ Die Röte steigt ihr ins Gesicht.

Verängstigt öffnet sie die Faust.

„Eine Henne! Die ist aber schön. Hast du dazu auch einen Schlüssel?“

„Ich … ich weiß nicht … vielleicht …“ Sie sucht unter dem Bettlaken.

„Doch!“ Zaghaft legt sie den Schlüssel auf seine Handfläche.

„Hab keine Angst, ich will sie dir nicht wegnehmen“, sagt er freundlich, zieht sie auf und stellt sie auf das Nachtkästchen. Die Henne läuft hin und her und pickt nicht vorhandene Körner auf. Maja lacht erleichtert, die anderen Kinder lachen mit.

„Du musst sie oft laufen lassen. Lachen ist die beste Medizin“, sagt der Arzt.

Nach einer Woche darf sie nach Hause gehen. Die Eltern holen sie ab.

In der Tasche entdeckt ihre Mutter das kostbare, mit einer Schimmelschicht überzogene Mandarinenkompott.

„Sag mal … jammerschade. Warum hast du das nicht gegessen?“

„Die Krankenschwester hat es verboten und … die anderen Kinder haben auch kein Kompott bekommen. Für alle war es zu wenig.“

Das Leben im Schulareal ist für Maja und Petr abenteuerlich und spannend. Sie dürfen sich auf dem ganzen Gelände frei bewegen, und wenn die Schule aus ist, fühlen sie sich wie in ihrem eigenen Paradiesgarten.

Die einzelnen Trakte des ehemaligen Klosters wurden nach und nach renoviert, genauso wie die private Wohnung, die jetzt über Zentralheizung, Warmwasserleitung und ganz moderne Neonbeleuchtung verfügt.

Die frische gelbe Fassade und die neuen Fenster mit weißen Rahmen lassen den Komplex in einem freundlichen Licht erstrahlen. Die Verbindungsbrücken aus Holz zwischen den Gebäuden grenzen den Hof und seinen riesigen Innengarten mit den Obstbäumen und einer Allee aus Ahornbäumen mit schattigen Sitzbänken von der Außenwelt ab. Die Wege zwischen den Rasenflächen sind mit Blumenrabatten umrandet.

Eine echte Rarität ist nicht nur die hundertjährige Föhre, sondern auch die uralte Buche. Fünf Kinder müssen sich an den Händen halten und einen Kreis bilden, um den Stamm der Buche umarmen zu können.

Im Erdgeschoß, unter der Wohnung, hat das Sozialamt zwei Mal wöchentlich Amtsstunden. Im Halbkreis hingestellte Stühle unter den breiten Holzstiegen stellen einen provisorischen Warteraum dar. Manchmal sitzen hier Frauen mit zerzaustem Haar in schmutzigen Kleidern.

„Mama, ich habe Hunger“, weinen die Kinder, husten keuchend und verschmieren den Rotz aus der Nase mit dem Handrücken im Gesicht.

Die Männer riechen nach Zigaretten und Alkohol. Maja huscht dann aufgeregt und ängstlich vorbei, die Stiege hinauf.

Einige Male bleibt sie auf der Galerie im ersten Stock sitzen und schaut durch die Holzsprossen hinunter. Sie findet den Anblick abscheulich und gleichzeitig tun ihr die Kinder leid. Ich, Petr und Jana haben Mama und Papa zu Hause … wir sind immer sauber angezogen und haben nie Hunger, denkt sie, von einem Glücksgefühl durchdrungen und stolz bis in die Haarspitzen.

Unter der Woche holt Vater jeden Mittag zwei Menüs aus der Schulküche in einer Etagere nach Hause. Mutti streckt die Suppe, verbessert die Sauce oder ergänzt das Essen mit Salat, Gemüsebeilage oder Kompott. So zaubert sie aus den kleinen Portionen genug für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Jana ist im Internat und kommt nur ab und zu am Wochenende nach Hause.

Samstag ist Badetag. In der Badewanne wird eine duftende Badesalztablette zerbröselt, warmes Wasser eingelassen, Mutter packt ein neues Stück Mimosenseife aus. Zuerst darf Petr mit Maja hinein, für Jana kommt frisches heißes Wasser dazu, wenn sie gerade da ist, dasselbe noch einmal für Mutter, und zuletzt darf Vater das Bad genießen. Die ganze Wohnung duftet. Mit frischgewaschenen Haaren und rosa Wangen gehen alle zu Bett, und bevor sie seelenruhig einschlafen, hören sie eine Radiosendung oder lesen in ihren Büchern.

Sonntag ist ein besonderer Tag. Der Wecker bleibt still, alle schlafen ein bisschen länger. Maja und Petr dürfen bei Mama und Papa unter das Federbett schlüpfen und kuscheln. Nach dem Frühstück holt Vater frisches Obst und Gemüse aus dem Garten und dem Hof, Maja übt Klaviersonaten, Petr spielt Flöte und Gitarre, Mutter strickt in ihrem Fauteuil unter der Stehlampe.

Das Mittagessen bereiten sie miteinander vor, decken den Tisch mit Silberbesteck und schönem Tafelservice auf. Das Huhn im Backrohr hat schon die richtige Farbe, Mutter gießt den Bratensaft darüber. In der ganzen Küche riecht es so gut, dass allen das Wasser im Mund zusammenläuft. Sie schaut die Küchenuhr an, ihr Gesicht wird immer länger.

„Vater hat schon wieder beim Frühschoppen die Zeit vergessen. Ihr müsst ihn holen! Maja, schnell umziehen … nimm die weiße Strumpfhose und das Röckchen, es ist Sonntag“, bestimmt sie, inzwischen steckt sie Petr in einen Matrosenanzug.

„Warte, Maja! Komm noch Mal zurück.“ Schnell bändigt sie seitlich eine Haarsträhne mit dem Gummiring, bindet darüber eine rote Masche.

„Lass den Kleinen nicht allein über die Straße gehen! Fest an der Hand halten und immer rechts und links schauen! Hörst du?“

Hand in Hand gehen sie durch die Stadt. Es ist nicht das erste Mal.

Meistens treffen sie den Vater schon auf dem halben Weg. Heute nicht.

Das Lokal, wo sich die Lumpen treffen, wie der Vater zu sagen pflegt, befindet sich im ersten Stock. Im Stiegenhaus wälzen sich Rauchschwaden, die Gläser klirren im Hintergrund, laute Männerstimmen dringen durch die geschlossene Türe. Wagemutig, Stufe um Stufe steigt Maja hinauf, zieht Petr an der Hand, greift nach der Türklinke. In dem Moment reißt jemand die Tür von innen auf. Erschrocken macht sie einen Schritt zurück, schirmt den Bruder mit ihrem Körper ab.

„Was macht ihr da?“, brummt ein Mann bedrohlich mit tiefer Stimme.

„Wir holen Papa ab“, antwortet sie mutig, zieht Petr näher zu sich, schaut durch den Rauch hinein. „Dort … bei dem Tisch da hinten … ist unser Papa!“

„Zwei Kinder suchen Papa, hahaha“, brüllt er ins Lokal. „Wie heißt er?“

„Lev Kozak.“

„Lev! Kontrolle!“

Vater steht beim Billardtisch mit dem Rücken zur Tür, dreht sich um, schaut überrascht auf die Uhr und dann auf die beiden.

„Ich komme gleich … wartet draußen, bitte!“ Er hört auf zu spielen, zahlt und läuft die Stiege hinunter. „Es tut mir leid!“ Er nimmt Maja rechts, Petr links, und gemeinsam begeben sie sich auf den Weg nach Hause.

Das Essen wird mit Verspätung serviert, die Stimmung ist angespannt.

Mutter schimpft während des Essens ununterbrochen, Vater schweigt.

Nach dem Essen übernimmt er Majas Aufgabe, wäscht und trocknet allein das Geschirr ab und bringt die Küche auf Hochglanz. Damit beruhigt er sein schlechtes Gewissen und belohnt Maja und Petr für den unangenehmen Weg ins Wirtshaus.

Mutter liegt im Bett, Kopf und Hals in einer Stoffwindel eingewickelt, und stöhnt. Ihre Augen und die Nase sind rot angeschwollen. Ab und zu hustet sie krächzend. Der Vater telefoniert, um herauszufinden, welcher Arzt am Sonntag Notdienst hat.

„Meiner Frau geht es ganz schlecht, können Sie bitte jemanden vorbeischicken?“

„Der Arzt kommt verlässlich zu Ihnen, aber es kann mindestens zwei Stunden dauern. Im Moment sind sehr viele Fälle angemeldet“, gibt die Telefonistin bekannt.

„Es ist in Ordnung, wir warten gerne, danke! Kommt Kinder, wir lassen die Mama ruhen und bereiten miteinander etwas Gutes zum Essen.“

Sie kochen und singen dabei, decken den Tisch auf. Jana ist im Studentenheim geblieben. Wegen der Kosten für den Zug kommt sie höchstens einmal im Monat nach Hause. Die Mutter lehnt das Essen ab. Nicht einmal ein paar Löffel Suppe will sie zu sich nehmen.

„Wann kommt endlich der Arzt?“, fragt sie. „Ich halte es nicht mehr aus.“

Dem Vater kommt es auch schon zu lange vor, er ruft noch einmal an, ob und wann er denn wirklich käme. Danach entscheidet er sich, draußen vor der Schule zu warten.

„Maja, Petr! Kommt sofort her!“, ruft die Mutter leidend. „Ich muss mich von euch verabschieden. Ich habe solche Schmerzen, ich bekomme keine Luft … ich werde bald sterben.“

„Du darfst nicht sterben! Der Petr ist noch so klein, der braucht dich“, schluchzt Maja. „Wir haben dich sehr lieb!“ Beide stehen vor dem Bett, halten sich an den Händen und weinen. Es ist ein hilfloses Weinen, ohne jeden Laut.

Vater kommt mit dem Arzt zurück und staunt, was sich da abspielt. Für ihn ist es nicht das erste Mal, dass Mutter so ein Theater veranstaltet, aber Maja und Petr glauben ihr jedes Wort.

Er schüttelt den Kopf und murmelt leise: „Ist das nötig?“

„Eine leichte Verkühlung. Haben Sie Aspirin zu Hause?“, murmelt der Doktor. „Viel Tee trinken und den ganzen Körper warmhalten. Eine Suppe kann auch Wunder bewirken“, sagt er und verabschiedet sich.

Maja läuft sofort in die Küche und holt einen Teller mit frisch gekochter Suppe. Die Mutter löffelt zufrieden, dazwischen hustet sie übertrieben und schnauft laut durch die Nase. Sie, die schwer Kranke, steht im Mittel punkt. Alle kümmern sich um sie und sie genießt in vollen Zügen diese kostbaren Augenblicke der Aufmerksamkeit. Maja denkt: Wenn ich als Mama einmal krank werde, werde ich meine Kinder nie so quälen.

Die Nation ist in Aufbaustimmung. Es gilt der Grundgedanke des Kommunismus: „Alle sind gleich. Alles für alle.“

Der Slogan ruft am Anfang beinahe euphorische Begeisterung hervor.

Die Menschen machen spontan und enthusiastisch mit. Im Lauf der Zeit bleiben allerdings nur mehr die idealistischen Gedanken übrig, die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Jeder nimmt, was er bekommen kann, es gehört eh alles dem Volk. Im Vordergrund steht nur der eigene Vorteil. Neid kommt auf. Sehr bald macht sich die Ansicht breit: „Wer nicht den Staat ausbeutet, schröpft die eigene Familie.“

Für eine Führungsposition ist die passende Ausbildung oder dafür nötige Fähigkeit und Erfahrung ohne Bedeutung. Es genügt, Parteimitglied zu sein. Der einzige positive Effekt ist: „Jeder Mensch darf arbeiten.

Arbeitslosigkeit existiert nicht.“

Am 1. Mai, dem internationalen Tag der Arbeit, haben die Kinder schulfrei, die Erwachsenen einen arbeitsfreien Tag. Die Kinder müssen in Festschuluniformen mit dem Pioniertuch am Hals zusammen mit den Erwachsenen in ihren Sonntagsanzügen begeistert durch die Stadt marschieren und laut und deutlich die vorgeschriebenen Parolen brüllen:

„Es lebe die Kommunistische Partei! Es lebe die Sowjetunion!“

Die Leute verdienen wenig, aber hungern muss niemand. Die Preise für Grundnahrungsmittel werden vom Staat festgelegt; diese sind dann um den Preis für jedermann zugänglich. Zu kaufen gibt es nicht viel, und in den Geschäften gibt es kaum Auswahl. Frauen und Mütter der „unteren Schicht“, obwohl es offiziell keine Klassengesellschaft gibt, stricken oder nähen, die Männer reparieren, basteln und bauen um.

Majas Vater baut in seiner Freizeit im Hinterhof der Schule einen Hühnerstall und einen Stadel für Angorakaninchen auf. Für die Enten und Gänse baut er ein Betonbecken mit Wasser und legt im Vorgarten einige Erdbeer- und Gemüsebeete an. Es steckt viel Arbeit dahinter. Mutter belohnt die Mühe mit Zanken, weil Vater nie zu Hause ist.

Sie selbst strickt viel. Nicht nur für die eigene Familie, sondern auch für fremde Menschen, und wenn die jungen Lehrerinnen und frischgebackenen Mütter in Zeitnot geraten sind, hütet sie ihre Säuglinge. Die Mundpropaganda funktioniert in beiden Fällen ganz gut. Maja muss überall mithelfen. Jana ist zu groß, sie studiert in einer anderen Stadt und kommt selten nach Hause. Petr ist zu klein und außerdem ein Bub.

Der muss nicht.

Mutter macht gerade einen Kontrollrundgang im Hof und schaut, ob alles seine Ordnung hat. Der alte kleinwüchsige Einsiedler mit dem großen Buckel, der einsam im verwahrlosten Zimmer des noch nicht renovierten Traktes gleich neben der Kapelle haust, erscheint unerwartet im Hof.

„Guten Tag, gnädige Frau.“ Er verzieht den schiefen Mund zu einem Lächeln und macht einen Knicks. Maja versteckt sich hinter ihrer Mutter. Er ist für sie furchteinflößend und unheimlich.

„Herr Motejl, ich habe Sie lange nicht gesehen und habe mir schon Sorgen gemacht. Wollen Sie, etwa in einer Stunde, zum Kaffee kommen?

Ich habe frischen Kuchen gebacken.“

Immer wieder lädt sie ihn aus Mitleid ein und nachher schimpft sie, dass er so lange sitzen bleibt, denkt Maja.

„Sehr gerne, gnädige Frau, sehr gerne … Sie backen die besten Kuchen der Welt!“

Beim hausgemachten Nusslikör schwelgt er, wie immer, in der Vergangenheit, in der er als Glöckner hier, im ehemaligen Kloster, gearbeitet hat. Seine Zunge lockert sich und er erzählt immer wieder neue Geschichten aus seinem Leben. Zum Beispiel wie die Priester versuchten, mit erbarmungslosen Methoden die menschlichen Bedürfnisse der Klosterschwestern zu unterdrücken. Diejenigen, bei denen der Versuch, den Teufel aus dem Leib auszutreiben, misslungen war, wurden dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder an einen Sitz angekettet und in den tiefen Brunnen, mitten im Innenhof, versenkt.

„Ehrlich gesagt, ich hätte Ihnen die Gruselgeschichten nicht abgenommen, aber wir haben tatsächlich Skelettreste im Brunnen vorgefunden… das erklärt einiges“, bestätigt Majas Vater nachdenklich.

„Zweifeln Sie daran, was ich Ihnen erzähle?“ Er zieht aus dem Leinensack, den er überall mitschleppt, einen Schlüsselbund heraus. „Kommen Sie mit. Sie dürfen sich mit eigenen Augen überzeugen, wovon ich rede.

Aber schnell, bevor es finster wird.“

Maja, die im Nebenzimmer mit Petr spielen soll, hört wie gebannt zu, das Herz klopft, die Ohren sind ganz heiß. Sie öffnet die angelehnte Tür einen Spalt weit und steckt ihren Kopf hervor. „Vati, darf ich mitkommen?“

„Aber, aber … Du hast zugehört! Darf man lauschen, wenn sich die Erwachsenen unterhalten? Wenn du unbedingt dabei sein willst … es gibt bestimmt nichts Schönes zu sehen.“ Petr bleibt mit Mutter zu Hause.

Gemeinsam betreten sie den halb zerfallenen Trakt. Maja klammert sich fest an Vaters Hand, setzt vorsichtig einen Fuß nach dem anderen auf die abgeschlagenen Stufen. Die Fenster sind großteils ohne Scheiben, in den Wänden sind Löcher, die dicht mit Spinnennetzen überzogen sind.

Überall liegt Schutt und Dreck. Unter dem Dach sperrt Herr Motejl eine schwere eiserne Tür zum geräumigen dunklen Dachboden auf.

Durch ein kleines Loch im Dach fällt der Lichtkegel eines Sonnenstrahls und lockert die düster geheimnisvolle Atmosphäre etwas auf. In der Mitte des Raumes steht ein großes Rad, das auf den ersten Blick an das Wasserrad bei der alten Mühle erinnert, daneben liegen einige Finger- und Zehenschrauben, unzählige Fesseln, Ketten, eine Feuerstelle mit Zangen, daneben halb zerfallene Wassereimer aus Holz.

„Vati, was ist das da?“ Maja hält respektvollen Abstand, traut sich nicht, die verrosteten und verstaubten Geräte zu berühren. Herr Motejl, bis jetzt nachdenklich im Hintergrund, kommt zu Hilfe, erklärt alles.

„Schauen Sie, hier auf dem Hocker mit den eisernen Stiften auf der Sitzfläche haben die Priester die nackte Frau mit gespreizten Beinen angekettet und ihr dann mit den glühenden Zangen Brandmale verpasst.

So haben sie sich aufgegeilt. Wenn die Frau vor Schmerzen ohnmächtig wurde, musste ich kaltes Wasser über sie gießen … Feuer und Wasser, das war meine Aufgabe.“

Die Erzählung bringt Maja zum Staunen und erweckt eine Welt der geheimen Fantasien. Das Blut pocht in den Schläfen, ihre Hände schwitzen.

„Hier haben sich schreckliche Sachen abgespielt! Die kleinen Gucklöcher wurden mit Strohsäcken zugestopft, damit die Schreie der Frauen nicht nach außen dringen konnten.“ Tränen brennen hinter seinen Lidern. Es kostet ihn viel Kraft, sie zurückzuhalten. „Ich war nur ein kleiner Bediensteter. Ich konnte nichts dagegen tun.“

Ein paar Minuten lang sagt niemand ein Wort. Dann zieht er aus seiner Hosentasche eine Mundharmonika heraus und spielt eine traurige Melodie, dazwischen singt er mit hoher Stimme:

„Warum durfte ich niemals Glück erleben? Warum hatte mich niemand lieb? Warum musste ich allein sein? …“

„Seien Sie nicht traurig, Herr Motejl. Die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern. Kommen Sie, trinken wir noch ein Glas Wein miteinander bei uns zu Hause“, unterbricht Vater die traurige Vorführung.

Im Winter stirbt Herr Motejl. Den letzten Trakt des ehemaligen Klosters gibt der Statiker nicht zur Renovierung frei. Bevor das Haus abgerissen wird, setzt sich Majas Vater dafür ein, dass die Foltergeräte dem Museum in der Wasserfestung übereignet werden, wo gerade die Vorbereitungen zu einer Ausstellung mit dem Titel „Hexenjagd in Jesenik“ auf Hochtouren laufen.

1962

Im Sitzungsprogramm der Kommunistischen Partei der Schule kommt es zum Tagesordnungspunkt „Anonyme Anzeige“.

Punkt 1: Ein Bürger beschuldigt die parteilose Lehrerin T. H., dass sie die Schülerin Alena K., die Tochter einer Lehrerin und eines Beamten, gegenüber Maria K., der Tochter einer Putzfrau und eines Schulwarts, die sie ausnahmslos mit Einsern beurteilt, klar erkennbar benachteiligt.

Punkt 2: Der Schulwart, genauso wie seine Frau, sind in der römischkatholischen Glaubensgemeinschaft registriert und keine Parteimitglieder. Die älteste Tochter Jana studiert am Pädagogischen Institut. Wie kann sie zukünftig, unter diesem Einfluss, die Kinder in kommunistischen Gedanken und Idealen erziehen?

Die Lehrerin schreitet durch die Klasse und diktiert. Sie bleibt bei einem Schüler stehen und schlägt mit dem Holzlineal auf seine Finger.

„Was habe ich dir schon hundert Mal gesagt?“, schreit sie und schlägt nochmals zu. Er nimmt die Füllfeder in die rechte Hand, zittert am ganzen Körper. Seine Hose wird immer dunkler, von dem Stuhl tropft Urin auf den Parkettboden. „Alle müssen mit der rechten Hand schreiben.

Alle müssen gehorsam sein.“

„Und du?“ Sie geht nochmals zurück. „Glaubst du, ich sehe dich nicht?

Die Rechte ist die andere Linke … steh auf, sofort ins Eck marschieren!“

Der Sohn des Apothekers am Hauptplatz, ein dünner, stets kränkelnder Bub, bekommt einen schmalen, mit Erbsen aufgefüllten Baumwollsack unter die Knie, auf dem er neben der Schultafel und unter den Augen der Mitschüler bis zur Pause ausharren muss.

„Den Rücken aufrecht halten!“ Sie schlägt ihn auf die Schulterblätter.

Lautlos kullern die Tränen über die blasse Wange und ebenso lautlos wächst die dunkle Zeichnung auf seiner Hose. Eine größere Erniedrigung gibt es nicht.

Die Lehrerin ist heute so böse zu ihm. Wenn wir, die Klassenbesten, einmal im Monat am Sonntagvormittag bei ihr zu Hause eine Märchensendung im Fernsehen anschauen dürfen, ist sie ganz anders … Ich war immer dabei – er noch nie … In der ersten Reihe sitzend leidet Maja mit dem Bub mehr als alle anderen, und wenn die Lehrerin mit den Schülern ganz hinten beschäftigt ist, steckt sie dem Bub heimlich ein Schokoladenstück in den Mund.

Nach dem Diktat sammelt die Lehrerin die beschriebenen Zettel ein.

Alle Schüler sitzen artig mit hinter dem Rücken überkreuzten Händen, keiner traut sich, eine Bewegung zu machen. Endlich läutet die Schulglocke zum Ende des Unterrichts.

„Maja, du bleibst noch hier! Alle anderen dürfen nach Hause gehen.“

Warum ich? Ich schreibe immer mit der rechten Hand … oder hat sie mich doch mit der Schokolade gesehen?, denkt sie und bleibt brav auf ihrem Platz sitzen.

„Komm zu mir! Du bekommst deine Hefte zurück.“ Erleichtert springt sie auf.

„Danke, Frau Lehrerin … Entschuldigung: Genossin Lehrerin.“ Maja sammelt ihre Schulhefte ein und steckt sie schnell in die Schultasche.

„Ist schon gut, Maja, ist schon gut so. Jetzt kann das niemand hören.“

Mit der Ansprache „Genossin“ hat sie selbst noch ein Problem. Lange Jahre ihrer Tätigkeit war sie die „Frau Lehrerin“. Jetzt, kurz vor ihrer Pensionierung, muss sie sich an diesen Titel gewöhnen, obwohl sie kein Parteimitglied ist. Aber was soll’s? Vorschrift ist Vorschrift.

„Der Schulinspektor hat alle deine Hefte geprüft. Dein schriftlicher Test ist ausgezeichnet, genauso wie deine Antworten auf seine Fragen. Für eine elfjährige Schülerin unerwartet gut. Du bist ein kluges Mädchen.“

„Ich werde immer gute Noten haben, Fr… Genossin Lehrerin. Ich muss ja gar nichts lernen. Nur gut zuhören, was Sie sagen, und dann weiß ich schon alles. Zu Hause schreibe ich schnell die Hausaufgaben und dann habe ich Freizeit … Na ja, meiner Mutti muss ich in der Schule putzen helfen. Und ich stricke Babysachen. Damit verdiene ich ein bisschen Geld, aber das darf niemand wissen. Meinem jüngeren Bruder muss ich helfen, wenn er seine Schulaufgaben schreibt. Mami hat keine Zeit und meine Schwester wohnt im Studentenheim. Sie studiert Pädagogik.

Am Montag ist Pioniertreff, am Dienstag habe ich Klavierunterricht.

Aber üben muss ich jeden Tag, sonst wird nichts daraus. Jeden Mittwoch ist Sportgymnastik. Das weiß aber nur mein Vater, weil Mutti meint:

‚Die Turnerinnen haben so schmale Hüften, die können schwer Kinder bekommen.‘ Sie will nicht, dass ich turnen gehe … Eigentlich mag ich nicht lügen, aber anders geht es ja nicht. Und noch etwas sagt sie immer:

‚Kinder, wir sind nicht reich, aber sauber und ehrlich.‘ Und das ist sehr wichtig, glaube ich.“

Die Genossin Lehrerin, eine erfahrene, sehr strenge, aber immer korrekte Pädagogin, steht wie gebannt unter den zwei eingerahmten Porträts, die in keiner sozialistischen Schulklasse fehlen dürfen – die Portraits des russischen Anführers und Revolutionärs Vladimir Iljic Lenin und des ersten kommunistischen Präsidenten Antonin Novotny –, in einem wadenlangen grauen Rock, die Bluse bis zum Kinn zugeknöpft, die schmalen Lippen zusammengepresst und die dauergewellten Haare fest nach hinten gekämmt. Sie hält Ihre Hände am runden Bauch übereinandergelegt, als ob sie sich schützen will vor dem Wortschwall, der ihr entgegenkommt. So redselig hat sie Maja noch nie erlebt.

Auf einmal streicht sie Maja über die Haare. „Richte deiner Mutter aus, sie soll mich in den nächsten Tagen besuchen. Ich muss mit ihr etwas besprechen. Und jetzt ab nach Hause.“

Die Klassentür fällt hinter Maja zu. An die Tür angelehnt bleibt sie mit heftig klopfendem Herzen stehen. Warum hat mich der Schulinspektor geprüft? Und warum muss die Mutter zur Besprechung kommen? Was habe ich falsch gemacht? Viel zu viel erzählt … Mutti wird wieder wütend. Was nimmt sie diesmal in die Hand? Den großen Kochlöffel? Den Teppichklopfer?

Den Riemen? In der Wut ist es ihr egal, womit sie zuschlägt … Vati hat mich noch nie geschlagen. Mit ihm kann ich reden, basteln und viel lachen … Na ja, manchmal wenn er ein, zwei Gläser Wein getrunken hat, kniet er sich nieder und singt für Mutti eine Operettenarie. „Dein ist mein ganzes Herz …“ Mutti muss lachen und kann nicht mehr böse sein. Ab und zu trinkt er „einen über den Durst“. Es ist zwar nicht schön, aber er ist nie grob oder böse. Wenn er betrunken nach Hause kommt, schleicht er sich unauffällig in die Küche, legt sich auf seine Couch und schläft sofort ein … irgendwie hilflos. Wenn ich einmal ein Kind bekomme, werde ich es nie schlagen. Nie!

Mutter kommt von der Besprechung mit der Genossin Lehrerin nach Hause. Sie schimpft nicht, schreit auch nicht. Gedankenverloren steht sie da, mit am Fensterrahmen angelehntem Kopf, die Unterlippe vorgezogen, ihre stahlgrauen Augen starren hinaus, die Mundwinkel zeigen nach unten.

Ganz leise, nur für sich selbst, murmelt sie: „So also“. Die zwei Worte benutzt sie immer, wenn sie völlig überfordert ist oder eine Situation unerträglich findet. Etwas stimmt nicht. Das spürt Maja sofort.

Vater kommt nach Hause mit einem kleinen Blumenstrauß. Draußen liegen zwar noch die Schneehaufen, doch die ganze Wohnung duftet sofort nach Veilchen. Vater vergisst nie, diese Frühlingsboten vom Marktstand am Rathausplatz mitzubringen.

Mutter schnuppert an dem Sträußchen, füllt regungslos die kleinste Kristallvase mit kaltem Wasser und stellt sie auf den Esstisch. Es ist eine Gewohnheit, die sie nicht mehr schätzt. Danach führen die beiden eine leise eindringliche Diskussion in der Küche.

Seit diesem Tag besucht die Familie nicht mehr wie früher die Sonntagsmesse in der Kirche. Auch nicht am Heiligen Abend. Wenn sie vor dem Essen oder am Abend vor dem Schlafengehen beten, zieht die Mutter die Vorhänge zu, damit es niemand sehen kann.

1963

Wfetzen in die Hand und muss in allen Klassen die Schulbänke innen und außen abwischen. Danach hat er frei. Maja muss dagegen in jedem ie jeden Samstag nach dem Unterricht hilft Maja mit Petr der Mama beim Putzen in der Schule. Petr bekommt einen Staub-Stockwerk die Sanitäranlagen reinigen und danach vom Dachgeschoß im vierten Stock bis ganz hinunter die raue Betonstiege nass machen, mit einer Handbürste sauber bürsten und danach trocken wischen.

Zur Ablenkung trällert sie bei der Arbeit leise. Sie singt gerne, aber nicht besonders gut. „Schau, auf der oberen Stufe steht noch Wasser … und das Eck hier … siehst du das nicht? Voll mit Dreck … Du bist faul wie ein Kleiderbügel. Wo man ihn aufhängt, dort findet man ihn wieder.

Genauso wie dich!“

Egal was oder wie ich es tu, es ist nie genug. Ich bin für das Wohl meines Bruders verantwortlich, ich muss als Blitzableiter deiner Launen geradestehen … Was soll ich noch schaffen? Mich beschimpfst du, und selbst kannst du nicht einmal richtig Tschechisch sprechen. Kannst du das nicht lernen?, ärgert sich Maja, sagt aber nichts. Sie will endlich raus. Unten im Erdgeschoß räumt sie alle Utensilien weg und geht. Ohne etwas zu sagen.

Zu Hause spielt sie mit Petr Canasta. Er versucht zu schwindeln, sie ertappt ihn dabei und danach verliert er – ein schlechter Verlierer – die erste Runde. Blindwütig schmeißt er die Karten in die Luft. In dem Augenblick steht Mutti in der Tür.

„Hast du nichts Besseres im Kopf als Karten zu spielen?“ Sie holt mit der Hand aus, Maja bückt sich. „Du bist die Ältere! Du sollst auf ihn aufpassen und nicht ihn zur Blödheit verleiten!“ Sie sammelt die Karten ein, wirft sie in den Ofen und zündet sie an. Maja läuft zornig aus der Wohnung.

„Maaaja, essen“, ruft Mama mit besorgter und mittlerweile auch reuiger Stimme zum x-ten Mal aus dem Fenster.

Du kannst rufen, sooft du willst. Heute bleibe ich hier. Du sollst spüren, wie das ist, wenn ich nicht mehr da bin …Sie hört Mamas Stimme sehr gut.

Sie kann auch das Fenster sehen, wenn sie will … Aber sie will nicht.

Sie ist beleidigt. Ganz oben in der dichten Baumkrone fühlt sie sich geschützt. Nicht einmal Petr weiß, wo sie sich versteckt hat.

Obwohl … es ist schon sehr kalt geworden hier oben. Und finster …

1965

Es läutet. Majas Vater eilt hinaus. Man hört Stimmen. Dann kommt er zurück. „Maja, ein junger Mann will dich sprechen!“

Maja steht nur widerwillig von ihrem Schreibtisch auf. Ein Referat über

„Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas nimmt sie voll in Bann. Sie muss es heute fertigschreiben. Die unglückliche Liebe hat ihr Gemüt erregt, sie am Ende sogar bis zum Weinkrampf berührt. Das ist ihr noch nie passiert.

Was, mich? Ein junger Mann? Den will ich sehen!, denkt sie sich. Alle Freundinnen haben schon Erfahrungen mit Jungen. Sagen sie zumindest.

Nur ich bin für die Burschen uninteressant, oder unsichtbar … Vor der Eingangstür bleibt sie wie vom Blitz getroffen stehen, ihre Knie sind weich, die Röte steigt bis zum Haaransatz und droht die Haarwurzeln zu verbrennen. In der Tür steht Joe!

Wow, wie schön er geworden ist. Und so erwachsen sieht er aus … Sie blickt in seine warmen dunkelbraunen Augen, sieht das von leicht gewellten Haaren umrahmte Gesicht an. Seine vollen Lippen sprechen Worte aus, die Maja gar nicht wahrnimmt. Er strahlt, lächelt freundlich, sein Grübchen am Kinn tanzt vor Majas Augen.

„Ich will dich gerne einladen“, schnappt sie zwischendurch auf. Woher weiß er, dass ich ihn liebe? Ich habe ihm meine Gefühle nie gezeigt. Die letzten drei Jahre haben wir uns aus den Augen verloren. Seit er das Gymnasium besucht und ich noch die Hauptschule …Sie steht vor ihm und bringt kein Wort heraus. „… zur Hochzeit übermorgen. Darf ich mit dir rechnen? Es wird sicher lustig! Nur Jugendliche sind eingeladen“, redet er weiter.

„Was? Hochzeit? Wer heiratet?“ Maja verschluckt sich, ihre Stimme versagt.

„Ich“, sagt er, und sein Gesicht strahlt wie eine 100-Watt-Glühbirne.

„Nnnnein, ich kann nicht, ich … ich bin … schon eingeladen“, stottert Maja und schlägt die Türe zu. Tränen rinnen über ihr Gesicht. Sie sperrt sich in ihrem Zimmer ein und will nichts essen, nichts trinken.

Ein Blick in den Spiegel am nächsten Tag bestätigt ihr, was sie schon immer wusste. Joe und ich? Niemals! Er ist viel zu schön neben mir … Als Kinder haben wir gemeinsam Ball, Badminton und Verstecken gespielt, mit Petr zur Gitarre Duette gesungen. Petr war immer dabei. Aus dem Ferienlager schrieb er mir lange Briefe. Meine Hände zitterten und das Herz klopfte wie verrückt, wenn ich sie öffnete und las … Ihr Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse, die Augen sind vom Weinen rot und zugeschwollen.

„Stell dir vor! Ich habe in der Stadt unsere frühere Nachbarin getroffen.

Sie ist nervlich ganz fertig.“ Majas Mutter kommt vom Einkaufen zurück und teilt Vater die gerade erfahrenen Neuigkeiten mit. „Ihr ältester Sohn feiert heute den 18. Geburtstag und heiratet eine um fünf Jahre ältere Frau. Die Eltern wollten ihm das ausreden, aber er ist von zu Hause ausgezogen und wohnt bei der Frau, die in einer Fabrik am Fließband arbeitet. Schlussendlich sind die Eltern gar nicht zur Hochzeit eingeladen.“

„Wahrscheinlich ist sie seine erste Erfahrung. Sie hat ihn zwischen ihre Schenkel genommen und er vergaß, wie er heißt. Das kann passieren in dem Alter … Ist das nicht zufällig der Junge, der gestern Maja besucht hat? Nein. Der kann es nicht sein. Der wirkte viel reifer.“

„Er war da? Dass wusste ich nicht … Jetzt verstehe ich, was mit Maja los ist. Sie ist bald fünfzehn, da kann sie schon verliebt sein. Ich habe nicht geahnt, dass er ihr so viel bedeutet … Er war immer ein höflicher und liebenswerter Bub, der mit ihr und Petr im Garten gespielt hat, kannst du dich erinnern? Jetzt hat er das Gymnasium vor der Matura abgebrochen. Na ja, die Kinder …“ Zwischen die Schenkel genommen … Was meint Vati damit? Joe ist für mich unerreichbar. Der Traum ist endgültig ausgeträumt … Ich habe ihm nie gezeigt, wie wichtig er für mich ist und was ich für ihn empfinde … Er hat andere Erfahrungen, andere Gefühle, andere Gedanken. Kann ich je glücklich sein, wenn er verheiratet ist? Maja grübelt, staunt und leidet. Im Mund spürt sie noch immer den salzigen Geschmack von in der Nacht vergossenen Tränen. Was bleibt, ist ein tiefer Riss mitten im Herzen.

1966

„Heute hatten wir in der Schule einen Vortrag über Weiterbildungs-möglichkeiten. Ich will Flugbegleiterin werden. Ich will in die weite Welt fliegen, fremde Länder kennenlernen …“, erzählt Maja ganz aufgeregt ihrer Mutter.

Diese packt sie wortlos an der Hand, zieht sie ins Schlafzimmer und stellt sich mit ihr vor einen großen Spiegel. „Eine Flugbegleiterin muss hübsch und klug sein. Muss schöne Zähne haben und gerade lange Beine wie ein Reh.“

Maja betrachtet skeptisch ihr eigenes Spiegelbild. Von einer Schönheit kann wirklich keine Rede sein. Die Zähne sind schief, die dünnen Beinchen mit zu großen Kniegelenken geschmückt. „Aber klug bin ich doch …“, flüstert sie und die Freude schwindet mit jeder Silbe.

„Das ist zu wenig“, erwidert die Mutter resolut. „Du meldest dich gleich morgen für eine Lehre als Schneiderin an. Stricken kannst du schon, dort lernst du nähen, und dadurch bleibst du finanziell unabhängig.“

Eine Vorladung zum Schuldirektor folgt unmittelbar nach der Anmeldung.

„Maja ist die beste Schülerin in ihrem Jahrgang. Ein ausgesprochener Studiertyp. Sie darf aus dem komplexen Schulverzeichnis wählen, welche Ausbildung sie belegen will. Alles andere wäre kontraproduktiv.“ Der Direktor versucht überzeugend einzuwirken.

Wieder zu Hause legt Mutti den Schulkatalog in Majas Hände und kommt sofort mit einigen Bedingungen und Einschränkungen: „Die Ausbildung als Flugbegleiterin in Prag ist zu teuer und nach dem Gymnasium in Jesenik bist du gar nichts! Danach musst du noch weiter studieren … die Mittelschule darf nicht zu weit sein …!“

Maja vertieft sich in den Schulkatalog. Nach sorgfältigem Auswahlverfahren bleiben zwei Mittelschulen mit Internat und hauptsächlich mit einem Auslandspraktikum im Umkreis von 100 Kilometern übrig.

Je weiter weg, desto lieber, denkt sie. Der Wurf einer Münze entscheidet und Maja bewirbt sich an der „Knödelfakultät“, wie man die Hotelfachschule im Volksmund nennt.

Über tausend Bewerber wurden registriert, nur 120 Studenten werden aufgenommen. Darunter Maja. Mutter ist zufrieden. „Wenigstens lernst du dort kochen, servieren und wie man sich in einer vornehmen Gesellschaft anstellen soll. Es ist nicht gut, immer das letzte Wort zu haben, auch wenn du denkst, dass du im Recht bist. Ein wenig Diplomatie ist alles, verstehst du? Aber warte ab! Einmal wirst du selbst Kinder haben.

Dann bekommst du alles zurück.“

1967

Die Hauptschule ist beendet. Maja freut sich, die Ferien noch ein Mal mit ihren Eltern und Bruder Petr bei Mutters Schwester, Tante Hedi, am Land zu verbringen. Ihr Haus ist klein und eine ewige Baustelle, aber der riesengroße Garten stellt alles in den Schatten. Der Onkel ist ein begeisterter Gärtner und züchtet die verschiedensten Kern-, Steinobst- und Beerensorten. Der Aufenthalt ist immer mit viel Schweiß und Fleiß verbunden, aber trotzdem wunderschön. Die Fahrten mit dem Pferdegespann auf dem Heuwagen, die Arbeit auf dem Kartoffelacker oder im Kornfeld will Maja nicht missen. Es ist ein lauer Sommerabend. Die persönlichen Sachen sind schon gepackt, morgen fährt die Familie auf Urlaub zu Tante Hedi. Nur Jana bleibt, so wie die letzten beiden Jahre schon, zu Hause. Sie genießt die Freiheit, wenn die zwei jüngeren Geschwister weg sind. Es läutet oben an der Wohnungstür.

„Schon wieder hat jemand unten das Tor nicht zugemacht“, ärgert sich der Vater, der die Verantwortung dafür trägt, dass sich am Abend kein Fremder im Schulareal befindet.

Maja macht auf. Vor ihr steht ein Junge, den sie im ersten Moment nicht zuordnen kann. Erst als er sagt, dass er sie zu einem Sommerfest einladen will, wird es ihr klar: Er macht wie sie Gymnastik im Sportverein.

„Schade“, sagt Maja enttäuscht, „Ich hätte gerne mitgemacht, aber wir fahren morgen Früh fort.“

Nachdem sie vor der Eingangstür noch ein paar Floskeln ausgetauscht haben, verabschieden sich beide wieder.

„Vati, ich schließe unten zu“, ruft Maja und begleitet den Besucher die Stiegen hinunter und durch den dunklen Gang zum großen schweren Doppelflügeltor.

Plötzlich drückt er sie an die Wand, seine Hände fummeln an ihrem Körper herum, er küsst sie und steckt ihr seine Zunge tief in den Mund.

Sie wehrt sich heftig, will schreien, aber er drückt ihr seine Hand ins Gesicht. In ihrer Verzweiflung greift sie nach einer Eisenstange, die an der Wand hängt, und schlägt sie ihm mit voller Kraft über den Kopf.

Sein Druck gibt nach, er taumelt auf die Außenstiege. Maja schiebt das Tor zu und verriegelt es von innen mit der Eisenstange. Ihr ganzer Körper vibriert. Der erste Kuss auf den Mund in ihrem Leben. Pfui! Und die fremde Zunge im Mund … eklig, grauslich. Warum tun das die Menschen?

Und warum spüre ich nur Angst? … Im Kino schaut es so angenehm aus, aber so … Nein, das muss ich nicht wiederholen.

„Ein Kind küsst man nur auf die Stirn oder auf die Wangen!“, sagt Mutter stets. Sie läuft hektisch die Stiegen hinauf, wäscht sich beim Bassin auf der Veranda das Gesicht ab, spült den Mund aus. Dann schleicht sie sich leise in ihr Zimmer. Sie hat keine Schuldgefühle. Nur große Angst, dass sie den Jungen vielleicht verletzt hat. Eigentlich, wie wäre es, wenn Joe sie geküsst hätte? … Wäre es auch so grauslich?

In der Nacht des 21. August 1968 marschieren die Truppen des Warschauer Paktes, als Antwort auf den „Prager Frühling“, in die Tschechoslowakei ein. In Jesenik, in dem zwischen den Bergen eingebetteten Kurort, bekommt man von der Dramatik der Geschehnisse in den ersten Tagen gar nichts mit. Die Fernsehberichte aus Prag und Brünn wirken irreal und weit weit weg. Maja macht das Ferienpraktikum im „Kolonnade Café“ direkt im Kurort Jesenik. Das Leben geht weiter. Der Traum, die Sommerferien am Meer zu verbringen und nebenbei auch noch Geld zu verdienen, ist über Nacht endgültig vorbei. Das Ferienpraktikum in Bulgarien und Jugoslawien wurde gestrichen.

Strickmode ist voll im Trend, die Textilgeschäfte bieten nach wie vor nichts anderes zur Auswahl. Maja ist kreativ. Sie entwirft gestrickte Kleider, Mäntel, Hosenanzüge und Babykleidung. An den Wochenenden fertigt sie die glatten Teile mit der Strickmaschine an, die sie dann im Internat oder während des Schulunterrichts mit handgestrickten Mustern verziert und komplettiert. Damit verdient sie genug Geld, um sich jedes Jahr ein Theater- und Opern-Abonnement im Stadttheater leisten zu können. Ihr ausgeprägtes audiovisuelles Gedächtnis erlaubt ihr, dass sie nur aufmerksam zuhören und eventuell den Lernstoff zu Hause noch einmal halb laut durchlesen muss. Als Klassenbeste genießt sie eine gewisse „Narrenfreiheit“ bei den vortragenden Professoren.

„Sie dürfen stricken. Sie bekommen dabei mehr mit als manch andere ohne zu stricken! Aber wenn es an der Tür klopft, bitte alles rasch verstecken. Wir wollen doch keine Probleme haben, nicht wahr?“ Der Geografie-Professor ist für seine unkomplizierte, herzliche, direkte Art bei allen Studierenden beliebt.

Einmal steht Maja vor der Tafel und beantwortet, wie immer, gewissenhaft alle Fragen. Er schaut sie an und spricht laut aus, was ihre mit sich selbst unzufriedene Seele schon lange beschäftigt: „Eigentlich sind Sie ein hübsches Mädchen. Warum lassen Sie sich nicht die vorderen Zähne richten?“